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Full text of "Soziologie. Untersuchungen über die formen der vergesellschaftung"

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Soziologie. 



Vom Verfasser erschienen im gleichen Ve läge: 

Philosophie des Geldes. Zweite, vermehrte Auflage. 1907. Preis : 
Geheftet 13 Mark, gebunden 15 Mark 40 Pf. 

Kant. Sechzehn Vorlesungen, gehalten an der Berliner Universität. 
Zweiter, unveränderter Abdruck. 1905. Preis: Geheftet 3 Mark, 
gebunden 3 Mark 80 Pf. 

Schopenhauer und Nietzsche. Ein Vortragszyklus. 1907. Preis: 
Geheftet 4 Mark 20 Pf., gebunden 5 Mark 20 Pf. 

Die Probleme der Geschichtsphilosophie. Eine erkenntnis- 
theoretische Studie. Dritte, erweiterte Auflage. 1907. Preis: Ge- 
heftet 3 Mark 20 Pf. 

Über sozialeDifferenzierung. Soziologische und psychologische 
Untersuchungen. Zweiter anastatischer Neudruck vom Jahre 1905. 
Preis: Geheftet 3 Mark 60 Pf. 



Soziologie. 



Untersuehungen 

über die 

Formen der Vergesellschaftung. 



Von 



Georg Simmel. 

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Leipzig, 

Verlag von Duncker & Humblot. 

1908. 



Alle Rechte, auch das der Übersetzung-, vorbehalten. 



62890g 



Altenburg 

Pierersche Hof buchdruckerei 

Stephan Geibel & Co. 



Vorwort. 



Wenn eine Forschung gemäfs den legitimierten Erkenntniszwecken 
und Methoden einer bestehenden Wissenschaft verläuft, so bestimmt 
ihr dieser Zusammenhang von sich aus ihre Stelle; die Einführung 
in sie braucht das Recht auf eine solche nicht erst zu begründen, 
sondern nur das von vornherein begründete in Anspruch zu nehmen. 
Entbehrt eine Untersuchung indes derartiger Anknüpfungen, welche 
mindestens das Recht ihrer Fragestellung indiskutabel machen ; findet 
die Linie, die sie durch die Erscheinungen legt, ihre Formel in keinem 
Bezirk anerkannter Untersuchungen vorgezeichnet — dann ist ersicht- 
lich ihre Ortsbestimmung im System der Wissenschaften, die Er- 
örterung ihrer Methoden und ihrer möglichen Fruchtbarkeiten eine 
neue und selbständige Aufgabe. Sie fordert ihre Lösung, statt in 
einem Vorwort, als den ersten Teil der Untersuchung selbst. 

In dieser Lage befindet sich der hier unternommene Versuch, 
dem schwankenden Begriffe der Soziologie einen eindeutigen, von 
einem methodisch sicheren Problemgedanken beherrschten Inhalt zu 
geben. Die Forderung an den Leser, diese eine Fragestellung, wie 
das erste Kapitel sie entwickelt, ununterbrochen festzuhalten, — da 
sonst diese Seiten als eine Anhäufung zusammenhangsloser Tatsachen 
und Reflexionen erscheinen könnten, — ist das einzige, was dem 
Buche vorangestellt werden muls. 



Kapitelverzeichnis 'l 



Seite 

I. Das Problem der Soziologie 1—46 

Exkurs über das Problem: wie ist Gesellschaft möglich? 
S. 27—45. 

IL Die quantitative Bestimmtheit der Gruppe 47 — 133 

III. Über- und Unterordnung 134—246 

Exkurs über die Überstimtnting. S. 186 — 197. 

IV. Der Streit 247-336 

V. Das Geheimnis und die geheime Gesellschaft 337 — 402 

Exkurs über den Schmuck. S. 365—372. 

Exkurs über den schriftlichen Verkehr. S. 379—382. 

VI. Die Kreuzung sozialer Kreise 403 — 453 

VII. Der Arme 454-493 

Exkurs über die Negativität kollektiver Verhaltungsweisen. 
S. 473-478. 

VIII. Die Selbsterhaltung der Gruppe 494—613 

Exkurs über das Erbatnt. S. 514—524. 
Exkurs über Sozialpsychologie. S. 556 — 563. 
Exkurs über Treue und Dankbarkeit. S. 581 — 595'. 
IX. Der Raum und die räumlichen Ordnungen der Gesellschaft 614 — 708 
Exkurs über die soziale Begrenzung. S. 624 — 628. 
Exkurs über die Soziologie der Sinne. S. 646 — 665. 
Exkurs über den Fremden. S. 685 — 691. 
X. Die Erweiterung der Gruppe und die Ausbildung der Indi- 
vidualität 709—775 

Exkurs über den Adel. S. 732—746.' 

Exkurs über die Analogie der individualpsychologischen und 
der soziologischen Verhältnisse. S. 763 — 767. 



*) Jedes dieser Kapitel enthält vielerlei Erörterungen, die in mehr oder weniger 
weitem Abstand sein Titelproblem umgeben und, aufser der Beziehung zu diesem, 
relativ selbständige Beiträge zu dem Problem des Ganzen bilden. Die End- 
absicht und methodische Struktur dieser Untersuchungen forderte ebenso ihre Auf- 
teilung unter wenige Zentralbegriffe, wie eine grofse LatitUde der unter diesen 
abgehandelten Einzelfragen. Nur sehr unvollkommen decken deshalb die Kapitel- 
überschriften den Inhalt, den vielmehr erst das Materienverzeichnis am Schlufs des 
Bandes angibt. 



Berichtigung-. 



Seite 26, Zeile 15 v. ii. statt: die, nicht wie 
lies: [die nicht, wie. 



Erstes Kapitel. 
Das Problem der Soziologie. 



Wenn es richtig ist, dafs das menschliche Erkennen sich aus 
praktischen Notwendigkeiten entwickelt hat, weil das Wissen des 
Wahren eine Waffe im Kampf ums Dasein ist, sowohl gegenüber 
dem aufsermenschlichen Sein wie in der Konkurrenz der Menschen 
untereinander — so ist es doch an diese Herkimft längst nicht mehr 
gebunden, und ist aus einem blofsen Mittel für die Zwecke des Handelns 
selbst zu einem endgültigen Zwecke geworden. Dennoch hat das Er- 
kennen, sogar in der selbstherrlichen Form der Wissenschaft, die Be- 
ziehungen zu den Interessen der Praxis nicht überall abgebrochen, 
wenn sie auch jetzt nicht als blofse Erfolge der letzteren auftreten, 
sondern als Wechselwirkungen zweier , zu selbständigen Rechten be- 
stehenden Reiche. Denn das wissenschaftliche Erkennen bietet sich 
nicht nur, in der Technik, der Verwirklichung äufserer Willensziele 
dar, sondern auch, von der andern Seite her, setzt sich an die prak- 
tischen Zuständlichkeiten, innere wie äufsere, das Bedürfnis theoretischer 
Einsicht an; manchmal tauchen neue Richtungen des Denkens auf, 
mit deren rein abstraktem Charakter dennoch nur die Interessen eines 
neuen Fühlens und Wollens sich' in die Fragestellungen und Formen 
der Intellektualität hineinstrecken. So sind die Ansprüche, die die 
Wissenschaft der Soziologie zu erheben pflegt, die theoretische Fort- 
setzung und Abspiegelung der praktischen Macht, die im neimzehnten 
Jahrhundert die Massen gegenüber den Interessen des Individuums er-, 
langt haben. Dafs aber das Bedeutungsgefühl und die Aufmerksam- 
keit, die die unteren Stände den höheren abzwangen, gerade von dem 
Begriff der »Gesellschaft« getragen ist, liegt daran, dafs vermöge der 
sozialen Distanz die ersteren den letzteren nicht nach ihren Individuen, 

Simmel, Soziologie. 1 



sondern nur als einheitliche Masse erscheinen und dafs eben diese 
Distanz beide in keiner andern prinzipiellen Hinsicht verbunden sein 
läfst, als dafs sie zusammen »eine Gesellschaft« bilden. Indem die 
Klassen, deren Wirksamkeit nicht in der wahrnehmbaren Bedeutung 
der Einzelnen, sondern in ihrem »Gesellschaft «-Sein liegt, das theore- 
tische Bewufstsein — in Konsequenz der praktischen Machtverhältnisse — 
auf sich zogen, nahm das Denken auf einmal wahr, dafs überhaupt 
jede individuelle Erscheinung durch eine Unermefslichkeit von Ein- 
flüssen aus ihrem menschlichen Umgebungskreise bestimmt ist. Und 
dieser Gedanke gewann sozusagen rückwirkende Kraft : neben der gegen- 
wärtigen erschien die vergangene Gesellschaft als die Substanz , die 
die einzelne Existenz bildete, wie das Meer die Wellen; hier schien 
der Boden gewonnen, aus dessen Kräften allein die besonderen Formen, 
zu denen er die Individuen bildete, erklärbar wurden. Diese Denk- 
richtung unterstützte der moderne Relativismus, die Neigung, das 
Einzelne und Substanzielle in Wechselwirkungen aufzulösen; das 
Individuum war nur der Ort, an dem sich soziale Fäden verknüpfen, 
die Persönlichkeit nur die besondere Art, auf die dies geschieht. Da 
man sich zum Bewufstsein brachte, dafs alles menschliche Tun inner- 
halb der Gesellschaft verläuft und keines sich ihrem Einflufs entziehen 
kann, so mufste alles, was nicht Wissenschaft von der äufseren Natur 
war, Wissenschaft von der Gesellschaft sein. Sie erschien als das 
allumfassende Gebiet, in dem sich Ethik wie Kulturgeschichte, National- 
ökonomie wie Religionswissenschaft, Ästhetik wie Demographie, Politik 
wie Ethnologie zusammenfanden , da die Gegenstände dieser Wissen- 
schaften sich in dem Rahmen der Gesellschaft realisierten: die 
Wissenschaft vom Menschen sei Wissenschaft von der Gesellschaft. 
Zu dieser Vorstellung der Soziologie als Wissenschaft von allem Mensch- 
lichen überhaupt trug bei, dafs sie eine neue Wissenschaft war und 
infolgedessen alle möglichen, sonst nicht recht unterzubringenden 
Probleme sich an sie herandrängten — wie ein neuerschlossenes Gebiet 
immer zuerst das Dorado von heimatlosen und entwurzelten Existenzen 
wird: die zuerst unvermeidliche Unbestimmtheit und Unverteidigtheit 
der Grenzen gewährt jedem das Recht, dort unterzukommen. Näher 
angesehen indefs, erzeugt dieses Zusammenwerfen aller bisherigen 
Wissensgebiete kein neues. Es bedeutet nur, dafs alle historischen, 
psychologischen, normativen Wissenschaften in einen grofsen Topf 
geschüttet werden und diesem das Etikett: Soziologie — aufgeheftet wird. 



Damit wäre also nur ein neuer Name gewonnen, während alles, was 
•er bezeichnet, in seinem Inhalt und seinen Verhältnissen schon fest- 
steht oder innerhalb der bisherigen Forschungsprovinzen produziert 
wird. Die Tatsache, dafs das menschliche Denken und Handeln in 
der Gesellschaft und durch sie bestimmt vorgeht, macht die Soziologie 
so wenig zu der allumfassenden Wissenschaft von demselben, wie man 
Chemie, Botanik und Astronomie zu Inhalten der Psychologie machen 
kann, weil ihre Gegenstände doch schliefslich nur im menschlichen 
Bewufstsein wirklich werden und den Voraussetzungen desselben 
unterliegen. 

Jenem Irrtum liegt eine zwar milsverstandene, aber an sich sehr 
bedeutsame Tatsache zum Grunde. Die Einsicht : der Mensch sei in 
seinem ganzen Wesen und allen Aufserungen dadurch bestimmt, dafs 
er in Wechselwirkung mit andern Menschen lebt — mufs allerdings 
zu einer neuen Betrachtungsweise in allen sogenannten Geistes- 
wissenschaften führen. Es ist jetzt nicht mehr möglich, die historischen 
Tatsachen im weitesten Sinne des Wortes, die Inhalte der Kultur, die 
Arten der Wirtschaft, die Normen der Sittlichkeit aus dem Einzel- 
menschen, seinem Verstände und seinen Interessen heraus zu erklären 
und, wo dies nicht gelingt, sogleich zu metaphysischen oder magischen 
Ursachen zu greifen. Man steht z. B. bezüglich der Sprache nicht 
mehr vor der Alternative, dafs sie entweder von genialen Individuen 
«rfunden oder von Gott den Menschen gegeben ist; in die Religions- 
gebilde braucht sich nicht mehr die Erfindung schlauer Priester und 
die unmittelbare Offenbarung zu teilen usw. Vielmehr glauben wir 
jetzt die historischen Erscheinungen aus dem Wechselwirken und dem 
Zusammenwirken der Einzelnen zu verstehen, aus der Summierung 
und Sublimierung unzähliger Einzelbeiträge, aus der Verkörperung der 
sozialen Energien in Gebilden, die jenseits des Individuums stehen und 
sich entwickeln. Die Soziologie also, in ihrer Beziehung zu den be- 
stehenden Wissenschaften , ist eine neue Methode, ein Hilfsmittel 
der Forschung, um den Erscheinungen aller jener Gebiete auf einem 
neuen Wege beizukommen. Damit verhält sie sich aber nicht wesent- 
lich anders, als [seinerzeit die Induktion, die als neues Forschungs- 
prinzip in alle möglichen Wissenschaften eindrang, sich in jeder gleich- 
sam akklimatisierte und ihr innerhalb der feststehenden Aufgaben zu 
neuen Lösungen verhalf. So wenig aber daraufhin Induktion eine 
besondere Wissenschaft oder, gar eine allbefassende ist, so wenig ist 



— 4 — 

es, auf dieselben Momente hin, die Soziologie. So weit sie sich darauf 
stützt, dafs der Mensch als Gesellschaftswesen verstanden werden 
muls und dafs die Gesellschaft der Träger alles historischen Geschehens 
ist, enthält sie kein Objekt, das nicht schon in einer der bestehen- 
den Wissenschaften behandelt würde , sondern nur einen neuen Weg 
für alle diese, eine Methode der Wissenschaft, die gerade wegen ihrer 
Anwendbarkeit auf die Gesamtheit der Probleme nicht eine eigne 
Wissenschaft für sich ist. 

Welches aber kann das eigne und neue Objekt sein, dessen Er- 
forschung die Soziologie zu einer selbständigen und grenzbestimmten 
Wissenschaft macht? Es hegt auf der Hand, dafs zu dieser Legi- 
timation ihrer als einer neuen Wissenschaft nicht die Entdeckung 
eines, seiner Existenz nach bisher unbekannten Gegenstandes gehört., 
'Alles, was wir als Gegenstand schlechthin bezeichnen, ist ein Komplex 
von Bestimmungen und Beziehungen, deren jede, an einer Vielheit 
von Gegenständen aufgezeigt, zum Objekt einer besonderen Wissen- 
schaft werden kann. Jede Wissenschaft beruht auf einer Abstraktion,, 
indem sie ^ie Ganzheit irgend welchen Dinges, die wir als einheitliche 
durch keine Wissenschaft erfassen können, nach je einer ihrer Seiten, 
von dem Gesichtspunkt je eines Begriffes aus, betrachtet. Der Totali- 
tät des Dinges und der Dinge gegenüber erwächst jede Wissenschaft 
durch arbeitsteilige Zerlegung jener in einzelne Qualitäten und Funk- 
tionen, nachdem ein Begriff aufgefunden ist, der diese letzteren heraus- 
zulösen und in all ihrem Vorkommen an den realen Dingen nach 
methodischen Zusammenhängen zu erfassen gestattet. So haben» 
z. B. die linguistischen Tatsachen, die man jetzt als das Material der 
vergleichenden Sprachwissenschaft zusammenf af st , schon lange an 
wissenschaftlich behandelten Erscheinungen existiert; jene Sonder- 
wissenschaft aber entstand mit der Entdeckung des Begriffes, unter 
dem dieselben, bisher an verschiedenen Sprachkomplexen auseinander- 
liegend, einheitlich zusammengehören und von speziellen Gesetzen 
geregelt werden. So könnte auch die Soziologie als besondere Wissen- 
schaft ihr besonderes Objekt darin finden, dafs sie nur eine neue Linie 
durch Tatsachen legt, die als solche durchaus bekannt sind; nur dafs 
ihnen gegenüber eben der Begriff bisher nicht wirksam geworden 
wäre, der die auf jene Linie gehörige Seite dieser Tatsachen als eine 
ihnen allen gemeinsame und eine methodisch-wissenschaftliche Einheit 
bildende kenntlich macht. Den höchst komplizierten, unter einea 



— 5 — 

wissenschaftlichen Gesichtspunkt überhaupt nicht zusammengehenden 
Tatsachen der geschichtlichen Gesellschaft gegenüber erzeugen die 
Begriffe der Politik, der Wirtschaft, der Kultur usw. derartige Er- 
kenntnisreihen, sei es, indem sie gewisse Teile jener Tatsachen, 
unter Ausscheidung oder nur akzidentellem Mitwirken der andern, 
zu einmaligen historischen Verläufen verknüpfen, sei es, dafs sie die 
Gruppierungen von Elementen kenntlich machen, die unabhängig von 
dem einzelnen Hier und Jetzt einen zeitlos notwendigen Zusammenhang 
enthalten. Soll es nun eine Soziologie als besondere Wissenschaft geben, 
so 'mufs demnach der Begriff der Gesellschaft als solcher, jenseits der 
äufseren Zusammenfassung jener Erscheinungen, die gesellschaftlich- 
geschichtlichen Gegebenheiten einer neuen Abstraktion und Zusammen- 
ordnung unterwerfen, derart, dafs gewisse, bisher nur in anderen und 
mannigfaltigen Verbindungen beachtete Bestimmungen derselben als zu- 
sammengehörig und deshalb als Objekte einer W^issenschaf t erkannt 
werden. 

Dieser Gesichtspunkt nun ergibt sich vermittels einer Analyse des 
Gesellschaftsbegriffes, die man als Unterscheidung zwischen Form und 
Inhalt der Gesellschaft bezeichnen kann — unter Betonung davon, 
dafs dies hier eigentlich nur ein Gleichnis ist, um den Gegensatz der 
zu scheidenden Elemente annähernd zu benennen; dieser Gegensatz 
wird in seinem einzigartigen Sinn unmittelbar erfafst werden müssen, 
ohne durch die sonstige Bedeutimg dieser vorläufigen Namen präjudi- 
ziert zu werden. Ich gehe dabei von der weitesten, den Streit um"^ 
Definitionen möglichst vermeidenden Vorstellung der Gesellschaft aus : 
dafs sie da existiert, wo mehrere Individuen in Wechselwirkung 
treten .. Diese Wechselwirkung entsteht immer aus bestimmten Trieben 
heraus oder um bestimmter Zwecke willen. Erotische, religiöse oder 
blofs gesellige Triebe, Zwecke der Verteidigung wie des Angriffs, des 
Spieles wie des Erwerbes, der Hilfeleistung wie der Belehrung und 
unzählige andere bewirken es, dafs der Mensch in ein Zusammensein, 
«in Füreinander-, Miteinander-, Gegeneinander-Handeln, in eine Korrela- 
tion der Zustände mit andern tritt, d. h. Wirkungen auf sie ausübt und 
Wirkungen von ihnen empfängt. Diese Wechselwirkungen bedeuten, 
dafs aus den individuellen Trägern jener veranlassenden Triebe und 
Zwecke eine Einheit, eben eine »Gesellschaft« wird. Denn Einheit 
im empirischen Sinn ist nichts anderes als Wechselwirkung von Ele- 
menten : ein organischer Körper ist eine Einheit, weil seine Organe in 



— 6 — 

engerem Wechseltausch ihrer Energieen stehen, als mit irgend einem 
äufseren Sein, ein Staat ist einer, weil unter seinen Bürgern das 
entsprechende Verhältnis gegenseitiger Einwirkungen besteht, ja, die 
f^Welt könnten wir nicht eine nennen, wenn nicht jeder ihrer Teile 
irgendwie jeden beeinflulste, wenn irgendwo die, wie immer vermittelte, 
Gegenseitigkeit der Einwirkungen abgeschnitten wäre. Jene Einheit 
oder Vergesellschaftung kann, je nach der Art und Enge der Wechsel- 
wirkung, sehr ^Verschiedene Grade haben — von der ephemeren Ver- 
einigung zu einem Spaziergang bis zur Familie, von allen Verhältnissen 
>auf Kündigung« bis zu der Zusammengehörigkeit zu einem Staat^ 
von dem flüchtigen Zusammen einer Hotelgesellschaft bis zu der innigen 
Verbundenheit einer mittelalterlichen Gilde. Ich bezeichne nun alles 
das, was in den Individuen, den unmittelbar konkreten Orten aller 
historischen Wirklichkeit, als Trieb, Interesse, Zweck, Neigung, psy- 
chische Zuständlichkeit und Bewegung derart vorhanden ist, dafs daraus 
oder daran die Wirkung auf andre und das Empfangen ihrer Wirkungen 
entsteht — dieses bezeichne ich als den Inhalt, gleichsam die Materie 
der Vergesellschaftung. An und für sich sind diese Stoffe, mit denen 
das Leben sich füllt, diese Motivierungen, die es treiben, noch nicht 
sozialen Wesens. Weder Hunger noch Liebe, weder Arbeit noch 
Religiosität, weder die Technik noch die Funktionen und Resultate 
der Intelligenz bedeuten, wie sie unmittelbar und ihrem reinen Sinne nach 
gegeben sind, schon Vergesellschaftung; vielmehr, sie bilden diese 
erst, indem sife das isolierte Nebeneinander der Individuen zu be- 
stimmten Formen des Miteinander und Füreinander gestalten, die 
unter den allgemeinen Begriff der Wechselwirkung gehören. Die 
Vergesellschaftung ist also die, in unzähligen verschiedenen Arten sich 
verwirklichende Form, in der die Individuen auf Grund jener — sinn- 
lichen oder idealen, momentanen oder dauernden, bewufsten oder un- 
bewufsten, kausal treibenden oder teleologisch ziehenden — Interessen 
zu einer Einheit zusammenwachsen und innerhalb deren diese Interessen 
sich verwirklichen. 

In jeder vorliegenden sozialen Erscheinung bilden Inhalt und 
gesellschaftliche Form eine einheitliche Realität, eine soziale Form 
kann so wenig eine von jedem Inhalt gelöste Existenz gewinnen, wie 
eine räumliche Form ohne eine Materie bestehen kann, deren Form 
sie ist. Dies vielmehr sind die in der Wirklichkeit untrennbaren 
Elemente jedes sozialen Seins und Geschehens: ein Interesse, Zweck, 



— 7 — 

Motiv und eine Form oder Art der Wechselwirkung unter den Indivi- 
duen, durch die oder in deren Gestalt jener Inhalt gesellschaftliche 
Wirklichkeit erlangt. 

Was nun die »Gesellschaft«, in jedem bisher gültigen Sinne des 
Wortes, eben zur Gesellschaft macht, das sind ersichthch die so an- 
gedeuteten Arten der Wechselwirkung. Irgend eine Anzahl von 
Menschen wird nicht dadurch zur Gesellschaft, dals in jedem für sich 
irgend ein sachlich bestimmter oder ihn individuell bewegender Lebens- 
inhalt besteht ^ sondern erst , wenn die Lebendigkeit dieser Inhalte die 
Form der gegenseitigen Beeinflussung gewinnt , wenn eine Wirkung 
von einem auf das andere — unmittelbar oder durch ein Drittes ver- 
mittelt — stattfindet, ist aus dem blofs räumlichen Nebeneinander 
oder auch zeitlichen Nacheinander der Menschen eine Gesellschaft ge- 
worden. Soll es also eine Wissenschaft geben, deren Gegenstand die 
Gesellschaft und nichts andres ist , so kann sie nur diese Wechsel- 
wirkungen, diese Arten und Formen der Vergesellschaftung unter- 
suchen wollen. Denn alles andre, was sich sonst noch innerhalb der 
»Gesellschaft« findet, durch sie und in ihrem Rahmen realisiert wird, 
ist nicht Gesellschaft selbst , sondern nur ein Inhalt , der sich diese 
Form oder den sich diese Form der Koexistenz anbildet und der frei- 
lich erst mit ihr zusammen das reale Gebilde, das »Gesellschaft« im 
weiteren und üblichen Sinne heifst, zustande bringt. Dals dieses beides, 
in der Wirklichkeit untrennbar Vereinte, in der wissenschaftlichen Ab- 
straktion getrennt werde, dafs die Formen der Wechselwirkung oder 
Vergesellschaftung, in gedanklicher Ablösung von den Inhalten, die 
durch sie erst zu gesellschaftHchen werden, zusammengefafst und 
einem einheitlichen wissenschaftlichen Gesichtspunkt methodisch unter- 
stellt werden — dies scheint mir die einzige und die ganze Möglich- 
keit einer speziellen Wissenschaft von der Gesellschaft als solcher zu 
begründen. Mit ihr erst wären die Tatsachen, die wir als die gesell- 
schaftlich-historische Realität bezeichnen, wirklich auf die Ebene des 
blofs Gesellschaftlichen projiziert. 

Nun mögen derartige Abstraktionen, die allein aus der Komplexität 
oder auch der Einheit der Wirklichkeit Wissenschaft zustande bringen, 
noch so sehr aus den inneren Bedürfnissen des Erkennens heraus ge- 
fordert sein : irgend eine Legitimation für sie mufs doch in der Struktur 
der Objektivität selbst liegen; denn nur in irgend einer funktionellen 
Beziehung zur Tatsächlichkeit kann deip Schutz gegen unfruchtbare 



- 8 - 

Fragestellungen, gegen einen Zufallscharakter der wissenschaftlichen 
Begriffsbildung liegen. So irrig ein naiver Naturalismus das Gegebene 
schon die analytischen oder synthetischen Anordnungen, durch die es 
zum Inhalt einer Wissenschaft wird, enthalten läfst, so sind doch die 
Bestimmungen, die es tatsächlich besitzt, jenen Anordnungen mehr 
oder weniger fügsam — wie etwa ein Porträt die natürliche mensch- 
liche Erscheinung grundsätzlich umgestaltet, und dennoch die eine für 
dieses ihr ganz wurzelfremde Gebilde eine gröfsere Chance besitzt als 
die andere; woran dann das bessere oder schlechtere Recht jener 
wissenschaftlichen Probleme und Methoden mefsbar ist. So wird 
nun das Recht, die historisch - gesellschaftlichen Erscheimmgen der 
Analyse nach Formen imd Inhalten zu unterwerfen und die ersteren 
zu einer Synthese zu bringen, auf zwei Bedingungen ruhen, die nur 
von den Tatsachen aus verifiziert werden können. Es mufs sich 
einerseits finden, dafs die gleiche Form der Vergesellschaftung an 
ganz verschiedenem Inhalt, für ganz verschiedene Zwecke auftritt, und 
umgekehrt, dafs das gleiche inhaltliche Interesse sich in ganz ver- 
schiedene Formen der Vergesellschaftung als seine Träger oder Ver- 
wirklichungsarten kleidet — wie sich die gleichen geometrischen 
Formen an den verschiedensten Materien finden und die gleiche Materie 
sich in den verschiedensten Raumformen darstellt, oder wie das Ent- 
sprechende zwischen den logischen Formen und den materialen Er- 
kenntnisinhalten statt hat. 

Beides ist aber als Tatsache unleugbar. An gesellschaftlichen 
Gruppen, welche ihren Zwecken und ihrer ganzen Bedeutung nach 
die denkbar verschiedensten sind, finden wir dennoch die gleichen 
formalen Verhaltungsweisen der Individuen zu einander. Über- und 
Unterordnung, Konkurrenz, Nachahmung, Arbeitsteilung, Parteibildung, 
Vertretung, Gleichzeitigkeit des Zusammenschlusses nach innen und 
des Abschlusses nach aufsen und unzähliges Ähnliches findet sich an 
einer staatlichen Gesellschaft wie an einer Religionsgemeinde, an einer 
Verschwörerbande wie an einer Wirtschaftsgenossenschaft, an einer 
Kunstschule wie an einer Familie. So mannigfaltig auch die Inter- 
essen sind , aus denen es überhaupt zu diesen Vergesellschaftungen 
kommt — die Formen, in denen sie sich vollziehen, können dennoch 
die gleichen sein. Und nun andrerseits : das inhaltlich gleiche Interesse 
kann sich in sehr verschiedenartig geformten Vergesellschaftungen 
darstellen, z. B. das wirtschaftliche Interesse realisiert sich ebenso 



durch Konkurrenz wie durch planmäfsige Organisation der Produzenten, 
bald durch Abschlufs gegen andre Wirtschaftsgruppen , bald durch 
Anschlufs an sie; die religiösen Lebensinhalte fordern, inhaltlich die 
identischen bleibend, einmal eine freiheitliche, ein andermal eine 
zentralistische Gemeinschaftsform ; die Interessen, die den Beziehungen 
der Geschlechter zum Grunde liegen, befriedigen sich in der kaum 
übersehbaren Mannigfaltigkeit der Familienformen; das pädagogische 
Interesse führt bald zu einer liberalen, bald zu einer despotischen 
Verhältnisform des Lehrers zu den Schülern, bald zu individualistischen 
Wechselwirkungen zwischen dem Lehrer und dem einzelnen Schüler, 
bald zu mehr kollektivistischen zwischen jenem und der Gesamtheit 
der Schüler. Wie also die Form die identische sein kann, in der die 
divergentesten Inhalte sich vollziehen, so kann der Stoff beharren, 
während das Miteinander der Individuen, das ihn trägt, sich in einer 
Mannigfaltigkeit von Formen bewegt; wodurch denn die Tatsachen,! 
obgleich in ihrer Gegebenheit Stoff und Form eine unlösbare Einheit 
des sozialen Lebens ausmachen, eben jene Legitimation des soziolo- 
gischen Problems leisten, das die Feststellung, systematische Ordnung, 
psychologische Begründung und historische Entwicklung der reinen 
Formen der Vergesellschaftung fordert. 

Dieses Problem ist dem Verfahren, nach dem die bisherigen 
einzelnen Sozialwissenschaften kreiert worden sind, direkt entgegen- 
gesetzt. Denn die Arbeitsteilung unter diesen wurde durchaus von 
der Verschiedenheit der (Inhalte^ bestimmt. Nationalökonomie wie 
die Systematik der kirchlichen Organisationen, Geschichte des Schul- 
wesens wie der Sitten, Politik wie die Theorien des sexuellen Lebens 
usw. haben das Gebiet der sozialen Erscheinungen unter sich auf- 
geteilt, so dafs eine Soziologie, die die Totalität dieser Erscheinungen, 
mit ihrer Ineinsbildung von Form und Inhalt, umfassen wollte, sich 
als nichts anderes ergeben konnte, denn als eine Zusammenfassung 
jener Wissenschaften. So lange die Linien, die wir durch die historische 
Wirklichkeit ziehen, um sie in gesonderte Forschungsgebiete zu zer- 
legen, nur diejenigen Punkte verbinden, die gleiche Interesseninhalte 
aufzeigen — so lange gewährt diese Wirklichkeit einer besonderen 
Soziologie keinen Platz; es bedarf vielmehr einer Linie, die, alle bis- 
her gezogenen durchquerend, die reine Tatsache der Vergesellschaftung, 
ihren mannigfaltigen Gestaltungen nach, von ihrer Verbindung mit 
den divergentesten Inhalten löst und als ein Sondei^ebiet konstituiert. 



— 10 — 

Sie wird dadurch eine Spezialwissenschaft in demselben Sinn, — bei 
allen selbstverständlichen Unterschieden der Methode und der Resul- 
tate — in dem Erkenntnistheorie eine solche geworden ist, indem sie 
die Kategorien oder Funktionen des Erkennens als solchen aus der 
Vielheit der Erkenntnisse einzelner Dinge abstrahiert hat. Sie gehört 
zu dem Typus von Wissenschaften, deren spezialistischer Charakter 
nicht darin liegt, dafs ihr Gegenstand mit andern zusammen unter 
einen höheren Gesamtbegriff gehörte (wie klassische Philologie und 
Germanistik, oder Optik und Akustik), sondern darin, dafs sie ein 
Gesamtgebiet von Gegenständen unter einen besonderen Gesichtspunkt 
rückt. Nicht ihr Objekt, sondern ihre Betrachtungsweise, die besondre, 
von ihr vollzogene Abstraktion differenziert sie von den übrigen 
historisch-sozialen Wissenschaften. 

Der Begriff der Gesellschaft deckt zwei, für die wissenschaftliche 
Behandlung streng auseinander zu haltende Bedeutungen. Sie ist 
einmal der Komplex vergesellschafteter Individuen, das gesellschaftlich 
geformte Menschenmaterial, wie es die ganze historische Wirklichkeit 
ausmacht. Dann aber ist »Gesellschaft« auch die Summe jener Be- 
ziehungsformen, vermöge deren aus den Individuen eben die Gesell- 
schaft im ersten Sinne wird. So bezeichnet man als »Kugel« einmal 
eine bestimmt geformte Materie, dann aber auch, im mathematischen 
Sinne, die blofse Gestalt oder Form, vermöge welcher aus blofser 
Materie die Kugel im ersten Sinne wird. Wenn man von Gesellschafts- 
wissenschaften jener ersteren Bedeutung nach spricht, so ist ihr Objekt 
alles, was in und mit der Gesellschaft vorgeht; Gesellschaftswissen- 
schaft im zweiten Sinne hat die Kräfte, Beziehungen und Formen zurri 
Gegenstand, durch die die Menschen sich vergesellschaften, die also, 
in selbständiger Darstellung, die »Gesellschaft« sensu strictissimo aus- 
machen — was selbstverständlich durch den Umstand nicht alteriert 
wird, dafs der Inhalt der Vergesellschaftung, die speziellen Modi- 
fikationen ihres materiellen Zweckes und Interesses oft oder immer über 
ihre spezielle Formung entscheiden. Ganz irrig wäre hier der Ein- 
wand, dafs alle diese Formen: Hierarchien und Korporationen, Kon- 
kurrenzen und Eheformen, Freundschaften und gesellige Sitten, Ein- 
und Vielherrschaften — doch nur konstellative Ereignisse in schon 
bestehenden Gesellschaften seien: wäre nicht schon eine Gesellschaft 
vorhanden, so fehlte die Voraussetzung und die Gelegenheit, solche 
Formen aufkommen zu lassen. Diese Vorstellung entsteht daraufhin, 



— 11 — 

dafs in jeder uns bekannten Gesellschaft eine grofse Anzahl derartiger 
Verbindungs- d. h. Vergesellschaftsformen wirksam sind. Wenn also 
selbst eine einzelne fortfiele, so würde noch immer »Gesellschaft« 
übrig bleiben, so dafs es von jeder einzelnen allerdings scheinen kann, 
sie käme zu einer schon fertigen Gesellschaft hinzu oder entstünde 
%nerhalb einer solchen. Wenn man sich aber alle diese einzelnen 
wegdenkt, so bleibt keine Gesellschaft mehr übrig. Erst indem der- 
artige Wechselbeziehungen, durch gewisse Motive und Interessen 
hervorgerufen, wirksam werden, entsteht Gesellschaft; so sehr also 
freilich die Geschichte und die Gesetze der so erwachsenden Gesamt- 
gebilde Sache der Gesellschaftswissenschaft im weiteren Sinne ist, so 
bleibt, da diese schon in die einzelnen sozialen Wissenschaften aus- 
einander gegangen ist, für eine Soziologie im engeren Sinne, in dem, 
der eine besondere Aufgabe stellt, nur noch die Betrachtung der ab- 
strahierten Formen übrig, die nicht sowohl die Vergesellschaftung 
bewirken, als vielmehr die Vergesellschaftung sind; Gesellschaft 
in dem Sinne, den die Soziologie verwenden kann, ist dann entweder 
der abstrakte Allgemeinbegriff für diese Formen, die Gattung, deren 
Arten sie sind, oder die jeweilig wirksame Summe derselben. Es 
folgt weiterhin aus diesem Begriff, dafs eine gegebene Anzahl von 
Individuen in gröfserem oder geringerem Grade Gesellschaft sein 
kann: mit jedem neuen Aufwachsen synthetischer Gestaltungen, jeder 
Bildung von Parteigruppen, jeder Vereinigung zu gemeinsamem Werk 
oder in gemeinsamem Fühlen und Denken, jeder entschiedneren Ver- 
teilung von Dienen und Herrschen, jeder gemeinsamen Mahlzeit, jedem 
' Sich-Schmücken für die andern wird eben dieselbe Gruppe mehr 
»Gesellschaft«, als sie es vorher war. Es gibt niemals schlechthin 
Gesellschaft, derart, dafs unter ihrer Voraussetzung sich nun jene 
einzelnen Verbindungsphänomene bildeten ; denn es gibt keine Wechsel- 
wirkung schlechthin, sondern besondere Arten derselben, mit 
deren Auftreten eben Gesellschaft da ist und die weder die Ursache 
noch die Folge dieser, sondern schon unmittelbar sie selbst sind. Nur 
die unabsehbare Fülle und Verschiedenheit, mit der sie in jedem 
Augenblick wirksam sind, hat dem Allgemeinbegriff Gesellschaft eine 
scheinbar selbständige historische Realität verschafft. Vielleicht liegt 
in dieser Hypostasierung einer blofsen Abstraktion die Ursache für die 
eigentümliche Verblasenheit und Unsicherheit, die diesem Begriff und 
den bisherigen Verhandlungen der allgemeinen Soziologie anhaftete — 



_ 12 — 

wie man mit dem Begriff des Lebens nicht recht vorwärts kam, so 
lange die Wissenschaft ihn als ein einheitliches Phänomen von un- 
mittelbarer Realität ansah. Erst als die einzelnen Prozesse innerhalb 
der Organismen, deren Summe oder Verwebung das Leben ist, unter- 
sucht wurden, erst als erkannt wurde, dafs das Leben nur in diesen 
besonderen Vorgängen an und zwischen den Organen und Zellen 
besteht, gewann die Wissenschaft vom Leben ihren festen Boden. 

Es dürfte erst auf diese Weise erfafst werden, was an der Gesell- 
schaft wirklich »Gesellschaft« ist, wie erst die Geometrie bestimmt, 
was an den räumlichen Dingen wirklich ihre Räumlichkeit ist. Sozio- 
logie als Lehre von dem Gesellschaft-Sein der Menschheit, die auch 
in unzähligen andern Hinsichten noch Wissenschaftsobjekt sein kann, 
verhält sich also zu den übrigen Spezialwissenschaften, wie sich zu den 
physikalisch-chemischen Wissenschaften von der Materie die Geometrie 
verhält: sie betrachtet die Form, durch die Materie überhaupt zu 
empirischen Körpern wird — die Form, welche freilich für sich allein 
nur in der Abstraktion existiert, grade wie die Formen der Vergesell- 
schaftung. Sowohl Geometrie wie Soziologie überlassen die Erforschung 
der Inhalte, die sich in ihren Formen darstellen, oder der Total- 
erscheinungen, deren blofse Form sie betrachten, andern Wissen- 
schaften. — Es bedarf kaum der Erwähnung, dafs diese Analogie mit 
der Geometrie durchaus nicht weiter reicht, als bis zu der hier durch 
sie versuchten Verdeutlichung des prinzipiellen Problems der Soziologie. 
Vor allem hat die Geometrie den Vorteil , auf ihrem Gebiet äufserst 
einfache Gebilde vorzufinden, in welche die komplizierteren Figuren 
aufgelöst werden können-, deshalb ist aus verhältnismäfsig wenigen 
Grundbestimmungen der ganze Umkreis möglicher Gestaltungen zu 
konstruieren. Gegenüber den Formen der Vergesellschaftung ist eine 
auch nur annähernde Auflösung in einfache Elemente für absehbare 
Zeit nicht zu erhoffen. Die Folge davon ist, dafs die soziologischen 
Formen, wenn sie einigermafsen bestimmte sein sollen, nur für einen 
relativ geringen Umkreis von Erscheinungen gelten. Wenn man also 
auch z. B. sagt, dafs Über- und Unterordnung eine Formung ist, die 
sich fast in jeder menschlichen Vergesellschaftung findet, so ist mit 
dieser allgemeinen Erkenntnis wenig gewonnen. Es bedarf vielmehr 
des Eingehens auf die einzelnen Arten der Über- und Unterordnung, 
auf die speziellen Formen ihrer Verwirklichung, die nun in dem Mafse 
ihrer Bestimmtheit natürlich an Umfang ihrer Gültigkeit verlieren. 



— 13 — 

Wenn die Alternative, vor die man jetzt jede Wissenschaft zu 
stellen pflegt: ob sie auf die Auffindung zeitlos gültiger Gesetze 
oder auf die Darstellung und das Begreiflichmachen einmaliger^ 
historisch-realer Verläufe geht — jedenfalls doch unzählige Ver- 
mittlungserscheinungen innerhalb des tatsächlichen Wissenschafts- 
betriebes nicht ausschliefst, so wird der hier festgestellte Problem- 
begriff von der Notwendigkeit dieser Entscheidung von vornherein 
nicht berührt. Dieses aus der Wirklichkeit heraus abstrahierte Objekt 
läfst sich einerseits auf die Gesetzlichkeiten hin ansehen, die, rein in der 
sachlichen Struktur der Elemente gelegen, sich gegen ihre zeitlich-räum- 
liche Verwirklichung gleichgültig verhalten; sie gelten eben, mögen 
die historischen Wirklichkeiten sie einmal oder tausendmal in Kraft 
treten lassen. Andrerseits aber können jene Vergesellschaftungsformen 
ebenso auf ihr Vorkommen in einem Dort und Dann, auf ihre ge- 
schichtliche Entwicklung innerhalb bestimmter Gruppen hin ange- 
sehen werden. Die Feststellung ihrer wäre in dem letzteren Falle 
sozusagen historischer Selbstzweck, in dem ersteren Induktionsmaterial 
zur Auffindung zeitloser Gesetzlichkeiten. Von Konkurrenz z. B. er- 
fahren wir auf den verschiedensten Gebieten, die Politik wie die 
Volkswirtschaft, die Geschichte der Religionen wie die der Kunst er- 
zählen uns unzählige Fälle derselben. Aus diesen Tatsachen gilt es 
nun festzustellen, was denn die Konkurrenz, als reine Form des 
menschlichen Verhaltens , bedeute , unter welchen Umständen sie ent- 
stehe, wie sie sich entwickle, welche Modifikationen sie durch die 
Sonderart ihres Objektes erfahre, durch welche gleichzeitigen, formalen 
und materialen Bestimmungen einer Gesellschaft sie gesteigert oder 
herabgesetzt wird, wie sich die Konkurrenz der Individuen von der 
zwischen Gruppen unterscheidet — kurz, was sie als Beziehungsform'' 
der Menschen untereinander sei, die alle möglichen Inhalte in sich 
aufnehmen kann, aber durch die Gleichheit ihrer Erscheinung bei 
grofser Verschiedenheit der letzteren beweist, dafs sie einem nach 
eignen Gesetzen geregelten und abstrahierungsberechtigten Gebiet an- 
gehört. An den komplexen Erscheinungen wird das Gleichmäfsige wie 
mit einem Querschnitt herausgehoben, das Ungleichmäfsige an ihnen — 
hier also die inhaltlichen Interessen — gegenseitig paralysiert. Ent-J 
sprechend ist also mit all den grofsen gesellschaftsformenden Verhält- 
nissen und Wechselwirkungen zu verfahren : mit der Parteibildung, der 
Nachahmung, der Bildung von Klassen, Kreisen, sekundären Abteilungen, 



— 14 — 

mit der Verkörperung der sozialen Wechselwirkungen in Sondergebilden 
sachlicher, personaler, ideeller Art, mit dem Aufwachsen und der Rolle 
der Hierarchien, mit der »Vertretung« von Gesamtheiten durch Einzelne, 
mit der Bedeutung gemeinsamer Gegnerschaft für den inneren Zu- 
sammenhalt der Gruppe; an solche Hauptprobleme schliefsen sich 
dann, gleichmäfsig die Formbestimmtheit der Gruppen tragend, einer- 
seits speziellere , andrerseits kompliziertere Tatsachen, jene z. B. : die 
Bedeutung des »Unparteiischen«, die des »Armen« als organischen 
Gliedes der Gesellschaften, die der numerischen Bestimmtheit der 
Gruppenelemente, die des primus inter pares und des tertius gaudens. 
Als kompliziertere Vorgänge wären zu nennen : die Kreuzung mannig- 
faltiger Kreise in einzelnen Persönlichkeiten, die besondere Bedeutung 
des »Geheimen« in der Bildung von Kreisen, die Modifikation der 
Gruppencharaktere, je nachdem sie lokal zusammenbefindliche oder 
durch nicht dazu gehörige Elemente getrennte Individuen umfassen, 
und unzähliges anderes. 

Ich lasse dabei, wie schon angedeutet, die Frage dahingestellt, 
•ob eine absolute Gleichheit der Formen bei Verschiedenheit der 
Inhalte vorkommt. Die annähernde Gleichheit, die sie unter materiell 
sehr mannigfaltigen Umständen zeigen — ebenso wie das umgekehrte — 
reicht aus, um dies prinzipiell für möglich zu halten; darin, dafs 
es sich nicht restlos verwirklicht , zeigt sich eben der Unterschied des 
historisch-seelischen Geschehens mit seinen nie ganz zu rationalisierenden 
Fluktuierungen und Kompliziertheiten gegen die Fähigkeit der Geo- 
metrie, die ihrem Begriff untertänigen Formen mit absoluter Reinheit 
aus ihrer Verwirklichung an der Materie herauszulösen. '' Auch behalte 
man im Auge, dafs diese Gleichheit der Wechselwirkungsart bei be- 
liebiger Verschiedenheit des Menschen- und Sachmaterials, und vice 
^ versa, zunächst nur ein Hilfsmittel ist, um an den einzelnen Gesamt- 
erscheinungen die wissenschaftliche Scheidung von Form und Inhalt 
zu vollziehen und zu legitimieren. Methodisch würde diese auch dann 
erfordert sein, wenn die tatsächlichen Konstellationen es zu jenem 
induktiven Verfahren, das das Gleiche aus dem Verschiedenen aus- 
kristallisieren läfst, überhaupt nicht kommen liefsen, grade wie die 
geometrische Abstraktion der Raumform eines Körpers auch dann be- 
rechtigt wäre, wenn es diesen so geformten Körper tatsächlich nur ein 
einziges Mal in der Welt gäbe. Dafs hiermit eine Schwierigkeit des 
Verfahrens gegeben ist, ist unverkennbar. Es liege z. B. die Tatsache 



— 15 — 

vor, dafs gegen Ende des Mittelalters gewisse Zunftmeister auf Grund 
der Ausdehnung der Handelsbeziehungen zu einer Beschaffung von 
Materialien, einer Einstellung von Gesellen, neuen Mitteln für die 
Anziehung von Kunden gedrängt wurden, die sich mit den alten 
Zunftprinzipien, wonach jeder Meister dieselbe »Nahrung« wie der 
andre haben sollte, nicht mehr vertrug, und dafs jene sich darum 
aufserhalb der bisherigen, engen Einung zu stellen suchten. Auf die 
rein soziologische, von dem speziellen Inhalt abstrahierende Form hin 
angesehen, bedeutet dies, dafs die Erweiterung des Kreises, mit dem 
der Einzelne durch seine Aktionen verbunden ist, mit einer stärkeren 
Ausprägung der individuellen Sonderart, einer gröfseren Freiheit und 
gegenseitigen Differenziertheit der Einzelnen Hand in Hand geht. 
Nun gibt es aber, soweit ich sehe, keine sicher wirksame Methode, 
jenem komplexen, durch seinen Inhalt realisierten Faktum diesen 
soziologischen Sinn abzugewinnen; welche blofs soziologische Kon- 
figuration, welches besondere Wechselverhältnis von Individuen, in 
Abstraktion von den im Individuum verbleibenden Interessen und 
Trieben imd von den Bedingungen rein sachlicher Art, in dem histo- 
rischen Vorgang enthalten ist — das ist diesem gegenüber nicht nur 
in mannigfacher Richtung zu deuten möglich, sondern man kann die 
geschichtlichen Tatsachen, die die Wirklichkeit der bestimmten sozio- 
logischen Formen belegen, nur in ihrer materialen Totalität anführen, 
und entbehrt eines Mittels, ihre Zerfällung in das stoffliche und das 
formal-soziologische Moment lehrbar und unter allen Umständen voll- 
ziehbar zu machen. Es verhält sich wie mit dem Beweise eines 
geometrischen Satzes an der unvermeidlichen Zufälligkeit und Roheit 
einer hingezeichneten Figur. Der Mathematiker aber kann jetzt damit 
rechnen, dafs der Begriff der idealen geometrischen Figur bekannt 
und wirksam ist und als der jetzt allein wesentliche Sinn der Kreide- 
oder Tintenstriche innerlich angeschaut wird. Hier aber darf die ent- 
sprechende Voraussetzung nicht gemacht werden, die Herauslösung 
dessen, was wirklich die reine Vergesellschaftung ist, aus der komplexen 
Gesamterscheinung ist nicht logisch zu erzwingen. 

Man mufs hier das Odium auf sich nehmen, von intuitivem Ver- 
fahren zu sprechen, — so weit es auch von der spekulativ-metaphysischen 
Intuition abstehe — von einer besonderen Einstellung des Blickes, mit 
der jene Scheidung sich vollzieht und zu der, bis sie später einmal in be- 
grifflich ausdrückbare und sicher führende Methoden gefafst sein 



— 16 — 

wird, nur durch Vorführung von Beispielen angeleitet werden kann. 
Und es erhöht diese Schwierigkeit, dals nicht nur für die Anwendung 
des soziologischen Grundbegriffes die unzweifelhafte Handhabe fehlt, 
sondern dafs auch, wo selbst mit ihm wirksam operiert wird, noch 
immer für viele Momente der Ereignisse die Einreihung unter ihn 
oder unter den Begriff der inhaltlichen Bestimmtheit oft will- 
kürlich bleibt. Inwieweit z. B. das Phänomen des »Armen« soziolo- 
gischer Art ist, d. h. ein Ergebnis der formalen Verhältnisse innerhalb 
einer Gruppe , bedingt durch die allgemeinen Strömungen und Ver- 
schiebimgen, wie sie sich im Zusammenkommen der Menschen not- 
wendig erzeugen — oder ob die Armut als eine nur materiale Be- 
stimmung gewisser Einzelexistenzen anzusehen ist, ausschliefslich aus dem 
Gesichtswinkel des ökonomischen Interesseninhaltes — darüber werden 
entgegengesetzte Meinungen möglich sein. Man wird die historischen 
Erscheinungen im ganzen auf drei prinzipielle Standpunkte hin an- 
sehen können: auf die individuellen Existenzen hin, die die realen 
Träger der Zustände sind ; auf die formalen Wechselwirkungsformen, 
die sich freilich auch nur an individuellen Existenzen vollziehen, aber 
jetzt nicht vom Standpunkte dieser, sondern dem ihres Zusammen, 
ihres Miteinander und Füreinander betrachtet werden ; auf die begriff- 
lich formulierbaren Inhalte von Zuständen und Geschehnissen hin, 
bei denen jetzt nicht nach ihren Trägern oder deren Verhältnissen 
gefragt wird, sondern nach ihrer rein sachlichen Bedeutung, nach der 
Wirtschaft und der Technik, nach der Kunst und der Wissenschaft, 
^nach den Rechtsnormen und den Produkten des Gefühlslebens. 
Diese drei Gesichtspunkte verschhngen sich fortwährend, die metho- 
dische Notwendigkeit, sie auseinander zu halten, wird immer wieder 
von der Schwierigkeit, jedes in eine von dem andern unabhängige 
Reihe zu ordnen, und von der Sehnsucht nach einem, alle Standorte 
umfassenden Gesamtbilde der Wirklichkeit gekreuzt. Und wie tief 
das eine, begründend und begründet, in das andre hineinreicht, wird 
nie für alle Fälle festzulegen und deshalb bei aller methodischen Klar- 
heit und Entschiedenheit der prinzipiellen Fragestellung die Zwei- 
deutigkeit kaum vermeidbar sein: dafs die Behandlung des Einzel- 
problems bald in die eine, bald die andre Kategorie zu gehören scheint 
und selbst innerhalb der einen nicht immer gegen die Behandlungs- 
weise der andern sicher abzugrenzen ist. Im übrigen hoffe ich, dafs 
die Methodik der hier gebotenen Soziologie aus den Ausführungen ihrer 



— 17 — 

einzelnen Probleme sicherer und sogar vielleicht klarer hervorgehen 
wird, als aus dieser abstrakten Grundlegung. Es ist ja in geistigen 
Dingen nichts ganz Seltenes — ja, auf den allgemeinsten und tiefsten 
Problemgebieten etwas Durchgehendes — dafs dasjenige, was wir mit 
einem unvermeidlichen Gleichnis das Fundament nennen 'müssen, nicht 
so fest steht, wie der darauf errichtete Oberbau. Auch die wissen- 
schaftliche Praxis wird, insbesondre auf bisher unerschlossenen Ge- 
bieten, ein gewisses Mafs instinktiven Vorgehens nicht entbehren 
können, dessen Motive und Normen erst nachträglich völlig klares 
Bewufstsein und begriffliche Durcharbeitung gewinnen. Und sowenig^ 
die wissenschaftliche Arbeit irgendwann sich völlig auf jene noch un- 
deutlichen, instinktmäfsigen , nvir in der Einzeluntersuchung unmittel- 
bar betätigten Verfahrungsweisen stellen darf, so hiefse es dennoch, 
sie zur Unfruchtbarkeit verurteilen, wenn man neuen Aufgaben 
gegenüber eine restlos formulierte Methodik zur Bedingung schon des 
ersten Schrittes machen wollte ^). — 

')' Sehen wir die unendliche Komplikation des gesellschaftlichen 
Lebens an, die eben aus der ersten Roheit sich erhebenden Begriffe und 
Methoden, mit denen sie geistig bezwungen werden soll, so wäre es ein 
Gröfsenwahn, jetzt schon eine bis zum Grunde hinunterreichende Klarheit 
der Fragen und Richtigkeit der Antworten hoffen zu wollen. Es scheint 
mir würdiger, dies von vornherein zuzugeben, da auf diese Weise wenigstens 
ein entschiedener Anfang gemacht ist, statt mit der Behauptung des Ab- 
schlusses sogar diese Bedeutung derartiger Versuche fraglich zu machen. 
— So sind also die Kapitel dieses Buches der Methode nach als Beispiele, 
dem Inhalte nach nur als Fragmente dessen gedacht, was ich für die Wissen- 
schaft von der Gesellschaft halten mufs. In beiden Hinsichten schien es an- 
gezeigt, die Themata möglichst heterogen zu wählen, ganz Allgemeines und 
Spezialistisches zu mischen. Je weniger das hier Gebotene sich zu einem 
systematischen Zusammenhang abrundet, je weiter seine Teile auseinander 
liegen , um so umfassender erscheint der Kreis , zu dem eine künftige Ver- 
vollkommnung der Soziologie ihre schon jetzt festlegbaren vereinzelten 
Punkte verbinden wird. Wenn ich damit den völlig bruchstückhaften und 
unvollständigen Charakter dieses Buches selbst hervorhebe, so will ich mich 
nicht gegen dahin lautende Einwände durch ein billiges Prävenire decken. 
Denn wenn seine, für das Ideal objektiver Vollendung zweifellose Zufällig- 
keit in der Auswahl der Einzelprobleme und der Exemplifizierungen als ein 
Fehler erschiene, so würde dies nur beweisen, dafs ich seinen Grund- 
gedanken nicht hinreichend deutlich zu machen verstanden habe. Denn 
diesem nach kann es sich nur um Anfang und Wegweisung für einen un- 
endlich langen Weg handeln, und jede systematisch abschliefsende Voll- 
ständigkeit wäre mindestens eine Selbsttäuschung. Vollständigkeit kann der 
Einzelne hier nur in dem subjektiven Sinne erreichen, dafs er alles mitteilt, 
was ihm zu sehen gelungen ist. 

Simmel, Soziologie. 2 



— 18 — 

Innerhalb des Problemgebietes, das durch die Aussonderung der 
Formen vergesellschaftender Wechselwirkung aus der Totalerscheinung 
der Gesellschaft gebildet wird, liegen Teile der hier gebotenen Unter- 
suchungen schon sozusagen quantitativ jenseits der sonst als sozio- 
logisch anerkannten Aufgaben. Stellt man nämlich erst einmal die 
Frage nach den zwischen den Individuen hin und hergehenden Ein- 
wirkungen, deren Summe jenen Zusammenhalt zur Gesellschaft ergibt, 
so zeigt sich sogleich eine Reihe, ja sozusagen eine Welt solcher Be- 
ziehungsformen, die in die Gesellschaftswissenschaft bisher entweder 
überhaupt nicht, oder ohne Einsicht in ihre prinzipielle und vitale 
Bedeutung einbezogen wurden. Im ganzen hat sich die Soziologie 
' eigentUch auf diejenigen gesellschaftlichen Erscheinungen beschränkt, 
bei denen die wechselwirkenden Kräfte schon aus ihrem unmittelbaren 
Träger auskristallisiert sind, mindestens zu ideellen Einheiten. Staaten 
und Gewerkvereine, Priesterschaften und Familienformen, Wirtschafts- 
verfassungen und Heerwesen, Zünfte und Gemeinden, Klassenbildung 
und industrielle Arbeitsteilung — diese und die ähnlichen grofsen 
Organe imd Systeme scheinen die Gesellschaft auszumachen und den 
Kreis der Wissenschaft von ihr zu erfüllen. Es liegt auf der Hand, 
dafs, je grölser, bedeutsamer und beherrschender eine soziale Inter- 
essenprovinz und Aktionsrichtung ist, um so eher jene Erhebung des 
unmittelbaren, interindividuellen Lebens und Wirkens zu objektiven 
Gebilden, zu einer abstrakten Existenz jenseits der einzelnen und pri- 
mären Prozesse stattfinden wird. Allein dies bedarf nun einer nach 
zwei Seiten hin wichtigen Ergänzung. Es bestehen aufser jenen weit- 
hin sichtbaren, ihren Umfang und ihre äulsere Wichtigkeit allenthalben 
aufdrängenden Erscheinungen eine unermefsliche Zahl von kleineren, 
in den einzelnen Fällen geringfügig erscheinenden Beziehungsformen 
und Wechselwirkungsarten zwischen den Menschen, die aber von 
diesen einzelnen Fällen in gar nicht abzuschätzender Masse dargeboten 
werden, und, indem sie sich zwischen die umfassenden, sozusagen offi- 
ziellen sozialen Formungen schieben, doch erst die Gesellschaft, wie 
wir sie kennen, zustandebringen. Die Beschränkung auf jene gleicht 
der früheren Wissenschaft vom inneren menschlichen Körper, die sich 
auf die grofsen, fest umschriebenen Organe: Herz, i Leber, Lunge, 
Magen usw. beschränkte und die unzähligen, populär nicht be- 
nannten oder nicht bekannten Gewebe vernachlässigte, ohne die jene 
deutlicheren Organe niemals einen lebendigen Leib ergeben würden. 



— 19 — 

Aus den Gebilden der genannten Art, die die herkömmlichen Gegen- 
stände der Gesellschaftswissenschaft bilden, Heise sich das wirkliche, 
in der Erfahrung vorliegende Leben der Gesellschaft durchaus nicht 
zusammensetzen; ohne die Dazwischen Wirkung unzähliger, im einzelnen 
weniger umfänglicher Synthesen, denen diese Untersuchungen grofsen- 
teils gewidmet sein sollen, würde es in eine Vielzahl diskontinuierlicher 
Systeme auseinanderbrechen. Was die wissenschaftliche Fixierung 
solcher unscheinbaren Sozialformen erschwert, ist zugleich das, was 
sie für das tiefere Verständnis der Gesellschaft unendlich wichtig 
macht : dafs sie im allgemeinen noch nicht zu festen, überindividuellen 
Gebilden verfestigt sind, sondern die Gesellschaft gleichsam im Status 
nascens zeigen — natürlich nicht in ihrem überhaupt ersten, historisch 
unergründbaren Anfang, sondern in demjenigen, der jeden Tag und 
zu jeder Stunde geschieht; fortwährend knüpft sich und löst sich und 
knüpft sich von neuem die Vergesellschaftung unter den Menschen, 
ein ewiges Fliessen und Pulsieren, das die Individuen verkettet, auch 
wo es nicht zu eigentlichen Organisationen aufsteigt. Hier handelt 
es sich gleichsam um die mikroskopisch-molekularen Vorgänge inner- 
halb des Menschenmaterials, die aber doch das wirkliche Geschehen 
sind, das sich zu jenen makroskopischen, festen Einheiten und Systemen 
erst zusammenkettet oder hypostasiert. Dafs die Menschen sich gegen- 
seitig anblicken, und dafs sie aufeinander eifersüchtig sind; dafs sie 
sich Briefe schreiben oder miteinander zu Mittag essen; dafs sie sich, 
ganz jenseits aller greifbaren Interessen, sympathisch oder antipathisch 
berühren; dafs die Dankbarkeit der altruistischen Leistung eine un- 
zerreifsbar bindende Weiterwirkung bietet ; dafs einer den andern nach 
dem Wege fragt und dafs sie sich füreinander anziehn und schmücken 
— all die tausend, von Person zu Person spielenden, momentanen 
oder dauernden, bewufsten oder unbewufsten, vorüberfliegenden oder 
folgenreichen Beziehungen, aus denen diese Beispiele ganz zufällig 
gewählt sind,( knüpfen uns unaufhörlich zusammen. In jedem Augen- 
blick spinnen sich solche Fäden, werden fallen gelassen, wieder auf- 
genommen, durch andre ersetzt, mit andern verwebt. Hier liegen die, 
nur der psychologischen Mikroskopie zugängigen Wechselwirkungen 
zwischen den Atomen der Gesellschaft, die die ganze Zähigkeit und 
Elastizität, die ganze Buntheit und Einheitlichkeit dieses so deutlichen 
und so rätselhaften Lebens der Gesellschaft tragen. Es handelt sich 
"darum, das Prinzip der unendlich vielen und unendlich kleinen Wir- 



— 20 — 

kungen ebenso auf das Nebeneinander der Gesellschaft anzuwenden, 
wie es sich in den Wissenschaften des Nacheinander: der Geologie, 
der biologischen Entwicklungslehre, der Geschichte als wirksam er- 
wiesen hat. Die unermefslich kleinen Schritte stellen den Zusammenhang 
der geschichtlichen Einheit her, die ebenso unscheinbaren Wechsel- 
wirkungen von Person zu Person den Zusammenhang der gesellschaft- 
lichen Einheit. Was fortwährend an physischen und seelischen Be- 
rührungen, an gegenseitiger Erregung von Lust und Leid, an Ge- 
sprächen und Schweigen, an gemeinsamen und antagonistischen Inter- 
essiertheiten vor sich geht — das erst macht die wunderbare Un- 
zerreifsbarkeit der Gesellschaft aus, das Fluktuieren ihres Lebens, mit 
dem ihre Elemente ihr Gleichgewicht unaufhörlich gewinnen, verlieren, 
^ verschieben. Vielleicht wird von dieser Erkenntnis aus für die Ge- 
sellschaftswissenschaft erreicht, was für die Wissenschaft vom orga- 
nischen Leben der Beginn der Mikroskopie bedeutete. War die 
Untersuchung bis dahin auf die grofsen, entschieden gesonderten 
Körperorgane beschränkt, deren Form- und Funktionsverschiedenheiten 
sich ohne weiteres darboten, so zeigte sich nun erst der Lebensprozefs 
in seiner Bindung an seine kleinsten Träger, die Zellen, und in seiner 
Identität mit den zahllosen und unaufhörlichen Wechselwirkungen 
zwischen diesen. Wie sie sich aneinander heften oder sich zerstören, 
sich assimilieren oder sich chemisch beeinflussen — dies erst läfst 
allmählich einsehen, wie der Körper seine Form bildet, sie erhält oder 
ändert. Die grofsen Organe, in denen diese fundamentalen Lebens- 
träger und ihre Wechselwirkungen sich zu makroskopisch wahrnehm- 
baren Sondergebilden und Leistungen zusammengefunden haben, würden 
den Zusammenhang des Lebens niemals begreiflich gemacht haben, 
wenn nicht jene unzähligen, zwischen den kleinsten Elementen sich 
abspielenden Vorgänge, die von den makroskopischen gleichsam erst 
zusammengefafst werden, sich als das eigentliche, fundamentale Leben 
enthüllt hätten. Ganz jenseits jeder soziologischen oder metaphysischen 
Analogie zwischen den Realitäten von Gesellschaft und Organismus 
handelt es sich hier nur um die Analogie des methodischen Betrachtens 
und seiner Entwicklung; um die Aufdeckung der zarten Fäden, der 
minimalen Beziehungen zwischen Menschen, von deren kontinuierlicher 
Wiederholung all jene grofsen, objektiv gewordenen, eine eigentliche 
Geschichte bietenden Gebilde begründet und getragen werden. Diese 
ganz primären Prozesse, die aus dem unmittelbaren, individuellen 



— 21 — 

Material Gesellschaft bilden, sind also, neben den höheren und kom- 
plizierteren Vorgängen und Gebilden, der formalen Betrachtung zu 
unterziehen, die besonderen Wechselwirkungen, die sich in diesen, 
dem theoretischen Blick nicht ganz gewohnten Mafsen bieten, sind als 
gesellschaftsbildende Formen, als Teile der Vergesellschaftung über- 
haupt, zu prüfen. Ja, diesen scheinbar unbedeutenden Relationsarten 
wird zweckmäfsig eine um so eingehendere Betrachtung zu widmen 
sein, je mehr die Soziologie sie sonst zu übersehen pflegt. 

Gerade aber mit dieser Wendung scheinen die hier geplanten 
Untersuchungen nichts andres zu werden, als Kapitel der Psychologie, 
allenfalls der Sozialpsychologie. Nun ist freilich kein Zweifel, dafs 
alle gesellschaftlichen Vorgänge und Instinkte ihren Sitz in Seelen 
haben, dafs Vergesellschaftung ein psychisches Phänomen ist und dafs 
es zu ihrer fundamentalen Tatsache : dafs eine Mehrheit von Elementen 
zu einer Einheit wird — in der Welt des Körperlichen nicht einmal eine 
Analogie gibt, da in dieser alles in das unüberwindliche Aufsereinander 
des Raumes gebannt bleibt. Welches auf serliche Geschehen auch 
immer wir als gesellschaftliches bezeichnen, es wäre ein Marionetten- 
spiel, nicht begreiflicher und nicht bedeutungsvoller als das Ineinander- 
rinnen der Wolken oder das Durcheinanderwachsen der Baumzweige, 
wenn wir nicht ganz selbstverständlich seelische Motivierungen, Ge- 
fühle, Gedanken, Bedürfnisse, nicht nur als Träger jener Äufserlich- 
keiten, sondern als ihr Wesentliches und uns eigentlich allein Inter- . 
essierendes erkennten. Das kausale Verständnis jeglichen sozialen 
Geschehens wäre also in der Tat gewonnen, wenn psychologische 
Feststellungen und ihre Entwicklung gemäfs »psychologischen Gesetzen« 
— so problematisch uns ihr Begriff ist — diese Ereignisse vollkommen 
zu deduzieren gestatteten. Auch ist kejn Zweifel, dafs die uns zu- 
gängigen Begreifbarkeiten des geschichtlich-gesellschaftlichen Daseins 
nichts andres sind, als seelische Verkettungen, die wir entweder mit - 
instinktiver oder mit methodischer Psychologie nachbilden und zu 
innerer Plausibilität , zu dem Gefühl einer seelischen Notwendigkeit 
der fraglichen Entwicklungen bringen. Insofern ist jede Geschichte , jede 
Schilderung eines sozialen Zustandes, eine Ausübung psychologischen 
Wissens. Allein es ist von der äufsersten methodischen Wichtigkeit 
und geradezu entscheidend für die Prinzipien der Geisteswissenschaften 
überhaupt, dafs die wissenschaftliche Behandlung seelischer Tatsachen 
noch keineswegs Psychologie zu sein braucht; auch wo wir ununter- 



— 22 — 

brochen von ps)^chologischen Regeln und Kenntnissen Gebrauch machen^ 
wo die Erklärung jeder einzelnen Tatsache nur auf psychologischem 
Wege möglich ist — wie es innerhalb der Soziologie der Fall ist — , 
braucht Sinn und Absicht dieses Verfahrens durchaus nicht auf Psy- 
chologie zu gehn ; d. h. nicht auf das Gesetz des seelischen Prozesses^ 
der einen bestimmten Inhalt freilich allein tragen kann, sondern auf 
diesen Inhalt und seine Konfigurationen selbst. Es liegt hier ein nur 
gradueller Unterschied gegen die Wissenschaften von der äufseren 
Natur vor, die sich, als Tatsachen des geistigen Lebens, doch schliefs- 
lich auch nur innerhalb der Seele abspielen: die Entdeckung jeder 
astronomischen oder chemischen Wahrheit, ebenso wie das Nach-Denken 
einer jeden, ist ein Bewufstseinsereignis, das eine vollendete Psycho- 
logie rein aus seelischen Bedingungen und Entwicklungen restlos de- 
duzieren könnte. Allein jene Wissenschaften entstehen, insofern sie 
statt der seelischen Prozesse deren Inhalte und ihre Zusammen- 
hänge sich zum Gegenstande machen, ungefähr wie wir ein Gemälde 
nach seiner ästhetischen und kunstgeschichtlichen Bedeutung nicht aus- 
den physikalischen Oszillationen deduzieren, die seine Farben aus- 
machen und die freilich die ganze reale Existenz des Gemäldes zu- 
standebringen und tragen. Es ist immer eine Wirklichkeit, die wir 
in ihrer Unmittelbarkeit und Totalität nicht wissenschaftlich erfassen 
können, sondern von einer Reihe gesonderter Standpunkte her auf- 
nehmen müssen und damit zu einer Mehrzahl voneinander unabhängiger 
Wissenschaftsobjekte ausgestalten. Dies ist nun auch gegenüber den- 
jenigen seelischen Ereignissen erfordert, deren Inhalte sich nicht zu 
einer selbständigen Raumeswelt zusammenschliefsen und sich ihrer 
seelischen Realität nicht anschaulich entgegenstellen. Die Formen 
und Gesetze einer Sprache z. B., die doch gewifs nur aus Kräften der 
Seele zu Zwecken der Seele gebildet ist, werden dennoch von einer 
Sprachwissenschaft behandelt, die von jener allein gegebenen Reali- 
sierung ihres Gegenstandes völlig absieht und diesen letzteren rein nach 
seinem Sachgehalt und den nur an diesem Inhalt selbst bestehenden 
Formungen darstellt, analysiert oder konstruiert. Ähnlich nun verhält 
es sich mit den Tatsachen der Vergesellschaftung. Dafs Menschen 
einander beeinflussen, dafs der eine etwas tut oder leidet, ein Sein 
oder ein Werden zeigt, weil andre da sind und sich äufsern, handeln 
oder fühlen — das ist natürlich ein seelisches Phänomen und das his- 
torische Zustandekommen jedes einzelnen Falles seiner ist nur durch 



— 23 — 

psychologisches Nachformen, durch die Plausibilität psychologischer 
Reihen, durch die Interpretation des äufserlich Konstatierbaren mittels 
psychologischer Kategorien zu begreifen. Allein nun kann eine be- 
sondere wissenschaftliche Absicht dies seelische Geschehen als solches 
ganz aufser acht lassen und die Inhalte desselben, wie sie sich unter 
dem Begriff der Vergesellschaftung anordnen, für sich verfolgen, zer- 
legen, in Beziehungen setzen. Es werde also z. B. festgestellt, dals 
das Verhältnis eines Mächtigeren zu Schwächeren, das die Form 
des primus inter pares hat, typischerweise dahin gravitiert, zu einer 
absoluten Machtstellung jenes zu werden und die Gleichheitsmomente 
allmählich auszuscheiden. Obgleich dies in der historischen Wirklich- 
keit ein seelischer Vorgang ist, so interessiert uns jetzt vom sozio- 
logischen Blickpunkt aus nur : wie sich die verschiedenen Stadien der 
Über- und Unterordnung hier aneinanderreihen, bis zu welchem Mafse 
eine Überordnung in einer bestimmten Beziehung mit Gleichordnung 
in anderen Beziehungen verträglich ist und von welchem Mafse der 
Übermacht an sie diese letztere völlig vernichtet; ob die Frage der 
Verbindung, die Möglichkeit der Kooperation, in dem früheren oder 
in dem späteren Stadium solcher Entwicklung die gröfsere ist usw. 
Oder es wird festgestellt, dafs Gegnerschaften dann am erbittertsten 
sind, wenn sie sich auf der Grundlage einer früheren oder noch irgend- 
wie fühlbaren Gemeinsamkeit tmd Zusammengehörigkeit erheben, wie 
man als den glühendsten Hafs etwa den unter Blutsverwandten be- 
zeichnet hat. Dies wird man als Ereignis nur psychologisch begreiflich 
machen, ja beschreiben können. Aber als soziologische Formung be- 
trachtet, ist nicht die in jedem von zwei Individuen ablaufende see- 
lische Reihe an sich von Interesse, sondern die Synopsis beider unter 
der Kategorie der Einung und der Entzweiung; wie weit das Ver- 
hältnis zweier Individuen oder Parteien Gegnerschaft und Zusammen- 
gehörigkeit einschliefsen kann, um dem Ganzen noch die Färbung der 
letzteren zu lassen oder ihm die der ersteren zu geben ; welche Arten 
der Zusammengehörigkeit, als Erinnerung oder als nicht auszulöschender 
Instinkt, die Mittel zu grausamerer, tiefer verletzender Schädigung an 
die Hand geben, als sie bei von vornherein bestehender Fremdheit 
möglich ist; kurz, wie jene Beobachtung als Realisierung von Be- 
ziehungsformen der Menschen darzustellen ist, welche besondere 
Kombination der soziologischen Kategorien sie darstellt — darauf 
kommt es jetzt an, obgleich die singulare oder typische Beschreibung 



— 24 — 

des Vorganges selbst immer nur psychologisch sein kann. Eine frühere 
Andeutung aufnehmend, kann man dies unter Vorbehalt aller Unter- 
schiede mit der geometrischen Deduktion vergleichen, die sich an einer 
auf die Tafel hingezeichneten Figur vollzieht. Was hier allein gegeben 
und gesehen werden kann, sind physisch aufgetragene Kreidestriche; 
was wir aber mit der geometrischen Betrachtung meinen, sind nicht 
sie, sondern ihre Bedeutung von dem geometrischen Begriff aus, der 
jener physischen Figur als einer Lagerung von Kreideteilchen völlig 
heterogen ist — während sie andrerseits auch als dieses physische Ge- 
bilde unter wissenschaftliche Kategorien gereiht und etwa ihr physio- 
logisches Zustandekommen oder ihre chemische Beschaffenheit oder 
ihr optischer Eindruck Gegenstände besonderer Untersuchungen sein 
können. So also sind die Gegebenheiten der Soziologie seelische Vor- 
gänge, deren unmittelbare Wirklichkeit sich zunächst den psycho- 
logischen Kategorien darbietet-, aber diese, obgleich für die Schilde- 
rung der Tatsachen unentbehrlich, bleiben auf serhalb des Zweckes 
der soziologischen Betrachtung, der vielmehr nur in der von den 
psychischen Vorgängen getragenen und oft nur durch sie zu schil- 
dernden Sachlichkeit der Vergesellschaftung liegt — wie etwa ein 
Drama von Anfang bis Ende nur psychologische Vorgänge enthält, 
nur psychologisch verstanden werden kann, und dennoch seine Absicht 
nicht in psychologischen Erkenntnissen hat, sondern in den Synthesen, 
die die Inhalte der seelischen Vorgänge unter den Gesichtspunkten 
der Tragik, der Kunstform, der Lebenssymbole bilden ^). 

Wenn die Lehre von der Vergesellschaftung als solcher, ab- 
gesondert von allen Sozialwissenschaften, die von einem besonderen 
Inhalt des gesellschaftlichen Lebens aus bestimmt sind, als die einzige 
Wissenschaft erschien, die zu dem Namen der Gesellschaftswissen- 
schaft schlechthin berechtigt ist, so ist das Wichtige natürlich nicht 
■diese Namengebung, sondern die Auffindung jenes neuen Komplexes 

') Die Einführung einer neuen Betrachtungsweise der Tatsachen mufs 
die verschiedenen Seiten ihrer Methode durch Analogien anerkannter Ge- 
biete stützen; aber erst der — vielleicht endlose — Prozefs, in dem das 
Prinzip seine Durchführungen innerhalb der konkreten Forschung bestimmt 
und diese Durchführungen das Prinzip als fruchtbar legitimieren, kann 
solche Analogien von dem reinigen, worin zunächst die Verschiedenheit der 
Materien die jetzt entscheidende Formgleichheit überdeckt; dieser Prozefs 
nimmt ihnen ihre Mifsverständlichkeit freilich nur in dem Grade, in dem er 
sie überflüssig macht. 



— 25 — 

A^on Einzelproblemen. Der Streit, was denn Soziologie eigentlich be- 
deute, erscheint mir, solange er sich nur um die Zuerkennung dieses 
Titels an bereits bestehende und behandelte Aufgabenkreise dreht, 
als etwas völlig Belangloses. Wenn indefs für diese Aufgabensamm- 
lung der Titel Soziologie mit dem Anspruch erwählt ist, den Begriff 
der Soziologie völlig und allein zu decken, so mufs dies noch einer 
andern Problemgruppe gegenüber gerechtfertigt werden, die unleugbar 
nicht weniger, über die inhaltlich bestimmten Gesellschaftswissen- 
schaften hinaus. Aussagen über die Gesellschaft als solche und als 
ganze zu gewinnen suchen. 

Wie jede andre exakte, auf das unmittelbare Verständnis des 
Gegebenen gerichtete Wissenschaft, ist auch die soziak von zwei 
philosophischen Gebieten eingegrenzt. Das eine umfalst die Be- 
dingungen, Grundbegriffe, Voraussetzungen der Einzelforschung, die 
in dieser selbst keine Erledigung finden können, da sie ihr vielmehr 
schon zugrunde liegen; in dem andern wird diese Einzelforschung zu 
Vollendungen und Zusammenhängen geführt und mit Fragen und 
Begriffen in Beziehung gesetzt, die innerhalb der Erfahrung und des 
unmittelbar gegenständlichen Wissens keinen Platz^ haben. Jenes ist 
die Erkenntnistheorie, dieses die Metaphysik der fraglichen Einzel- 
gebiete. Die letztere bedeutet eigentlich zwei Probleme, die indefs 
in der wirklichen Denkbehandlung mit Recht ungeschieden zu bleiben 
pflegen: die Unbefriedigung an dem fragmentarischen Charakter der 
Einzelerkenntnisse, an dem frühen Ende der sachlichen Feststellbar- 
keiten und der Beweisreihen führt zu der Ergänzung dieser UnvoU- 
kommenheiten mit den Mitteln der Spekulation; und eben dieselben 
dienen dem parallelen Bedürfnis, die Zusammenhangslosigkeit und 
gegenseitige Fremdheit jener Stücke zur Einheit eines Gesamtbildes 
zu ergänzen. Neben dieser, auf den Grad des Erkennens gerichteten 
metaphysischen Funktion, geht eine andre auf eine andre Dimension 
des Daseins, in der die metaphysische Bedeutung seiner Inhalte liegt : 
wir drücken sie aus als den Sinn oder den Zweck, als die absolute 
Substanz unter den relativen Erscheinungen, auch als den Wert oder 
die religiöse Bedeutung. Der Gesellschaft gegenüber ergibt diese 
geistige Attitüde Fragen wie diese: Ist die Gesellschaft der Zweck 
der menschlichen Existenz oder ein Mittel für das Individuum? Ist 
sie etwa für dieses nicht einmal ein Mittel, sondern umgekehrt eine 
Hemmung? Liegt ihr Wert in ihrem funktionellen Leben oder in 



— 26 — 

der Erzeugoing eines objektiven Geistes oder in den ethischen Qualitäten, 
die sie an den Einzelnen hervorruft ? Offenbart sich in den typischen 
Entwicklungsstadien der Gesellschaften eine kosmische Analogie? — 
so dafs die sozialen Beziehungen der Menschen in eine allgemeine, 
für sich nicht in die Erscheinung tretende, alle Erscheinungen aber 
fundamentierende Form oder Rhythmus einzuordnen wären, die auch 
die Wurzelkräfte der materiellen Tatsachen lenkt ? Kann es überhaupt 
eine metaphysisch-religiöse Bedeutung von Gesamtheiten geben oder 
ist diese den individuellen Seelen vorbehalten? 

Allein diese und unzählige Fragen ähnlicher Art scheinen mir 
nicht diejenige kategoriale Selbständigkeit, dasjenige einzigartige Ver- 
hältnis zwischen Gegenstand und Methode zu besitzen, das sie zur 
Gründung der Soziologie als einer neuen Wissenschaft, die den bestehen- 
den nebengeordnet wäre, legitimierte. Denn alles dies sind schlechthin 
philosophische Fragen, und dafs sie als ihren Gegenstand die 
Gesellschaft aufgenommen haben, bedeutet nur die Erstreckung einer 
ihrer Struktur nach bereits gegebenen Erkenntnisart auf ein weiteres 
Gebiet. Mag man Philosophie überhaupt als Wissenschaft anerkennen 
oder nicht : die Philosophie der Gesellschaft hat keinerlei Rechtsgrund, 
sich den Vorteilen oder Nachteilen ihrer Zugehörigkeit zur Philosophie 
überhaupt durch ihre Konstituierung zu einer besonderen Wissenschaft 
der Soziologie zu entziehen. 

Nicht anders steht es mit dem Typus philosophischer Probleme, 
die, nicht wie die bisherigen, die Gesellschaft zur Voraussetzung haben, 
sondern vielmehr nach den Voraussetzungen der Gesellschaft selbst 
fragen — nicht in dem historischen Sinne, als sollte das Zustande- 
kommen irgend einer einzelnen Gesellschaft oder die physikalischen 
und anthropologischen Bedingungen, auf Grund deren Gesellschaft 
entstehen kann, beschrieben werden. Auch nicht um die einzelnen 
Triebe handelt es sich hier, die ihr Subjekt, indem es andern Subjekten 
begegnet, zu den Wechselwirkungen bewegen, deren Arten die Soziologie 
beschreibt. Sondern darum: wenn ein derartiges Subjekt besteht — 
welches sind die Voraussetzungen seines Bewufstseins, ein Gesellschafts- 
wesen zu sein? In jenen Teilen an und für sich liegt noch nicht 
Gesellschaft ; in den Wechselwirkungsformen ist sie schon wirklich — 
welches sind nun die inneren imd prinzipiellen Bedingungen, auf Grund 
deren die mit solchen Trieben ausgestatteten Individuen die Gesell- 
schaft überhaupt zustandebringen, das Apriori, das die empirische 



— 27 — 

Struktur des Einzelnen, insofern er Gesellschaftswesen ist, ermöglicht 
und formt? Wie sind nicht nur die empirisch entstehenden Einzel- 
gestaltungen, die unter dem Allgemeinbegriff der Gesellschaft stehen, 
möglich, sondern die Gesellschaft überhaupt als eine objektive Form 
subjektiver Seelen? 



Exkurs über das Problem: Wie ist Qesellscliaft 

möglich ? 

Kant konnte die fundamentale Frage seiner Philosophie: Wie 
ist Natur möglich? — nur stellen und nur beantworten, weil für 
ihn Natur nichts andres war als die Vorstellung von der Natur. 
Dies bedeutet nicht etwa nur, dafs ^die Welt meine Vorstellung 
ist<, dafs wir also auch von Natur nur soiveit sprechen können, 
wie sie ein Inhalt unseres Bewufstseins ist; sondern, was wir 
Natur nennen, ist eine besondre Art , auf die unser Intellekt die 
Sinnesempfindungen zusammensetzt , anordnet , formt. Diese i ge- 
gebenen^ Empfindungen, des Farbigen und Schmeckbaren, der Töne 
und der Temperaturen, der Widerstände und der Gerüche, die in der 
zufälligen Folge subjektiven Erlebens unser Bewufstsein durch- 
ziehen, sind für sich noch nicht ^ Natura, sondern sie werden es 
durch die Aktivität des Geistes, der sie zu Gegenständen und Reihen 
derselben, zu Substanzen und Eigenschaften, zu ursächlichen Ver- 
knüpftheiten zusammenstellt. Wie uns die Elemente der Welt 
unmittelbar gegeben sind, besteht nach Kant unter ihnen nicht 
diejenige Verbindung , die allein aus ihnen die verständliche, 
gesetzmäfsige Einheit der Natur macht, oder richtiger: die eben 
das Natur -Sein jener an sich inkohärenten und regellos auf- 
tauchenden Weltfragmente bedeutet. So wächst das Kantische Welt- 
bild in dem eigentümlichsten Wider spiel: unsre Sinneseindrücke 
sind ihm rein subjektiv , da sie von der physisch -psychischen Or- 
ganisation, die bei andern Wesen eine andre sein könnte, und von 
der Zufälligkeit ihrer Erregungen abhängen, aber sie werden zu 
^ Objekten^, indem sie von den Formen unsres Intellekts auf- 
genom.men, durch diese zu festen Regelmäfsigkeiten und zu einem 
zusammenhängenden Bild der ^ Natura gestaltet werden; andrer- 
seits aber sind jene Empfindungen doch das real Gegebene , der 
unabänderlich hinzunehmende Inhalt der Welt und die Gewähr für 



— 28 — 

£in von uns unabhängiges Sein, so dafs nun grade jene intellek- 
tuellen Formungen ihrer su Objekten, Zusammenhängen, Gesetz- 
lichkeiten als subjektiv erscheinen , als das von uns Mitgebrachte 
gegenüber dem, was wir vom Dasein empfangen , als die Funk- 
tionen des Intellektes selbst, die, selbst unveränderlich, aus einem 
andern Sinnesmaterial eine inhaltlich andre Natur gebildet hätten. 
Natur ist für Kant eine bestimmte Art des Erkennens , ein durch 
unsre Erkenntniskategorien und in ihnen erwachsendes Bild. Die 
Frage also : wie ist Natur möglich ? — d. h. welches sind die Be- 
dingungen, die vorliegen müssen, damit es eine Natur gebe — löst 
sich ihm durch die Aufsuchung der Formen, die das Wesen unsres 
Intellekts ausmachen und damit die Natur als solche zustande 
bringen. 

Es würde naheliegen, die Frage nach den apriorischen Be- 
dingungen, auf Grund deren Gesellschaft möglich ist, in analoger 
Weise su behandeln. Denn auch hier sind individuelle Elemente 
gegeben, die in gewissem Sinn auch immer in ihrem Auf ser einander 
bestehen bleiben, wie die Sinnesempßndungen es tun, und ihre 
Synthese su der Einheit einer Gesellschaft nur durch einen Be- 
wufstseinsproBefs erfahren, der das individuelle Sein des einseinen 
Elementes mit dem des andern in bestimmten Formen nach be- 
stimmten Regeln in Beziehung setzt. Die entscheidende Differenz 
der Einheit einer Gesellschaft gegen die Natur einheit aber ist diese: 
dafs die letztere — für den hier vorausgesetzten Kantischen Stand- 
punkt — ausschliefslich in dem betrachtenden Subjekt zustande 
kommt , ausschliefslich von ihm an und aus den an sich unver- 
y(„ bundenen Sinneselementen erzeugt wird; tvogegen die gesellschaft- 
liche Einheit von ihren Elementen, da sie bewufst und synthetisch- 
aktiv sind , ohne weiteres realisiert wird und keines Betrachters 
bedarf. Jener Satz Kants: Verbindung könne niemals in den 
Dingen liegen, da sie nur vom Subjekte zustande gebracht wird, 
gilt für die gesellschaftliche Verbindung nicht , die sich vielmehr 
tatsächlich in den t> Dingen^ — welche hier die individuellen Seelen 
sind — unmittelbar vollzieht. Auch sie bleibt natürlich, als Syn- 
these, etwas rein seelisches und ohne Parallele mit Raumgebilden 
und deren Wechselwirkungen. Aber die Vereinheitlichung bedarf 
hier keines Faktors auf serhalb ihrer Elemente, da jedes von diesen 
die Funktion übt, die dem Äufseren gegenüber die seelische Energie 



— 29 — 

des Beschauers ausführt: das Bewiifstsein , mit den ajtdern 
eine Einheit sii bilden , ist hier tatsächlich die ganse mir Frage 
stehende Einheit. Dies bedeutet natürlich einerseits nicht das ab- 
strakte Bewufstsein des Einheitsbegriffes , sondern die unzähligen 
Singular en Beziehungen , das Gefühl und Wissen um dies Be- 
stimmen imd Bestimmtwerden dem andern gegenüber , und schliefst 
andrerseits ebensowenig aus , dafs etwa ein beobachtender Dritter 
aufserdem auch noch zwischen den Personen eine nur in ihm be- 
gründete Synthese , wie zwischen räumlichen Elementen, vollzieht. 
Welcher Bezirk des auf serlich-anschaulichen Seins zu einer Einheit 
zusammenzufassen ist , das ergibt sich nicht aus seinem unmittel- 
baren und schlechthin objektiven Inhalt , sondern wird durch die 
Kategorien des Subjekts und von seinen Erkenntnisbedürfnissen 
her bestimmt. Die Gesellschaft aber ist die objektive , des in ihr 
nicht mitbegriffenen Beschauers unbedürftige Einheit. 

Die Dinge in der Natur sind einerseits weiter auseinander als 
die Seelen ; die Einheit des einen Menschen mit dem andern, die itn 
Verstehen, in der Liebe, im gemeinsamen Werk liegt — zu ihr gibt 
es in der räumlichen Welt , in der jedes Wesen seinen mit keinem 
andern teilbaren Raum einnimmt, überhaupt keine Analogie. Andrer- 
seits aber gehen die Stücke des räumlichen Seins in dem Bewufstsein 
des Beschauers zu einer Einheit zusammen , die nun wieder von 
dem Zusammen der Individuen nicht erreicht wird. Denn dadurch, 
dafs die Gegenstände der Synthese hier selbständige Wesen, see- 
lische Zentren, personale Einheiten sind , wehren sie sich gegen 
jenes absolute Zusatnmengehn in der Seele eines andern Subjektes, 
dem die ^ Selbstlosigkeit ^ der unbeseelten Dinge sich fügen mufs. 
So ist eine Anzahl von Menschen recditer in viel höherem, idealiter 
aber in viel geringerem Mafse eine Einheit, als Tisch, Stühle, Sofa, 
Teppich und Spiegel ■!>eine Zimmereinrichtung^ bildest oder Flufs, 
Wiese, Bäume, Haus >:>eine Landschaft a oder auf einem Gemälde 
Tcin Bildi< sind. — In ganz andrem Sinne als die äufsre Welt ist 
die Gesellschaft ^meine Vorstellung <i, d. h. auf die Aktivität des 
Bewufstseins gestellt. Denn die andre Seele hat für mich eben 
dieselbe Realität wie ich selbst, eine Realität, die sich von der eines 
materiellen Dinges sehr unterscheidet. Wenn Kant noch so sehr 
versichert, dafs die räumlichen Objekte genau die gleiche Sicherheit 
hätten, wie meine eigne Existenz, so können mit der letzteren nur 



— 30 — 

die einBeinen Inhalte meines subjektiven Lehens gemeint sein; 
denn die Grundlage des Vorstellens überhaupt , das Gefühl des 
seienden Ich hat eine Unbedingtheit und Unerschütterlichkeit, die 
"von keiner einseinen Vorstellung eines materiellen Äufserlichen er- 
reicht wird. Aber eben diese Sicherheit hat für uns , begründbar 
oder nicht, auch die Tatsache des Du; 'und als Ursache oder als 
Wirkung dieser Sicherheit fühlen wir das Du als etwas von unsrer 
Vorstellung seiner Unabhängiges, etwas, das genau so für sich ist, 
wie unsre eigne Existens. Dafs dieses Für-Sich des Andern uns 
nun dennoch nicht verhindert, ihn mi unsrer Vorstellung bu 
machen, dafs etwas , das durchaus nicht in unser Vorstellen auf- 
zulösen ist , dennoch Bum Inhalt , also Bum Produkt dieses Vor- 
stellens wird — das ist das tiefste, psychologisch - erkenntnis- 
theoretische Schema und Problem der Vergesellschaftung. Inner- 
halb des eignen Bewufstseins unterscheiden wir sehr genau swischen 
der Fundamentalität des Ich, der VoraussetBung alles Vorstellens, 
die an der nie ganB bu beseitigenden Problematik seiner Inhalte 
nicht Teil hat — und diesen Inhalten, die sämtlich mit ihrem 
Kommen und Gehen, ihrer BcBweifelbarkeit und Korrigierbarkeit, 
sich als blofse Produkte jener absoluten und letBten Kraft und 
Existens unsres seelischen Seins überhaupt darstellen. Auf die 
andre Seele aber, obgleich wir sie schliefslich doch auch vor- 
stellen, müssen wir eben diese Bedingungen oder vielmehr: Un- 
bedingtheiten des eignen Ich übertragen , sie hat für uns jenes 
äufserste Realitätsmafs , das unser Selbst seinen Inhalten gegen- 
über besitBt und von dem wir sicher sind , dafs es auch jener 
andern Seele ihren Inhalten gegenüber Bukommt. Unter diesen 
Umständen hat die Frage: wie ist Gesellschaft möglich? — einen 
völlig andern methodischen Sinn als die: wie ist Natur möglich? 
Denn auf die letBtere antworten die Erkenntnisformen , durch die 
das Subjekt die Synthese gegebener Elemente Bur -»Natur i^ voÜBieht, 
auf die erstere aber die in den Elementen selbst a priori gelegenen 
Bedingungen, durch die sie sich real bu der Synthese » Gesellschaft^ 
verbinden. In gewissem Sinne ist der gesamte Inhalt dieses Buches, 
wie er sich auf Grund des vorangestellten Prinsips entwickelt, der 
AnsatB Bur Beantwortung dieser Frage. Denn es sucht die, 
schliefslich in Individuen sich voÜBiehenden , Vorgänge auf, die 
das Gesellschafts-Sein dieser bedingen — nicht als Beitlich voran- 



— 31 — 

gehende Ursachen für dieses Resultat, sondern als Teilvorgänge 
der Synthese , die wir zusammenfassend die Gesellschaft nennen. 
Allein die Frage ist noch in einem fundamentaleren Sinne bu ver- 
stehen. Ich sagte , dafs die Funktion, die synthetische Einheit su 
vollziehen, die der Natur gegenüber in dem anschauenden Subjekt 
ruht, der Gesellschaft gegenüber auf^die Elemente eben dieser selbst 
übergegangen wäre. Das Bewufstsein, Gesellschaft bu bilden, ist 
zwar nicht in abstracto dem Einseinen gegenwärtig, aber immerhin 
weifs jeder den andern als mit ihm verbunden , so sehr dieses 
Wissen um den andern als^den Vergesellschafteten, dieses Er- 
kennen des ganzen Komplexes als einer Gesellschaft — so sehr 
dieses Wissen und Erkennen sich nur an einzelnen, konkreten In- 
halten zu vollziehen pflegt. Vielleicht aber verhält sich dies nicht 
anders als -^die Einheit des Erkennensa , nach der wir zwar in 
den Bewufstseinsprozessen, einen konkreten Inhalt dein andern 
zuordnend, verfahren, ohne doch von ihr selbst anders als in 
seltnen und späten Abstraktionen ein gesondertes Bewufstsein zu 
haben. Nun ist die Frage: was liegt denn ganz allgemein und 
a priori zum Grunde , welche Voraussetzungen müssen wirksam 
sein, damit die einzelnen, konkreten Vorgänge im individuellen Be- 
wufstsein wirklich Sozialisierungsprozesse seien, welche Elemente 
sind in ihnen enthalten, die es ermöglichen , dafs ihre Leistung, 
abstrakt ausgesprochen , die Herstellung einer gesellschaftlichen 
Einheit aus den Individuen ist? Die soziologischen Aprioritäten 
werden dieselbe doppelte Bedeutung haben, wie diejenigen, die die 
Natur ^möglich machen ^ : sie werden einerseits, vollkommener oder 
mangelhafter, die wirklichenVergesellschaftungsvorgänge bestimmen, 
als Funktionen oder Energien des seelischen Verlaufes ; andrerseits 
sind sie die ideellen, logischen Voraussetzungen der perfekten, wenn- 
gleich in dieser Perfektion vielleicht niemals realisierten Ge- 
sellschaft — wie das Kausalgesetz einerseits in den tatsächlichen 
Erkenntnisprozessen lebt und wirkt , andrerseits die Form der 
Wahrheit, als des idealen System.s vollendeter Erkenntnisse, bildet, 
unabhängig davon , ob diese durch jene zeitliche , relativ zufällige 
seelische Dynamik realisiert wird oder nicht und unabhängig von 
der gröfseren oder geringeren Annäherung der im Bewufstsein 
wirklichen Wahrheit an jene ideell gültige. 

Es ist eine blofse Titelfrage , ob die Untersuchung dieser 



— 32 — 

Bedingungen des SosialisierimgsproBesses erkenntnistheoretisch 
heifsen soll oder nicht, da doch das aus ihnen sich erhebende, von 
ihren Formen normierte Gebilde nicht Erkenntnisse, sondern prak- 
tische Prosesse und SeinsBtistände sind. Allein dennoch ist, was 
ich hier meine und was als der generelle Begriß der Vergesell- 
schaftung auf seine Bedingungen geprüft werden soll , etwas er- 
kenntnisartiges: das Bewufstsein , sich bu vergesellschaften oder 
vergesellschaftet bu sein. Vielleicht würde man es besser ein 
Wissen als ein Erkennen nennen. Denn das Subjekt steht hier 
4. nicht einem Objekt gegenüber , von dem es allmählich ein theo- 
retisches Bild gewönne , sondern jenes Bewufstsein der Vergesell- 
schaftung ist unmittelbar deren Träger oder innere Bedeutung. Es 
handelt sich um die Prosesse der Wechselwirkung , die für das 
Individuum die — swar nicht abstrakte, aber doch des abstrakten 
Ausdrucks fähige — Tatsache bedeuten, vergesellschaftet bu sein. 
Welche Formen Bum Grunde liegen müssen, oder: welche spesi- 
fischen Kategorien der Mensch gleichsam mitbringen mufs , damit 
dieses Bewufstsein entstehe, und welches deshalb die Formen sind, 
die das entstandene Bewufstsein — die Gesellschaft als eine Wissens- 
tatsache — tragen mufs, dies kann man wohl die Erkenntnis- 
theorie der Gesellschaft nennen. Ich versuche im folgenden, einige 
dieser, als apriorisch wirkenden Bedingungen oder Formen der 
Vergesellschaftung — die freilich nicht wie die Kantischen Kate- 
gorien mit einem Worte benennbar sind — als Beispiel solcher 
Untersuchung bu skiBsieren. 

I. Das Bild, das ein Mensch vom andern aus der persönlichen 
Berührung gewinnt , ist durch gewisse Verschiebungen bedingt, 
die nicht einfache Täuschungen aus unvollständiger Erfahrung, 
mangelnder Sehschärfe , sympathischen oder antipathischen Vor- 
urteilen sind., sondern prinBipielle Änderungen der Beschaffenheit 
des realen Objekts. Und Bwar gehen diese Bunächst nach Bwei 
Dimensionen. Wir sehen den Andern in irgend einem Mafse ver- 
allgemeinert. Vielleicht , weil es uns nicht gegeben ist , eine von 
der unsern abweichende Individualität völlig in uns bu repräsen- 
tieren. Jedes Nachbilden einer Seele ist durch die Ähnlichkeit mit 
ihr bestimmt und obgleich diese keineswegs die einsige Bedingung 
des seelischen Erkennens ist — da einerseits eine gleichBeitige 
Ungleichheit erforderlich scheint, um DistanB und Objektivität bu 



— 33 — 

gewinnen, andrerseits eine intellektuelle Fähigkeit, die sich jenseits 
der Gleichheit oder Nicht-Gleichheit des Seins hält — so würde das 
vollkommene Erkennen dennoch eine vollkommene Gleichheit 
voraussetzen. Es scheint , als hätte jeder Mensch einen tiefsten 
Individualitätspunkt in sich, der von keinem andern, bei dem dieser 
Punkt qualitativ abweichend ist, innerlich nachgeformt werden 
kann. Und dafs diese Forderung mit jener Distanz und objektiven 
Beurteilung, auf denen das Vorstellen des Andern aufserdem ruht, 
schon logisch nicht vereinbar ist, beweist eben nur, dafs das voll- 
kommene Wissen um die Individualität des Andern uns versagt ist; y 
und von den wechselnden Mafsen dieses Mangels sind alle Verhältnisse 
der Menschen untereinander bedingt. Welches nun aber auch seine 
Ursache sei, seine Folge ist jedenfalls eine Verallgemeinerung des 
seelischen Bildes vom Andern, ein Verschwimmen der Umrisse, das 
der Einzigkeit dieses Bildes eine Beziehung zu andern zufügt. 
Wir stellen jeden Menschen, mit besondrer Folge für unser prak- 
tisches Verhalten zu ihm, als den Typus Mensch vor, zu dem seine 
Individualität ihn gehören läfst, wir denken ihn, neben all s'einer 
Singularität , unter einer allgemeinen Kategorie , die ihn freilich 
nicht völlig deckt und die er nicht völlig deckt — durch welch 
letztere Bestimmung sich dies Verhältnis von dem zwischen dem 
Allgemeinbegriff und der unter ihn gehörigen Einzelheit unter- 
scheidet. Um den Menschen zu erkennen, sehen wir ihn nicht 
nach seiner reinen Individvialität , sondern getragen^ erhoben oder 
auch erniedrigt durch den allgemeinen Typus , unter den wir ihn 
rechnen. Selbst wenn diese Umwandlung so unmerklich ist, dajs 
wir sie unmittelbar nicht mehr erkennen können, selbst dann, 
wenn all die geioöhnlichen char akter ologischen Oberbegriffe: 
moralisch oder unmoralisch , frei oder gebunden, herrisch oder 
Sklavenhaft usw. versagen — innerlich benennen wir den Menschen 
doch nach einem, wortlosen Typus, mit dem sein reines Für sichsein 
nicht zusammenfällt. 

Und dies führt noch eine Stufe weiter hinab. Grade aus der 
völligen Einzigkeit einer Persönlichkeit formen wir ein Bild 
ihrer, das mit ihrer Wirklichkeit nicht identisch ist , aber dennoch 
nicht ein allgemeiner Typus ist , vielmehr das Bild , das er zeigen 
würde, wenn er sozusagen ganz er selbst wäre , wenn er nach 
der guten oder schlechten Seite hin die ideelle Möglichkeit , die in 

S i mm el, Soziologie. 3 



— 34 — 

jedem Menschen ist, realisierte. Wir alle sind Fragmente , nicht 
nur des allgemeinen Menschen, sondern auch unser selbst. Wir 
sind Ansätze nicht nur su dem Typus Mensch überhaupt, nicht nur 
SU dem Typus des Guten und des Bösen u. dgl., sondern wir sind 
auch Ansätse bu der — prinzipiell Glicht mehr benennbaren — 
Individualität und Einzigkeit unser selbst, die wie mit ideellen 
Linien gezeichnet unsre wahrnehmbare Wirklichkeit umgibt. Dieses 
Fragmentarische aber ergänzt der Blick des Andern zu dem, was 
wir niemals rein tmd ganz sind. Er kann gar nicht die Frag- 
mente nur nebeneinander sehen, die wirklich gegeben sind, sondern 
wie wir den blinden Fleck in unserem Sehfelde ergänzen, dafs 
man sich seiner garnicht bewujst wird, so machen wir aus diesem 
Fragmentarischen die Vollständigkeit seiner Individualität. Die 
Praxis des Leberis drängt darauf, das Bild des Menschen nur aus 
den realen Stücken, die wir von ihm empirisch wissen, zu ge- 
stalten; aber grade sie ruht auf jenen Veränderungen und Er- 
gänzungen, auf der Umbildung jener gegebenen Fragmente zu der 
Allgemeinheit eines Typus und zu der Vollständigkeit der ideellen 
Persönlichkeit. 

Dieses prinzipielle , wenngleich in Wirklichkeit selten bis zur 
Vollkommenheit durchgeführte Verfahren wirkt nun innerhalb der 
schon bestehenden Gesellschaft als das Apriori der weiteren, zwischen 
Individuen sich entspinnenden Wechselwirkungen. Innerhalb eines 
Kreises , der in irgend einer Gemeinsamkeit des Berufes oder der 
Interessen zusammengehört, sieht jedes Mitglied jedes andre nicht 
rein empirisch, sondern auf Grund eines Apriori, das dieser Kreis 
jedem an ihm teilhabenden Bewufstsein auferlegt. In den Kreisen 
der Offiziere, der kirchlich Gläubigen, der Beamten, der Gelehrten, 
der Familienmitglieder sieht jeder den andern unter der selbst- 
verständlichen Voraussetzung : dieser ist ein Mitglied meines 
Kreises. Es gehen von der gemeinsamen Lebensbasis gewisse 
Suppositionen aus, durch die man sich gegenseitig wie durch einen 
Schleier erblickt. Dieser freilich verhüllt nicht einfach die Eigenart 
der Persönlichkeit , aber er gibt ihr, [indem ihr ganz individuell - 
realer Bestand mit jenem zu einem einheitlichen Gebilde verschmilzt, 
eine neue Form. Wir sehen den andern nicht schlechthin als In- 
dividuum , sondern als Kollegen oder Kameraden oder Partei- 
genossen, kurz als Mitbewohner derselben besonderen Welt und 



— 35 — 

diese unvermeidliche , gans automatisch wirksame Voraussetzung 
ist eines der Mittel , seine Persönlichkeit und Wirklichkeit in der 
Vorstellung des andern auf die von seiner Somabilität erforderte 
Qualität und Form mi bringen. 

Dies gilt ersichtlich auch für das Verhältnis der Zugehörigen 1 
verschiedener Kreise zueinander. Der Bürgerliche, der einen 
Offizier kennen lernt, kann sich garnicht davon freimachen , dafs 
dieses Individuum ein Offizier ist. Und obgleich das Offizier-Sein 
zu dieser Individualität gehören mag, so doch nicht in der schema- 
tisch gleichen Art, wie es, in der Vorstellung des Andern, ihr Bild 
präjudiziert. Und so geht es dem Protestanten gegenüber dem 
Katholiken, dem Kaufmann gegenüber dem Beamten, dem Laien 
gegenüber dem Priester usw. Überall liegen hier Verschleiertingen 
der Realitätslinie durch die soziale Verallgemeinerung vor, die die 
Entdeckung jener innerhalb einer sozial entschieden differenzierten 
Gesellschaft prinzipiell ausschliefsen. So findet der Mensch in der 
Vorstellung des Menschen Verschiebungen, Abzüge und Ergänzungen 
— da die Verallgemeinerung immer zugleich mehr oder weniger 
ist als die Individualität — von all diesen a priori wirksamen 
Kategorien her : von seinem Typus als Mensch, von der Idee seiner 
eignen Vollendung, von der sozialen Allgemeinheit her, der er zu- 
gehört. Über alledem schwebt, als heuristisches Prinzip des'^ 
Erkennens , der Gedanke seiner realen, schlechthin individuellen 
Bestimmtheit ; aber indem es scheint, als ob erst der Gewinn dieser 
die ganz richtig fundamentierte Beziehung zu ihm ergäbe, sind tat- 
sächlich jene Veränderungen und Neugestaltungen, die diese ideale 
Erkenntnis seiner hindern, grade die Bedingungen , durch die die 
Beziehungen, die wir allein als die gesellschaftlichen kennen, mög- 
lich werden — ungefähr wie bei Kant die Kategorien des Ver- 
standes , die die unmittelbaren Gegebenheiten zu ganz neuen Ob- 
jekten formen, doch allein die gegebene Welt zu einer erkennbaren 
machen. 

IL Eine andre Kategorie, unter der die Subjekte sich selbst 
und sich gegenseitig erblicken, damit sie, so geformt, die empirische 
Gesellschaft ergeben können, läfst sich mit dem trivial erscheinen- 
den Satz formulieren : dafs jedes Element einer Gruppe nicht nur 
Gesellschaftsteil, sondern aufserdem noch etwas ist. Als soziales 
Apriori wirkt dies, insofern der der Gesellschaft nicht zugewandte 

3* 



— 36 — 

oder in ihr nicht aufgehende Teil des Individuums nicht einfach he~ 
siehungslos neben seinem somal bedeutsamen liegt , nicht nur ein 
Auf serhalb der Gesellschaft ist, für das sie, willig oder widerwillig, 
r Raum gibt; sondern dafs der Einzelne mit gewissen Seiten 
nicht Element der Gesellschaft ist , bildet die positive Bedingung 
dafür, dafs er es mit andern Seiten seines Wesens ist: die Art 
seines Vergesellschaftet- Seins ist bestimmt oder mitbestimmt durch 
die Art seines Nicht -Vergesellschaftet -Seins. Die folgenden Unter- 
suchungen werden einige Typen ergeben, deren soziologische Be- 
deutung sogar in ihrem. Kern und Wesen dadurch fixiert ist, dafs 
sie von der Gesellschaft, für die ihre Existenz bedeutsam ist, grade 
irgendwie ausgeschlossen sind: so bei dem Fremden, bei dem 
Feinde, bei dem Verbrecher, sogar bei dem Armen. Dies gilt aber 
nicht nur für solche generellen Charaktere, sondern, in unzähligen 
Modifikationen , für jegliche individuelle Erscheinung. Dafs jeder 
Augenblick uns von Beziehungen zu Menschen umfafst findet und 
sein Inhalt von diesen direkt oder indirekt bestimmt ist , spräche 
durchaus nicht dagegen, sondern die soziale Umfassung als solche 
betrifft eben Wesen , die nicht völlig von ihr umfaßt sind. Wtr 
wissen von dem Beamten, dafs er nicht nur Beamter, von dem 
Kaufmann, dafs er nicht nur Kaufmann, von dem, Offizier, dafs 
er nicht nur Offizier ist; und dieses auf ser soziale Sein, sein 
Temperament und der Niederschlag seiner Schicksale , seine Inter- 
essiertheiten und der Wert seiner Persönlichkeit , so wenig es die 
Hauptsache der beamtenhaften, kaufmännischen, militärischen Be- 
tätigungen abändern mag, gibt ihm doch für jeden ihm Gegen- 
überstehenden jedesmal eine bestimmte Nuance und durchflicht sein 
soziales Bild mit auf ser sozialen Imponderabilien. Der ganze Ver- 
kehr der Menschen innerhalb der gesellschaftlichen Kategorien wäre 
ein andrer, wenn ein jeder dem andern nur als das gegenüber- 
träte , was er in seiner jeweiligen Kategorie , als Träger der ihm 
grade jetzt zufallenden sozialen Rolle ist. Freilich unterscheiden 
sich die Individuen ebenso wie die Berufe wie die sozialen Situa- 
tionen danach, welches Mafs jenes iAufserdemt sie zugleich mit 
ihrem sozialen Inhält besitzen oder zulassen. Den einen Pol dieser 
Reihe bildet etwa der Mensch in der Liebe oder in der Freund- 
schaft; hier kann das, was das Individuum für sich reserviert, 
jenseits der dem andern zugewendeten Entwicklungen und Be- 



— 37 — 

tätigungen, sich quantitativ dem Grenswert Null nähern, es ist nur 
£in einziges Lehen vorhanden, das gleichsam von swei Seiten her 
betrachtet werden kann oder gelebt wird: einmal von der Innen- 
seite, von dem terminus a quo des Subjekts her, dann aber, als das 
gans ungeänderte, nach der Richtung des geliebten Menschen hin, 
unter der Kategorie seines terminus ad quem, die es restlos auf- 
nimmt. Unter gans andrer Tendens bietet der katholische Priester 
das formal gleiche Phänomen , in dem seine kirchliche Funktion 
sein individuelles Fürsichsein völlig überdeckt und verschlingt. In 
dem ersten dieser extremen Fälle verschwindet das iAufserdem< 
der soziologischen Aktivität, weil sein Inhalt gänslich in der Hin- 
wendung 3u dem Gegenüber aufgegangen ist , in dem zweiten, 
weil der entsprechende Typus von Inhalten überhaupt prinzipiell 
verschwunden ist. Den Gegenpol nun zeigen etwa . die Er- \ 
scheinungen der modernen, geldwirtschaftlich bestimmten Kultur, in 
der der Mensch als produzierender , als kaufender oder verkaufender, 
überhaupt als irgend ein leistender, sich dem Ideal der absoluten 
Objektivität nähert; abgesehen von ganz hohen, führenden Posi- 
tionen, ist das individuelle Leben, der Ton der Gesamtpersön- 
lichkeit, aus der Leistung verschwunden , die Menschen sind nur 
die Träger einer nach objektiven Normen erfolgenden Ausgleichung 
von Leistung und Gegenleistung , und alles , was nicht in diese 
reine Sachlichkeit hineingehört , ist auch tatsächlich aus ihr ver- 
schwunden. Das T>Aufserdem,<s. hat die Persönlichkeit mit ihrer 
Sonderfärbung, ihrer Irrationalität, ihrem inneren Leben völlig in 
sich aufgenommen und jenen gesellschaftlichen Betätigungen nur 
die für sie spezifischen Energien in reinlicher Abtrennung über- 
lassen. 

Zwischen diesen Extremen bewegen sich die sozialen Indivi- 
duen , immer so, dafs die dem inneren Zentrum, zugekehrten 
Energien und Bestimmtheiten irgend eine Bedeutung für die dem 
Andern geltenden Betätigungen und Gesinnungen aufweisen. Denn 
— im Grenzfall — sogar das Bewufstsein, diese soziale Aktivität 
oder Stimmung sei etwas von dem übrigen Menschen Geschiedenes, 
und trete mit dem, was er sonst ist und bedeutet, in die soziologische 
Beziehung eben nicht ein — selbst dieses Bewufstsein ist von 
durchaus positivem Einflufs auf die Attitüde, die das Subjekt den 
Andern gegenüber und die Andern ihm, gegenüber einnehmen. Das 



-1. 



— 38 — 

^Apriori des empirischen socialen Lebens ist, dafs das Lehen nicht 
gans sosial ist , wir formen unsre Wechselbeziehungen nicht nur 
unter der negativen Reserve eines in sie nicht eintretenden Teiles 
unsrer Persönlichkeit, dieser Teil wirkt nicht nur durch allgemeine 
psychologische Verknüpfungen überhaupt auf die sozialen Vorgänge 
in der Seele ein, sondern grade die formale Tatsache, dafs er 
aufserhalh der letzteren steht, bestimmt die Art dieser Einwirkung. 
— Auch ruht darauf, dafs die Gesellschaften Gebilde aus Wesen 
sind , die zugleich innerhalb und auf serhalb ihrer stehen , eine der 
wichtigsten soziologischen Formungen: dafs nämlich zwischen 
einer Gesellschaft und ihren Individuen ein Verhältnis wie zwischen 
zwei Parteien bestehen kann, ja vielleicht, offener oder latenter, 
immer besteht. Damit erzeugt die Gesellschaft vielleicht die be- 
wujsteste, mindestens die allgemeinste Ausgestaltung einer Grund- 
form des Lebens überhaupt : dafs die individuelle Seele nie inner- 
halb einer Verbindung stehen kann, auf serhalb deren sie nicht 
zugleich steht , dafs sie in keine Ordnung eingestellt ist, ohne sich 
zugleich ihr gegenüber zu finden. Dies geht von den transszen- 
denten und aller allgemeinsten Zusammenhängen bis zu den singu- 
, lärsten und zufälligsten. Der religiöse Mensch fühlt sich von dem 
göttlichen Wesen völlig umfafst, als wäre er nur ein Pulsschlag 
des göttlichen Lebens, seine eigne Substanz ist vorbehaltlos , ja in 
mystischer Unter schiedslosigkeit in die des Absoluten hingegeben. 
Und dennoch, um dieser Einschmelzung auch nur einen Sinn zu 
geben, mufs er irgend ein Selbst-Sein bewahren, irgend ein per- 
sonales Gegenüber, ein gesondertes Ich , dem die Auflösung in dies 
göttliche All-Sein eine unendliche Aufgabe ist, ein Prozejs nur, der 
weder metaphysisch möglich noch religiös fühlbar wäre, wenn er 
nicht von einem Fürsichsem des Subjekts ausginge: das Eins-Sein 
mit Gott ist in seiner Bedeutung durch das Ander s-Sein als Gott be- 
dingt. Jenseits dieser Auf gipfelung zum Transszendenten zeigt die Be- 
ziehung, die sich der menschliche Geist durch seine ganze Geschichte 
hindurch zu der Natur als einem Ganzen vindiziert , die gleiche 
Form. Wir wissen uns einerseits in die Natur eingegliedert, als 
eines ihrer Produkte , das neben jedem andern als Gleiches unter 
Gleichen steht , ein Punkt, den ihre Stoffe und Energien erreichen 
und verlassen, wie sie durch das strömende Wasser und die 
blühende Pflanze kreisen. Und doch hat die Seele das Gefühl eines 



— 39 — 

von all diesen Verschlingungen und Einbesiehungen unabhängigen 
Fürsichseins , das man mit dem logisch so unsichern Begriff der 
Freiheit beseichnet, all diesem Getriebe, dessen Element wir doch 
selbst sind, ein Gegenüber und Paroli bietend, das sich su dem 
Radikalismus: die Natur ist nur eine Vorstellung in menschlichen 
Seelen ■. — auf gipfelt. Wie aber hier die Natur, mit all ihrer un- 
leugbaren Eigengesetslichkeit und harten Wirklichkeit dennoch in 
das Ich eingeschlossen wird — so ist andrerseits dieses Ich, mit all 
seiner Freiheit und Für sichsein, seinem, Gegensatz gegen die blofse 
Natur, doch ein Glied ihrer; das eben ist der übergreifende Natur- ^ 
Zusammenhang, dafs er dieses gegen ihn selbständige , ja oft 
genug Jeindselige Wesen mitumfafst, dafs das, was seinem tiefsten 
Lebensgefühl nach aufserhalb seiner steht, doch sein Element sein 
mufs. Nicht minder nun gilt diese Formel für das Verhältnis 
zwischen den Individuen und den einzelnen Kreisen seiner gesell- 
schaftlichen Bindungen , oder, wenn man diese zu dem Begriff 
oder Gefühl des Vergesellschaftetseins überhaupt zusammenfafst, 
für das Verhältnis der Individuen schlechthin. Wir wissen uns 
einerseits als Produkte der Gesellschaft: die physiologische Reihe 
der Vorfahren, ihre Anpassungen und Fixierungen, die Traditionen 
ihrer Arbeit, ihres Wissens und Glaubens, der ganze, in objektiven 
Formen kristallisierte Geist der Vergangenheit — bestimmen die 
Anlagen und die Inhalte unseres Lebens, so dafs die Frage ent- 
stehen konnte, ob der Einzelne denn überhaupt etwas andres wäre 
als ein Gefäfs, in dem sich zuvor bestehende Elemente in wech- 
selnden Mafsen mischen ; denn wenn diese Elemente auch schlief s- 
lich von Einzelnen produziert wären, so sei der Beitrag eines jeden 
eine verschwindende Gröfse und erst durch ihr gattungsmäfsiges 
und gesellschaftliches Zusammenkommen erzeugten sich die Fak- 
toren , in deren Synthese dann wieder die angebbare Individualität 
bestünde. Andrerseits wissen wir uns als ein Glied der Gesell- 
schaft, mit unsrem Lebensprozefs und seinem Sinn und Zweck 
ebenso unselbständig in ihr Nebeneinander verwebt, wie dort in ihr 
Nacheinander. So wenig wir als Naturwesen ein Fürunssein 
haben, weil die Kreisung der natürlichen Elemente durch uns wie 
durch völlig selbstlose Gebilde hindurchgeht und die Gleichheit 
vor den Naturgesetzen unser Dasein ohne Rest in ein blofses Bei- 
spiel ihrer Notwendigkeiten auflöst — so wenig leben wir als Ge- 



— 40 — 

sellschaftswesen um ein autonomes Zentrum herum, sondern sind 
Augenblick für Augenblick aus den Wechselbeziehungen su andern 
Eusammengesetst und sind so der körperlichen Substanz vergleich- 
bar, die für uns nur noch als die Summe vielfacher Sinnesein- 
drücke, aber nicht als eine für sich seiende Existenz besteht. Nun 
aber fühlen wir, dafs diese soziale Diffusion unsre Persönlichkeit 
nicht vollkommen auflöst ; nicht nur um die schon erwähnten Re- 
serven handelt es sich, um einzelne Inhalte , deren Sinn und Ent- 
wicklung von vornherein nur in der Einzelseele ruht und in dem 
sozialen Zusammenhang überhaupt keine Stelle findet; nicht nur 
um die Formung der sozialen Inhalte, deren Einheit als Indivi- 
dualseele nicht selbst wieder gesellschaftlichen Wesens ist, so wenig 
wie die künstlerische Form, zu der die Farbflecken auf der Lein- 
wand zusammengehn, aus dem chemischen Wesen der Farben selbst 
herzuleiten ist. Sondern vor allem: der gesamte Lebensinhalt, so 
restlos er aus den sozialen Antezedentien und Wechselbeziehungen 
erklärbar sein mag, ist doch zugleich unter der Kategorie des 
Einzellebens zu betrachten, als Erlebnis des Individuums und völlig 
auf dieses hin orientiert. Beides sind nur verschiedene Kategorien, 
unter die der gleiche Inhalt tritt, wie eben dieselbe Pflanze einmal 
nach ihren biologischen Entstehungsbedingungen, ein andermal 
nach ihrer praktischen Verwendbarkeit , ein drittes Mal auf ihre 
ästhetische Bedeutung hin angesehen werden kann. Der Stand- 
punkt, aus dem die Existenz des Einzelnen angeordnet und be- 
griffen wird, kann ebenso innerhalb wie auj serhalb seiner ge- 
nommen werden, die Totalität des Lebens, mit all seinen sozial 
ableitbaren Inhalten, ist ebenso als das zentripetale Schicksal seines 
Trägers zu fassen, wie es, mit allen seinen für das Individuum 
reservierten Teilen, dennoch als Produkt und Element des sozialen 
Lebens gelten kann. 

Damit also bringt die Tatsache der Vergesellschaftung das 
Individuum in die Doppelstellung , von der ich ausging: dafs es 
in ihr befafst ist und zugleich ihr gegenübersteht , ein Glied ihres 
Organismus und, zugleich selbst ein geschlossenes organisches 
Ganzes, ein Sein für sie und ein Sein für sich. Das Wesentliche 
aber und der Sinn des besonderen soziologischen Apriori, das sich 
hierin gründet, ist 'dies , dafs das Innerhalb und das Auf serhalb 
zwischen Individuum und Gesellschaft nicht zwei nebeneinander 



— 41 — 

bestehende Bestimmungen sind — obgleich sie sich gelegentlich auch 
so, und bis sur gegenseitigen Feindseligkeit entwickeln können — 
sondern dafs sie die gans einheitliche Position des sosial lebenden 
Menschen bezeichnen. Seine Existenz ist nicht nur, in Aufteilung 
ihrer Inhalte, partiell sozial und partiell individuell; sondern sie 
steht unter der fundamentalen, gestaltenden, nicht weiter reduzier- 
baren Kategorie einer Einheit, die wir nicht anders ausdrücken können 
als durch die Synthese oder die Gleichzeitigkeit der beiden logisch 
einander entgegengesetzten Bestimmungen der Gliedstellung und 
des Fürsichseins, des Produziert- und Befafstseins durch die Gesell- 
schaft und des Lebens aus dem eignen Zentrum heraus und um 
des eignen Zentrums willen. Die Gesellschaft besteht nicht nur, wie ' 
sich vorher ergab, aus Wesen, die zum Teil nicht vergesellschaftet 
sind, sondern aus solchen, die sich einerseits als völlig soziale 
Existenzen, andrerseits, den gleichen Inhalt bewahrend, als völlig 
personale empfinden. Und dieses sind nicht zwei beziehungslos 
nebeneinanderliegende Standpunkte, wie etwa wenn man eben den- ^^ 
selben Körper einmal auf seine Schwere hin und ein andermal 
auf seine Farbe hin ansieht, sondern dies beides bildet die Einheit., 
die wir das soziale Wesen nennen, die synthetische Kategorie — '^ 
wie der Begriff der Verursachung eine apriorische Einheit ist, 
wenngleich er die beiden, inhaltlich ganz verschiedenen Elemente 
des Verursachenden und des Bewirkten einschliefst. Dafs diese 
Formung uns zur Verfügung steht, diese Fähigkeit, aus Wesen 
deren jedes sich als den tenninus a quo und den terminus ad quem 
seiner Entwicklungen, Schicksale, Qualitäten empfinden kann, den 
grade mit solchen rechnenden Begriff der Gesellschaft herzustellen 
und diesen nun als den terminus a quo und den terminus ad quem 
jener Lebendigkeiten und Seinsbestimmtheiten zu wissen — das ist 
ein Apriori der empirischen Gesellschaft , das macht ihre Form \ 
möglich, wie wir sie kennen. 

III. Die Gesellschaft ist ein Gebilde aus ungleichen Elementen. 
Denn selbst wo demokratische oder sozialistische Tendenzen eine 
■»Gleichheit^ planen oder teilweise erreichen, handelt es sich immer 
nur um Gleichwertigkeit der Personen, der^ Leistungen, der 
Positionen, während eine Gleichheit der Menschen ihren Beschaffen- 
heiten , Lebensinhalten und Schicksalen nach garnicht in Frage 
kommen kann. Und wo andrerseits eine versklavte Bevölkerung 



— 42 — 

nur Masse bildet, wie in den grofsen orientalischen Despotien, be- 
trifft diese Gleichheit jedes mit jedem immer nur gewisse Seiten 
der Existens , etwa die politischen oder wirtschaftlichen, niemals 
aber das Gänse derselben, dessen mitgebrachte Eigenschaften, per- 
sonale Besiehungen, durchlebte Schicksale nicht nur nach der 
Innenseite des Lebens su, sondern auch nach seinen Wechsel- 
i besiehungen mit andern Existenzen unvermeidlich eine Art von 
Einsigkeit und Unverwechselbarkeit haben werden. Stellt man sich 
die Gesellschaft als rein objektives Schema vor, so seigt sie sich 
als eine Ordnung von Inhalten und Leistungen , die nach Raum, 
Zeit, Begriffen, Werten aufeinander besogen sind und bei denen 
man insofern von der Personalität, von der Ichform, die ihre 
Dynamik trägt , absehen kann. Wenn jene Ungleichheit der Ele- 

- mente nun jede Leistung oder Qualität innerhalb dieser Ordnung 
als eine individuell charakterisierte , an ihrer Stelle unsweideutig 
festgelegte auftreten läfst, so erscheint die Gesellschaft als ein 
Kosmos, dessen Mannigfaltigkeit nach Sein und Bewegung swar 
unüber schlich ist , in dem aber jeder Punkt nur in jener be- 
stimmten Weise beschaffen sein und sich entwickeln kann, wenn 
nicht die Struktur des Gänsen geändert sein soll. Was man von 
dem Bau der Welt überhaupt gesagt hat: dafs kein Sandkörnchen 
anders geformt sein und anders liegen könnte, als es der Fall ist, 
ohne dafs dies eine Änderung des gesamten Daseins sur Voraus- 
setsung und Folge hätte — das wiederholt sich an dem Bau der 
Gesellschaft , betrachtet als eine Verwebung qualitativ bestimmter 

^^Erscheinungen. Eine Analogie wie in einem Miniaturbild, un- 
endlich vereinfacht und sosusagen stilisiert , findet das so auf- 
genommene Bild der Gesellschaft überhaupt an einer Beamten- 
schaft, die als solche aus einer bestimmten Ordnung von ^Posi- 
tionen^ besteht, einer Prädeterminiertheit von Leistungen, die, von 
ihren jeweiligen Trägern abgelöst , einen ideellen Zusammenhang 
ergeben; innerhalb dieser findet jeder neu Eintretende einen un- 
sweideutig bestimmten Plats , der gleichsam auf ihn gewartet hat 
und SU dem seine Energien harmonisch sein müssen. Was hier 
bewufste , systematische Festlegung von Leistungsinhalten ist , ist 
in der Gansheit der Gesellschaft natürlich ein unentwirrbares 
Durcheinander spielen von Funktionen, die Stellungen in ihr sind 
nicht durch einen konstruktiven Willen gegeben, sondern erst durch 



— 43 — 

das reale Schaffen und Erleben der Individuen erfafshar. Und 
trots dieses ungeheuren Unterschiedes , trots alles Irrationellen, 
Unvollkommenen, vom Wertstandpunkte aus Verwerflichen, das die 
historische Gesellschaft seigt, bleibt ihre phänomenologische Struktur 
— die Summe und das Verhältnis der von jedem Element objektiv- 
gesellschaftlich gebotenen Existensart und Leistungen — eine Ord- 
nung von Elementen, deren jedes einen individuell bestimmten Plats 
einnimmt , eine Koordination von objektiv und in ihrer socialen 
Bedeutung sinnvollen, wenngleich nicht immer wertvollen Funktionen 
und Funktionssentren ; wobei das rein Personale, das innerlich 
Produktive , die Impulse und Reflexe des eigentlichen Ich gans 
aufser Betrachtung bleiben. Oder, anders ausgedrückt: das Leben 
der Gesellschaft verläuft — nicht psychologisch, sondern phänomeno- 
logisch, rein auf seine socialen Inhalte als solche angesehen — so, 
als ob jedes Element für seine Stelle in diesem Gänsen vorher- 
bestimmt wäre; bei aller Disharmonie von den idealen Forde- 
rungen her, verlättft es so, als ob alle seine Glieder in einem ein- 
heitlichen Verhältnis ständen, das jeden, grade weil er dieser besondre 
ist, auf alle andern und alle andern auf diesen anwiese. "'' 

Von hier aus nun wird das Apriori sichtbar, von dem jetst 
die Rede sein soll und das dem Einseinen eine Grundlage und 
^ Möglichkeit 1, einer Gesellschaft susugehören, bedeutet. Dafs jedes 
Individuum durch seine Qualität von sich aus auf eine bestimmte 
Stelle innerhalb seines (socialen Milieus> hingewiesen ist: dafs diese ' 
ihm ideell zugehörige Stelle auch wirklich in dem socialen Gänsen 
vorhanden ist — das ist die Voraussetsung, von der aus der Ein- 
zelne sein gesellschaftliches Leben lebt und die man als den All- 
gemeinheitswert der Individualität bezeichnen kann. Sie ist unab- 
hängig davon, dafs sie sich zu klarem, begrifflichem Bewufstsein 
aufarbeitet, ebenso aber auch davon, ob sie in dem realen Lebens- 
verlauf ihre Realisierung findet — wie die Apriorität des Kausal- 
gesetzes, als einer formenden Voraussetzung des Erkennens davon 
unabhängig ist, ob das Bewufstsein es in gesonderten Begriffen 
formuliert und ob die psychologische Wirklichkeit immer ihm ge- 
mäfs verfährt oder nicht. Unser Erkenntnisleben ruht auf der 
Voraussetzung einer prästabilierten Harmonie zwischen unsern 
geistigen , wenn auch noch so individuellen Energien und dem 
auf Sern, objektiven Dasein; denn dies bleibt immer der Ausdruck 



— 44 — 

des unmittelbaren Phänomens, gleichviel, ob man es dann meta- 
physisch oder psychologisch auf die Produktion des Daseins durch 
den Intellekt selbst zurückführest mag. So ist das gesellschaftliche 
Leben als solches auf die Voraussetzung einer grundsätzlichen Har- 
monie zwischen dem Individuum tmd dem sozialen Ganzen ge- 
stellt, so wenig dies die krassen Dissonanzen des ethischen und des 
eudämonistischen Lebens hindert. Würde die soziale Wirklichkeit 
durch diese prmzipielle Voraussetzung hemmungslos und ohne Ver- 
fehlungen gestaltet sein, so hätten wir die vollkommene Gesell- 
schaft — wiederum nicht in dem Sinn ethischer oder eudämo- 
nistischer Vollkommenheit, sondern begrifflicher : sozusagen nicht 
die vollkommene Gesellschaft, sondern die vollkommene Gesell- 
schaft. So weit das Individuum dieses Apriori seiner sozialen 

r Existenz: die durchgehende Korrelation seines individuellen Seins 
mit den umgehenden Kreisen, die integrierende Notwendigkeit 
seiner, durch sein inner persönliches Leben bestimmten Besonderheit 
für das Leben des Ganzen — so weit es dieses Apriori nicht 
realisiert oder realisiert findet , ist es eben nicht vergesellschaftet, 
ist die Gesellschaft nicht die lückenlose Wechselwirksamkeit, die 

, thr Begriff aussagt. 

Eine bewufsle Zuspitzung gewinnt dieses Verhalten mit der 
Kategorie des Berufes. Das Altertum hat zwar diesen Begriff 
im Sinne der persönlichen Differenziertheit und der arbeitsteilig 
gegliederten Gesellschaft nicht gekannt. Aber was ihm zum Grunde 
liegt: dafs das sozial wirksame Tun der einheitliche Ausdruck der 
inneren Qualifikation ist , dafs sich das Ganze und Bleibende der 
Subjektivität vermöge ihrer Funktionen in der Gesellschaft prak- 
tisch objektiviert — das bestand auch im Altertum. Nur dafs diese 
Beziehung sich an einem durchgängig gleichmäfsigeren Inhalt 
vollzog; ihr Prinzip tritt an der Aristotelischen Auf serung hervor, 
dafs einige von ihrer Natur her zum dovXeveiv, andre zum deoTioteiv 
bestimmt wären. Bei höherer Ausbildung des Begriffes zeigt er 
die eigenartige Struktur: dafs einerseits die Gesellschaft eine •»Stellet 
in sich erzeugt und bietet, die zwar nach Inhalt und Umrifs von 
andern unterschieden ist , aber doch prinzipiell von Vielen aus- 
gefüllt werden kann und dadurch sozusagen etwas Anonymes ist; 
und dafs nun diese, trotz ihres Allgemeinheitscharakters, von dem In- 
dividuum auf Grund eines inneren s» Rufest, einer als ganz persönlich 



— 45 — 

empfundenen Qualifikation ergriffen wird. Damit es überhaupt 
einen t> Beruf <i gäbe, mufs jene , wie auch immer entstandene, 
Harmonie zwischen dem Bau und Lebensprosefs der Gesellschaft 
auf der einen Seite, den individuellen Beschaffenheiten und Im- 
pulsen auf der andern, vorhanden sein. Auf ihr als allgemeiner 
Voraussetzung ruht schlief stich die Vorstellung, dafs für jede Per- 
sönlichkeit eine Position und Leistung innerhalb der Gesellschaft 
bestehe, su der sie -»beruf enz. ist, und der Imperativ, so lange su 
suchen, bis man sie findet. 

Die empirische Gesellschaft wird nur durch dieses, in dem 
Berufsbegriff aufgegipfelte Apriori ^möglichz, das freilich, gleich 
den bisher behandelten , nicht mit einem einfachen Schlagworte su 
bezeichnen ist, wie die Kantischen Kategorien es zulassen. Die Be- 
wufstseinsprosesse, mit denen sich Vergesellschaftung vollzieht: die 
Einheit aus Vielen , die gegenseitige Bestimmung der Einzelnen, die 
Wechselbedeutung des Einzelnen für die Totalität der andern und 
dieser Totalität für den Einzelnen — verlaufen unter dieser ganz 
prinzipiellen, nicht abstrakt bewufsten , aber in der Realität der 
Praxis sich ausdrückenden Voraussetzung : dafs die Individualität 
des Einzelnen in der Struktur der Allgemeinheit eine Stelle findet, 
ja, dafs diese Struktur gewissermafsen von vornherein , trotz der 
Unberechenbarkeit der Individualität , auf diese und ihre Leistung 
angelegt ist. Der kausale Zusammenhang , der jedes soziale Ele- 
ment in das Sein und Tun jedes andern verflicht und so das 
äufsere Netzwerk der Gesellschaft zustande bringt, verwandelt sich 
in einen teleologischen, sobald man ihn von den individuellen Trägern 
her betrachtet, von seinen Produzenten, die sich als Ichs fühlen 
und deren Verhalten aus dem Boden der für sich seienden, sich 
selbst bestimmenden Persönlichkeit wächst. Dafs jene phänomenale 
Ganzheit sich dem Zweck dieser, gleichsam von aufsen an sie 
herantretenden Individualitäten fügt , dem von innen bestimmten 
Lebensprozefs dieser die Stätte bietet , an der seine Besonderheit 
zu einem notwendigen Glied in dem Leben des Ganzen wird — 
dies gibt , als eine fundamentale Kategorie , dem Bewufstsein des 
Individuums die Form, die es zu einem sozialen Elemente designiert. 



Es ist eine ziemlich müfsige Frage, ob die Untersuchungen zur 
Erkenntnistheorie der Gesellschaft, die durch diese Skizzierungen 



— 46 — 

exemplifiziert werden sollten, in die Sozialphilosophie oder etwa selbst 
schon in die Soziologie hineingehören. Mögen sie ein Grenzgebiet 
beider Methoden sein — die Sicherheit des soziologischen Problems, 
wie es zuvor gezeichnet ist, und die Abgrenzung gegen die philo- 
sophischen Fragestellimgen leidet darunter so wenig, wie die Bestimmt- 
heit der Begriffe von Tag und Nacht darunter leidet, dafs es eine 
Dämmerung gibt, oder die der Begriffe von Mensch und Tier darunter, 
dafs vielleicht einmal Mittelstufen zu finden sind, die die Charakteristiken 
beider in einer für uns begrifflich nicht trennbaren Weise vereinigen. 
Indem die soziologische Frage auf die Abstraktion dessen geht, was 
an der komplexen Erscheinung, die wir soziales Leben nennen, wirk- 
lich nur Gesellschaft, d. h. Vergesellschaftung ist; indem sie aus der 
Reinheit dieses Begriffes alles das entfernt, was zwar nur innerhalb 
der Gesellschaft historisch realisiert wird, was aber die Gesellschaft 
als solche, als einzigartige und autonome Existenzform, nicht kon- 
stituiert — ist ein völlig unzweideutiger Kern von Aufgaben geschaffen*, 
es mag sein, dafs die Peripherie des Problemkreises, vorläufig oder 
dauernd, sich mit andern Kreisen berührt, dafs die Grenzabsteckungen 
zweifelhaft werden : das Zentrum bleibt darum nicht weniger fest an 
seiner Stelle. 

Ich gehe dazu über, die Fruchtbarkeit dieses zentralen Begriffes 
und Problems an Einzeluntersuchungen zu erweisen. Weit von dem 
Anspruch entfernt, der Zahl der Wechselwirkungsformen, die die Ge- 
sellschaft ausmachen, auch nur von Feme gerecht zu werden, zeigen 
sie nur den Weg, der zu der wissenschaftlichen Herauslösung des 
vollen Umfanges der »Gesellschaft« aus der Totalität des Lebens 
führen könnte — wollen ihn zeigen, indem sie selbst die ersten Schritte 
auf ihm tun. 



Zweites Kapitel. 
Die quantitative Bestimmtheit der Gruppe. 



Eine Reihe von Formen des Zusammenlebens, von Vereinheit- 
lichungen und gegenseitigen Einwirkungen der Individuen sollen zunächst 
auf die Bedeutung hin geprüft werden, die die blofse Zahl der so ver- 
gesellschafteten Individuen für diese Formen hat. Man wird von vorn- 
herein und aus den alltäglichen Erfahrungen heraus zugeben, dafs eine 
Gruppe von einem gewissen Umfang an zu ihrer Erhaltung und 
Förderung Mafsregeln, Formen und Organe ausbilden mufs, deren sie 
vorher nicht bedarf; und dafs andrerseits engere Kreise Qualitäten 
und Wechselwirkungen aufweisen, die bei ihrer numerischen Erweiterung 
unvermeidlich verloren gehen. Eine doppelte Bedeutsamkeit kommt 
der quantitativen Bestimmtheit zu: die negative, dafs gewisse Formungen, 
die aus den inhaltlichen oder sonstigen Lebensbedingungen heraus er- 
forderlich oder möglich sind, sich eben nur diesseits oder jenseits einer 
numerischen Grenze der Elemente verwirklichen können; die positive, 
dafs andere direkt durch bestimmte rein quantitative Modifikationen der 
Gruppe gefordert werden. Selbstverständlich treten auch sie nicht in 
jedem Falle auf, sondern hängen ihrerseits von den sonstigen Bestimmt- 
heiten der Gruppe ab ; aber das Entscheidende ist, dafs aus den letzteren 
die fraglichen Formungen nur unter der Bedingung einer bestimmten 
numerischen Ausdehnung hervorgehen. So läfst sich z. B. feststellen, 
dafs ganz oder annähernd sozialistische Ordnungen bisher nur in 
ganz kleinen Kreisen durchführbar waren, in grofsen aber stets ge- 
scheitert sind. Die innere Tendenz solcher nämlich : die Gerechtigkeit 
in der Verteilung des Leistens und des Geniefsens — kann wohl in 
einer kleinen Gruppe realisiert und, was sicher ebenso wichtig 
ist, von den einzelnen überblickt und kontrolliert werden. Was jeder 



— 48 — 

für die Gesamtheit leistet, und womit die Gesamtheit es ihm vergilt, 
das liegt hier ganz nahe beieinander , so dafs sich Vergleichung und 
Ausgleichung leicht ergibt. In einem grofsen Kreise hindert dies 
insbesondere die in ihm unvermeidliche Differenzierung der Personen, 
ihrer Funktionen und ihrer Ansprüche. Eine sehr grolse Zahl von 
Menschen kann eine Einheit nur bei entschiedener Arbeitsteilung 
bilden; nicht nur aus den auf der Hand liegenden Gründen der wirt- 
schaftlichen Technik, sondern weil erst sie das Ineinandergreifen und 
Auf-einander-angewiesen-sein erzeugt, das jeden durch unzählige Mittel- 
glieder hindurch mit jedem in Verbindung setzt, und ohne das eine 
weit ausgedehnte Gruppe bei jeder Gelegenheit auseinanderbrechen 
würde. Deshalb mufs, eine je engere Einheit derselben gefordert 
wird, die Spezialisierung der Individuen eine um so genauere, um so 
unbedingter also den Einzelnen an das Ganze und das Ganze an den 
Einzelnen verweisende sein. Der Sozialismus eines grofsen Kreises 
würde so die schärfste Differenzierung der Persönlichkeiten fordern, 
die sich natürlich über ihre Arbeit hinaus auf ihr Fühlen und Be- 
gehren erstrecken müfste. Dies aber erschwert aufs äufserste den 
Vergleich der Leistungen untereinander, der Entlohnungen unter- 
einander, die Ausgleichungen zwischen beiden, auf denen für kleine, 
und deshalb undifferenzierte Kreise die Möglichkeit eines annähern- 
den Sozialismus beruht. Was derartige Gruppen bei vorgeschrittener 
Kultur schon sozusagen logisch auf numerische Geringfügigkeit be- 
schränkt, das ist ihre Angewiesenheit auf Güter, die unter ihren 
eigenen Produktionsbedingungen überhaupt nicht geboten werden 
können. Es gibt meines Wissens im jetzigen Europa nur eine einzige 
annähernd sozialistische Organisation ^) : das Familist^re de Guise, eine 



*) Das historische Material, dessen diese Untersuchungen sich bedienen, 
ist in seiner inhaltlichen Zuverlässigkeit durch die beiden Umstände be- 
dingt: nach dem Dienste, den es hier zu leisten hat, mulste es einerseits 
aus so vielen und heterogenen Gebieten des geschichtlich-gesellschaftlichen 
Lebens gewählt werden, dafs die beschränkte Arbeitskraft eines Einzelnen 
sich für seine Sammlung im wesentlichen nur an sekundäre Quellen halten 
und diese nur selten durch eigne Tatsachenforschung verifizieren konnte; 
andrerseits wird die Erstreckung dieser Sammlung durch eine lange Reihe 
von Jahren es begreiflich machen, dafs nicht jede Tatsache noch unmittelbar 
vor der Veröffentlichung des Buches mit dem momentanen Stande der 
Forschung konfrontiert werden konnte. Wäre die Mitteilung irgendwelchen 
sozialen Tatsachenstoffes ein, wenn auch nur nebensächlicher Zweck dieses 
Buches, so wäre die hiermit angedeutete Latitüde für Unbewiesenheiten und 



— 49 — 

grofse Fabrik gufseiserner Waren, die von einem Schüler Fouriers 
1880 gegründet ist, nach dem Prinzip vollkommener Fürsorge für 
jeden Arbeiter imd seine Familie, Sicherung des Existenzminimums, 
der unentgeltlichen Pflege und Erziehung der Kinder, der Kollektiv- 
beschaffung des Lebensunterhaltes. Die Genossenschaft beschäftigte 
in den neunziger Jahren ungefähr 2000 Menschen und schien sich als 
lebensfähig zu erweisen. Dies aber offenbar nur, weil sie von einer 
unter ganz anderen Lebensbedingungen stehenden Gesamtheit umgeben 
ist, aus der sie die unvermeidlich in ihrer eigenen Produktion bleibenden 
Lücken der Bedürfnisbefriedigung decken kann. Denn die mensch- 
lichen Bedürfnisse sind nicht ebenso zu rationalisieren, wie die Pro- 
duktion es wäre; sie scheinen vielmehr eine Zufälligkeit oder Un- 
berechenbarkeit zu haben, die ihre Deckung nur um den Preis ge- 
stattet, dafs nebenbei imzähliges Irrationelles und Unverwendbares 
hergestellt wird. Ein Kreis also, der dies vermeidet und auf völlige 
Systematisierung imd lückenlose Zweckmäfsigkeit seiner Tätigkeiten 
gestellt ist, wird immer nur ein kleiner sein können, weil er nur 
von einem grofsen umgebenden beziehen kann, was er, bei irgend 
höherer Kultur, zu einer befriedigenden Lebensmöglichkeit bedarf. — 
Es gibt ferner Gruppenbildungen kirchlicher Art, die ihrer sozio- 
logischen Struktur nach keine Anwendung auf grofse Mitgliederzahl 
vertragen: so die Sekten der Waldenser, der Mennoniten, der Herm- 
huter. Wo das Dogma etwa den Eid, den Kriegsdienst, die Bekleidung 
von Ämtern verbietet; wo ganz persönliche Angelegenheiten, die 
Erwerbstätigkeit, die Tageseinteilung, ja die Eheschliefsung der Re- 



Irrtümer nicht zulässig. Allein bei diesem Versuche, dem gesellschaftlichen 
Dasein die Möglichkeit einer neuen wissenschaftlichen Abstraktion abzu- 
gewinnen, kann das wesentliche Bemühen nur sein, diese Abstraktion an 
irgendwelchen Beispielen zu vollziehen und als sinnvoll zu erweisen. Darf 
ich es, um der methodischen Klarheit willen, etwas übertrieben ausdrücken, 
so kommt es nur darauf an, dafs diese Beispiele möglich, aber weniger 
darauf, dafs sie wirklich sind. Denn ihre Wahrheit soll nicht — oder nur 
in wenigen Fällen — die Wahrheit einer generellen Behauptung erweisen, 
sondern selbst wo der Ausdruck es so erscheinen lassen könnte, sind sie 
doch nur der an sich irrelevante Gegenstand einer Analyse, und die richtige 
und fruchtbare Art, wie diese vollzogen wird, nicht die Wahrheit über die 
Realität ihres Objektes ist dasjenige, was hier entweder erreicht oder verfehlt 
ist. Prinzipiell wäre die Untersuchung auch an fingierten Schulbeispielen 
zu führen und für ihre Wirklichkeitsbedeutung auf das jeweilige Tat- 
sachenwissen des Lesers zu verweisen gewesen. 

Simmel, Soziologie. 4 



— 50 — 

gulierung durch die Gemeinde unterliegen ; wo eine besondere Kleidung 
die Gläubigen von allen anderen abheben und als zusammengehörig 
anzeigen soll; wo die subjektive Erfahrung von einem unmittelbaren 
Verhältnis zu Jesus den eigentlichen Kitt der Gemeinde ausmacht — 
da würde ersichtlich die Ausdehnung auf grofse Kreise das zusammen- 
haltende Band sprengen, das zu erheblichem Teile eben in ihrer Aus- 
nahme- und Gegensatzstellung gegenüber grölseren beruht. Mindestens 
in dieser soziologischen Hinsicht ist der Anspruch dieser Sekten, das 
ursprüngliche Christentum zu repräsentieren, nicht unberechtigt. Denn 
eben dieses, eine noch undifferenzierte Einheit von Dogma und Lebens- 
form darstellend, war nur in jenen kleinen Gemeinden innerhalb grofser 
umgebender möglich, die ihnen ebenso zur Ergänzung der äufseren 
Lebenserfordernisse wie zum Gegensatz, an dem sie sich ihres eigen- 
tümlichen Wesens bewufst wurden, dienten. Deshalb hat die Aus- 
breitung des Christentums auf den Gesamtstaat seinen soziologischen 
Charakter nicht weniger als seinen seelisch-inhaltlichen völlig ändern 
müssen. — Dafs ferner eine aristokratische^Körperschaft nur einen relativ 
geringen Umfang haben kann, liegt in ihrem Begriff. Allein über 
dieses Selbstverständliche, aus der Herrschaftsstellung gegenüber den 
Massen folgende hinaus scheint hier eine, wenn auch in weiten Grenzen 
schwankende, so doch in ihrer Art absolute Zahlbeschränkung vorzu- 
liegen. Ich meine also, dafs nicht nur eine bestimmte Proportion 
besteht, die es immerhin gestatten würde, dafs bei wachsender Menge 
der Beherrschten auch die herrschende Aristokratie pro rata ins Un- 
begrenzte wüchse ; sondern dafs es für diese eine absolute Grenze gibt, 
jenseits derer die aristokratische Gruppenform nicht mehr aufrecht 
erhalten werden kann. Diese Grenze wird durch teils äufsere, teils 
psychologische Umstände bestimmt: eine aristokratische Gruppe, die 
als Totalität wirksam sein soll, mufs für den einzelnen Teilhaber noch 
übersehbar sein, jeder mufs noch mit jedem persönlich bekannt sein 
können, Verwandtschaften und Verschwägerungen müssen durch die 
ganze Körperschaft hindurch sich verzweigen und zu verfolgen sein. 
Wenn deshalb die historischen Aristokratien, von Sparta bis Venedig, 
die Tendenz möglichster numerischer Einschränkung haben, so ist dies 
nicht nur die egoistische Abneigung gegen das Teilen der Herrschaft, 
sondern der Instinkt dafür, dafs die Lebensbedingungen einer Aristo- 
kratie nur bei einer nicht nur relativ, sondern auch absolut geringen 
Zahl ihrer Elemente erfüllt werden können. Das uneingeschränkte 



— 51 — 

Recht der Erstgeburt, das aristokratischer Natur ist, bildet das Mittel 
zu solcher Verhinderung der Expansion; nur unter seiner Voraus- 
setzung war wohl das alte thebanische Gesetz möglich, dafs die Zahl 
der Landgüter nicht vermehrt werden dürfe, wie das korinthische, dafs 
die Zahl der Familien stets die gleiche bleiben müsse. Es ist dafür 
durchaus charakteristisch, dafs Plato einmal, wo er von den herrschen- 
den öXi'yoi spricht, dieselben auch direkt als die {itj tzoHoC bezeichnet. 
Wo eine aristokratische Körperschaft den demokratisch-zentrifugalen 
Tendenzen Raum gibt, die bei dem Übergang zu sehr grofsen Gemein- 
schaften aufzutreten pflegen, verwickelt sie sich in so tötlicheWidersprüche 
gegen ihr eigenes Lebensprinzip, wie es der Adel des ungeteilten 
Polen tat. Im glücklicheren Falle löst sich ein solcher Widerspruch 
einfach durch Umschlagen in die einheitliche demokratische Sozialform. 
Z. B. die altfreie germanische Bauemgemeinde mit ihrer völligen 
persönlichen Gleichheit der Mitglieder war durchaus aristokratisch und 
wurde doch in ihrer Fortsetzung in den städtischen Gemeinden der 
Springquell der Demokratie. Soll dies vermieden werden, so bleibt 
€ben nichts übrig, als an einem bestimmten Punkte eine harte Grenze 
der Vergröfserung zu ziehen und allen von jenseits dieser andrängenden 
und vielleicht eintrittsberechtigten Elementen die quantitative Ge- 
schlossenheit des Gebildes entgegenzusetzen-, und oft zeigt sich erst 
nun dessen aristokratische Natur, sie wird erst an diesem Sichzusammen- 
-schlielsen gegenüber dem Anspruch der Erweiterung bewufst. So 
scheint die alte Gentilverfassung mehrfach daraufhin in eine eigent- 
liche Aristokratie umgeschlagen zu sein, dafs eine neue, den Gentil- 
genossenschaften fremde Bevölkerung sich herandrängte, die zu zahl- 
reich war, um allmählich in die Verwandtschaftsverbände aufgenommen 
:zu werden. Dieser Vermehrung der Gesamtgruppe gegenüber konnten 
die ihrem ganzen Wesen nach quantitativ begrenzten Gentilgenossen- 
-schaften sich eben nur als Aristokratie halten. Ganz entsprechend 
bestand die Cölnische Schutzgilde Richerzeche ursprünglich aus der 
Gesamtheit der freien Bürgerschaft; in dem Mafse aber, in dem die 
Bevölkerung zunahm, wurde sie zu einer aristokratischen Genossen- 
schaft, die sich gegen alle Eindringlinge abschlofs. — Freilich führt 
die Tendenz der politischen Aristokratien, nur ja »nicht Viele« zu 
werden, regelmäfsig nicht zur Erhaltung des Bestehenden, sondern zu 
Verminderung und Aussterben. Nicht nur wegen physiologischer 

Veranlassungen ; sondern kleine und in sich eng geschlossene Gruppen 

4* 



— 52 — 

unterscheiden sich überhaupt von grofsen darin, dafs eben dasselbe 
Schicksal, das die letzteren oft stärkt und erneuert, die ersteren zer- 
stört. Ein unglücklicher Krieg, der einen kleinen Stadtstaat ruiniert, 
kann einen grofsen Staat regenerieren. Und zwar auch dies nicht 
nur aus ohne weiteres ersichtlichen äufseren Gründen, sondern weil das. 
Verhältnis der Kraftreserven zu den wirksamen Energien in beiden 
Fällen verschieden ist. Kleine und zentripetal organisierte Gruppen 
pflegen die in ihnen vorhandenen Kräfte auch voll aufzurufen und zu 
gebrauchen; in grofsen dagegen bleiben nicht nur absolut, sondern 
auch relativ viel mehr in latentem Zustand. Der Anspruch des Ganzen 
ergreift nicht jedes Glied fortwährend und vollständig, sondern kann 
es sich gestatten, manche Energie sozial imausgenutzt zu lassen, die 
dann im Notfall herangezogen und aktualisiert werden kann. Deshalb 
können, wo solche Gefahren, die ein unverbrauchtes soziales Energie- 
quantum fordern, durch die Umstände ausgeschlossen sind, sogar Mafs- 
regeln numerischer Einschränkung, die noch über die Inzucht hinaus- 
gehen, durchaus zweckmäfsig sein. In dem Bergland von Tibet 
herrscht Polyandrie, und zwar, wie sogar die Missionare anerkennen,, 
zum gesellschaftlichen Wohle. Denn der Boden ist dort so unfruchtbar, 
dafs ein rasches Anwachsen der Bevölkerung die gröfste Noth er- 
zeugen würde; um dieses aber zurückzuhalten, ist die Polyandrie ein 
vorzügliches Mittel. Wenn wir hören, dafs bei den Buschmännern 
sich wegen der Sterilität des Bodens manchmal sogar die Familien 
trennen müssen, so erscheint die Mafsregel, die die Familien auf einen 
mit den Emährungsmöglichkeiten verträglichen Umfang beschränkt,, 
gerade im Interesse ihrer Einheit und ihrer auf diese gebauten sozialen 
Bedeutung höchst angezeigt. Den Gefahren der Quantitätsbeschränkung 
ist hier durch die äufseren Lebensbedingungen der Gruppe und deren- 
Folgen für ihre innere Struktur vorgebeugt. 

Wo der kleine Kreis die Persönlichkeiten in erheblichem Mafse 
in seine Einheit hineinzieht — besonders in politischen Gruppen — 
da drängt er eben wegen seiner Einheitlichkeit zur Entschiedenheit 
der Stellung gegenüber Personen, sachlichen Aufgaben imd anderen 
Kreisen; der grofse, mit der Vielheit und Verschiedenheit seiner Ele- 
mente fordert oder verträgt sie viel weniger. Die Geschichte der 
griechischen und der italienischen Städte wie der schweizerischen 
Kantone zeigt, dafs kleine, nahe beieinander gelegene Gemeinwesen, 
wo sie nicht zur Föderation schreiten, gegeneinander in offenerer oder 



— 53 — 

latenterer Feindschaft zu leben pflegen. Auch Kriegführung und 
Kriegsrecht ist zwischen ihnen viel erbitterter und namentlich radikaler 
als zwischen grofsen Staaten. Es ist eben jener Mangel an Organen, 
.an Reserven, an unbestimmteren und Übergangselementen, der ihnen 
Modifikation und Anpassung erschwert und sie so aufser durch ihre 
^ufserlichen Bedingungen auch auf Grund ihrer fundamentalen sozio- 
logischen Konfiguration viel öfter vor die Frage des Seins oder Nicht- 
seins stellt. 

Neben solchen Zügen kleiner Kreise hebe ich mit derselben un- 
vermeidlich willkürlichen Auswahl aus unzähligen die folgenden zu 
soziologischer Charakterisierung grofser Kreise hervor. Ich gehe da- 
von aus, dafs diese, mit kleineren verglichen, ein geringeres Mafs von 
Radikalismus und Entschiedenheit der Stellungnahme aufzuweisen 
scheinen. Dies bedarf indes einer Einschränkung. Gerade wo grofse 
Massen in Bewegung gesetzt werden — in politische, soziale, religiöse — 
zeigen sie einen rücksichtslosen Radikalismus, einen Sieg der extremen 
Parteien über die vermittelnden. Dies liegt zunächst daran, dafs grofse 
Massen immer nur von einfachen Ideen erfüllt und geleitet werden 
können : was vielen gemeinsam ist, mufs auch dem niedrigsten, primi- 
tivsten Geiste unter ihnen zugängig sein können, und selbst höhere 
und differenziertere Persönlichkeiten werden sich in grofser Anzahl 
nie in den komplizierten und hoch ausgebildeten, sondern nur in den 
relativ einfachen, allgemein-menschlichen Vorstellungen und Impulsen 
t)egegnen. Da nun aber die Wirklichkeiten, in denen die Ideen der 
Masse praktisch werden sollen, stets sehr mannigfaltig gegliedert und 
aus einer grofsen Anzahl sehr divergenter Elemente zusammengesetzt 
•sind — so können einfache Ideen immer nur ganz einseitig, rück- 
sichtslos, radikal wirken. Dies wird noch eine Steigerung erfahren, 
wo das Verhalten einer aktuell zusammenbefindlichen Menge in Frage 
steht. Hier bewirken die unzähligen hin und hergehenden Suggestionen 
eine aufserordentlich starke nervöse Aufregung, die den einzelnen oft 
besinnungslos mitreifst, jeden Impuls lawinenartig anschwellt und die 
Menge zur Beute der je leidenschaftlichsten Persönlichkeit in ihr werden 
läfst. Man hat es deshalb für ein wesentHches Mittel, die Demokratie 
zu mäfsigen, erklärt, dafs die Abstimmungen des römischen Volkes 
nach festen Gruppen geschahen — tributim et centuriatim descriptis 
ordinibus, classibus, aetatibus etc. — während die griechischen Demo- 
kratien ganz einheitlich, unter dem unmittelbaren Eindruck des Redners, 



— 54 — 

abstimmten. Dieses Zusammenschmelzen von Massen in einem Gefühl^ 
in dem alle Eigenart und Vorbehalte der Persönlichkeiten suspendiert 
sind, ist natürlich seinem Inhalte nach so durchgreifend radikal, jeder 
Vermittlung und Abwägung fern, dafs es zu lauter Undurchführbar- 
keiten und Zerstörungen führen würde, wenn es nicht meistens schon 
an inneren Erschlaffungen und Rückschlägen, den Folgen jener ein- 
seitigen Exaggeration, sein Ende fände. Dazu kommt noch, dafs die 
Massen — in dem hier fraglichen Sinne — wenig zu verlieren haben, 
dagegen sozusagen glauben, alles gewinnen zu können; dies ist die 
Situation, in der die meisten Hemmungen des Radikalismus hinweg- 
zufallen pflegen. Auch vergessen Gruppen häufiger als das Indivi- 
duum, dafs ihre Macht überhaupt Grenzen hat; und zwar übersehen 
sie diese in dem Mafse leichter, in dem die Mitglieder sich gegen- 
seitig unbekannt sind, wie es für eine gröfsere, zufällig zusammen- 
gelaufene Menge typisch ist. 

Jenseits dieses Radikalismus, der sich durch seinen rein gefühls- 
mäfsigen Charakter allerdings gerade an grofsen kooperierenden 
Gruppen findet, läfst sich allgemein beobachten, dafs kleine Parteien 
radikaler sind als grofse — natürlich innerhalb der Grenzen, die der 
parteibildende Ideengehalt dem steckt. Der hier gemeinte Radikalis- 
mus ist eben der soziologische, d. h. er wird getragen durch die un- 
reservierte Hingabe des Einzelnen an die Tendenz der Gruppe, durch 
die zur Selbsterhaltung derselben erforderliche scharfe Begrenzung 
gegen benachbarte Bildungen, durch die Unmöglichkeit, in den äufser- 
lich engen Rahmen eine Mannigfaltigkeit weit ausladender Be- 
strebungen und Gedanken aufzunehmen; der eigentliche inhaltliche 
Radikalismus ist davon in ziemlichem Masse unabhängig. — Man 
hat bemerkt, dafs die konservativ-reaktionären Elemente im gegen- 
wärtigen Deutschland gerade durch ihre numerische Stärke genötigt 
werden, die Rücksichtslosigkeit ihrer Bestrebungen einzudämmen ; sie 
setzen sich aus so sehr vielen und verschiedenen Gesellschaftsschichten 
zusammen, dafs sie keine ihrer Wegerichtungen geradlinig bis ans 
Ende verfolgen können, ohne bei je einem Teile ihrer Anhänger- 
schaft Anstofs zu erregen. Ebenso ist die sozialdemokratische Partei 
durch ihre quantitative Ausdehnung gezwungen worden, ihren quali- 
tativen Radikalismus zu verdünnen, dogmatischen Abweichungen einen 
gewissen Spielraum zu gewähren, ihrer Unversöhnlichkeit, wenn nicht 
ausdrücklich, so doch mit der Tat hier und da ein Kompromifs zu 



— 55 — 

gestatten. Der unbedingte Zusammenhalt der Elemente, auf dem die 
Möglichkeit des Radikalismus soziologisch beruht, kann sich um so 
weniger halten, je mannigfaltigere individuelle Elemente die numerische 
Steigerung hereinbringt. Deshalb wissen professionelle Arbeiterkoali- 
tionen, deren Zweck die Verbesserung der Arbeitsbedingungen im 
einzelnen ist, sehr wohl, dafs sie mit steigendem Umfang an innerem 
Zusammenhalt abnehmen. Hier hat aber die numerische Extension andrer- 
seits die ungeheure Bedeutung, dafs jedes hinzutretende Mitglied die Ko- 
alition von einem sie vielleicht unterbietenden und dadurch in ihrer 
Existenz bedrohenden Konkurrenten befreit. Es treten nämlich^ 
ersichtlich ganz besondere Lebensbedingungen für eine Gruppe auf, 
die sich innerhalb einer gröfseren unter der Idee bildet und ihren 
Sinn erst dadurch verwirklicht, dafs sie alle Elemente in sich ver- 
einigt, die unter ihre Voraussetzungen fallen. In solchen Fällen pflegt 
das: wer nicht für mich ist, ist gegen mich — Geltung zu haben, 
und die Persönlichkeit aufserhalb der Gruppe, zu der sie dem An- 
sprüche eben dieser nach sozusagen ideell gehört, tut ihr schon 
durch die blofse Gleichgültigkeit des Nichtdabeiseins einen sehr posi- 
tiven Abbruch; sei es, wie in dem Falle der Arbeiterkoalitionen, 
durch Konkurrenz, sei es dadurch, dafs es dem Aufsenstehenden die 
Machtgrenze der Gruppe dokumentiert, sei es, dafs sie nur bei Ein- 
beziehung aller einschlägigen Elemente überhaupt zustande kommt, 
wie manche industriellen Kartellierungen. Wo an eine Gruppe also' 
die — keineswegs auf alle anwendbare — Frage der Vollständigkeit 
herantritt, die Frage, ob alle Elemente, auf die ihr Prinzip sich er- 
streckt, auch wirklich in ihr enthalten sind — da müssen die Folgen 
dieser Vollständigkeit von denen, die ihre Gröfse hat, noch 
sorgfältig unterschieden werden. Gewifs wird sie auch gröfser sein, 
wenn sie vollständig, als wenn sie unvollständig ist. Aber nicht diese 
Gröfse als Quantum, sondern das davon erst dependierende Problem, 
ob sie damit einen vorgezeichneten Rahmen ausfüllt, kann für die 
Gruppe so wichtig werden, dafs, wie in dem Fall der Arbeiter- 
koalitionen, den aus der blofsen Vergröfserung folgenden Nachteilen 
an Kohäsion und Einheit die Vorteile der steigenden Vollständigkeit 
direkt antagonistisch und ausgleichend gegenüberstehen. 

Man kann überhaupt die Bildungen, die dem grofsen Kreise als 
solchem eigentümlich sind, zum wesentlichen Teil daraus erklären, 
dafs er sich mit ihnen einen Ersatz für den personalen imd immittel- 



— 56 — 

baren Zusammenhalt schafft, der kleinen Kreisen eigen ist. Es handelt 
sich für ihn um Instanzen, die die Wechselwirkungen der Elemente 
durch sich hindurchleiten und vermitteln und so als selbständige Träger 
der gesellschaftlichen Einheit wirken, nachdem diese sich nicht mehr 
als Beziehung von Person zu Person herstellt. Zu diesem Zwecke 
erwachsen Ämter und Vertreter, Gesetze und Symbole des Gruppen- 
lebens, Organisationen und soziale Allgemeinbegriffe. Über die Formung 
und Funktionierung derselben handelt dies Buch an so vielen Stellen, 
dafs hier nur ihre Beziehung zu dem numerischen Gesichtspunkt zu 
betonen ist: sie alle bilden sich der Hauptsache nach nur in grofsen 
Kreisen rein und reif aus, als die abstrakte Form des Gruppen- 
zusammenhanges, dessen konkrete bei einer , gewissen Ausdehnung 
nicht mehr bestehen kann: ihre in tausend soziale Qualitäten ver- 
zweigte Zweckmäfsigkeit ruht im letzten Grunde auf numerischen 
Voraussetzungen. Der Charakter des Überpersönlichen und Objektiven, 
mit dem solche Verkörperungen der Gruppenkräfte dem Einzelnen 
gegenübertreten, entstammt gerade der Vielheit der irgendwie wirk- 
samen individuellen Elemente. Denn nur durch ihre Vielheit paralysiert 
sich das Individuelle an ihnen und steigt das Allgemeine in solche 
Distanz von diesem empor, dafs es als ein ganz für sich Existierendes, 
des Einzelnen nicht Bedürftiges, ja oft genug ihm Antagonistisches 
erscheint — etwa wie der Begriff, der aus singulären und ver- 
schiedenen Erscheinungen das Gemeinsame zusammenfalst, um so 
höher über jeder einzelnen von diesen steht, je mehre er in sich be- 
greift; so dafs gerade die Allgemeinbegriffe, die den allergröfsten 
Kreis von Einzelheiten beherrschen — die Abstraktionen, mit denen 
die Metaphysik rechnet — ein abgesondertes Leben gewinnen, dessen 
Normen und Entwicklungen denen des greifbar Einzelnen oft fremd 
oder feindlich sind. Die grofse Gruppe gewinnt also ihre Einheit — 
wie sie sich in ihren Organen und in ihrem Recht, in ihren politischen 
Begriffen und in ihren Idealen ausprägt — nur um den Preis einer 
weiten Distanz all dieser Gebilde von dem Einzelnen, seinen An- 
schauungen und Bedürfnissen, die in dem sozialen Leben eines kleinen 
Kreises unmittelbare Wirksamkeit und Berücksichtigung finden. Aus 
diesem Verhältnis entstehen die häufigen Schwierigkeiten von Organi- 
sationen, bei denen eine Reihe kleinerer Verbände von einem grofsen 
umfafst werden: dafs die Sachlagen nur in der Nähe richtig gesehen 
und mit Interesse und Sorgfalt behandelt werden, dafs dagegen nur 



— 57 — 

aus der Distanz, die die Zentralstelle hat, ein gerechtes und reguläres 
Verhältnis aller Einzelheiten zueinander herzustellen ist — eine 
Diskrepanz, die z. B. in der Armenpolitik, im Gewerkschaftswesen, 
in der Unterrichtsverwaltung, fortwährend hervortritt. Die Beziehungen 
von Person zu Person, die das Lebensprinzip kleiner Kreise bilden, 
vertragen sich nicht mit der Ferne und Kühle der objektiv-abstrakten *^j^ 
Normen, ohne die der grofse nicht bestehen kann.') 

Noch anschaulicher wird der strukturelle Unterschied, den die 
blofsen Gröfsenunterschiede der Gruppen erzeugen, an der Rolle 
gewisser prominenter und wirkungsvoller Elemente. Es gilt nämlich 
nicht nur das Selbstverständliche, dafs eine gegebene Anzahl solcher 
Elemente in einem grofsen Kreise eine andere Bedeutung hat als in 
einem kleinen; sondern mit der quantitativen Änderung des Kreises 
ändert sich die Wirksamkeit jener auch dann, wenn ihre eigene 
Quantität in genauer Proportion mit der des Kreises steigt oder 
fällt. Wenn in einer Stadt von 10000 Einwohnern in ökonomischer 
Mittellage ein Millionär lebt, so ist dessen Rolle im Stadtleben und 
die Gesamtphysiognomie, die die Stadt durch diesen Bürger erhält, 
völlig von der Bedeutung unterschieden, die fünfzig Millionäre, bezw. 
ein jeder von ihnen, für eine Stadt von 500000 Einwohnern besitzen 
— obgleich die numerische Relation zwischen dem Millionär und 



^) Hier stellt sich eine typische Schwierigkeit der menschlichen Ver- 
hältnisse dar. Wir sind mit unsern theoretischen wie praktischen Attitüden 
gegenüber allen möglichen Objektkreisen dauernd veranlafst, zugleich inner- 
halb und aufserhalb eben dieser zu stehen. Wer z. B. gegen das Rauchen 
spricht, mufs einerseits selber rauchen, andrerseits darf er es eben nicht — 
denn raucht er selbst nicht, so fehlt ihm die Kenntnis der Reize, die er ver- 
urteilt, raucht er aber, so wird man ihn zu einem Urteil, das er selbst de- 
mentiert, nicht legitimiert finden. Um eine Meinung über die Frauen »im 
Plural« abzugeben, wird ebenso die Erfahrung naher Beziehungen zu ihnen 
— wie das Frei- und Fernsein von solchen, die das Urteil gefühlsmäfsigl 
verschieben, erfordert sein. Nur wo wir nahestehen, darinstehen, gleich- 
stehen, haben wir die Kenntnis und das Verständnis, nur wo die Distanz die 
unmittelbare Berührung in jedem Sinn aufhebt, haben wir die Objektivität 
und den Überblick, die ebenso wie jene zum Urteilen nötig sind. Dieser 
Dualismus von Nähe und Ferne,'' dessen es doch für das einheitlich richtige 
Verhalten bedarf, gehört gewissermafsen zu den Grundformen unsres Lebens 
und seiner Problematik. Dafs eine und dieselbe Angelegenheit einerseits 
nur innerhalb eines engen Verbandes, andrerseits nur innerhalb eines grofsen 
richtig behandelt werden kann , ist ein formal soziologischer Widerspruch, 
der einen Spezialfall jenes allgemein menschlichen bildet. 



— 58 — 

seinen Mitbürgern, die doch scheinbar jene Bedeutung allein zu be- 
stimmen hat, ungeändert geblieben ist. Wenn in einer parlamentari- 
schen Partei von 20 Köpfen sich vier, gegen das Parteiprogramm 
kritische oder sezessionistische Mitglieder befinden, so wird deren 
Rolle für die Tendenz und das Verfahren der Partei ein anderes sein, 
als wenn die Partei 50 Köpfe stark ist und zehn Rebellen in ihrer 
Mitte hat: im Allgemeinen wird, trotz der gleichgebliebenen Zahl- 
relation, die Bedeutung der letzteren in dei gröfseren Partei eine gröfsere 
sein. Endlich : man hat hervorgehoben, dafs eine Militärtyrannis ceteris 
paribus um so haltbarer sei, je gröfser ihr Gebiet sei 5 denn umfasse 
das Heer etwa 1 Prozent der Bevölkerung, so liefse sich eher eine 
Bevölkerung von zehn Millionen mit einem Heer von 100000 Mann 
im Zaume halten, als eine Stadt von 100000 Einwohnern mit 
100 Soldaten oder ein Dorf von 100 Einwohnern mit einem einzigen. 
Das Eigentümliche ist hier, dafs die absoluten Zahlen der Gesamt- 
gruppe und der in ihr einflufsreichen Elemente, obgleich ihre Relation 
als Zahlen die identische bleibt, doch gerade die Relationen 
innerhalb der Gruppe so merkbar verschieden bestimmen. Jene be- 
liebig zu vermehrenden Beispiele zeigen, dafs die Relation sozio- 
logischer Elemente nicht nur von den relativen, sondern zugleich von 
den absoluten numerischen Quanten dieser Elemente abhängt. Be- 
zeichnet man einmal Elemente solcher Art als Partei innerhalb der 
Gruppe, so verschiebt sich das Verhältnis dieser Partei zur Gesamt- 
heit nicht nur dann, wenn bei gleichbleibendem Mafse der letzteren 
jene numerisch steigt oder fällt, sondern auch, wenn diese Änderung 
das Ganze und den Teil in völlig gleichem Mafse trifft ; damit ist die 
soziologische Bedeutung der Gröfse oder Kleinheit des Gesamt- 
kreises selbst gegenüber den numerischen Relationen der Ele- 
mente aufgezeigt, an die sich auf den ersten Blick die Bedeutung 
der Zahlen für die inneren Verhältnisse der Gruppe allein zu binden 
^.scheint. 

Der formale Unterschied in dem gruppenmäfsigen Verhalten der 
Individuen, der durch die Quantität der Gruppe bestimmt wird, tritt 
nun über seine blofse Tatsächlichkeit hinaus, auch unter die Kategorie 
der Norm, des Sollens; am deutlichsten vielleicht als Unterschied 
von Sitte und Recht. Es scheint, als ob bei den arischen Völkern die 
ersten Bindungen des Einzelnen an eine überindividuelle Lebensordnung 
von einem ganz allgemeinen Instinkt oder Begriff ausgegangen seien, 



V59/- 

der die Satzung, das Fügliche, das Seinsollende überhaupt bedeutete; 
es ist etwa das dharma der Inder, die H\iiq der Griechen, das fas 
der Lateiner, das diese undifferenzierte «Normierung überhaupt» aus- 
sagt. Die besonderen Regulierungen auf den Gebieten der Religion, 
der Moral, der Konvention, des Rechtes, sind die Verzweigungen, 
die in ihm noch ungeschieden ruhen, er ist ihre ursprüngliche, nicht ^ 
eine nachträglich abstrahierte Einheit. Im Gegensatz nun zu der 
Meinung, nach der sich Moral, Sitte und Recht sozusagen als Pen- 
dants aus jenem Keimzustand entwickelt haben, scheint er mir viel- 
mehr in dem, was wir Sitte nennen, noch fortzuleben, und diese den 
Indifferenzzustand darzustellen, der die Form des Rechtes und der 
Sittlichkeit nach verschiedenen Seiten hin aus sich entläfst. Die '' 
Sittlichkeit geht uns hier nur soweit an, wie sie das Verhalten des 
Individuums zu anderen Individuen oder Gesamtheiten ergibt, also der 
Art nach gleiche Inhalte hat wie Sitte und Recht. Nur dafs das-' 
zweite Subjekt, mit dessen Gegenüberstehen sich in dem Einzelnen 
die Verhaltungsform der Moral entwickelt, in diesem selbst gelegen ^ 
ist ; mit derselben Spaltung, durch die das Ich zu sich sagt : ich bin — 
indem es sich selbst, als ein wissendes Subjekt, sich selbst als ^ 
einem ' gewufsten Objekt gegenüberstellt — sagt es auch zu sich : 
ich soll. Die Relation zweier Subjekte, die als Imperativ auftritt, 
wiederholt sich vermöge der fundamentalen Fähigkeit unseres Geistes, 
sich selbst gegenüberzutreten und sich selbst wie einen Andern an- 
zuschauen und zu behandeln, innerhalb der individuellen Seele selbst; 
wobei ich dahingestellt lasse, ob dies eine Übertragung des empirisch 
vorangehenden interindividuellen Verhältnisses auf die Elemente der indi- 
viduellen Seele ist oder aus deren reiner Spontaneität quillt. Andrer- 
seits nun: haben die Normierungsformen einmal bestimmte Inhalte er- 
griffen, so emanzipieren sich diese von ihren ursprünglich soziologischen 
Trägern und steigen zu einer inneren und selbständigen Notwendig- 
keit auf, die man als ideal bezeichnen mufs; diese Inhalte — Ver- 
haltungsweisen oder Zustände der Subjekte — sind nun an und für 
sich wertvoll, sie sollen sein, und dafs sie sozialer Natur sind oder 
irgendwie soziale Bedeutung haben, entscheidet jetzt nicht mehr allein 
ihren imperativischen Akzent, der vielmehr aus ihrem objektiv-idealen 
Sinn und Wert fliefst. Allein weder jene personale Gestalt des 
Sittlichen noch diese Entwicklung der drei Normierungen nach der 
Seite der objektiven und übersozialen Bedeutung hin, verhindern es, 



— 60 — 

dafs ihre Inhalte hier als soziale Zweckmäfsigkeiten angesehen werden 
und jene drei Formen als Sicherungen ihrer Realisierung durch das 
Individuum. Es sind wirklich Formen der innerlichen und äulser- 
lichen Relation des Einzelnen zu einer sozialen Gruppe; denn der 
identische Inhalt dieser Relation hat historisch bald die einen, bald 

^die andern dieser Motivierungen oder Formationen angenommen : was 
zu einer Zeit oder an einem Orte Sitte war, ist anderswo oder später 
staatliches Recht gewesen oder ist der persönlichen Moral über- 
lassen worden; was von dem Zwange des Rechtes getragen war, 
ist zur blofsen guten Sitte geworden; was dem Gewissen des In- 
dividuums anheimgegeben war, hat später oft genug der Staat gesetz- 
lich erzwungen, usw. Die Aufsenglieder dieser Reihe sind Recht und 
Moral, zwischen denen die Sitte, aus der sie beide sich heraus- 
entwickelt haben, gewissermafsen in der Mitte steht. Das Recht hat 
im Gesetz und seinen exekutiven Kräften die differenzierten Organe, 
durch die es seine Inhalte erstens ganz genau umschreiben und zweitens 
äufserlich erzwingen kann; darum aber beschränkt es sich zweck- 
mäfsiger Weise auf die ganz unentbehrlichen Voraussetzungen 
des Gruppenlebens; was die Allgemeinheit vom Einzelnen unbedingt 

r fordern kann, ist nur das, was sie unbedingt fordern mufs. Die 
freie Sittlichkeit des Individuums andrerseits besitzt kein andres 
Gesetz, als das sie sich von innen heraus autonom gibt, und keine 
andre Exekutive als das Gewissen; darum umfafst ihr Bezirk zwar 
prinzipiell die Gesamtheit des "" Handelns, hat aber ersichtlich in der 
Praxis nach aufsen hin in jedem einzelnen Falle besondere, zufällige 
und schwankende Grenzen. ^) 



I ! ') Dafs Recht und Moral gleichsam aus einer Wendung der gesell- 
schaftlichen Entwicklung pari passu entspringen, spiegelt sich in den teleo- 
logischen Bedeutungen beider, die mehr als der erste Anschein verrät, auf- 
einander hinweisen. Wenn die enge Führung des Individuums, die ein 
allenthalben von der Sitte reguliertes Leben einschliefst, der allgemeinen 
Rechtsnorm weicht, die zu allem Individuellen eine viel weitere Distanz 
hat — so darf doch im sozialen Interesse die damit gewonnene Freiheit nicht 
sich selbst überlassen bleiben: durch die moralischen Imperative ergänzen 
sich die juristischen, und füllen sich die Lücken der Lebensnormierung, die 
der Wegfall der überall regulierenden Sitte erzeugt. Ihr gegenüber wird 
die Normierung durch jene beiden gleichzeitig viel höher über das Indivi- 
duum hinaus und viel tiefer in dasselbe hinein verlegt. Denn welche per- 
sonalen und metaphysischen Werte auch das Gewissen und die autonome 
Sittlichkeit darstellen mögen — ihr sozialer, der allein hier in Frage steht, 



— 61 — 

Durch die Sitte nun sichert sich ein Kreis das ihm angemessene 
Verhalten seiner Mitglieder da, wo der Zwang des Rechtes unzuläfsig 
und die individuelle Sittlichkeit unzuverläfsig ist. So wirkt heute die 
Sitte als Ergänzung dieser beiden Ordnungen, wie sie die einzige Lebens- 
regulierung zu einer Zeit war, als jene differenzierteren Normierungs- 
formen noch garnicht oder nur keimhaft bestanden. Damit ist der 
soziologische Ort der Sitte schon angedeutet: er liegt zwischen dem 
gröfsten Kreis, als dessen Mitglied der einzelne dem Recht untersteht, 
und der absoluten Individualität, die der alleinige Träger der freien 
Sittlichkeit ist. Sie gehört also den engeren Kreisen — den mittleren 
Gebilden zwischen jenen — an. Fast alle Sitte ist Standes- oder 
Klassensitte; ihre Äufserungsweisen, als äufseres Benehmen, Mode, 
Ehre, beherrschen immer nur je eine Unterabteilung des gröfsten 
Kreises, dem das Recht gemeinsam ist, und haben in dem benach- 
barten schon wieder einen andern Inhalt. ^) Auf Verletzungen der 
guten Sitte reagiert der engere Kreis derer, die irgendwie dadurch 
betroffen sind oder Zeugen davon sind, während eine Verletzung der 
Rechtsordnung die Reaktion der Gesamtheit aufruft. Da die Sitte zu 
ihrer Exekutive nur die öffentliche Meinung und gewisse, unmittelbar 
an sie anschliefsende Reaktionen Einzelner hat, so ist es ausgeschlossen, 
dafs ein grofser Kreis als solcher sie verwalte. Die keiner Ausführung 



liegt in ihrer ungeheuren prophylaktischen Zweckmäfsigkeit. Recht und 
Sitte ergreifen die Willenstätigkeit an ihrer Aussenseite und ihrer Reali- 
sierung, sie wirken, rein als solche, vorbeugend und durch die Furcht; um 
dieses Motiv überflüssig zu machen, bedürfen sie meistens — nicht immer — . 
erst der nachträglichen Aufnahme in die personale Sittlichkeit. Diese aber 
steht an den Wurzeln der Tat ; sie bildet das Innerste des Subjektes so um, 
bis es von selbst nur das rechte Tun aus sich entläfst, ohne der Stütze 
jener relativ äufseren Mächte zu bedürfen. Aber an der rein sittlichen 
Vollendung des Subjektes hat die Gesellschaft kein Interesse ; sie ist ihr nur 
wichtig, wird von ihr nur gezüchtet, insoweit sie die denkbar gröfse Garantie 
für die sozial zweckmäfsigen Handlungen eben dieses Subjektes abgibt. In 
der individuellen Sittlichkeit schafft sich die Gesellschaft ein Organ, das 
nicht nur fundamentaler wirksam ist als Recht und Sitte, sondern ihr auch 
die Spesen und Umständlichkeiten dieser Institutionen erspart ; wie denn die 
Tendenz der Gesellschaft, sich ihre Erforderlichkeiten möglichst billig zu 
stellen, auch das »gute Gewissen« aufzieht — durch das das Individuum sich 
den Lohn für sein Rechttun selbst zahlt, der ihm sonst wahrscheinlich 
irgendwie durch Recht oder Sitte garantiert werden müfste. 

^) vgl. hierzu die Auseinandersetzung über die soziologische Form der 
Ehre in den Kapiteln über die Selbsterhaltung der Gruppe und über die 
Kreuzung der Kreise. 



— 62 — 

bedürftige Erfahrung, dafs die kaufmännische Sitte als solche andres 
gestatte oder gebiete als die der Aristokratie, die eines religiösen 
Kreises andres als die eines literarischen usw. — legt nahe, dafs der 
Inhalt der Sitte aus den besonderen Bedingungen besteht, deren ein 
engerer Kreis bedarf, dem für die Garantierung derselben weder die 
Zwangsmacht des staatlichen Rechtes noch ganz zuverlässige autonome 
sittliche Impulse zur Verfügung stehen. Was diesen Kreisen mit den 
primitiven gemeinsam ist, mit denen für uns die Sozialgeschichte be- 
ginnt, ist nichts andres als die numerische Geringfügigkeit. Die 
Lebensformen, die damals dem ganzen zusammengehörigen Kreise 
genügten, haben sich bei dem Anwachsen dieses auf seine Unter- 
abteilungen zurückgezogen. Denn diese enthalten nun diejenigen 
Möglichkeiten persönlicher Beziehungen, diejenige ungefähre Gleich- 
heit des Niveaus der Mitglieder, diejenigen gemeinsamen Interessen 
und Ideale, bei denen man einer so prekären und elastischen 
Normierungsart, wie die Sitte ist, die soziale Regulierung überlassen 
kann. Bei steigendem Quantum der Elemente und der dabei un- 
vermeidlichen Verselbständigung derselben fallen für den Kreis als 
ganzen diese Bedingungen fort. Die eigentümliche Bindungskraft der 
Sitte wird für den Staat zu wenig und für das Individuum zu viel, 
ihr Inhalt dagegen für den Staat zu viel und für das Individuum 
zu wenig. Jener verlangt gröfsere Garantien, dieses gröfsere Freiheit, 
und nur mit denjenigen Seiten, mit denen jedes Element noch mittleren 
Kreisen angehört, ist es noch durch die Sitte sozial beherrscht. 

Dafs der grofse Kreis die strenge und objektive Normierung, die 
als Recht kristallisiert, fordert und gestattet, hängt mit der gröfseren 
Freiheit, Beweglichkeit, Individualisiertheit seiner Elemente zusammen. 
Wenn dabei auf der einen Seite die sozial erforderlichen Hemmungen 
genauer fixiert und rigoroser bewacht werden müssen, so ist dies doch 
auf der andern für die Individuen erträglicher, weil sie nun auf ser- 
halb dieser Unnachläfslichkeiten einen desto gröfseren Freiheitsspielraum 
haben. Dies ist um so anschaulicher, je mehr das Recht oder die zu 
ihm aufstrebende Norm Hemmung und Verbot ist. Unter den Urein- 
wohnern Brasiliens ist es im allgemeinen verboten, die eigne Schwester 
oder die Tochter des Bruders zu ehelichen. Dies gilt um so strenger, 
je gröfser der Stamm ist, während in kleineren, isolierter wohnenden 
Horden Bruder und Schwester häufig zusammenleben. Der prohibitive 
Charakter der Norm — der dem Rechte viel mehr als der Sitte eignet 



— 63 — 

— ist in dem gröfseren Kreise angezeigter, weil dieser dem einzelnen 
reichlichere positive Entschädigungen als der kleinere dafür bietet. 
Dafs die Vergröfserung der Gruppe den Übergang ihrer Normen in 
die Rechtsform begünstigt, tritt nun von der andern Seite her daran 
hervor, dafs manche Vereinigung kleiner Gebilde zu einem gröfseren 
zunächst oder dauernd nur um der Rechtspflege willen geschehen ist 
und ihre Einheit nur in dem Zeichen gleichmäfsig durchgesetzten 
Rechtes steht. So war die county der Neuengland-Staaten ursprünglich 
nur an aggregation of towns for judicial purposes. — Von diesem 
Zusammenhang, der den Unterschied der sozialen Form der Sitte 
gegen die des Rechtes an die quantitative Verschiedenheit der Kreise 
heftet, gibt es scheinbare Ausnahmen, Die ursprünglichen volksmäfsigen 
Einheiten der germanischen Stämme, über die sich die grofsen Reiche, 
das fränkische, englische, schwedische erhoben, haben sich gerade die 
Rechtsprechung oft noch lange zu retten gewufst ; gerade diese wurde 
oft verhältnismäfsig spät verstaatlicht. Und andrerseits : in dem modernen 
internationalen Verkehr herrschen vielfach Sitten, die noch nicht zum 
Recht gefestigt sind ; innerhalb des einzelnen Staates ist manche Ver- 
haltungsweise als Recht festgelegt, die in den Beziehungen nach aufsen 
hin, also innerhalb des allergröfsten Kreises, der lockreren Form der 
Sitte überlassen werden mufs. Die Lösung des Widerspruchs ist 
einfach. Die Gröfse des Kreises fordert die Rechtsform natürlich nur 
in dem Verhältnis, in dem die Vielheit seiner Elemente zurEinheit 
zusammengefafst wird. Wo statt fester Zentralisierung nur 
irgendwelche losen Gemeinsamkeiten den Kreis überhaupt als einen 
bezeichnen lassen, offenbart diese Bezeichnung sehr anschaulich ihren 
überall relativen Charakter. Die soziale Einheit ist ein gradueller 
Begriff, und wenn eine Regulierungsform durch eine bestimmte Quan- 
tität des Kreises gefordert wird, so kann sie bei verschiedener Quantität 
die gleiche und bei gleicher Quantität eine verschiedene sein, wenn 
das Mafs der Einheit, das sie trägt und von dem sie getragen wird, 
ein verschiedenes ist. Die Bedeutung der numerischen Verhältnisse 
wird also gar nicht durchbrochen, wenn ein grofser Kreis wegen seiner 
besonderen Aufgaben auf die Rechtsform seiner Normen ebenso ver- 
zichten kann oder mufs, wie es sonst nur einem kleinen möglich ist. 
Jene ungefügen Staatsgebilde der germanischen Frühzeit besafsen eben 
noch nicht die Kohäsion der Elemente, die, an grofsen Gruppen be- 
-Stehend, ebenso Ursache wie Wirkung ihrer Rechtsverfassungen ist; 



— 64 — 

und ebenso stellen sich in den kollektiven wie individuellen Beziehungen 
zwischen den modernen Staaten gewisse Normen in der blofsen Form 
der Sitte her, weil es hier an der Einheit über den Parteien mangelt, 
die der Träger einer Rechtsordnung ist, und die [in einem kleinen 
ebenso wie in einem lockreren Kreise durch die unmittelbareren 
Wechselwirkungen von Element zu Element ersetzt wird ; diesen aber 
gerade entspricht die Sitte als Regulierungsform. So also bestätigen 
gerade die scheinbaren Ausnahmen die Korrelation, die sich zwischen 
Sitte und Recht auf der einen und den Quantitäten der Kreise auf der 
andern Seite ergab. 

Es liegt nun auf der Hand, dafs die Begriffe : grofser und kleiner 
Kreis — von aufserordentlicher wissenschaftlicher Roheit sind, durch- 
aus unbestimmt und verschwimmend und eigentlich nur anwendbar, 
um überhaupt die Abhängigkeit des soziologischen Formcharakters 
einer Gruppe von ihren Quantitätsbestimmungen nahe zu legen — 
nicht aber, um irgendwie genauer die wirkliche Proportion zu zeigen, 
die zwischen dem ersteren und den letzteren besteht. Dennoch ist 
es vielleicht nicht für alle Fälle ausgeschlossen, diese Proportion 
exakter zu erkennen. In die bisher betrachteten Formungen und Be- 
ziehungen freilich genaue Zahlenwerte einzusetzen, wäre ersichtlich 
für jede absehbare Entwicklung unseres Wissens ein völlig phan- 
tastisches Unternehmen; aber in bescheideneren Grenzen lassen sich 
doch schon jetzt Züge derjenigen Vergesellschaftungen anführen, die 
zwischen einer begrenzten Zahl von Personen stattfinden und durch 
diese Begrenzung charakterisiert werden. Als Übergänge aus der 
völligen numerischen Unbestimmtheit zu der völligen numerischen 
Bestimmtheit erwähne ich einige Fälle, in denen die letztere zwar 
prinzipiell schon von einiger soziologischer Bedeutung ist, aber ohne 
dafs eine Fixierung derselben im einzelnen erfolgte. 1. Die Zahl 
wirkt als Einteilungsprinzip der Gruppe, d. h. es werden Teile der- 
selben, die durch Abzahlung hergestellt sind, als relative Einheiten 
behandelt. Die besonderen Bedeutungen einzelner Zahlen hierfür 
erörtere ich später und hebe hier nur das Prinzip hervor. Dafs eine 
Gesamtgruppe, die sich irgendwie als eine fühlt, sich überhaupt ein- 
teilt, und zwar nicht nur von oben nach unten, nach dem Mafse von 
Herrschen und Beherrschtwerden, sondern auch innerhalb ihrer 
koordinierten Glieder — das ist einer der ungeheuersten Fortschritte 
der Menschheit ; es ist die anatomische Struktur, mit der die höheren, 



— 65 - 

organisch-sozialen Prozesse fundamentiert werden. Die Einteilung 
kann nun von der Abstammung ausgehen oder von gewillkürten 
Schwurgenossenschaften oder von der Gleichartigkeit der Beschäf- 
tigungen oder von der Zusammenfassung nach lokalen Bezirken; 
diesen Prinzipien schliefst sich das numerische an, das die Masse der 
vorhandenen Männer oder Familien durch eine bestimmte Zahl dividiert 
und so lauter quantitativ gleiche Unterabteilungen gewinnt, zu jeder 
von denen sich das Ganze ungefähr so verhält, wie sie selbst zu ihren 
Individuen. Nun ist dies Prinzip freilich so schematisch, dals es sich 
zu seiner Verwirklichung noch ein konkreteres heranziehen mufs : die 
zahlgleichen Abteilungen waren aus einander irgendwie Nahestehenden : 
Verwandten, Freunden, Nachbarn zusammengesetzte, aus entweder 
Gleichen oder durch Ungleichheit sich Ergänzenden. Das Entscheidende 
aber ist, dafs die numerische Gleichheit das Formprinzip der Ein- 
teilung ausmacht — wenngleich es niemals allein entscheidet, sondern 
nur eine von der gröfsten bis zur kleinsten wechselnde Rolle spielt. 
Nomadische Stämme z. B. haben überhaupt oft mangels sonstiger 
stabiler Lebensinhalte kaum eine andere Möglichkeit, sich zu organi- 
sieren, als nach dem Zahlprinzip ; seine Bedeutung für eine auf dem 
Marsch befindliche Menge bestimmt noch heute den Aufbau des Militärs. 
Sie setzt sich naturgemäfs darin fort, dafs oft bei der Aufteilung eines 
eroberten oder der Kolonisation eines neu entdeckten Landes — wo es 
also vorerst noch an sachlichen Mafsstäben der Organisierung fehlt — 
das Prinzip der Zusammenschliefsung nach zahlgleichen Abteilungen 
obenan steht; z. B. die älteste Verfassung von Island ist davon be- 
herrscht. In sehr reiner Art hat die Reform des Kleisthenes mit diesem 
Prinzip eine der gröfsten sozialgeschichtlichen Neuerungen vollbracht. 
Als er den Rat von 500 Mitgliedern einsetzte, je 50 aus jeder der 
10 Phylen, erhielt jeder Demos eine seiner Kopfzahl entsprechende 
Zahl von Ratsherrnstellen. Der rationale Gedanke, eine Vertretungs- 
körperschaft aus der Gesamtgruppe rein nach dem Zahlprinzip herzu- 
stellen, tritt hier als die höhere Entwicklungsstufe über die typische 
»Hundertschaft« — von der nachher zu sprechen ist — und benutzt 
zum ersten Male das Mittel der rein numerischen Einteilung, um die 
Regierungseinheit als das Symbol der Bevölkerung funktionieren zu 
lassen. 

2. Während es sich bisher um Zahlgleichheit verschiedener Ab- 
teilungen handelt, kann die Zahl weiterhin benutzt werden, um aus 

Simmel, Soziologie. 5 



— 66 — 

einer Gesamtgruppe einen einzelnen und zwar führenden Kreis von 
Personen zu charakterisieren. So benannte man vielfach die Zunft- 
vorsteher nach ihrer Zahl: in Frankfurt hiefsen sie bei den WoU- 
webem die Sechse, bei den Bäckern die Achte; im mittelalterlichen 
Barcelona hiefs der Senat die Einhimdert usw. Es ist äufserst merk- 
würdig, wie mit dem an sich Unbezeichnendsten, der gegen jede 
Qualifikation völlig gleichgültigen Zahl, gerade die hervorragend- 
sten Persönlichkeiten bezeichnet werden. Die Voraussetzung dafür 
scheint mir, dafs mit einer Zahl, etwa mit sechs, ja nicht 6 einzelne, 
isoliert nebeneinander stehende Elemente gemeint sind, sondern eine 
Synthese dieser; sechs ist nicht 1 und 1 und 1 usw., sondern ein neuer Be- 
griff, der sich aus dem Zusammenkommen dieser Elemente ergibt 
und nicht pro rata in jedem derselben für sich realisiert ist. Ich be- 
zeichne in diesem Buche die lebendige, funktionelle Wechselwirkung 
von Elementen oft als ihre Einheit, die sich über ihrer blofsen Summe 
und im soziologischen Gegensatz zu dieser erhübe. Hier aber ist bei der 
Benennung einer Vorsteherschaft, eines Ausschusses u. a. mit der 
blofsen Summe in Wirklichkeit jenes funktionelle Zusammen gemeint, 
und sie ist als Benennung eben dadurch möglich, dafs die Zahl auch 
schon eine Einheit aus Einheiten bedeutet. Die Sechse sind in dem 
angeführten Falle doch nicht durch einen homogenen Kreis hin ver- 
streut, sondern sie bedeuten eine bestimmte und festecGliederung 
des Kreises^ durch welche sechs Personen aus ihm hervorgehoben 
werden und zu einer führenden Einheit zusammenwachsen. Das 
charakterlos Impersonale der Benennung durch die Zahl ist hier gerade 
äufserst charakteristisch ; denn sie bezeichnet entschiedener, als irgend 
ein weniger formaler Begriff es könnte, dafs hiermit keine Individuen 
als Person^^n gemeint sind, sondern dafs es ein rein soziales Gebilde 
ist: die Struktur des Kreises fordert eine bestimmte Quote desselben 
als Führerschaft, in dem rein numerischen Begriff liegt die reine Ob- 
jektivität der Formung, die gegen alles Persönliche des einzelnen 
Mitgliedes gleichgültig ist und nur verlangt, dafs es eben eines von 
den Sechsen ist. Es gibt vielleicht gar keinen wirkungsvolleren Aus- 
druck, um mit der sozialen Hochstellung von Individuen zugleich die 
völlige Irrelevanz dessen, was sie als Personen aufserhalb dieser 
Funktion sind, auszudrücken. 

Die Gruppierungseinheit, die sich in der Zusammenfassung von 
Elementen zu einer höheren Zahl offenbart, wird besonders stark 



— 67 — 

durch eine scheinbare Gegeninstanz betont. Jener Senat von Barcelona, 
der die Einhundert hiefs, hatte schliefslich in Wirklichkeit mehr und 
bis zu 200 Mitgliedern, ohne darum seinen Namen zu ändern. Die- 
selbe Erscheinung tritt auf, wenn die 'Zahl nicht als Hervorhebungs-, 
sondern als Einteilungsprinzip wirkt. Wo die nachher zu behandelnde 
Einteilung der Bevölkerung nach Hundertschaften bestand, wurde 
wohl nirgends auf genaue Einhaltung dieser Mitgliederzahl der Ab- 
teilung gehalten. Von den altgermanischen Hundertschaften wird dies 
ausdrücklich berichtet. Die Zahl wird hier also unmittelbar zum 
Synonym des sozialen Gliedes, das zuerst gerade einen solchen Kreis 
von Einzelnen einschlofs oder einschliefsen sollte. Dies unscheinbare 
Faktum zeigt die ungeheure Bedeutung der Zahlbestimmtheit für die 
Struktur der Gruppe. Die Zahl wird sogar von ihrem arithmetischen 
Inhalt unabhängig, sie zeigt nur, dafs die Relation der Glieder zu 
dem Ganzen eine numerische ist, oder: die stabil gewordene Zahl 
vertritt diese Relation. Es bleibt gleichsam die Idee der Abteilung, 
aus hundert Elementen zu bestehen, während die empirischen Ver- 
hältnisse diese nur mehr oder weniger genau verwirklichen. Wenn 
man von den germanischen Hundertschaften gesagt hat, sie sollten 
eben nur eine unbestimmt grofse Vielheit zwischen den einzelnen und 
der Allheit der Genossen ausdrücken — so bezeichnet dies {gerade 
den behaupteten soziologischen Typus: das Leben der Gruppe fordert 
eine Mittelinstanz zwischen dem Einen und den Allen, einen Träger 
bestimmter Funktionen, die weder jener noch diese leisten können, 
und das zu diesen Aufgaben designierte Gebilde wird eben nach 
•seiner numerischen Bestimmtheit benannt. Nicht die Funktionen 
geben den Namen, weil sie mannigfaltige und abwechselnde sind; das 
Bleibende ist nur die Zusammengefafstheit eines aliquoten Teiles der 
Gesamtheit zu einer Einheit. Wie grofs dieser Teil jedesmal ist, 
mag ungewifs sein; die dauernde Zahlbenennung zeigt, dafs das 
numerische Verhältnis überhaupt als das Wesentliche empfunden 
wurde. Es tritt damit auf sozialem Gebiet ein Vorgang auf, dessen 
psychologische Form sich auch anderwärts zeigt. Die russischen Münz- 
typen sollen von einem alten Gewichtssystem abgeleitet sein, derart, 
dafs jeder höhere Typus das Zehnfache des niederen enthielt. Tat- 
sächlich aber wechselten häufig nicht nur die absoluten, sondern auch 
die relativen Metallgehalte der Münzen — wobei aber ihre Wert- 
verhältnisse, nachdem sie einmal in die numerische Ordnung gebracht 



— 68 — 

waren, doch konstant blieben. Während also die realen Metallwert- 
relationen sich verschieben, wird der Dienst, den sie dem Verkehr 
durch die Konstanz dieser Nennwertrelationen zu leisten haben, damit 
markiert , dafs die historisch ' ersten Gewichtsverhältnisse dauernd 
Namen und Symbol für diese letzteren abgeben. Auch sonst wird die 
Zahl zum Vertreter der Sache, die sie zählt, und dann wird das 
Wesentliche: dals es sich um eine Relation zwischen dem Ganzen 
und einem Teile handelt, dadurch bezeichnet, dafs der Zahlbegriff der 
frühesten Relationen alle späteren Änderungen deckt. So hiefs die 
Steuer von Metallschürfungen in Spanien im 16. Jahrhundert der 
Quinto, weil sie ein Fünftel des Wertes betrug ; und sie behielt diesen 
Namen später auch bei ganz andren Proportionen. So kam das Wort 
Zehnt schon bei den alten Israeliten und sonst vielfach zu der Be- 
deutung von Abgabe schlechthin — wie Hundertschaft zu der von 
Abteilung schlechthin. Dafs die quantitative Relation, die ebenso 
das Wesen der Steuer wie der sozialen Einteilung ist, psychologisch 
über ihre inhaltliche Besonderheit Herr geworden ist, erweist sich am 
entschiedensten daran, dafs die ursprüngliche numerische Bestimmung 
zur Bezeichnung aller Modifikationen des Verhältnisses krystallisiert., 
3. Die Zahlbestimmtheit als Organisationsform nimmt innerhalb 
der gesellschaftlichen Entwicklung eine typische Stelle ein. Es tritt 
nämlich die numerische Einteilung historisch als Ersatz des Sippschafts- 
prinzips auf. Es scheint, dafs an vielen Stellen die Gruppen zuerst 
aus verwandtschaftlich zusammengehaltenen Untergruppen bestanden, 
hätten, deren jede in wirtschaftlicher, strafrechtlicher, politischer und 
andrer Hinsicht eine Einheit bildete; dafs diese innerlich sehr wohl 
begründete Organisation durch die Zusammenschweifsung von je zehn 
oder hundert Männern zu eben jenen solidarischen Leistungen ersetzt, 
wurde — kann zuerst als eine wunderliche Veräufserlichung , eine 
des inneren Lebens ganz entbehrende Schematisierung erscheinen. 
Man würde auch in den immanenten zusammenhaltenden Prinzipien- 
dieser Gruppe vergebens nach einer Rechtfertigung dafür suchen, 
dafs jenes wurzelhaft-organische durch dieses mechanisch-formalistische 
abgelöst wurde. Der Grund dafür kann vielmehr nur in dem Ganzen^ 
liegen, das sich aus solchen Abteilungen zusammensetzt und Forderungen 
stellt, die den Lebensprinzipien seiner Teile gegenüber selbständig 
sind. In dem Mafs, in dem das Ganze als Einheit inhaltreicher und 
kräftiger wird, verlieren die Teile — wenigstens zunächst und unter- 



— 69 — 

balb der höchsten Entwicklungsstufe — ihre eigene Bedeutung; sie 
geben den Sinn, den sie in und für sich selbst besafsen, an das Ganze 
ab und sind jetzt um so zweckmäfsiger, je weniger eine sich selbst 
genügende Idee in jedem von ihnen lebt, und je mehr sie als 
charakterlose Teile nur durch ihren Beitrag zum Ganzen eine Position 
und Bedeutsamkeit zurückempfangen ^). Bei gewissen vervollkommnet- 
sten Typen der Entwicklung trifft dies nicht zu: es gibt soziale Ge- 
bilde, die gerade bei erheblichster Gröfse und vollkommenster Organi- 
sation dem individuellen Element die gröfste Freiheit gewähren können, 
sich nach besonderen Normen und in eigensten Formen auszuleben; 
andrerseits solche, die gerade erst unter der Bedingung des ge- 
steigertsten und differenziertesten Eigenlebens ihrer Elemente die 
höchste Gesamtkraft erreichen. Der Übergang von der Sippschaft 
zur Hundertschaft aber scheint jenes mittlere Stadium zu bezeichnen, 
in dem die innere Sinn- und Charakterlosigkeit der Glieder einen 
Fortschritt für das Ganze bedeutet; denn nur so waren sie unter den 
gegebenen Umständen leicht überschaubar, nach einfachen Normen 
lenkbar und ohne jenen Widerstand gegen die Zentralgewalt, der 
sich bei stärkerer innerer Zusammengehörigkeit jeder Untergruppe 
gar zu leicht einstellt. 

Wo die Verfassung oder Aktion der Gruppe zahlenmäfsig be- 
stimmt ist — von der alten Hundertschaft bis zu der modernen 
Herrschaft der Majoritäten — liegt eine Vergewaltigung der Indivi- 
dualität vor ; es ist ein Punkt, an dem [die |tiefe innere Diskrepanz 
zwischen dem eigentlich demokratischen und dem liberal-indivi- 
dualistischen Gesellschaftsgedanken sehr rein in die Erscheinung tritt. 
Dafs man aus Persönlichkeiten eine «runde ,Summe» herstellt und 
mit dieser ohne jede Rücksicht auf die Besonderheiten der darin be- 
fa[sten Individuen operiert; dafs man die Stimmen zählt und nicht 
wägt; dafs Einrichtungen, Gebote und Verbote, Leistungen und Ge- 
währungen, von vornherein auf eine bestimmte Anzahl von Personen 
festgelegt sind — das ist entweder despotisch oder demokratisch, in 
jedem Fall aber eine Herabsetzung des eigentlichen und ganzen In- 
haltes der Einzelpersönlichkeit auf die formale Tatsache, dafs sie eben 
eine ist ; indem sie eine Stelle in einer nur durch die Zahl bestimmten 



') vgl. die Ausführung hiervon in dem Kapitel über die Kreuzung der 
Kreise. 



— 70 — 

Organisation einnimmt, ist ihr Charakter als Glied der Gruppe völlig 
Herr über ihren individuell differenzierten Charakter geworden. Mag 
die Einteilung in numerisch gleiche Untergruppen nun so roh und in 
der Praxis fortwährend modifiziert sein wie in den Hundertschaften 
der Germanen, der Peruaner, der Chinesen, oder so verfeinert, zweck- 
mäfsig und exakt wie in einer modernen Armee — immer zeigt sie 
aufs klarste und unbarmherzigste die für sich seiende Formgesetzlich- 
keit der Gruppe, dort als neu auftauchende Tendenz, die noch mit 
anders gerichteten in stetem Kampf und Kompromis stand, hier in 
absoluter Durchgesetztheit. Das Überindividuelle der Gruppierung, 
die völlige Verselbständigung ihrer Form gegenüber jedem Inhalt 
der Einzelexistenz, lebt nirgends absoluter und nachdrücklicher, als in 
der Reduktion der Organisationsprinzipien auf rein arithmetische Ver- 
hältnisse ; und das Mafs der Annäherung an diese, wie es sehr mannig- 
faltig in den verschiedensten Gruppen auftritt, ist zugleich das Mafs, 
in dem der Gruppierungsgedanke in seiner abstraktesten Form die 
Individualität seiner Faktoren aufgesogen hat. 

4. Endlich knüpfen sich wichtige soziologische Folgen an numerische 
Bestimmtheit — wenngleich die wirksamen Quantitäten der Elemente 
je nach den Umständen ganz verschiedene sein können, — gelegentlich 
eines Typus, den die «Gesellschaft» im Sinne der modernen Geselligkeit 
exemplifiziert. Wie viel Personen mufs man einladen, damit es eine 
«Gesellschaft» sei? Die qualitativen Beziehungen zwischen Wirt und 
Gästen entscheiden darüber ersichtlich nicht-, und die Einladung von 
zwei oder drei -Personen, die uns völlig formell und innerlich be- 
ziehungslos gegenüberstehen, bringt noch keine «Gesellschaft» zu- 
stande — während dies doch geschieht, wenn wir etwa die fünfzehn uns 
nächstbefreundeten Menschen zusammenladen. Die Zahl bleibt immer 
das Entscheidende, obgleich ihre G r ö f s e im einzelnen Falle natürlich 
von der Art und der Enge der Relationen zwischen den Elementen 
abhängig ist. Die drei Umstände: die Beziehungen des Wirtes zu 
jedem der Gäste für sich, die der Gäste untereinander, die Art, wie 
jeder Teilnehmer alle diese Beziehungen subjektiv empfindet — bilden 
die Basis, auf der nun die Teilnehmerzahl entscheidet, ob eine Gesell- 
schaft oder ein blofses Beisammensein — freundschaftlicher oder sach- 
lich-zweckbestimmter Art — vorliegt. Es bringt hier also jedesmal 
eine numerische Modifikation einen sehr sicher empfundenen Umschlag 
in eine ganz besondere soziologische Kategorie hervor — so wenig 



— 71 - 

das Mafs dieser Modifikation mit unseren psychologischen Mitteln 
festzulegen ist. Aber wenigstens die qualitativ-soziologischen Folgen 
der quantitativen Veranlassung sind einigermassen beschreibbar. 

Zunächst fordert die «Gesellschaft» einen ganz spezifischen 
äufseren Apparat. Wer aus einem Bekanntenkreise von etwa 30 Personen 
immer je einen oder zwei einlädt, mag »gar keine Umstände machen«. 
Lädt er aber alle 30 zu gleicher Zeit ein, so entstehen sofort ganz 
neue Ansprüche in Bezug auf Essen, Trinken, Toilette, Formen des 
Benehmens, ein aufserordentlich gesteigerter Aufwand nach der Seite 
des sinnlich Reizvollen und Geniefsbaren. Dies ist ein sehr reines 
Beispiel dafür, wie erheblich das blofse Massebilden das Niveau der 
Persönlichkeiten senkt. In einem Zusammensein ganz Weniger ist 
eine derartige gegenseitige Anpassung möglich, die Gemeinsamkeiten, 
die den Inhalt ihrer Geselligkeit ausmachen, können so umfassende 
oder so hoch gelegene Teile ihrer Individualitäten einschliefsen, dafs 
das Beisammen den Charakter der Geistigkeit, der differenzierten und 
höchst entwickelten seelischen Energien trägt. Je mehr Personen aber 
zusammenkommen, desto geringer wird die Wahrscheinlichkeit, dafs 
sie in jenen wertvolleren und intimeren Wesensseiten koinzidieren, 
desto tiefer mufs der Punkt gesucht werden, der ihren Antrieben und 
Interessen gemeinsam ist^). 

In demselben Mafse aber, in dem die Quantität der Elemente dem 
höheren Individuell-Seelenhaften keine Stätte mehr gibt, mufs man 
das Manko dieser Reize durch Steigerung 'der auf serlichen und sinn- 
lichen auszugleichen suchen. Zwischen der Vielheit festlich zusammen- 
befindlicher Personen und dem Luxus, der blofsen Sinnenfreude ihres 
Zusammen hat stets ein engster l^onnex bestanden ; ausgangs des Mittel- 



4^ 



') Die Klage über die Banalität in dem grossen gesellschaftlichen Ver- 
kehr zeigt deshalb völliges soziologisches Unverständnis. Der relativen 
Niedrigkeit des Niveaus, auf dem eine gröfsere aktuell zusammenbefindliche 
Menge sich zusammenfindet, ist prinzipiell nicht abzuhelfen. Denn alle 
höheren und feineren Ausbildungen sind individueller Art und eignen sich 
deshalb nicht zu Gemeinsamkeitsinhalten; sie können allerdings vergesell- 
schaftend wirken, wenn eine Einheit durch Arbeitsteilung erreicht werden 
soll — was aber ersichtlich innerhalb einer »Gesellschaft« nur in geringem 
Mafse möglich ist und in höherem deren Wesen aufheben würde. Es ist 
deshalb ein soziologisch durchaus richtiger Instinkt, wenn man das bemerk- 
lichere Hervortretenlassen der persönlichen Individualität in einer »Gesell- 
schaft« — selbst das einer an sich bedeutenden und erfreulichen — oft als 
eine leise Taktlosigkeit empfindet. 



— 72 — 

alters z. B. nahm der Luxus bei Hochzeiten schon nur durch das Ge- 
folge, das die Brautpaare begleitete, so zu, dafs die Behörden unter 
ihren Luxusgesetzen manchmal genau verordneten, aus wie vielen 
Personen höchstens die Begleitung bestehen dürfte. Wenn Essen und 
Trinken von jeher das Vereinigungsmittel weiter Kreise ist, für die 
eine einheitliche Stimmung und Interessiertheit andrer Richtung schwer 
erreichbar wäre, so wird nun eine »Gesellschaft« rein wegen ihres 
Quantitätsmomentes, das die Gemeinsamkeit und Wechselbeziehung 
der feineren und geistigeren Stimmungen ausschliefst, diese sensuellen 
und deshalb mit gröfserer Sicherheit Allen gemeinsamen Freuden um 
so stärker betonen müssen. 

Eine weitere Charakteristik der »Gesellschaft« auf Grund ihrer 
numerischen Differenz gegen das Beisammensein Weniger liegt darin, 
dafs eine völlige Einheitlichkeit der Stimmung wie bei den letzteren 
überhaupt nicht erreicht werden kann und auch nicht soll, dafs da- 
gegen, zu weiterem Unterschied, die Bildung von Teilgruppen nahe 
gelegt ist. Das Lebensprinzip eines freundschaftlichen Beisammenseins 
weniger Personen widerstrebt aufs äufserste der Aufteilung etwa in 
zwei Sonderstimmungen, ja auch nur Sondergespräche; die »Gesell- 
schaft« ist in dem Augenblick da, wo statt ihres unbedingt einen 
Zentrums eine Doppelheit entsteht: einerseits eine allgemeine, aber 
nur ganz lockere Zentralität, die im wesentlichen nur äufserlich, ja 
räumlich fundiert ist — weshalb denn Gesellschaften der gleichen 
sozialen Schicht, je gröfser sie sind, um so mehr als Ganze einander 
gleichen, so mannigfaltig auch ihr Personenwechsel sei; andrerseits 
spezielle kleine Zentren gemeinsamer Unterhaltung, Stimmung, Inter- 
essiertheit, die aber ihre Teilnehmer unaufhörlich austauschen. Da- 
durch entsteht jener fortwährende Wechsel von (^ Engagiertheit und 
Lösung in der grofsen Gesellschaft,^ der je nach dem Naturell des 
Subjektes bald als die unerträglichste Oberflächlichkeit, bald als ein 
spielender Rhythmus von hohem ästhetischem Reize empfunden wird. 
Diesen formal-soziologischen Typus zeigt der Ball mit der Art des 
modernen Tanzes in ganz reinem Beispiel : eine momentane Beziehung 
je eines Paares von eigentlich wunderlicher [Enge, zu einem ganz 
neuen Gebilde durch steten Wechsel unter den Paaren gestaltet; jene 
physische Enge zwischen einander ganz fremden Personen einerseits 
dadurch ermöglicht, dafs alle die Gäste eines Wirtes sind, der, so 
locker das Verhältnis zu ihm sein mag, eine gewisse gegenseitige 



— 73 — 

Sicherung und Legitimierung gewährt, andrerseits durch den unpersön- 
lichen, sozusagen anonymen Charakter der Beziehungen, den die Gröfse 
der Gesellschaft und der mit ihr verbundene Formalismus des Be- 
nehmens ergibt. Ersichtlich sind diese Züge der grofsen Gesellschaft, 
die der Ball gleichsam in Sublimierung, ja vielleicht in Karikatur dar- 
stellt, an eine bestimmte Mindestzahl von Teilnehmern gebunden ; und ^ 
man kann manchmal die interessante Beobachtung machen, dafs ein 
intimer Kreis weniger Personen durch einen einzigen hinzukommenden _. 
den Charakter der »Gesellschaft« erhält. 

In einem Falle, der freilich ein weit weniger kompliziertes Menschen- 
material betrifft, scheint die Zahl, die ein bestimmtes soziologisches 
Einheitsgebilde erzeugt, etwas fester gelegt. Die patriarchalische 
Hausfamilie zählt in den verschiedensten Gegenden immer 20 bis 
30 Köpfe, und zwar auch imter ganz ungleichen ökonomischen Be- 
dingungen, so dafs diese nicht oder wenigstens nicht ausschlielslich 
die Zahlgleichheit verursachen können. Es ist vielmehr wahrscheinlich, 
dafs die inneren Wechselwirkungen, die das besondere Gebilde der 
Hausfamilie ausmachen, die für dieses erforderten Proportionen von 
Enge und Weite nur gerade innerhalb jener Grenze erzeugen. Überall 
war die patriarchalische Familie durch eine grofse Intimität und Soli- 
darität charakterisiert, die in dem pater familias ihr Zentrum hatte, 
durch die Bevormundung, die dieser sowohl im Interesse des Ganzen 
wie in seinem egoistischen über die Angelegenheiten jedes einzelnen 
übte. Daraus ergab sich die obere Grenze : diese Art des Zusammen- 
hanges und der Kontrolle scheint auf der entsprechenden psychologischen 
Ausbildungsstufe keine gröfsere Anzahl von Elementen umfassen zu 
können. Die untere Grenze andrerseits folgt daraus, dafs eine so auf 
sich angewiesene Gruppe zu ihrem Sich-selbst-genügen und ihrer Er- 
haltung gewisse kollektiv-psychische Tatsachen ausbilden mufs, die 
sich nun einmal nur oberhalb einer gewissen Zahlgrenze einzustellen 
pflegen: die Entschlossenheiten zu Offensive und Defensive, das Ver- 
trauen eines jeden, die ihm nötigen Stützen und Ergänzungen jederzeit 
zu finden, vor allem: die religiöse Stimmung, deren Erhobenheit und 
Vergeistigung sich erst aus der Mischung vieler Beiträge, unter gegen- 
seitiger Auslöschung ihres individuellen Sondercharakters, über den 
Einzelnen — oder: den Einzelnen über sich selbst — erhebt. Die genannte 
Zahl hat vielleicht erf ahrungsmäfsig den ungefähren Spielraum angegeben, 
über den und unter den die Gruppe nicht gehen konnte, wenn sie die 



— 74 — 

Charakterzüge der patriarchalischen Hausfamihe ausbilden wollte. Es 
r scheint, als ob mit wachsender Individualisierung, jenseits dieser Kultur- 
stufe, jene Intimitäten nur unter einer immer geringeren Personenzahl 
möglich wären, die Erscheinungen andrerseits, die an die G r ö fs e der 
Familie appellierten, gerade einen immer wachsenden Kreis erforderten. 
Die Bedürfnisse, die sich dort von oben und von unten her gerade 
an diesem numerischen Material realisierten, haben sich differenziert, 
ein Teil fordert ein kleineres, ein anderer ein gröfseres, so dafs sich 
später kein Gebilde mehr findet, das ihnen in derselben einheitlichen 
Weise wie jenes genugtun kann. 

Abgesehen von solchen singulären Fällen haben alle derartigen 
Fragen, deren Typus das numerische Erfordernis für eine »Gesell- 
schaft« ist, einen sophistischen Ton: wie viel Soldaten eine Armee 
ausmachen, wie viel Teilnehmer nötig sind, um eine politische Partei 
zu bilden, wie viel Mittuende zu einem Auflauf gehören. Sie scheinen 
die klassische Rätsel frage zu wiederholen : wie viel Weizenkörner einen 
Haufen geben? Denn da ein, zwei, drei, vier Körner es noch keines- 
wegs tun, tausend aber jedenfalls, so [müsse doch zwischen diesen 
Zahlen eine Grenze liegen, an der das Hinzufügen eines einzigen 
Kornes die bisherigen zu einem »Haufen« ergänze; macht man aber 
diesen Versuch des Weiterzählens, so zeigt sich, dafs niemand diese 
Grenze anzugeben vermag. Der logische Grund dieser Schwierig- 
keiten liegt darin, dafs eine quantitative Reihe gegeben ist, die wegen 
der relativen Geringfügigkeit jedes einzelnen Elementes als kontinuier- 
liche, absatzlos aufsteigende erscheint, und dafs diese von irgend einem 
Punkte an die Anwendung eines qualitativ neuen, gegen den bisher 
angewandten sich unbedingt scharf absetzenden Begriffes gestatten 
soll. Dies ist offenbar ein widerspruchsvolles Verlangen : das Konti- 
nuierliche kann eben seinem Begriffe nach nicht rein aus sich heraus 
einen plötzlichen Absatz und Umschlag rechtfertigen. Die soziolo- 
gische Schwierigkeit hat aber noch eine Komplikation, die jener der 
antiken Sophistik fern liegt. Denn unter dem »Haufen« von Körnern 
versteht man entweder eine Aufhäufung, und dann ist man zu jener 
Benennung logisch berechtigt, sobald überhaupt nur eine Schichtung 
über die unterste Lage hinaus eintritt; oder es soll damit nur ein 
Quantum bezeichnet werden, dann wird von einem Begriffe wie 
Haufen, der seinem Wesen nach ganz schwankend und unbestimmt 
ist, ungerechterweise verlangt, dafs er seine Anwendung nur auf ganz 



— 75 — 

bestimmte, unzweideutig begrenzte Realitäten dulden solle. In jenen 
soziologischen Fällen aber treten bei gewachsener Quantität spezifisch 
neue Gesamterscheinungen auf, die bei niedrigerer nicht einmal pro 
rata vorhanden scheinen: eine politische Partei hat qualitativ andre 
Bedeutung als eine kleine Clique, einige zusammenstehende Neu- 
gierige zeigen andre Züge als ein »Auflauf« usw. Die Unsicherheit, 
die diesen Begriffen aus der Unmöglichkeit, die entsprechenden Quanten 
numerisch festzulegen, kommt, läfst sich vielleicht auf folgende Weise 
beheben. Jenes Schwanken betrifft ersichtlich nur gewisse mittlere 
Gröfsen; gewisse niedere Zahlen bilden sicher noch nicht die frag- 
lichen Kollektivitäten, gewisse ganz hohe bilden sie ganz fraglos. 
Nun haben schon jene numerisch geringfügigeren Gebilde soziologische, 
für sie bezeichnende Qualitäten: die Zusammenkunft, die noch jenseits 
der »Gesellschaft« steht, der Soldatentrupp, der noch keine Armee 
ausmacht, die kooperierenden Spitzbuben, die noch keine »Bande« 
sind. Indem diesen Qualitäten nun die andern, für die g r o fs e Gemein- 
schaft ebensowenig zweifelhaften gegenüberstehen, läfst sich der 
Charakter der numerisch Dazwischenstehenden als aus beiden zu- 
sammengesetzt deuten — so dafs jeder von beiden rudimentär in ein- 
zelnen Zügen sich fühlbar macht, bald auftaucht, bald verschwindet 
oder latent wird. Indem also derartige, in der mittleren numerischen 
Zone gelegene Gebilde auch objektiv an dem entschiedenen Charakter 
der darunter und der darüber gelegenen partiell oder abwechselnd teil- 
haben, erklärt sich die subjektive Unsicherheit in der Bestimmung 
darüber, welchen von beiden sie angehören. ^Es handelt sich also 
nicht darum, dafs in einem soziologisch qualitätlosen Gebilde plötz- 
lich, wie der Krystall in der Mutterlauge, eine ganz bestimmte sozio- 
logische Konstellation anschiefsen soll, ohne dafs man aber den 
Moment dieses Umschlages anzugeben wüfste; sondern darum, dafs 
zwei verschiedenartige Formungen, jede aus einer Anzahl von Zügen 
bestehend und vielfach qualitativ abstufbar, sich unter gewissen quanti- 
tativen Bedingungen an einem sozialen Gebilde begegnen und es in 
mannigfaltigen Maafsen unter sich aufteilen ; sodafs die Frage, welcher 
von beiden es angehört, garnicht an den Erkenntnisschwierigkeiten 
kontinuierlicher Reihen leidet, sondern einfach eine sachlich falsch 
gestellte ist ^). 



^) Genauer aber ist die Sachlage wohl diese. Jeder bestimmten Zahl 
von Elementen entspricht je nach dem Zweck und Sinn ihrer Vereinigung 



— 76 — 

Diese Ausmachungen also betrafen soziale Formungen, welche 
zwar von der Zahl der zusammenwirkenden Elemente abhängen, aber 
ohne dals unserem Erkennen diese Abhängigkeit hinreichend formulier- 
bar wäre, um aus einzelnen bestimmten Zahlen ihre soziologischen 
Konsequenzen zu ziehen. Indes ist dieses letztere nicht schlechthin 
ausgeschlossen, falls wir nur mit hinreichend einfachen Gebilden vor- 
lieb nehmen. Wenn wir mit der unteren Grenze der Zahlenreihe be- 
ginnen, erscheinen arithmetisch bestimmte Gröfsen als eindeutige 
Voraussetzungen charakteristischer soziologischer Bildungen. 

Die numerisch einfachsten Gestaltungen, die überhaupt noch als 
soziale Wechselwirkungen bezeichnet werden können, scheinen sich 
zwischen je zwei Elementen zu ergeben. Dennoch gibt es ein äufser- 
lich angesehen noch einfacheres Gebilde, das unter soziologische Kate- 
gorien gehört; nämlich — so paradox und eigentlich widerspruchsvoll 



eine soziologische Form, eine Organisierung, Festigkeit, Verhältnis des 
Ganzen zu den Teilen usw. — die mit jedem dazukommenden oder abtreten- 
den Element irgend eine, wenn auch nur unermefslich kleine und nicht 
feststellbare Modifikation erfährt. Da wir aber nicht für jeden dieser un- 
endlich vielen soziologischen Zustände, selbst dann, wenn er uns in seinem 
Charakter merkbar ist, einen besonderen Ausdruck besitzen, so bleibt oft 
nichts übrig, als ihn aus zwei Zuständen — der eine gleichsam mehr, der 
andre weniger besagend — zusammengesetzt zu denken. Jedenfalls handelt 
es sich dabei so wenig um eine Zusammensetzung, wie etwa bei den so- 
genannten Mischgefühlen von Freundschaft und Liebe oder Hafs und Ver- 
achtung oder Lust und Schmerz. Hier liegt — was uns noch später beschäftigen 
wird — meistens ein einheitlicher Gefühlszustand vor, für den wir nur keinen un- 
' mittelbaren Begriff habgn, und den wir deshalb durch die Synthese und gegen- 
seitige Einschränkung zweier andrer mehr umschreiben als beschreiben; hier 
wie auch sonst ist uns die eigentliche Einheit des Seienden nicht begreifbar, 
sondern wir müssen sie in eine Zweiheit von Elementen auflösen, deren 
keines sie ganz deckt, um sie dann aus der Verwebung beider entstehen zu 
lassen. Dies ist aber nur eine nachträglich mögliche begriffliche Analyse, 
die den wirklichen Werdeprozess, das eigne Sein jener Einheiten nicht nach- 
zeichnet. Wo also die geprägten Begriffe für soziale Einheiten : Zusammen- 
kunft und Gesellschaft, Truppe und Heer, Clique und Partei, Paar und 
Bande, persönliche Anhängerschaft und Schule, Häuflein und Massenauf- 
lauf — keine sichere Anwendung finden, weil das Menschenmaterial für den 
r einen zu wenig und für den andern zu viel zu sein scheint, da liegt dennoch 
eine genau so einheitliche, der numerischen Bedingung genau so spezifisch 
entsprechende soziologische Formung vor, wie in jenen entschiedeneren 
Fällen. Nur dafs der Mangel eines besonderen Begriffes für diese un- 
zähligen Nuancen uns zwingt, ihre Qualitäten als eine Mischung der 
Formen zu bezeichnen, die den numerisch geringfügigeren und die den 
numerisch höheren Gebilden entsprechen. 



— 77 — 

es scheint — den isolierten Einzelmenschen. Tatsächlich sind indes 
die Prozesse, die die Zweizahl der Elemente gestalten, oft einfacher, 
als ' die für die soziologische Charakterisierung der Einzahl erforder- 
lichen. Es handelt sich für diese letztere hauptsächlich um zwei hier- 
her gehörige Erscheinungen: die Einsamkeit und die Freiheit. Die 
blofse Tatsache, dafs ein Individuum in keinerlei Wechselwirkung 
mit andren Individuen steht, ist freilich keine soziologische, aber sie 
erfüllt auch noch nicht den ganzen Begriff der Einsamkeit. Dieser 
vielmehr, soweit er betont und innerlich bedeutsam ist, meint keines- 
wegs nur die Abwesenheit jeder Gesellschaft, sondern gerade ihr 
irgendwie vorgestelltes und dann erst verneintes Dasein. Ihren un- 
zweideutig positiven Sinn erhält die Einsamkeit als Fernwirkung der 
Gesellschaft — sei es als Nachhallen vergangener oder Antizipation 
künftiger Beziehungen, sei es als Sehnsucht oder als gewollte Ab- 
wendung. Der einsame Mensch ist nicht so charakterisiert, wie wenn 
er von jeher der einzige Erdbewohner wäre; sondern auch seinen 
Zustand bestimmt die Vergesellschaftung, wenn auch die mit nega- 
tivem Vorzeichen versehene. Das ganze Glück wie die ganze Bitternis 
der Einsamkeit sind doch nur verschiedenartige Reaktionen auf sozial 
erfahrene Einflüsse, sie ist eine Wechselwirkung, aus der das eine 
Glied nach Ausübung bestimmter Einflüsse real ausgeschieden ist und 
nur noch ideell im Geiste des andren Subjektes weiter lebt und weiter 
wirkt. Sehr bezeichnend ist hierfür die bekannte psychologische Tat- 
sache, dafs das Einsamkeitsgefühl selten bei wirklichem physischem 
Alleinsein so entschieden und eindringlich auftritt, wie wenn man sich 
unter vielen physisch ganz nahen Menschen — in einer Gesellschaft, 
in der Eisenbahn, im grofsstädtischen Strafsengewühl — fremd und 
beziehungslos weifs. Es ist für die Konfiguration einer Gruppe durch- 
aus wesentlich, ob sie so beschaffne Einsamkeiten in ihrer Mitte be- 
günstigt oder überhaupt ermöglicht. Enge und intime Gemeinschaften 
gestatten oft keine derartigen, gleichsam luftleeren Interzellularräume 
in ihrer Struktur. Wie man aber von einem sozialen Defizit spricht, 
das sich in bestimmten Proportionen zu den gesellschaftlichen Be- 
dingungen erzeugt: die antisozialen Erscheinungen der Verkümmerten, 
der Verbrecher, der Prostituierten, der Selbstmörder — so erzeugt 
eine gegebene Quantität und Qualität des gesellschaftlichen Lebens 
eine gewisse Zahl von zeitweise oder chronisch einsamen Existenzen, 
die nur freilich die Statistik nicht so wie jene zahlenmäfsig feststellen 



— 78 — 

kann. In anderer Weise wird die Einsamkeit soziologisch bedeutsam, 
sobald sie nicht mehr aus einer in einem Individuum sich abspielenden 
Beziehung zwischen ihm und einer bestimmten Gruppe oder dem 
Gruppenleben im allgemeinen besteht, sondern als Pause oder periodische 
Differenzierung innerhalb eines und desselben Verhältnisses auftritt. 
Dies wird an solchen wichtig, die ihrem Grundgedanken nach gerade 
auf dauernde Verneinung der Einsamkeit gerichtet sind, wie also vor 
allem die monogamische Ehe. Soweit sich in dem Bau derselben die 
feinsten innerlichen Nuancen ausdrücken, ist es ein wesentlicher Unter- 
schied, ob Mann und Frau bei dem vollkommenen Glück des Zusammen- 
lebens sich doch noch die Freude an der Einsamkeit bewahrt haben, 
oder ob ihr Verhältnis niemals durch die Hingabe an diese unter- 
brochen wird — sei es, weil die Gewöhnung des Zusammenseins ihr 
den Reiz genommen hat, sei es, weil ein Mangel an innerer Sicher- 
heit der Liebe derartige Unterbrechungen als Treulosigkeiten oder, 
schlimmer, als Gefahren für die Treue fürchten läfst. So ist also 
die Einsamkeit, scheinbar eine auf das Einzelsubjekt beschränkte, in 
der Verneinung der Sozialität bestehende Erscheinung, doch von sehr 
positiv-soziologischer Bedeutung : nicht nur von der Seite des Subjektes 
her, in dem sie als bewufste Empfindung ein ganz bestimmtes Ver- 
hältnis zur Gesellschaft darstellt , sondern auch durch die entschiedene 
Charakteristik, die ihr Vorkommen als Ursache wie als Wirkung 
sowohl umfänglichen Gruppen wie intimsten Verhältnissen verleiht. 
Auch die Freiheit hat unter der Vielheit ihrer soziologischen 
Bedeutungen eine hierher gehörige Seite. Auch sie erscheint zunächst 
als die blofse Verneinung gesellschaftlicher Verbindung; denn jede 
Verbindung ist eine Bindung. Der Freie bildet eben nicht mit andren 
zusammen eine Einheit, sondern ist eine solche für sich selbst. Nun 
mag es eine Freiheit geben, die in dieser blofsen Beziehungslosigkeit, 
in der blofsen Abwesenheit jeder Beschränkung durch andre Wesen 
besteht: ein christlicher oder indischer Eremit, ein einsamer Siedler 
im germanischen oder amerikanischen Walde mag eine Freiheit in dem 
Sinne geniefsen, dafs seine Existenz durchgehends von andren als 
sozialen Inhalten ausgefüllt ist; ebenso etwa ein Kollektivgebilde, 
eine Hausgemeinschaft oder ein Staatswesen, das völlig inselhaft 
existiert, ohne Nachbarn und ohne Beziehung zu andren Gebilden. 
Für ein Wesen indes, das mit andren in Verbindung steht, hat Frei- 
heit eine viel positivere Bedeutung. Sie ist eine bestimmte Art der 



— 79 — 

Beziehung zu der Umgebung, eine Korrelationserscheinung, die ihren 
Sinn verliert, wenn kein Gegenpart da ist. Sie hat diesem gegenüber 
zwei für die tiefere Struktur der Gesellschaft äulserst wichtige Be- 
deutungen. 

1. Für den sozialen Menschen ist Freiheit weder ein von vorn- 
herein gegebener, selbstverständlicher Zustand, noch ein ein für allemal 
erworbenes Eigentum von gleichsam substanzieller Festigkeit. Schon 
deshalb nicht, weil jeder einzelne prinzipielle Anspruch, der überhaupt 
die Kraft des Individuums nach einer bestimmten Richtung hin engagiert, 
eigentlich die Tendenz hat, ins Unbegrenzte zu gehen; fast alle Be- 
ziehungen — staatliche, parteiliche, familiäre, freundschaftliche, 
erotische — stehen wie von selbst auf einer schiefen Ebene und 
spinnen ihre Forderungen, wenn man sie sich selbst überläfst, über 
den ganzen Menschen hin, sie werden, für das Gefühl oft unheimlich, 
von einer ideellen Sphäre umgeben, von der man eine Reserve ihnen 
entzogener Kräfte, Hingaben, Interessen erst ausdrücklich abgrenzen 
mufs. Es ist aber nicht nur die Extensität der Ansprüche, durch die 
der soziale Egoismus jeder Vergesellschaftung die Freiheit ihrer Elemente 
bedroht, sondern schon die Rücksichtslosigkeit, mit der auch der ganz 
einseitige und eingeschränkte Anspruch einmal bestehender Ver- 
bindungen auftritt. Jede solche pflegt ihre Rechte mit voller Un- 
barmherzigkeit und Gleichgültigkeit gegen sonstige Interessen und 
Pflichten — mögen sie mit ihr harmonisch oder völlig unverträglich 
sein — geltend zu machen und beschränkt durch diesen Charakter 
ihres Auftretens die Freiheit des Individuums nicht minder als durch 
ihre quantitative Erstreckung. Dieser Form unsrer Verhältnisse gegen- 
über zeigt sich Freiheit als ein fortwährender Befreiungsprozefs, als 
ein Kampf nicht nur um die Unabhängigkeit des Ich, sondern auch 
um das Recht, selbst in der Abhängigkeit in jedem Augenblick 
mit freiem Willen zu beharren — als ein Kampf, der nach jeden^ 
Siege erneuert werden mufs. Die Ungebundenheit als negativ-soziales 
Verhalten ist also in Wirklichkeit fast niemals ein ruhender Besitz, 
sondern ein unaufhörliches Sichlösen aus Bindungen, die unaufhörlich 
das Fürsichsein des Individuums entweder real einschränken oder 
ideell einzuschränken streben ; die Freiheit ist kein solipsistisches Sein, 
sondern ein soziologisches Tun, kein auf die Einzahl des Subjektes 
beschränkter Zustand, sondern ein Verhältnis, wenn auch freilich vom 
Standpunkt des einen Subjekts aus betrachtet. 



— 80 — 

2. Wie nach ihrer funktionellen, so ist die Freiheit auch nach 
ihrer inhaltlichen Seite hin etwas ganz andres als die Ablehnung von 
Beziehungen, als die Unberührtheit der individuellen Sphäre durch 
daneben gelegene. Das folgt aus dem sehr einfachen Gedanken, dafs 
der Mensch doch nicht nur frei sein, sondern seine Freiheit auch zu 
etwas gebrauchen will. Dieser Gebrauch aber ist grofsenteils nichts 
andres als die Beherrschung und Ausnutzung andrer Menschen. Für 
das soziale, d. h. in ständigen Wechselbeziehungen mit andren lebende 
Individuum würde die Freiheit in unzähligen Fällen ganz ohne Inhalt 
und Zweck sein, wenn sie nicht die Erstreckung seines Willens auf 
jene andren ermöglichte oder ausmachte. Sehr richtig bezeichnet unsre 
Sprache gewisse Brüskierungen und Vergewaltigungen damit, dafs 
man sich «eine Freiheit gegen jemanden herausnimmt», und ebenso 
haben viele Sprachen ihr Wort für Freiheit im Sinne von Recht oder 
Vorrecht verwandt. Der blofs negative Charakter der Freiheit als 
einer Beziehung des Subjektes auf sich selbst ergänzt sich so nach 
beiden Seiten hin zu einem sehr positiven: die Freiheit besteht zum 
grofsen Teil in einem Prozesse der Befreiung, sie erhebt sich über 
und gegenüber einer Bindung und findet erst als Reaktion gegen 
diese Sinn, Bewufstsein und Wert; und sie besteht nicht weniger 
aus einem Machtverhältnis zu Andren, aus der Möglichkeit, sich inner- 
halb eines Verhältnisses zur Geltung zu bringen, aus der Ver- 
pflichtung oder Unterwerfung Andrer, an der die Freiheit nun erst 
ihren Wert und ihre Verwertung findet. Der auf das Subjekt an und 
für sich beschränkte Sinn der Freiheit ist so nur wie die Wasser- 
scheide zwischen diesen beiden sozialen Bedeutungen ihrer: dafs das 
Subjekt von andren gebunden ist und andre bindet. Er schrumpft so- 
zusagen auf null zusammen, um den eigentlichen Sinn der Freiheit, 
auch wo sie als Qualität des Einzelnen vorgestellt wird, doch als diese 
zweiseitige soziologische Beziehung zu enthüllen. 

Da es nun so oft vielgliedrige und indirekte Konnexe sind, durch 
die Bestimmungen wie Einsamkeit und Freiheit dennoch als soziologische 
Beziehungsformen bestehen — so bleibt eben die methodisch 
einfachste soziologische Formation die zwischen z w e i Elementen wirk- 
same. Sie gibt das Schema, den Keim und das Material für unzählige 
mehrgliedrige ab; obgleich ihre soziologische Bedeutung keineswegs 
nur auf ihren Ausdehnungen und Vermannigfaltigungen beruht. Viel- 
mehr ist sie selbst schon eine Vergesellschaftung, an der nicht nur 



— 81 — 

viele Formen einer solchen überhaupt sich sehr rein und charakteri- 
stisch verwirklichen, sondern die Beschränkung auf die Zweizahl der 
Elemente ist sogar die Bedingung, unter der allein eine Reihe von 
Beziehungsformen hervortreten. Das typisch soziologische Wesen der- 
selben offenbart sich dann daran, dafs nicht nur die gröfste Viel- 
fältigkeit der Individualitäten und der vereinigenden Motive die 
Gleichheit dieser Formungen nicht alteriert, sondern dafs eben diese 
sich gelegentlich ebenso zwischen je zwei Gruppen — Familien, 
Staaten, Verbindungen verschiedener Art — wie zwischen je zwei 
Einzelpersonen ergeben. 

Die besondre Charakterisierung eines Verhältnisses durch die 
Zweizahl der Teilnehmer zeigen ganz alltägliche Erfahrungen: wie 
ganz anders ein gemeinsames Los, ein Unternehmen, ein Einverständ- 
nis, ein geteiltes Geheimnis zweier jeden der Teilnehmer bindet, als 
wenn auch nur drei daran teilhaben. Vielleicht ist dies für das Ge- 
heimnis am charakteristischsten, indem die allgemeine Erfahrung zu 
zeigen scheint, dafs dieses Minimum, mit dem das Geheimnis die 
Grenze des Fürsichseins überschreitet, zugleich das Maximum ist, mit 
dem seine Bewahrung einigermafsen gesichert ist. Eine geheime 
kirchlich-politische Gesellschaft, die sich anfangs des 19. Jahrhunderts 
in Frankreich und Italien bildete, hatte verschiedene Grade, derart, 
dafs die eigentlichen Bundesgeheimnisse nur den höheren von diesen 
bekannt waren; besprochen aber durften sie immer nur zwischen 
je zwei Angehörigen jener Hochgrade werden. Als so entscheidend 
also wird die Grenze der Zwei empfunden, dafs sie, wo sie schon 
dem Wissen nach nicht eingehalten werden kann, doch dem Aus- 
sprechen nach bewahrt wird! Ganz im allgemeinen nun wird der 
Unterschied der Zweierverbindimg zu den mehrgliedrigen dadurch 
bestimmt, dafs jenes Verhältnis, als Einheit aus seinen Individuen, zu 
jedem der Teilnehmer anders steht, als mehrgliedrige Gebilde zu den 
ihrigen. So sehr es nämlich dritten gegenüber als selbständige, über- 
individuelle Einheit erscheinen mag, so ist das doch in der Regel für 
seine Teilnehmer nicht der Fall, sondern jeder sieht sich eben nur 
dem andern, aber nicht einer über ihn hinausreichenden Kollektivität 
gegenüber. Das Sozialgebilde ruht unmittelbar auf dem einen und 
auf dem andern. Der Austritt jedes einzelnen würde das Ganze zer- 
stören, sodafs es nicht zu jenem überpersönlichen Leben desselben kömmt,, 
das der einzelne als von sich unabhängig fühlt ; wogegen selbst schon 

Simmel, Soziologie. 6 



— 82 — 

bei einer Vergesellschaftung von dreien bei Ausscheiden eines einzelnen 
noch immer eine Gruppe weiter bestehen kann. 

Diese Abhängigkeit der Zweiergruppen von der reinen Indivi- 
dualität des einzelnen Gliedes läfst die Vorstellung ihrer Existenz in 
näherer und fühlbarerer Weise von der ihres Endes begleitet sein, 
als es bei andern Vereinigungen der Fall ist, von denen jegliches 
Mitglied weifs, dafs sie nach seinem Ausscheiden oder seinem Tode 
weiterexistieren können. Wie nun das Leben des Individuum durch 
seine Vorstellung von seinem Tode in bestimmter Weise gefärbt wird, 
so auch das Leben der Vereinigungen. Unter »Vorstellung« ist hier 
nicht nur der theoretische, bewufste Gedanke verstanden, sondern ein 
Teil oder eine Modifikation unsres Seins. Der Tod steht nicht wie 
ein Schicksal vor uns, das in irgend einem Augenblick eintreten wird, 
vorher aber nur als Idee oder Prophezeiung, als Furcht oder Hoff- 
nung da ist, ohne in die Realität dieses Lebens bis zu ihm hin einzu- 
greifen. Sondern, dals wir sterben werden, ist eine von vornherein 
dem Leben einwohnende Qualität , in all unsrer lebendigen Wirklich- 
keit ist etwas, was nachher als unser Tod nur seine letzte Phase 
oder Offenbarung findet: wir sind, von unsrer Geburt an, solche, 
die sterben werden. Freilich sind wir es auf verschiedene Weise; 
nicht nur in der Art, wie wir subjektiv diese Beschaffenheit und ihren 
Schlufseffekt vorstellen und auf ihn reagieren, ist verschieden, sondern 
die Art, wie sich dieses Element unsres Seins mit dessen andren 
Elementen verwebt, ist von äufserster Mannigfaltigkeit. Und so ist 
es mit den Gruppen. Jede vielgliedrige Gruppe kann ihrer Idee nach 
unsterblich sein und dies gibt jedem ihrer Mitglieder als solchem, mag 
es im Persönlichen zum Tode stehen wie es will, ein ganz bestimmtes 
soziologisches Gefühl ^), Dafs aber eine Vereinigung von zweien zwar 
nicht ihrem Leben nach, aber ihrem Tode nach von jedem ihrer Ele- 
mente für sich allein abhängt, — denn zu ihrem Leben bedarf sie des 
zweiten, aber nicht zu ihrem Tode — das mufs die innere Gesamt- 
attitude des Einzelnen zu ihr, wenn auch nicht immer bewulst imd 
nicht immer gleichmäfsig, mitbestimmen. Es mufs diesen Verbindungen 
für das Gefühl einen Ton von Gefährdung und von Unersetzlichkeit 
geben, der sie zu dem eigentlichen Ort einerseits einer echten sozio- 



') vgl. die nähere Auseinandersetzung darüber in dem Kapitel über 
die Selbsterhaltung der Gruppe. 



— 83 — 

logischen Tragik, andrerseits einer Sentimentalität und elegischen 
Problematik macht. 

Dieser Ton wird überall mitschweben, wo das Ende der Vereinigung 
in ihre positive Struktur organisch eingewachsen ist. Aus einer nord- 
französischen Stadt wurde unlängst von dem seltsamen »Verein des 
zerbrochenen Tellers« berichtet. Vor Jahren wären dort einige In- 
dustrielle zu einem Mahle vereinigt gewesen. Als während dessen 
ein Teller zur Erde fiel und zerbrach, bemerkte jemand zufällig, dafs 
die Zahl der Splitter genau die der anwesenden Personen war — 
ein Omen, auf das hin diese sich zu einem Freundschaftsverein zu- 
sammenschlössen, in dem jeder dem andern Dienst und Hilfe schulden 
solle. Jeder der Herren nahm einen Splitter des Tellers mit sich. 
Wenn einer von ihnen stirbt, so wird sein Porzellanscherben dem 
Vorsitzenden wieder zugestellt, der die ihm eingehändigten Stücke 
zusammenleimt. Der letzte Überlebende soll dann das letzte Stück 
einfügen, und der somit wiederhergestellte Teller mufs darauf ver- 
scharrt werden. Der Verein des »zerbrochenen Tellers« ist damit 
endgültig aufgelöst und verschwunden. Zweifellos wäre der Gefühls- 
ton innerhalb dieses \^ereins und ihm gegenüber ein völlig veränderter, 
wenn neue Mitglieder zugelassen und damit sein Leben ins Un- 
bestimmte perpetuiert würde. Dafs er von vornherein zu einem solchen 
designiert ist, der sterben wird, gibt ihm ein besondres Cachet — das 
die Vereinigungen zu Zweien eben von vornherein und durch die 
numerische Bedingtheit ihres Baues besitzen. 

Aus dem gleichen strukturellen Grunde sind auch eigentlich nur 
Verhältnisse zu zweien der eigentümlichen Färbung oder Entfärbung, 
die wir als Trivialität bezeichnen, ausgesetzt. Denn nur wo der An- 
spruch an eine Individualität der Erscheinung oder Leistung vorliegt, 
erzeugt deren Ausbleiben das Gefühl der Trivialität. Es ist noch kaum 
hinreichend beobachtet, wie Verhältnisse, bei völlig ungeändertem In- 
halt, durch die mitschwebende Vorstellung gefärbt werden, wie häufig 
oder wie selten gleich geartete sind. Es sind keineswegs nur erotische 
Beziehungen, die durch die Vorstellung: ein solches Erlebnis habe 
es überhaupt noch nicht gegeben — einen besonderen und bedeut- 
samen Timbre, ganz über ihren sonst angebbaren Inhalt und Wert 
hinaus, bekommen. Wie es vielleicht kaum einen Gegenstand äufseren 
Besitzes gibt, dessen Wert — nicht nur sein wirtschaftlicher Wert — 
nicht von der Seltenheit oder Häufigkeit von seinesgleichen bewulst 

6* 



— 84 — 

oder unbewufst mitbestimmt würde, so ist auch vielleicht kein Ver- 
hältnis in seiner inneren Bedeutung für seine Träger von dem Faktor 
des Wievielmal unabhängig ; wobei dieses Wievielmal auch die Repe- 
titionen der gleichen Inhalte, Situationen, Erregungen innerhalb des- 
Verhältnisses selbst bedeuten kann. Mit der Empfindung der Triviali- 
tät begleiten wir ein gewisses Mafs von Häufigkeit, von Bewufstsein 
der Wiederholtheit eines Lebensinhaltes, dessen Wert grade durch ein 
Mafs von Seltenheit bedingt ist. Nun scheint es, als ob das Leben 
einer überindividuellen gesellschaftlichen Einheit oder das Verhältnis^ 
des Einzelnen zu ihr sich dieser Frage überhaupt nicht stellte, als ob 
hier, wo der inhaltliche Sinn der Beziehung sich über die Individuali- 
tät erhebt, auch ihre Individualität im Sinne der Einzigkeit oder 
Seltenheit keine Rolle spielte und ihr Ausbleiben deshalb nicht als 
Trivialität wirkte. Dafs den Verhältnissen zu zweien, der Liebe , der 
Ehe, der Freundschaft — oder auch solcher mehrgliedriger, die kein 
höheres Gebilde ergeben, wie oft die Geselligkeit — der Ton der 
Trivialität oft zur Verzweiflung und zum Verhängnis wird , beweist 
den soziologischen Charakter der Zweierformungen: sich an die Un- 
mittelbarkeit der Wechselwirkung zu binden und jedem der Elemente 
die überindividuelle Einheit vorzuenthalten, die ihm gegenübersteht,, 
indem es zugleich an ihr teil hat. 

Dafs das soziologische Geschehen so innerhalb des personalen 
Aufeinander- Angewiesenseins verbleibt, ohne zur Bildung eines, die 
Elemente überwachsenden Ganzen aus ihnen vorzuschreiten ■ — wie 
es eben prinzipiell bei den Zweiergruppen vorliegt — , ist weiterhin 
die Basis der »Intimität«. Diese Charakteristik eines Verhältnisses 
scheint mir auf die zunächst individuelle Neigung zurückzugehen: 
dafs der Mensch gern dasjenige, was ihn von andern unterscheidet, 
das qualitativ Individuelle, als den Kern, Wert und Hauptsache seiner 
Existenz ansieht — eine keineswegs immer gerechtfertigte Voraus- 
setzung, da an vielen umgekehrt gerade das Typische, das mit vielen 
Geteilte ihr Wesentliches und die Wertsubstanz ihrer Persönlichkeit 
ist. Dies nun wiederholt sich an Vereinigungen. Auch ihnen liegt es. 
nahe, das ganz Spezifische ihrer Inhalte, das ihre Teilnehmer nur mit- 
einander, aber mit niemandem aufserhalb dieser Gemeinschaft teilen, 
zum Zentrum und zur eigentlichen Erfüllung dieser Gemeinschaft 
werden zu lassen. Dies ist die Form der Intimität. Wohl in jedem 
Verhältnis mischen sich irgendwelche Bestandteile, die seine Träger 



— 85 — 

«ben nur in dieses und in kein andres hineingeben, mit solchen, die 
nicht gerade diesem Verhältnis eigen sind, sondern die das Individuum 
•in gleicher oder ähnlicher Weise auch noch mit anderen Personen 
rteilt. Sobald nun jenes erste, die Binnenseite des Verhältnisses, als 
dessen Wesentliches empfunden wird, sobald seine gefühlsmäfsige 
Struktur es auf dasjenige stellt, was jeder nur diesem einzigen andern 
und niemandem sonst gibt oder zeigt — so ist die eigentümliche 
Färbung gegeben, die man Intimität nennt. Es ist nicht der Inhalt 
'des Verhältnisses, auf dem diese ruht. Zwei Verhältnisse mögen in 
bezug auf die Mischung der individuell-exklusiven und der auch nach 
andern Seiten hin ausstrahlenden Inhalte ganz gleich stehen: intim 
ist nur dasjenige von ihnen, in dem die ersteren als die Träger oder 
als die Achse des Verhältnisses erscheinen. Wenn umgekehrt gewisse 
äulsere oder Stimmungslagen uns relativ fremden Menschen gegenüber 
zu sehr persönlichen Aulserungen und Konfessionen, wie sie sonst nur 
■dem Nächsten vorbehalten sind, veranlassen, so fühlen wir hier dennoch, 
■dafs dieser »intime« Inhalt der Beziehung sie noch nicht zu einer intimen 
macht; denn unser Gesamtverhältnis zu eben diesen Menschen ruht 
in seiner Substanz und seinem Sinn doch nur auf seinen allgemeinen, un- 
individuellen Bestandteilen und jener, zwar sonst vielleicht niemals offen- 
barte, ihm ausschlielslich eigene Inhalt läfst dennoch das Verhältnis, weil er 
nicht zur Basis seiner Form wird, aufserhalb der Intimität. Dafs dies 
das Wesen der Intimität ist, macht sie so häufig zu einer Gefahr für 
enge Zweierverbindungen, vielleicht am meisten für die Ehe. Dafs 
•die Gatten die gleichgültigen »Intimitäten« des Tages, die Liebens- 
würdigkeiten oder Unliebenswürdigkeiten der Stunde, die allen Andern 
sorgfältig verborgenen Schwächen teilen — das legt es nahe, den 
Akzent und die Substanz des Verhältnisses gerade in dieses zwar 
völlig Individuelle, sachlich aber doch ganz Irrelevante zu verlegen, 
imd dasjenige, was man auch mit Andern teilt, und was vielleicht das 
Wichtigste der Persönlichkeiten ist, das Geistige, Grolszügige, den 
allgemeinen Interessen Zugewandte, Objektive — als eigentlich aufser- 
halb der Ehe liegend zu betrachten, es allmählich aus ihr herauszu- 
schieben. 

Nun liegt es auf der Hand, wie sehr der Intimitätszug der Zweier- 
verbindungen mit ihrem soziologischen Spezifikum zusammenhängt, 
teine höhere Einheit über ihre individuellen Elemente hinaus zu bilden. 
Denn diese Einheit, so sehr ihre konkreten Träger eben nur jene 



— 86 — 

beiden sind, wäre doch gewissermafsen ein drittes, das sich irgendwie 
zwischen sie drängen kann. Je umfänglicher eine Gemeinschaft ist^ 
desto leichter bildet sich einerseits eine objektive Einheit über den 
Einzelnen, und desto unintimer wird sie andrerseits ; diese beiden Züge 
sind innerlich verbunden. Dafs man in einem Verhältnis eben nur 
den Andern sich gegenübersieht, und nicht zugleich ein objektives, 
überindividuelles Gebilde als bestehend und wirksam fühlt, — das ist 
schon in Verhältnissen zu dreien selten in voller Reinheit wirklich, 
und ist doch die Bedingung der Intimität. Dafs so ein Drittes, das 
aus den beiden Subjekten einer Vereinigung selbst herausgewachsen 
ist, deren intimsten Sinn unterbricht, ist für die feinere Struktur der 
Gruppierungen zu zweien bezeichnend; und es gilt so prinzipiell, dafs 
selbst die Ehe, sobald sie zu einem Kinde geführt hat, ihm manchmal 
unterliegt. Es lohnt, dies zur Charakterisierung der Verbindungen 
zweier Elemente mit einigen Worten zu begründen. 

Wie der Dualismus, der die Form unsrer Lebensinhalte zu bilden 
pflegt, auf Versöhnungen drängt, deren Gelingen ebenso wie ihr Mifs- 
lingen jenen um so klarer erweist — so drängen, als das erste Beispiel 
oder Urbild hiervon, Männliches und Weibliches zueinander, zu der 
Vereinigung, die gerade nur durch die Gegensätzlichkeit beider möglich 
wird und die gerade vor dem leidenschaftlichsten Zueinander-, Inein- 
ander- Wollen als etwas im tiefsten Grunde Unerreichbares steht. Dafs 
es dem Ich versagt bleibt, das Nicht-Ich wirklich und absolut zu er- 
greifen, wird nirgends tiefer fühlbar als hier, wo die Gegensätze doch 
auf die Ergänzung und Verschmelzung hin geschaffen scheinen. Die 
Leidenschaft sucht die Grenzen des Ich niederzureifsen und das eine 
in das andere aufzuheben 5 aber nicht sie werden zur Einheit, sondern 
eine neue Einheit entsteht : das Kind. Und die eigentümlich dualistische 
Bedingung seines Werdens: eine Nähe, die doch Entferntheit bleiben 
mufs, und ihr Aufserstes, das die Seele will, nie erreichen kann, und 
eine Entfemtheit, die sich doch ins Unendliche dem Einswerden nähert 
— mit dieser steht auch das Gewordene zwischen seinen Erzeugern, 
und die variierenden Stimmungen dieser lassen bald das eine, bald das 
andere wirksam werden. So kommt es, dafs kalte, innerlich fremde 
Ehen sich kein Kind wünschen, weil es verbindet: seine Einheits- 
funktion hebt sich auf dem Grunde jener dominierenden Fremdheit 
um so wirksamer, aber auch um so unerwünschter ab. Manchmal 
aber wollen auch gerade sehr leidenschaftliche und innige Ehen kein 



— 87 — 

Kind — weil es trennt. Das metaphysische Einssein, zu dem die 
beiden nur miteinander zu verschmelzen begehrten, ist ihnen nun 
gleichsam aus der Hand geglitten und steht ihnen als ein Drittes, 
Physisches, gegenüber, das zwischen ihnen vermittelt. Aber eine 
Vermittlung eben muls denen, die die unmittelbare Einheit suchten, 
als eine Trennung erscheinen, wie eine Brücke zwar zwei Ufer ver- 
bindet, aber doch auch den Abstand zwischen ihnen mefsbar macht; 
und wo Vermittlung überflüssig ist, ist sie schlimmer als überflüssig. 
Dennoch scheint gerade die monogamische' Ehe von dem hier 
wesentlich gewordenen soziologischen Charakter der Zweiergrup- 
pierungen: der durch das Ausbleiben der überpersönlichen Einheit 
gegeben ist — eine Ausnahme machen zu müssen. Die garnicht 
seltene Tatsache, dafs es zwischen durchaus wertvollen Persönlich- 
keiten entschieden schlechte Ehen imd zwischen recht mangelhaften 
sehr gute gibt, weist zunächst darauf hin, dafs dieses Gebilde, so 
sehr es von jedem der Teilnehmer abhängig ist, doch einen Charakter 
haben kann, der mit dem keines Teilnehmers zusammenfällt. Wenn 
etwa jeder der Gatten an Wirrnissen, Schwierigkeiten, Unzulänglich- 
keiten leidet, aber diese gleichsam auf sich zu lokalisieren versteht, 
während er in das eheliche Verhältnis nur sein Bestes und Reinstes 
hineingibt, dieses von allen Abzügen der Person frei hält — so mag 
dies zwar zunächst nur dem Gatten als Person gelten, aber es erhebt 
sich daraus doch das Gefühl, dafs die Ehe etwas Überpersönliches 
ist, etwas an sich Wertvolles und Heiliges, das jenseits der Unheilig- 
keit jedes ihrer Elemente steht. Indem sich innerhalb eines Ver- 
hältnisses der eine nur nach der dem andern zugewandten Seite hin 
empfindet, sich nur mit Rücksicht auf ihn benimmt, gewinnen seine 
Eigenschaften, obgleich sie natürlich immer die seinigen sind, doch 
eine ganz andre Färbung, Stellung, Bedeutung, als wenn sie, auf das 
eigene Ich bezogen , sich nur in den Gesamtkomplex dieses verweben. 
Daraufhin kann für das Bewufstsein jedes der beiden das Verhältnis 
zu einer Wesenheit aufserhalb seiner krystallisieren, die mehr und 
Besseres — unter Umständen auch Schlechteres — ist als er selbst, 
gegen die er Verpflichtungen hat, und von der ihm, wie von einem 
objektiven Sein, Güter und Schicksale kommen. In Bezug auf die Ehe 
wird diese Enthebung der Gruppeneinheit aus ihrem Gebautsein auf 
das blofse Ich und Du durch zweierlei Umstände erleichtert. Zunächst 
durch ihre unvergleichliche Enge. Dafs zwei so grundverschiedene 



— 88 — 

Wesen wie Mann und Weib eine derartig enge Vereinigung bilden; 
dafs der Egoismus des einzelnen so gründlich nicht nur zugunsten 
des andren, sondern zugunsten des Gesamtverhältnisses, das die 
Familieninteressen, die Familienehre, vor allem die Kinder einschliefst, 
aufgehoben wird — das ist eigentlich ein Wunder, das geht auf die 
rationähstisch nicht mehr erklärbaren, jenseits des bewufsten Ich ge- 
legenen Grundlagen eben dieses zurück. Und dasselbe drückt sich in 
der Scheidung dieser Einheit von ihren singulären Elementen aus: 
dafs ein jedes von diesen das Verhältnis als etwas empfindet, das ein 
eigenes Leben mit eigenen Kräften lebt, ist nur eine Formulierung 
seiner Inkommensurabilität mit dem, was wir als das persönliche und 
aus sich begreifliche Ich vorzustellen pflegen. Dies wird nun weiter- 
hin durch die Überindividualität der Eheformen im Sinne ihrer sozialen 
Reguliertheit und historischen Überliefertheit sehr gefördert. So un- 
ermefslich verschieden der Charakter und Wert der Ehen auch sei — 
niemand kann zu entscheiden wagen, ob mehr oder weniger ver- 
schieden als Einzelindividuen — so hat doch schliefslich kein Paar 
sich die Eheform erfunden, sondern diese gilt innerhalb jedes Kultur- 
kreises als eine relativ feste, der Willkür entrückte, durch individuelle 
Färbungen und Schicksale in ihrem formalen Wesen nicht berührte. In 
der Geschichte der Ehe ist es auffallend, eine wie grofse — und zwar 
immer traditionelle — Rolle dritte Personen, oft nicht einmal Verwandte, 
bei der Werbung, den Ausmachungen über die Mitgift, den Hochzeits- 
gebräuchen spielen — bis zum eheschliefsenden Priester. Diese unindi- 
viduelle Initiation des Verhältnisses symbolisiert sehr fühlbar die sozio- 
logisch unvergleichbare Struktur der Ehe: dafs die allerpersönlichste 
Beziehung sowohl nach der Seite des inhaltlichen Interesses, wie der 
formalen Gestaltung hin von schlechthin überpersönlichen, geschichtlich- 
sozialen Instanzen aufgenommen und gelenkt ist. Dieser Einschufs 
tradierter Elemente in das eheliche Verhältnis, das es der individuellen 
Freiheit in der Gestaltung etwa des Freundschaftsverhältnisses be- 
deutsam entgegensetzt und im Wesentlichen nur Annahme oder Ab- 
lehnung, aber keine Abänderung gestattet, begünstigt ersichtlich das 
Gefühl einer objektiven Gestaltung und überpersönlichen Einheit 
in der Ehe; obgleich jeder von beiden Teilnehmern nur den einzigen 
andren sich gegenüber hat, so fühlt er sich doch mindestens partiell 
so, wie sonst nur einer Kollektivität gegenüber : als der blofse Träger 
eines überindividuellen Gebildes, das in seinem Wesen und seinen 



— 89 — 

Normen von ihm, der freilich ein organisches Glied desselben ist, 
dennoch unabhängig ist. 

Es scheint, als ob die moderne Kultur, indem sie den Charakter 
der einzelnen Ehe immer mehr individualisiert, doch die Überindivi- 
dualität, die den Kern ihrer soziologischen Form bildet, ganz unberührt 
läfst, ja, m mancher Hinsicht steigert. Die Mehrfachheit der Ehearten 
' — entweder zurWahl der Kontrahenten gestellt oder nach ihren besondren 
sozialen Positionen bestimmt — wie sie in Halbkulturen und hohen, ver- 
gangenen Kulturen vorkommt, erscheint zunächst als eine individuellere 
Form, die der Differenziertheit der einzelnen Fälle besonders nach- 
giebig ist. In Wirklichkeit liegt es umgekehrt: jede dieser ver- 
schiedenen Arten ist dennoch etwas durchaus Unindividuelles, sozial 
Vorgeformtes und ist durch ihren Ansatz von Besonderung viel 
enger und gewalttätiger, als eine ganz aligemeine und durchgehend 
festgehaltene Eheform, deren abstrakteres Wesen notwendig den 
persönlichen Differenziertheiten gröfseren Spielraum gestatten mufs. 
Dies ist eine durchgehende soziologische Formierung: es besteht 
eine viel gröfsere Freiheit des individuellen Verhaltens und Gestaltens, 
wenn die soziale Fixierung das ganz Allgemeine betrifft, wenn allen 
einschlägigen Verhältnissen eine durchgehende Form sozial auferlegt 
ist — als wenn, mit scheinbarem Eingehen auf individuelle Lagen und 
Bedürfnisse die sozialen Festsetzungen sich selbst in allerhand Sonder- 
formen spezialisieren. Das wirklich Individuelle wird im letzteren 
Falle viel mehr präjudiziert , die Freiheit für Differenzierungen ist 
gröfser, wenn die Unfreiheit ganz allgemein durchgehende Züge 
betrifft^). So gibt die Einheit der modernen Eheform sicher einen 
weiteren Spielraum für besondere Ausgestaltungen, als eine Mehrheit 
sozial vorgeprägter Formen es tut — während sie durch ihre aus- 
nahmslose Allgemeinheit allerdings das Cachet der Objektivität, der 
selbständigen Geltung gegenüber allen individuellen Modifikationen, 
um die es sich jetzt für uns handelt, aufserordentlich steigert 2). 



') Diese Korrelationen sind ausführlich in dem letzten Kapitel behandelt. 

-) Die eigentümliche Verschlingung des subjektiven und des objektiven 
Charakters, des Persönlichen und des Überpersönlich - Generellen, die die 
Ehe bietet, liegt schon in dem Fundamental Vorgang , der physiologischen 
Paarung, der allein allen historisch bekannten Eheformen gemeinsam ist, 
während vielleicht keine einzige weitere Bestimmung sich ausnahmslos an 
allen findet. Dieser Vorgang wird einerseits" als das Intim-Persönlichste 
empfunden, andrerseits aber doch als das absolute Generelle, das die Per- 



— 90 — 

Etwas soziologisch Ähnliches könnte man noch an der Zweizahl 
der Associes eines Geschäftes erblicken. Obgleich dessen Gründung 
und Betrieb vielleicht ausschlielslich auf dem Zusammenwirken dieser 
beiden Persönlichkeiten beruht, so ist doch der Gegenstand dieses 
Zusammenwirkens, das Geschäft oder die Firma, ein objektives Ge- 
bilde, gegen das jeder seiner Komponenten Rechte und Pflichten hat — 
vielfach nicht anders als irgend ein dritter. Dennoch hat dies einen 
andern soziologischen Sinn als im Falle der Ehe; denn »das Geschäft« 
ist infolge der Objektivität der Wirtschaft von vornherein etwas von 
der Person des Inhabers Getrenntes, und zwar bei einer Zweiheit der 
Inhaber nicht anders als bei einer Einzahl oder einer Vielzahl. Das 



sönlichkeit grade in dem Dienst der Gattung, in der allgemein organischen 
Forderung der Natur untertauchen läfst. In diesem Doppelcharakter des 
Aktes als des ganz Persönlichen und des ganz Überpersönlichen liegt sein 
psychologisches Geheimnis und aus ihm wird verständlich, wie grade 
dieser Akt die Basis des Eheverhältnisses werden konnte, die auf höherer 
soziologischer Stufe eben diese Doppelheit wiederholt. Nun aber tritt grade 
an der Beziehung der Ehe zur sexuellen Betätigung eine höchst eigenartige 
formale Komplikation auf. So unmöglich nämlich angesichts jener histo- 
rischen Heterogeneität der Ehearten eine positive Definition der Ehe sei, so 
kann doch bestimmt werden, welche Beziehung zwischen Mann und Weib 
jedenfalls nicht Ehe ist: die rein sexuelle. Was auch die Ehe sein mag, 
sie ist immer und überall mehr als der sexuelle Verkehr; so divergent 
die Richtungen sein mögen, nach denen die Ehe über diesen hinausgeht — 
dafs sie über ihn hinausgeht, macht die Ehe erst zur Ehe. Dies ist eine 
soziologisch fast einzige Formung: dafs derjenige Punkt, der allein allen 
Eheformen gemeinsam ist, zugleich grade derjenige ist, über den sie hinaus- 
gehen müssen, um eine Ehe zu ergeben. Nur ganz entfernte Analogien 
hierzu scheinen auf andren Gebieten stattzufinden : so müssen die Künstler, 
wie heterogene stilistische oder phantasiemäfsige Tendenzen sie auch verfolgen, 
gleichmäfsig die natürlichen Erscheinungen aufs genaueste kennen, nicht, um 
bei ihnen zu verharren, sondern um in jenem Hinausgehen über sie ihre 
spezifische künstlerische Aufgabe zu erfüllen; so haben alle historischen und 
individuellen Mannigfaltigkeiten der gastronomischen Kultur doch das Ge- 
raeinsame, die physiologischen Bedürfnisse ihres Gebietes befriedigen zu 
müssen, aber nicht, um hierbei stehen zu bleiben, sondern grade um mit 
den divergentesten Reizen diese blofs generelle Bedürfnisbefriedigung zu 
überschreiten. Innerhalb der soziologischen Formungen aber scheint die 
Ehe die einzige oder mindestens die reinste dieses Typus zu sein: dafs alle 
Fälle eines sozialen Formbegriffes nur ein einziges wirklich allen gemein- 
sames Element enthalten, aber grade darauf hin noch nicht zu Realisie- 
rungen dieses Begriffes werden, sondern dies erst, wenn sie jenem All- 
gemeinen etwas Weiteres, also unvermeidlich Individuelles, in Verschiedenen 
Verschiedenes, hinzufügen. 



— 91 — 

wechselwirkende Verhältnis der Teilnehmer zueinander hat seinen 
Zweck aufser sich, während es ihn bei der Ehe in sich hat; dort ist 
die Beziehung das Mittel zum Gewinn gewisser objektiver Ergebnisse, 
hier erscheint alles Objektive eigentlich nur als Mittel für die sub- 
jektive Beziehung. Um so bemerkenswerter ist es, dafs in der Ehe 
dennoch die den Zweigruppierungen sonst ferner liegende Objektivität 
und Selbständigkeit des Gruppengebildes gegenüber der unmittelbaren 
Subjektivität psychologisch aufwächst. 

Eine Konstellation indefs von äufserster soziologischer Wichtigkeit 
mangelt jeglicher Gruppierung zu zweien, während sie jeder mehr- 
zahligen prinzipiell offen steht: die Abwälzung von Pflichten und 
Verantwortungen auf das unpersönliche Gebilde — die das soziale Leben 
so häufig , und nicht zu seinem Vorteil , charakterisiert. Und zwar 
nach zwei Seiten hin. Jede Gesamtheit, die mehr ist als ein blofses 
Nebeneinander gegebener Individuen, hat eine Unbestimmtheit ihrer 
Grenzen und ihrer Macht, die leicht dazu verlockt, allerhand Leistungen 
von ihr zu erwarten, die eigentlich dem einzelnen Mitgliede oblägen; 
man schiebt sie auf die Gesellschaft, wie man sie oft in der psycho- 
logisch gleichen Tendenz auf die eigne Zukunft schiebt, deren nebel- 
hafte Möglichkeiten für alles den Raum geben oder durch wie von 
selbst zuwachsende Kräfte alles das besorgen werden, was der 
Augenblick nicht gern auf sich nehmen möchte. Der in den grade 
fraglichen Beziehungen durchsichtigen, aber eben deshalb auch 
klar begrenzten Macht des Individuums steht die immer etwas 
mystische Kraft der Gesamtheit gegenüber, von der man deshalb 
leicht nicht nur das erwartet, was das Individuum nicht leisten 
kann, sondern auch das, was es nicht leisten möchte; und zwar 
mit dem Gefühl des vollen Legitimiertseins zu dieser Abschiebung. 
Einer der besten Kenner Nordamerikas schiebt einen grofsen Teil 
der Unzulänglichkeiten und Hemmungen, unter denen dort die Staats- 
maschine arbeitet, auf den Glauben an die Macht der öffentlichen 
Meinung. Der Einzelne verliefse sich darauf, dafs die Gesamtheit schon 
das Rechte erkennen und tun werde, und verliert damit leicht die indi- 
viduelle Initiative für öffentliche Interessen. Dies steigert sich be- 
greiflich zu der positiven Erscheinung, die ebenderselbe Autor so 
beschreibt: The longer public opinion has ruled, the more absolute 
is the authority of the majority likely to become, the less likely are 
energetic minorities to arise, the more are politicians likely to occupy 



— 92 — 

themselves, not in forming opinion, but in discovering and hastening 
lo obey it. — Ebenso gefährlich aber wie nach der Seite des Unter- 
lassens wird dem Einzelnen die Zugehörigkeit zu einer Gesamtheit 
auch nach der Seite des Tuns. Hier handelt es sich nicht nur um die 
Steigerung der Impulsivität und die Ausschaltung moralischer Hem- 
mungen, wie sie an dem Einzelnen in einer Menschenmenge hervor- 
treten und zu den Massenverbrechen führen, bei denen sogar die 
juristische Verantwortlichkeit der Teilnehmer strittig ist; sondern 
darum, dafs das wahre oder das vorgebliche Interesse einer Gemein- 
schaft den Einzelnen zu Handlungen berechtigt oder verpflichtet, für 
die er als einzelner die Verantwortung nicht tragen möchte. Wirt- 
schaftliche Vereinigungen stellen Forderungen von so schamlosem 
Egoismus, Amtskollegien geben so schreiende Mifsbräuche zu, Kor- 
porationen politischer wie wissenschaftlicher Art üben so empörende 
Unterdrückungen individueller Rechte — wie es dem Einzelnen, wenn 
€r als Person sie verantworten sollte, doch unmöglich wäre oder 
wenigstens ein Erröten abzwingen würde. Als Korporationsmitglied 
aber übt er alles dies mit dem besten Gewissen, weil er als solches 
anonym ist und sich von der Gesamtheit gedeckt, ja sozusagen ver- 
deckt fühlt und mindestens formal ihr Interesse zu vertreten meint. 
Es gibt wenig Fälle, in denen die Distanz der gesellschaftlichen Ein- 
heit von den Elementen, die sie bilden, so stark, ja fast in die Kari- 
katur ausartend, fühlbar und wirksam wird. 

Diese Herabsetzung der praktischen Persönlichkeitswerte, die die 
Einbeziehung in eine Gruppe oft für das Individuum mit sich bringt, 
mufste angedeutet werden, um durch ihren Ausschlufs die Zweier- 
gruppe zu charakterisieren. Indem hier jedes Element nur ein andres 
individuelles neben sich hat, nicht aber eine Mehrzahl, die eventuell 
eine höhere Einheit bildet, ist die Abhängigkeit des Ganzen von ihm 
und dadurch seine Mitverantwortlichkeit für alle Kollektivaktionen 
völlig klargestellt. Es kann freilich, wie es oft genug vorkommt, 
Verantwortungen auf den Genossen abschieben, aber dieser wird sie 
viel unmittelbarer und entschiedener von sich abweisen können, als 
es häufig ein anonymes Ganzes kann, dem es an der Energie des per- 
sönlichen Interesses oder an der für solche Fälle legitimierten Ver- 
tretung fehlt. Und ebenso wenig, wie der eine von zweien sich wegen 
dessen, was er tut, hinter der Gruppe verstecken kann, so wenig kann er 
sich wegen dessen, was er unterläfst, auf sie verlassen. Die Kräfte, mit 



— 93 — 

denen die Gruppe das Individuum zwar sehr unbestimmt und sehr partiell^ 
aber doch sehr fühlbar überragt, können hier die individuelle Un- 
zulänglichkeit nicht ebenso wie bei gröfseren Verbindungen ergänzen ; 
denn so vielfach auch zwei vereinigte Individuen mehr leisten als 
zwei vereinzelte, so ist doch das Bezeichnende für diesen Fall, dafs 
eben jeder wirklich etwas leisten mufs, und dafs, wenn er dies ver- 
sagt, nur der andre, aber keine überindividuelle Kraft mehr übrig 
bleibt — wie es doch schon bei einer Dreierverbindung der Fall ist. 
Die Wichtigkeit dieser Bestimmung liegt aber keineswegs nur im 
Negativen, in dem, was sie ausschliefst; von ihr stammt vielmehr 
auch eine enge und besondere Tönung der Verbindung von zweien. 
Gerade, dafs jeder weifs, er könne sich eben nur auf den andren und 
niemanden sonst verlassen, gibt ihnen — z. B. der Ehe, der Freund- 
schaft, aber auch mehr äufserlichen Verbindungen bis zur politischen 
von zwei Gruppen — eine besondere Weihe, jedes Element ist in 
ihnen in Bezug auf sein soziologisches und das von diesem abhängige 
sonstige Schicksal viel häufiger vor ein Alles oder Nichts gestellt, als 
in weiteren Assoziationen. Am einfachsten zeichnet sich diese eigen- 
artige Enge an dem Gegensatz gegen die Verbindungen zu dreien. 
Bei einer solchen wirkt nämlich jedes einzelne Element als Zwischen- 
instanz der beiden andren und zeigt die Doppelfunktion einer solchen : 
sowohl zu verbinden wie zu trennen. Wo drei Elemente A, B, C 
eine Gemeinschaft bilden, kommt zu der unmittelbaren Beziehung, die 
z. B. zwischen A und B besteht, die mittelbare hinzu, die sie durch 
ihr gemeinsames Verhältnis zu C gewinnen. Dies ist eine formal 
soziologische Bereicherung, aufser durch die gerade und kürzeste Linie 
werden hier je zwei Elemente auch noch durch eine gebrochene ver- 
bunden; Punkte, an denen jene keine unmittelbare Berührung finden 
können, werden durch das dritte Element, das jedem eine andre 
Seite zukehrt und diese doch in der Einheit seiner Persönlichkeit zu- 
sammenschliefst, in Wechselwirkung gesetzt; Entzweiungen, die die 
Beteiligten nicht von sich allein aus wieder einrenken können, werden 
durch den dritten oder durch ihr Befafstsein in einem umschliefsenden 
Ganzen zurechtgebracht. Allein die direkte Verbindung wird durch 
die indirekte nicht nur gestärkt, sondern auch gestört. Es gibt kein 
noch so inniges Verhältnis zwischen dreien, in dem nicht jeder einzelne 
gelegentlich von den beiden andren als Eindringling empfunden würde, 
und sei es auch nur durch sein Teilhaben an gewissen Stimmimgen^ 



— 94 — 

die ihre Konzentriertheit und schamhafte Zartheit nur bei dem unab- 
gelenkten Blick von Auge in Auge entfalten können; jedes sensitive 
Verbundensein von zweien wird dadurch irritiert, dafs es einen Zu- 
schauer hat. Auch kann man bemerken, wie aufserordentlich schwer 
und selten drei Menschen etwa bei einem Museumsbesuch oder vor 
einer Landschaft in eine wirklich einheitliche Stimmung kommen, die 
sich unter zweien relativ leicht herstellt. A und B können das ihnen 
gemeinsame jx betonen und störungslos empfinden, weil das v, das A 
nicht mit B teilt, und das $, das B nicht mit A teilt, ohne weiteres 
als individuelle Reserve und wie in einem andern Stockwerk liegend 
gefühlt wird. Tritt nun aber ein C hinzu, dem mit A das v und 
mit B das ^ gemeinsam ist, so ist selbst bei diesem, für die Einheit 
des Ganzen noch günstigsten Schema doch die Einheitlichkeit der 
Stimmung prinzipiell unterbunden. Während zwei wirklich eine Partei 
sein können bezw. ganz jenseits der Parteifrage stehen, pflegen in feinsten 
stimmungsmäfsigen Zusammenhängen drei sogleich drei Parteien — zu 
je Zweien — zu bilden und damit das einheitliche Verhältnis des je 
einen zu dem je andern aufzuheben. Die soziologische Struktur der 
Verbindung zu zweien wird dadurch bezeichnet, dafs beides fehlt: 
sowohl die verstärkte Verknüpfung [durch den dritten bezw. durch 
einen über beide hinausgreifenden sozialen Rahmen, als auch die 
Störung und Ablenkung der reinen und immittelbaren Gegenseitigkeit. 
Aber in manchen Fällen wird gerade jener Mangel das Verhältnis 
intensiver und stärker machen; denn in dem Gefühl, ausschlielslich 
aufeinander angewiesen zu sein und zusammenhaltende Kräfte, die 
nicht die unmittelbare Wechselwirkung entfaltete, von nirgends wo- 
her erhoffen zu können, werden manche sonst unentwickelte und aus 
abgelegeneren psychischen Reservoiren stammende Kräfte der Gemein- 
schaft lebendig werden, und manche Störungen und Gefährdungen, 
zu denen man sich im Zutrauen zu dem dritten und einer Gesamtheit 
verleiten liefse, ängstlicher vermieden werden. Diese Enge, zu der 
die Verhältnisse zwischen zwei Menschen neigen, ist der Grund, aus 
dem gerade sie den hauptsächlichen Sitz der Eifersucht bilden. 

Nur eine andre Wendung der gleichen soziologischen Grund- 
konstellation liegt in der Beobachtung, dafs Verhältnisse zu zweien, 
Zusammensetzung eines Ganzen aus nur zwei Teilnehmern, eine 
gröfsere Individualisiertheit eines jeden von diesen voraussetzen, als — 
ceteris paribus — solche von vielen Elementen. Hier ist das Wesent- 



— 95 — 

liehe, dafs es in einer Vereinigung von zweien keine Majorität gibt, 
die den Einzelnen überstimmen kann, und zu der schon bei Hinzu- 
tritt eines dritten Gelegenheit gegeben ist. Verhältnisse aber, in denen 
die Vergewaltigung des Einzelnen durch Majorität möglich ist, setzen 
nicht nur die Individualität herab, sondern, soweit sie freiwillig sind, 
werden sie überhaupt von sehr entschiedenen Individualitäten nicht 
gern eingegangen. Wobei freilich zwei oft verwechselte Begriffe aus- 
einanderzuhalten sind: die entschiedene und die starke Individualität. 
Es gibt Personen und Kollektivgebilde, die von der äufsersten Indi- 
vidualisiertheit sind, aber nicht die Kraft haben, diese Eigenart gegen- 
über Unterdrückungen oder nivellierenden Kräften zu bewahren; wo- 
gegen die starke Persönlichkeit ihre Formung gerade an Gegensätzen, 
im Kampf um ihre Besonderheit und gegenüber allen Verführungen 
zu Abschleifung und Mischung zu festigen pflegt. Jene erstere, die 
blofs qualitative Individualität, wird Vereinigungen scheuen, in denen 
sie sich einer eventuellen Majorität gegenüber befindet ; sie ist dagegen 
zu den mannigfachen Verbindungen zu zweien wie prädestiniert, weil 
sie sowohl durch ihre Differenziertheit wie durch ihre Angreifbarkeit 
auf die Ergänzung durch ein andres angewiesen ist. Der andre Typus, 
die mehr intensive Individualität, wird sich dagegen lieber einer Mehr- 
zahl gegenüber sehen, an deren quantitativem Übergewicht sie ihr 
dynamisches bewähren kann. Schon sozusagen technische Gründe 
werden diese Vorliebe rechtfertigen: das Dreikonsulat Napoleons war 
ihm entschieden bequemer, als eine Zweiheit gewesen wäre; denn nun 
brauchte er nur den einen Kollegen für sich zu gewinnen (was der 
stärksten Natur unter dreien sehr leicht gelingen wird), um den 
andren, d. h. also tatsächlich die beiden andren, in der legalsten Form 
zu dominieren. Im ganzen aber wird man sagen können, dafs die 
Verbindung zu zweien den mehrzahligen gegenüber eine relativ er- 
heblichere Individualität der Teilnehmer einerseits begünstigt, andrer- 
seits voraussetzt, dafs hier die Niederhaltung der Eigenart durch die 
soziale Eingliederung in ein Durchschnittsniveau fehlt. Wenn es des- 
halb wahr ist, dafs die Frauen das unindividuellere Geschlecht sind, 
dafs die Differenzierimgen der einzelnen sich weniger vom Gattungs- 
typus entfernen, als es durchschnittlich bei Männern der Fall ist — 
so wäre daraus die weitere sehr verbreitete Meinung verständlich, 
dafs sie der Freundschaft im allgemeinen weniger zugängig sind als 
Männer. Denn die Freundschaft ist ein ganz und gar auf die Indi- 



— 96 — 

vidualitäten der Elemente gestelltes Verhältnis, vielleicht noch mehr 
als die Ehe, die durch ihre traditionellen Formen, ihre sozialen Fest- 
gelegtheiten und ihre realen Interessen vieles Überindividuelle, von der 
Besonderheit der Persönlichkeiten Unabhängige, einschliefst. Die funda- 
mentale Differenzierung, auf der die Ehe beruht, ist an sich ja noch 
keine individuelle, sondern eine gattungsmäfsige ; die Freundschaft 
aber ruht auf einer rein persönlichen, und darum ist es begreiflich, 
dafs auf der Stufe niederer Persönlichkeitsentwicklung überhaupt wirk- 
liche und dauernde Freundschaften selten sind, und dafs andrerseits 
die moderne, hoch differenzierte Frau eine auffallend gesteigerte 
Fähigkeit und Neigung zu Freundschaftsverhältnissen zeigt und zwar 
ebenso mit Männern wie mit Frauen. Die ganz individuelle Differen- 
zierung hat hier das Übergewicht über die gattungsmäfsige erlangt, 
und wir sehen so die Korrelation sich herstellen zwischen der zu- 
gespitztesten Individualisierung und einem Verhältnis, das auf dieser 
Stufe absolut auf die Zweizahl beschränkt ist ; was natürlich nicht 
ausschliefst, dafs dieselbe Person gleichzeitig in verschiedenen Freund- 
schaftsverhältnissen stehen kann. 

Dafs Verhältnisse zu zweien überhaupt als solche spezifische Züge 
haben, zeigt nicht nur die Tatsache, dafs der Zutritt eines dritten sie 
ganz abändert, sondern mehr noch die vielfach beobachtete: dafs die 
weitere Ausdehnung auf vier oder mehrere das Wesen der Ver- 
einigung keineswegs noch entsprechend weiter modifiziert. So hat 
z. B. eine Ehe mit einem Kind einen völlig anderen Charakter als 
eine kinderlose, während sie sich gegen eine Ehe mit zwei oder mehr 
Kindern lange nicht mehr so bedeutsam unterscheidet. Freilich ist 
die Differenz ihres inneren Wesens, die das zweite Kind zuwege 
bringt, wieder viel erheblicher als die aus dem dritten sich ergebende. 
Aber dies folgt doch auch der genannten Norm; denn eine Ehe mit 
einem Kind ist in vielfacher Beziehung ein Verhältnis mit zwei 
Gliedern: die Eltern als Einheit auf der einen, das Kind auf der 
andern Seite. Das zweite Kind ist hier tatsächlich nicht nur ein 
viertes, sondern, soziologisch betrachtet, gleichzeitig auch ein drittes 
Glied einer Beziehung, das die eigentümlichen Wirkungen eines solchen 
übt; denn innerhalb der Familie bilden, sobald das eigentliche Kindes- 
alter vorüber ist, viel häufiger die Eltern eine Wirkungseinheit, als 
die Gesamtheit der Kinder es tut. — Auch auf dem Gebiet der Ehe- 
formen ist der entscheidende Unterschied der, ob überhaupt Monogamie. 



— 97 — 

herrscht, oder der Mann noch eine zweite Frau hat. Ist das letztere 
der Fall, so ist die dritte oder zwanzigste Frau für die Struktur der 
Ehe relativ ohne Bedeutung. Innerhalb der damit gezogenen Grenze 
ist freilich auch hier der Schritt zur zweiten Frau mindestens nach 
einer Richtung hin folgenreicher als der zu einer noch gröfseren 
Zahl. Denn gerade die Zweizahl der Frauen kann im Leben des 
Mannes zu den schärfsten Konflikten und tiefsten Störungen Ver- 
anlassung geben, die sich bei jeder höheren überhaupt nicht erheben. 
Denn mit dieser setzt eine so gründliche Deklassierung und Ent- 
individualisierung der Frauen ein, eine so entschiedene Reduktion der 
Beziehimg auf ihre sinnliche Seite (da jede geistigere auch immer 
individuellerer Natur ist) — dafs es im allgemeinen zu jenen tieferen 
Erschütterungen für den Mann nicht kommen wird, die gerade und 
nur aus einem Doppelverhältnis fliefsen können. 

Das gleiche Grundmotiv kehrt in der Behauptung Voltaires über 
die politische Nützlichkeit der religiösen Anarchie wieder : zwei rivali- 
sierende Sekten innerhalb eines Staates erzeugten xmvermeidlich Un- 
ruhen und Schwierigkeiten, wie sie durch zweihundert niemals entstehen 
könnten. Die Bedeutung, die der Dualismus des einen Elementes in 
einer mehrgliedrigen Verbindung besitzt, ist natürlich nicht weniger 
spezifisch und eingreifend, wenn sie statt der Störung gerade der 
Sicherung des Gesamtverhältnisses dient. So ist behauptet worden, 
dafs die Kollegialität der zwei römischen Konsuln vielleicht monar- 
chischen Gelüsten noch zweckmäfsiger entgegengewirkt habe, als das 
System der neun höchsten Beamten in Athen. Es ist die gleiche 
Gespanntheit des Dualismus, die nur bald destruktiv, bald erhaltend 
wirkt, je nach den sonstigen Umständen der Gesamtassoziation; das 
Wesentliche ist hier, dafs diese letztere einen ganz anderen sozio- 
logischen Charakter erhält, sobald die fragliche Leistung entweder 
durch eine Einzelperson oder von einer Mehr-als-zwei-Zahl ausgeübt 
wird. In demselben Sinne wie die römischen Konsuln sind führende 
Kollegien oft aus zwei Mitgliedern zusammengesetzt : die beiden Könige 
der Spartaner, deren fortwährende Uneinigkeiten ausdrücklich als 
Sicherung des Staatswesens hervorgehoben werden, die beiden obersten 
Kriegsführer des Irokesenbundes, die zwei Stadtpfleger des mittel- 
alterlichen Augsburg, wo das Streben nach einem einheitlichen Bürger- 
meisteramt unter schwerer Strafe stand. Die eigentümlichen Gereizt- 
hejiten zwischen den dualistischen Elementen einer gröfseren Struktur 

Slmmel Soziologie. 7 



— 98 — 

erhalten die von ihnen getragene Funktion auf dem Status quo, während 
in den angeführten Beispielen das Zusammenschmelzen zur Einheit 
eine individuelle Übergewalt, die Ausdehnung zur Vielheit dagegen 
eine oligarchische Clique leicht hätte entstehen lassen. 

Zu dem Typus nun, der die Zweizahl der Elemente überhaupt 
als so entscheidend zeigte, dafs die weitere numerische Steigerung 
ihn nicht erheblich abändert, erwähne ich noch zwei sehr singulare, 
aber dennoch als soziologische Typen höchst wichtige Tatsachen. Die 
politische Stellung Frankreichs in Europa war sofort auf das bedeut- 
samste gewandelt, als es zu Rufsland in ein engeres Verhältnis trat. 
Ein dritter und vierter Bundesgenosse würde gar keine wesentliche 
Änderung mehr hervorbringen, nachdem die prinzipielle einmal ge- 
schehen ist. Die menschlichen Lebensinhalte unterscheiden sich sehr 
erheblich danach, ob der erste Schritt der schwerste und entscheidende 
ist, und alle späteren ihm gegenüber sekundäre Wichtigkeit haben — 
oder ob er für sich noch nichts bedeutet und erst seine Fortsetzungen 
und Gesteigertheiten die Wendungen realisieren, auf die er nur hin- 
deutet. Die Zahlverhältnisse der Vergesellschaftung geben, wie sich 
später immer mehr zeigen wird, für beide Formen reichliche Beispiele. 
Für einen Staat, dessen Vereinsamung mit dem Verlust seines poli- 
tischen Prestiges in Wechselwirkung steht, ist die Tatsache einer 
AUiance überhaupt das Entscheidende, während vielleicht bestimmte 
wirtschaftliche oder militärische Vorteile sich erst erzielen lassen, 
wenn ein Kreis von Verbindungen vorliegt, von denen auch nicht 
eine fehlen darf, wenn nicht der Erfolg ausbleiben soll. Zwischen 
diesen beiden Typen liegt dann ersichtlich derjenige, in dem der be- 
stimmte Charakter und Erfolg der Verbindung pro rata der Anzahl 
der Elemente eintritt, wie in der Regel bei der Vereinigung grofser 
Massen. Der zweite Typus umfafst die Erfahrung, dafs Befehls- und 
Assistenzverhältnisse ihren Charakter prinzipiell ändern, wenn statt 
eines Dienstboten, Hilfskraft oder sonst Subordinierten deren zwei 
verwandt werden. Hausfrauen ziehen es manchmal — ganz von der 
Frage des Aufwands abgesehen — vor, sich mit einem Dienstboten 
zu behelfen, wegen der besonderen Schwierigkeiten, die deren Mehr- 
zahl mit sich bringt. Der einzelne wird aus dem natürlichen An- 
lehnungsbedürfnis heraus sich der personalen Sphäre und dem Inter- 
essenkreise der Herrschaft anzunähern und einzugliedern streben; 
ebendasselbe aber wird ihn bewegen, mit einem eventuellen zweiten 



— 99 — 

Partei gegen die Herrschaft zu bilden, denn nun hat jeder von beiden 
einen Rückhalt am andern ; das Standesgefühl mit seiner latenten oder 
bewufsteren Opposition gegen die Herrschaft wird erst an zweien 
wirksam werden, weil es als das ihnen Gemeinsame hervortritt. Kurz, 
die soziologische Situation zwischen dem Über- und dem Unter- 
geordneten ist absolut geändert, sobald das dritte Element hinzukommt ; 
statt der Solidarität liegt nun vielmehr die Parteibildung nahe, statt 
der Betonung dessen, was den Dienenden mit dem Herrschenden ver- 
bindet, vielmehr die des Trennenden, weil die Gemeinsamkeiten nun 
auf der Seite des Kameraden gesucht und natürlich gerade in dem 
gefunden werden, was den Gegensatz beider gegen den gemeinsamen 
Übergeordneten ausmacht. Auch bleibt die Umsetzung der numerischen 
Differenz in eine qualitative nicht weniger fundamental, wenn sie für 
das herrschende Element der Assoziation die umgekehrte Folge zeigt: 
man hat es mehr in der Hand, zwei als einen Untergebenen in der 
wünschenswerten Distanz zu halten, und besitzt an ihrer Eifer- 
sucht und Konkurrenz ein Werkzeug, den einzelnen niederzuhalten 
und fügsam zu machen, für das es einem gegenüber gar kein 
Äquivalent gibt. Im formal gleichen Sinne sagt ein altes Sprüchwort : 
»wer ein Kind hat, ist sein Sklave, wer mehr hat, ist ihr Herr«. In 
jedem Fall hebt sich die Verbindung zu dreien von der zu zweien als 
ein völlig neues Gebilde ab, die letztere dadurch charakterisierend, 
dafs die erstere sich nur rückwärts gegen sie, nicht aber vorwärts 
gegen die auf vier und mehr Elemente gesteigerten Verbindungen 
spezifisch unterscheidet. 

Im Übergange zu den besonderen Formungen der Dreizahl von 
Elementen ist die Verschiedenheit der Gruppencharaktere hervor- 
zuheben, die ihre Teilung in zwei oder in drei hauptsächliche Parteien 
erzeugt. Erregte Zeiten pflegen das ganze öffentliche Leben unter das 
Motto : wer nicht für mich ist, der ist gegen mich — zu stellen. Die 
Folge mufs eine Aufteilung der Elemente in zwei Parteien sein. Alle 
Interessen, Überzeugungen, Impulse, die uns überhaupt in ein positives 
oder negatives Verhältnis zu anderen setzen, unterscheiden sich danach, 
inwieweit jener Grundsatz für sie gilt, und lassen sich in eine Reihe 
gliedern, anhebend von dem radikalen Ausschluls aller Vermittelungen 
und Unparteilichkeiten bis zu der Toleranz für den entgegengesetzten 
Standpunkt als einen ebenfalls berechtigten und bis zu einer ganzen 
Skala von mehr oder weniger mit dem eigenen übereinstimmenden 

7* 



— 100 — 

Standpunkten. Jeder Entschlufs, der zu dem engeren und weiteren 
uns umgebenden Kreise eine Beziehung hat, der uns eine Stellung in 
diesen bestimmt, der eine innere oder äufsere Kooperation, ein Wohl- 
wollen oder ein blofses Gewährenlassen, ein Sich-Herausheben oder 
eine Gefährdung einschliefst — jeder solche Entschlufs hat eine be- 
stimmte Stufe auf jener Skala inne; jeder legt eine ideelle Linie um 
uns, die jeden anderen entweder mit Entschiedenheit ein- oder aus- 
schliefst, oder Lücken hat, an denen die Frage des Ein- oder Aus- 
schlusses nicht gestellt wird, oder die so geführt ist, dafs sie eine 
blofse Berührung oder ein blofs teilweises Einbeziehen und teilweises 
Draufsenlassen ermöglicht. Ob und mit welcher Entschiedenheit die 
Frage des : für mich oder wider mich ? — erhoben wird, darüber ent- 
scheidet keineswegs nur die logische Strenge ihres Inhaltes, ja nicht 
einmal die Leidenschaft, mit der die Seele auf diesem Inhalte besteht^ 
sondern ebenso auch das Verhältnis des Fragenden zu seinem sozialen 
Kreise. Je enger und solidarischer dieses ist, je weniger das Subjekt 
mit anderen als ganz gleich gestimmten Genossen koexistieren kann^ 
und je mehr [ein ideeller Anspruch die Gesamtheit aller letzteren als 
eine Einheit zusammenfafst — um so kompromifsloser wird ein jeder vor 
die Frage des Für oder Wider gestellt werden. Der Radikalismus,, 
mit dem Jesus diese Entscheidung formuliert, ruht auf einem unend- 
lich starken Gefühl der einheitlichen Zusammengehörigkeit aller derer,, 
an die seine Botschaft gekommen ist. Dafs es dieser gegenüber nicht 
nur ein blofses Annehmen oder Ablehnen, sondern sogar nur ein 
Annehmen oder Bekämpfen gibt — das ist der stärkste Ausdruck 
für die unbedingte Einheit der Dazugehörigen und das unbedingte 
Draufsenbleiben der nicht dazu Gehörigen: der Kampf, das Wider- 
mich-sein, ist immer noch eine entschiedene Beziehung, verkündet 
noch eine stärkere innerliche, wenngleich pervers gewordene Einheit,, 
als das indifferente Danebenstehen und das vermittelnde Halb-und- 
halb-tum. Dieses soziologische Grundgefühl also wird zu einer Zer- 
legung des ganzen Komplexes von Elementen in z w e i Parteien treiben. 
Wo dagegen jenes leidenschaftliche Umfassungsgefühl dem Ganzen 
gegenüber fehlt, das jeden in ein positives Verhältnis — der Annahme 
oder der Bekämpfung — zu der auftretenden Idee oder Forderung 
zwingt; wo jede Teilgruppe sich im wesentlichen mit ihrer Existenz 
als Teilgruppe begnügt, ohne im Ernst die Forderung auf Einschlufs 
der Gesamtheit zu stellen — da ist der Boden für eine Mehrheit von 



— 101 — 

Parteibildungen gegeben, für Toleranz, für Mittelparteien, für eine 
Skala allmählich abgestufter Änderungen. Dafs Epochen, wo die 
grolsen Massen in Bewegung gesetzt sind, den Dualismus der Parteien 
nahe legen, den Indifferentismus ausschliefsen und den Einflufs der 
Mittelparteien herabsetzen — wird aus dem Radikalismus verständlich, 
der uns vorhin als der Charakter der Massenbewegungen erschien. 
Die Einfachheit der Ideen, von denen diese gelenkt werden, drängt 
auf ein entschiedenes Ja oder Nein^). 

Diese radikale Entschiedenheit in den Bewegungen der Masse 
verhindert durchaus nicht ihr totales Umschlagen von einem ihrer 
Extreme in das andre; ja, es ist nicht schwer zu begreifen, dafs dies 
sogar auf ganz imverhältnismäfsige Geringfügigkeiten hin geschieht. 
Irgend eine Veranlassung X , die der Stimmung a entspricht , treffe 
eine zusammenbefindliche Masse. In dieser befinden sich eine Anzahl 
Individuen oder auch nur ein einziges, dessen Temperament und 
natürliche Leidenschaftlichkeit nach a zu neigen. Dieses wird von X 
in lebhafte Erregung versetzt, es ist Wasser auf seine Mühle und es 
übernimmt begreiflich die Führung in der durch X schon in irgend 
einem Malse nach a hin disponierten Masse, die ihm in seiner durch 
das Temperament die Veranlassung exaggerierenden Stimmung folgt, 
während die Individuen, die von Natur zur Stimmung b, dem Gegenteil 
von a, disponiert sind, angesichts von X den Mund halten. Tritt nun 
irgend ein Y ein, das b rechtfertigt, so müssen jene ersteren schweigen, 
und das Spiel wiederholt sich nach der Richtung von b hin mit der- 
selben Übertreibung; sie stammt eben daher, dafs in jeder Masse 
Individuen vorhanden sind, deren Naturell zu extremer Ausbildung 
der je angeregten Stimmung neigt, und dafs diese, als die momentan 
stärksten und eindrucksvollsten, die Masse in der Richtung ihrer 
Stimmung mit sich reifsen, während die entgegengesetzt disponierten 
sich während dieser Bewegung, die ihnen und dem Ganzen keine 
Anregung nach ihrer Richtung gibt, passiv verhalten. Ganz prinzipiell 



^) Durch die ganze Geschichte hindurch gehen die demokratischen 
Tendenzen, insoweit sie die grolsen Massenbewegungen leiten, auf ein- 
fache Mafsregeln, Gesetze, Prinzipien; der Demokratie sind alle kom- 
plizierten, mit vielseitigen Erwägungen durchsetzten, die verschieden- 
artigen Standpunkte berücksichtigenden Praktiken antipathisch, während 
die Aristokratie umgekehrt allgemeine und zwingende Grundgesetze zu 
perhorreszieren und die Besonderheit der individuellen Elemente — per- 
sonaler, lokaler, sachlicher Art — zu ihrem Recht zu bringen pflegt. 



— 1X)2 — 

ausgedrückt, ist es die Veranlassung des formalen und seinen Inhalt 
leicht wechselnden Radikalismus der Masse, dals sich aus ihren nach 
verschiedenen Richtungen hin disponierten Elementen nicht eine Re- 
sultante, eine mittlere Linie ergibt, sondern dafs ein momentanes 
Übergewicht der einen Richtung die Vertreter der andren auch gleich 
gänzlich zum Schweigen zu bringen pflegt, statt dafs sie die 
Massenaktion proportional mitbestimmen; so dals für jede jeweilig zu 
Worte gekommene Richtung gar keine Hemmung, ihr Extrem zu er- 
reichen, besteht. Den fundamentalen praktischen Problemen gegen- 
über gibt es in der Regel nur zwei einfache Standpunkte, während 
es der gemischten und also vermittelnden unzählige geben mag. 
Ebenso wird überhaupt jede lebhafte Bewegung innerhalb einer 
Gruppe — von der familiären durch alle Interessengemeinschaften 
hindurch bis zur politischen — zu der^n Sonderung in einen reinlichen 
Dualismus disponieren. Das erhöhte Tempo in der Abwickelung von 
Interessen, in dem Durchlaufen von Entwicklungsstadien drängt immer 
auf entschiedenere Entscheidungen und Scheidungen. Alle Vermitt- 
lungen brauchen Zeit und Mufse; ruhige und stagnierende Epochen, 
in denen die Lebensfragen nicht aufgerührt werden, sondern unter 
der Regelmäfsigkeit der Tagesinteressen überdeckt bleiben, lassen 
leicht unmerkliche Übergänge entstehen und geben einem Indifferentis- 
mus der Persönlichkeiten Raum, die eine lebhaftere Strömung in den 
Gegensatz der Hauptparteien hineinreifsen müfste. Der typische 
Unterschied der soziologischen Konstellation bleibt dabei immer der 
der zwei oder der drei Hauptparteien. In die Funktion des Dritten, 
zwischen zwei Extremen zu vermitteln, können sich mehrere in ab- 
gestuften Graden teilen 5 hier liegt sozusagen nur eine Verbreiterung 
oder auch Verfeinerung in der technischen Ausgestaltung des Prinzips 
vor. Dieses selbst, der die Konfiguration innerlich entscheidende 
Umschlag, realisiert sich immer schon durch den Hinzutritt der 
dritten Partei. 

Die Rolle, die der Dritte spielt, und die Konfigurationen, die 
sich zwischen drei sozialen Elementen ergeben, sind hiermit schon 
grofsenteils angedeutet. Die Zwei stellte, wie die erste Synthese und 
Vereinheitlichung, so auch die erste Scheidung und Antithese dar; 
das Auftreten des Dritten bedeutet Übergang, Versöhnung, Verlassen 
des absoluten Gegensatzes — freilich gelegentlich auch die Stiftung 
eines solchen. Die Dreizahl als solche scheint mir dreierlei typische 



— 103 — 

Gnippierungsformen zu ergeben, die einerseits bei zwei Elementen 
nicht möglich sind, andrerseits bei einer Mehr-als-drei-Zahl entweder 
gleichfalls ausgeschlossen sind oder sich nur quantitativ erweitem, 
ohne ihren Formtypus zu ändern. 

1. Der Unparteiische und der Vermittler. Es ist eine 
höchst wirkungsvolle soziologische Tatsache, dafs das gemeinsame 
Verhältnis isolierter Elemente zu einer auf serhalb ihrer gelegenen 
Potenz eine Vereinheitlichung zwischen ihnen stiftet — anhebend von 
dem Staatenbündnis , das zur Verteidigung gegen einen gemeinsamen 
Feind geschlossen wird, bis zu der unsichtbaren Kirche, die alle 
Gläubigen durch die für alle gleiche Beziehung zu dem einen Gott 
in eine Einheit zusammenschliefst. Diese gesellschaftsbildende Ver- 
mittlung eines dritten Elementes ist indes in späterem Zusammenhang 
zu behandeln. Denn das dritte Element hat hier gegen die beiden 
andern eine derartige Distanz, dafs eigentliche soziologische Wechsel- 
wirkungen, die die drei Elemente einheitlich umfafsten, nicht vor- 
liegen, sondern vielmehr Zweierkonfigurationen: indem entweder das 
Verhältnis der sich Zusammentuenden oder dasjenige soziologisch in 
Frage steht, das zwischen ihnen als einer Einheit einerseits und dem 
ihnen gegenüberstehenden Interessenzentrum andrerseits besteht. Hier 
aber handelt es sich um drei einander so nahe stehende oder nahe 
rückende Elemente, dafs sie dauernd oder momentan eine Gruppe 
ausmachen. 

In dem bedeutsamsten Fall der Zweierverbindungen, der mono- 
gamischen Ehe , übt das Kind bezw. die Kinder als drittes Element 
oft die Funktion, die das Ganze zusammenhält. Bei vielen Natur- 
völkern gilt die Ehe erst dann als wirklich perfekt oder auch als 
unauflöslich, wenn ein Kind geboren ist; und eines der Motive, aus 
denen steigende Kultur die Ehen tiefer und enger verknüpft, ist ent- 
schieden das, dafs in ihr die Kinder relativ spät selbständig werden und 
deshalb längerer Fürsorge bedürfen. Der Grund der erstgenannten 
Tatsache liegt natürlich in dem Werte, den das Kind für den Mann 
besitzt, und in seiner durch Gesetz und Sitte sanktionierten Neigung, 
eine kinderlose Frau zu verstofsen. Allein der tatsächliche Erfolg ist 
doch der, dafs eben das dritte hinzutretende Element den Kreis eigent- 
lich erst schliefst, indem es die beiden andern aneinander bindet. Das 
kann in zwei Formen geschehen: entweder so, dafs die Existenz des 
dritten Elementes die Verbindung der Zwei unmittelbar stiftet oder 



— 104 — 

verstärkt — wie etwa, wenn die Geburt eines Kindes die Liebe der 
Gatten zueinander oder mindestens die des Mannes für die Frau ver- 
mehrt — oder so, dafs die Beziehung jedes einzelnen der zwei zu dem 
dritten eine neue und indirekte Verbindung zwischen ihnen her- 
stellt — wie die gemeinsamen Sorgen eines Ehepaares für ein Kind 
allgemein ein Band bedeuten, das eben über dieses Kind hinführen 
mufs und oft aus Sympathieen besteht, die einer solchen Zwischen- 
station garnicht entbehren könnten. Dieses Zustandekommen der 
inneren Sozialisierung aus drei Elementen, während sich die zwei 
Elemente für sich gegen dieselbe wehrten — ist der Grund der vor- 
hin erwähnten Erscheinung, dafs manche innerlich disharmonische 
Ehen kein Kind wünschen: es ist der Instinkt, dafs damit ein Kreis 
geschlossen wäre, innerhalb dessen sie enger zusammengehalten wären, 
— und zwar nicht nur äufserlich, sondern auch in den tieferen see- 
lischen Schichten — als sie es zu sein geneigt sind. 

Eine andre Spielart des Mittlertums tritt damit auf, dafs der 
Dritte als Unparteiischer fungiert. Dabei wird er entweder die Einigung 
der beiden kollidierenden andern zustande bringen, indem er sich aus- 
zuschalten und nur zu bewirken sucht, dafs die beiden unverbundenen 
oder entzweiten Parteien sich unmittelbar verbinden; oder er wird 
als Schiedsrichter auftreten und die einander widerstreitenden An- 
sprüche jener gleichsam in sich zur Ausgleichung und das Unverein- 
bare daran zur Ausscheidung bringen. Die Streitigkeiten zwischen 
Arbeitern und Unternehmern haben besonders in England beide 
Einungsformen ausgebildet. Wir finden Einigungskammern, in denen 
die Parteien unter Vorsitz eines Unparteiischen die Zwistigkeiten durch 
Verhandlungen beseitigen. Gewifs wird der Vermittler in dieser Form 
die Vereinigung nur zustande bringen, wenn nach dem Glauben jeder 
Partei das Verhältnis der Feindseligkeitsgründe zu dem Vorteil des 
Friedens, kurz: wenn die reale Sachlage es schon an und für sich 
rechtfertigt. Die ungeheure Chance für das Durchdringen dieses 
Glaubens bei den Parteien , die durch die Vermittlung des Unpartei- 
ischen erzeugt wird, setzt sich — abgesehen von der selbstverständ- 
lichen Beseitigung von Mifsverständnissen, dem guten Zureden usw. — 
folgendermafsen zusammen. Indem der Unparteiische die Ansprüche 
und Gründe der einen Partei der andern vorhält, verlieren sie den 
Ton der subjektiven Leidenschaft, der auf der andern Seite den 
gleichen hervorzurufen pflegt. Hier zeigt sich heilsam, was so oft be- 



— 105 — 

dauerlich ist: dafs das Gefühl, das einen seelischen Inhalt innerhalb 
seines ersten Trägers begleitete, innerhalb eines zweiten, auf den 
dieser Inhalt übergeht, erheblich abgeschwächt zu werden pflegt. Des- 
halb sind Empfehlungen und Fürsprachen, die erst mehrere ver- 
mittelnde Personen passieren müssen, so oft wirkungslos, selbst wenn 
ihr objektiver Inhalt ganz unversehrt an die entscheidende Instanz 
gelangt; es gehen eben bei der Übertragung die gefühlsmäfsigen 
Imponderabilien verloren, die nicht nur unzureichende sachliche Gründe 
ergänzen, sondern auch zureichende erst mit dem Antriebe zur prak- 
tischen Realisierung ausstatten. Diese für die Entwicklung rein see- 
lischer Einflüsse höchst bedeutsame Tatsache bewirkt in dem einfachen 
Fall eines dritten, vermittelnden sozialen Elementes, dafs die Gefühls- 
betonungen, die die Forderungen begleiten, plötzlich, weil diese von 
einer unparteiischen Seite formuliert und dem andern dargestellt 
werden, von dem Sachgehalt abfallen, und so der für alle Verständigung 
verhängnisvolle Zirkel vermieden wird: dafs die Heftigkeit des einen 
die des andern hervorruft, diese letztere Tatsache aber zurückwirkend 
die Heftigkeit des ersteren wieder steigert, und so fort, bis es kein 
Halt mehr gibt. Dazu kommt, dafs jede Partei nicht nur Objektiveres 
hört, sondern sich auch objektiver äufsern mufs, als bei unmittelbarem 
Gegenüberstehen. Denn es mufs ihr jetzt darauf ankommen, auch 
den Vermittler für ihren Standpunkt zu gewinnen; was gerade da, 
wo er nicht Schiedsrichter, sondern nur der Leiter der angebahnten 
Verständigung ist und sich immer jenseits der eigentlichen Entscheidung 
halten mufs, während der Schiedsrichter schliefslich doch definitiv auf 
eine Seite tritt — was gerade in diesem Fall nur auf Grund der 
sachlichsten Gründe erhofft werden kann. Innerhalb der soziologischen 
Technik gibt es nichts, was der Vereinigung streitender Parteien so 
wirkungsvoll diente, wie ihre Objektivität, d. h. der Versuch, den 
blofsen Sachgehalt der Beschwerden und Forderungen sprechen zu 
lassen, — philosophisch gesprochen: den objektiven Geist des Partei- 
standpunktes — so dafs die Personen nur als die irrelevanten Träger 
desselben erscheinen. Die personale Form, in der objektive Inhalte 
subjektiv lebendig sind, mufs ihre Wärme, ihre Farbigkeit, ihre Ge- 
fühlsvertiefung, mit der Schärfe des Antagonismus bezahlen, die sie 
im Konfliktfalle erzeugt ; die Herabstimmung dieses persönlichen Tones 
ist die Bedingung, unter der Verständigung und Vereinigung der 
Gegner erreichbar ist, und zwar besonders, weil erst so jede Partei 



— 106 — 

wirklich einsieht, worauf die andere bestehen mufs. Psychologisch 
ausgedrückt, handelt es sich um eine Reduktion der willensmälsigen 
Form des Antagonismus auf die intellektuelle : der Verstand ist allent- 
halben das Prinzip der Verständigung, auf seinem Boden kann sich 
zusammenfinden, was sich auf dem des Gefühls und der letzten 
Willensentscheidungen unversöhnlich abstöfst. Die Leistung des Ver- 
mittlers ist nun, diese Reduktion herbeizuführen, sie gleichsam in sich 
darzustellen, oder auch: eine Art Zentralstation zu bilden, die, in 
welcher Form auch der Streitstoff von einer Seite her hineingelange, 
ihn nach der anderen nur in objektiver Form abgibt und alles zurück- 
behält, was darüber hinaus den ohne Vermittlung geführten Streit 
unnütz zu schüren pflegt. 

Für die Analyse des Gemeinschaftslebens ist es wichtig, sich 
klar zu machen, dafs die hiermit bezeichnete Konstellation in allen 
Gruppen, die mehr als zwei Elemente zählen, fortwährend eintritt, 
auch wo der Vermittler nicht besonders gewählt, auch nicht als 
solcher besonders bewufst oder bezeichnet ist. Die Gruppe zu Dreien 
ist hier nur Typus und Schema, auf ihre Form reduzieren sich schliefs- 
lich alle Fälle von Vermittlung. Es' gibt gar keine Gemeinschaft zu 
Dreien, von der Unterhaltung einer Stunde bis zum Familienleben, in 
der nicht bald diese, bald jene zwei in einen Dissens gerieten, harm- 
loser oder zugespitzter, momentaner oder dauernder, theoretischer 
oder praktischer Natur — und in der nicht der Dritte vermittelnd 
wirkte. Dies geschieht unzählige Male in ganz rudimentärer Art, nur 
andeutungsweise, gemischt mit andren Aktionen und Wechselbeziehungen, 
aus denen die Mittlerfunktion garnicht rein herauslösbar ist. Der- 
artige Vermittlungen brauchen nicht einmal in Worten zu geschehen : 
eine Geste, eine Art des Zuhörens, die Stimmung, die von einem 
Menschen ausgeht, reicht aus, um einer Differenz unter zwei andren 
eine Richtung auf die Vereinigung hin zu geben, um das wesentlich 
Gemeinsame unter einer akuten Meinungsdifferenz fühlbar zu machen, 
um diese in die Form zu bringen, in der sie sich am leichtesten aus- 
trägt. Um einen eigentlichen Streit oder Kampf braucht es sich keines- 
wegs zu handeln, es sind rielmehr die tausend ganz leichten Meinungs- 
verschiedenheiten , das Anklingen eines Antagonismus der Naturen, 
das Auftauchen ganz momentaner Interessen- oder Gefühlsgegensätze — 
das die fluktuierenden Formen jedes Zusammenlebens fortwährend 
färbt, und das durch die Gegenwart des Dritten, die Vermittlungs- 



— 107 — 

funktion fast unvermeidlich übenden, in seinem Verlauf fortwährend 
bestimmt wird. Diese Funktion geht unter den drei Elementen so- 
zusagen reihum, da das Auf- und Abfluten des gemeinsamen Lebens 
jene Form an jeder möglichen Kombination der Elemente zu realisieren 
pflegt. 

Die zur Vermittlung erforderte Unparteilichkeit kann zweierlei 
Voraussetzungen haben : der Dritte ist unparteiisch, wenn er entweder 
jenseits der kontrastierenden Interessen und Meinungen steht, von ihnen 
unberührt ist, oder wenn er an beiden gleichermassen teilhat. Der 
erste Fall ist der einfachste, die geringsten Komplikationen mit sich 
führende. Bei Streitigkeiten zwischen englischen Arbeitern und Unter- 
nehmern z. B. ist oft ein Unparteiischer berufen worden, der weder 
Arbeiter noch Unternehmer sein durfte. Bemerkenswert ist die Ent- 
schiedenheit, mit der die vorhin betonte Trennung der sachlichen von 
den personalen Momenten des Streites sich hier verwirklicht. An die 
Sachgehalte der Parteimeinungen knüpft der Unparteiische der Voraus- 
setzung nach keinerlei persönliches Interesse, sie kommen in ihm 
nur wie in einem reinen, unpersönlichen Intellekt zur Abwägung, ohne 
eine subjektive Schicht zu berühren. Für die Personen oder Personen- 
komplexe aber, die diese, für ihn blofs theoretischen Streitinhalte tragen, 
mufs er ein subjektives Interesse haben, da er sonst die Funktion als 
Vermittler nicht übernehmen würde. Es wird hier also gleichsam ein 
rein objektiver Mechanismus von subjektiver Wärme in Betrieb gesetzt, 
die personale Distanz von der objektiven Bedeutung des Streites und 
das gleichzeitige Interesse für seine subjektive charakterisieren erst 
in ihrer Zusammen Wirkung die Stellung des Unparteiischen und 
machen ihn um so geeigneter, je schärfer jedes für sich ausgebildet 
ist und je einheitlicher zugleich beides gerade in dieser Differenziert- 
heit zusammenwirkt. 

Zu komplizierterer Gestaltung neigt die Lage des Unparteiischen, 
wenn er dieselbe dem gleichmäfsigen Anteilhaben an den gegen- 
sätzlichen Interessen, statt der Unberührtheit durch sie, verdankt. Eine 
Vermittlerstellung auf dieser Basis wird sich häufig dann ergeben, 
wenn eine Persönlichkeit in lokaler Hinsicht einem andren Interessen- 
kreis angehört als in sachlich-beruflicher. So konnten in früherer Zeit 
die Bischöfe manchmal zwischen dem weltlichen Herrscher ihres 
Sprengeis und dem Papste intervenieren; so wird der Verwaltungs- 
beamte, der mit den speziellen Interessen seines Bezirkes verwachsen 



— 108 — 

ist, der geeignetste Vermittler sein, wenn sich zwischen diesen und 
den allgemeinen Interessen des Staates, dessen Beamter er ist, eine 
Kollision ergibt; so wird das Mafs von Unparteilichkeit und gleich- 
zeitiger Interessiertheit, das zur Vermittlerschaft zwischen zwei lokal 
getrennten Gruppen disponiert, sich oft an Persönlichkeiten finden, 
die aus der einen stammen und in der andren wohnen. Die Schwierig- 
keit solcher Positionen des Vermittlers pflegt nun darin zu bestehen, 
dafs die Gleichheit seines Interessiertseins für beide Parteien, seine 
innere Gleichgewichtslage, nicht sicher feststellbar und oft genug von 
beiden Parteien beargwöhnt ist. Eine diffizilere und oft tragische 
Lage entsteht aber, wenn es nicht so gesonderte Interessenprovinzen 
des Dritten sind, mit denen er der einen und der andren Partei ver- 
bunden ist, sondern wenn seine ganze Persönlichkeit beiden nahe 
steht; dies spitzt sich aufs äufserste zu, wenn der Streitgegenstand 
überhaupt nicht recht zu objektivieren ist und die sachliche Bedeutung 
des Streites eigentlich nur ein Vorwand oder eine Gelegenheitsursache 
für tiefere personale Unversöhnlichkeiten ist. Dann kann der Dritte, 
der durch Liebe oder Pflicht, durch Schicksal oder Gewöhnung mit 
jedem von beiden gleichmäfsig innig verknüpft ist, durch den Kon- 
flikt zerrieben werden, viel mehr,j als wenn er sich selbst auf 
eine der beiden Seiten stellte; und umsomehr, als in diesen Fällen 
die Balanziertheit seiner Interessen, die keinen Ausschlag nach einer 
Seite gestattet, doch zu keinem erfolgreichen Vermittle! tum zu führen 
pflegt, weil die Reduktion auf einen blofs sachlichen Gegensatz ver- 
sagt. Dies ist der Typus sehr vieler Familienkonflikte. Während der 
Vermittler, der durch gleichmäfsige Distanz gegen die Streitenden 
unparteiisch ist, es verhältnismäfsig leicht beiden recht machen kann, 
wird der, der es durch gleichmäfsige Nähe zu beiden ist, es sehr viel 
schwerer haben und persönlich in den peinlichsten Dualismus des 
Gefühles geraten. Deshalb wird man, wo der Vermittler gewählt 
wird, imter sonst gleichen Umständen den gleichmäfsig Uninteressierten 
dem gleichmäfsig Interessierten vorziehen ; wie z. B. italienische Städte 
im Mittelalter sich ihre Richter oft aus andren Städten holten, um 
deren Unbefangenheit gegenüber den inneren Parteizwisten sicher 
zu sein. 

Hiermit ist der Übergang zu der zweiten Einungsform durch den 
Unparteiischen gegeben : zu dem Schiedsrichtertum. Solange der Dritte 
als eigentlicher Vermittler wirkt, liegt die Beendigung des Konfliktes 



— 109 — 

doch ausschliefslich in den Händen der Parteien selbst; durch die 
Wahl des Schiedsrichters aber haben sie diese abschlielsende Ent- 
scheidung aus den Händen gegeben, sie haben gleichsam ihren Ver- 
söhnungswillen aus sich herausprojiziert, er ist in dem Schiedsrichter 
Person geworden; wodurch er eine besondere Anschaulichkeit imd 
Kraft gegenüber den antagonistischen Kräften gewinnt. Die freiwillige 
Anrufung eines Schiedsrichters, dem man sich a priori unterwirft, 
setzt ein gröfseres subjektives Vertrauen in die Objektivität des Ur- 
teiles voraus, als irgend eine andre Entscheidungsform. Denn selbst 
vor dem staatlichen Gericht geht doch nur die Aktion des Klägers 
aus dem Vertrauen auf die gerechte Entscheidung (da er die ihm 
günstige für die gerechte hält) hervor; der Beklagte mufs in den 
Prozefs eintreten, gleichviel ob er an die Unparteilichkeit des Richters 
glaubt oder nicht. Das Schiedsrichtertum aber kommt, wie gesagt, 
nur durch diesen Glauben auf beiden Seiten zustande. Prinzipiell 
ist das Vermittlertum von dem Schiedsrichtertum durch den an- 
gedeuteten Unterschied scharf differenziert, und je offizieller die Ver- 
söhnungsaktion ist, desto mehr wird auf diese Differenzierung ge- 
halten: von den Streitigkeiten zwischen Kapitalisten Xind Arbeitern, 
die ich oben erwähnte, bis zu denen der grofsen Politik, in der die 
«guten Dienste» einer Regierung zur Beilegung eines Konfliktes 
zwischen zweien etwas ganz andres sind als das Schiedsrichteramt? 
um das manchmal der Herrscher eines dritten Landes angegangen 
wird. In den Alltäglichkeiten des Privatlebens, wo die typische Dreier- 
gruppe fortwährend den einen in die deutliche oder latente, volle oder 
partielle Differenz zwischen den beiden andren hineinstellt, werden 
sich sehr viele Zwischenstufen erzeugen: bei der unerschöpflichen 
Mannigfaltigkeit möglicher Beziehungen wird der Appell der Parteien 
an den Dritten und dessen freiwillig oder gar gewalttätig ergriffene 
Initiative zur Einigung ihm oft eine Stellung geben, in der das ver- 
mittelnde und das schiedsrichterliche Element überhaupt nicht zu 
sondern ist. Zum Verständnis des wirklichen Gewebes der mensch- 
lichen Gesellschaften und seiner unbeschreiblichen Fülle und Bewegt- 
heit ist es das Wichtigste, sich den Blick für solche Ansätze und 
Übergänge zu schärfen, für die blofs angedeuteten und wieder unter- 
tauchenden Beziehungsformen, für ihre embryonalen imd fragmen- 
tarischen Ausgestaltungen. Die Beispiele, in denen sich je einer der 
für diese Verhältnisformen gebildeten Begriffe ganz rein darstellt, 



— 110 — 

sind zwar die unentbehrlichen Handhaben der Soziologie, aber zu 
dem wirklichen Leben der Gesellschaft verhalten sie sich nur wie die 
annähernd genauen Raumformen, an denen man geometrische Sätze 
exemplifiziert, zu der unermefslichen Komplikation der realen Formungen 
der Materie. 

Im ganzen dient nach alle dem die Existenz des Unparteiischen 
dem Bestände der Gruppe; als jeweihger Repräsentant der intellek- 
tuellen Energie gegenüber den momentan mehr durch Willen und 
Gefühl beherrschten Parteien ergänzt er diese sozusagen zu der Voll- 
ständigkeit der seelischen Einheit, die in dem Leben der Gruppe 
wohnt. Er ist einerseits das retardierende Moment gegenüber der 
Leidenschaft der andren, andrerseits kann er gerade die Bewegung 
der Gesamtgruppe tragen und leiten, wenn der Antagonismus der 
beiden andren Elemente ihre Kräfte paralysieren will. Dennoch kann 
dieser Erfolg in sein Gegenteil umschlagen. Aus dem erwähnten 
Zusammenhang heraus werden die am meisten intellektuell beanlagten 
Elemente einer Gruppe besonders zur Parteilosigkeit neigen, weil der 
kühle Verstand Licht und Schatten auf beiden Seiten zu finden pflegt 
und seine objektive Gerechtigkeit sich nicht leicht unbedingt auf die 
eine stellt. Dadurch werden manchmal gerade die intelligentesten 
Elemente von dem Einfluls auf die Entscheidung von Konflikten fern- 
gehalten, während ein solcher gerade von ihrer Seite äufserst er- 
wünscht wäre. Gerade sie müfsten, wenn die Gruppe nun einmal 
zwischen Ja und Nein zu wählen hat, ihr Gewicht in die Wagschale 
werfen, da diese dann um so wahrscheinlicher nach der richtigen 
Seite ausschlagen wird. Wenn also die Unparteilichkeit nicht gerade 
der praktischen Vermittlung dient, wird sie durch ihre Verbindung 
mit der Intellektualität bewirken, dafs die Entscheidung dem Spiele 
der törichteren oder wenigstens befangeneren Kräfte der Gruppe über- 
lassen bleibt. Wenn deshalb das unparteiische Verhalten als solches 
so oft — seit Solon — eine Mifsbilligung erfährt, so ist dies etwas 
im sozialen Sinne sehr Gesundes und geht auf einen viel tieferen 
Instinkt für die Wohlfahrt des Ganzen zurück, als etwa nur auf den 
Verdacht der Feigheit, der die Unparteilichkeit oft, aber auch oft 
ganz fälschlich, trifft. 

Es liegt auf der Hand, dafs die Unparteilichkeit, als gleich- 
mäfsige Distanz wie als gleichmäfsige Anteilnahme des Dritten 
gegenüber den kollidierenden Zweien, sich mit den verschiedenartigsten 



— 111 — 

sonstigen Beziehungen jenes zu diesen und zu der Gruppentotalität 
mischen kann. Dafs z. B. der Dritte, der mit den andren in einer 
Gruppe befafst ist, aber bisher ihren Konflikten fern gestanden hatte, 
in diese hineingezogen wird, aber doch gerade mit dem Cachet der 
Selbständigkeit gegen die bereits bestehenden Parteien — das kann 
der Einheit und dem Gleichgewicht der Gruppe, wenn auch durchaus 
in der Form der Labilität dieses letzteren, sehr dienen. In dieser 
soziologischen Form erfolgte in England die erste Beteiligung des 
dritten Standes an den Staatsangelegenheiten. Seit Heinrich III. waren 
diese unwiderruflich an die Mitwirkung der grofsen Barone' geknüpft^ 
die, mit den Prälaten zusammen, die Gelder bewilligen mufsten; der 
Komplex dieser Stände war dem Könige gegenüber mächtig, ja oft 
überlegen. Dennoch ergaben sich statt eines fruchtbaren Zusammen- 
arbeitens ihrer mit der Krone unaufhörlich Spaltungen, Milsbräuche, 
Machtwechsel, Zusammenstöfse. Und nun empfanden beide Parteien, 
dafs dem nur durch die Heranziehung eines dritten Elementes ab- 
geholfen werden könnte: der bisher von den Staatsgeschäften fern- 
gehaltenen Untervasallen und freien Männer, der Grafschaften und 
Städte. Indem deren Vertreter zu Konzilien — dem Anfange des 
Unterhauses — geladen wurden, übte das dritte Element die Doppel- 
funktion: die Regierung wirklich zu einem Gegenbilde der Staats- 
totalität zu machen — und übte sie als eine Instanz, die den bis- 
herigen Parteien der Regierung gewissermafsen objektiv gegenüberstand 
und damit half, deren bisher gegeneinander verbrauchte Kräfte har- 
monischer in die einheitliche Staatszweckmäfsigkeit hineinzuleiten. 

2. Der Tertius gaudens. Die Unparteilichkeit des dritten 
Elementes diente oder schadete in den bisherigen Kombinationen der 
Gruppe als ganzer. Der Vermittler wie der Schiedsrichter wollen 
die Gruppeneinheit aus der Gefahr der Sprengung retten. Seine relativ 
überlegene Stellung kann aber der Unparteiische ersichtlich auch im 
rein egoistischen Interesse ausnutzen : während er sich dort als Mittel 
zu den Zwecken der Gruppe benahm, macht er hier umgekehrt das 
wechselwirkende Geschehen zwischen den Parteien und zwischen sich 
und den Parteien zu einem Mittel für seine Zwecke. Es handelt sich 
hier nicht immer um schon vorher konsolidierte Gebilde, in deren 
sozialem Leben dieses Ereignis neben anderen aufträte 5 sondern gerade 
hier wird die Beziehung zwischen den Parteien und dem Unparteiischen 
oft erst ad hoc gestiftet, Elemente, die sonst durchaus keine Wechsel- 



— 112 — 

wirkende Einheit bilden, können in Streit geraten, ein Dritter, beiden 
bisher gleichmälsig unverbunden, mag die Chancen, die dieser Streit 
ihm, dem Unparteiischen, gibt, durch eine spontane Aktion aufgreifen, 
\md so kann .sich eine rein labile Wechselwirkung herstellen, deren 
Lebhaftigkeit und Formenreichtum für jedes Element ganz aufser Ver- 
hältnis zu der Flüchtigkeit ihres Bestandes steht. 

Zwei Erscheinungsarten des Tertius gaudens erwähne ich ohne 
näheres Eingehen, weil die Wechselwirkung innerhalb der Dreier- 
gruppen, um deren typische Formungen es sich hier handelt, an ihnen 
nicht recht charakteristisch hervortritt. Vielmehr ist das Bezeichnende 
für sie eine gewisse Passivität, die entweder auf den beiden Streitenden 
oder auf dem dritten Elemente liegt. Es kann nämlich der Vorteil 
des Dritten dadurch geschaffen werden, dals die beiden anderen sich 
-gegenseitig in Schach halten und er nun einen Gewinn einstreichen 
kann, den ihm sonst einer dieser beiden streitig gemacht hätte. Der 
Zwist bewirkt hier nur eine Lähmung von Kräften, die sich, wenn 
sie nur könnten, gegen den Dritten wenden würden. Die Situation 
hebt hier also eigentlich die Wechselwirkung unter den drei Elementen 
auf, statt eine solche zu stiften, ohne freilich darum der fühlbarsten 
Erfolge für alle Teile zu entbehren. Über die absichtliche Herbei- 
führung dieser Situation ist bei der nächsten Dreierkonfiguration zu 
handeln. Zweitens , kann der Dritte zu einem Vorteil kommen , nur 
weil die Aktion der einen streitenden Partei diesen Vorteil um ihrer 
Zwecke willen realisiert, und ohne dafs der Begünstigte selbst eine 
Initiative zn ergreifen brauchte. Der Typus hierfür sind die Wohl- 
taten und Förderungen, die eine Partei einem Dritten zukommen läfst, 
blofs um die Gegenpartei dadurch zu kränken. So sind die englischen 
Arbeiterschutzgesetze anfänglich zum Teil aus der blofsen Rancune 
der Tories gegen die liberalen Fabrikanten hervorgegangen, so gehören 
manche der Wohltätigkeitsaktionen hierher, die der Wettlauf um die 
Popularität erzeugt. Es ist wunderlicherweise gerade eine besonders 
kleinliche und boshafte Gesinnung, die, um einen Zweiten zu ärgern, 
einem Dritten wohltut: die Gleichgültigkeit gegen den sittlichen 
Selbstzweckcharakter des Altruismus kann nicht schärfer hervortreten, 
als durch eine solche Ausnutzung seiner. Und es ist doppelt bezeichnend, 
dafe man den Zweck, den Gegner zu ärgern, sowohl durch die Be- 
günstigung, die man seinem Freunde, wie die man seinem Feinde 
erweist, erreichen kann. 



— 113 — 

Die hier wesentlicheren Formungen ergeben sich, wenn der Dritte 
sich seinerseits praktisch, unterstützend, gewährend der einen Partei 
zuwendet (also nicht nur intellektuell-sachlich, wie der Schiedsrichter) 
und hieraus seinen mittelbaren oder unmittelbaren Gewinn zieht. 
Innerhalb dieser Form finden sich zwei hauptsächliche Ausgestaltungen : 
zwei Parteien sind untereinander feindlich und konkurrieren deshalb 
um die Gunst des Dritten; oder: zwei Parteien konkurrieren um die 
Gunst des Dritten und sind deshalb untereinander feindlich. Dieser 
Unterschied ist besonders für die Weiterentwicklung der Konstellation 
wichtig. Drängt nämlich eine schon vorhandene Feindseligkeit dazu, 
dafs jede Partei die Gunst des Dritten nachsucht, so wird die Ent- 
scheidung dieser Konkurrenz, der Beitritt des Dritten zu der einen 
Partei, erst den Beginn des Kampfes bedeuten; umgekehrt, wo zwei 
Elemente unabhängig von einander sich um die Gunst eines Dritten 
bemühen, und dies den Grund ihrer Feindseligkeit, ihres Partei-werdens 
ausmacht, pflegt die definitive Erteilung dieser Gunst — die also hier 
Objekt, nicht Mittel des Streites ist — diesen zu beenden: die Ent- 
scheidung ist gefallen, und die weitere Feindseligkeit ist damit praktisch 
gegenstandslos geworden. In beiden Fällen liegt der Vorteil der Un- 
parteilichkeit, mit der der Tertius ursprünglich den beiden gegenüber- 
steht, darin, dafs er seine Bedingungen für seine Entscheidung 
stellen kann. Wo ihm aus irgendeinem Grunde dieses Stellen von 
Bedingungen versagt ist, da bringt die Situation ihm auch nicht den 
vollen Nutzen. So in einem der häufigsten Fälle des zweiten Typus, 
der Konkurrenz zweier Personen desselben Geschlechtes um die Gunst 
einer Person des anderen. Hier hängt die Entscheidung der letzteren 
im allgemeinen nicht in demselben Sinne von ihrem Willen ab, wie 
die eines Käufers zwischen konkurrierenden Angeboten oder eines 
Gnaden verteilenden Fürsten zwischen konkurrierenden Bittstellern, 
sondern ist durch vorhandene Gefühle gegeben, die vom Willen nicht 
bestimmbar sind und ihn von vornherein garnicht in die Lage einer 
Wahl bringen. Deshalb ist von Anerbietungen, deren Sinn eben die 
Lenkung der Wahl ist, hier nur in Ausnahmefällen die Rede, und 
trotzdem die Situation des Tertius gaudens vollkommen gegeben ist, 
ist doch ihre spezifische Ausnutzung im ganzen verwehrt. Das um- 
fassendste Beispiel des Tertius gaudens ist das kaufende Publikum in 
einer Wirtschaft mit freier Konkurrenz. Der Kampf der Produzenten 
um den Abnehmer gibt diesem eine fast völlige Unabhängigkeit von 

Simmel, Soziologie. B 



— 114 — 

dem einzelnen Lieferanten — wenngleich er von der Gesamtheit der- 
selben völlig abhängig ist, eine Koalition von ihnen also das Verhältnis 
sogleich umdrehen würde — und gestattet ihm, seinen Kauf an die 
Erfüllung seiner Ansprüche hinsichtlich Qualität und Preis der Ware zu 
knüpfen. Seine Stellung hat hierbei noch den besonderen Vorteil, 
dafs die Produzenten diesen Bedingungen sogar noch zuvorzukommen 
versuchen müssen, die unausgesprochenen oder unbewufsten Wünsche 
des Konsumenten zu erraten, überhaupt nicht vorhandene ihm zu 
suggerieren oder anzugewöhnen. Von dem erst berührten Fall der 
Frau zwischen zwei Bewerbern, in dem, weil die Entscheidung von 
dem Sein dieser und nicht von ihrem Tun abhängt, die Wählende 
keine Bedingungen zu stellen pflegt und also die Situation nicht aus- 
nutzt — führt eine kontinuierliche Reihe von Erscheinungen bis zu 
dem des modernen Warenverkehrs, aus dem das Sein der Persönlich- 
keit völlig ausgeschieden ist, und in dem der Vorteil des Wählenden 
so weit geht, dafs die Parteien ihm sogar die Steigerung der Be- 
dingungen auf ihr Maximum abnehmen. Das letztere ist das Aufserste, 
was die Situation des Tertius gaudens diesem leisten kann. 

Für die andere Formung: dafs ein zu dem Dritten ursprünglich 
ganz beziehungsloser Streit seine Parteien zwingt, um die Hilfe jenes 
zu konkurrieren — pflegt die Geschichte jeder Bundesgenossenschaft, 
von der zwischen Staaten bis zu der zwischen Familienmitgliedern, ein 
Beispiel zu liefern. Der sehr einfache typische Verlauf gewinnt etwa 
noch in der folgenden Modifikation ein besonderes soziologisches 
Interesse. Um' dem Dritten jene vorteilhafte Lage zu verschaffen, 
braucht die von ihm einzusetzende Macht durchaus kein erhebliches 
Quantum im Verhältnis zu der Machtgröfse jeder Partei zu besitzen. 
Vielmehr, wie grofs seine Macht dazu sein muls, bestimmt sich aus- 
schliefslich durch das Verhältnis, das die Kräfte der Parteien 
■untereinander aufweisen. Es kommt nämlich ersichtlich nur 
darauf an, dafs sein Hinzutritt zu der einen dieser das Übergewicht 
verschafft. Wenn also die Machtquanten nahezu gleich sind, so ge- 
nügt oft ein Minimum an Zuwachs, um den definitiven Ausschlag 
nach der einen Seite zu geben. Daher der häufige Einflufs kleiner 
parlamentarischer Parteien, den sie nie durch ihre eigene Bedeutung, 
sondern nur dadurch gewinnen können, dafs die grofsen Parteien sich 
■ungefähr die Wage halten. Überall, wo Majoritäten entscheiden, also 
oft alles von einer einzigen Stimme abhängt, liegt die Möglichkeit 



— 115 — 

-vor, dafs ganz unbedeutende Parteien die krassesten Bedingungen für 
ihre Unterstützung stellen. Entsprechendes kann im Verhältnis kleiner 
Staaten zu grolsen, im Konflikt befindlichen, eintreten. Es kommt 
eben nur darauf an, dafs die Kräfte zweier antagonistischer Elemente 
sich gegenseitig paralysieren, um der an sich noch so schwachen 
Position des noch nicht engagierten Dritten eine garnicht zu limi- 
tierende Stärke zu geben. An sich starke Elemente werden von 
»dieser Situation natürlich nicht weniger profitieren ; was freilich inner- 
halb mancher Formationen, z. B. innerhalb eines entschieden aus- 
gebildeten Parteilebens dadurch erschwert wird, dafs gerade die grofsen 
Parteien oft in sachlicher Hinsicht und in ihrer Relation zueinander 
sehr festgelegt sind imd deshalb nicht diejenige volle Freiheit der 
Entschliefsungen haben, die ihnen alle Vorteile des Tertius gaudens 
einbrächte. Durch ganz besonders günstige Konstellationen entgeht 
etwa die Zentrumspartei in den deutschen Parlamenten der letzten 
Jahrzehnte dieser Einschränkung. Was nämlich ihre Machtstellung 
aufserordentlich stärkt, ist, dafs ihre Parteiidee sie nur für einen ganz 
kleinen Teil der parlamentarischen Entscheidungen auf eine bestimmte 
Richtung festlegt. In bezug auf alle andern kann sie sich völlig frei, 
bald so, bald so, entscheiden : sie kann sich für oder gegen Schutzzölle, 
für oder gegen arbeiterfreundliche Gesetze, für oder gegen Militär- 
forderungen aussprechen, ohne durch ihr Parteiprogramm präjudiziert 
zu sein. Darum steht sie in all solchen Fällen als Tertius gaudens 
^zwischen den Parteien, deren jede sich um ihre Gunst bemühen kann. 
Kein Agrarier wird den Beistand der Sozialdemokraten für Getreidezölle 
suchen, weil er weifs, dafs sie von Partei wegen dagegen sein müssen; 
kein Freisinniger wird ihren Beistand gegen ihre Zölle suchen und 
"bezahlen, weil er weifs, dafs sie sowieso von Partei wegen mit ihm 
übereinstimmen. Dagegen können beide an das Zentrum gehen, das 
wegen seiner Freiheit in dieser Frage eben auch prinzipiell frei ist, 
-seinen Preis zu machen. Andrerseits ist, was gerade einem von vorn- 
herein starken Faktor die Situation des Tertius gaudens einträgt, 
•dies, dafs sie ihm oft die reale Machtentfaltung erspart. Die Vorteile 
des Tertius gaudens werden ihm nämlich aus der hier bezeichneten 
Situation nicht nur bei einem wirklichen Kampf, sondern schon aus 
einem Spannungsverhältnis und latenten Antagonismus der beiden 
anderen zufliefsen; er wirkt hier durch die blofse Möglichkeit, 
«ich für den einen oder den anderen zu entscheiden, auch wenn es 



— 116 — 

zu dem Ernstfalle gar nicht kommt. Für die Wendung der englischen 
Politik in der beginnenden Neuzeit, der mittelalterlichen gegenüber^ 
war eben dies charakteristisch, insofern sie nicht mehr Besitz und un- 
mittelbare Herrschaft auf dem Kontinent suchte, aber immer eine Macht 
besafs, die potentiell zwischen den kontinentalen Reichen stand. Es 
hiefs schon im 16. Jahrhundert, Frankreich und Spanien wären die 
Schalen der europäischen Wage, England aber the tongue or the 
holder of the balance. Mit grofsem Nachdruck haben die römischen 
Bischöfe schon in der Entwicklung bis zu Leo d. Gr. dies ganze 
Formprinzip ausgebildet, indem sie streitende Parteien innerhalb der 
Kirche nötigten, ihnen die Stellung der ausschlaggebenden Macht ein- 
zuräumen. Schon früh nämlich hatten Bischöfe, die mit andern in 
dogmatischen oder sonstigen Zerwürfnissen standen, sich um Unter- 
stützung an den römischen Amtsbruder gewandt, und grundsätzlich 
hatte dieser sich immer auf die Seite der Bittsteller gestellt. Infolge- 
dessen blieb auch der jeweilig zweiten Partei nichts übrig, als sich 
gleichfalls an den römischen Bischof zu wenden, um ihn nicht von 
vornherein gegen sich zu haben. Dadurch erwirkte dieser sich selbst 
die Prärogative und Tradition einer entscheidenden Instanz. Was man 
die soziologische Logik der Situation der drei, von denen zwei im 
Streit liegen, nennen könnte, hat sich hier nach der Seite des Tertius 
gaudens hin mit besonderer Reinheit und Intensität entwickelt. 

Nun ist der Vorteil, der dem Dritten daraus erwächst, dafs er zu 
zwei andern ein a priori gleiches, gleich unabhängiges und eben da- 
durch bestimmendes Verhältnis hat , nicht nur daran gebunden , dafs 
diese beiden sich in Gegnerschaft befinden. Es genügt dazu vielmehr, 
dafs sie überhaupt nur eine gewisse Unterschiedenheit, Fremdheit, 
qualitativen Dualismus gegeneinander haben; dies ist sogar die all- 
gemeine Formel des Typus, von der die Feindseligkeit der Elemente 
nur einen besonderen, wenn auch den häufigsten Fall bildet. Sehr be- 
zeichnend ist z. B. die folgende, aus der blofsen Zweiheit sich ergebende 
Begünstigtheit eines Tertius. Wenn B schuldig ist, dem A eine be- 
stimmt umgrenzte Pflicht zu leisten, und diese von B auf C und D 
übergeht, zwischen welchen die Leistung zu verteilen ist, so liegt für 
A die Versuchung nahe , jedem von beiden womöglich eine Kleinig- 
keit mehr als die Hälfte aufzuerlegen, sodafs er im ganzen eben mehr 
als vorher, da die Pflicht noch in einer Hand war, geniefst. 1751 mufste 
die Regierung eigens in Böhmen verbieten, bei Teilung bäuerlicher 



— 117 — 

Stellen durch die Gutsherrschaft jeder Teilstelle mehr als die ihrer 
Gröfse entsprechende Teillast von den auf der ungeteilten Stelle 
haftenden Frohndiensten aufzubürden. Bei der Teilung der Pflicht 
auf zwei überwiegt die Vorstellung, dafs jeder einzelne doch immerhin 
weniger zu leisten hat, als der frühere Einzelne, auf dem das Ganze 
lastete; die genauere Abwägung des Quantums tritt dahinter zurück 
und kann so leicht verschoben werden. Während hier also sozusagen 
die blofs numerische Tatsache der Zweiheit statt der Einheit der 
Partei die Situation des Tertius gaudens bewirkt, erhebt sie sich im 
folgenden Fall über einer durch qualitative Unterschiede bestimmten 
Zweiheit. Die für das germanische Mittelalter unerhörte Gerichts- 
gewalt des englischen Königs nach der normannischen Eroberung er- 
klärt sich so, dafs Wilhelm der Eroberer zwar Rechte der angelsäch- 
sischen Bevölkerung vorfand, die prinzipiell geachtet werden sollten, 
und ebenso seine Normannen ihre heimatlichen Rechte mitbrachten. 
Aber diese beiden Rechtskomplexe pafsten nicht zusammen, sie er- 
gaben keine Einheit des Volksrechts gegenüber dem König, der durch 
die Einheitlichkeit seines Interesses sich zwischen beide schieben und 
sie weitgehend annullieren konnte. In dem Zwiespalt der Nationen 
— nicht nur, weil sie stets mit einander haderten, sondern weil eben 
ihre Verschiedenheit eine gemeinsame Rechtsbehauptung erschwerte — 
lag der Stützpunkt des Absolutismus, und deshalb sank seine Macht 
stetig, sobald die beiden Nationalitäten wirklich zu einer einzigen ver- 
schmolzen. 

Die begünstigte Stellung des Dritten verschwindet also überhaupt 
in dem Augenblick, in dem die beiden andern zu einer Einheit 
zusammengehen, d. h. die Gruppierung sich in der grade fraglichen 
Beziehung aus der Dreier- in die Zweierkombination zurückbildet. Es 
ist nicht nur über das besondre Problem, sondern über das Gruppen- 
leben überhaupt belehrend, dafs dieser Erfolg auch ohne personale 
Vereinigung oder Interessenverschmelzung vor sich gehen kann: in- 
dem der Gegenstand des Antagonismus durch objektive Fixierung 
dem Zwist der subjektiven Ansprüche entzogen wird. Dies scheint mir 
der folgende Fall besonders scharf zu beleuchten. Dadurch, dafs 
die moderne Industrie zu einem fortwährenden Ineinandergreifen der 
mannigfaltigsten Gewerbe führt, und fortwährend neue, keinem be- 
stehenden Gewerbe historisch zugehörige Aufgaben stellt, erzeugt sie, 
besonders in England, sehr häufige Kompetenzkonflikte der verschie- 



— 118 — 

denen Arbeiterkategorien. In den grofsen Betrieben sind die Schiffs- 
bauer mit den Tischlern, die Klempner mit den Schmieden, die Kessel- 
schmiede mit den Metallbohrern, die Maurer mit den Ziegeideckern 
stets in Streit, wem von ihnen eine bestimmte Arbeit zukäme. Jedes 
Gewerk legt sofort die Arbeit nieder, wenn es glaubt, dafs ein andres 
in die ihm zukommenden Aufgaben übergreift. Der unlösbare Wider- 
spruch ist hierbei, dafs feste Begrenzungen subjektiver Rechte an Ob- 
jekten vorausgesetzt werden, die ihrem Wesen nach in kontinuierlichem 
Flufs sind. Solche Konflikte zwischen den Arbeitern haben oft ihre 
Stellung dem Unternehmer gegenüber schwer erschüttert. Dieser hat 
einen moralischen Vorteil , sobald seine Arbeiter wegen ihrer inneren 
Zwistigkeiten streiken und ihm dadurch unermefslichen Schaden zu- 
fügen, und hat es aufserdem in der Hand, jedes einzelne Gewerk 
durch die Drohung, ein andres bei der fraglichen Arbeit zu beschäf- 
tigen, beliebig zu drücken. Das ökonomische Interesse jedes Gewerkes^ 
sich die Arbeit nicht wegnehmen zu lassen, ruht auf der Furcht, dafs 
der konkurrierende Arbeiter es billiger mache und dadurch den Standard- 
lohn für diese Arbeit eventuell herunterdrücke. Es wurde deshalb als 
einzig möglicher Ausweg vorgeschlagen, die Gewerkvereine mögen 
in Beratung mit den verbündeten Unternehmern den Standardlohn für 
jede bestimmte Arbeit festsetzen und es dann den letzteren überlassen^ 
welche Kategorie von Arbeitern sie für jede vorliegende Arbeit ein- 
stellen wollen ; denn nun braucht die ausgeschlossene keine Schädigung 
ihres prinzipiellen ökonomischen Interesses mehr zu fürchten» 
Durch die Objektivierung des Streitgegenstandes wird dem Unter- 
nehmer der Vorteil in Bezug auf Lohndruck und Ausspielen der beiden 
Parteien gegeneinander entzogen — obgleich ihm die Wahl zwischen 
den verschiedenen Arbeiterschaften geblieben ist, die ihm jetzt aber 
nichts mehr nützt. Die frühere Ungeschiedenheit des personalen und 
des sachlichen Momentes hat sich differenziert, und während in bezug 
auf das erstere der Unternehmer noch in der formalen Situation des 
Tertius gaudens geblieben ist, hat die objektive Fixierung des zweiten 
dieser Situation die Chancen ihrer Ausnutzung genommen. 

Viele der hier und in der nächsten Formung erwähnten Streit- 
arten müssen mitgewirkt haben, um, unter den weltlichen Mächten 
des Mittelalters ausbrechend, die Machtstellung der damaligen Kirche 
zu erzeugen oder zu steigern. Bei den ewigen Unruhen und Streitig- 
keiten in den grofsen und kleinen politischen Bezirken mufste die 



— 119 — 

einzige stabile Macht, die so wie so schon von jeder Partei verehrt 
oder gefürchtet wurde, eine mit nichts vergleichbare Prärogative ge- 
winnen. UnzähHge Male ist es überhaupt nur die Stabilität des Dritten 
in den wechselnden Stadien des Streites, seine Unberührtheit durch 
den Streitstoff , um den das Auf und Nieder der beiden Parteien oszil- 
liert, was ihm sein Übergewicht und seine Gewinnmöglichkeiten ein- 
trägt. Je gewaltsamer und namentlich je länger andauernd der Kampf 
von Parteien ihre Positionen schwanken läfst, desto überlegener, 
respektierter und chancenreicher wird, ceteris paribus, Festigkeit und 
Beharren rein als formale Tatsache die Position eines Dritten 
gestalten. Von dieser allenthalben beobachtbaren Konstellation gibt 
es wohl kein gigantischeres Beispiel als eben die katholische Kirche. 
Es ist für die allgemeine, alle seine Ausgestaltungen betreffende 
Charakterisierung des Tertius gaudens noch anzuführen, dafs zu den 
Ursachen seiner Prärogative schon der blofse Unterschied der see- 
lischen Energien gehört, die er und die die andern in das Verhältnis 
einsetzen. Was ich vorhin von dem Unparteiischen überhaupt er- 
wähnte: dafs er mehr die Intellektualität , die Streitenden aber mehr 
das Gefühl und den Willen vertreten — dies gibt ihm, wo er die 
Situation egoistisch ausnutzen will, eine beherrschende, sozusagen auf 
einer idealen Höhe thronende Stellung und jenen äufseren Vorteil, den 
in jeder Komplikation der nicht gefühlsmäfsig Beteiligte besitzt. Und 
selbst wo er die praktische Ausnutzung seines unbefangeneren Blickes 
und seiner nicht von vornherein engagierten, sondern stets disponiblen 
Kräfte verschmäht, trägt ihm seine Situation mindestens das Gefühl 
einer leisen ironischen Überlegenheit über die Parteien ein, die um 
einen ihm so gleichgültigen Preis so vieles aufs Spiel setzen. 

3. Divide et impera. In diesen Kombinationen des Dreier- 
schemas handelt es sich um einen bestehenden oder entstehenden 
Zwist zweier Elemente, aus dem der Dritte Vorteil zog ; es ist nun 
eine gesondert zu betrachtende, obgleich in der Wirklichkeit nicht 
immer gegen jene abzugrenzende Nuance, dafs der Dritte jenen Zwist 
vorsätzlich stiftet, um eine beherrschende Situation zu gewinnen. 
Vorauszuschicken ist auch hier, dafs die Dreizahl natürlich nur die 
Mindestzahl der zu dieser Formung erforderlichen Elemente bedeutet 
j und deshalb als einfachstes Schema dienen mag. Es handelt sich hier 
also darum, dafs zwei Elemente ursprünglich einem Dritten gegen- 
über mit einander vereint oder auf einander angewiesen sind, und dafs 



— 120 — 

dieser die gegen ihn verbundenen Kräfte gegen einander in Tätig- 
keit zu setzen weifs; der Erfolg ist dann, dafs sie sich entweder 
gegenseitig die Wage halten , sodafs er , von beiden ungestört , seine 
Vorteile verfolgen kann, oder dafs sie sich gegenseitig so schwächen, 
dafs keiner von ihnen der Übermacht jenes zu widerstehen vermag. 
Ich charakterisiere nun einige Stufen der Skala, in die man die ein- 
schlägigen Erscheinungen ordnen kann. Die einfachste liegt da vor, 
wo eine überlegene Macht die Vereinigung von Elementen hindert, 
die noch garnicht positiv zu einer solchen streben, aber es doch viel- 
leicht tun könnten. Hierhin gehören vor allem die gesetzlichen 
Verbote politischer Vereinigungen, sowohl von solchen überhaupt, wie 
von Verbindungen zwischen Vereinen , die als einzelne gestattet sind. 
Es liegt meistenteils gar keine bestimmt substanziierte Befürchtung 
vor, gar keine irgend erweisliche Gefährdung der herrschenden Mächte 
durch derartige Vereinigungen. Sondern die Form der Vereinigung 
als solche wird gefürchtet, weil sie möglicherweise einen gefähr- 
lichen Inhalt in sich aufnehmen könnte. Ausdrücklich sagt Plinius 
in seiner Korrespondenz mit Trajan, die Christen seien gefährlich, 
weil sie eine Genossenschaft bildeten ; im übrigen aber seien sie völlig 
harmlos. Die Erfahrung, dafs revolutionäre oder überhaupt auf Wand- 
lung des Bestehenden gerichtete Tendenzen sich die Form der Ver- 
einigung möglichst vieler Interessenten geben müssen, wächst zu der 
logisch falschen, aber psychologisch wohl begreiflichen Umkehrung 
aus, dafs alle Vereinigungen eine gegen die bestehenden Gewalten ge- 
richtete Tendenz haben. Das Verbot gründet sich also sozusagen auf 
eine Möglichkeit zweiter Potenz: nicht nur sind die von vornherein 
verbotenen Vereinigungen blofs möglich und bestehen oft noch nicht 
einmal in dem Wunsche der so Auseinandergehaltenen, sondern 
die Gefahren, um derentwillen die Untersagung erfolgt, wären auch 
seitens der verwirklichten Vereinigung nur mögliche. In der 
Form dieser Vereinigungsverbote tritt das Divide et impera also auf 
als die denkbar sublimierteste Prophylaxis des einen Elementes gegen 
alle Eventualitäten aus der Verbindung der andern. Diese vorbeugende 
Form kann sich formal gleich da wiederholen, wo die Mehrheit, die 
dem einen gegenübersteht, aus den verschiedenen Machtelementen 
einer und derselben Persönlichkeit besteht. Das anglo-normannische 
Königtum sorgte dafür, dafs die Herrenhöfe in der Feudalzeit mög- 
lichst zerstreut lagen: einige der mächtigsten Vasallen waren in 17 



— 121 — 

bis 21 shires eingesessen. Durch dieses Prinzip lokaler Teilung konnten 
die Herrschaften der Kronvasallen sich nicht wie . auf dem Kontinent 
zu grofsen souveränen Höfen konsolidieren. So hören wir über 
frühere Aufteilungen von Ländern unter die Söhne der Herrscher: 
man habe die Stücke möglichst bunt durcheinander gelegt, um die 
völlige Separation zu verhindern. Die einheitliche Staatsidee will so 
ihre Herrschaft durch Zersplitterung jedes Teilgebietes retten, das, 
wenn es räumlich geschlossen wäre, sich ihr leicht entziehen könnte. 
Die prophylaktische Hinderung der Vereinigung wirkt nun zu- 
gespitzter, wo schon ein direktes Streben zu letzterer besteht. Unter 
dieses Schema gehört die — freilich noch mit andren Motiven kompli- 
zierte — Erscheinung, dafs Arbeitgeber sich allgemein aufs ent- 
schiedenste weigern, in Lohn- und andren streitigen Angelegenheiten 
mit Mittelspersonen, die nicht zur eigenen Arbeiterschaft gehören, zu 
verhandeln. Dadurch verhindern sie nicht nur, dafs die Arbeiter ihre 
Position durch Verbindung mit einer Persönlichkeit verstärken, die 
von den Arbeitgebern nichts zu fürchten oder zu erwarten hat; 
sondern sie erschweren auch die einheitliche Aktion der Arbeiter- 
schaften verschiedener Betriebe, die z. B. auf durchgängige Einführung 
eines Lohntarif es gerichtet ist. Indem die Mittelsperson abgelehnt 
wird, die gleichmäfsig für mehrere Arbeiterschaften verhandeln könnte, 
unterbindet der Arbeitgeber die drohende Verbindung der Arbeiter; 
gegenüber den vorhandenen Bestrebungen zu einer solchen wird dies 
als so wichtig für seine Position empfunden, dafs Unternehmerverbände 
manchmal jedem ihrer Mitglieder diese Isolierung seiner Arbeiterschaft 
bei Streitigkeiten und Verhandlungen als statutenmäfsige Pflicht aufer- 
legen. Innerhalb der Geschichte der englischen Gewerkvereine bezeichnete 
es, hauptsächlich im dritten Viertel des 19. Jahrhunderts, einen auf ser- 
ordentlichen Fortschritt, als die Ausnutzung dieses divide durch die 
Unternehmer vermittels einer unpersönlichen Instanz hintangehalten 
wurde. Man begann nämlich den Schiedssprüchen Unparteiischer, die 
man in Streitsachen hinzuzog, von beiden Seiten Gültigkeit über 
den individuellen Fall hinaus, beizulegen. Dadurch stand nun 
bald vielfach eine allgemeine Regel über den, wenn auch noch indi- 
viduell geführten Verhandlungen des Unternehmers mit seinen Ar- 
beitern, und dies ist ersichtlich eine vermittelnde Stufe zu der kollek- 
tiven Vertragsschliefsung innerhalb des gesamten, alle Interessenten 
einbeziehenden Gewerbes, in der die Praxis des divide prinzipiell fort- 



— 122 — 

fällt. — über jene blolse Prophylaxis gehen weiterhin die Versuche kon- 
stitutioneller Herrscher hinaus, durch Spaltungen des Parlamentes die 
Bildung unbequemer Majoritäten zu verhüten. Ich erwähne nur ein 
Beispiel, das durch seinen Radikalismus von prinzipiellem Interesse 
ist. Unter Georg III. übte der englische Hof die Praxis, alles Partei- 
wesen als solches für eigentlich unzulälsig und mit dem Staatswohl 
unvereinbar zu erklären. Und zwar vermittels des Grundsatzes, dafs 
nur die Einzelperson und ihre individuelle Befähigung politische 
Dienste leisten könne ; indem man als die spezifischen Leistungen jener 
Vielheiten Gesetze und allgemeine Direktiven bezeichnete, forderte 
man men, not measures. So spielte man die praktische Bedeutung 
der Individualität gegen die Aktionen von Mehrheiten aus und suchte 
durch die etwas verächtliche Identifizierung der sozialen Vielheit mit 
der abstrakten Allgemeinheit jene in ihre Atome, als das angeblich 
einzig Reale und Wirksame, aufzulösen. 

Das Auseinanderhalten der Elemente gewinnt statt der prohibitiven 
schon eine aktivere Form, wo der Dritte Eifersucht zwischen ihnen 
stiftet. Damit sind noch nicht die Fälle gemeint, in denen er die 
beiden andren sich gegeneinander aufreiben läfst, um auf ihre Kosten 
eine neue Ordnung der Dinge herzustellen; sondern es handelt sich 
hier gerade oft um konservative Tendenzen, der Dritte will seine schon 
bestehende Prärogative eben dadurch erhalten, dafs er eine befürchtete 
Koalition der beiden andren vermittels der Eifersucht zwischen ihnen 
am Entstehen oder mindestens an der Entwicklung über den ersten 
Ansatz hinaus hindert. Mit einer besonderen Feinheit scheint von 
dieser Technik in einem Fall, der aus dem alten Peru berichtet wird, 
Gebrauch gemacht zu sein. Es war allgemeine Übung der Inkas, 
einen neu eroberten Stamm in zwei ungefähr gleiche Hälften zu teilen 
und in beide je einen Vorsteher einzusetzen, und zwar mit einer 
geringen Rangdifferenz zwischen beiden. Dies war tat- 
sächlich das geeignetste Mittel, zwischen diesen Häuptlingen eine 
Rivalität hervorzurufen, die es zu keiner einheitlichen Aktion des 
unterworfenen Gebietes gegen die Herrscher kommen liefs. Sowohl 
eine ganz gleiche Position wie eine sehr differente hätten eher ein 
Zusammengehen ermöglicht: jene, weil dann bei einer eventuellen 
Aktion eine wirkliche Halbierung der Führerschaft eher als jedes 
andre Verhältnis durchzuführen gewesen wäre, und weil, wo es doch 
der Unterordnung bedurft hätte, gerade Pairs sich noch am leichtesten 



— 123 — 

solcher technischen Notwendigkeit fügen; diese, weil mit ihr die 
Führerschaft des einen keinen Widerspruch gefunden hätte. Der 
geringe Rangunterschied läfst es am wenigsten zu einem organischen 
und befriedigenden Verhältnis in der hier befürchteten Einung kommen, 
da der eine auf sein Plus hin zweifellos die unbedingte Prärogative 
beansprucht hätte, das Minus des andren aber nicht bedeutend genug 
war, um ihm nicht dieselbe Ambition nahezulegen. 

Das Prinzip der ungleichen Austeilung irgendwelcher 
Werte, um die so erregte Eifersucht zum Mittel des divide et impera 
zu machen, ist eine allgemein beliebte Technik, gegen die dann 
wieder gewisse soziologische Zustände einen ebenso prinzipiellen Schutz 
gewähren. Man hat die australischen Eingeborenen durch ungleich 
verteilte Gaben gegeneinander zu verhetzen und damit leichter zu 
beherrschen versucht. Allein dies scheiterte stets an dem Kommunis- 
mus der Horden, die jede Gabe, an wen sie auch gelangte, sogleich 
unter alle Mitglieder verteilten. Neben der Eifersucht ist es vor allem 
das Mifstrauen, das als psychologisches Mittel zu dem gleichen Zweck 
verwendet wird, und das, im Unterschied gegen jene, gerade gröfsere 
Mengen von verschwörerischen Vereinigungen zurückzuhalten vermag. 
Aufs wirkungsvollste betrieb dies die venezianische Regierung durch 
die im ungeheuersten Mafsstabe inszenierte Aufforderung der Bürger 
zur Denunziation irgendwie Verdächtiger. Niemand wufste, ob sein 
nächster Bekannter nicht im Dienste der Staatsinquisition stand, und 
so waren revolutionäre Pläne, die das gegenseitige Vertrauen einer 
grofsen Anzahl von Personen voraussetzten, von der Wurzel her ab- 
geschnitten; so dafs in der späteren Geschichte von Venedig offene 
Aufstände so gut wie garnicht vorkommen. 

Die krafseste Form des divide et impera, die Entfesselung posi- 
tiven Kampfes zwischen zwei Elementen, kann ihre Absicht in dem 
Verhältnis des Dritten sowohl zu diesen beiden wie zu aufserhalb ihrer 
gelegenen Objekten haben. Das letztere findet etwa statt, wo der eine 
von drei Anwärtern auf ein Amt die beiden andren so gegeneinander 
aufzuhetzen versteht, dafs sie durch Klatschereien und Verleumdungen, 
die jeder von ihnen über den andren im Umlauf setzt, sich gegen- 
seitig um ihre Chancen bringen. In allen Fällen dieses Typus zeigt 
sich die Kunst des Dritten in der Gröfse des Abstandes, in den er 
sich selbst von der Aktion, die er entfesselt, zu stellen weifs. Je mehr 
er den Kampf nur an unsichtbaren Fäden lenkt, je mehr er das Feuer 



— 124 — 

so anzulegen versteht, dafs es ohne sein weiteres Zutun und Hinsehen 
weiter brennt, desto zugespitzter und unabgelenkter wird nicht nur der 
Kampf der beiden andren bis zu ihrem beiderseitigen Ruin fortgesetzt 
werden, sondern desto mehr wird auch der Kampfpreis, den es zwischen 
ihnen galt, oder die sonstigen ihm wertvollen Objekte ihm wie von 
selbst in den Schofs zu fallen scheinen. Auch in dieser Technik waren 
die Venezianer Meister. Um sich der Güter von Adligen auf der 
Terraferma zu bemächtigen, hatten sie das Mittel, an jüngere oder 
nicht ebenbürtige Edelleute hohe Titel zu verteilen. Die Entrüstung 
der Älteren und Vornehmen darüber gab stets Gelegenheit zu 
Raufereien und Friedensbrüchen zwischen beiden Parteien, worauf denn 
die venezianische Regierung in aller Form rechtens die Güter der 
Schuldigen konfiszierte. Gerade an derartigen Fällen, wo der Zu- 
sammenschlufs der veruneinigten Elemente gegen den gemeinsamen 
Unterdrücker von der einleuchtendsten Zweckmäfsigkeit wäre — wird 
als generelle Bedingung des divide et impera recht deutlich, dafs 
Feindseligkeiten eben keineswegs in dem Zusammenstofs realer Inter- 
essen ihren allein zureichenden Grund haben. Wenn nur irgend ein 
Bedürfnis zur Feindseligkeit überhaupt, ein Antagonismus, der seinen 
Gegenstand erst sucht, in der Seele besteht, kann es leicht ge- 
lingen, ihr statt desjenigen Gegners, gegen den die Feindschaft Sinn 
und Zweck hätte, einen ganz andren zu substituieren. Das divide et 
impera fordert von seinem Künstler, dafs er durch Hetzen, Ver- 
leumdungen, Schmeicheln, Erregen von Erwartungen usw. jenen all- 
gemeinen Aufregungszustand und Kampflust hervorrufe, in dem die 
Unterschiebung eines eigentlich garnicht indizierten Gegners gelingen 
kann. So kann sich die Form des Kampfes von seinem Inhalt und 
dessen Vernunftmäfsigkeit ganz lösen. Der Dritte, dem eigentlich die 
Feindseligkeit der beiden andren zu gelten hätte, kann sich gleichsam 
zwischen ihnen unsichtbar machen, so dafs der Anprall beider nicht 
gegen ihn, sondern gegenseitig gegen sie selbst erfolgt. 

Wo nun der Zweck des Dritten nicht in einem Objekt, 
sondern in der unmittelbaren Beherrschung der beiden andren Ele- 
mente liegt, sind zwei soziologische Gesichtspunkte wesentlich. 
1. Gewisse Elemente sind so geformt, dafs sie nur durch gleich- 
geartete erfolgreich bekämpft werden können. Der Wille zu ihrer 
Unterwerfung findet unmittelbar keinen rechten Angriffspunkt, so dafs 
nur übrig bleibt, sie sozusagen in sich selbst zu teilen und zwischen 



— 125 — 

den Teilen einen Kampf, den sie nun mit homogenen Waffen führen 
können, zu unterhalten, bis sie hinreichend geschwächt sind und so 
dem Dritten zur Beute fallen. Von England hat man gesagt, es habe 
Indien nur durch Indien gewinnen können, wie schon Xerxes erkannt 
hatte, dafs man Griechenland am besten durch Griechen bekämpfe. 
Gerade die durch die Gleichheit der Interessen aufeinander An- 
gewiesenen kennen ihre Schwächen und ihre verwundbaren Punkte 
gegenseitig am besten, so dafs der Grundsatz des similia similibus — 
die Vernichtung irgend eines Zustandes durch Erregung eines gleich- 
artigen — sich hier im weitesten Mafsstabe wiederholen kann. Während 
man gegenseitige Förderung und Vereinheitlichung am besten bei 
einem gewissen Mafs qualitativer Unterschiedenheit gewinnt, weil 
hierdurch das Ergänzen, Zusammenwachsen, organisch differenzierte 
Leben sich ergibt — scheint die gegenseitige Zerstörung am besten 
bei qualitativer Gleichartigkeit zu gelingen, abgesehen natürlich von 
so grofsem quantitativem Kraftübergewicht der einen Partei, dafs das 
Verhältnis der Beschaffenheiten überhaupt gleichgültig wird. Die 
ganze Kategorie von Feindschaften, die im Bruderkampf gipfelt, zieht 
ihren radikal-zerstörerischen Charakter daraus, dafs ebenso Erfahrung 
und Kenntnis wie die aus der Wurzeleinheit quellenden Instinkte jedem 
die tötlichsten Waffen gerade gegen diesen Gegner in die Hand geben. 
Was die Basis des Verhältnisses der Gleichen zueinander bildet: das 
Kennen der äufseren Lage und das sympathische Sichhineinfühlen in 
die innere — das ist ersichtlich ebenso das Mittel der tiefsten, an 
keiner Angriffsmöglichkeit vorübergehenden Verletzungen, und führt, 
da es seinem Wesen nach gegenseitig ist, zu der gründlichsten Ver- 
nichtung. Deshalb ist die Bekämpfung des Gleichen durch den Gleichen^ 
die Spaltung des Gegners in zwei qualitativ homogene Parteien, eine 
der durchgreifendsten Realisierungen des divide et impera. 2. Wo 
es für den Unterdrücker nicht möglich ist, seine Geschäfte so aus- 
schliefslich durch seine Opfer selbst besorgen zu lassen, wo er in ihren 
Kampf selbst eingreifen mufs, ist das Schema sehr einfach: er unter- 
stützt eben den einen so lange, bis der andre unterdrückt ist, worauf 
er dann jenen zur leichten Beute hat. Am zweckmäfsigsten wird diese 
Unterstützung demjenigen gelten, der sowieso schon der Stärkere ist. 
Dies kann die mehr negative Form annehmen, dafs von einem zu 
unterdrückenden Komplex von Elementen der Mächtigere blofs ge- 
schont wird. So hat Rom bei seiner Unterwerfung Griechenlands sich 



— 126 — 

doch Athen und Sparta gegenüber die auffälligste Reserve auferlegt. 
Dies Verfahren mufs Groll und Eifersucht auf der einen, Hochmut 
und Vertrauensseligkeit auf der andren Seite erzeugen, eine Spaltung, 
die die Beute für den Unterdrücker bequem macht. Die Technik eines 
Herrscherwillens: von zwei eigentlich gleichmäfsig gegen ihn Inter- 
essierten den Stärkeren zu protegieren, bis er den Schwächeren 
ruiniert hat, und dann mit Frontwechsel gegen den jetzt isolierten 
vorzugehen und ihn zu unterwerfen — diese Technik ist bei der 
Gründung von Weltreichen nicht weniger beliebt, wie bei den Prügeleien 
von Stralsenjungen , in der Handhabung politischer Parteien durch 
eine Regierung nicht anders als in Konkurrenzkämpfen, in denen 
etwa die drei Elemente : ein sehr mächtiger Finanzier oder Industrieller 
und zwei unbedeutendere, aber ihm unbequeme und untereinander un- 
gleiche Konkurrenten einander gegenüberstehen. In diesem Fall wird 
der erst Genannte, um eine Koalition der beiden andren gegen ihn 
zu hindern, mit dem Kräftigeren von ihnen eine Preis- oder Pro- 
duktionsverabredung eingehen, die diesem erhebliche Vorteile sichert, 
und durch die der Schwächere erdrückt wird. Ist dies erst geschehen, 
so kann nun jener Mächtige seinen bisherigen Bundesgenossen ab- 
stofsen und ihn, der jetzt keinerlei Rückhalt mehr hat, durch Unter- 
bieten oder andre Methoden zu Grunde richten. — 

Ich gehe zu einem ganz andren Typus derjenigen soziolo- 
gischen Formungen über, die durch die Zahlbestimmtheit ihrer Ele- 
mente bedingt sind. Bei den Zweier- und Dreierkonfigurationen 
handelte es sich um das innere Gruppenleben mit allen seinen Diffe- 
renziertheiten, Synthesen und Antithesen, das sich bei dieser Mindest- 
oder Höchstzahl von Mitgliedern entfaltet. Die Frage betraf nicht die 
Gruppe als Ganzes in ihrem Verhältnis zu anderen oder zu einer 
gröfseren, deren Teil sie ist, sondern das immanente gegenseitige Ver- 
hältnis ihrer Elemente. Fragt man nun aber umgekehrt nach der 
Bedeutung, die die Zahlbestimmtheit nach aufsen hin enfaltet, so ist 
die wesentlichste Funktion derselben, dafs sie die Einteilung einer 
Gruppe in Untergruppen ermöglicht. Der teleologische Sinn dieser 
ist, wie oben bereits hervorgehoben, die leichtere Überschaulichkeit 
und Lenkbarkeit der Gesamtgruppe, oft eine erste Organisierung, 
richtiger: Mechanisierung derselben; in rein formaler Hinsicht ist da- 
mit die Möglichkeit gegeben, Formung, Charakter, Einrichtungen der 
Abteilungen des Ganzen zu bewahren, unabhängig von der quan- 



— 127 — 

titativen Entwicklung des Ganzen selbst: die Bestandteile, mit denen 
die Verwaltung," desselben rechnet, bleiben qualitativ soziologisch immer 
die gleichen, und die Vermehrung des Ganzen ändert nur ihren Multi- 
plikator. Dies ist z. B, der ungeheure Nutzen der numerischen Ein- 
teilung der Heere; ihre Vermehrung geht dadurch mit verhältnis- 
mäfsiger technischer Leichtigkeit vor sich, dafs sie als immer wieder- 
holte Bildung der numerisch und also organisatorisch bereits fest- 
stehenden Cadres erfolgt. Dieser Vorteil knüpft sich ersichtlich an 
Zahlbestimmtheit überhaupt, aber nicht an bestimmte Zahlen. Indefs 
ist hier eine schon oben erwähnte Zahlgruppe historisch von besonderer 
Wichtigkeit für soziale Einteilungen geworden: die Zehn und ihre 
Derivate. Für diese Zusammenschlief sung von 10 Mitgliedern zu 
solidarischen Leistungen und Verantwortlichkeiten, die in vielen der 
ältesten Kulturen auftritt, ist zweifellos die Fingerzahl das Ent- 
scheidende gewesen. Bei gänzlichem Mangel arithmetischer Gewandt- 
heit hat man an den Fingern ein erstes Orientierungsprinzip, um eine 
Mehrzahl von Einheiten zu bestimmen, ihre Teilungen und Zusammen- 
setzungen anschaulich zu machen. Dieser allgemeine, oft genug hervor- 
gehobene Sinn des Fünfer- und Zehner-Prinzips wird aber für dessen 
soziale Anwendung noch speziell ergänzt: dadurch, dafs die Finger 
eine relativ gegenseitige Unabhängigkeit und selbständige Beweglich- 
keit haben, andrerseits aber doch untrennbar zusammenhängen (in 
Frankreich sagt man von zwei Freunden: ils sont unis comme deux 
doigts de la main) und erst in ihrem Miteinander ihren eigentlichen 
Sinn erhalten — dadurch bieten sie ein höchst treffendes Bild der 
sozialen Vereinigung von Individuen. Die Einheit und eigentümliche 
Zusammenwirksamkeit jener kleinen Untergruppen gröfserer Kollek- 
tivitäten konnte gamicht anschaulicher symbolisiert werden. Noch 
in neuester Zeit hat der tschechische Geheimbimd Omladina sich nach 
dem Prinzip der Fünf zahl konstituiert : die Führung desselben gehörte 
mehreren > Händen« an, welche aus je einem Daumen, d. h. dem 
obersten Leiter, und vier Fingern bestanden *). Wie stark man gerade 

*) Von andrer und allgemeinerer Seite her gesehen, gehört die Ein- 
teilung nach der Fingerzahl zu der typischen Tendenz, Erscheinungen von 
gegebener , anschaulich - natürlicher Rhythmik zu diesem soziologischen 
Zwecke, mindestens dem Namen und Symbol nach, zu benutzen. Eine ge- 
heime politische Gesellschaft unter Louis Philippe nannte sich die Jahres- 
zeiten. Sechs Mitglieder unter Führung eines siebenten, der Sonntag hiefs, 
bildeten eine Woche, vier Wochen einen Monat, drei Monate eine Jahreszeit, 



— 128 — 

die Zehnzahl als innerhalb einer gröfseren Gruppe einheitlich zusammen- 
gehörig empfand, zeigt vielleicht auch die in das frühe Altertum 
hinaufreichende Sitte des Dezimierens von Heeresabteilungen bei Auf- 
ständen, Fahnenflucht usw. Es wurden eben gerade zehn als eine 
Einheit angesehen, die zum Zweck der Bestrafung durch einen Ein- 
zelnen vertreten werden konnte; oder es wirkt dazu noch eine un- 
gefähre Erfahrung mit, dafs sich etwa unter je zehn durchschnittlich 
ein Rädelsführer zu befinden pflegt. Die Einteilung einer Gesamt- 
gruppe in zehn numerisch gleiche Teile, obgleich ersichtlich zu einem 
völlig andern Resultat führend und ganz ohne sachlich-praktische Be- 
ziehung zu der Einteilung in jene zehn Individuen, scheint mir doch 
psychologisch von dieser auszugehen. Als die Juden aus dem zweiten 
Exil zurückkehrten, 42 360 Juden mit ihren Sklaven, wurden sie so 
verteilt, dafs ein ausgelostes Zehntel in Jerusalem Aufenthalt nahm, die 
übrigen neun Zehntel auf dem Lande. Dies waren für die Hauptstadt 
entschieden zu wenig, weshalb man auch gleich auf eine Vermehrung 
der Einwohnerschaft Jerusalems bedacht sein mufste. Die Macht des 
Zehnprinzips als sozialen Einteilungsgrundes scheint hier also gegen 
die Erfordernisse der Praxis blind gemacht zu haben. 

Die Hundertschaft, von jenem Prinzip abgeleitet, ist zunächst und 
wesentlich auch Einteilungsmittel, und zwar das historisch wichtigste. 
Ich erwähnte schon, dafs sie direkt der begriffliche Stellvertreter der 
Einteilung überhaupt geworden ist, so dafs ihr Name selbst dann noch 
der Untergruppe verbleibt, wenn diese ziemlich viel weniger oder mehr 
Mitglieder enthält. Die Hundert erscheinen — am entschiedensten 
vielleicht in der grofsen Rolle, die sie in der Verwaltung des angel- 
sächsischen England spielen — gleichsam als die Idee der Teil- 
gruppe überhaupt, deren inneren Sinn ihre äufsere Unvollständigkeit 
nicht alteriert. Es ist hierfür recht bezeichnend, dafs die Hundert- 
schaften im alten Peru ihren Tribut an die Inkas noch immer mit 
dem Aufgebot aller Kräfte freiwillig entrichteten, als sie schon auf 



vier Jahreszeiten die unter einem Oberbefehlshaber stehende höchste Ein- 
heit. Bei allem Spielcharakter dieser Benennungen hat doch wahrscheinlich 
ein Gefühl, als ob man eine von der Natur indizierte Einheitsform differenter 
Bestandteile damit wiederholte, hier irgendwie mitgewirkt. Und die mystische 
Färbung, zu der geheime Gesellschaften so wie so neigen, wird diese Sym- 
bolisierung begünstigt haben, mit der man eine kosmische Formungskraft 
auf das gewillkürte Gebilde überzuleiten meinen konnte. 



— 129 - 

ein Viertel ihres Bestandes herabgesunken waren. Die soziologische 
Grundtatsache ist hier, dafs diese Markgenossenschaften als Einheiten 
jenseits ihrer Mitglieder empfunden wurden. Da nun aber die Steuer- 
verpflichtung, wie es scheint, nicht für die Genossenschaft als solche, 
sondern für ihre hundert Teilnehmer galt — so zeigt die Übernahme 
dieser Verpflichtung durch die restlichen Fünfundzwanzig um so schärfer, 
als eine wie unbedingte, von Natur solidarische Einheit gerade die Hundert 
empfunden wurde. Andrerseits ist unvermeidlich, dafs die Einteilung 
in Hundertschaften vielerlei organische Beziehungen von Elementen 
und Elementaggregaten — verwandtschaftlicher, nachbarlicher, sym- 
pathischer Art — durchbricht, da sie immer ein mechanisch-technisches 
Prinzip bleibt, ein teleologisches, kein natürlich-triebmäfsiges. Ge- 
legentlich geht dann die Dezimaleinteilung neben einer mehr orga- 
nischen her: so ist das mittelalterliche deutsche Reichsheer nach 
Völkerschaften formiert ; dennoch hören wir auch von einer Einteilung 
des Heeres nach Tausendschaften, was dann jene natürlichere, mehr 
von einem terminus a quo her bestimmte Ordnung durchschneiden 
und überwinden mufste. Dennoch legt die starke Zentripetalität, die 
die Hunderterbildung beherrscht, es nahe, ihre Bedeutung nicht nur 
in ihrem Einteilungszweck zu suchen, der ihr etwas Äufserliches ist 
und mit dem sie der gröfseren, sie umgebenden Gruppe dient. Von 
diesem jetzt abgesehen, findet es sich in der Tat, dafs die Hundertzahl 
der Mitglieder rein als solche der Gruppe eine besondere Bedeutsamkeit 
und Würde verleiht. Der Adel im epizephyrischen Lokroi führte 
seine Abkunft auf edle Frauen aus den sogenannten »hundert Häusern« 
zurück, die sich an der Gründung der Kolonie beteiligt hätten. Ebenso 
sollen die ursprünglichen Ansiedelungen, durch die Rom gegründet 
wurde, hundert latinische gentes, hundert sabellische, hundert aus 
verschiedenen Elementen zusammengesetzte umfafst haben. Die 
Hundertzahl der Mitglieder verleiht der Gruppe offenbar eine gewisse 
Stilisierung, den genau begrenzten strengen Umrifs, dem gegenüber 
jede etwas kleinere oder etwas gröfsere Zahl als einigermafsen vage 
und weniger in sich geschlossen erscheint. Sie hat eine innere Einheit 
und Systematik, die sie für jene genealogischen Mythenbildungen be- 
sonders geeignet macht, eine eigentümliche Vereinigung von mystischer 
Symmetrie und rationalem Sinne, während alle anderen Zahlen 
von Gruppenelementen wie zufällig, nicht als von innen heraus in gleicher 
Weise zusammengehalten, nicht ebenso ihrer eigenen Struktur nach 

Simmel, Soziologie. 9 



— 130 — 

als unverrückbar empfunden werden. Das besonders adäquate Ver- 
hältnis zu unseren Verstandeskategorien, die leichte Überschaulichkeit 
der Hundertzahl, das sie zum Einteilungsprinzip so geeignet macht, 
erscheint hier als Reflex einer objektiven Eigenart der Gruppe, 
die der letzteren gerade aus dieser numerischen Bestimmtheit kommt. 
Diese eben genannte Qualifizierung hebt sich von den bisher be- 
handelten völlig ab. Bei den Zweier- und Dreierkombinationen be- 
stimmte die Zahl das eigne innere Leben der Gruppe, aber sie tut es 
doch nicht als Quantum, die Gruppe zeigte all jene Erscheinungen 
nicht, weil sie als ganze diese Gröfse hatte, sondern es handelte sich 
um Bestimmtheiten jedes einzelnen Elementes durch die Wechsel- 
wirkung mit einem oder mit zwei anderen Elementen. Ganz anders 
verhielt es sich mit allen Abkömmlingen der Fingerzahl : hier lag der 
Grund der Synthese in der bequemeren Übersehbarkeit, Organisierung, 
Lenkbarkeit, kurz, eigentlich nicht in der Gruppe selbst, sondern in 
dem Subjekte, das mit ihr theoretisch oder praktisch zu tun hat. Eine 
dritte Bedeutung der Mitgliederzahl knüpft sich nun endlich daran, 
dals die Gruppe objektiv und als ganze — also ohne Unterscheidung 
individueller Positionen der Elemente — gewisse Eigenschaften nur 
unterhalb oder nur oberhalb eines bestimmten Umfanges aufweist. 
Ganz generell ist dies schon oben bei dem Unterschied der grofsen 
und der kleinen Gruppe behandelt worden; jetzt aber fragt es sich, 
ob nicht Charakterzüge der Gesamtgruppe von bestimmten Mit- 
gliederzahlen ausgehen — wobei selbstverständlich die Wechselwirkungen 
unter den Individuen den realen und entscheidenden Vorgang ausmachen ; 
nur dafs nicht diese in ihrer Einzelheit, sondern ihre Zusammen- 
fassung zu einem Bilde des Ganzen jetzt den Gegenstand der Frage 
bilden. Die Tatsachen, die auf diese Bedeutung der Gruppenquantität 
hinweisen, gehören sämtlich einem einzigen Typus an: den gesetz- 
lichen Vorschriften über die Mindestzahl oder die Höchstzahl von 
Vereinigungen, die als solche gewisse Funktionen oder Rechte be- 
anspruchen, gewisse Verpflichtungen leisten sollen. Der Grund davon 
liegt nahe. Die besonderen Qualitäten, die Vereinigungen auf Grund 
ihrer Mitgliederzahl entfalten, und die die gesetzlichen Vorschriften über 
diese rechtfertigen, würden freilich immer die gleichen, an die gleiche 
Zahl geknüpften sein, wenn es zwischen den Menschen keine psycho- 
logischen Unterschiede gäbe, und die Wirkung einer Gruppe so genau 
ihrem Quantum folgte, wie die Energie Wirkung einer bewegten homo- 



— 131 — 

genen Materienmasse es tut. Die unübersehbaren individuellen 
Differenzen der Mitglieder aber machen alle genauen und Voraus- 
bestimmungen völlig illusorisch: sie können das gleiche Mafs von 
Kraft und Unbesonnenheit, von Gesammeltheit oder Dezentralisation, 
von Selbstgenügsamkeit oder Führungsbedürftigkeit, das sich einmal 
an einer Gruppe bestimmten Umfanges zeigt, ein zweites Mal schon 
an einer viel kleineren, ein drittes Mal erst an einer viel gröfseren 
hervortreten lassen. Die Gesetzesvorschriften aber, die jene Quali- 
täten von Vereinigungen zum Bestimmungsgrund haben, können 
technisch mit solchen Schwankungen und Paralysierungen durch das 
zufällige Menschenmaterial nicht rechnen, sondern müssen bestimmte, 
für durchschnittlich gehaltene Mitgliederzahlen angeben, an die sie 
Rechte und Pflichten von Genossenschaften knüpfen. Zu Grunde 
mufs die Voraussetzung liegen , dafs ein gewisser Gemeingeist , eine 
gewisse Stimmung, Kraft, Tendenz innerhalb einer vereinigten Per- 
sonenzahl dann und erst dann einträte, sobald diese Zahl eine be- 
stimmte Höhe erreicht hat. Je nachdem dieser Erfolg nun erwünscht 
oder perhorresziert ist, wird man eine Mindestzahl fordern oder nur 
eine Maximalzahl gestatten. Ich führe zunächst einige Beispiele für 
das letztere an. In der frühen griechischen Zeit gab es gesetzliche 
Bestimmungen, dafs die Bemannung von Schiffen nicht mehr als fünf 
Mann betragen solle, um den Übergang zum Seeraub zu verhindern. 
Aus Furcht vor den Gesellenverbindungen bestimmten die rheinischen 
Städte 1436, dafs nicht mehr als drei Gesellen gleich gekleidet gehen 
dürften. Am häufigsten begegnen überhaupt politische Verbote dieses 
Sinnes. Philipp der Schöne verbot 1305 alle Zusammenkünfte von mehr als 
fünf Personen, welchen Standes sie auch seien und in welcher Form 
es auch geschehe. Im ancien regime dürfen nicht 20 Edelleute sich 
auch nur zu einer Besprechung versammeln, ohne dafs der König es 
besonders konzediert. Napoleon III. untersagte alle nicht speziell er- 
laubten Vereine von mehr als 20 Personen. In England stellte der 
conventicle act unter Karl IL alle religiösen Versammlungen in einem 
Hause von mehr als fünf Personen unter Strafe, und die englische 
Reaktion am Beginn des 19. Jahrhunderts untersagte alle nicht lange 
vorher gemeldeten Versammlungen von über 50 Personen. Bei Be- 
lagerungszuständen dürfen oft nicht mehr als drei oder fünf Personen 
auf der Strafse zusammenstehen, und vor einigen Jahren hat das 

Berliner Kammergericht entschieden, dafs eine »Versammlung« im 

9 * 



— 132 — 

Sinne des Gesetzes, die also polizeilicher Anmeldung bedürfe, schon 
bei einer Anwesenheit von acht Personen vorliege. Auf das rein 
ökonomische Gebiet erstreckt sich dies z. B. in dem englischen Gesetz 
von 1708, — das der Einflufs der Bank von England durchsetzte — 
dafs die gesetzlichen Assoziationen innerhalb des Geldhandels nicht 
mehr als sechs Teilhaber umfassen dürften. Hier mufs überall seitens 
der Regierenden die Überzeugung vorhanden sein, dafs erst innerhalb 
von Gruppen der angegebenen Gröfsenmafse sich der Mut oder die 
Unbedachtsamkeit, der Unternehmungsgeist oder die Mitreifsbarkeit zu 
gewissen Handlungen findet, die man eben nicht entstehen lassen will. 
Am deutlichsten ist dies Motiv bei Sittengesetzen : wenn die Zahl der 
Teilnehmer an einem Gelage, der Begleiter zu einem Aufzug usw.. 
begrenzt wird, so geschieht das auf die Erfahrung hin, dafs in einer 
gröfseren Masse die sinnlichen Impulse leichter die Oberhand ge- 
winnen, die Ansteckung durch das böse Beispiel in ihr rascher fort- 
schreitet, das individuelle Verantwortlichkeitsgefühl gelähmt wird. Die 
umgekehrte Richtung nehmen bei gleicher Grundlage die Bestimm- 
ungen, die gerade ein Minimum von Teilnehmern fordern, damit ein 
gewisser rechtlicher Effekt eintrete. So kann sich in England jede 
Wirtschaftsgenossenschaft die Korporationsrechte verschaffen, sobald 
sie mindestens sieben Mitglieder zählt; so fordert das Recht allent- 
halben eine bestimmte, wenn auch in ihrer Bestimmung aufserordent- 
, lieh schwankende Mindestzahl von Richtern für die Findung eines 
gültigen Urteils, sodafs z. B. an manchen Orten gewisse Urteils- 
kollegien einfach die Siebener hiefsen. Bezüglich der ersteren Er- 
scheinung wird angenommen, dafs erst bei dieser Mitgliederzahl die 
hinreichenden Garantieen und wirksamen Solidaritäten gegeben wären, 
ohne die die Korporationsrechte eine Gefahr für die Volkswirtschaft 
sind. In dem zweiten Beispiel scheint erst die vorgeschriebene Mindest- 
zahl zu bewirken, dafs sich die Irrungen und extremen Meinungen der 
Einzelnen unter einander ausgleichen und dadurch die Kollektivmeinung 
das objektiv Richtige treffe. {Besonders stark tritt dieses Mindest- 
erfordernis bei religiösen Bildungen hervor. Die regelmäfsigen Zu- 
sammenkünfte der buddhistischen Mönche eines bestimmten Gebietes 
zum Zwecke erneuter Religionseinprägung und einer Art Beichte 
forderte die Anwesenheit von mindestens vier Mönchen. Diese Zahl 
schlofs also erst sozusagen die Synode, und jeder hatte als Mitglied 
derselben eine irgendwie andre Bedeutung denn als individueller Mönch^ 



— 133 — 

was er'nur war, solange etwa nur drei zusammenkamen. So sollen 
die Juden immer zu mindestens zehn zusammenbeten. So sollte nach 
der Lockeschen Konstitution von Nord-Karolina jede beliebige Kirche 
oder Religionsgemeinschaft gegründet werden dürfen, wenn sie wenig- 
stens aus sieben Mitgliedern bestand. Die Kraft, Konzentriertheit und 
Stabilität der religiösen Gemeinschaftsstimmung wird in diesen Fällen 
also erst von einer gewissen Mitgliederzahl an, die sich gegenseitig 
hält und hebt, erwartet. Zusammenfassend: wo das Gesetz eine 
Mindestzahl bestimmt , wirkt das Zutrauen zu der Vielheit und das 
Mifstrauen gegen die isolierteren individuellen Energien; wo eine 
Maximalzahl festgesetzt ist, wirkt umgekehrt das Mifstrauen gegen 
die Vielheit, das sich gegen ihre einzelnen Bestandteile nicht richtet. 
Mag nun aber an ein Maximum Verbot oder an ein Minimum 
Erlaubnis geknüpft sein — die Gesetzgeber werden nicht gezweifelt 
haben, dafs die Erfolge, die sie fürchten oder wünschen, sich nur ganz 
unsicher und ganz durchschnittlich an die festgesetzten Umfange 
binden ; aber die Willkür der Festsetzung ist hierbei ebenso unvermeid- 
lich und gerechtfertigt, wie in der Bestimmung eines Lebensalters, 
von dem an der Mensch Rechte und Pflichten der Grolsjährigkeit 
übernimmt. Gewifs wird die innere Fähigkeit zu dieser bei manchem 
früher, bei manchem später, bei keinem mit einem Schlage in der 
durch das Gesetz fixierten Minute eintreten ; aber die Praxis kann die 
festen Mafsstäbe, die sie braucht, nur so gewinnen, dafs sie die an 
sich kontinuierliche Reihe für die Zwecke des Rechtes von einem 
Punkte an in zwei Abschnitte zerlegt, deren ganz verschiedene Be- 
handlungsweisen in ihrer objektiven Beschaffenheit keine genaue 
Rechtfertigung finden können. Darum ist es so aufserordentlich lehr- 
reich, dafs in allen Bestimmungen, für die die obigen Beispiele ge- 
wählt sind, die besondre Qualität der Menschen, über die die Vorschrift 
gilt, garnicht in Rechnung tritt, obgleich sie doch jeden einzelnen 
Fall bestimmt. Aber sie ist nichts Greifbares, und als solches bleibt 
eben nur die Zahl. Und es ist wesentlich, das überall herrschende 
tiefe Gefühl dafür zu konstatieren, dafs sie das Entscheidende wäre, 
wenn etwa die individuellen Differenzen ihre Wirkungen nicht auf- 
hüben, dafs aber eben deshalb diese Wirkungen in der schliefslichen 
Gesamterscheinung sicher enthalten sind. 



Drittes Kapitel. 
Ober- und Unterordnung. 



Im allgemeinen liegt niemandem daran, dafs sein Einflufs den 
Andern bestimme, sondern daran, dafs dieser Einflufs, diese Bestimmt- 
heit des Andern auf ihn, den Bestimmenden, zurückwirke. Darum 
liegt eine Wechselwirkung schon bei jener abstrakten Herrschsucht 
vor, die daran befriedigt ist, dafs das Handeln oder Leiden, der posi- 
tive oder negative Zustand des Andern sich dem Subjekt als das Er- 
zeugnis seines Willens darbietet. Diese sozusagen solipsistische 
Ausübung einer beherrschenden Gewalt, deren Bedeutung für den 
Übergeordneten ausschliefslich in dem Bewufstsein seiner Wirksam- 
keit besteht, ist freilich erst eine soziologische Rudimentärform, und 
vermöge ihrer besteht so wenig Vergesellschaftung, wie zwischen 
einem Künstler und seiner Statue, die doch auch auf ihn mit dem 
Bewufstsein seiner Schöpfermacht zurückwirkt. Im übrigen bedeutet 
Herrschsucht, selbst in dieser sublimierten Form, deren praktischer 
Sinn nicht eigentlich die Ausnutzung des Andern, sondern das blofse 
Bewufstsein ihrer Möglichkeit ist, keineswegs die äufserste egoistische 
Rücksichtslosigkeit. Denn Herrschsucht, so sehr sie das innere 
Widerstreben des Unterworfenen brechen will, während dem Egoismus 
nur an dem Sieg über sein äufseres zu liegen pflegt, hat an dem 
Andern noch immer eine Art Interesse, er ist für sie ein Wert. Erst 
wo der Egoismus nicht einmal Herrschsucht ist, sondern der Andre 
ihm absolut gleichgültig und ein blofses Werkzeug zu über ihn hinaus- 
liegenden Zwecken ist, fällt der letzte Schatten des vergesellschaftenden 
Füreinander fort. Dafs das Ausschalten absolut jeder Eigenbedeutung 
der einen Partei den Begriff der Gesellschaft aufhebt, zeigt in rela- 
tiver Art die Bestimmung der späteren römischen Juristen: dafs die 



— 135 — 

societas leonina überhaupt nicht mehr als Gesellschaftsvertrag auf- 
zufassen sei. Und in demselben Sinne hat man von den niederen 
Arbeitern in den modernen Riesenbetrieben, die jede wirksame Kon- 
kurrenz durch rivalisierende Unternehmer um die Dienste jener aus- 
schlielsen, gesagt: der Unterschied in der strategischen Stellung 
zwischen ihnen und ihren Brotherren sei so überwältigend, dals der 
Arbeitsvertrag überhaupt aufhöre, ein »Vertrag« im gewöhnlichen 
Wortsinne zu sein, weil die einen bedingungslos den andern aus- 
geliefert sind. Insofern zeigt sich die moralische Maxime: einen 
Menschen niemals als blofses Mittel zu gebrauchen — allerdings als 
die Formel für jede Vergesellschaftung. Wo die Bedeutung der einen 
Partei auf einen Punkt sinkt, an dem eine von dem Ich als solchem aus- 
gehende Wirkung nicht mehr in die Beziehung eintritt, kann man 
von Gesellschaft so wenig reden, wie zwischen dem Tischler und der 
Hobelbank. 

Nun ist die Ausschaltung jeglicher Spontaneität innerhalb eines 
Unterordnungsverhältnisses in Wirklichkeit seltener, als die populäre 
Ausdrucks weise schlief sen läfst, die mit den Begriffen des »Zwanges«, 
des » Keine- Wahl-habens«, der »unbedingten Notwendigkeit« sehr frei- 
giebig ist. Selbst in den drückendsten und grausamsten Unterworfenheits- 
verhältnissen besteht noch immer ein erhebliches Mafs persönlicher 
Freiheit. Wir werden uns ihrer nur nicht bewufst, weil ihre Bewährung 
in solchen Fällen Opfer kostet, die auf uns zu nehmen ganz aufser 
Frage zu stehen pflegt. Der »unbedingte« Zwang, den der grau- 
samste Tyrann auf uns ausübt, ist tatsächlich immer ein durchaus 
bedingter, nämlich dadurch bedingt, dafs wir den angedrohten Strafen 
oder sonstigen Konsequenzen der Unbotmäfsigkeit entgehen wollen. 
Genau angesehn, vernichtet das Über- und Unterordnungs -Verhältnis 
die Freiheit des Untergeordneten nur im Falle von unmittelbaren 
physischen Vergewaltigungen; sonst pflegt es nur einen Preis, den 
wir nicht zu bezahlen geneigt sind, für die Realisierung der Freiheit 
zu fordern und kann den Umkreis der äufseren Bedingungen, in dem 
sie sich sichtbar realisiert, mehr und mehr verengern, aber, aufser in 
jenem Fall physischer Übergewalt, niemals bis zu völligem Ver- 
schwinden. Die moralische Seite dieser Betrachtung geht uns hier 
nichts an, wohl aber die soziologische : dafs die Wechselwirkung, d. h. 
die gegenseitig bestimmte und nur von den Persönlichkeitspunkten her 
erfolgende Aktion auch in denjenigen Fällen von Über- und Unter- 



— 136 — 

Ordnung besteht und diese also auch da noch zu einer gesellschaft- 
lichen Form macht, wo für die gewöhnliche Auffassung der 
»Zwang« durch die eine Partei die andre jeder Spontaneität und 
damit jeder eigentlichen »Wirkung« , die eine Seite einer Wechsel- 
wirkung w^äre, beraubt. 

Für die Analyse des gesellschaftlichen Daseins ist es angesichts 
der ungeheuren Rolle der Über- und Unterordnungs-Verhältnisse von 
der gröfsten Wichtigkeit, sich über solche Spontaneität und Mitwirksam- 
keit des untergeordneten Subjektes gegenüber ihrer vielfachen Ver- 
schleierung in der oberflächlicheren Vorstellungsweise klar zu werden. 
Was man z. B. »Autorität« nennt, setzt in höherem Mafse, als man 
anzuerkennen pflegt, eine Freiheit des der Autorität Unterworfenen 
voraus, sie ist selbst, wo sie diesen zu »erdrücken« scheint, nicht auf 
einen Zwang und ein blofses Sich-Fügen-Müssen gestellt. Das eigen- 
tümliche Gebilde der »Autorität«, das für das Gemeinsamkeitsleben in 
den mannigfaltigsten Mafsen, in Ansätzen wie in Übertreibungen, in 
akuten wie in Dauerformen bedeutsam ist, scheint auf zweierlei Wegen 
zustande zu kommen. Eine Persönlichkeit, an Bedeutung und Kraft 
überlegen, erwirbt bei ihrer näheren oder auch entfernteren Umgebung 
einen Glauben und Vertrauen, ein malsgebendes Gewicht ihrer 
Meinungen, das den Charakter einer objektiven Instanz trägt: die 
Persönlichkeit hat eine Prärogative und axiomatische Zuverlässigkeit 
für ihre Entscheidungen gewonnen, die über den immer variabeln, 
relativen, der Kritik unterworfenen Wert einer subjektiven Persönlich- 
keit mindestens um einen Teilstrich hinausragt. Indem ein Mensch 
»autoritativ« wirkt, ist die Quantität seiner Bedeutung in eine neue 
Qualität umgeschlagen, hat für sein Milieu gleichsam den Aggregat- 
zustand der Objektivität angenommen. Der gleiche Erfolg kann in 
der umgekehrten Richtung zustande kommen: eine überindividuelle 
Potenz, Staat, Kirche, Schule, die Organisationen der Familie oder 
des Militärs, bekleiden von sich aus eine Einzel persönlichkeit mit 
einem Ansehen, einer Würde, einer letztinstanzlichen Entscheidungs- 
kraft, die aus deren Individualität niemals wachsen würde. Die »Au- 
torität«, deren Wesen ist, dafs ein Mensch mit derjenigen Sicherheit 
und Anerkennungszwang entscheidet, die logischerweise nur dem über- 
persönlich-sachlichen Axiom oder Deduktion zukommt — hat sich hier 
gleichsam von oben auf eine Person niedergelassen, während sie im 
ersteren Falle aus den Qualitäten der Person, wie durch generatio 



— 137 — 

aequivoca aufgestiegen ist. An dem Punkt dieses Überganges und 
Umschlages hat nun ersichtlich der mehr oder weniger freiwillige 
Glaube des der Autorität Unterworfenen einzusetzen; denn jene Um- 
setzung zwischen dem überpersönlichen und dem Persönlichkeitswert, 
die dem letzteren ein, wenn auch noch so minimales Plus über das 
ihr beweisbar, rational Zukommende hinzufügt, wird von dem Au- 
toritätsgläubigen selbst vollzogen, ist ein soziologisches Ereignis, das 
die spontane Mitwirkung auch des untergeordneten Elementes er- 
fordert; ja, dafs man eine Autorität als ^ erdrückend« empfindet, weist 
auf die eigentlich vorausgesetzte und nie ganz ausgeschaltete Selb- 
ständigkeit des Andern hin. 

Von der Autorität ist die Superioritätsnüance zu unterscheiden, 
die man als Prestige bezeichnet. Bei dieser fehlt das Moment der 
übersubjektiven Bedeutung, der Identität der Persönlichkeit mit einer 
objektiven Kraft oder Norm, für das Führertum ist hier die ganz 
individuelle Kraft entscheidend; sie bleibt nicht nur als solche be- 
wufst, sondern gegenüber dem Durchschnittstypus des Führers, der 
immer eine gewisse Mischung aus persönlichen und angegliederten 
sachlichen Momenten zeigt, geht das Prestige ebenso von dem reinen 
Persönlichkeitspunkte aus, wie die Autorität von der Objektivität von 
Normen imd Mächten. Obgleich grade diese Superiorität ihr Wesen 
in dem » Mitreif sen« , in der bedingungslosen Gefolgschaft von Ein- 
zelnen und Massen hat — mehr als die Autorität, deren höherer, aber 
kühlerer Normcharakter eher einer Kritik auch der Folgsamen Raum 
gibt — so erscheint sie dennoch als eine Art freiwilligerer Huldigung an 
den Höheren. Vielleicht liegt der Tatsache nach in der Anerkennung 
der Autorität eine tiefere Freiheit des Subjekts, als in der Bezauberung 
durch das Prestige eines Fürsten oder eines Priesters, eines militär- 
ischen oder geistigen Führers; allein für das Gefühl der Geführten 
ist es anders: gegen die Autorität können wir uns oft nicht wehren, 
der Elan aber, mit dem wir einem Prestige folgen, enthält stets ein 
Bewufstsein von Spontaneität ; grade weil die Hingebung hier nur dem 
ganz Persönlichen gilt, scheint sie auch nur dem Persönlichkeitsgrunde 
mit seiner unverlierbaren Freiheit zu entquellen. Gewifs täuscht sich 
der Mensch unzählige Male über das Mafs von Freiheit, das er in 
irgend eine Aktion einzusetzen hat, schon weil dem bewufsten Be- 
griff, mit dem wir uns über jene innere Tatsache Rechenschaft ab- 
legen, vieles an Klarheit und Sicherheit fehlt; wie man die Freiheit 



— 138 — 

aber auch deute, man wird sagen können, dafs irgend ein Mafs ihrer, 
wenn auch nicht das geglaubte, überall vorhanden ist, wo Gefühl und 
Überzeugung von ihr vorhanden ist*). 

Eine noch positivere Aktivität besteht auf der Seite des scheinbar 
blofs passiven Elementes in Verhältnissen wie diesen: der Redner, 
der der Versammlung, der Lehrer, der der Klasse gegenübersteht, 
scheint der allein Führende, der momentan Übergeordnete zu sein; 
dennoch empfindet jeder, der sich in solcher Situation befindet, die 
bestimmende und lenkende Rückwirkung der scheinbar blofs auf- 
nehmenden und von ihm gelenkten Masse. Und dies nicht nur bei 
unmittelbarem Sich-Gegenüberstehen. Alle Führer werden auch ge- 
führt, wie in unzähligen Fällen der Herr der Sklave seiner Sklaven 
ist. »Ich bin ihr Führer, also muls ich ihnen folgen«, hat einer der 
gröfsten deutschen Parteiführer im Hinblick auf seine Gefolgschaft 
gesagt. Am krassesten tritt dies am Journalisten hervor, der den 
Meinungen einer stummen Menge Inhalt und Richtung gibt, dabei 
aber durchaus hören, kombinieren, ahnen mufs, was denn eigentlich 
die Tendenzen dieser Menge sind, was sie za hören, was sie bestätigt 
zu wissen, wohin sie geführt zu werden wünscht. Während das Pu- 
blikum scheinbar nur unter seiner Suggestion steht, steht er in Wirk- 
lichkeit ebenso unter der des Publikums. Eine höchst komplizierte 
Wechselwirkung, deren beiderseitig spontane Kräfte freilich sehr ver- 
schiedene Formen besitzen, verbirgt sich hier also unter dem Anschein 
der reinen Superiorität des einen Elementes gegenüber dem passiven 
Sich-Führen-Lassen des andern. In personalen Verhältnissen, deren 
ganzer Inhalt und Sinn die eine Partei ausschliefslich zum Dienst der 
andern bestimmt, ist grade das vollkommene Mafs dieser Hingabe oft 
daran gebunden, dafs diese andre sich, wenn auch in einer anderen 



') Hier — und analog in vielen andern Fällen — kommt es durchaus 
nicht darauf an, den Begriff des Prestige zu definieren, sondern nur darauf, 
das Vorhandensein einer gewissen Spielart der menschlichen Wechsel- 
beziehungen zu konstatieren, völlig gleichgültig gegen ihre Benennung. Nur 
beginnt die Darstellung zweckmäfsigerweise oft mit demjenigen Begriff, der 
für das aufzudeckende Verhältnis sprach gebräuchlich noch am besten zutrifft, 
um überhaupt nur erst auf dieses hinzudeuten. Dies ergibt die Erscheinung 
eines blofs definitorischen Verfahrens, während allenthalben hier nicht für 
einen Begriff sein Inhalt gefunden, sondern ein tatsächlicher Inhalt be- 
schrieben werden soll, der nur manchmal die Chance hat, von einem bereits 
bestehenden Begriff mehr oder weniger gedeckt zu werden. 



- 139 — 

Schicht der Beziehung, an jene hingibt. So äufsert sich Bismarck 
über sein Verhältnis zu Wilhelm I. : »Ein gewisses Mals von Hin- 
gebung wird durch die Gesetze bestimmt, ein gröfseres durch politische 
Überzeugung ; wo es darüber hinausgeht, bedarf es eines persönlichen 
Gefühles von Gegenseitigkeit. — Meine Anhänglichkeit hatte 
ihre prinzipielle Begründung in einem überzeugungstreuen Royalismus ; 
aber in der Spezialität, wie er vorhanden war, ist er doch nur möglich 
unter der Wirkung einer gewissen Gegenseitigkeit — zwischen Herr 
und Diener«. Den charakteristischsten Fall dieses Typus vielleicht 
bietet die hypnotische Suggestion. Ein hervorragender Hypnotiseur 
hat betont, dafs bei jeder Hypnose eine, wenn auch nicht leicht zu 
bestimmende Wirkung des Hypnotisierten auf den Hypnotiseur statt- 
fände, und dafs ohne diese der Effekt nicht erreicht würde. Während 
die Erscheinung hier das absolute Beeinflussen von der einen, das 
absolute Beeinflufstwerden von der andern Seite darbietet, birgt auch 
diese eine Wechselwirkung, einen Austausch der Einflüsse, der die 
reine Einseitigkeit der Über- und Unterordnung zu einer sozio- 
logischen Form umbiegt. 

Ich führe nur noch aus rechtlichen Gebieten einige Fälle von 
Über- und Unterordnung an, in deren scheinbar rein einseitiger Rich- 
tung die tatsächlich vorhandene Wechselwirkung sich ohne Schwierig- 
keit aufzeigen läfst. Wenn bei unumschränktem Despotismus der 
Herrscher an seine Befehle die Drohung von Strafe oder das Ver- 
sprechen von Lohn knüpft, so heifst dies, dafs er selbst an die von 
ihm ausgehende Verordnung gebunden sein will: der Untergeordnete 
soll das Recht haben, seinerseits etwas von ihm zu fordern, der Despot 
bindet sich mit der Straffestsetzimg, so horrend sie sei, keine höhere 
aufzuerlegen. Ob er nachher tatsächlich den versprochenen Lohn oder 
die Strafbegrenzung eintreten läfst oder nicht, ist eine andre Frage. 
Der Sinn des Verhältnisses ist der, dafs zwar der Übergeordnete den 
Untergeordneten völlig bestimmt, dafs diesem aber doch ein Anspruch 
zugesichert ist, den er geltend machen kann, oder auf den er ver- 
zichten kann: so dafs selbst diese entschiedenste Form des Verhält- 
nisses doch noch irgend eine Spontaneität des Untergeordneten enthält. 
In eigentümlicher Umsetzung wird das Motiv der Wechselwirkung 
innerhalb der anscheinend rein einseitig-passivistischen Unterordnung 
in einer mittelalterlichen Staatstheorie wirksam: der Staat sei so ent- 
standen, dafs die Menschen sich gegenseitig verpflichtet hätten, sich 



— 140 — 

einem gemeinsamen Oberhaupt zu unterwerfen; der Herrscher — 
offenbar auch der unumschränkte — werde auf Grund eines Vertrages 
der Untertanen untereinander bestellt. Hier steigt also der Gedanke 
der Wechselseitigkeit von dem Herrschaftsverhältnis — in das die 
gleichzeitigen Theorien von dem Vertrage zwischen Herrscher und 
Volk ihn verlegen — in den Grund dieses Verhältnisses selbst hinab : 
die Verpflichtung gegen den Fürsten wird als blofse Formung, Aus- 
druck, Technik eines Gegenseitigkeitsverhältnisses zwischen den Indi- 
viduen des Volkes empfunden. Und wenn bei Hobbes der Herrscher 
durch keinerlei Verfahren seinen Untertanen gegenüber vertragsbrüchig 
werden kann, da er nämlich mit ihnen gar keinen Vertrag abgeschlossen 
hat, so ist das Korrelat dazu, dafs der Untertan, auch wenn er sich 
gegen den Herrscher empört, damit keinen Vertrag bricht, den er mit 
ihm eingegangen ist; sondern vielmehr den, den er mit allen andern 
Mitgliedern der Gesellschaft geschlossen hat, sich von diesem Herrscher 
beherrschen zu lassen. Aus dem Wegfall des Gegenseitigkeitsmomentes 
erklärt sich die Beobachtung, dafs die Tyrannei einer Gesamtheit 
gegen ihr eignes Mitglied schlimmer sei, als die eines Fürsten. Da- 
durch, dafs die Gesamtheit, und keineswegs nur die politische, ihr 
Mitglied nicht sich gegenüber, sondern wie ein eignes Glied in sich 
eingeschlossen empfindet, entsteht oft eine eigentümliche Rücksichts- 
losigkeit gegen dieses, die sich ganz von der persönlichen Grausam- 
keit eines Herrschers unterscheidet. Jedes formale Gegenüber, auch 
wenn es inhaltlich auf Untefwerfung geht, ist eine Wechselwirkung, 
die prinzipiell immer irgend eine Beschränkung jedes Elementes ein- 
schliefst und davon nur in individuellen Ausnahmen abweicht. Wo 
die Überordnung jene spezifische Rücksichtslosigkeit zeigt, wie in dem 
Falle der Gesamtheit, die über ihr Mitglied verfügt, liegt eben auch 
nicht das Gegenüber vor, in dessen Wechselwirkungsform eine Spon- 
taneität beider Elemente und damit eine Eingrenzung beider statt- 
findet. 

Sehr schön drückt dies der ursprüngliche römische Gesetzesbegriff 
aus. Das Gesetz verlangt seinem reinen Sinne nach eine Unterwerfung, 
die keinerlei Spontaneität oder Gegenwirkung des ihm Untergeordneten 
einschliefst. Dafs dieser etwa bei der Gesetzgebung mitgewirkt hat, ja, 
dafs er sich das für ihn gültige Gesetz selbst gegeben hat, ist hierfür 
belanglos ; er hat sich eben in diesem Falle selbst in Subjekt und Ob- 
jekt der Gesetzgebung zerlegt, und die von jenem zu diesem gehende 



— 141 — 

Bestimmung des Gesetzes wird in ihrem Sinne dadurch nicht geändert^ 
dafs beide zufällig in einer physischen Person zusammenfallen. Den- 
noch haben die Römer in dem Begriff des Gesetzes unmittelbar den 
einer Wechselwirkung angedeutet. Lex bedeutet nämlich ursprünglich 
Vertrag, allerdings mit dem Sinne, dals die Bedingimgen desselben 
von dem Proponenten festgesetzt werden und der andre Teil nur en 
bloc annehmen oder ablehnen kann. So besagt die lex publica populi 
romani anfänglich, dafs der König sie proponierte, das Volk der 
Akzeptant war. Damit ist der Begriff, der die Wechselwirksamkeit 
am entschiedensten von sich auszuschliefsen scheint, schon durch seinen 
sprachlichen Ausdruck dennoch designiert, auf diese hinzuweisen. 
Dies distrahiert sich gleichsam in der Prärogative des römischen 
Königs, dafs nur er zum Volke reden durfte. Eine solche Prärogative 
bedeutet zwar die eifersüchtig ausschliefsende Einheit seiner Herrschaft 
— wie entsprechend im griechischen Altertum das Recht eines jeden, 
zvmi Volke zu sprechen, die vollendete Demokratie bezeichnete — aber 
es liegt doch darin die Anerkennung der Bedeutung, die die Rede 
zum Volk und die also das Volk selbst hat. Es liegt darin, dafs das 
Volk, trotzdem es nur jene einseitige Wirkung empfing, doch ein 
Kontrahent war, mit dem zu kontrahieren freilich einem Einzigen 
vorbehalten war. — 

Mit diesen Vorbemerkungen sollte nur der eigentlich soziologische^ 
gesellschaftsbildende Charakter der Über- und Unterordnung auch für 
die Fälle aufgezeigt werden, in denen an die Stelle eines gesellschaft- 
lichen Verhältnisses ein blofs mechanisches: die Position des Unter- 
geordneten als eines keinerlei Spontaneität einsetzenden Objektes oder 
Mittels für den Übergeordneten — zu treten schien. Aber mindestens 
vielfach ist es doch gelungen, unter der Einseitigkeit der Beeinflussimg 
die soziologisch entscheidende Wechselwirksamkeit sichtbar zu 
machen. 

Die Arten der Überordnung lassen sich zunächst rein äufserlich, 
aber für die Erörterung bequem, nach einem dreigliedrigen Schema 
teilen; sie kann ausgeübt werden: von einem Einzelnen, von einer 
Gruppe, von einer objektiven, sei es sozialen, sei es idealen Macht. 
Ich bespreche nun einige der soziologischen Bedeutungen dieser Mög- 
lichkeiten. 

Die Unterordnung einer Gruppe unter eine Person hat vor allem 
eine sehr entschiedene Vereinheitlichung der Gruppe zur Folge, xmd 



— 142 — 

zwar nahezu gleichmäfsig bei den beiden charakteristischen Formen 
dieser Unterordnung: nämlich erstens, wenn die Gruppe mit ihrer 
Spitze eine wirkliche innere Einheit bildet, wenn der Herrscher die 
Gruppenkräfte in ihrer eignen Richtung fort- und in sich zusammen- 
führt, so dafs Überordnung eigentlich nur bedeutet, dafs der Wille 
der Gruppe einen einheitlichen Ausdruck oder Körper gewonnen hat. 
Aber auch, zweitens, wenn die Gruppe sich in Opposition gegen ihre 
Spitze fühlt, ihr gegenüber Partei bildet. Bezüglich des ersteren 
Falles Zeigt jeder Blick auf soziologische Gebiete ohne weiteres den 
unermefslichen Vorteil der Einherrschaft für die Zusammenfassung 
und kraftsparende Lenkung der Gruppenkräfte. Ich will nur zwei 
inhaltlich sehr heterogene Erscheinungen von gemeinsamer Unter- 
ordnung anführen, in denen gerade deren Unersetzlichkeit für die 
Einheit des Ganzen hervortritt. Die Soziologie der Religionen ist 
dadurch prinzipiell differenziert, ob eine Vereinigung der Individuen 
einer Gruppe statthat, die den gemeinsamen Gott als das Symbol und 
die Weihe ihrer Zusammengehörigkeit gleichsam aus dieser hervor- 
wachsen läfst — wie es in vielen primitiven Religionen der Fall ist — , 
oder ob die Gottesvorstellung erst ihrerseits die sonst nicht oder nur 
knapp zusammenhängenden Elemente in eine Einheit zusammenbringt. 
Wie sehr das Christentum diese letztere Form realisiert hat, bedarf 
nicht der Beschreibung, auch nicht, wie einzelne Sekten ihr besonderes 
und besonders starkes Band in dem absolut subjektiven und mystischen 
Verhältnis zu der Person Jesu finden, das jeder Einzelne als Individuum 
und insoweit völlig unabhängig von jedem anderen und von der Ge- 
meinsamkeit besitzt. Aber sogar von den Juden ist behauptet worden : 
im Gegensatz zu den gleichzeitig entstandenen Religionen, wo die 
Verwandtschaft zunächst jeden Genossen mit jedem anderen und dann 
erst das Ganze mit dem göttlichen Prinzip verbindet, würde dort das 
gemeinsame — d. h. einen jeden unmittelbar betreffende — Vertrags- 
verhältnis zu Jehova als die eigentliche Kraft und Sinn der nationalen 
Zusammengehörigkeit empfunden. Diese formale Struktur zu wiederholen, 
hatte der mittelalterliche Feudalismus, auf Grund der vielverflochtenen 
persönlichen Abhängigkeiten und »Dienste«, häufige Gelegenheit. Am 
bezeichnendsten vielleicht bei den Genossenschaften der Ministerialen, 
unfreier Hof- und Hausdiener, die in einem engen, rein persönlichen 
Verhältnis zu dem Fürsten standen. Die Genossenschaften, welche 
diese bildeten hatten gar keine sachliche Basis, wie sie doch die 



— 143 — 

hörigen Dorfgemeinschaften vermöge des nachbarlichen Besitzes be- 
safsen; die Personen wurden zu ganz verschiedenen Diensten ver- 
wendet, hatten verschieden gelegene Besitzungen und bildeten dennoch 
eng geschlossene Genossenschaften, ohne deren Bewilligung niemand 
in sie eintreten oder aus ihnen entlassen werden konnte. Sie hatten ein 
eigenes Familien- und Sachenrecht ausgebildet, besafsen je unter sich 
Vertrags- und Verkehrsfreiheit, forderten Sühne für inneren Friedens- 
bruch — und hatten für diese enge Einheit durchaus keine andere 
Grundlage, als die Identität des Herrn, dem sie dienten, der sie nach 
aufsen hin vertrat und in landrechtlichen Beziehungen für sie agierte. 
Wie in jenem religiösen Falle ist die Unterordnung unter eine indi- 
viduelle Potenz hier nicht, was sie in vielen, besonders den politischen 
Fällen ist, die Folge oder der Ausdruck einer bestehenden organischen 
oder Interessengemeinschaft , sondern die Überordnung des einen 
Herrn ist umgekehrt die Ursache einer sonst nicht erreichbaren, durch 
keine sonstige Beziehung angelegten Gemeinsamkeit. Es ist übrigens 
nicht nur das gleiche, sondern gerade auch das ungleiche Verhältnis 
der Untergeordneten zu der dominierenden Spitze, was der so charakte- 
risierten Sozialform ihre Festigkeit gibt. Die mannigfaltige Entfernt- 
heit oder Nähe zu jener schafft eine Gliederung, die darum nicht weniger 
fest und formbestimmt ist , weil die Innenseite dieser Distanzen oft Eifer- 
sucht, Repulsion, Hochmut ist. Die soziale Höhe der einzelnen indischen 
Kaste bestimmt sich nach ihrem Verhältnis zum Brahmanen. Würde 
der Brahmane von einem ihr Angehörigen ein Geschenk annehmen? 
ein Glas Wasser ohne Bedenken aus seiner Hand ? mit Schwierigkeiten ? 
würde er es mit Abscheu zurückweisen ? Dafs sich die eigentümliche 
Festigkeit der Kastenschichtung hieran heftet, ist für die jetzt fragliche 
Form deshalb so bezeichnend, weil die blofse Tatsache einer höchsten 
Spitze hier als ein rein ideelles Moment jedem Element und dadurch 
dem Ganzen sein Strukturverhältnis bestimmt. Dafs jene höchste 
Schicht von sehr vielen Einzelpersonen besetzt ist, ist ganz irrelevant, 
da die soziologische Form ihrer Wirkung hier genau wie die einer 
Einzelperson ist: die Relation zu »dem Brahmanen« entscheidet. So 
kann das formal Charakteristische der Unterordnung unter eine Einzel- 
person auch bei einer Vielheit übergeordneter Einzelpersonen auf- 
treten. Die spezifische soziologische Bedeutung solcher Vielheit 
werden uns andere Erscheinungen offenbaren. 

Jene vereinheitlichende Folge der Unterordnung unter eine 



— 144 — 

herrschende Kraft zeigt sich nun nicht weniger, wenn die Gruppe 
sich gegen diese in Opposition befindet. An der poHtischen Gruppe 
wie in der Fabrik, in der Schulklasse wie an der kirchlichen Gemeinde 
ist es zu beobachten, wie die Aufgipfelung der Organisation zu einer 
Spitze die Einheit des Ganzen sowohl im Falle der Eintracht wie in 
dem der Opposition bewirken hilft, wie vielleicht der letztere die 
Gruppe noch mehr zwingt, sich »zusammenzunehmen«. Wenn die 
gemeinsame Gegnerschaft überhaupt schon eines der mächtigsten 
Mittel ist, eine Mehrheit von Individuen oder Gruppen zum Zusammen- 
halten zu bewegen, so steigert sich dies noch, wenn der gemeinsame 
Gegner zugleich der gemeinsame Herr ist. Gewifs nicht in offenbarer 
und wirksamer, aber in latenter Form findet diese Kombination wohl 
allenthalben statt : in irgend einem Mafse oder irgend einer Beziehung 
ist der Herr fast immer ein Gegner. Der Mensch hat ein inneres 
Doppelverhältnis zum Prinzip der Unterordnung: er will zwar einer- 
seits beherrscht sein, die Mehrzahl der Menschen kann nicht nur 
ohne Führung nicht existieren, sondern sie fühlen das auch, sie suchen 
die höhere Gewalt, die ihnen die Selbstverantwortlichkeit abnimmt, 
und eine einschränkende, regulierende Strenge, die sie nicht nur gegen 
aufsen, sondern auch gegen sich selbst schützt. Nicht weniger aber 
brauchen sie die Opposition gegen diese führende Macht, sie bekommt 
so erst, gleichsam durch Zug und Gegenzug, die richtige Stelle im 
inneren Lebenssystem der Gehorchenden. Ja, man möchte sagen, dafs 
Gehorsam und Opposition nur die beiden, nach verschiedenen Richtungen 
orientierten und als selbständige Triebe erscheinenden Seiten oder 
Glieder eines in sich ganz einheitlichen Verhaltens des Menschen 
sind. Der einfachste Fall ist der politische, in dem die Gesamtheit, 
aus so auseinander und gegeneinander strebenden Parteien sie be- 
stehen mag, doch das gemeinsame Interesse hat, die Kompetenzen 
der Krone in Grenzen zu halten bezw. einzuschränken — bei aller 
praktischen Unentbehrlichkeit dieser Krone, ja, aller gefühlsmäfsigen 
Anhänglichkeit an sie. In England blieb Jahrhunderte lang nach der 
Magna Charta das Bewufstsein lebendig, dafs gewisse Grundrechte 
für alle Klassen erhalten und gemehrt werden müfsten, dafs der 
Adel seine Freiheiten nicht ohne gleichzeitige Freiheit der schwächeren 
Klassen behaupten könnte und dafs ein gemeinsames Recht für Adel, 
Bürger und Bauern das Korrelat für die Einschränkungen des persön- 
lichen Regimentes wäre; und es ist oft hervorgehoben worden, dafs^ 



— 145 — 

solange dieses letztere Kampfziel in Frage steht, der Adel stets das 
Volk und die Geistlichkeit auf seiner Seite hat. Und selbst wo es zu 
dieser Art von Vereinheitlichung vermittels der Einherrschaft nicht 
kommt, wird mindestens ein einheitliches Kampffeld der ihr Unter- 
worfenen geschaffen: zwischen denen, die mit dem Herrscher, und 
denen, die gegen ihn stehen. Es gibt kaum ein soziologisches, einer 
höchsten Spitze untertanes Gebiet, auf dem dieses pro und contra die 
Elemente nicht zu einer Lebendigkeit von Wechselwirkungen und 
Verflechtungen veranlafste, die, trotz aller Repulsionen, Reibungen 
und Kriegskosten doch manchem friedlichen, aber indifferenten Neben- 
einander an schliefslich vereinheitlichender Kraft weit überlegen ist. 
Da es sich hier indes nicht um die Konstruktion dogmatisch 
einseitiger Reihen, sondern um die Aufzeigung von Grundvorgängen 
handelt, deren unendlich mannigfaltige Mafse und Kombinationen ihre 
Oberflächenerscheinungen oft völlig einander entgegengesetzt verlaufen 
lassen, so mufs hervorgehoben werden, dafs die gemeinsame Unter- 
werfung unter eine herrschende Macht keineswegs immer zu Ver- 
einheitlichung führt, sondern, auf bestimmte Dispositionen treffend, 
auch zu dem gegenteiligen Erfolge. Die englische Gesetzgebung er- 
richtete gegen Non-Conformists — also gleichmäfsig gegen Pres- 
byterianer, Katholiken, Juden — eine Summe von Mafsregeln und 
Ausschliefsungen, die den Militärdienst wie das Wahlrecht, den Besitz 
wie die Staatsstellungen betrafen. Der Staatskirchler benutzte seine 
Prärogative, um seinem Hafs gegen alle jene gleichmäfsigen Ausdruck 
zu geben. Aber dadurch wurden die Unterdrückten nicht etwa zu 
einer Gemeinsamkeit irgend welcher Art zusammengeschlossen, sondern 
der Hafs des Rechtgläubigen wurde durch den, den der Presbyterianer 
gegen den Katholiken und vice versa h«gte, noch übertroffen. Hier 
scheint eine psychologische »Schwellenerscheinung« vorzuliegen. Es 
gibt ein Mafs von Gegnerschaft zwischen sozialen Elementen, das bei 
gemeinsam erfahrenem Druck unwirksam wird und einer äufseren^ 
ja inneren Einheitlichkeit Platz macht. Überschreitet aber jene ur- 
sprüngliche Aversion eine bestimmte Grenze, so hat die gemeinsame 
Unterdrückung den umgekehrten Erfolg. Nicht nur, weil bei einer 
stark dominierenden Verbitterung nach einer Seite hin jede aus andrer 
Quelle fliefsende die allgemeine Gereiztheit steigert und, allen Vernunft- 
gründen entgegen, auch noch in jenes bereits tief gegrabene Bett ver- 
breiternd einf liefst; sondern vor allem, weil das gemeinsame Erleiden 

Simmel, Soziologie. 10 



— 146 — 

die Elemente allerdings näher aneinander preist, aber gerade an dieser 
erzwungenen Nähe ihre ganze innere Entferntheit und Unversöhnlich- 
keit sich erst völlig schlagend ergibt. Wo eine irgendwie erzeugte 
Vereinheitlichung nicht imstande ist, einen Antagonismus zu besiegen, 
da läfst sie ihn nicht im Status quo ante bestehen, sondern steigert 
ihn, wie der Kontrast auf allen Gebieten in dem Mafse schärfer 
und bewufster wird, in dem seine Seiten näher aneinander rücken. — 
Eine andre, offensichtlichere Art der Repulsion stiftet das gemeinsame 
Dominiertwerden unter seinen Subjekten vermittelst der Eifersucht. Sie 
bringt das negative Pendant zu dem oben Erwähnten: dafs gemein- 
samer Hafs ein um so stärkeres Bindemittel ist, wenn der gemeinsam 
Gehalste zugleich der gemeinsame Herr ist: die gemeinsame Liebe, 
die vermöge der Eifersucht ihre Subjekte zu Feinden macht, tut dies 
um so entschiedener, wenn der gemeinsam Geliebte zugleich der ge- 
meinsame Herr ist. Ein Kenner türkischer Verhältnisse berichtet, dafs 
die Kinder eines Harems, die verschiedene Mütter hätten, sich immer 
feindselig zu einander verhielten. Der Grund davon sei die Eifersucht, 
mit der die Mütter die Liebesäulserungen des Vaters zu den Kindern, 
die nicht ihre eigenen seien, überwachten. Die besondere Nuance der 
Eifersucht, sobald sie sich auf jene, beiden Parteien übergeordnete 
Macht bezieht, ist die: wer die Liebe der umstrittenen Persönlichkeit 
für sich zu gewinnen versteht, hat jetzt noch in einem besonderen 
Sinn und mit ganz besonderem Machterfolg über den Nebenbuhler 
triumphiert. Der sublime Reiz : über den Nebenbuhler Herr zu werden, 
indem man über dessen Herrn Herr wird, mufs durch die Gegen- 
seitigkeit, in der die Gemeinsamkeit des Herrn diesen Reiz erwachsen 
läfst, zu einer höchsten Potenzierung der Eifersucht führen. 

Indem ich von diesen .dissoziierenden Folgen der Unterordnung 
unter eine individuelle Macht zu ihren vereinheitlichenden zurückkehre, 
hebe ich nur noch hervor, wie viel leichter Zwistigkeiten zwischen 
Parteien ausgeglichen werden, wenn diese einer und derselben höheren 
Macht unterstehen, als wenn jede völlig selbständig ist. Wie viele 
von den Konflikten, an denen etwa die griechischen wie die italieni- 
schen Stadt-Staaten zugrunde gegangen sind, hätten diese verderblichen 
Folgen nicht entfaltet, wenn eine Zentralgewalt, irgend eine höhere 
Instanz sie gemeinsam dominiert hätte ! Wo eine solche fehlt, hat der 
Konflikt mehrerer Elemente die verhängnisvolle Tendenz, sich nur 
durch ein unmittelbares Messen der Machtquanten austragen zu lassen. 



— 147 — 

Ganz allgemein handelt es sich um den Begriff der »höheren Instanz c, 
■dessen Wirksamkeit sich in mannigfaltigen Gestaltungen durch fast 
alles menschliche Zusammensein erstreckt. Es ist ein formal sozio- 
logisches Charakteristikum ersten Ranges, ob es in einer Gesellschaft 
oder für sie eine »höhere Instanz« gibt oder nicht. Diese braucht 
nicht ein Herrscher im gewöhnlichen oder äulserlichen Sinne des 
Wortes zu sein. Über Bindungen und Kontroversen z. B., die sich 
auf Interessen, Instinkten, Gefühlen gründen, ist das Reich des In- 
tellektuellen, seine einzelnen Inhalte oder jeweiligen Vertreter, 
immer eine höhere Instanz. Diese mag einseitig und unzulänglich ent- 
scheiden, ihre Entscheidung mag Gehorsam finden oder nicht — wie 
die Logik die höhere Instanz über den sich widersprechenden Inhalten 
des Vorstellens bleibt, auch wenn wir unlogisch denken, so bleibt in 
einer mehrgliedrigen Gruppe der Intelligenteste die höhere Instanz, 
so sehr es in einzelnen Fällen grade nur dem starken Willen oder 
dem warmen Gefühl einer Persönlichkeit gelingen mag, den Streit der 
Genossen zu befrieden; das ganz Spezifische der »höheren Instanz«, 
an die man zur Schlichtung appelliert, oder deren Eingreifen man 
sich mit dem Gefühl ihrer Berechtigung fügt, liegt typischer Weise 
doch nur auf der Seite der Intellektualität. Ein andrer Modus der 
Vereinheitlichung auseinanderstrebender Parteien, den das Vorhanden- 
sein einer beherrschenden Instanz besonders begünstigt, ist dieser. 
Wo es nicht möglich erscheint, Elemente, die entweder im Streite 
isind oder gleichgültig fremd nebeneinanderliegen, auf Grund ihrer 
gegebenen Qualitäten zu vereinheitlichen, da gelingt dies manchmal 
so, dafs beide auf einen neuen Zustand umgebildet werden, der nun 
•die Vereinigung ermöglicht ; oder auch : es werden ihnen neue Quali- 
1:äten angebildet, auf Grund deren diese geschehen kann. Die Be- 
seitigung von Verstimmungen, die Erregung gegenseitigen Interesses, 
die Herstellung weithin greifender Gemeinsamkeiten gelingt oft, — 
von spielenden Kindern bis zu religiösen und politischen Parteien — 
indem man den bisherigen, divergenten oder indifferenten Absichten 
und Bestimmtheiten der Elemente irgend eine neue hinzufügt, die 
sich zum Treffpunkt eignet und damit auch das bisher Auseinander- 
strebende als vereinbar zeigt. Auch gestatten oft Beschaffenheiten, 
die sich direkt nicht vereinigen können, dadurch eine indirekte Ver- 
söhnung, dafs man sie über ihre bisherige Entwicklung hinausführt 
-oder sie durch Zusatz eines neuen Elementes auf neue und sich jetzt 

10* 



— 148 — 

berührende Grundlagen stellt. So wurde z. B. die Homogeneität der 
gallischen Provinzen dadurch aufs erheblichste gefördert, dals sie alle 
von Rom aus latinisiert wurden. Es liegt auf der Hand, wie sehr 
gerade dieser Modus der Vereinheitlichung der »höheren Instanz« be- 
darf, wie relativ leicht eine über den Parteien stehende und sie irgend- 
wie beherrschende Macht jeder von beiden die Interessen und Be- 
stimmungen wird zuführen können, die beide auf einen gemeinsamen 
Boden stellen und die sie, sich allein überlassen, vielleicht niemals 
gefunden oder an deren Ausbildung Eigensinn, Stolz, Befangenheit 
im Gegensatz, sie gehindert hätten. Wenn man der christlichen Reli- 
gion nachrühmt, dafs sie die Seelen zur »Friedfertigkeit« stimme, so' 
ist der soziologische Grund davon sicher das Gefühl der gemeinsamen^ 
Unterordnung aller Wesen imter das göttliche Prinzip. Der christliche 
Gläubige ist davon durchdrungen, dafs über ihm und jedem beliebigen 
Gegner — mag dieser selbst gläubig sein oder nicht — jene höchste 
Instanz steht, imd dies rückt ihm die Versuchung zur gewaltsamen 
Messung der Kräfte fern. Der christliche Gott kann ein Band so 
weiter Kreise sein, die von vornherein in seinem »Frieden« befafst 
sind, gerade weil er so unermefslich hoch über jedem Einzelnen steht 
und der Einzelne an ihm in jedem Augenblick mit jedem andren zu- 
sammen seine »höhere Instanz« hat. 

Die Vereinheitlichung mittels gemeinsamer Unterordnung kann 
sich in zwei verschiednen Formen darstellen : als Nivellement und als 
Abstufung. Indem eine Anzahl von Menschen gleichmäfsig einem 
einzelnen untergeordnet sind, sind sie insofern gleich. Die Korrelation 
zwischen Despotismus und Egalisierung ist längst erkannt worden. 
Sie verläuft nicht nur so, dafs der Despot von sich aus die Unter- 
worfenen zu nivellieren sucht, — worüber gleich zu sprechen ist — 
sondern auch in umgekehrter Richtung : eine entschiedene Nivellierung 
führt ihrerseits leicht zu despotischen Formen. Immerhin gilt dies 
nicht für jede beliebige Art von »Nivellierung«. Indem Alkibiades 
die sizilischen Städte als von buntscheckigen Volksmassen erfüllt be- 
zeichnet, will er sie damit als leichte Beute für den Eroberer kenn- 
zeichnen. Tatsächlich leistet grade eine gleichartige Bürgerschaft der 
Tyrannis einen erfolgreicheren Widerstand, als eine aus sehr diver- 
genten und deshalb zusammenhangslosen Elementen bestehende. Das 
Nivellement, das der Despotie am willkommensten ist, betrifft deshalb 
nur die Rangunterschiede, nicht die Wesensunterschiede. Eine den 



— 149 — 

Charakteren und den Tendenzen nach homogene, aber in verschiedene 
Rangstufen gegliederte Gesellschaft wird jener einen starken Wider- 
stand entgegensetzen, einen geringen aber wird sie finden, wo mannig- 
faltige Wesensarten in einer nicht organisch gegliederten Parität neben- 
einander existieren. Das prinzipielle Motiv des Alleinherrschers nun, 
die Unterschiede der Stände auszugleichen, ist dies, dafs sehr starke 
Über- und Unterordnungsverhältnisse zwischen den Untertanen mit 
seiner eignen Überordnung in Konkurrenz treten — sowohl real wie 
psychologisch. Und hiervon noch abgesehen, ist der Despotie die zu 
starke Unterdrückung gewisser Stände durch andre ebenso gefährlich, 
wie die zu grofse Machtfülle eben dieser. Denn eine Erhebung jener gegen 
diese Zwischengewalten wird sich leicht, wie durch ein der Trägheitskraft 
folgendes Weiterrollen der Bewegung, auch gegen die höchste Macht 
richten, wenn sie sich nicht etwa selbst an die Spitze der Bewegung 
setzt oder sie wenigstens unterstützt. Orientalische Einherrscher haben 
deshalb die Bildung von Aristokratien hintangehalten ; so der türkische 
Sultan, der auf diese Weise seine radikale, ganz vermittlungslose Er- 
habenheit über seinen gesamten Untertanen bewahrte. Indem jede 
irgendwie bestehende Macht im Staate von ihm hergeleitet war und 
beim Tode des Inhabers zu ihm zurückkehrte, kam es zu keiner erb- 
lichen Aristokratie. Damit wurden die absolute Höhe des Souveräns 
und das Nivellement der Untertanen als Korrelaterscheinungen reali- 
siert. Diese Tendenz spiegelt sich in der Erscheinung, dafs Despoten 
Diener von nur durchschnittlicher Begabung lieben, wie man es von 
Napoleon I. hervorgehoben hat. Ein deutscher Fürst soll, als einem 
hervorragenden Beamten der Antrag auf Übergang in einen andern 
Staatsdienst gemacht wurde, den Minister gefragt haben: »Ist uns der 
Mann unentbehrlich?« »Vollkommen, Hoheit.« »Dann wollen wir ihn 
gehen lassen. Unentbehrliche Diener kann ich nicht brauchen.« In- 
dem der Despotismus dabei aber doch keineswegs besonders minder- 
wertige Diener sucht, stellt sich seine innere Korrelation zum Nivelle- 
ment heraus; so sagt Tacitus über diese Tendenz des Tiberius, 
mittelmäfsige Beamte anzustellen : ex optimis periculum sibi, a pessimis 
dedecus publicum metuebat. Es ist bezeichnend, dafs, wo die Ein- 
herrschaft nicht den Charakter des Despotismus trägt, diese Tendenz 
sogleich nachläfst, ja, der entgegengesetzten Platz macht, wie Bismarck 
von Wilhelm I. sagt, dafs er es nicht nur vertrug, sondern sich da- 
durch noch gehoben fühlte, dafs er einen angesehenen und mächtigen 



— 150 — 

Diener hatte. — Wo der Herrscher nun nicht, wie in dem Fall des 
Sultans, das Aufwachsen von Zwischenmächten von vornherein ver- 
hindert, sucht er oft ein relatives Nivellement herbeizuführen, indem 
er die Bestrebung der unteren Schichten, zur Rechtsgleichheit mit 
jenen Zwischenmächten zu gelangen, begünstigt. Die mittelalterliche 
und die neuere Geschichte ist voll von Beispielen dafür. In England 
hat die Königsmacht seit der normannischen Zeit jene Korrelation 
zwischen ihrer eigenen Allgewalt und der Rechtsgleichheit der Unter- 
tanen mit energischem Bewulstsein durchgeführt: Wilhelm der Er- 
oberer zerreifst das Band, das bisher, wie auf dem Kontinent, zwischen 
der unmittelbar belehnten Aristokratie und den Untervasallen bestand, 
indem er jeden Untervasall zwingt, ihm unmittelbar den Lehenseid zu 
leisten. Dadurch wurde einerseits das Anwachsen der grofsen Kron- 
lehen zu Souveränitäten verhindert, andrerseits der Grund zu einer ein- 
heitlichen Rechtsbildung für alle Klassen gelegt. Das englische Königtum 
des 11. und 12. Jahrhunderts gründet seine aufserordentliche Macht auf 
die Gleichmäfsigkeit, mit der der freie Besitz einer ausnahmslosen 
Heeres-, Gerichts-, Polizei- und Steuerpflicht unterworfen wird. Die 
gleiche Form tritt am römischen Kaisertum hervor. Die Republik 
war bestandsunfähig geworden, weil das rechtliche oder faktische 
Übergewicht der Stadt Rom über Italien und die Provinzen nicht mehr 
aufrechtzuerhalten war. Das Kaisertum erst hat wieder ein Gleich- 
gewicht hergestellt, indem es die Römer so rechtlos machte, wie die 
von ihnen unterworfenen Völker es waren ; dadurch wurde eine un- 
parteiische Gesetzgebung für alle Bürger, ein rechtliches Nivellement 
ermöglicht, dessen Korrelat die unbedingte Höhe und Einheit des 
Herrschers war. Es bedarf kaum der Erwähnimg, dafs »Nivellement« 
hier durchgehends als eine ganz relative , in ihren Verwirklichungen 
durchaus begrenzte Tendenz zu verstehen ist. Eine prinzipielle 
Wissenschaft von den Formen der Gesellschaft mufs Begriffe und Be- 
griffszusammenhänge in einer Reinheit und abstrakten Geschlossenheit 
hinstellen, wie sie in den historischen Verwirklichungen dieser Inhalte 
niemals auftreten. Das soziologische Verständnis aber, das den Grund- 
begriff der Vergesellschaftung in seinen einzelnen Bedeutungen und 
Gestalten ergreifen, die Erscheinungskomplexe in ihre Einzelfaktoren 
bis zur Annäherung an induktive Regelmäfsigkeiten analysieren will — 
kann dies nur durch die Hilfskonstruktion von sozusagen absoluten 
Linien und Figuren, die sich in dem realen gesellschaftlichen Ge- 



— 151 — 

schehen immer nur als Ansätze, Bruchstücke, fortwährend unter- 
brochene und modifizierte Teilverwirklichungen vorfinden. In jeder 
einzelnen gesellschaftsgeschichtlichen Konfiguration wirken eine wahr- 
scheinlich nie ganz übersehbare Anzahl von Wechselwirksamkeiten der 
Elemente, und wir können ihre gegebene Form so wenig in ihre 
sämthchen Teilfaktoren auflösen und aus ihnen wieder zusammensetzen, 
wie wir die Gestalt irgend eines Stückes Materie aus den idealen 
Figuren unserer Geometrie absolut deckend herstellen können, ob- 
gleich beides prinzipiell durch Differenzierung und Kombination 
der wissenschaftlichen Gebilde möglich sein mufs. Die geschichtliche 
Erscheinung mufs für die soziologische Erkenntnis so umgebildet 
werden, dafs ihre Einheit in eine Anzahl in reiner Einseitigkeit be- 
stimmter, sozusagen gradlinig verlaufender Begriffe und Synthesen 
zerlegt wird, unter denen in der Regel eine ihr Hauptcharakteristikum 
ausmachen wird, und die durch gegenseitige Biegung und Ein- 
schränkung das Bild jener Gestalt auf die neue Abstraktionsebene mit 
allmählig wachsender Genauigkeit projizieren. Die Herrschaft des 
Sultans über rechtlose Untertanen; die des englischen Königs über 
ein Volk, das schon 150 Jahre nach Wilhelm dem Eroberer sich mutig 
gegen König Johann erhebt ; die des römischen Kaisers, der eigentlich 
nur der Vorsteher der mehr oder weniger autonomen, das Reich 
bildenden Gemeinden war — alle diese Einherrschaften sind aufs 
höchste verschieden und ebenso das »Nivellement« der Untertanen, 
das ihnen entspricht. Und dennoch ist das Motiv dieser Korrelation 
in ihnen gemeinsam lebendig, die grenzenlose Verschiedenheit der im- 
mittelbaren, materialen Erscheinungen gibt dennoch der gleichsam 
ideellen Linie Raum, mit der jene Korrelation, in ihrer Reinheit und 
Gleichmäfsigkeit freilich ein wissenschaftlich-abstraktes Gebilde, in sie 
eingezeichnet ist. — 

In Erscheinungen von direkt entgegengesetzter Oberfläche ver- 
kleidet sich die gleiche Tendenz der Dominiemng vermittels des 
Nivellements. Es ist ein typisches Verhalten, wenn Philipp der Gute 
von Burgund die Freiheit der holländischen Städte zu unterdrücken 
strebt, dabei aber viele einzelne Korporationen mit sehr umfassenden 
Privilegien ausstattet. Denn indem diese Rechtsunterschiede aus- 
schlief slich durch die Freiheit des Beliebens seitens des Herrschers 
entstehen, markieren sie um so deutlicher die Gleichmäfsigkeit des 
Unterworfenseins, mit dem ihm die Untertanen a priori gegenüber- 



— 152 — 

stehen. In dem genannten Beispiel wird dies dadurch vorzüglich 
charakterisiert, dafs die Privilegien zwar dem Inhalt nach sehr aus- 
gedehnt, aber der Dauer nach kurz bemessen waren : der Rechtsvorzug 
löste sich dadurch nie von der Quelle, aus der er flofs. Das Privileg, 
scheinbar das Gegenteil des Nivellements, offenbart sich so als die- 
jenige Steigerungsform des letzteren, die es als Korrelat der unbedingten 
Beherrschtheit annimmt. 

Der Einherrschaft ist unzählige Male der Widersinn vorgeworfen 
worden, der in der rein quantitativen Disproportionalität zwischen der 
Einzahl des Herrschers und der Vielzahl der Beherrschten läge , das 
Unwürdige und Ungerechte in dem Verhältnis dessen, was die eine 
Partei, und dessen, was die andre in die Beziehung einsetzt. Tatsäch- 
lich liegt in der Lösung dieses Widerspruchs eine sehr eigenartige 
und folgenreiche soziologische Grundkonstellation vor. Die Struktur 
einer Gesellschaft nämlich, in der nur einer herrscht und die grofse 
Masse sich beherrschen läfst, hat nur darin ihren normativen Sinn, 
dafs die Masse, d. h. das beherrschte Element, nur einenTeil jeder 
dazu gehörigen Persönlichkeit einschliefst, während der 
Herrscher seine ganze Persönlichkeit in das Verhältnis hineingibt. 
Der Herrscher und der einzelne Beherrschte treten garnicht mit dem 
gleichen Quantum ihrer Persönlichkeiten in das Verhältnis ein. Die 
> Masse« wird dadurch gebildet, dafs viele Individuen Bruchteile ihrer 
Persönlichkeiten vereinigen, einseitige Triebe, Interessen, Kräfte, — 
während das, was jede Persönlichkeit als solche ist, jenseits dieser 
Nivellementsebene steht und in die »Masse«, d. h. in dasjenige, was 
eigentlich von jenem Einen beherrscht ist, nicht hineinragt. Es be- 
darf nicht der Hervorhebung, dafs diese neue Proportion, die das 
volle Persönlichkeitsquantum des Herrschers von dem vervielfältigten 
Teilquantum der beherrschten Persönlichkeiten aufwiegen läfst, ihre 
quantitative Form nur als symbolischen Notausdruck trägt. Die Per- 
sönlichkeit als solche entzieht sich jeder arithmetisch fafsbaren Gestalt 
so vollständig, dafs, wenn wir von der »ganzen« Persönlichkeit, von 
ihrer »Einheit«, von einem »Teil« ihrer sprechen, wir damit etwas 
qualitativ innerliches meinen, was nur als seelische Anschauung erlebt 
werden kann ; wir haben gar keinen direkten Ausdruck dafür, so dafs 
jener aus einer ganz andern Ordnimg der Dinge genommene ebenso 
unzutreffend wie freilich unentbehrlich ist. Das ganze Herrschafts- 
verhältnis zwischen Einem und Vielen, und ersichtlich nicht nur das 



— 153 — 

politische, ruht auf jener Zerlegung der Persönlichkeit. Und diese An- 
wendung ihrer innerhalb der Überordnung und Unterordnung ist nur 
ein spezieller Fall ihrer Bedeutung für alle Wechselwirkung überhaupt. 
Selbst von einer so engen Vereinigung wie die Ehe wird man sagen 
müssen, dafs man nie ganz verheiratet ist, sondern selbst im besten 
Falle nur mit einem Teile der Persönlichkeit, wie grols er auch 
sei — wie man nie ganz Stadtbürger, ganz Wirtschaftsgenosse, ganz 
Kirchenmitglied ist. Die Scheidung innerhalb des Menschen, die die 
Beherrschung der Vielen durch Einen prinzipiell trägt , ist schon von 
Grotius erkannt worden, wo er dem Einwand, Herrschergewalt könne 
nicht durch Kauf erworben werden, da sie freie Menschen beträfe, mit 
der Unterscheidung privater und öffentlicher subjectio begegnet. Die 
subjectio publica hebe nicht, wie die subjectio privata, das sui juris esse 
auf. Wenn ein populus veräufsert werde, so seien Gegenstand der Ver- 
äufserung nicht die einzelnen Menschen, sondern nur das jus eos regendi, 
qua populus sunt. Es gehört zu den höchsten Aufgaben der poli- 
tischen Kunst, einschliefslich der Kirchenpolitik, der Familienpolitik, 
jeder Herrschaftspolitik überhaupt, diejenigen Seiten der Menschen 
herauszuerkennen und sozusagen herauszupräparieren, mit denen sie 
die mehr oder weniger nivellierte »Masse« bilden, der gegenüber der 
Herrscher in gleichmäfsiger Höhe stehen kann, von denjenigen unter- 
schieden, die ihrer individuellen Freiheit überlassen werden müssen, 
die aber jeweils erst mit jenen zusammen die ganze Persönlichkeit 
des Untergeordneten ausmachen. Die Gruppierungen unterscheiden 
sich charakteristisch nach der Proportion zwischen den Gesamt- 
persönlichkeiten und demjenigen Quantum derselben, mit dem sie zur 
»Masse« zusammengehen. Von der Verschiedenheit dieses Quantums 
hängt das Mafs ihrer Regierbarkeit ab, und zwar so, dafs eine Gruppe 
um so eher und radikaler von einem Einzelnen beherrscht werden 
kann, ein je geringeres Teil der Gesamtpersönlichkeit das einzelne 
Individuum in die Masse hineingibt, die das Objekt der subjectio ist. 
Wo die soziale Einheit so viel von den Persönlichkeiten in sich ein- 
bezieht, diese als ganze ihr so eng verflochten sind, wie in den 
griechischen Stadtstaaten oder bei den mittelalterlichen Stadtbürgern, 
wird die Einherrschaft zu etwas Widerspruchsvollem und Undurch- 
führbarem. Dieses an sich einfache prinzipielle Verhältnis kompliziert 
sich durch die Einwirkung zweier Faktoren: durch die Gröfse oder 
Kleinheit des untertänigen Kreises und durch das Mafs, in dem die 



— 154 — 

Persönlichkeiten in sich differenziert sind. Je gröfser ein Kreis ist, 
desto kleiner wird ceteris paribus der Bezirk der Gedanken und Inter- 
essen, der Gefühle und Eigenschaften sein, in dem die Individuen sich 
decken und »Masse« bilden. Insofern sich die Herrschaft also auf 
das erstreckt, was ihnen gemeinsam ist, wird sie von den einzelnen 
in dem Mafse der Gröfse des Kreises leichter ertragen werden, und 
nach dieser Richtung hin wird sich jener Grundsinn der Einherrschaft 
sehr klar veranschaulichen: über je mehre der Eine herrscht, desto 
weniger von jedem Einzelnen beherrscht er. Nun ist es aber, zweitens, 
von entscheidender Wichtigkeit, ob die Individuen in ihrer seelischen 
Struktur hinreichend differenziert sind, um die innerhalb und die aufser- 
halb des Beherrschtheitsrayons liegenden Elemente ihres Seins prak- 
tisch und für die Empfindung auseinanderzuhalten. Nur wenn dies 
mit der vorhin angedeuteten Kunst des Herrschenden zusammentrifft, 
von sich aus die der Beherrschung zugängigen und die ihr sich ent- 
ziehenden Elemente innerhalb der untergeordneten Individuen zu 
differenzieren, wird der Widerspruch zwischen Herrschaft und Freiheit, 
die unverhältnismäfsige Präponderanz des Einen über Viele sich an- 
nähernd lösen. In solchem Falle kann auch in durchaus despotisch 
regierten Gruppen die Individualität sich frei entwickeln. So begann 
die Ausbildung der modernen Individualität in den Despotien der 
italienischen Renaissance. Hier wie in anderen Fällen, z. B. unter 
Napoleon L, hat der Herrscher grade ein Interesse daran, allen Seiten 
der Persönlichkeit, mit denen sie nicht zu der »Masse« gehört — 
also denen, die dem politischen Herrschaftsrayon fernliegen — , die 
gröfste Freiheit zu gewähren. Und es ist daraus begreiflich, dafs in 
sehr kleinen Kreisen, wo die Enge des Verschmolzenseins und die 
weitgehenden inneren und äufseren Solidaritäten jene Zerlegungen 
immer wieder durchkreuzen und sozusagen falsch verwachsen lassen, 
Herrschaftsverhältnisse sehr leicht zu unerträglicher Tyrannei werden. 
Diese Struktur des kleinen Kreises vereinigt sich mit häufiger 
Ungeschicklichkeit der präponderanten Personen, um das Verhältnis 
zwischen Eltern und Kindern vielfach höchst unbefriedigend zu ge- 
stalten. Es ist oft der entscheidende Milsgriff von Eltern, dafs sie 
ihren Kindern ein für alle gültiges Lebensschema auch in den Dingen 
autoritativ auferlegen, in denen die Kinder unvereinbar individuell 
sind. Ebenso, wenn der Priester über das Gebiet hinaus, auf dem er 
die Gemeinde vereinen kann, das Privatleben der Gläubigen beherrschen 



— 155 — 

will, auf dem sie, von der religiösen Gemeinschaft aus gesehen, jeden- 
falls individuell differenziert sind. In all solchen Fällen fehlt es an 
der richtigen Aussonderung der Wesensteile, die sich zur » Masse <- 
Bildung eignen, und deren Beherrschtheit deshalb leicht ertragen, als 
angemessen empfunden wird. 

Das Nivellement der Masse als solcher, das sich durch die Aus- 
sonderung und den Zusammenschlufs der beherrschbaren Elemente 
ihrer Individuen herstellt, ist für die Soziologie der Herrschaft von 
gröfster Bedeutung. Es erklärt sich daraus, im Anschlufs an vorhin 
Gesagtes, dafs es oft leichter ist, über eine gröfsere als über eine 
kleinere Gruppe zu herrschen, besonders wenn es sich um entschieden 
differenzierte Individuen handelt, von denen jedes weiter hinzukommende 
den Bezirk des allen Gemeinsamen weiter einschränkt: wo solche 
Persönlichkeiten in Frage stehen, liegt die Nivellierungsebene der Vielen, 
ceteris paribus, niedriger als die der Wenigen und damit steigt die 
Beherrschbarkeit jener. Dies ist die soziologische Grundlage der Be- 
merkung von Hamilton im Federalist : es wäre der grofse populäre Irrtum, 
durch Vermehrung der Parlamentsmitglieder die Sicherheiten against 
the govemment of a few steigern zu wollen. Über eine bestimmte 
Zahl hinaus mag die Volksvertretung zwar demokratischer aussehen, 
wird aber in Wirklichkeit oligarchischer sein: the machine may be 
enlarged, but the fewer will be the Springs by which its motions are 
directed. Und in demselben Sinne bemerkte hundert Jahre später 
einer der vorzüglichsten Kenner des anglo-amerikanischen Parteilebens, 
dafs ein Parteiführer, je höher er an Macht und Einfluls steige, um 
so mehr wahrnehmen müsse, by how few persons the world is 
governed. Hierin liegt auch der tiefere soziologische Sinn der engen 
Beziehung, die zwischen dem Recht eines politischen Ganzen und 
seinem Herrscher besteht. Denn das für Alle geltende Recht ist aus 
jenen Koinzidenzpunkten Aller erwachsen, die jenseits ihrer rein indi- 
viduellen Lebensinhalte oder -formen, oder, anders angesehen, jenseits 
der Totalität der Einzelperson liegen. Diesen überindividuellen Inte- 
ressen, Qualitäten, Elementen des Habens und Seins gibt das Recht 
eine objektiv zusammenschliefsende Form, wie sie ihre subjektive Form 
oder ihr Korrelat in dem Herrscher dieses Ganzen finden. Ist diese 
besondere Analyse und Synthese an den Individuen aber die Grund- 
lage der Einherrschaft überhaupt, so wird auch aus ihr verständlich, 
dafs manchmal ein erstaunlich geringes Mals überragender Qualitäten 



— 156 — 

ausreicht, um die Herrschaft über eine Gesamtheit zu gewinnen, dafs 
diese sich mit einer Leichtigkeit unterwirft, die aus der quahtativen 
Entgegenhaltung zwischen dem Herrschenden und seinen Untertanen, 
als Gesamtpersonen angesehen, logisch nicht zu rechtfertigen wäre. 
Wo aber die für die Massenbeherrschung erforderte Differenzierung 
der Individuen fehlt, gehen die Anforderungen an die Qualität des 
Herrschers auch über das jener entsprechende bescheidene Mafs hinaus. 
Aristoteles sagt, zu seiner Zeit könnten keine berechtigten Einherr- 
schaften mehr entstehen, denn es gäbe jetzt eben so viele gleich vor- 
zügliche Persönlichkeiten in jedem Staat, dafs keine einzelne mehr 
einen derartigen Vorzug vor andern beanspruchen könne. Der griechische 
Bürger war offenbar mit seinen Interessen und Gefühlen derartig dem 
politischen Ganzen verbunden, hatte seine ganze Persönlichkeit in so 
weitem Umfang in das Allgemeine hineingegeben, dafs es zu keiner 
Herausdifferenzierung seiner sozusagen nur politischen Elemente 
kommen konnte, denen gegenüber er noch einen wesentlichen Teil seiner 
Persönlichkeit als Privatbesitz hätte reservieren können. Bei dieser 
Konstellation setzt die Einherrschaft zu ihrem inneren Rechte freilich 
voraus, dafs der Herrscher jedem Untertanen dessen Gesamtpersönlich- 
keit nach überlegen sei — ein Erfordernis, das gamicht in Frage 
kommt, wo das Objekt der Herrschaft nur die Summe jener heraus- 
differenzierten , zur »Masse« zusammenfafsbaren Teile der Indivi- 
duen ist. 

Neben diesem Typus der Einherrschaft, dessen Korrelat das 
prinzipielle Nivellement der ihr Untergeordneten bildet, steht der 
zweite, mit dem die Gruppe die Form einer Pyramide annimmt. Die 
Untergeordneten stehen dem Herrscher in allmählichen Abstufungen 
der Macht gegenüber; Schichten, die an Umfang immer geringer, an 
Bedeutung immer gröfser werden, führen von der untersten Masse 
zur Spitze hinauf. Diese Form der Gruppe kann auf zweierlei Arten 
entstehen. Sie kann von der autokratischen Machtfülle eines Einzelnen 
ausgehen. Dieser verliert den Inhalt seiner Macht — bei Fortbestehen 
von Form und Titel — und läfst ihn abwärts gleiten, wobei dann 
natürlich an den ihm zunächst gelegenen Schichten mehr haften bleibt, 
als an den entfernteren. Indem so die Macht allmählich durchsickert, 
mufs sich, insoweit keine andren Ereignisse und Bedingungen in 
diesen Prozefs deformierend eingreifen, eine Kontinuität und Graduierung 
von Über- und Untergeordneten ergeben. Das ist wohl die Art, wie 



— 157 — 

sich in orientalischen Staaten häufig die sozialen Formen herstellen: 
die Macht der obersten Stufen bröckelt ab, sei es, weil sie innerlich 
unhaltbar ist und die vorhin betonte Proportion zwischen Unterwerfung 
und individueller Freiheit von ihr nicht eingehalten wird, sei es, weil 
die Persönlichkeiten zu indolent und in der Technik des Herrschens 
zu unwissend sind, um ihre Macht zu bewahren. Einen ganz andren 
Charakter trägt die Pyramidenform der Gesellschaft, wenn sie von 
der Absicht des Herrschers ausgeht, so dafs sie nicht eine 
Schwächung seiner Macht, sondern deren Erweiterung und Konsoli- 
dierung bedeutet. Es ist hier also nicht das Machtquantum der Herr- 
schaft, das sich auf die tieferen Schichten verteilt, sondern diese werden 
nur unter sich nach Graden der Macht und Stellung organisiert. 
Dabei bleibt sozusagen das Unterordnungsquantum das gleiche wie 
in der Form des Nivellements und nimmt nur die Form der Ungleich- 
heit unter den Individuen, die es zu tragen haben, an; wobei dann 
natürlich der Erscheinung nach eine Annäherung der Elemente an 
den Herrscher in dem Mals ihrer relativen Ranghöhe entsteht. Daraus 
kann eine grofse Festigkeit des Gesamtbaues hervorgehen, seine Trag- 
kräfte strömen seiner Spitze sicherer und gesammelter zu, als wenn 
sie ihr gegenüber nivelliert sind. Dafs die superiore Bedeutung des 
Fürsten, bezw. des in jeglichem Kreise höchststehenden Menschen 
über ihn selbst hinausstrahlt und sich in dem Verhältnis, in dem 
andre ihm nahestehen, über diese ergiefst, ist kein Abzug, sondern 
eine Steigerung seiner eigenen Bedeutung. Während der früheren 
englischen Normannenzeit gab es durchaus keinen ständigen und obli- 
gatorischen Rat für den König; aber gerade die Würde und Be- 
deutung seines Regimentes brachte es mit sich, dafs er sich in 
wichtigeren Fällen von einem consilium baronum beraten liefs. Diese 
Würde, scheinbar gerade durch ihre Konzentrierung in seiner Persönlich- 
keit auf den höchsten Grad gebracht, bedarf doch einer Ausstrahlung 
und Verbreiterung; als fände sie, obgleich es doch nur die seine ist^ 
in einer einzigen Person nicht Platz; er zieht eine Mehrheit zur Mit- 
wirkung heran, die, indem sie seine Macht und Bedeutung mitträgt 
und also tatsächlich irgendwie teilt, sie konzentrierter und wirkungs- 
voller auf ihn zurückstrahlen läfst. Und schon vorher: dafs der Ge- 
folgsmann des angelsächsischen Königs ein besonders hohes Wergeid 
hat und als Eideshelfer eine besonders hohe Geltung ; dafs sein Stall- 
knecht und der Mann, in dessen Hause er einen Trunk zu sich nimmt^ 



— 158 — 

durch besonderen Rechtsschutz über die Masse erhoben werden — 
das gehört nicht nur einfach zu der Prärogative des Königs, sondern 
dieses abgestufte Niedersteigen seiner Prärogative ist zugleich, als 
Aufbau von unten her, eine Stütze eben dieser; indem er von seiner 
Superiorität mitteilt, wird sie nicht weniger, sondern mehr. Auch hat 
der Herrscher bei so feiner Gradation Auszeichnungen und Belohnungen 
in der Form der Rangerhöhimg in seiner Hand, die ihn nichts kosten, 
aber die so näher an ihn Herangezogenen fester an ihn binden. Die 
grofse Zahl sozialer Stufen, die das römische Kaisertum geschaffen 
hat — von den Sklaven und den humiliores über die gewöhnlichen 
Freien eine fast kontinuierliche Skala bis zum Senator — scheint 
direkt von einer solchen Tendenz bestimmt worden zu sein. In dieser 
Hinsicht ist die Aristokratie dem Königtum formal gleich; auch sie 
macht von der vielstufigen Anordnung der Untertanen Gebrauch — 
wie z. B. in Genf noch um die Mitte des 18. Jahrhunderts mannig- 
fache Graduierungen der Rechte der Bürger bestanden, je nach denen 
sie citoyens, bourgeois, habitants, natifs, sujets hiefsen. Indem möglichst 
viele noch irgend welche unter sich haben, werden jene alle für die 
Aufrechterhaltung der bestehenden Ordnung interessiert. Vielfach 
handelt es sich in solchen Fällen weniger um eine Abstufung realer 
Macht, als um eine durch Titel und Positionen mit wesentlich idealem 
Übergewicht, — wie sehr aber auch dies sich zu sehr fühlbaren Folgen 
ausgestaltet, zeigen vielleicht am krassesten die feinen Abstufungen 
der nach Dutzenden zählenden Klassen im indischen Kastenwesen. 
Wenn auch eine solche, aus Ehren und sozialen Vorzügen aufgebaute 
Pyramide ihre Spitze wieder in dem Herrscher findet, so fällt sie mit 
dem vielleicht daneben bestehenden formgleichen Aufbau abgestufter 
Macht Positionen keineswegs immer zusammen. — Die Struktur einer 
Pyramide der Macht wird stets an der prinzipiellen Schwierigkeit 
leiden, dafs die irrationalen, fluktuierenden Beschaffenheiten der Personen 
sieb mit den wie mit logischer Schärfe vorgezeichneten Umrissen der 
einzelnen Positionen niemals durchgehends decken werden — eine 
formale Schwierigkeit aller von einem gegebenen Schema vorgebildeten 
Rangordnungen, die diese bei ihrer Aufgipfelung zu einem persön- 
lichen Herrscher nicht anders findet, wie wenn sozialistische Vor- 
schläge es irgend welchen Institutionen zutrauen, dafs sie denjenigen, 
der die führende, übergeordnete Stellung verdient, auch wirklich in 
diese bringen werden. Hier wie dort nämlich kommt zu jener grund- 



— 159 — 

sätzlichen Inkommensurabilität zwischen der Schematik der Stellungen 
und dem innerlich variabeln, niemals in begrifflich festgelegte Formen 
genau passenden Wesen des Menschen — zu dieser kommt noch die 
Schwierigkeit des Erkennens der für jede Position geeigneten 
Persönlichkeit-, und zwar insbesondere deshalb: ob jemand eine be- 
stimmte Machtstellung verdient oder nicht, zeigt sich eben unzählige 
Male erst dann, wenn er in dieser Stellung ist. Es ist dies mit dem 
Tiefsten und Wertvollsten des menschlichen Wesens verflochten, dafs 
jede Einsetzung eines Menschen in eine neue Macht oder Funktion, 
und wenn sie auf die gründlichste Prüfung und die sichersten Ante- 
zedentien hin geschieht, immer ein Risiko einschliefst, immer ein 
Versuch bleibt, der gelingen oder milslingen kann. Es ist überhaupt 
das Verhältnis des Menschen zu Welt und Leben, dafs wir uns im 
voraus entschliefsen müssen, d. h. durch unseren Entschlufs diejenigen 
Tatsachen herbeiführen, die eigentlich schon herbeigeführt und ge- 
kannt sein müfsten, um jenen Entschlufs vernünftiger- und sicherer- 
weise fassen zu können. Diese allgemeine, apriorische Schwierigkeit 
alles menschlichen Handelns tritt bei dem Aufbau sozialer Macht- 
skalen ersichtlich dann ganz besonders hervor, wenn diese nicht gleich- 
sam organisch aus den eigenen Kräften der Individuen und den 
natürlichen Verhältnissen der Gesellschaft erwachsen, sondern von 
einer herrschenden Persönlichkeit spontan konstruiert werden; dieser 
Fall wird freilich historisch kaum in absoluter Reinheit vorkommen — 
höchstens findet er in den angedeuteten sozialistischen Utopien seine 
Parallele — , aber er zeigt seine Besonderheiten und Komplikationen 
auch in den rudimentären und mit andern Erscheinungen gemischten 
Formen seiner wirklichen Beobachtbarkeit. — 

Der andre Weg, auf dem sich eine Stufenleiter der Macht bis 
zu einer höchsten Spitze herstellt, läuft umgekehrt. Von einer ur- 
sprünglichen relativen Gleichheit der Sozial demente aus gewinnen 
einzelne gröfsere Bedeutung, aus dem Komplex dieser differenzieren 
sich wieder einige besonders mächtige Individuen heraus, bis sich die 
Entwicklung zu einer oder wenigen Spitzen hebt. Die Pyramide der 
Über- und Unterordnung baut sich hier von unten her auf. Es bedarf 
keiner Beispiele für diesen Prozefs, da er sich allenthalben, wenn 
auch in den verschiedensten Rhythmen vollzieht, am reinsten vielleicht 
auf ökonomischem und politischem Gebiet, sehr bemerkbar aber auch 
auf dem der intellektuellen Bildimg, in Schulklassen, in der Evolution 



— 160 — 

der Lebenshaltung, in ästhetischer Beziehung, in dem primären Auf- 
wachsen militärischer Organisation. 

Das klassische Beispiel für das Zusammentreffen der beiden Wege, 
auf denen eine stufenförmige Über- und Unterordnung der Gruppen 
zustande kommt, ist der Feudalstaat des Mittelalters. So lange der 
Vollbürger — der griechische, römische, altgermanische — keine 
Unterordnung unter einen Einzelnen kannte, bestand für ihn einerseits 
volle Gleichheit mit seinesgleichen, andrerseits strenger Abschlufs 
gegen alle Tieferstehenden. Diese charakteristische Sozialform findet 
am Feudalismus — alle historischen Zwischenglieder vorausgesetzt — 
ihr ebenso charakteristisches Gegenstück, das die Kluft zwischen 
Freiheit imd Unfreiheit durch eine Stufenleiter der Stände ausfüllte; 
der »Dienst«, servitium, verband alle Glieder des Reiches unter sich 
vmd mit dem König. Dieser gab von seinem Besitz ab, wie seine 
grofsen Untertanen ihrerseits an ihnen untergeordnete Vasallen Land 
zu Lehen gaben, so dafs ein Stufenbau von Stellung, Besitz, Ver- 
pflichtung sich erhob. Aber zu ebendemselben Resultate gelangte der 
gesellschaftliche Prozefs von der entgegengesetzten Richtung her. Die 
mittleren Schichten entstanden nicht nur durch Abgabe von oben, 
sondern auch durch Akkumulation von unten her, indem ursprünglich 
freie, kleine Grundbesitzer ihr Land mächtigeren Herren hingaben, 
um es als Lehen von ihnen zurückzuempfangen, jene Grundherren aber 
durch den immer weiteren Erwerb von Macht, dem das geschwächte 
Königtum nicht wehren konnte, in ihren Spitzen bis zu königlicher 
Macht heranwuchsen. Eine solche Pyramidenform gibt jedem ihrer 
Elemente zwischen dem niedrigsten und dem höchsten eine Doppel- 
position: jeder ist übergeordnet und jeder ist untergeordnet, ist ab- 
hängig von oben und zugleich unabhängig, insoweit andere von ihm ab- 
hängig sind. Vielleicht hat diese soziologische Doppeldeutigkeit dem 
Feudalismus, dessen zweifache Genesis, durch Abgabe von oben und 
Akkumulation von unten, sie besonders stark akzentuierte, die Ent- 
gegengesetztheit seiner Folgen verschafft. Je nachdem Bewufstsein 
und Praxis das Unabhängigkeits- oder das Abhängigkeitsmoment an 
den Zwischeninstanzen hervorhob, konnte der Feudalismus in Deutsch- 
land auf die Aushöhlung der obersten Herrschergewalt gehn und in 
England der Krone die Form für ihre überall durchgreifende Macht 
darbieten. 

Die Abstufung gehört zu jenen Anordnungs- und Lebensformen 



— 161 — 

der Gruppe, die von einem Gesichtspunkt der Quantität ausgehen, 
deshalb mehr oder weniger mechanisch sind und der eigentlich orga- 
nischen Gruppierung, die auf individuellen Qualitätsdifferenzen beruht, 
geschichtlich vorangehen ; sie werden freilich durch diese nicht schlecht- 
hin abgelöst, sondern bestehen neben ihr und in Verflechtung mit 
ihr weiter. Dahin gehört vor allem die Einteilung der Gruppen in 
Untergruppen, deren soziale Rolle in ihrer Zahlgleichheit oder wenigstens 
Zahlbestimmtheit wurzelt, wie bei der Hundertschaft; dahin gehört 
die Bestimmung der gesellschaftlichen Position ausschliefslich nach 
dem Mals des Besitzes; dahin die Formung der Gruppe nach fest- 
gelegten Stufen, wie sie vor allem der Feudalismus, die Hierarchie, 
das Beamten- und Armeewesen zeigt. Schon jenes erstere Beispiel 
dieser Formung weist auf ihre eigentümliche Objektivität oder Prin- 
zipienmäfsigkeit hin. Gerade hiermit durchbrach der Feudalismus, 
wie er sich vom Anfang des germanischen Mittelalters an bildete, die 
alten Ordnungen von frei und unfrei, von vornehm und gering, die 
auf der Verschiedenheit des individuellen Verhältnisses zur Genossen- 
schaft ruhten. Darüber erhob sich jetzt, als das allgemein gültige 
Prinzip, der »Dienst«, die objektive Notwendigkeit, dafs jeder irgend- 
wie einem Höheren diente, die nur den Unterschied zuliefs : wem und 
unter welchen Bedingungen. Die so resultierende, im wesentlichen 
quantitative Abstufung der Stellungen war von der Bedeutung der 
früheren genossenschaftlichen Stellungen der Einzelnen vielfach ganz 
unabhängig. — Es ist natürlich nicht erforderlich, dafs diese Gliederung 
zu einem im absoluten Sinne höchsten Gliede aufsteigt, da ihre for- 
male Bedeutung sich innerhalb jeder Gruppe zeigt, gleichviel wie diese 
als ganze charakterisiert sei. So war schon die römische Sklaven- 
familie aufs feinste in diesem Sinne abgestuft, von dem Villicus und 
Prokurator, der ganze Produktionszweige der grofsen Sklavenwirt- 
schaften selbständig leitete, durch alle möglichen Klassifizierungen 
hindurch bis zu dem Vorarbeiter für je zehn Mann. Eine solche 
Organisationsform hat eine grofse sinnliche Anschaulichkeit und gibt 
jedem Gliede dadurch, dafs es zugleich über- und untergeordnet, also 
von zwei Richtungen her festgelegt ist, sozusagen eine sichere Be- 
stimmtheit seines soziologischen Lebensgefühles, die sich auf die ganze 
Gruppe als Enge und Festigkeit ihres Zusammenhaltes projizieren 
mufs. Deshalb verfolgen despotische oder reaktionäre Bestrebungen^ 
in ihrer Furcht vor allen Einungen unter den Untertanen, gerade 

Simmel, Soziologie. 11 



— 162 — 

solche manchmal mit besonderem Eifer, die sich hierarchisch 
organisiert haben. Mit merkwürdiger, eben nur der empfundenen 
Sozialisierungskraft der Über- und Unterordnung begreiflichen De- 
taillierung verbot das reaktionäre englische Ministerium 1831 alle 
Vereine »composed of separate bodies, with various divisions and 
subdivisions, under leaders with a gradation of rank and authority, 
and distinguished by certain badges, and subject to the general control 
and direction of a superior Council«. Übrigens ist diese Form durch- 
aus zu unterscheiden von der anderen einer gleichzeitigen Über- und 
Unterordnung: dafs ein Individuum in einer Reihe oder einseitigen 
Hinsicht über-, in einer anderen Reihe oder Hinsicht aber unter- 
geordnet ist. Diese Festlegung hat eher individuellen und qualitativen 
Charakter, sie pflegt eine Kombination aus der besonderen Anlage 
oder Schicksal des Individuums heraus zu sein, während gleichzeitige 
Über- und Unterordnung in einer und derselben Reihe viel mehr ob- 
jektiv präformiert und eben dadurch als soziologische Position unzwei- 
deutiger und fixierter ist. Und dafs sie, wie ich eben betonte, auch 
für die soziale Reihe selbst von grolsem Kohäsionswert ist, hängt 
damit zusammen, dafs sie das Aufsteigen in dieser letzteren zu einem 
eo ipso gegebenen Strebensziel macht. Innerhalb der Freimaurerei 
z. B. hat man dieses Motiv, als rein formales, für die Beibehaltung 
der »Grade« geltend gemacht. Schon dem »Lehrling« wird alles 
Wesentliche des sachlichen — hier : rituellen — Wissens des Gesellen- 
und Meistergrades mitgeteilt; allein diese Stufen, so wird gesagt, 
verliehen der Bruderschaft eine gewisse Spannkraft, regten durch den 
Reiz der Neuheit an und begünstigten das Streben des Neuein- 
getretenen. 

Diese soziologischen Strukturen, wie sie durch die Überordnung 
einer Einzelperson in den inhaltlich verschiedensten Gruppen formal 
gleichmäfsig bestimmt werden, können ersichtlich, wie ich schon an- 
deutete, auch bei Unterordnung unter eine Mehrzahl auftreten; allein 
die Mehrheit der Übergeordneten — wo diese einander koordiniert 
sind — , ist für sie nicht charakteristisch, und es ist deshalb in sozio- 
logischer Hinsicht irrelevant, ob die übergeordnete Stellung des Einen 
zufällig durch eine Mehrzahl von Personen ausgefüllt wird. Freilich 
mufs bemerkt werden, dafs die Einherrschaft der Typus und die pri- 
märe Form des Unterordnungsverhältnisses überhaupt ist. Mit ihrer 
fundamentalen Stellung innerhalb der Überoidnungs- und Unter- 



— 163 — 

Ordnungstatsachen hängt es zusammen, dafs sie den andern Ordnungs- 
arten : ohgarchischen und republikanischen — nicht nur im politischen 
Sinn dieser Begriffe — innerhalb ihres Umfanges legitimen Raum 
gewährt, dafs das Herrschaftsgebiet des Einherrschers sehr wohl 
sekundäre Strukturen dieser Arten umfassen kann, während sie selbst, 
wo diese die obersten und umfassenden sind, nur sehr relativ oder 
illegitimer Weise unterkommen kann. Sie ist so sinnlich anschaulich 
und eindrucksvoll, dafs sie selbst in denjenigen Verfassungen weiter- 
wirkt, die grade in der Reaktion auf sie und als ihre Aufhebung ent- 
standen sind. Von dem amerikanischen Präsidenten hat man, wie 
von dem athenischen Archon imd dem römischen Konsul, behauptet, 
dafs sie, unter gewissen Einschränkungen, doch nur die Erben der 
königlichen Macht wären, deren die Könige durch die betreffenden 
Revolutionen beraubt worden seien. Von Amerikanern selbst hört 
man, ihre Freiheit bestände eben nur darin, dafs die beiden grofsen 
Parteien sich in der Herrschaft abwechselten; jede für sich aber 
tyrannisiere in völlig monarchischer Weise. Ebenso hat man unter- 
nommen, von der Demokratie der französischen Revolution nachzu- 
weisen, dafs sie nichts sei, als das auf den Kopf gestellte Königtum, 
mit denselben Qualitäten wie dieses ausgerüstet. Die volonte generale 
l3ei Rousseau, unter die er widerstandslose Ergebung lehrt, hat durch- 
aus das Wesen des absoluten Einherrschers. Und Proudhon behauptet, 
dafs ein Parlament, das aus dem allgemeinen Stimmrecht hervor- 
gegangen ist, sich von dem absoluten Monarchen in nichts unterscheide. 
Der Volksvertreter sei unfehlbar, unverletzlich, unverantwortlich — 
mehr sei im wesentlichen auch der Monarch nicht. Das monarchische 
Prinzip sei in einem Parlamente ebenso lebendig und vollständig, wie 
in einem legitimen König. Tatsächlich fehlt auch dem Parlament 
gegenüber nicht einmal die Erscheinung der Schmeichelei, die doch 
ganz spezifisch für die Einzelperson vorbehalten scheint. — Es ist 
«ine typische Erscheinung, dafs ein formales Verhältnis unter Gruppen- 
elementen auch dann noch beharrt, wenn ein Wechsel der ganzen 
soziologischen Tendenz dies unmöglich zu machen scheint. Die eigen- 
tümliche Kraft der Einherrschaft, die sozusagen ihren Tod überlebt, 
indem sie ihre Färbung noch Gebilden überträgt, deren Sinn grade 
die Verneinung der Einherrschaft ist — wird einer der markantesten 
Fälle dieses Eigenlebens der soziologischen Form sein, durch das sie 
nicht nur materiell verschiedene Inhalte in sich aufnehmen, sondern 

11* 



— 164 — 

sogar geänderten Formen noch den Geist ihres Gegenteils infundiere» 
kann. So grofs ist diese formale Bedeutung der Einherrschaft, dafs 
man sie sogar ausdrücklich bewahrt, wo man ihren Inhalt ver- 
neint, und grade weil man ihn verneint. Das Dogenamt in Venedig 
verlor immer mehr von seiner Macht, bis es zuletzt eigentlich über- 
haupt keine mehr besafs. Dennoch konservierte man es ängstlich^ 
um grade dadurch Evolutionen zu verhindern, die vielleicht einen 
wirklichen Herrscher auf den Thron bringen mochten. Die Opposition 
vernichtet hier nicht die Einherrschaft, um sich schliefslich doch selbst 
in ihrer Form zu konsolidieren, sondern bewahrt sie grade, um deren 
wirkliche Konsolidierung zu verhindern. Beide eigentlich entgegen- 
gesetzte Fälle sind gleichmäfsige Zeugen für die formale Kraft dieser 
Herrschaftsform. 

Ja, die Gegensätze, die sie zusammenzwingt, steigen sogar in eine 
und dieselbe Erscheinung hinab. Die Monarchie hat das Interesse 
an der monarchischen Institution auch dort, wo sie ganz aufserhalb 
ihres unmittelbaren Berührungsrayons liegt. Die Erfahrung, dafs sich, 
alle noch so auseinanderliegenden Verwirklichungen einer bestimmten 
sozialen Form gegenseitig stützen und sich diese Form sozusagen 
gegenseitig garantieren, scheint bei ganz verschiedenen Herrschafts- 
verhältnissen, am entschiedensten bei der Aristokratie und der 
Monarchie, hervorzutreten. Darum hat eine Monarchie es gelegent- 
lich zu büfsen, wenn sie aus besonderen politischen Gründen das 
monarchische Prinzip in andern Ländern schwächt. Den fast rebellischen 
Widerstand, den die Regierung Mazarins von populärer wie von der 
Seite des Parlamentes erfuhr, hat man darauf geschoben, dafs die 
französische Politik die Aufstände in benachbarten Ländern gegen deren 
Regierungen unterstützt hatte. Dadurch habe der monarchische Gedanke 
eine Schwächung erfahren, die auf den Urheber selbst, der sein 
Interesse durch jene Rebellionen zu wahren meinte, zurückgewirkt 
habe. Und umgekehrt : als Cromwell den Königstitel ablehnte, waren 
die Royalisten darüber betrübt. Denn so unerträglich ihnen der Ge- 
danke sein mufste, den Königsmörder auf dem Thron zu sehen, so 
hätten sie doch die blofse Tatsache, dafs es wieder einen König gab, 
als eine Vorbereitung der Restauration begrüfst. Aber über solche 
utilitarischen, von den Folgen entlehnten Begründungen für Expansion 
der Monarchie hinaus, wirkt das monarchische Gefühl sogar noch ge- 
wissen Erscheinungen gegenüber in einer Weise, die dem persönlichen 



— 165 — 

Vorteil ihrer Träger direkt entgegengesetzt ist. Als während der 
Regierung Ludwigs XIV. der portugiesische Aufstand gegen Spanien 
ausbrach, der dem französischen König durchaus erwünscht sein 
mufste, sagte er dennoch darüber: »So schlecht ein Fürst sein mag, 
so ist die Empörung seiner Untertanen doch immer unendlich ver- 
brecherisch«. Und Bismarck erzählt, dafs Wilhelm I. gegen Bennigsen 
und seine frühere Tätigkeit in Hannover eine »instinktive monarchische 
Abneigung« gefühlt hätte. Denn soviel auch gerade Bennigsen und 
seine Partei für die Verpreufsung Hannovers getan hätten, so ging 
ihm doch ein solches Verhalten eines Untertanen zu dessen ur- 
sprünglicher — der weif ischen — Dynastie, gegen seine Fürstengefühle. 
Die innere Kraft der Einherrschaft ist grofs genug, um sogar noch 
den Feind in eine prinzipielle Sympathie einzubeziehen und gegen den 
Freund, sobald er sich in eine, personal durchaus nützliche Opposition 
gegen irgend einen Monarchen begibt, in einer ganz tiefen Gefühls- 
schicht wie gegen einen Gegner zu opponieren. 

Endlich treten Züge einer noch garnicht berührten Art hervor, 
wenn die in irgendwelcher sonstigen Hinsicht bestehende Gleich- 
heit oder Ungleichheit, Nähe oder Distanz zwischen Übergeordneten 
und Untergeordneten zum Problem wird. Es ist für die soziologische 
Gestaltung einer Gruppe wesentlich, ob sie sich lieber einem Fremden 
oder jemandem aus ihrer Mitte unterordnet, ob das eine oder das 
andere für sie zweckmäfsig und würdig oder das Gegenteil davon ist. 
Die mittelalterlichen Fronherrn in Deutschland hatten ursprünglich 
das Recht, der Hofgenossenschaft beliebige Richter und Führer von 
aufsen her zu ernennen. Schliefslich aber errang diese oft das Zu- 
geständnis, dafs der Beamte aus dem Kreise der hörigen Genossen 
genommen werden mufste. Genau umgekehrt gilt es als eine be- 
sonders wichtige Zusage, die der Graf von Flandern 1228 seinen »ge- 
liebten Schöffen und Bürgern von Gent« machte, dafs der von ihm 
einzusetzende Richter und Exekutivbeamte und seine Unterbeamten 
nicht aus Gent genommen oder mit einer Genterin verheiratet sein 
sollen. Gewifs hat diese Differenz zunächst Zweckmäfsigkeitsgründe : 
der Fremde ist unparteiischer, der Zugehörige verständnisvoller. Der 
erstere Grund war offenbar für dies erwähnte Begehren der Genter 
Bürger entscheidend, um seinetwillen wählten italienische Städte, wie 
schon früher angeführt, ihre Richter oft aus andern Städten und 
sicherten sich damit vor der Beeinflussung der Rechtsprechung durch 



— 166 — 

Familienzusammenhänge und innere Parteiungen. Aus dem gleichen 
Motive haben so kluge Herrscher wie Ludwig XL und Matthias 
Corvinus ihre höchsten Beamten möglichst aus dem Auslande oder 
auch aus niedrigem Stande genommen ; einen andern Zweckmälsigkeits- 
grund hat, noch im 19. Jahrhundert, Bentham für die Tatsache an- 
geführt, dafs Ausländer oft die besten Staatsbeamten seien : sie würden 
nämlich am argwöhnischsten überwacht. Die Bevorzugung der Nahe- 
stehenden oder Gleichartigen erscheint von vornherein weniger 
paradox, obgleich sie zu einer so eigentümlichen Mechanisierung des 
similia similibus führen kann, wie es von einem alten lybischen Stamm 
und neuerdings von den Aschantis berichtet wird : dafs dort der König 
über die Männer und die Königin — die seine Schwester ist — über 
die Frauen herrsche. Gerade die Kohäsion der Gruppe, die ich als 
Erfolg ihrer Unterordnung unter ihresgleichen hervorhob, wird durch 
die Erscheinung bestätigt: dafs die Zentralgewalt jene immanente 
Jurisdiktion von Untergruppen zu durchbrechen sucht. Noch im 
14. Jahrhundert war in England die Vorstellung, für jedermann sei 
seine Ortsgemeinde die berufene Richterin, von grofser Verbreitung; 
aber Richard II. bestimmt nun gerade, niemand dürfe in seiner eignen 
Grafschaft Richter der Assise oder der Goal delivery sein! Und das 
Korrelat der Kohäsion der Gruppe war in diesem Fall die Freiheit 
des Einzelnen. Auch in der Verfallszeit des angelsächsischen König- 
tums war das Urteil durch die Genossen, die Pares, als Wehr gegen 
die Willkür königlicher und herrschaftlicher Vögte hoch geschätzt. 
Der schwerbelastete Plofgutsbauer hält an ihm eifersüchtig fest, als 
an dem einzigen ihm gebliebenen Besitz, der dem privatrechtlichen 
Begriff der Freiheit noch Inhalt und W>rt gibt. 

So sind es sicher rationale Gründe sachlicher Zweckmäfsigkeit^ 
die die Unterordnung unter den Genossen oder die unter den Fremden 
wählen lassen. Dennoch sind die Motive solcher Wahl durch diese 
Kategorie nicht erschöpft, sondern es treten instinktivere und gefühls- 
mälsigere, andrerseits abstraktere und mittelbarere hinzu ; und sie müssen 
es um so mehr, als jene ersten oft auf beide Schalen das gleiche Ge- 
wicht legen : das gröfsere Verständnis des Zugehörigen und die gröfsere 
Unbefangenheit des von aufsen Kommenden mögen sich oft die Wage 
halten, und es braucht einer weiteren Instanz, um zwischen ihnen zu 
entscheiden. Es meldet sich hier die für alle soziologische Gestaltung 
unendlich wichtige psychologische Antinomie: dafs wir einerseits 



— 167 — 

durch das uns Gleiche, andrerseits durch das uns Entgegengesetzte 
angezogen werden. In welchem Falle, auf welchen Gebieten das eine 
oder das andre wirksam wird, ob in unserm gesamten Wesen die eine 
oder die andre Tendenz überwiegt — das scheint zu den ganz primären, 
mit der Natur des Individuums selbst gesetzten Bestimmungen zu ge- 
hören. Das Entgegengesetzte ergänzt uns, das Gleichgeartete stärkt 
uns; das Entgegengesetzte regt uns auf und an, das Gleichgeartete 
beruhigt uns , mit ganz verschiednen Mitteln verschafft uns das eine 
wie das andre ein Gefühl von Legitimierung unsres So-Seins. Wenn 
aber einer bestimmten Erscheinung gegenüber das eine als das uns 
Gemäfse empfunden wird, stöfst das andre uns ab; das Entgegen- 
gesetzte erscheint uns als feindlich, das Gleichgeartete als langweilig; 
das Entgegengesetzte stellt uns eine zu hohe, das Gleichgeartete eine 
zu geringe Aufgabe; dem einen wie dem andren gegenüber ist es 
schwer, eine Stellung zu finden, dort, weil uns Berührungs- und Ver- 
gleichungspunkte mangeln, hier, weil wir entweder jenes uns Gleiche 
oder, noch schlimmer, uns selbst als überflüssig empfinden. Die innere 
Mannigfaltigkeit unsrer Beziehungen zu einem Individuum, aber auch 
zu einer Gruppe, beruht wesentlich darauf, dafs sie uns mit einer 
Mehrheit von Zügen, zu denen wir uns in eine Relation zu setzen 
haben , gegenüberstehen , dafs diese Züge in uns teils gleiche , teils 
heterogene vorfinden, und beide Fälle sowohl Attraktion wie Repulsion 
ermöglichen, in deren Wechselspiel und Kombinationen das Gesamt- 
verhältnis verläuft; ein ähnlicher Erfolg tritt ein, wenn eine und die- 
selbe Relation, z. B. zu der uns wesensverwandten Bestimmtheit des 
andern, nach der einen Seite sympathische, nach der andern anti- 
pathische Empfindungen in uns auslöst. So wird eine soziale Macht 
gleichartig konstruierte in ihrem Bereich einerseits begünstigen, nicht 
nur wegen der natürlichen Sympathie für das ideell Verwandte, 
sondern weil die Stärkung des Prinzips auch ihr zugute kommen mufs. 
Andrerseits aber wird Eifersucht, Konkurrenz, der Wunsch, gerade 
der einzige Vertreter des Prinzips zu sein, das Gegenteil hervor- 
rufen. An dem Verhältnis der Monarchie zum Adel ist dies sehr 
bemerkbar. Einerseits ist ihr das Erbprinzip des Adels innerlich 
verwandt, sie bildet dessentwegen eine Partei mit ihm, findet eine 
Stütze an ihm und begünstigt ihn daraufhin; andrerseits kann sie oft 
nicht dulden, dafs ein Stand, der aus erblichem, also eignem Rechte 
privilegiert ist, neben ihr bestehe, sie mufs wünschen, dafs jedes 



- 168 — 

Individuum von ihr besonders privilegiert sei. So hat das römische 
Kaisertum ursprünglich den senatorischen Adel begünstigt und ihm 
die Erblichkeit gewährleistet — aber nach Diokletian wurde er zu 
einem Schatten herabgedrückt durch den Beamtenadel, in dem jedes 
Mitglied nur durch persönliche Beförderung zu den hohen Stellungen 
gelangte. Ob in derartigen Fällen Attraktion oder Repulsion des 
Gleichen das Übergewicht behält, wird ersichtlich nicht nur aus 
utilitarischen Momenten, sondern aus jenen tieferen Dispositionen der 
Seele für die Wertung des Gleichen oder die des Ungleichen ent- 
schieden. 

Von dem ganz allgemeinen Typus dieses soziologischen Problems 
deszendiert das besondre, hier vorliegende. Es ist unzählige Male 
Sache einer nicht zu rationalisierenden Empfindung, ob man sich durch 
die Unterordnung unter einen Nahestehenden oder durch die unter 
einen Fernerstehenden mehr gedemütigt fühlt. So liegen die ganzen 
sozialen Instinkte und Lebensgefühle des Mittelalters darin, wenn die 
Ausstattung der Zünfte mit öffentlicher Gewalt, im 13. Jahrhundert, 
zugleich die Unterstellung aller Arbeiter des gleichen Handwerks 
unter sie forderte : denn es wäre undenkbar gewesen, dafs ein gewerb- 
liches Gericht über jemanden gehalten würde, der nicht selbst Genosse 
der urteilenden Gerichtsgemeinde war. Und genau das entgegen- 
gesetzte und genau so wenig auf einzelne Nützlichkeiten zurückzu- 
führende Gefühl bewegt einige australische Horden, ihre Häuptlinge 
nicht selbst zu wählen, sondern sie sich von den Führern benach- 
barter Stämme wählen zu lassen — wie auch das bei einigen Natur- 
völkern kursierende Geld nicht von ihnen selbst fabriziert wird, sondern 
von auswärts eingeführt werden mufs, so dafs es hier und da eine Art 
Industrie ist, Geldzeichen (Muscheln etc.) herzustellen, die nach ent- 
fernteren Orten als deren Geld exportiert werden. Im ganzen — imter 
Vorbehalt vielfacher Modifikationen — wird eine Gruppe, je tiefer sie 
als Ganzes steht, je mehr jedes einzelne Mitglied an Unterordnung 
gewöhnt ist, es um so unlieber einem ihresgleichen gönnen, sie zu be- 
herrschen; je höher sie als Ganzes steht, desto eher ordnet sie sich 
gerade nur einem ihrer Pairs unter. Die Beherrschung durch den 
Gleichen ist dort schwierig, weil jeder tief steht, hier leichter, weil 
jeder hoch steht. Die höchste Steigerung dieser Empfindung bot das 
Haus der Lords, das nicht nur von jedem Peer als sein einziger 
Richter anerkannt war, sondern im Jahr 1330 einmal die Insinuation 



— 169 — 

ausdrücklich ablehnte, als wollte es noch andre Leute als die Peers 
aburteilen. So entschieden ist also die Tendenz, sich nur von seines- 
gleichen richten zu lassen, dafs sie schon rückläufig wirksam wird; 
logisch unrichtig, aber psychologisch durchaus tief und begreiflich, 
schliefsen sie: da unsresgleichen nur von uns selbst abgeurteilt 
ist, so wird jeder, den wir aburteilen, gewissermafsen unsresgleichen. 
— Wie hier ein so entschiedenes Unterordnungs-Verhältnis, wie das 
des Gerichteten zu seinen Richtern, doch als eine gewisse Koordination 
empfunden wird, so umgekehrt manchmal Koordination als Unterord- 
nung. Und begrifflich wiederholt sich hier die Zweiheit — Trennung 
wie Verflechtung — angebbarer Vernunftgründe und dunkler Instinkte. 
Der mittelalterliche Stadtbürger, mit seinen Rechten unter dem Adel, 
aber über dem Bauer stehend, weist gelegenthch den Gedanken all- 
gemeiner Rechtsgleichheit von sich ; denn er fürchtet, dafs die Gleich- 
stellung ihm mehr zu gunsten des Bauern raube, als sie ihn dem 
Adel gegenüber gewinnen lasse. Mehr als einmal begegnet dieser 
soziologische Typus: dafs eine mittlere Schicht die Erhebung zu der 
höheren nur um den Preis erlangen kann, die tiefere sich zu koor- 
dinieren — diese Gleichstellung aber als eine solche Deklassierung 
ihrer selbst empfindet, dafs sie eher die nur durch sie zu gewinnende 
Erhöhung preisgibt. So empfanden die Kreolen im spanischen Amerika 
zwar heftige Eifersucht auf die aus Europa stammenden Spanier: 
aber noch stärkere Verachtung gegen Mulatten und Mestizen , Neger 
und Indianer. Diese hätten sie sich koordinieren müssen, um sich 
ihrerseits den Spaniern gleichzustellen, und für ihr Rassengefühl wäre 
diese Koordination eine solche Degradierung gewesen, dafs sie danrni 
lieber auf die Gleichheit mit den Spaniern verzichteten. Und noch 
abstrakter oder instinktiver drückt sich diese formale Kombination in 
der Aufserung H. S. Maines aus: das Nationalitätsprinzip, wie es oft 
aufgestellt wird, scheine zu besagen , dafs Menschen der einen Rasse 
unrecht geschieht, wenn sie mit Menschen der andern Rasse gemein- 
same politische Einrichtungen haben sollen. Wo also zwei verschiedene 
Sozialcharaktere vorliegen, A und B, da erscheint A dem B unter- 
geordnet, sobald ihm die gleiche Konstitution wie diesem zugemutet 
wird, und sogar dann, wenn dieselbe inhaltlich durchaus keine 
Tieferstellung oder Unterordnung bedeutet. 

Endlich hat die Unterordnung unter die ferner stehende Persön- 
lichkeit die sehr wichtige Bedeutung: dafs sie in demselben Mafs die 



— 170 — 

geeignetere ist, in dem der Kreis der Untergeordneten aus heterogenen, 
einander fremden oder entgegengesetzten Gliedern besteht. Die Ele- 
mente einer Mehrheit, die einer höheren Persönlichkeit untersteht, 
verhalten sich wie die Einzelvorstellungen, die unter einen allgemeinen 
Begriff gehören. Dieser mufs um so höher und abstrakter sein, d. h. 
um so weiter von jeder einzelnen Vorstellung abstehen, je verschiedener 
untereinander alle diejenigen Vorstellungen sind , die er gleichmäfsig 
unter sich zu befassen hat. Der typischste Fall, der sich auf den 
verschiedensten Gebieten formgleich darstellt, ist der oben behandelte 
der streitenden Parteien, die einen Schiedsrichter wählen. Je ferner 
dieser der parteimäfsigen Interessiertheit der einen wie der andern 
steht — indem ihm freilich, dem höheren Begriff analog, das beiden 
Gemeinsame, welches sowohl den Streit, wie die mögliche Versöhnung 
begründet, irgendwie einwohnen oder zugängig sein mufs — , desto 
williger werden die Parteien sich seinem Spruch unterordnen. Es 
gibt eine Schwelle der Differenz, jenseits deren die Begegnung der 
streitenden Parteien in keinem auch noch so hoch gelegenen Einheits- 
punkt mehr möglich ist. Im Rückblick auf die bisherige Geschichte 
der gewerblichen Schiedsgerichte in England ist hervorgehoben worden, 
dafs dieselben bei der Auslegung von Arbeitsverträgen und Gesetzen 
vortreffliche] Dienste leisten. Diese aber seien selten der Grund grofser 
Streiks und Aussperrungen, bei denen es sich vielmehr um Versuche 
der Arbeiter oder Arbeitgeber handle, die Arbeitsbedingungen zu 
ändern. Hier also, wo neue Grundlagen der Beziehungen zwischen 
den Parteien in Frage stehen, ist das Schiedsgericht nicht angebracht; 
die Spannung zwischen den Interessen ist so weit geworden, dafs das 
Schiedsrichtertum unendlich hoch über ihnen liegen müfste, um sie zu 
umfassen und in sich zur Ausgleichung zu bringen — wie sich Be- 
griffe mit so heterogenen Inhalten denken lassen, dafs kein All- 
gemeinbegriff , der das Gemeinsame ihrer in sich schlösse , auffind- 
bar ist. 

Ferner ist es in dem Fall der streitenden Parteien, die sich der 
höheren Instanz des Schiedsrichters unterwerfen sollen, von ent- 
scheidender Bedeutung, dafs die Parteien koordiniert sein müssen. 
Herrscht zwischen ihnen schon irgend ein Über- und Unterordnungs- 
verhältnis, so wird dies gar zu leicht eine besondere, die Unparteilich- 
keit störende Beziehung des Richters zu einer von ihnen bewirken; 
selbst wenn er den sachlichen Interessenkreisen beider ganz fem steht. 



^ 171 — 

so wird er oft ein günstigeres Vorurteil für den Übergeordneten, 
manchmal auch ein solches für den Untergeordneten mitbringen. Hier 
ist der Platz für Klassensympathien, die oft ganz unbewufst sind, 
weil sie mit dem gesamten Denken und Fühlen des Subjekts unab- 
lösbar verwachsen sind und gleichsam das Apriori bilden, das seine 
scheinbar rein sachliche Erwägung des Falles formt; und die ihre 
Verflochtenheit mit dessen Wesenssysteme darin zeigen, dafs das Be- 
streben, sie zu vermeiden, meistens nicht zu wirklicher Objektivität 
und Gleichgewicht, sondern dazu führt, in das entgegengesetzte Extrem 
zu fallen. Auch reicht, wo die Parteien sich in sehr differenten Höhen 
und Machtlagen befinden , schon der Glaube an die Präjudiziertheit 
des Schiedsrichters — selbst wenn sie in Wirklichkeit garnicht be- 
steht — aus, um das ganze Verfahren illusorisch zu machen. Bei 
Streitigkeiten zwischen Arbeitern und Unternehmern berufen die eng- 
lischen Einigungskammern oft einen auswärtigen Fabrikanten zum 
Schiedsrichter. Regelmäfsig aber, wenn dessen Entscheidung gegen 
die Arbeiter ausfällt, beschuldigen diese ihn der Begünstigung seiner 
Klasse, so tadellos sein Charakter sein mag; umgekehrt, wenn etwa 
ein Parlamentarier berufen wird, so vermuten die Fabrikanten bei 
ihm eine Vorliebe für die zahlreichste Klasse seiner Wähler. So wird 
eine vollkommen befriedigende Situation sich nur bei vollkommener 
Gleichstellung der Parteien ergeben — schon weil der Höherstehende 
sonst noch den Wucherzins seiner Stellung zu ernten pflegt , dafs er 
auch für die Entscheidung zwischen ihm und dem Tieferstehenden die 
ihm genehme Persönlichkeit durchbringen wird. Deshalb kann man 
auch umgekehrt schliefsen : die Ernennung eines unparteiischen Schieds- 
richters ist immer ein Zeichen dafür, dafs die Streitenden sich min- 
destens eine gewisse Koordination zuerkennen. Gerade bei den frei- 
willigen englischen Schiedsgerichten, wo Arbeiter und Unternehmer 
sich vertragsmälsig dem Ausspruch des Schiedsrichters unterwerfen, 
der weder Unternehmer noch Arbeiter sein darf, konnte ersichtlich 
erst die seitens der Unternehmer den Arbeitern zuerkannte Gleich- 
stellung jene bewegen, auf die Mitwirkung von ihresgleichen bei dem 
Austrag des Konflikts zu verzichten und diesen einem ganz Fern- 
stehenden anzuvertrauen. Endlich kann ein Beispiel von der grölsten 
materiellen Verschiedenheit lehren, dafs das gemeinsame Verhältnis 
mehrerer Elemente zu einem übergeordneten um so mehr eine Koor- 
dination zwischen diesen Elementen — bei allen sonst bestehenden 



— 172 — 

Unterschieden, Fremdheiten, Entgegensetzungen — voraussetzt oder 
bewirkt, je höher die übergeordnete Potenz über ihnen steht. Für 
die soziahsierende Bedeutung der Rehgion grofser Kreise ist es offen- 
bar sehr wichtig, dafs Gott sich in einer bestimmten Distanz von 
den Gläubigen befindet. Die unmittelbare, sozusagen lokale Nähe 
mit den Gläubigen, in der sich die göttlichen Prinzipien aller totemisti- 
schen und fetischistischen Religionen, aber auch der altjüdische Gott 
befinden, machen eine derartige Religion ganz ungeeignet, weite 
Kreise zu beherrschen. Die ungeheure Höhe des christlichen Gottes- 
begriffs ermöglichte erst die Gleichheit der Ungleichen vor Gott; die 
Distanz gegen ihn war so unermefslich, dafs die Unterschiede zwischen 
den Menschen daran verlöschten. Das verhinderte nicht die Nähe der 
H e r z e n s beziehung zu ihm-, denn hier lebten diejenigen Seiten des 
Menschen, in denen vorausgesetztermafsen alle Unterschiede der 
Menschen schwinden, die aber zu dieser Reinheit und diesem Eigen- 
leben erst durch die Einwirkung jenes höchsten Prinzips und der Be- 
ziehung zu ihm gleichsam auskristallisierten. Vielleicht aber konnte 
doch die katholische Kirche gerade nur so eine Weltreligion schaffen, 
dafs sie diese Unmittelbarkeit noch unterbrach und, indem sie sich 
selbst dazwischenschob, Gott auch in d i e s e r Beziehung dem Einzelnen 
für sich allein unerreichbar hoch rückte. — 

In Hinsicht auf diejenigen gesellschaftlichen Strukturen, die durch 
die Überordnung einer Mehrheit, einer sozialen Gesamtheit über 
Individuen oder andre Gesamtheiten charakterisiert sind, fällt es 
zunächst auf, dafs der Erfolg für den Untergeordneten sehr ungleich- 
mäfsig ist. Das Höchste, was die spartanischen und thessalischen 
Sklaven wünschten, war, Sklaven des Staates statt Einzelner zu werden. 
In Preufsen hatten es, vor der Emanzipation der Fronbauern, die 
auf den staatlichen Domänen sitzenden bei weitem besser, als die 
Privatbauern. In den grofsen modernen Betrieben und Magazinen, 
wo keine sehr individuelle Herrschaft ist, sondern die entweder Aktien- 
gesellschaften sind oder die gleiche unpersönliche Verwaltungstechnik 
besitzen, sind die Angestellten besser situiert, als in den kleinen Ge- 
schäften, wo sie vom Besitzer persönlich ausgebeutet werden. Dieses 
Verhältnis wiederholt sich, wo statt des Unterschiedes zwischen Indi- 
viduen und Gesamtheiten der zwischen kleineren und gröfseren Ge- 
samtheiten in Frage steht. Das Schicksal Indiens ist unter der englischen 
Regierung ein erheblich günstigeres, als unter der ostindischen Kom- 



— 173 — 

pagnie. Dabei ist es natürlich gleichgültig, ob diese gröfsere Gesamt- 
heit unter einem Einherrscher steht, wenn nur die Technik der von 
ihr ausgeübten Herrschaft den Charakter der Überindividualität im 
weitesten Sinne trägt: das Aristokratenregiment der römischen Repu- 
blik hat die Provinzen bei weitem härter bedrückt, als das Kaisertum, 
das viel gerechter und objektiver war. Einem grölseren Kreise an- 
zugehören, pflegt auch für die in dienender Stellung Befindlichen das 
Günstigere zu sein. Die Grolsgrundherrschaften, die im 7. Jahrhundert 
im fränkischen Reiche aufkamen, schufen vielfach der inferioren Be- 
völkerung eine ganz neue, vorteilhafte Lage. Der grofse Besitz liefs eine 
Organisierung und Differenzierung des Arbeitspersonals zu, innerhalb 
deren qualifizierte und als solche höher geschätzte Arbeit entstand 
und in der einzelnen Herrschaft dem Unfreien sozial höherzukommen 
gestattete. Es ist ganz in diesem Sinne, wenn staatliche Strafgesetze 
oft milder sind, als die eximierter Kreise. 

Nun aber verlaufen, wie angedeutet, mancherlei Erscheinungen 
genau entgegengesetzt. Die Bundesgenossen Athens und Roms, die 
Territorien, die ehemals einzelnen Schweizer Kantonen unterworfen 
waren, wurden so grausam unterdrückt und ausgesogen, wie es unter 
der Tyrannis eines einzelnen Herrschers kaum hätte geschehen können. 
Dieselbe Aktiengesellschaft, die infolge der Technik ihres Betriebes 
ihre Angestellten weniger ausbeutet, als der Privatunternehmer, darf 
in vielen Fällen, wo es sich etwa um Entschädigungen oder Unter- 
stützungen handelt, nicht so liberal verfahren, wie der Privatmann, 
der niemandem Rechenschaft über seine Aufwendungen schuldig ist. 
Und in Bezug auf einzelne Impulse : die Grausamkeiten, die zum Ver- 
gnügen römischer Zirkusbesucher verübt wurden, und deren äufserste 
Verschärfung diese oft verlangten, würden wohl kaum viele von ihnen 
begangen haben, wenn der Delinquent ihnen von Einzelperson zu 
Einzelperson gegenübergestanden hätte. 

Der prinzipielle Grund dieser verschiedenen Erfolge der Mehrzahl- 
herrschaft über den ihr Untergeordneten liegt zunächst in dem Charakter 
der Objektivität, den sie trägt, in der Ausschaltung gewisser Ge- 
fühle, Gesinnungen, Impulse, die nur im individuellen Handeln der 
Subjekte, aber nicht, sobald sie kollektiv verfahren, wirksam werden. 
Je nachdem nun die Lage des Untergeordneten, innerhalb des ge- 
gebenen Verhältnisses und seiner einzelnen Inhalte, durch die Objek- 
tivität oder durch die individuelle Subjektivität im Charakter des Ver- 



— 174 — 

hältnisses günstig, bezw. ungünstig beeinflufst wird, werden sich jene 
Verschiedenheiten ergeben. Wo der Untergeordnete seiner Situation 
nach der Mildtätigkeit, Selbstlosigkeit, Gnade des Übergeordneten be- 
darf, wird es ihm bei der objektiven Herrschaft einer Mehrzahl schlecht 
ergehn ; bei Verhältnissen, wo gerade nur Gesetzlichkeit, Unparteiisch- 
keit, Sachlichkeit seine Lage günstig bestimmen, wird eben diese 
Herrschaft für ihn die erwünschtere sein. Es ist dafür bezeichnend, 
dals der Staat zwar den Verbrecher gesetzlich verurteilen, aber nicht 
begnadigen kann, und selbst in Republiken das Begnadigungsrecht 
Einzelpersonen vorbehalten zu sein pflegt. Am wirkungsvollsten tritt 
dies an den materiellen Interessen von Gemeinschaften hervor, die 
nach dem schlechthin objektiven Prinzip: möglichst grolse Vorteile 
und möglichst geringe Opfer — dirigiert werden. Eine Grausamkeit, 
wie sie von Individuen um der Grausamkeit willen geübt werden 
mag, liegt in der hier zu Tage tretenden Härte und Rücksichtslosig- 
keit durchaus nicht, sondern nur eine völlig konsequente Sachlichkeit — 
wie auch die Brutalität des insoweit unter dem gleichen Gesichts- 
punkt verfahrenden reinen Geldmenschen diesem selbst oft garnicht 
als eine sittliche Verschuldung erscheint, da er sich doch nur eines 
streng logischen, die sachlichen Konsequenzen der Situation ziehenden 
Verhaltens bewulst ist. 

Freilich bedeutet diese Objektivität des kollektiven Verfahrens 
vielfach nur das Negative, dafs gewisse Normen, denen sich die Einzel- 
persönlichkeit sonst fügt, ausgeschaltet sind, und nur eine Form, diese 
Ausschaltung zu verdecken und das Gewissen über sie zu beruhigen. 
Jeder einzelne, der an dem Entschlufs beteiligt ist, kann sich dahinter 
zurückziehen, dafs es eben ein Gesamtbeschlufs war, und seine eigene 
Gewinnsucht und Brutalität damit maskieren, dafs es nur der Vorteil 
der Gesamtheit war, den er verfolgt hat. Dafs der Besitz der Macht — 
und zwar einerseits der besonders schnell erworbene, andrerseits der 
besonders langdauernde — zu ihrem Mifsbrauch verleitet, gilt für In- 
dividuen nur mit vielen und leuchtenden Ausnahmen; wenn er aber 
für Körperschaften und Klassen nicht gilt, so haben es jedesmal nur 
besonders glückliche Umstände verhindert. Es ist sehr bemerkens- 
wert, dafs jenes Verschwinden des Einzelsubjekts hinter der Gesamt- 
heit dem fraglichen Charakter des Verfahrens auch dann dient, bezw. 
ihn potenziert, wenn auch die unterworfene Partei eine Kollektivität 
ist. Die psychologische Nachbildung des Leidens, das wesentliche 



— 175 — 

Vehikel des Mitleids und der Milde, versagt leicht, wenn nicht ein 
benennbares oder anschauliches Individuum es zu tragen hat, sondern 
nur eine Gesamtheit, die als solche sozusagen keine'; subjektiven Zu- 
stände hat. So ist bemerkt worden, das englische Gemeinwesen sei 
in seiner ganzen Geschichte charakterisiert durch eine aufserordent- 
liche Gerechtigkeit gegen Personen und eine ebenso grolse Un- 
gerechtigkeit gegen Gesamtheiten. Bei dem starken Gefühl für das 
Recht der Individualitäten ist nur durch jenen psychologischen Grund 
begreiflich, wie Dissenters, Juden, Iren, Indier, in früheren Perioden 
auch die Schotten, behandelt wurden. Das Untertauchen der Per- 
sönlichkeitsformen und -normen in der Objektivität des Kollektiv- 
daseins bestimmt, wie das Handeln, so auch das Leiden der Gesamt- 
heiten. Die Objektivität wirkt zwar in der Form des Gesetzes; wo 
dies aber nicht zwingend ist, und die persönliche Gewissenhaftigkeit 
an seine Stelle treten müfste, zeigt sich sehr häufig, dafs diese eben 
kein kollektiv-psychologischer Zug ist; und dies um so entschiedener, 
wenn das Objekt des Verfahrens wegen eben desselben Kollektiv- 
charakters nicht einmal Anregung gibt, jenen personalen Zug zu ent- 
falten. Die Mifsbräuche der Gewalt, z. B. in den amerikanischen 
Städteverwaltungen, würden ihre ungeheuren Dimensionen kaum er- 
langt haben, wenn die Herrschenden nicht Korporationen wären und 
die Beherrschten nicht Kollektivitäten; es ist deshalb bezeichnend, 
dafs man diesen Mifsbräuchen manchmal zu steuern glaubte, indem 
man die Macht des Mayor sehr vermehrte — damit irgend jemand 
da sei, den man persönlich verantwortlich machen konnte! 

Als eine Ausnahme von der Objektivität der Vielheitsaktionen, die 
aber in Wirklichkeit nur eine tiefere Begründung der Regel darstellt, 
tritt das Verhalten einer Masse auf, das ich an dem römischen 
Zirkuspublikum exemplifizierte. Es besteht nämlich ein grundlegender 
Unterschied zwischen dem Wirksamkeitscharakter einer Vielheit als 
eines einheitlichen, gleichsam eine Abstraktion verkörpernden Sonder- 
gebildes — Wirtschaftsgenossenschaft, Staat, Kirche, alle Ver- 
einigungen, die wirklich oder gleichnisweise als juristische Personen 
zu bezeichnen sind — auf der einen Seite, und dem einer Vielheit als 
aktuell zusammen befindlicher Menge auf der andern. Die hier wie 
dort erfolgende Aufhebung der individuell- personalen Differenziert- 
heiten führt nämlich in dem ersteren Falle dazu, dafs die sozusagen ober- 
halb des Individualcharakters gelegenen Züge hervortreten, in dem 



— 176 — 

andern aber die unterhalb dieses ruhenden. Innerhalb einer sich sinnlich 
berührenden Menschenmenge nämlich gehen unzählige Suggestionen 
und nervöse Beeinflussungen hin und her, die dem Einzelnen die Ruhe 
und Selbständigkeit des Überlegens und Handelns rauben, so dafs die 
flüchtigsten Anregungen innerhalb einer Menge oft lawinenartig 
zu den unverhältnismäfsigsten Impulsivitäten anschwellen und die 
höheren, differenzierten, kritischen Funktionen wie ausgeschaltet sind. 
Daher lacht man im Theater und in Versammlungen über Scherze, 
die uns im Zimmer sehr kühl lassen würden, daher gelingen die 
spiristischen Manifestationen am besten in j> Zirkeln«, daher erreichen 
Gesellschaftsspiele in der Regel den gröfsten Fröhlichkeitserfolg, je 
tiefer ihr geistiges Niveau ist; daher das rasche, sachlich ganz un- 
begreifliche Umschlagen der Stimmung in einer Masse, daher die un- 
zähligen Beobachtungen über die »Dummheit« der Kollektivitäten^). 
Ich schiebe die Paralysierung der höheren Eigenschaften, dieses wider- 
standslose Sichmitreifsenlassen , wie gesagt, auf die unberechenbare 
Zahl von Einflüssen und Eindrücken, die sich in einer Menge zwischen 
jedem und jedem kreuzen, sich stärken, sich brechen, sich ablenken, 
sich reproduzieren. Durch diese Wirrnis minimaler Anregungen 
unterhalb der Bewufstseinsschwelle entsteht einerseits auf Kosten der 
klaren und konsequenten Verstandestätigkeit eine grofse nervöse Auf- 
geregtheit, in der die dunkelsten, primitivsten, sonst beherrschten 
Instinkte der Naturen erwachen, andrerseits eine hypnotische Paralyse, 
die die Menge jedem führenden, suggestiven Impuls bis ins Extrem 
folgen läfst. Dazu tritt der Machtrausch und die individuelle Ver- 
antwortungslosigkeit des Einzelnen in einer aktuell kooperierenden 
Menge, wodurch die sittlichen Hemmungen der niedrigen und brutalen 
Triebe ausfallen. Daraus erklärt sich hinreichend die Grausamkeit 
der Mengen, mögen es römische Zirkusbesucher oder mittelalterliche 
Judenhetzer oder amerikanische Negerlyncher sein, und das schlimme 
Los derer, die einer aktuellen Menge unterworfen sind. Freilich 
zeigt sich auch hier die typische Doppelheit im Erfolge dieses sozio- 
logischen Unterordnungsverhältnisses: die Impulsivität und Suggesti- 
bilität der Menge kann sie gelegentlich Anregungen der Grofsmut und 
des Enthusiasmus folgen lassen, zu denen sich gleichfalls der Einzelne 
aus ihr sonst nicht aufschwingen würde. Der letzte Grund der Gegen- 



*) Weiteres darüber in dem Kapitel über Selbsterhaltung. 



— 177 — 

sätzlichkeiten innerhalb dieser Konfiguration ist so zu formulieren, 
dafs zwischen dem Individuum mit seinen Situationen und Bedürfnissen 
auf der einen Seite und all den über- oder unterindividuellen Gebilden 
und innerlich-äufserlichen Verfassungen, die die Kollektivierung mit 
sich bringt, auf der andern, kein prinzipielles und konstantes, sondern 
ein variables und zufälliges Verhältnis besteht. Wenn also die ab- 
strakten sozialen Einheiten sachlicher, kühler, konsequenter verfahren, 
als ein Einzelner, wenn umgekehrt konkret zusammenbefindliche 
Mengen impulsiver, besinnungsloser, extremer handeln, als jedes ihrer 
Individuen für sich es täte, so kann jeder dieser Fälle für den einer 
solchen Vielheit Unterworfenen der günstigere, er kann aber auch 
der ungünstigere sein. Diese Zufälligkeit ist sozusagen nichts Zu- 
fälliges, sondern der logische Ausdruck der Inkommensurabilität 
zwischen den spezifisch individuellen Lagen, um die und deren Be- 
dürfnisse es sich handelt, und den Gebilden und Stimmungen, die das 
Miteinander und Nebeneinander der Vielen beherrschen oder die 
diesem dienen. 

Bei diesen Unterordnungen unter eine Mehrheit waren die einzelnen 
Elemente der Mehrheit einander koordiniert, oder wenigstens wirkten 
sie in der hier in Betracht kommenden Hinsicht so, als wären sie 
koordiniert. Es ergeben sich nun neue Erscheinungen, sobald die 
übergeordnete Mehrheit nicht als eine Einheit aus gleichartigen Ele- 
menten auftritt; die Übergeordneten können dabei entweder einander 
entgegengesetzt sein, oder sie können eine Reihe bilden, in der der 
Übergeordnete seinerseits wieder einem höheren untergeordnet ist. 
Ich betrachte zunächst den ersteren Fall, dessen Arten sich an der 
Mannigfaltigkeit seiner Folgen für den Untergeordneten aufzeigen lassen. 

Wenn jemand mehreren Personen oder Gruppen in totaler 
Weise Untertan ist, d. h. so, dafs er keine Spontaneität in das Ver- 
hältnis einzusetzen hat, sondern von jedem der Übergeordneten völlig 
abhängig ist — so wird er unter der Entgegengesetztheit derselben 
schwer leiden. Denn jeder wird ihn und seine Kräfte und Dienste 
ganz beanspruchen und wird ihn andrerseits doch für dasjenige, was 
er auf die zwingende Veranlassung des andern tut oder läfst, so ver- 
antwortlich machen, als wäre es spontan. Dies ist die typische 
Situation des »Dieners zweier Herren«, sie tritt an Kindern auf, die 
zwischen ihren in Konflikt befindlichen Eltern stehen, bis zu der 
Situation eines kleinen Staates der von zwei mächtigen Nachbar- 

Simmel, Soziologie. 12 



— 178 — 

Staaten gleichmäfsig abhängig ist und deshalb in einem Konfliktfalle 
zwischen diesen oft von jedem für dasjenige verantwortlich gemacht 
werden wird, wozu ihn sein Abhängigkeitsverhältnis zum andern 
zwingt. Ist dieser Konflikt der einzelnen untergeordneten Kreise 
ganz verinnerlicht, wirken diese als ideale, sittliche Mächte, die ihre 
Forderungen im Inneren des Menschen selbst stellen, so erscheint die 
Situation als »Konflikt der Pflichten«. Jener auf serlichere Widerstreit 
entsteht sozusagen nicht aus dem Subjekte selbst, sondern nur an ihm, 
dieser aber bricht aus, indem aus der Seele heraus das sittliche Be- 
wufstsein nach zwei verschiedenen Seiten, zum Gehorsam gegen zwei 
einander ausschliefsende Mächte strebt. Während der erstere also 
prinzipiell die Spontaneität des Subjekts ausschliefst und, wenn diese 
einträte, in der Regel rasch beendet sein könnte, liegt dem Konflikt 
der Pflichten gerade die vollste Freiheit des Subjekts zugrunde, die 
allein die Anerkennung der beiden Ansprüche als sittlich ver- 
pflichtender tragen kann. Indes hindert ersichtlicherweise dieser 
Gegensatz nicht, dafs der Widerstreit zweier, unsern Gehorsam 
fordernder Mächte beide Formen zu gleicher Zeit gewinne. Solange 
ein Konflikt rein äufserlich ist, ist er am schlimmsten, wenn die Per- 
sönlichkeit schwach ist, wird er aber innerlich, so wird er am zer- 
störendsten, wenn sie stark ist. An die Rudimentärformen solcher 
Konflikte, die unser Leben im grofsen wie im kleinen durchziehen, 
sind wir derartig angepafst, wir finden uns durch Kompromisse und 
Teilung unserer Leistungen so instinktiv mit ihnen ab, dafs sie uns 
in den meisten Fällen überhaupt nicht als Konflikte zum Bewufstsein 
kommen. Wo dies aber geschieht, pflegt sich eine Unlösbarkeit dieser 
Situation, ihrer reinen soziologischen Form nach, sichtbar zu machen, 
wenn auch ihre zufälligen Inhalte eine Glättung und Versöhnung ge- 
statten. Denn solange der Streit von Elementen dauert, deren jedes 
den vollen Anspruch auf ein und dasselbe Subjekt erhebt, wird keine 
Teilung von dessen Kräften jenen Forderungen genügen, ja, meistens 
wird nicht einmal die relative Lösung durch solche Teilung möglich 
sein, weil Farbe bekannt werden mufs und die einzelne Handlung vor 
einem unbeugsamen pro oder contra steht. Zwischen dem religiös 
umkleideten Anspruch der Familiengruppe, die die Bestattung des 
Polyneikes fordert, und dem staatlichen Gesetz, das sie verbietet, gibt 
es für Antigone kein differenzierendes Kompromifs; nach ihrem Tode 
stehen sich die Gegensätze ihrem inneren Sinne nach genau so hart 



— 179 — 

und unversöhnt gegenüber, wie am Anfang der Tragödie, und er- 
weisen damit, dafs keinerlei Verhalten oder Schicksal des ihnen Unter- 
worfenen ihren Konflikt aufheben kann, den sie in ihn projizieren. Und 
selbst wo die Kollision nicht zwischen jenen Mächten selbst, sondern 
nur in dem beiden folgsamen Subjekt zustande kommt und so eher 
durch eine Teilung von dessen Leistung zwischen ihnen zu schlichten 
scheint — ist es nur der glückliche, aus dem Inhalt der Situation 
folgende Zufall, der diese Lösung ermöglicht. Der Typus ist hier: 
Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist; 
aber wenn man nun gerade der Münze, die der Kaiser beansprucht, 
für ein gottgefälliges Werk bedarf? Die blofse gegenseitige Fremd- 
heit und Nicht-Organisiertheit der Instanzen, von denen ein Individuum 
zugleich abhängig ist, reicht aus, um seine Situation zu einer prinzipiell 
widerspruchsvollen zu machen. Und dies um so mehr, je mehr der 
Konflikt in das Subjekt hinein verinnerlicht ist und aus den idealen 
Forderungen erwächst, die von dem eignen Pflichtbewufstsein leben. 
In den beiden, oben herangezogenen Beispielen ruht der subjektiv 
sittliche Akzent doch im wesentlichen auf der einen Seite des Gegen- 
satzes, und der andern ist das Subjekt mehr durch eine äufsere Un- 
vermeidlichkeit Untertan. Sind aber beide Forderungen vom gleichen 
inneren Gewicht, so hilft es uns wenig, aus der besten Überzeugung 
uns für die eine zu entscheiden oder unsere Kräfte zwischen ihnen zu 
teilen. Denn die — ganz oder teilweise — unerfüllte wirkt trotzdem 
mit ihrem ganzen Schwergewicht nach, ihr unerfülltes Quantum macht 
uns für sich voll verantwortlich, auch wenn es auf serlich unmöglich 
war, ihm zu genügen, und wenn unter den gegebenen Umständen diese 
Lösung die sittlich richtigste war. Jede wirklich sittliche Forderung 
hat etwas Absolutes, das sich mit einer relativen Erfüllung, die das 
Bestehen einer andern ihr allein zubilligt, nicht begnügt. Auch hier, 
wo wir uns keiner andern Instanz, als dem persönlichen Gewissen zu 
beugen brauchen, sind wir nicht besser daran, wie in dem äufserlichen 
Fall der einander widerstreitenden Bindungen, deren keine uns einen 
Vorbehalt zugunsten der andern gestattet. Auch innerlich kommen 
wir nicht zur Ruhe, solange eine sittliche Notwendigkeit unrealisiert 
geblieben ist, gleichviel, ob wir ihr gegenüber dadurch ein reines Ge- 
wissen haben , dafs wir wegen des Bestehens einer andern — die im 
gleichen Sinne über ihre Verwirklichungsmöglichkeit hinaus wirkt — 
ihr nicht mehr geben konnten, als wir taten. 

12* 



— 180 — 

Bei der Unterordnung unter äufsere, einander entgegengesetzte 
oder fremde Mächte wird die Position des Untergeordneten freilich 
eine völlig andre, sobald er nur irgend eine Spontaneität besitzt, irgend 
eine eigene Macht in das Verhältnis einzusetzen hat. Hier tritt in 
den mannigfaltigsten Ausgestaltungen die Situation: duobus litigan- 
tibus tertius gaudet — auf, die das vorige Kapitel behandelt hat. 
Hier seien nur einige ihrer Anwendungen für den Fall der Unter- 
ordnung des tertius und auch für die Eventualität angeführt, dafs 
kein Streit, sondern nur gegenseitige Fremdheit der höheren Instanzen 
vorliegt. 

Für das vorhandene Freiheitsquantum der Untergeordneten pflegt 
jene Lage einen Wachstumsprozefs einzuleiten, der manchmal bis zur 
Lösung der Unterordnung überhaupt geht. Ein wesentlicher Unter- 
schied des mittelalterlichen Unfreien vom Vasallen bestand darin, dafs 
jener nur einen Herrn hatte und haben konnte; dieser aber konnte 
von verschiedenen Herren Land nehmen und ihnen den Diensteid 
leisten. Durch diese Möglichkeit, sich in verschiedene Lehensverhält- 
nisse zu begeben, gewann der Vasall dem einzelnen Lehensherrn' 
gegenüber einen starken Rückhalt und Unabhängigkeit, die prinzipielle 
Unterordnung der Vasallenstellung wurde dadurch sehr erheblich aus- 
geglichen. Eine formal ähnliche Lage schafft der Polytheismus für 
das religiöse Subjekt. Obgleich dieses sich von einer Mehrheit gött- 
licher Mächte beherrscht weifs, so kann es doch — vielleicht nicht 
ganz logisch klar, aber auf dieser Stufe psychologisch tatsächlich — 
sich von dem unzugänglichen oder ohnmächtigen Gotte zu einem 
andern, chancenreicheren wenden; noch im heutigen Katholizismus 
sagt der Gläubige oft dem einen Heiligen ab, der seine besondere 
Adoration nicht belohnt hat, um diese einem andern zu widmen — 
obgleich er die weiterwirkende Macht auch jenes über ihn prinzipiell 
nicht leugnen könnte. Insofern das Subjekt mindestens eine gewisse 
Wahl zwischen den Instanzen über ihm hat, gewinnt es jeder gegen- 
über, ja für sein Gefühl vielleicht ihrer Gesamtheit gegenüber eine 
gewisse Unabhängigkeit, die ihm da versagt bleibt, wo die gleiche 
Summe religiöser Abhängigkeit in einer einzigen Gottesvorstellung 
sozusagen unentrinnbar vereinigt ist. Und dies ist auch die Form,, 
in der der moderne Mensch eine bestimmte Unabhängigkeit auf wirt- 
schaftlichem Gebiet gewinnt. Er ist, besonders der Grofsstädter, von 
der Summe seiner Lieferanten unendlich viel abhängiger, als es der 



- 181 — 

Mensch in mehr naturalwirtschaftlichen Zuständen ist. Allein, da er 
eine kaum begrenzte Möglichkeit besitzt, zwischen den Lieferanten zu 
wählen, bzw. zwischen ihnen zu wechseln, so hat er jedem gegentiber 
eine Freiheit, die mit der des Menschen in einfacheren oder klein- 
städtischen Verhältnissen garnicht zu vergleichen ist. 

Dieselbe Formbestimmtheit des Verhältnisses ergibt sich, wenn 
die Divergenz der Übergeordneten sich im Nacheinander statt im 
Nebeneinander entfaltet. Hier bieten sich nun je nach den historischen 
Inhalten und Sonderbedingungen die mannigfaltigsten Abwandelungen 
dar, in denen allen das gleiche Formphänomen lebt. Der römische 
Senat war den hohen Beamten gegenüber formell sehr abhängig. Da 
diese aber eine kurze Amtsdauer hatten, der Senat aber seine Mit- 
glieder dauernd behielt, so wurde die Macht des Senates dadurch 
in Wirklichkeit eine weit gröfsere, als sich aus seinem gesetzlichen 
Verhältnis zu jenen Herrschaftsträgern ablesen liels. Aus dem 
prinzipiell gleichen Motiv vollzog sich der Machtzuwachs der Commons 
gegenüber der englischen Krone seit dem 14. Jahrhundert. Die 
dynastischen Parteien waren noch imstande, die Wahlen im Sinne des 
Royalismus oder der Reform, zugunsten von York oder von Lancaster 
zu bestimmen. Allein unter all diesen Machterweisen der Herrscher 
beharrte eben doch das Haus der Gemeinen als solches und erwarb 
damit grade wegen jener Schwankungen und Windwechsel in den 
obersten Regionen eine Festigkeit, Kraft und Unabhängigkeit, die es 
vielleicht bei ungestörter Einheit in den Richtungen des höchsten Regi- 
ments nie gewonnen hätte. Entsprechend hat man das Wachstum des 
demokratischen Bewulstseins in Frankreich mit daraus hergeleitet, dafs 
seit dem Sturze Napoleons I. wechselnde Regierungsgewalten rasch 
einander folgten, jede unfähig, unsicher, um die Gunst der Massen 
buhlend, wodurch denn jedem Bürger seine soziale Bedeutung recht 
zum. Bewulstsein kommen mulste. Obgleich er jeder einzelnen dieser 
Regierungen an sich untergeordnet war, so empfand er sich doch als 
stark, weil er das dauernde Element in all dem Wechsel und Gegen- 
satz der Regierungen bildete. 

Die Macht, welche einem Element eines Verhältnisses durch die 
blofse Tatsache seines Beharrens gegenüber seinen variabeln Mit- 
Elementen zuwächst, ist eine so allgemeine, formale Konsequenz, dafs 
ihre Ausnützung durch das in irgend einem Verhältnis untergeordnete 
Element nur als ein Spezialfall verstanden werden darf. Sie gilt nicht 



— 182 — 

weniger für den Übergeordneten : anhebend von der ungeheuren Präro- 
gative, die »der Staat« und »die Kirche« schon durch ihre blofse 
StabiUtät gegenüber der Kurzlebigkeit der von ihnen Beherrschten 
gewinnen, bis zu einer so singulären Tatsache : dafs die Häufigkeit des- 
Kindbettfiebers im Mittelalter die Souveränität des Mannes im Hause 
aufserordentlich hob. Denn der Erfolg jener war, dals die meisten 
kräftigen Männer mehrere Frauen hintereinander hatten und dadurch 
die hausherrliche Macht sich sozusagen in einer Person akkumulierte^ 
während die hausfrauliche sich auf mehrere, einander ablösende,verteilte. — 
Durchweg schienen die Phänomene der Über- und Unterordnung für 
den Untergeordneten ganz entgegengesetzte Folgen zu ermöglichen. 
Überall aber hat die nähere Spezialisierung, ohne den Charakter der 
für beliebige Inhalte sich bietenden Form aufzugeben, uns die Gründe 
dieser Entgegengesetztheit auf dem Boden des gleichen allgemeinen 
Typus erkennen lassen. Nicht anders verhält es sich bei der zweiten 
jetzt fraglichen Kombination: dafs eine Mehrzahl von übergeordneten 
Instanzen, statt einander fremd oder feindlich zu sein, untereinander 
selbst übergeordnet und untergeordnet sind. Das Entscheidende ist 
hier, ob der Untergeordnete noch ein unmittelbares Verhältnis zu dem 
Höchststehenden von den ihm Übergeordneten besitzt, oder ob die 
dazwischengeschobene Instanz), die zwar ihm übergeordnet, jener 
höchsten aber untergeordnet ist, ihn von der letzteren abtrennt und 
so de facto die übergeordneten Elemente ihm gegenüber allein vertritt.. 
Fälle der ersteren Art schuf der Feudalismus, bei dem derjenige, der 
dem gröfseren Vasallen Untertan war, doch zugleich der Untertan 
des obersten Herrscherhauses blieb. Ein sehr reines Bild hiervon ge- 
währt der englische Feudalismus zur Zeit Wilhelms des Eroberers,. 
den Stubbs so schildert : All men continued to be primarily the king's 
men and the public peace to be his peace. Their lords might demand 
their Service to fulfil their own obligations, but the king could call 
them to the fyrd, summon them to his courts, and tax them without 
the Intervention of their lords, and to the king they could look for 
protection against all foes. So ist die Lage des Untergeordneten 
seinem Übergeordneten gegenüber eine günstige, wenn dieser letztere 
seinerseits einem Höheren untergeordnet ist, an dem. der erstere eine 
Deckung hat. Auch ist dies die eigentlich natürliche Folge der hier 
vorliegenden soziologischen Konfiguration. Da in der Regel irgend- 
welche Gegnerschaft und Kompetenzstreitigkeit zwischen den in der 



— 183 — 

Skala der Überordnungen benachbarten Elementen stattfindet, so ist 
das mittlere Element oft in Konflikt sowohl mit dem höheren, wie mit 
dem tieferen. Und dafs gemeinsame Gegnerschaft auch die sonst 
divergentesten und durch kein andres Mittel zu vereinheitlichenden 
Elemente zusammenbindet, ist eine der typischen formalen Regeln, die 
sich auf allen überhaupt bestehenden Gebieten des gesellschaftlichen 
Lebens bewährt. Eine Nuance hiervon wird für das vorliegende 
Problem besonders wichtig: schon im frühen Orient ist es der Ruhm 
eines Herrschers, sich der Sache des Schwachen anzunehmen, der von 
einem Stärkeren bedrückt wird, — sei es auch nur, weil er sich da- 
mit als der Mächtigere über dem Mächtigen erweist. In Griechenland 
kommt es vor, dafs eine bisher herrschende Oligarchie ebendieselbe 
Persönlichkeit mit dem Namen eines Tyrannen brandmarkt, den die 
unteren Massen als ihren Befreier von Tyrannei verehren, wie es 
Euphron von Sikyon widerfuhr. Es bedarf kaum der Wiederholung 
des Hinweises auf die Häufigkeit, mit der das Motiv : dafs die unteren 
Massen in ihrem Kampf gegen die Aristokratie vom Herrscher unter- 
stützt werden — in der Geschichte wiederkehrt. Ja, selbst wo diese 
unmittelbare Beziehung zwischen der höchsten und der tiefsten Stufe 
der sozialen Skala zum Zweck des Niederhaltens der mittleren nicht 
vorhanden ist, wo vielmehr die niedrigste und die mittlere gleichmäfsig 
von der obersten unterdrückt werden, hat die blofse Tatsache, dafs 
eben doch auch der mittleren dies widerfährt, mindestens eine psycho- 
logische, gefühlsmäfsige Erleichterung für die tiefste zur Folge. Bei 
manchen afrikanischen und asiatischen Völkern gestaltet sich die 
Polygamie so, dafs nur eine der Frauen als die eigentliche, erste oder 
legitime Frau gilt, und die andern ihr gegenüber eine untergeordnete 
oder dienende Stellung haben. Dabei aber ist jene dem Manne gegen- 
über keineswegs besser situiert, für ihn ist sie genau so Sklavin wie 
die andern auch. Solche Lage: dafs der im Verhältnis zwischen 
zweien Übergeordnete unter dem gleichen Druck von oben her steht, 
wie der ihm Untergeordnete selbst — bringt, wie die Menschen im 
allgemeinen angelegt sind, für den letzteren zweifellos eine gröfsere 
Erträglichkeit des Druckes mit sich. Irgend eine Genugtuung pflegt 
der Mensch aus der Unterdrückung seines Unterdrückers zu ziehn, 
mit irgend einem Superioritätsgefühl pflegt er sich in den Herrn seines 
Herrn einzufühlen, auch wo diese soziologische Konstellation keinerlei 
reale Hebung des Druckes für ihn bedeutet. 



— 184 — 

Wo nun Inhalt oder Form des soziologischen Aufbaus die Be- 
rührung zwischen der höchsten und der tiefsten Schicht, zu gemein- 
samer Gegnerschaft gegen die mittlere, ausschliefst und eine sich nicht 
zurückbiegende Kontinuität zwischen oben und unten stattfindet, wird 
der Raum für ein typisches soziologisches Ereignis frei, das man als 
Abwälzung des Druckes bezeichnen kann. Gegenüber dem einfachen 
Fall, dafs ein Mächtiger seine Position zur Ausbeutung eines Schwächeren 
ausnutzt, handelt es sich hier darum, dafs er eine Verschlechterung 
seiner Position, gegen die er sich nicht wehren kann, auf einen Wehr- 
losen überträgt und sich dadurch im Status quo ante zu erhalten sucht. 
Der Detaillist wälzt die Schwierigkeiten, die ihm durch die Ansprüche 
und Launen des Publikums entstehen, auf den Grofskaufmann ab, 
dieser auf den Fabrikanten, dieser auf seine Arbeiter. In jeder 
Hierarchie bewegt sich ein neuer Druck oder Zumutung längs der 
Linie des geringsten Widerstandes, welche schliefslich, wenn auch nicht 
der Erscheinung oder dem ersten Stadium nach, die nach unten laufende 
zu sein pflegt. Dies ist die Tragödie des Tiefsten in jeder sozialen 
Ordnung. Er hat nicht nur unter den Entbehrungen, Anstrengungen 
und Zurücksetzungen zu leiden, deren Summe eben seine Stellung 
charakterisiert, sondern jeder neue Druck, der die ihm übergeordneten 
Schichten an irgend einer Stelle trifft, wird, wenn es technisch irgend 
möglich ist, nach unten weitergegeben und macht erst an ihm Halt. 
Die irischen Agrarzustände geben ein sehr reines Beispiel. Der eng- 
lische Lord, der ein Gut in Irland besafs, es aber nie besuchte, ver- 
pachtete es an einen Oberpächter, dieser wieder an kleinere Pächter usw., 
sodafs der arme Bauer sein bifschen Acker oft vom fünften oder sechsten 
Middleman pachten mufste. Dadurch kam es zunächst vor, dafs er für 
einen Acker 6 Pf. Sterling bezahlen mufste, von denen der Besitzer nur 
10 Shilling erhielt; weiterhin aber kam jede Erhöhung des Pachtzinses 
um einen Shilling, die der Besitzer dem Pächter, mit dem er un- 
mittelbar verhandelte, auferlegte, nicht als Erhöhung um einen 
Shilling, sondern um das Zwölffache davon an den Bauern. Denn 
es liegt auf der Hand, dafs die ursprüngliche Vermehrung des 
Druckes nicht in ihrer absoluten Gröfse, sondern in der relativen ab- 
gewälzt wird, welche dem sonst schon bestehenden Mafs der Gewalt 
des Höheren über den Tieferen entspricht. So mag der Verweis, den 
ein Beamter von seinem Vorgesetzten erhält, sich in den gemäfsigten 
Ausdrücken der höheren Bildungsschicht halten 5 dieser Beamte aber 



— 185 — 

wird vielleicht seinen Verdrufs darüber schon durch ein grobes An- 
schreien seines Subalternen äufsern, und dieser prügelt im Ärger 
seine Kinder um einer sonst ganz folgenlosen Veranlassung willen 
durch. 

Während die besonders ungünstige Lage des untersten Elementes 
in einer mehrgliedrigen Über- und Unterordnungsreihe darauf beruht, 
dafs deren Struktur ein gewisses kontinuierliches Gleiten des Druckes 
von oben nach unten zulälst, führt eine formal ganz anders aussehende 
zu ganz ähnlichen Ergebnissen für den Tiefststehenden, insoweit auch 
sie jene Verbindung mit dem höchsten Element vernichtet, die sein 
Rückhalt gegen die mittlere Schicht war. Wenn sich nämlich diese 
letztere so breit und mächtig zwischen die beiden andren schiebt, dafs 
alle Mafsregeln der höchsten Instanz zu gunsten der tiefsten durch 
die mittlere, die im Besitz von Herrschaftsfunktionen ist, hindurch- 
geleitet werden müssen, so bringt dies leicht, statt einer Verbindung 
zwischen oben und unten, eine Abschnürung zwischen ihnen zu- 
wege. Solange Gutsuntertänigkeit bestand, war der Adel ein Träger 
der Verv/altungsorganisation des Staates, er übte seinen Unter- 
tanen gegenüber richterliche, ökonomische, steuerliche Funktionen, 
ohne die der damalige Staat nicht hätte bestehen können, und 
band allerdings auf diese Weise die untertänigen Massen an das all- 
gemeine Interesse und die höchste Macht. Da nun aber der Adel 
noch Privatinteressen hat, in denen er den Bauern für sich ausnutzen 
will, so benutzt er dazu jene Stellung als Verwaltungsorgan zwischen 
Regierung und Bauern und annulliert tatsächlich sehr lange diejenigen 
Mafsregeln und Gesetze, durch die die Regierung sich unmittelbar 
des Bauern annehmen möchte — was sie sehr lange eben nur durch 
den Adel hindurch kann. Es liegt auf der Hand, dafs diese isolierende 
Schichtungsform nicht nur das unterste, sondern auch das oberste 
Glied der Reihe schädigt, denn ihr entgehen die von jener nach oben 
strömenden Kräfte. So wurde das deutsche Königtum im Mittelalter 
dadurch aufserordentlich geschwächt, dafs der aufkommende niedere 
Adel nur dem Hochadel verpflichtet, weil nur von ihm belehnt war. 
Das Mittelglied des hohen Adels schnürte den niederen schliefslich 
ganz von der Krone ab. 

Der Erfolg dieser Struktur, mit ihren Scheidungen und Ver- 
einigungen, hängt übrigens für das unterste Glied natürlich von der 
Tendenz ab, die die oberen Glieder ihm gegenüber besitzen. Durch 



— 186 — 

Modifikationen dieser kann, im Gegensatz zu den bisher beobachteten 
Erscheinungen, die Abtrennung durch das Mittelglied ihm günstig, 
das Übergreifen über dieses hinweg ihm ungünstig sein. Der erstere 
Fall trat in England seit Eduard I. ein, als die Ausübung der Gerichts-, 
Finanz- und Polizeihoheit allmählich in gesetzlichem Auftrag an die 
in den Grafschafts- und Stadtverbänden organisierten besitzenden 
Klassen überging. Diese übernahmen als Gesamtheiten den Schutz 
des Einzelnen gegen die absolute Gewalt. Indem die kommunalen 
Einheiten sich im Parlament zusammenfafsten, wurden sie zu jenem 
Gegengewicht der obersten Gewalt, das den schwachen Einzelnen 
gegen gesetzlose und ungerechte Übergriffe des Staatsregimentes 
deckte. Umgekehrt verlief der Prozefs im Frankreich des ancien regime. 
Hier war der Adel von jeher aufs engste mit dem lokalen Kreise 
verbunden, in dem er verwaltete und herrschte und dessen Interessen 
er der Zentralregierung gegenüber vertrat. In dieses Verhältnis zwischen 
Adel und Bauer drängte sich nun der Staat und nahm jenem all- 
mählig seine Herrschaftsfunktionen ab: die Rechtsprechung wie die 
Armenpflege, die Polizei wie den Wegebau. Mit diesem zentralistischen 
Regime, das nur auf Herausziehen von Geld gerichtet war, wollte 
der Adel nichts zu tun haben, er zog sich von seinen sozialen Auf- 
gaben zurück und überliefs den Bauer den königlichen Intendanten 
und Delegierten, die nur an die Staatskasse oder auch an die eigene 
dachten und den Bauern von seinem ursprünglichen Rückhalt am Adel 
völlig abdrängten. — 

Eine besondre Form der Unterordnung unter eine Mehrheit liegt 
in dem Prinzip der »Überstimmung« von Minoritäten durch Majori- 
täten. Allein diese wurzelt und verzweigt sich, jenseits ihrer Be- 
deutung für die Soziologie der Über- und Unterordnung, in so viel 
weitere Interessen gesellschaftlicher Formung, dafs es angemessen 
scheint, sie in einem besonderen Exkurs zu behandeln. 



Exkurs über die Überstimmung. 

Das Wesen der Gesellschaftsbildung, aus dem die Unvergleich- 
lichkeit ihrer Erfolge, wie die Ungelöstheit ihrer inneren Probleme 
gleichmäfsig hervorgeht, ist dies: dafs aus in sich geschlossenen 
Einheiten — wie die menschlichen Persönlichkeiten es mehr oder 



— 187 ~ 

weniger sind — eine neue Einheit werde. Man kann doch nicht 
ein Gemälde aus Gemälden herstellen, es entsteht doch kein Baum 
aus Bäumen; das Gänse und Selbständige erwächst nicht aus 
Ganzheiten, sondern aus unselbständigen Teilen. Gans allein die 
Gesellschaft macht das Gänse und in sich Zentrierende sum blofsen 
Gliede eines übergreifenden Gänsen. All die ruhelose Evolution 
der gesellschaftlichen Formen im grofsen wie im kleinen ist im 
leisten Grunde nur der immer erneute Versuch, die nach innen hin 
orientierte Einheit und Totalität des Individuums mit seiner sosialen 
Rolle als eines Teiles und Beitrages su versöhnen, die Einheit und 
Totalität der Gesellschaft vor der Sprengung durch die Selbständig- 
keit ihrer Teile su retten. Indem nun jeder Konflikt swischen den 
Gliedern einer Gesamtheit deren Weiterbestand sweifelhaft macht, 
ist es der Sinn der Abstimmung, in deren Restdtat auch die Minori- 
tät sich su fügen einwilligt , dajs die Einheit des Gänsen über 
den Antagonismus der Überseugungen und Interessen unter allen 
Umständen Herr bleiben soll. Sie ist , in all ihrer scheinbaren 
Einfachheit, eines der genialsten unter den Mitteln, den Widerstreit 
der Individuen in ein schliefslich einheitliches Resultat münden su 
lassen. 

Aber diese Form, auch den Dissentierenden einsuschliefsen, mit 
der jeder, an der Abstimmung teilnehmend, ihr Resultat praktisch 
akseptiert , es sei denn , dafs er auf dies Resultat hin überhaupt 
aus dem, Kreise austritt — diese Form ist keineswegs immer so 
selbstverständlich gewesen, wie sie uns heute vorkommt. Teils eine 
geistige Ungelenkheit , die die Herstellung einer sosialen Einheit 
aus dissentierenden Elementen nicht begreift , teils ein starkes In- 
dividualgefühl , das sich keinem Beschlufs ohne volle eigene Zu- 
stimmung fügen mag , haben in vielerlei Gemeinschaften das 
Major itätsprinsip nicht sugelassen , sondern für jeden Beschlufs 
Einstimmigkeit gefordert. Die Entscheidungen der deutschen Mark- 
genossenschaft mujsten einstimmig sein ; was keine Einstimmigkeit 
erreichen konnte, unterblieb. Bis tief in das Mittelalter hinein hat 
der englische Edle, der bei der Bewilligung einer Steuer dissentiert 
hatte oder nicht anwesend war, sich oft geweigert, sie su besahlen. 
Wo für die Erwählung eines Königs oder Führers Einstimmigkeit 
gefordert wird, ist jenes Individualitätsgefühl wirksam; von dem, 
der den Herrn nicht selbst gewählt hat, wird auch nicht erwartet 



— 188 — 

oder verlangt, dafs er ihm gehorche. Im Stammesrat der Irokesen 
wie im. polnischen Reichstag war kein Beschlufs gültig , bei dem. 
auch nur eine Stimme dissentiert hatte. Dennoch hat das Motiv: 
dafs es widerspruchsvoll wäre, eine Gesamtheitsaktion mitzumachen, 
der man als Individuum, widerspricht — solche Forderung von 
Einstimmigkeit noch nicht sur logischen Folge; denn wenn ein 
Vorschlag hei nicht völliger Stimmeneinheit als zurückgewiesen 
gilt, so ist damit zwar die Vergewaltigung der Minorität verhindert, 
aber nun ist timgekehrt die Majorität durch diese vergewaltigt 
Auch das Unterlassen einer von einer Majorität gebilligten Mafs- 
regel Pflegt etwas durchaus Positives, von fühlbaren Folgen Be- 
gleitetes SU sein, und eben dies wird der Gesamtheit, vermöge des 
Prinzips notwendiger Einstimmigkeit, durch die Minorität oktroyiert. 
Abgesehen von dieser Major isierung der Majorität, mit der das 
Einstimmigkeitsprinzip die erstrebte individuelle Freiheit prinzipiell 
negiert, ist es grade im Historisch-Praktischen oft genug in den- 
selben Erfolg ausgelaufen. Für die spanischen Könige gab es gar 
keine günstigere Situation für die Unterdrückung der aragone- 
sischen Cortes als eben diese ^ Freiheit^: bis 1592 konnten die 
Cortes keinen Beschlufs fassen, wenn auch nur ein Mitglied der 
vier Stände widersprach — eine Lähmung der Aktionen, die deren 
Ersatz durch eine weniger behinderte Instanz direkt forderte. Wo 
nun das Fallenlassen eines Antrages , der Verzicht auf ein prak- 
tisches Resultat nicht möglich ist, sondern das letztere unter allen 
Umständen gewonnen werden mufs, wie bei dem Verdikt einer Jury, 
da ruht die Forderting ihrer Einstimmigkeit, der wir z. B. in Eng- 
land und Amerika begegnen, auf der mehr oder weniger unbewufst 
wirkenden Voraussetzung , dafs die objektive Wahrheit auch immer 
subjektiv überzeugend sein müsse, und dafs umgekehrt die Gleich- 
heit der subjektiven Überzeugungen das Kennzeichen des objektiven 
Wahrheitsgehaltes sei. Ein blofser Major itätsbeschlufs enthalte also 
wahrscheinlich noch nicht die volle Wahrheit, da es ihm sonst ge- 
lungen sein müfste, die Gesamtheit der Stimmen auf sich zu ver- 
einigen. Der, trotz seiner scheinbaren Klarheit, im Grunde mystische 
Glaube an die Macht der Wahrheit, an das schliefsliche Zusammen- 
fallen des Logisch - Richtigen mit dem Psychologisch - Wirklichen 
vermittelt hier also die Lösung jenes prinzipiellen Konfliktes 
zwischen den individuellen Überzeugungen und der Forderung an 



— 189 — 

sie, ein einheitliches Gesamtresultat sti ergehen. In seinen prak- 
tischen Folgen biegt dieser Glaube, nicht weniger als jene indivi- 
dualistische Begründung der Stimmeneinheit, seine eigne Grund- 
tendenz um: wo die Jury eingesperrt bleibt , bis sie su einem ein- 
stimmigen Verdikt gelangt ist, liegt für eine etwaige Minorität die 
Versuchung fast unüberwindlich nahe, entgegen ihrer Überseugung, 
die sie nicht durchBusetsen hoffen kann, sich der Majorität ansu- 
schliefsen, um damit das sinnlose und eventuell unaushaltbare Ver- 
längern der Sitsung su vermeiden. 

Wo umgekehrt Majoritätsbeschlüsse gelten, kann die Unter- 
ordnung der Minorität auf swei Motive hin geschehen, deren 
Unterscheidung von äufserster soziologischer Bedeutung ist. Die 
Vergewaltigung der Minorität kann nämlich, erstens, von der Tat- 
sache ausgehen, dafs die Vielen mächtiger sind als die Wenigen. 
Obgleich, oder vielmehr, weil die Einzelnen bei einer Abstimmung 
als einander gleich gelten, würde die Majorität — mag sie sich 
durch Urabstimmung oder durch das Medium einer Vertreterschaft 
als solche herausstellen — die physische Macht haben, die Minori- 
tät SU zwingen. Die Abstimmung dient dem Zwecke, es zu jenem 
unmittelbaren Messen der Kräfte nicht kommen zu lassen, sondern 
dessen eventuelles Resultat durch die Stimmzählung zu ermitteln, 
damit sich die Minorität von der Zwecklosigkeit eines realen Wider- 
standes überzeuge. Es stehen sich also in der Gruppe zwei Par- 
teien wie zwei Gruppen gegenüber, zwischen denen die Macht- 
verhältnisse, repräsentiert durch die Abstimmung, entscheiden. Die 
letztere tut hier die gleichen methodischen Dienste wie diplomatische 
oder sonstige Verhandlungen zwischen Parteien, die die ultima ratio 
des Kampfes vermeiden wollen. Schliefslich gibt auch hier, Aus- 
nahmen vorbehalten , jeder einzelne nur nach, wenn der Gegner 
ihm klar machen kann, dafs der Ernstfall für ihn eine mindestens 
ebenso grofse Einbufse bringen würde. Die Abstimmung ist, wie 
jene Verhandlungen, eine Projizierung der realen Kräfte und ihrer 
Abwägung auf die Ebene der Geistigkeit , eine Antizipation des 
Ausgangs des konkreten Kämpf ens tmd Zwingens in einem ab- 
strakten Symbole. Immerhin vertritt dieses die tatsächlichen Macht- 
verhältnisse und den Unterordnungszwang, den sie der Minorität 
antun. Manchmal aber sublimiert sich dieser aus der physischen 
in die ethische Form. Wenn int späteren Mittelalter oft das Prinzip 



— 190 — 

begegnet: Minderheit soll der Mehrheit folgen — so ist damit offenbar 
nicht nur gemeint, dafs die Minderheit praktisch mittun soll , was 
die Mehrheit beschliefst; sondern sie soll auch den Willen der Mehr- 
heit annehmen, soll anerkennen, dafs diese das Rechte gewollt hat. 
Die Einstimmigkeit herrscht hier nicht als Tatsache, sondern 
als sittliche Forderung, die gegen den Willen der Minorität erfolgte 
Aktion soll durch nachträglich hergestellte Willenseinheit legitimiert 
werden. Die altgermanische Realforderung der Einstimmigkeit ist 
so 3U einer Idealforderung abgehlafst , in der freilich ein gans 
neues Motiv anklingt: von einem inneren Rechte der Majorität, das 
über das Übergewicht der Stimmensahl und über die äufsere Über- 
macht, die durch dieses symbolisiert wird, hinausgeht. Die Majori- 
tät erscheint als die natürliche Vertreterin der Gesamtheit und hat 
Teil an jener Bedeutung der Einheit des Gänsen, die, jenseits der 
blofsen Summe der Individuen stehend , nicht gans eines über- 
empirischen, mystischen Tones entbehrt. Wenn später Grotius be- 
hauptet , die Majorität habe naturaliter jus integri , so ist damit 
jener innerliche Anspruch an die Minorität fixiert; denn ein Recht 
m.ufs man nicht nur, sondern man soll es anerkennen. Dafs 
aber die Mehrheit das Recht des Ganzen -»von Natura, d. h. durch 
innere , vernunftmäfsige Notwendigkeit habe , dies leitet die jetst 
hervorgetretene Nuance des Überstimmungsrechtes bu dessen zweitem, 
bedeutsamem Hauptmotiv über. Die Stimme der Mehrheit bedeutet 
jetBt nicht mehr die Stimme der gröfseren Macht innerhalb der 
Gruppe, sondern das Zeichen dafür, dafs der einheitliche Gruppen- 
wille sich nach dieser Seite entschieden hat. Die Forderung der 
Einstimmigkeit ruhte durchaus auf individualistischer Basis. Das 
war die ursprüngliche soziologische Empfindung der Germanen: 
die Einheit des Gemeinwesens lebte nicht jenseits der Einseinen, 
sondern gans und gar in ihnen; daher war der Gruppenwille 
nicht nur nicht jestgestellt, sondern er bestand überhaupt nicht, so- 
lange noch ein einsiges Mitglied dissentierte. Aber auch wo Über- 
stimmung gilt, hat sie noch eine individualistische Begründung, wenn 
ihr Sinn eben ist, dafs die Vielen mächtiger sind als die Wenigen, 
und dafs die Abstimmung nur das eventuelle Ergebnis der realen 
Messung der Kräfte ohne diese Messung selbst erreichen soll. Dem 
gegenüber ist es nun eine prinsipiell neue Wendung , wettn eine 
objektive Gruppeneinheit mit einem ihr eigenen einheitlichen Willen 



— 191 — 

vorausgesetzt wird, sei es bewufst, sei es, dafs die Praxis so ver- 
läuft, als ob ein solcher für sich seiender Gruppenwille bestünde. 
Der Wille des Staates, der Gemeinde , der Kirche, des Zweckver- 
bandes besteht nun ebenso jenseits des Gegensatzes der in ihm 
enthaltenen Individualwillen, wie er jenseits des zeitlichen Wechsels 
seiner Träger besteht. Er mufs, da er nur einer ist, in bestimmter, 
einheitlicher Weise agieren, und da dem die Tatsache der antago- 
nistischen Wollungen seiner Träger entgegensteht , so löst man 
diesen Widerspruch durch die Annahme, dafs die Majorität diesen 
Willen besser kennt oder repräsentiert als die Minorität. Die Unter- 
ordnung der letzteren hat hier also einen ganz andern Sinn als 
vorher, denn sie ist prinzipiell nicht aus- sondern eingeschlossen, 
und die Majorität agiert nicht im Namen ihrer eigenen gröfseren 
Macht , sondern in dem der idealen Einheit und Gesamtheit , und 
nur dieser, die durch den Mund der Majorität spricht, ordnet sich 
die Minorität unter, weil sie ihr von vornherein zugehört. Dies 
ist das innere Prinzip der parlamentarischen Abstimmungen , in- 
sofern jeder Abgeordnete sich als der Beauftragte des ganzenVolkes 
fühlt, im Gegensatz zu Interessenvertretungen, für die es schlief s- 
lich immer auf das individualistische Prinzip der Kräftemessung 
herausläuft, und ebenso zu Lokalvertretungen, die auf der irrigen 
Vorstellung beruhen, dafs die Gesamtheit der Lokalinteressen gleich 
dem Gesamtheitsinteresse wäre. Der Übergang zu diesem funda- 
mentalen soziologischen Prinzip ist in der Entwicklung des eng- 
lischen Unterhauses zu beobachten. Seine Mitglieder gelten von 
vornherein nicht als die Vertreter einer bestimmten Zahl von Bürgern, 
aber auch nicht als die der Volksgesamtheit, sondern als Abgeord- 
nete bestimmter politischer Lokalverbände , Ortschaften und Graf- 
schaften, die eben das Recht 'hatten , an der Parlamentsbildung 
mitzuwirken. Dies Lokalprinzip, so streng festgehalten, dafs lange 
Z£it jedes Mitglied der Commons in seinem Wahlort seinen Wohnsitz 
haben mufste, war immerhin schon irgendwie idealer Natur, indem 
es sich über die blofse Summe der individuellen Wähler erhob. Nun 
bedurfte es nur des Überhandnehmens und des Bewufstwerdens der 
allen diesen Verbänden gemeinsamen Interessen, um den höheren 
Verband, dem sie alle angehörten: die Staatseinheit, allmählig als 
das eigentliche Subjekt ihrer Beauftragung erscheinen zu lassen. 
Die einzelnen Bezirke , die sie vertreten, wachsen durch die Er- 



— 192 — 

kenntnis ihrer wesentlichen Solidarität bu dem Staatsgansen der- 
art zusammen , dafs jene Bezirke nur noch die Funktion üben , den 
Abgeordneten für die Vertretung dieses Gänsen bu designieren. Wo 
derart ein einheitlicher Gruppenwille supponiert wird , da dissen- 
tieren die Elemente der Minorität sozusagen als blofse Individuen, 
nicht als Gruppenglieder. Dies allein kann der tiefere Sinn der 
Lockeschen Theorie über den Urvertrag sein, der den Staat be- 
gründen soll. Dieser mufs, weil er das absolute Fundament der 
Vereinigung bildet, durchaus einstimmig abgeschlossen sein. Allein 
er enthält nun seinerseits die Bestimmung , dafs jeder den Willen 
der Majorität als den seinigen ansehen werde. Indem das Indivi- 
duum, den Sosialvertrag schliefst , ist es noch absolut frei , kann 
also keiner Überstimmung unterworfen werden. Hat es ihn aber 
geschlossen, so ist es nun nicht mehr freies Individuum , sondern 
Gesellschaftswesen und als solches ein blofser Teil einer Einheit, 
deren Wille seinen entscheidenden Ausdruck tn dem Willen der 
Mehrheit findet. Es ist nur eine entschiedene Formulierung dafür, 
wenn Rousseau in der Überstimmung deshalb keine Vergewaltigung 
erblickt , weil nur ein Irrtum des Dissentierenden sie provozieren 
könne ; er habe etwas für die volonte generale gehalten , was sie 
nicht sei. Es liegt dem eben auch die Überzeugung zugrunde, 
dafs man als Gruppenelement nichts andres wollen könne als den 
Willen der Gruppe, über den sich wohl der Einzelne , aber nicht 
die Mehrheit der Einzelnen täuschen könne. Darum trennt Rousseau 
sehr fein die formale Tatsache der Stimmabgabe von deren je- 
weiligem Inhalt, und erklärt, dafs man schon durch jene an und 
für sich an der Bildung des Gemeinwillens teilnähme. Man ver- 
pflichtet sich dadurch, so könnte man den Rousseauschen Gedanken 
explizieren, sich der Einheit dieses Willens nicht zu entziehen, sie nicht 
zu zerstören, indem man seinen Eigenwillen der Mehrheit entgegen- 
setzt. So ist die Unterordnung unter die Majorität nur die logische 
Konsequenz der Zugehörigkeit zu der sozialen Einheit, die man 
durch die Stimmabgabe deklariert hat. Die Praxis steht dieser 
abstrakten Theorie nicht völlig fern. Über die Föderation der eng- 
lischen Gewerkvereine sagt ihr bester Kenner , dafs Majoritäts- 
beschlüsse in ihnen nur in soweit berechtigt und praktisch möglich 
wären, als die Interessen der einzelnen Konföderierten gleichartige 
wären. Sobald aber die Meinungsverschiedenheiten der Majorität und 



— 193 — 

der Minorität aus einer wirklichen Interessenverschiedenheit 
hervorgingen, so führte jeder durch Überstimmung ausgeübte 
Zwang unvermeidlich su einer Trennung der Teilnehmer. Das heifst 
also, dafs eine Abstimmung nur dann Sinn hat, wenn die vorhandenen 
Interessen su einer Einheit zusammengehen können. Verhindern 
auseinander gehende Bestrebungen diese Zentralisierung , so wird 
es widerspruchsvoll, einer Majorität die Entscheidung anzuver- 
trauen , da der Einheitswille , den sie sonst freilich besser als die 
Minderheit su erkennen vermöchte, sachlich nicht vorhanden ist. 
Es besteht der scheinbare Widerspruch , der aber das Verhältnis 
von seinem Grunde her beleuchtet: dafs gerade, wo eine über- 
individuelle Einheit besteht oder vorausgesetzt wird. Über Stimmung 
möglich ist; wo sie fehlt, bedarf es der Einstimmigkeit, die jene 
prinzipielle Einheit durch die tatsächliche Gleichheit von Fall zu 
Fall praktisch ersetzt. Es ist ganz in diesem Sinn, wenn das 
Stadtrecht von Leiden 1266 bestimmt, dafs zur Aufnahme von Aus- 
wärtigen in die Stadt die Genehmigung der acht Stadtschößen er- 
forderlich ist, für Gerichtsurteile aber nicht Einstimmigkeit, sondern 
nur einfache Majorität unter diesen verlangt wird. Das Gesetz, 
nach dem die Richter urteilen, ist ein für allemal einheitlich be- 
stimmt, und es handelt sich nur darum, das Verhältnis des ein- 
zelnen Falles zu erkennen; was der Mehrheit voraussichtlich 
richtiger als der Minderheit gelingt. Die Aufnahme eines neuen 
Bürgers aber berührt all die mannigfaltigen und auseinander 
liegenden Interessen innerhalb der Bürgerschaft, so dafs ihre Be- 
willigung nicht aus der abstrakten Einheit derselben, sondern nur 
aus der Summe aller Einzelinteressen heraus, d. h. bei Einstimmig- 
keit, ausgesprochen werden kann. 

Diese tiefere Begründung der Überstimmung , nur den sozu- 
sagen ideell bereits bestehenden Willen einer mafsgebenden Einheit 
zu offenbaren, hebt indes praktisch die Schwierigkeit nicht, die der 
Majorität als blofsem , vergewaltigendem Machtplus anhaftet. 
Denn der Konflikt darüber, was denn nun der Willensinhalt jener 
abstrakten Einheit wäre, wird oft nicht leichter zu lösen sein, als 
der der unmittelbaren, realen Interessen. Die Vergewaltigung der 
Minorität ist keine geringere , auch wenn sie auf diesem Umwege 
und unter einem andern Titel geschieht. Wenigstens müfste dem 
Begriff der Majorität noch eine ganz neue Dignität zugefügt 

Simmel, Soziologie. 13 



— 194 — 

werden : denn es mag swar plausibel sein , ist aber keineswegs 
'Von vornherein sicher, dafs die bessere Erkenntnis auf Seiten der 
Mehrheit ist. Insbesondere wird dies da zweifelhaft sein, wo die 
Erkenntnis und das ihr folgende Handeln auf die Selbstverant- 
worilichkeit des Einseinen gestellt ist, wie in den vertiefteren Reli- 
gionen. Die ganse christliche Religionsgeschichte hindurch lebt die 
Opposition des individuellen Gewissens gegen die Beschlüsse und 
Aktionen der Majoritäten. Als im zweiten Jahrhundert die christ- 
lichen Gemeinden eines Bezirkes Versammlungen zur Beratung 
religiöser und äufserer Angelegenheiten einführten, waren aus- 
drücklich die Resolutionen der Versammlung für die dissentierende 
Minderheit nicht verbindlich. Allein mit diesem Individualismus 
trat die Einheitsbestrebung der Kirche in einen nicht lösbaren 
Konflikt. Der römische Staat wollte nur eine einheitliche Kirche 
anerkennen, sie selbst suchte sich durch Imitation der staatlichen 
Einheit zu festigen — so wurden die ursprünglich selbständigen 
christlichen Gemeinden zu einem Gesamtgebilde verschmolzen, dessen 
Konzilien mit Stimmenmehrheit über die Glaubensinhalte entschieden. 
Dies war eine unerhörte Vergewaltigung der Individuen oder min- 
destens der Gemeinden, deren Einheit bisher nur in der Gleichheit 
der von jedem für sich besessenen Ideale und Hoffnungen be- 
standen hatte. Eine Unterwerfung in Glaubenssachen mochte es 
aus inneren oder persönlichen Gründen geben; dafs aber die 
Majorität als solche die Unterwerfung forderte und jeden Dissen- 
tierenden für einen NichtChristen erklärte — das liefs sich nur, 
wie ich andeutete , durch die Hinzunahme einer ganz neuen Be- 
deutung der Majorität rechtfertigen: man mufste annehmen, dafs 
Gott immer mit der Majorität wäre! Dieses Motiv durchzieht, als 
unbewufst grundlegendes Gefühl oder irgendwie formuliert, die 
ganze spätere Entwicklung der Abstimmungsformen. Dafs eine 
Meinung nur deshalb, weil ihre Träger ein gröfseres Quantum 
ausmachen als die einer andern Meinung, den Sinn der über- 
individuellen Einheit Aller treffen sollte, ist ein ganz unerweisliches 
Dogma, ja, von vornherein so wenig begründet, dafs es ohne Zu- 
hilfenahme einer mehr oder weniger mystischen Beziehung zwischen 
jener Einheit und der Majorität eigentlich in der Luft schivebt oder 
auf dem etwas kläglichen Fundament ruht, dafs eben doch irgend- 
wie gehandelt werden mufs, und dafs, wenn man auch schon von 



— 195 — 

der Majorität nicht annehmen darf, sie wisse als solche das Rich- 
tige , doch erst recht kein Grund vorliegt, dies von der Minorität 
anzunehmen. 

Alle diese Schwierigkeiten, die die Forderung der Einstimmig- 
keit wie die Unterordnung der Minorität von verschiedenen Seiten 
her hedrohen, sind nur der Ausdruck für die fundamentale Pro- 
blematik der ganzen Situation: eine einheitliche Willensaktion aus 
einer Gesamtheit zu extrahieren , die aus verschieden gerichteten 
Individuen besteht. Diese Rechnung kann nicht glatt aufgehen, 
so wenig man aus schioarsen und weifsen Elementen ein Gebilde 
herstellen kann, mit der Bedingung , dafs das Gebilde als Ganzes 
schwarz oder weifs sei. Selbst in jenem günstigsten Fall einer 
supponierten Gruppeneinheit jenseits der Individuen, für deren 
Tendenzen die Stimmzählung nur Erkenntnismittel ist — bleibt 
es nicht nur unausgemacht , dafs die sachlich notzvendige Ent- 
scheidung mit der aus der Stimmzählung folgenden identisch sei; 
sondern, selbst angenommen , die Elemente der Minorität dissen- 
tieren wirklich nur als Individuen, nicht als Elemente jener 
Gruppeneinheit, so sind sie doch als Individuen vorhanden , ge- 
hören doch jedenfalls der Gruppe im weiteren Sinne an und sind 
nicht vor dem Ganzen schlechthin ausgelöscht. Irgendwie ragen 
sie doch auch als Individuen mit ihrem Dissens in das Ganze der 
Gruppe hinein. Die Trennung des Menschen als Sozialwesen von 
ihm als Individuum ist zwar eine nötige und nützliche Fiktion, 
mit der aber die Wirklichkeit und ihre Forderungen keineswegs 
erschöpft sind. Es charakterisiert die Unzulänglichkeit und das 
Gefühl des inneren Widerspruchs der Abstimmungsmethoden, dafs 
an manchen Stellen, zuletzt wohl noch im ungarischen Reichstag 
bis in die dreifsig er Jahre des 19. Jahrhunderts, die Stimmen nicht 
gezählt, sondern gewogen wurden; so dafs der Vorsitzende auch 
die Meinung der Minorität als Ergebnis der Abstimmung verkünden 
konnte ! Es erscheint unsinnig , dafs ein Mensch sich einer für 
fälsch gehaltenen Meinung unterwirft , hlofs weil andre sie für 
richtig halten — andre, von denen jeder einzelne, grade nach der 
Voraussetzung der Abstimmung, ihm gleichberechtigt und gleich- 
wertig ist; aber die Forderung der Einstimmigkeit , mit der man 
diesem Widersinn begegnen will, hat sich als nicht weniger wider- 
spruchsvoll und vergewaltigend gezeigt. Und dies ist kein zu- 

13* 



— 196 — 

fälliges Dilemma und blofs logische Schwierigkeit , sondern es ist 
nur eines der Symptome der tiefen und tragischen Zwiespältigkeit, 
die jede Gesellschaftsbildung, jede Formung einer Einheit aus Ein- 
heiten , in ihrem Grunde durchsieht. Das Individuum, das aus 
einem inneren Fundament heraus lebt, das sein Handeln nur ver- 
antworten kann, wenn seine eigene Über Beugung es lenkt, soll 
nicht nur seinen Willen auf die Zwecke andrer einstellen — dies 
bleibt, als Sittlichkeit, immer Sache des eigenen Willens und quillt 
aus dem Innersten der Persönlichkeit ; sondern es soll mit seine^n 
auf sich ruhenden Sein sunt Gliede einer Gesamtheit werden , die 
ihr Zentrum, aufserhalb seiner hat. Es handelt sich nicht um ein- 
Beine Harmonien oder Kollisionen dieser beiden Forderungen; 
sondern dartim, dafs wir innerlich unter swei gegeneinander 
fremden Normen stehen, dafs die Bewegung um das eigne Zentrum, 
die etwas völlig andres ist, als Egoismus, ebenso etwas Definitives 
und der entscheidende Sinn des Lebens bu sein verlangt , wie die 
Bewegung um das sosiale Zentrum dieses fordert. In die Ab- 
stimmung über die Aktion der Gruppe nun tritt der EinBeine nicht 
als Individuum, sondern in jener gliedmäfsigen, überindividuellen 
Funktion ein. Aber der Dissens der Stimmen verpflanBt auf diesen 
schlechthin soBialen Boden noch einen AbglanB , eine sekundäre 
Form der Individualität und ihrer Besonderheit. Und selbst diese 
Individualität, die nichts als den Willen der üb er individuellen 
Gruppeneinheit bu erkennen und darBustellen verlangt, wird durch 
die Tatsache der Überstimmung noch verneint. Selbst hier mufs 
die Minorität, bu der bu gehören die unvermeidbare Chance eines 
jeden bildet, sich unterwerfen, und Bwar nicht nur in dem ein- 
fachen Sinne, in dem auch sonst Über Beugungen und Bestrebungen 
von entgegenstehenden Mächten verneint und ihre Wirkung aus- 
gelöscht wird: sondern in dem soBusagen raffinierteren , dafs der 
Unterlegene, weil er in der Gruppeneinheit befafst ist , die Aktion 
positiv mitmachen mufs, die gegen seinen Willen und seine Über- 
Beugung beschlossen ist, ja, dafs er durch die Einheitlichkeit der 
schlief slicheh Entscheidung , die keine Spur seines Dissenses ent- 
hält , als Mitträger derselben gilt. Dadurch wird die Über- 
stimmung, über die einfache praktische Vergewaltigung des 
Einen durch die Vielen hinaus, bu dem übersteigertsten Aus- 
druck des in der Erfahrung oft harmonisierenden , im PrinBip 



— 197 — 

aber unversöhnlichen und tragischen Dualismus zwischen dem 
Eigenleben des Individuums und dem des gesellschaftlichen 
Gänsen. 



Ich komme nun endlich zu dem dritten Formtypus: in dem die 
Unterordnung weder unter einen Einzelnen, noch unter eine Mehrheit, 
sondern unter ein unpersönliches, objektives Prinzip stattfindet. Dafs 
hier eine eigentliche Wechselwirkung, zum mindesten eine unmittel- 
bare, ausgeschlossen ist, scheint dieser Unterordnungsform das Ele- 
ment der Freiheit zu nehmen. Wer einem objektiven Gesetz unter- 
geordnet ist, fühlt sich von diesem bestimmt, er selbst aber bestimmt 
jenes in keiner Weise, er hat keine Möglichkeit, in einer das Gesetz selbst 
treffenden Weise darauf zu reagieren, wie doch der armseligste Sklave 
es noch immer in irgend einem Mafse seinem Herrn gegenüber kann. 
Denn wer dem Gesetze etwa nicht gehorcht, ist ihm insofern über- 
haupt nicht real untergeordnet, und wenn er das Gesetz abändert, so 
ist er dem alten Gesetz gamicht, dem neuen aber wieder in jener 
schlechthin unfreien Weise untergeordnet. Dennoch ist für den modernen, 
objektiven Menschen, der das Gebiet spontaner Wirksamkeit und das 
des Gehorsams auseinanderzuhalten weifs, die Unterordnung unter ein 
Gesetz, das von unpersönlichen, unbeeinflulsbaren Mächten exekutiert 
wird, der würdigere Zustand. Anders aber, wo die Persönlichkeit ihr 
Selbstgefühl nur bei jener vollen Spontaneität bewahren konnte, die 
auch bei voller Unterordnung noch immer mit der Gegenwirkung von 
Person zu Person verbunden ist. Darum erfuhren noch die Fürsten 
des 16. Jahrhunderts in Frankreich, Deutschland, Schottland, den 
Niederlanden oft erheblichen Widerstand, wenn sie durch gelehrte 
Substitute oder durch Verwaltungskörper, also mehr nach Gesetzen, 
regieren liefsen. Der Befehl wurde als etwas Persönliches empfunden; 
Gehorsam wollte man ihm nur aus persönlicher Hingabe leisten, die 
bei aller Unbedingtheit doch immer die Form einer freien Gegenseitig- 
keit hat. 

Fast in die Karikatur schlägt dieser leidenschaftliche Personalis- 
mus des Unterordnungsverhältnisses um, wenn aus Spanien am Beginn 
der Neuzeit berichtet wird: ein verarmter Adeliger, der in einem 
grofsen Hause Koch oder Lakai wurde, verlor damit seinen Adel 
nicht definitiv — dieser schlief nur und konnte, bei einer günstigen 
Wendung des Schicksals, wieder geweckt werden. War ein solcher 



— 198 — 

Edelmann aber einmal Handwerker geworden, so war sein Adel ver- 
nichtet. Der modernen Empfindung, die die Leistung und die Person 
sondert und deshalb in einer möglichsten Objektivität des Abhängig- 
keitsinhaltes die persönliche Würde am besten gewahrt sieht, wider- 
spricht dies unmittelbar: ein amerikanisches Mädchen etwa, das ohne 
jedes Gefühl von Entwürdigung in einer Fabrik arbeiten würde, käme 
sich als Köchin in einer Familie völlig deklassiert vor. Und schon 
im 13. Jahrhundert enthalten in Florenz die unteren Zünfte die 
Beschäftigungen im unmittelbaren Dienste von Personen: Schuster, 
Gastwirte, Schullehrer, während die zwar noch immer dem Publikum 
dienenden, aber doch objektiveren, von der Einzelperson unab- 
hängigeren, die höheren Zünfte bilden, wie Tuchmacher und Krämer. 
In Spanien aber, wo die ritterlichen Traditionen, mit ihrem Einsatz 
der Person in alles Tun, noch lebendig waren, mufste jedes noch 
einigermafsen von Person zu Person gehende Verhältnis als erträglich 
gelten, jede Unterordnung unter mehr sachliche Anforderungen da- 
gegen, jede Einfügung in einen Zusammenhang unpersönlicher, weil 
vielen und anonymen Personen dienender Leistungen als gänzlich 
entwürdigend. Noch in den Rechtstheorien des Althusius klingt eine 
Aversion gegen die Objektivität des Gesetzes nach. Der summus magi- 
stratus übt bei ihm zwar fremdes Recht, aber nicht als Vertreter des 
Staates, sondern nur, weil er vom Volk bestellt ist; dafs statt der 
vom Volk persönlich erfolgenden oder vorausgesetzten Berufung auch 
die Berufung durch Gesetz den Herrscher zum Vertreter des Staates 
designieren könnte, ist eine ihm noch fremde Idee. Dem Altertum 
dagegen war die Unterordnung unter das Gesetz gerade wegen seines 
Mangels an Personalcharakter besonders angemessen erschienen. 
Aristoteles pries das Gesetz als xh [xeaov, das Gemäfsigte, Unparteiische^ 
von Leidenschaften Freie, und schon Plato hatte im gleichen Sinne 
die Herrschaft des unpersönlichen Gesetzes als das beste Mittel an- 
erkannt, um der Selbstsucht entgegenzuwirken. Während dies aber 
nur eine psychologische Motivierung war, die den Kern der Frage^ 
die prinzipielle und nicht von utilitarischen Konsequenzen hergeleitete 
Wendung vom Personalismus zum Objektivismus des Gehorsams- 
verhältnisses nicht traf, findet sich bei Plato auch noch die andre 
Theorie : im idealen Staat stehe die Einsicht des Herrschers über dem 
Gesetze; sobald das Wohl des Ganzen es ihm zu erfordern scheine^ 
müsse er auch gegen seine eigenen Gesetze handeln können. Nur wo 



— 199 — 

es keine wahren Staatsmänner gäbe, wären Gesetze erfordert, die 
unter keinen Umständen durchbrochen werden dürften. Das Gesetz 
erscheint hier also als das geringere Übel, aber nicht weil die Unter- 
ordnung unter eine Person, wie für jene germanische Empfindung, 
ein Element von freier Würde besäfse, der gegenüber aller Gesetzes- 
gehorsam etwas mechanisches und passivistisches hat. Sondern als 
der Mangel des Gesetzes wird seine Starrheit empfunden, durch die 
es den wechselnden und nicht vorauszusehenden Forderungen des 
Lebens ungefüge und ungenügend gegenübersteht — ein Übel, dem 
nur die an kein Präjudiz gebundene Einsicht eines persönlichen 
Herrschers entgeht, und das sich nur, wo diese Einsicht fehlt, in 
einen relativen Vorteil verwandelt. Es bleibt also hier immer der I n - 
halt des Gesetzes und, sozusagen, dessen Aggregatzustand, der seinen 
Wert oder Unwert gegenüber der Unterordnung unter Personen be- 
stimmt. Dals das Gehorsamsverhältnis in seinem inneren Prinzip und 
dem ganzen Lebensgefühl des Gehorchenden nach ein andres ist, ob 
es von einem Gesetz oder einer Person ausgeht, tritt in diese Er- 
wägungen nicht ein. Die ganz allgemeine oder formale Relation 
zwischen Gesetzesherrschaft und Personenherrschaft ist zunächst frei- 
lich praktisch auszudrücken: wo das Gesetz nicht kräftig oder weit 
genug ist, bedarf es der Personen — und wo die Personen nicht zu- 
länglich sind, bedarf es des Gesetzes. Aber, weit darüber hinaus, 
hängt es von Entscheidungen letzter, indiskutabler soziologischer Wert- 
gefühle ab, ob man die Herrschaft von Menschen als das Provisorium 
für die Herrschaft des vollendeten Gesetzes ansieht, oder umgekehrt 
die Herrschaft des Gesetzes nur für einen Lückenbüfser oder ein 
faute de mieux gegenüber der Herrschaft der zum Herrschen absolut 
qualifizierten Persönlichkeit. — 

Die objektive Instanz kann noch in andrer Gestalt zum Dreh- 
punkt des Verhältnisses zwischen dem Über- und dem Untergeordneten 
werden: indem nicht ein Gesetz oder ideelle Norm, sondern ein kon- 
kreter Gegenstand die Herrschaftsbeziehung vermittelt. So unter der 
Gültigkeit des Patrimonialprinzips, nach dem die Untertanen als solche 
nur Kompetenzen des Landgebietes sind, innerhalb der Leibeigenschaft, 
wo »die Luft eigen machte«, am radikalsten bei der russischen Leib- 
eigenschaft ; denn deren furchtbare Härte schlols immerhin jene persön- 
liche Versklavung, die auch den Verkauf des Sklaven gestattet hätte, 
aus und band das Untertänigkeitsverhältnis derartig an das Landgut, 



— 200 — 

dafs der Leibeigene nur mit diesem zugleich veräufsert werden konnte. 
Bei aller inhaltlichen und quantitativen Differenz wiederholt sich diese 
Form doch manchmal an der Lage des modernen Fabrikarbeiters, den 
sein eigenes Interesse vermittels gewisser Veranstaltungen an eine 
Fabrik fesselt : wenn ihm etwa die Erwerbung eines eigenen Häuschens 
ermöglicht worden ist, wenn er sich an Wohlfahrtseinrichtungen mit 
eigenem Aufwand beteiligt hat, der für ihn verloren ist, sobald er die 
Fabrik verlälst usw. So ist er, rein durch Objekte, in einer Weise 
gefesselt, die ihn dem Unternehmer gegenüber in einer ganz be- 
sonderen Weise wehrlos macht. Ja, schliefslich war es dieselbe Herr- 
schaftsform, die in dem primitivsten patriarchalischen Verhältnis nicht 
durch ein blofs räumliches, sondern durch ein lebendiges Objekt ver- 
mittelt wurde: die Kinder gehörten dem Vater, nicht weil er ihr Er- 
zeuger war, sondern weil die Mutter ihm gehörte — wie dem Besitzer 
eines Baumes auch dessen Früchte gehören; so dafs auch die von 
andren Vätern erzeugten Kinder nicht weniger sein Eigentum waren. 
Dieser Herrschaftstypus pflegt eine entwürdigende Härte und Un- 
bedingtheit des Unterworfenseins mit sich zu bringen. Denn, indem« 
der Mensch daraufhin unterworfen ist, dafs er einem Ding zugehört, 
sinkt er psychologisch selbst in die Kategorie eines blofsen Dinges 
Wo das Gesetz die Herrschaft vermittelt, — so könnte man unter den 
nötigen Vorbehalten sagen — da rückt der Übergeordnete in die 
Schicht der Objektivität, wo ein Ding es tut, geschieht eben dies dem 
Untergeordneten. Die Situation dieses pflegt deshalb im ersteren Fall 
im allgemeinen eine günstigere, im zweiten eine ungünstigere zu sein, 
als in vielen Fällen rein personaler Unterordnung. 

Ein soziologisches Interesse im unmittelbaren Sinne heftet sich 
nun an die Unterordnung unter ein objektives Prinzip in zwei wesent- 
lichen Fällen. Einmal dann, wenn jenes ideale, übergeordnete Prinzip 
sich als psychologische Verdichtimg einer realen sozialen Macht deuten 
läfst, und zweitens, wenn es unter denjenigen, welche ihm gemeinsam 
untergeordnet sind, spezifische und charakteristische Verbindungen 
stiftet. Das erstere ist vor allem angesichts der sittlichen Imperative 
in Betracht zu ziehen. Im sittlichen Bewufstsein fühlen wir uns einem 
Gebot untergeordnet, das von keiner menschlichen, personalen Macht 
getragen scheint. Wir vernehmen die Stimme des Gewissens nur in 
uns, wenn gleich mit einer Kraft, einer Entschiedenheit gegenüber 
allem subjektiven Egoismus, wie sie nur einer aufserhalb des Sub- 



— 201 — 

jekts gelegenen Instanz scheint entstammen zu können. Diesen Wider- 
spruch hat man bekanntlich dadurch zu lösen versucht, dafs man die 
Inhalte der Sittlichkeit aus sozialen Geboten herleitete: was der 
Gattung und der Gruppe nützlich ist, und was diese deshalb um ihrer 
Selbsterhaltung willen von ihren Mitgliedern fordert, das werde den 
Individuen allmählich als Instinkt angezüchtet, so dafs es als eigene 
autonome Empfindung neben den eigentlich persönlichen, und deshalb 
oft im Gegensatz gegen diese, in ihnen aufträte. Dadurch erkläre sich 
der Doppelcharakter des sittlichen Gebots: dafs es uns einerseits als 
ein unpersönlicher Befehl entgegentritt, dem wir uns einfach unter- 
zuordnen haben, und dafs doch andrerseits keine äufsere Macht, sondern 
nur unser eigenster und innerster Impuls es uns auferlegt. Jedenfalls 
liegt hier einer der Fälle vor, in denen das Individuum innerhalb 
seines Bewufstseins die Beziehungen wiederholt, die zwischen ihm als 
Ganzem und der Gruppe bestehen. Es ist eine alte Beobachtung, dafs 
die Vorstellungen der Einzelseele in ihren ganzen Verhältnissen der 
Assoziation und der Scheidung, der Differenzierung und der Verein- 
heitlichung sich so verhalten, wie sich Individuen zueinander ver- 
halten. Hiervon bildet es eine eigentümliche Spezialisierung, dafs jene 
innerpsychologischen Relationen nun nicht nur die zwischen Indi- 
viduen überhaupt, sondern zwischen dem Individuum und dem um- 
gebenden Kreis repetieren. Was die Gesellschaft von ihrem Mitglied 
fordert: Einordnung und Treue, Altruismus und Arbeit, Selbst- 
beherrschung und Wahrhaftigkeit — alles dies fordert der Einzelne 
von sich selbst. 

Es gehen dabei mehrere sehr bedeutsame Motive durcheinander. 
Die Gesellschaft tritt dem Einzelnen mit Vorschriften gegenüber, an 
deren Zwang er sich gewöhnt, bis es der gröberen und feineren Mittel, 
die diesen Zwang trugen, nicht mehr bedarf. Entweder wird seine 
Natur dadurch so gebildet oder umgebildet, dafs er wie triebhaft in 
diesem Sinne handelt, mit einheitlich unmittelbarem Wollen, das kein 
Bewufstsein eines Gesetzes einschliefst; so fehlte den vorislamitischen 
Arabern jeder Begriff eines objektiv rechtlichen Zwanges, die letzte 
Instanz war überall die rein persönliche Entscheidung ; allein diese war 
durchaus von dem Stammesbewufstsein und den Erfordernissen des 
Stammeslebens durchtränkt und normiert. Oder das Gesetz lebt als be- 
fehlendes, durch den Autoritätswert der Gesellschaft getragenes, im 
individuellen Bewufstsein, aber unabhängig davon, ob die Gesellschaft 



— 202 — 

wirklich noch mit ihrer Zwangsmacht oder selbst nur mit ihrem aus- 
gesprochenen Willen dahintersteht. Das Individuum vertritt so sich 
selbst gegenüber die Gesellschaft, das äufsere Sich-Gegenüberstehen, 
mit seinen Unterdrückungen, Befreiungen, wechselnden Akzentuierungen, 
ist zum Wechselspiel zwischen seinen sozialen Impulsen und denen 
seines Ich im engeren Sinne gew^orden, wobei beides vom Ich im 
weiteren Sinne umfafst ist. Allein dies ist noch nicht die oben an- 
gedeutete, wirklich objektive Gesetzlichkeit, in deren B^wufstsein sich 
kein historisch-sozialer Ursprung mehr verrät. Auf einer gewissen 
höheren Stufe der Sittlichkeit liegt das Motiv des Handelns nicht 
mehr in einer real-menschlichen, wenn auch überindividuellen Macht; 
sondern der Quell der sittlichen Notwendigkeiten fliefst hier jenseits des 
Gegensatzes von Individuum und Gesamtheit. Denn ebenso wenig 
wie aus der letzteren stammen sie aus der singulären Wirklichkeit 
des individuellen Lebens. Nur ihren Träger, nur den Ort ihrer Wirk- 
samkeit haben sie an dem freien Gewissen des Handelnden, an der 
individuellen Vernunft. Ihre verpflichtende Kraft stammt aus ihnen 
selbst, aus ihrer inneren, überpersönlichen Geltung, aus einer objek- 
tiven Idealität, die wir anerkennen müssen, ob wir wollen oder nicht, 
wie eine Wahrheit, deren Gültigkeit von ihrem Realwerden in einem 
Bewufstsein völlig unabhängig ist. Der Inhalt aber, der diese Formen 
erfüllt, ist — nicht notwendig, aber häufig — das gesellschaftliche 
Erfordernis, das jetzt sozusagen nicht mehr mit seinem sozialen Im- 
petus wirkt, sondern wie in der Metempsychose in eine Norm, die um 
ihrer selbst willen, nicht meinethalben und nicht deinethalben, erfüllt 
werden soll. Es handelt sich hier um Unterschiede, die psychologisch 
nicht nur von der gröfsten Zartheit sind, sondern deren Grenzen auch 
in der Praxis fortwährend verschwimmen. Aber dieses Durcheinander 
der Motivierungen , in denen die seelische Wirklichkeit sich bewegt, 
macht ihre prinzipielle Sonderung um so dringlicher. Ob die Gesell- 
schaft und das Individuum sich wie Macht und Macht gegenüberstehen 
und die Unterordnung des letzteren durch eine wie aus ununterbrochener 
Quelle fliefsende, sich stetig erneuernde Energie der ersteren bewirkt 
wird; oder ob diese Energie sich zu einem psychologischen Impuls in 
der Seele des Individuums transformiert und dieses, sich als Sozialwesen 
fühlend, seine gegen sein »egoistisches« Teil selbst gerichteten Impulse 
bekämpft imd unterdrückt ; oder ob das Sollen, das der Mensch über sich 
vorfindet, als eine ebenso objektive Tatsächlichkeit wie das Sein, sich 



— 203 — 

nur mit dem Inhalte gesellschaftlicher Lebensbedingungen füllt — das 
sind Typen, die die Unterordnungsarten des Einzelnen unter seine 
Gruppe erst erschöpfen. Die drei Potenzen, die das geschichtliche 
Leben erfüllen: die Gesellschaft, die Individuen, die Objektivität — 
werden hier der Reihe nach zu normgebenden, aber so, dafs jede von 
ihnen den sozialen Inhalt, das Überordnungsquantum der Gesellschaft 
über den Einzelnen, in sich aufnimmt, jede von ihnen die Macht, den 
Willen, die Notwendigkeiten der Gesellschaft in besonderer Weise 
formt und vorträgt. 

Die Objektivität ist in dem Verhältnis dieser drei nicht nur als 
das schlechthin gültige, über den beiden andern in einem idealen 
Reiche thronende Gesetz, sondern gleichsam noch nach einer andern 
Dimension hin bestimmbar. Die Gesellschaft ist oft das Dritte, das 
die Konflikte zwischen dem Individuum und der Objektivität löst oder 
zwischen ihren Zusammenhangslosigkeiten Brücken schlägt. Auf dem 
Gebiet des genetischen Erkennens hat der Gesellschaftsbegriff uns 
von der Alternative früherer Zeiten befreit: dafs ein Kulturwert ent- 
weder aus einem Individuum entsprungen oder von einer objektiven 
Macht verliehen sein müfste — wie in dem 1. Kapitel an einigen Bei- 
spielen gezeigt wurde. Im Praktischen ist es die gesellschaftliche 
Arbeit, durch die der Einzelne seine Ansprüche an die objektive Ord- 
nung befriedigen kann. Dafs die Kooperation der Vielen, die Be- 
mühung der Gesellschaft als einer Einheit, im Nebeneinander und im 
Nacheinander, der Natur nicht nur ein höheres Quantum, sondern 
Qualitäten und Typen von Bedürfnisbefriedigungen entlockt, die der 
Einzelarbeit versagt bleiben müssen — das ist ein Symbol der tieferen, 
prinzipiellen Tatsache, dafs die Gesellschaft zwischen dem Einzel- 
menschen und der allgemeinen Naturgesetzlichkeit steht: sie berührt 
sich als Seelisch-Konkretes mit dem ersteren, als Allgemeines mit der 
letzteren. Sie ist eben das Allgemeine, das doch nicht abstrakt ist. 
Freilich ist jede historische Gruppe ein Individuum, wie ein historischer 
Mensch ; allein das ist sie im Verhältnis zu anderen Gruppen, im Ver- 
hältnis zu ihren Mitgliedern aber ist sie überindividuell. Jedoch nicht 
so, wie der Begriff über seinen Einzelverwirklichungen, der das diesen 
Gemeinsame zusammenschliefst, sondern in einer besonderen Art des 
Allgemeinen, wie der organische Körper das Allgemeine über seinen 
Gliedern oder etwa eine »Zimmereinrichtung« das Allgemeine über 
Tisch und Stuhl, Schrank und Spiegel. Und diese besondere All- 



— 204 — 

gemeinheit deckt sich mit der besonderen Objektivität, die die Gesell- 
schaft für ihre Mitglieder als Subjekte besitzt. Das Individuum steht 
ihr nicht gegenüber wie der Natur, deren Objektivität die Gleich- 
gültigkeit dagegen bedeutet, ob ein Subjekt an ihr geistigen Teil hat 
oder nicht, sie richtig oder falsch oder garnicht vorstellt; ihr Sein 
ist und ihre Gesetze gelten, unabhängig von der Bedeutung, die beides 
für ein Subjekt haben mag. Die Gesellschaft aber greift freilich auch 
über den Einzelnen hinweg, lebt ein eigenes gesetzliches Leben, steht 
ihm mit historischer und imperativischer Festigkeit gegenüber; allein 
dieses Gegenüber ist zugleich ein Darin, die harte Indifferenz gegen 
ihn ist zugleich ein Interesse, die soziale Objektivität bedarf, wenn 
nicht dieser bestimmten, so doch der individuellen Subjektivität über- 
haupt. Durch solche Bestimmungen wird die Gesellschaft zu einem 
mittleren Gebilde zwischen dem Subjekte und jeder absolut unpersön- 
lichen Allgemeinheit und Objektivität. Nach dieser Richtung hin 
liegt etwa die folgende Beobachtung. Solange die Wirtschaft es noch 
nicht zu eigentlich objektiven Preisen gebracht hat, solange noch nicht 
die Kenntnis und Regulierung von Nachfrage, Angebot, Produktions- 
kosten, Risikoprämien, Gewinn usw. zu der Vorstellung geführt hat, 
diese Ware sei eben so und so viel wert und müsse diesen und diesen 
festen Preis haben — so lange sind die immittelbaren Eingriffe der 
Gesellschaft, ihrer Organe und Gesetze in die Handelsgeschäfte, in 
bezug auf Preis und Solidität des Handels, viel stärker und rigoroser. 
Preistaxen, Überwachung von Quantität und Qualität der Produktion, 
ja, in weiterem Sinne sogar Luxusgesetze und Konsumverpflichtungen, 
sind vielfach in dem Stadium der Wirtschaft eingetreten, wo die sub- 
jektive Freiheit des Handelsgeschäftes zu einer haltgewährenden Ob- 
jektivität aufstrebte, ohne doch schon eine reine, abstrakte Sachlichkeit 
der Preisbestimmungen erreichen zu können; hier tritt die konkrete 
Allgemeinheit, die lebendige Objektivität der Gesellschaft ein, oft 
ungeschickt, hemmend, schematisch, aber immerhin eine transsubjektive 
Macht, die dem Einzelnen eine Norm gibt, bevor er diese aus der 
Struktur der Sache selbst und ihrer erkannten Gesetzlichkeit erhält. 
In noch viel breiterem Mafse findet auf dem intellektuellen Gebiet 
ebendieselbe formale Entwicklung statt: über die Unterordnung unter 
die Gesellschaft zur Unterordnung unter die Objektivität. Die ganze 
Geistesgeschichte zeigt, wie sehr der Intellekt des Einzelnen, bevor er sich 
dem Objekt unmittelbar gegenüberstellt, um von dessen Sachlichkeit 



— 205 — 

den Inhalt seiner Wahrheitsbegriffe zu empfangen, diese ausschhefshch 
mit traditionellen, autoritären, »von Allen angenommenen« Vorstellungs- 
weisen erfüllt. Halt und Norm des Geistes, der wissen will, ist zu- 
nächst nicht das Objekt, dessen unmittelbarer Beobachtung und Deu- 
tung er überhaupt nicht gewachsen ist, sondern die allgemeine Meinung 
über das Objekt ; diese vermittelt ihm seine theoretischen Vorstellungen^ 
vom blödesten Aberglauben bis zu den feinsten, die Unselbständigkeit 
des Aufnehmenden und die Unsachlichkeit des Inhaltes fast ganz 
verschleiernden Vorurteilen. Es ist, als ob der Mensch es nicht so 
leicht ertrüge, dem Objekt Auge in Auge gegenüberzustehen, weder 
der Härte seiner Gesetzlichkeit noch der Freiheit gewachsen wäre, 
die es der Person, im Unterschied gegen allen von Menschen kommenden 
Zwang, gibt. Die Beugung unter die Autorität der Vielen oder ihrer 
Vertreter, unter die tradierte Meinung, unter die sozial akzeptierte 
Ansicht ist ein Mittleres: sie ist immerhin modifizierbarer, als das 
Gesetz der Sache, die Vermittlung des Seelischen ist in ihr spürbar, 
sie überliefert sozusagen schon ein seelisches Verdauungsprodukt — 
und andrerseits gewährt sie eine Anlehnung, ein Abnehmen der Ver- 
antwortlichkeit, das die Entschädigung für den Mangel jener Selb- 
ständigkeit ist, die das reine, auf sich gestellte Verhältnis zwischen dem 
Ich und der Sache uns gewährt. Nicht weniger als der Begriff der Wahr- 
heit findet der der Gerechtigkeit im objektiven Sinn sein vermittelndes, 
das Individuum zu diesem aufwärts führendes Stadium in den Ver- 
haltungsweisen der Gesellschaft. Im Gebiete des Strafrechts wie in den 
sonstigen Regulierungen des Lebens ist die Korrelation von Schuld 
und Sühne, Verdienst und Lohn, Leistung und Gegenleistung offenbar 
zuerst Sache sozialer Zweckmäfsigkeit oder sozialer Impulsivitäten. 
Vielleicht ist die Äquivalenz von Aktion und Reaktion, in der die 
Gerechtigkeit besteht, niemals eine aus diesen Elementen unmittelbar 
sich ergebende, analytische — sondern bedarf immer eines Dritten: 
eines Ideals, eines Zweckes, eines mafsgebenden Zustandes, damit an 
ihm erst jene ihr Sich-Entsprechen synthetisch herstellten oder er- 
wiesen. Dieses Dritte sind ursprünglich die Interessen und Formen 
des Gesamtlebens, das die Individuen, die Subjekte der Gerechtigkeits- 
verwirklichung, umgibt. Dieses Gesamtleben schafft die Mafsstäbe und 
führt sie durch, an denen die an jenen Elementen in ihrer Isolierung 
nicht auffindbare Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit ihres Verhält- 
nisses hervortritt. Darüber und dadurch erst vermittelt, erhebt sich, 



— 206 — 

als die sachlich und historisch spätere Stufe, die innere, in der Gegen- 
haltung jener Elemente selbst auftauchende Notwendigkeit ihres »ge- 
rechten« Sich-Entsprechens. Die höhere Norm, die vielleicht auch in 
diesem Fall noch Gewicht und Gegengewicht ihren Mafsverhältnissen 
nach bestimmt, ist jetzt in die Elemente völlig hineingegangen, ist 
eine aus ihnen selbst herauswirkende Wertpotenz geworden. Die Ge- 
rechtigkeit erscheint jetzt als ein objektives, aus der inneren Be- 
deutung der Sünde und des Schmerzes, der Guttat und des Glückes, 
der Darbietung und der Erwiderung selbst heraus notwendiges Ver- 
hältnis; um seiner selbst willen soll es realisiert werden: fiat justitia, 
pereat mundus — während auf dem früheren Standpunkt grade die 
Erhaltung des mundus den Rechtsgrund der Gerechtigkeit ausmachte. 
Gleichviel welches der ideelle, hier nicht diskutierte Sinn der Ge- 
rechtigkeit ist — historisch und psychologisch ist das objektive Gesetz, 
in dem sie sich rein um ihrer selbst willen verkörpert, und das um 
seiner selbst willen Erfüllung fordert, eine spätere Entwicklungsstufe, 
der vorbereitend und vermittelnd die Gerechtigkeitsforderung der nur 
sozialen Objektivität vorangeht. 

Endlich findet dieselbe Entwicklung innerhalb des Moralischen 
im engeren Sinne statt. Der zunächst gegebene Inhalt der Sittlichkeit 
ist altruistisch-sozialer Natur; nicht so, als hätte sie an und für sich 
ein davon unabhängiges Wesen, das diesen Inhalt nur aufnähme, 
sondern die Hingabe des Ich an ein Du (in der Einzahl oder Mehr- 
zahl) erscheint als der Begriff des Sittlichen selbt, als seine Definition. 
Dem gegenüber stellen die philosophischen Sittenlehren, in denen sich 
ein schlechthin objektives Sollen von der Frage nach dem Ich und 
dem Du ablöst, die viel spätere Stufe dar. Wenn es für Plato darauf 
ankommt, dafs die Idee des Guten realisiert werde, für Kant, dafs 
das Prinzip der individuellen Handlung sich zum allgemeinen Gesetz 
eigne, für Nietzsche, dafs der Typus Mensch seine momentane Ent- 
wicklungsstufe überschreite — so mögen diese Normen gelegentlich 
auch das Füreinander der Subjekte decken ; innerhalb der prinzipiellen 
Schicht kommt es jetzt aber nicht auf dieses, sondern auf die Reali- 
sierung eines objektiven Gesetzes an, das nicht nur die Subjektivität 
des Handelnden hinter sich läfst, sondern auch die Subjektivität der 
Wesen, auf die sich das Handeln eventuell bezieht. Denn von hier 
aus gesehen ist auch die Beziehung auf den gesellschaftlichen Komplex 
der Subjekte nur die zufällige Erfüllxmg einer viel allgemeineren Norm 



— 207 — 

und Verpflichtungsgrundes, die dem sozial und altruistisch gerichteten 
Handeln die Legitimation gewähren, aber auch verweigern können. 
Der ethische Gehorsam für die Forderungen des Du und der Gesell- 
schaft ist, in der Entwicklung des Einzelnen wie der Gattung, die 
erste Lösung aus dem vorsittlichen Zustand, aus dem naiven Egoismus; 
auf dieser Stufe bleiben Unzählige stehen : prinzipiell aber ist sie Vor- 
bereitung und Übergang für die Unterordnung unter ein objektiv 
ethisches Gesetz, das ebenso jenseits des Du wie des Ich steht und 
erst von sich aus die Interessen des einen oder des andern als sitt- 
liche Inhalte zulälst. — 

Was nun die zweite soziologische Frage gegenüber der Unter- 
ordnung unter ein unpersönlich-ideales Prinzip betrifft: wie dies auf 
das gegenseitige Verhältnis der gemeinsam Untergeordneten wirkt, so 
ist auch hier vor allem festzuhalten, dafs jener idealen Unterordnung 
vielfach eine reale vorausging. Häufig sehen wir eine Persönlichkeit 
oder Klasse ihre Überordnung im Namen eines idealen Prinzips aus- 
üben, dem auch sie ihrerseits untergeordnet wären. So scheint denn 
logisch dieses letztere voranzugehen und die reale Herrschaftsorgani- 
sation unter den Menschen sich in Konsequenz dieser idealen Ab- 
hängigkeit zu entwickeln. Historisch indefs ist der Weg in der Regel 
der umgekehrte: aus sehr realen persönlichen Machtverhältnissen 
heraus entstehen Über- und Unterordnungen, über welche all- 
mählich, durch Vergeistigung der übergeordneten Macht oder durch 
Vergröfserung und Entpersonalisierung des ganzen Verhältnisses, eine 
ideale, objektive Macht hinauswächst, als deren nächster Vertreter 
dann der Übergeordnete nur noch seine Macht übt. Die Entwicklung 
der Stellung des pater familias bei den Ariern zeigt dies deutlich. 
Ursprünglich — so wird dieser T3^pus dargestellt — war die Macht 
desselben eine unumschränkte und durchaus subjektive, d. h. er liefs 
sein momentanes Belieben, seinen persönlichen Vorteil über alle An- 
ordnungen entscheiden. Allein diese Willkürmacht trat allmählich unter 
ein Gefühl von Verantwortlichkeit, die Einheit der Familiengruppe, 
etwa verkörpert in dem Spiritus familiaris, wurde zu der idealen Potenz, 
der gegenüber sich auch der Herr des Ganzen als ein blofs Aus- 
führender, ein Gehorchender empfand. In diesem Sinne geschieht es, 
dafs Sitte und Gewohnheit, statt subjektiven Beliebens, seine Hand- 
lungen, seine Entscheidungen und Richtersprüche bestimmen, dafs er 
sich nicht mehr als unbedingter Herr des Familieneigentums benimmt, 



— 208 — 

sondern mehr als Verwalter desselben im Interesse des Ganzen, dafs 
seine Stellung mehr den Charakter eines Amtes als den eines un- 
umschränkten Rechtes trägt. So wird das Verhältnis zwischen Über- 
und Untergeordneten auf eine ganz neue Basis gestellt: während im 
ersten Stadium die letzteren sozusagen nur eine persönliche Kompetenz 
der ersteren bildeten, ist jetzt die objektive Idee der Familie ge- 
schaffen, die über allen Einzelnen steht, und der der führende Patriarch 
ebenso untergeordnet ist, wie jedes andere Mitglied, dem jener nun 
blofs noch im Namen der idealen Einheit zu befehlen hat. Hier kommt 
der äulserst wichtige Formtypus auf: dafs der Befehlende sich selbst 
dem Gesetze unterordnet, das er gegeben hat. Sein Wille erhält in 
dem Augenblick, in dem er Gesetz wird, objektiven Charakter und 
löst sich damit von seinem subjektiv-personalen Ursprung. Sobald 
der Herr das Gesetz als Gesetz gibt, dokumentiert er sich insoweit 
als das Organ einer ideellen Notwendigkeit, er offenbart damit nur 
eine Norm, die aus ihrem inneren Sinn und dem der Situation heraus 
schlechthin gilt, ob er sie nun tatsächlich gibt oder nicht. Ja, wenn 
statt dieser dunkler oder deutlicher vorgestellten Legitimation, der 
Wille des Herrschers wirklich aus sich allein heraus zum Gesetz 
wird, so kann er es garnicht vermeiden, damit aus der Sphäre der 
Subjektivität herauszutreten ; er trägt dann jene überpersönliche Legi- 
timation sozusagen a priori in sich. Dadurch bringt es die innere 
Form des Gesetzes mit sich, dafs der Gesetzgeber, indem er es gibt, 
sich als Person ihm ebenso unterordnet wie alle anderen Personen. 
So ist in den Privilegien mittelalterlicher flandrischer Städte aus- 
drücklich ausgesprochen, die Schöffen sollten jedermann gerechtes 
Gericht gewähren, auch gegen den Grafen selbst, der das Privileg 
erteilt, und ein so souveräner Herrscher wie der grofse Kurfürst 
führt, ohne die ständische Bewilligung nachzusuchen, eine Kopfsteuer 
ein — dann aber läfst er nicht nur seinen Hof sie bezahlen, sondern 
entrichtet sie selbst! 

Für das Aufwachsen einer objektiven Übermacht, der der ur- 
sprünglich und auch weiterhin Befehlende sich gemeinsam mit den 
ihm Untergeordneten unterzuordnen hat, bietet die neuste Zeit ein 
jenem familiengeschichtlichen formal verwandtes Beispiel, insoweit ihre 
Produktionsweise die objektiven und technischen Elemente über die 
personalen dominieren läfst. Vielerlei Über- und Unterordnungen, 
die früher persönlichen Charakter trugen, so dafs also in dem frag- 



— 209 — 

liehen Verhältnis der eine schlechthin der Über-, der andere der 
Untergeordnete war, haben sich jetzt so geändert, dafs beide gleich- 
mälsig einem objektiven Zweck Untertan sind, und erst innerhalb 
dieses gemeinsamen Verhältnisses zu dem höheren Prinzip die Unter- 
ordnung des einen unter den andern als technische Notwendigkeit 
fortbesteht. Solange das Lohnarbeitsverhältnis als ein Mietsvertrag 
angesehen wird, — der arbeitende Mensch wird gemietet — solange 
enthält es wesentlich ein Moment der Unterordnung des Arbeiters 
unter den Unternehmer. Dies Moment wird aber ausgeschaltet, so- 
bald man den Arbeitsvertrag nicht als Miete der Person, sondern als 
Kauf der Ware Arbeit ansieht. Dann ist die Unterordnung, die er 
vom Arbeiter verlangt, — so hat man dies ausgedrückt — nur die 
»unter den kooperativen Prozefs, die für den Unternehmer, sobald er 
nur irgend eine Tätigkeit vollzieht, ebenso notwendig ist, wie für den 
Arbeiter«. Dieser ist nun nicht mehr als Person untertänig, sondern 
nur als Diener eines objektiven wirtschaftlichen Verfahrens, innerhalb 
dessen das Element, das ihm als Unternehmer oder Leiter übergeordnet 
ist, garnicht mehr als personales, sondern nur als sachlich erforder- 
liches wirkt. 

Das gewachsene Selbstgefühl des modernen Arbeiters mufs zum 
Teil mit diesem Grunde zusammenhängen, der seinen rein sozio- 
logischen Charakter auch darin zeigt, dafs er auf das materielle Wohl 
des Arbeiters häufig ganz ohne Einflufs bleibt. Indem dieser nur noch 
eine quantitativ umschriebene Leistung verkauft, — mag sie kleiner oder 
gröfser sein, als die früher in der Personalform von ihm erforderte — 
befreit er sich als Mensch aus dem Unterordnungsverhältnis, dem er 
jetzt nur noch als Faktor des Produktionsprozesses, insofern also dem 
Leiter der Produktion koordiniert, angehört. Diese technische Sach- 
lichkeit hat ihr Symbol in der rechtlichen des Kontraktverhältnisses: 
ist der Kontrakt einmal geschlossen, so steht er als objektive Norm 
über beiden Parteien. Im Mittelalter bezeichnet dies den Wende- 
punkt des Gesellenverhältnisses , das ursprünglich volle persönliche 
Untertänigkeit dem Meister gegenüber bedeutet: der Geselle hiefs all- 
gemein Knecht. Der Zusammenschlufs der Gesellen zu einem be- 
sonderen Stande zentriert um den Versuch', dies personale Dienst- 
verhältnis in ein Kontraktverhältnis umzugestalten. Höchst bezeichnend 
tritt, sobald die Organisation der Knechte gelungen ist, für sie der 
Name Geselle auf. Die Kontraktform, welches auch ihr materieller 

Simmel, Soziologie. 14 



— 210 — 

Inhalt sei, hat die relative Nebenordnung statt der absoluten Unter- 
ordnung zum Korrelat. Sie verstärkt ihre Objektivität noch weiter, 
wenn der Kontrakt, statt zwischen Einzelpersonen ausgemacht zu 
sein, in Kollektivbestimmungen zwischen einer Gruppe von Arbeitern 
auf der einen Seite und einer Gruppe von Arbeitgebern auf der 
anderen besteht, wie es besonders durch die englischen Gewerkvereine 
ausgebildet ist. Die Gewerkvereine und die Unternehmerverbände in 
gewissen weit vorgeschrittenen Industrien schliefsen Verträge über 
Lohnsatz, Arbeitszeit, Überstunden, Feiertage usw., denen sich kein 
zwischen Individuen dieser Kategorien geschlossener Vertrag ent- 
ziehen darf. Hierdurch wird ersichtlich die Unpersönlichkeit des 
Arbeitsverhältnisses aufserordentlich gesteigert, seine Objektivität 
findet an der überindividuellen Kollektivität ihren angemessenen 
Träger und Ausdruck. Endlich wird dieser Charakter noch besonders 
garantiert, wenn die Arbeitsverträge auf möglichst kurze Zeit ge- 
schlossen werden. Die englischen Gewerkvereine haben darauf immer 
gedrungen, trotz der daraus hervorgehenden gröfseren Unsicherheit 
der Beschäftigung. Durch das Recht, seine Arbeitsstätte zu verlassen, 
so hat man dies expliziert, unterscheide sich der Arbeiter vom Sklaven ; 
wenn er aber dies Recht für lange Zeit aufgibt, so ist er für deren 
ganze Ausdehnung allen Bedingungen unterworfen, die ihm der Unter- 
nehmer mit Ausnahme der ausdrücklich stipulierten auferlegt, und hat 
den Schutz eingebüfst, den ihm jenes Recht der Aufhebung des Ver- 
hältnisses gewährt. Statt der Breite der Bindung, mit der früher die 
Gesamtpersönlichkeit gefesselt war, tritt bei sehr langer Kontraktdauer 
die Länge der Bindung ein. Was bei kurzen Kontrakten die Ob- 
jektivität entschiedener wahrt, ist nichts Positives, sondern nur dies: 
zu verhindern, dafs das objektiv festgelegte Leistungsverhältnis in ein 
durch subjektive Willkür bestimmtes übergehe, wogegen es bei langen 
Kontrakten keinen hinreichenden Schutz gibt. — Dafs innerhalb des 
Dienstbotenverhältnisses, wie es wenigstens in Mitteleuropa zur Zeit 
im wesentlichen besteht, sozusagen noch der ganze Mensch in die 
Unterordnung eintritt, und diese noch nicht zu der Objektivität einer 
sachlich fest umschriebenen Leistung entwickelt ist — darauf be- 
ruhen die hauptsächlichen Unzuträglichkeiten dieser Einrichtung. Tat- 
sächlich nähert sie sich jener vollkommeneren Form, wo sie durch 
die Dienstleistungen von Personen abgelöst wird, die nur bestimmte 
sachliche Funktionen innerhalb des Hauses zu leisten haben und in- 



— 211 — 

-sofern der »Hausfrau« koordiniert sind, während das frühere bzw. 
jetzige Verhältnis sie als ganze Persönlichkeiten engagiert und sie, 
wie der Begriff des »Mädchens für alles« am deutlichsten zeigt, zu 
1 ungemessenen Diensten« verpflichtet; eben durch diesen Mangel 
sachlicher Bestimmtheit werden sie der Hausfrau als Person unter- 
tänig. Bei entschiedener patriarchalischen Zuständen galt, den jetzigen 
gegenüber, das »Haus« als ein objektiver Selbstzweck und -wert, zu 
dem die Hausfrau und die Dienstboten zusammenwirkten. Dies ergibt, 
selbst bei völHger persönlicher Unterordnung, eine gewisse Ko- 
ordination, getragen durch das Interesse, das gerade der fester und 
dauernd an das Haus gebundene Dienstbote für dieses zu empfinden 
pflegt. Das »Du« dem Dientboten gegenüber drückte einerseits seine 
Subordination als Person aus, näherte ihn aber doch den Kindern des 
Hauses und fügte ihn so enger in dessen Organisation ein. So gilt 
dies Gehorsams Verhältnis eigentümlicherweise gerade an den Gegen- 
polen seiner Entwicklung in irgend einem Mafse einer objektiven Idee: 
bei der vollen patriarchalischen Subordination, wo das Haus sozusagen 
noch einen absoluten Wert hat, dem die Arbeit der Hausfrau ebenso, 
wenn auch an höherer Stelle, dient, wie die des Dienstboten; und 
■dann bei vollkommener Differenzierung, wo Leistung und Gegenleistung 
objektiv vorbestimmt sind und das persönliche Attachement, das das 
Korrelat des grenzunbestimmten Unterordnungsquantums ist, nicht in 
Frage kommt. Die heutige Stellung des Dienstboten als Hausgenossen, 
insbesondere in den Grofsstädten , hat die eine Objektivität ver- 
loren, aber die andere noch nicht gewonnen, die Gesamtpersönlich- 
keit ist nicht mehr für die objektive Idee des »Hauses« innerlich 
■engagiert, ohne sich doch, nach der ganzen Art der verlangten 
Leistung, aus dieser wirklich zurückziehen zu können. — Zuletzt mag 
diesen Formentypus das Verhältnis zwischen Offizieren und gemeinen 
Soldaten exemplifizieren. Hier ist die Spannung zwischen der Sub- 
ordination innerhalb des Gruppenorganismus und der Koordination, 
die sich durch den gemeinsamen Dienst unter der Idee der Vaterlands- 
verteidigung ergibt, die denkbar weiteste; und begreifhcherweise 
offenbart sich diese Weite am bemerklichsten im Felde, wo einerseits 
die Disziplin die unbarmherzigste ist, andrerseits aber das kamerad- 
schaftliche Verhältnis zwischen Offizieren und Gemeinen teils durch 
einzelne Situationen, teils durch die Gesamtstimmung gefördert wird. 
Im Frieden, wo das Militär in die Position des nicht zu seinem Zweck 

14* 



— 212 — 

gelangenden Mittels gebannt bleibt, wächst unvermeidlich seine tech- 
nische Struktur zum psychologischen Endzweck aus, so dafs die Über- 
und Unterordnung, auf der diese Technik der Organisation beruht, im 
Vordergrund des Bewulstseins steht, und jene eigentümliche sozio- 
logische Kreuzung mit der Koordination durch gemeinsame Unter- 
ordnung unter eine objektive Idee erst erfährt, wenn die geänderte 
Situation diese Idee als den eigentlichen Zweck des Militärs ins 
Bewufstsein ruft. 

Solche Doppelrollen des Individuums: dafs es innerhalb der Or- 
ganisation seines speziellen Lebensinhaltes eine über- oder unter- 
geordnete Stellung einnimmt; dafs diese Organisation als ganze aber 
unter einer beherrschenden Idee steht, die jedem ihrer Mitglieder eine 
gleiche oder nahezu gleiche Position gegenüber allen aufserhalb 
Stehenden verschafft — diese Doppelrollen lassen die rein formale, 
soziologische Lage zum Träger eigentümlich gemischter Lebensgefühle 
werden. Der Angestellte eines grofsen Geschäfts mag in diesem eine 
leitende Stellung haben, die er die Untergebenen überlegen und herrisch 
fühlen läfst ; sobald er aber dem Publikum gegenübersteht und deshalb 
unter der Idee des Geschäfts als ganzen handelt, wird er sich dienst- 
beflissen und devot benehmen. Umgekehrt verwachsen diese Elemente 
in dem häufigen Hochmut der Subalternen, der Diener in vornehmen 
Häusern, der Zugehörigen eximierter geistiger oder gesellschaftlicher 
Kreise, die in diesen grade nur noch an der Peripherie stehen, um so 
energischer aber allen Draufsenstehenden gegenüber die Würde des 
ganzen Kreises und seiner Idee repräsentieren — denn die feste innerlich- 
äufserliche Position, die ihnen durch die Art ihrer positiven Beziehung zu 
dem Kreise nur mangelhaft gewährt ist, suchen sie auf dem negativen 
Wege des Unterschiedes gegen andere zu gewinnen. Die gröfste formale 
Vielfältigkeit dieses Typus bietet vielleicht die katholische Hierarchie. 
Indem ein blinder, widerspruchsloser Gehorsam jedes Glied bindet, 
steht doch auch das niedrigste jedem Laien gegenüber in der absoluten 
Höhe, in die sich die Idee des Evvigen über alles Zeitliche hebt — 
und zugleich bekennt sich ihr höchstes Glied als »der Knecht der 
Knechte«; der Mönch, der innerhalb seines Ordens unumschränkter 
Machthaber sein mag, kleidet sich jedem Bettler gegenüber in die 
tiefste Demut und Unterwürfigkeit; aber der niedrigste Ordensbruder 
ist dem irdischen Fürsten mit aller Unbedingtheit kirchlicher Autorität 
überlegen. 



— 213 — 

Neben diesem Querschnitt durch die Erscheinungen der Über- 
und Unterordnung, der sie von der Frage aus: ob Einer oder Viele, 
ob Personen oder objektive Gebilde die Herrschaft tragen, zusammen- 
ordnet, läfst sich ein andrer ziehen, der die Malse der Herrschaft, 
besonders in ihrer Korrelation zur Freiheit, und deren Bedingungen 
unter den soziologischen Gesichtswinkel rückt. In diese Linie werden 
sich die noch folgenden Untersuchungen einstellen. 

Wo in einer Gruppe vielfache und energische Über- und Unter- 
ordnungen bestehen, — sei es als einheitlicher hierarchischer Aufbau, 
sei es als eine Mannigfaltigkeit nebeneinander bestehender Herrschafts- 
verhältnisse — wird die Gruppe als ganze ihren Charakter wesent- 
lich der Unterordnung entlehnen, wie es besonders klar in bureau- 
kratisch regierten Staaten hervortritt. Denn die Schichten dehnen 
sich nach unten zu in rascher Proportion 'aus. Wo also Über- und 
Unterordnung überhaupt im Vordergrunde des formal soziologischen 
Bewufstseins steht, wird die quantitativ überwiegende Seite dieser 
Korrelation, die der Unterordnung, die Gesamtheit des Bildes färben. 
Auf ganz besondere Kombinationen hin kann allerdings auch der Ein- 
druck und das Gefühl einer allgemeinen Überordnung einer Gruppe 
entstehen. Der Stolz und die Arbeitsverachtung der Spanier entsprang 
daraus, dafs sie lange Zeit die unterworfenen Mauren zu ihren Ar- 
beitern hatten ; als sie diese und die Juden später vernichtet oder aus- 
getrieben hatten, blieb ihnen nun freilich noch das Air der Über- 
geordneten, während gar kein Untergeordneter mehr da war, der das 
Korrelat dazu bildete. Zur Zeit ihres höchsten Glanzes wurde es unter 
den Spaniern direkt ausgesprochen, dafs sie als Nation in der Welt 
die Stelle einnehmen wollten, die im einzelnen Staate die Edelleute, 
Offiziere und Beamten einnehmen. Etwas Ähnliches, nur auf soliderer 
Grundlage, war schon in der spartanischen Kriegerdemokratie auf- 
getreten. Denn, indem sie die benachbarten Stämme unterwarf, sie 
aber nicht versklavte, sondern ihnen ihr Land liefs und sie nur als 
Hörige behandelte, wuchsen diese zu einer niederen Schicht zusammen, 
der gegenüber die Gesamtheit der Vollbürger einen Herrenstand bildete 
— so sehr sie unter sich demokratisch verfuhren. Dies war nicht 
eine einfache Aristokratie, die von vornherein mit den rechtloseren 
Elementen zusammen eine Gruppeneinheit ausgemacht hätte. Sondern es 
war tatsächlich der ganze ursprüngliche Staat, der, im Status quo 
verharrend, durch den Unterbau jener Schicht die Totalität seiner 



— 214 — 

Mitglieder sozusagen zu einem Adel machte. Auch in speziellerer Hin- 
sicht wiederholten die Spartaner dies Prinzip der allgemeinen Über- 
ordnung: das spartanische Heer war so abgestuft, dafs es zum 
grofsen Teil aus Befehlshabern bestand. 

Hier tritt der eigentümliche soziologische Formtypus auf: dafs 
Bestimmungen eines Elementes, die nur in dessen Beziehung zu einem, 
andern entstehen konnten und an dieser ihren Inhalt und Sinn besitzen,, 
dennoch zu selbstständigen, von aller Wechselwirkung unabhängigen 
Qualitäten jenes Elementes werden. Dafs man der Herrschende ist, 
setzt ein Objekt der Beherrschung voraus ; allein die seelische Wirklich- 
keit kann diese begriffliche Notwendigkeit bis zu einem- gewissen Grad 
umgehen. Das eine, innere, Motiv dazu deutet schon Plato an.. 
Zwischen den nach Umfang und Inhalt unendlich verschiedenen Ge- 
bieten von Herrschaft sei in Hinsicht der Herrschaft als solcher, als 
Funktion, kein Unterschied: es sei ein und dieselbe Fähigkeit, zu be- 
fehlen, die der -0X1x1x6? wie der ßaoiXsu?, der SsairoTr^? wie der o?xov6[ioc 
besitzen müsste. Darum ist für ihn der eigentliche zoXixixo? nicht 
notwendig der Ausüber der höchsten Staatsgewalt, sondern derjenige, 
der die »Befehlswissenschaft« besitzt — gleichviel ob er etwas zu 
befehlen hat oder nicht. Hier wird also auf den subjektiven Grund 
des Herrschaftsverhältnisses zurückgegangen, der sich nicht erst in 
der realen Korrelation eines Herrschaftsverhältnisses erzeugt, sondern 
unabhängig von dessen Existenz besteht. Der »geborene König« be- 
darf sozusagen keines Landes, er ist König, er braucht es nicht zu 
werden. Wenn die Spartaner unter sich keinen Adel ausbildeten, 
aber sich dennoch adlig fühlten, die Spanier das Bewufstsein der 
Herren hatten, auch als sie keine Diener mehr besafsen — so hat dies 
jenen tieferen Sinn : dafs die Wechselwirkung des Herrschaftsverhält- 
nisses der soziologische Ausdruck oder die Aktualisierung innerer, im 
Subjekt beschlossener Qualitäten ist ; M^er diese zu eigen hat, ist Suva'fiet 
Herrscher, aus dem zweiseitigen Verhältnis ist sozusagen die eine 
Seite ausgefallen, und es besteht nur in ideeller Form, ohne dafs die 
andre darum die ihr von innen her in dem Verhältnis zukommende 
Bedeutung verlöre. Indem dies nun bei sämtlichen Mitgliedern einer 
gröfseren Gruppe stattfindet, drückt |es sich darin aus, dafs sie sich 
überhaupt nur als untereinander »Gleiche« bezeichnen, ohne in ihrer 
Benennung besonders hervorzuheben, in Bezug worauf sie gleich sind. 
Die stimmfähigen Vollbürger Spartas hiefsen die 6}j.oioi schlechthin.. 



— 215 — 

Der Aristokratismus ihrer politischen und ökonomischen Stellung den 
andern Ständen gegenüber ist völlig selbstverständlich, so dafs sie als 
Bezeichnung für sich nur ihr formales Verhältnis zueinander ver- 
wenden und das zu den andern Ständen, das doch eigentlich den In- 
halt einer Standesbezeichnung ausmachen mulste, garnicht erwähnen. 
Ein ähnliches Gefühl liegt überall zu Grunde, wo die Aristokratie sich 
als die Pairs bezeichnet. Sie existieren sozusagen nur für einander, die 
andern gehen sie nicht einmal soviel an, um in der Kollektivbezeichnung 
ihre Überlegenheit über diese zum Ausdruck zu bringen — um derent- 
willen es doch überhaupt nur einer derartigen Bezeichnung bedarf \). 



^) Dies ist nur ein Beispiel für ein allgemeines soziologisches Vor- 
kommnis. Eine Anzahl von Elementen haben die gleiche Relation zu einer 
bestimmten Bedingung, welch letztere dem gerade fraglichen Gruppen- 
interesse Inhalt und Bedeutung gibt. Nun kommt es vor, dafs dieser ent- 
scheidende Punkt, auf den die Elemente konvergieren, aus der Bezeichnung, 
ja vielleicht aus dem Bewufstsein entschwindet, und nur die Tatsache der 
Gleichheit der Elemente — so sehr sie ausschliefslich in bezug auf jenen 
Punkt stattfindet — Hervorhebung findet. So hat sich nicht nur, wie er- 
wähnt, der Adel oft als die Pairs bezeichnet; sondern mit demselben Namen 
benannten viele französische Städte im 12. und 13. Jahrhundert ihre Ge- 
schworenen und Schöffen. Als die »Gesellschaft für ethische Kultur« in 
Berlin begründet werden sollte, erschien darüber eine Broschüre unter dem 
Titel: »Vorbereitende Mitteilungen eines Kreises gleichgesinnter Männer 
und Frauen«. Mit keinem Worte war ausgesprochen, in bezug worauf 
eigentlich die Gleichheit der Gesinnung bestand. In der spanischen Kammer 
bildete sich, ungefähr 1905, eine Partei, die sich schlechthin als die »Partei 
der Solidarischen« bezeichnete. Eine Parteigruppe der Münchener Künstler- 
genossenschaft in den neunziger Jahren nannte sich »die Gruppe der 
Kollegen", ohne diesem ganz offiziell gebrauchten Titel hinzuzufügen, was 
denn den Inhalt der Kollegialität ausmachte, und diese Vereinigung von 
einer Kollegenvereinigung unter Schullehrern oder Schauspielern, Agenten 
oder Redakteuren unterschied. Diese unscheinbaren Vorkommnisse enthalten 
die soziologisch höchst markante Tatsache, dafs die formale Relation ge- 
wisser Individuen Herr über den Inhalt und Zweck dieser Relation werden 
kann; denn dies könnte nicht in all jenen Benennungen geschehen, wenn 
diese nicht die Richtung des soziologischen Bewufstseins irgendwie ver- 
rieten. Dafs die Elemente einer Gruppe gleichberechtigt, dafs sie gleich- 
gesinnt, dafs sie Kollegen sind, hat gegenüber der Materie, die sich in 
diese soziologischen Formen kleidet und in Hinsicht auf die die letzteren 
überhaupt erst einen Sinn haben, eine auf serordentliche "Wichtigkeit ge- 
wonnen. Und das praktische Verhalten, so sehr es durch die aus der Titu- 
latur ausgeschaltete Materie bestimmt wird, zeigt sich doch, bei genauerem 
Hinsehen auf solche Gruppierungen, unzählige Male durch die Berücksich- 
tigung und die Wirksamkeit jener reinen Relationsarten und formalen 
Strukturen mitbestimmt. 



— 216 — 

Die andre Art, den Begriff der Überordnung ohne das logisch 
erforderte Korrelat der entsprechenden Unterordnung zu realisieren, 
liegt in der Übertragung von Formen, die sich innerhalb eines grofsen 
Kreises gebildet haben, auf einen kleinen, dessen Verhältnisse sie von 
sich aus nicht rechtfertigen. Bestimmte Stellungen in einem aus- 
gedehnten Kreise schliefsen eine Macht, ein Überordnungsquantum, 
eine Bedeutung in sich, die sie verlieren, sobald sie, ohne ihre Form 
zu wechseln, in einem kleineren wiederholt werden. Dennoch bringen 
sie auch in diesen den Ton von Superiorität und Befehlshabertum 
mit sich, den sie dort besafsen, und der sozusagen zu einer sub- 
stanziellen, von der Relation, die sie trug, unabhängigen Bestimmung 
solcher Stellung geworden ist. Das Vermittelnde ist hier oft ein »Titel«, 
dem enge Verhältnisse kaum eine Spur der Machtbedeutung lassen, 
deren Aplomb ihm aber von seinem Ursprung in einer weiten Gruppe 
her noch geblieben ist. Die holländischen Rederykers, eine Art 
Meistersinger im 15. Jahrhundert, hatten in jeder ihrer vielen Gruppen 
Könige, Prinzen, Archidiakone usw. Ich erinnere an die »Offiziere« 
der Heilsarmee, an die »Hochgrade« der Freimaurerei: ein Freimaurer- 
kapitel in Frankreich erklärte, 1756, seine Mitglieder für »souveräne 
und geborene Fürsten des gesamten Ordens«, ein andrer, wenig 
späterer, nannte sich Conseil des Empereurs d'Orient et d'Occident. 
Es ist natürlich nicht nur die rein extensiv-numerische Gröfse der 
Gruppen, deren Wandlungen die Transposition einer ursprünglich 
übergeordneten Stellung in Verhältnisse bewirken, die die logisch er- 
forderte Unterordnung von ihr lösen und ihr trotzdem das Cachet der 
Überordnung lassen. Kontraktionen des Gruppenlebens im Sinne der 
Intensität können dies ebenso bedingen. Was die "'ganze hellenische 
Existenz während der Kaiserzeit zerstörte, war die Beschränktheit 
ihrer Bedeutungssphäre, die Entleerung von allem tieferen oder aus- 
greifenden Inhalt — während ein Gefühl, noch irgend eine Superiori- 
tät bewahren zu können oder zu müssen, ein Ehrgeiz, der seine Ideale 
von der grofsen Vergangenheit zu Lehen trug, diese Vergangenheit 
überlebt hatte. Damit entstand jene leere Ambition, die schliefslich 
dem Sieger in den Festspielen, dem Beamten einer bedeutungslosen 
Kommune, dem Inhaber eines Ehrensitzes oder einer Anerkennung 
durch Statuensetzung, dem Redner, der mangels jedes politischen Ein- 
flusses nur noch für seine Wortkünste von einem Publikum von Tage- 
dieben bejubelt wurde — die Ambition entstand, die allen diesen ein 



— 217 — 

Gefühl von Bedeutung und Prärogative ohne jede reale Superiorität 
suggerierte. Die Höhe über dem Durchschnittsniveau, in welche sich 
die sozialen Bevorzugungen und Vorrechte dieser Schicht von Personen 
erhoben, hätte die damalige griechische Gesellschaft aus ihrer realen 
Struktur heraus garnicht aufbringen können. Der ehemaligen Bedeutung 
vom Gemeinwesen entstammend, die überhaupt derartigen Superiori- 
täten ein Fundament gab, waren sie nun, ohne ihre Dimensionen zu 
ändern, in viel kleinere Proportionen eingesetzt und ermöglichten 
gerade wegen ihrer Inhaltlosigkeit eine allgemeine Sucht nach sozialen 
Höhelagen, denen das Korrelat nach unten fehlte. Und es wirkt hier, 
gewissermafsen rückläufig, ein merkwürdiger, in menschliches Tun 
vielfach verflochtener Zug mit, den die primitive, »sympathische 
Zauberei« in grofser Reinheit zeigt: man glaubt, Erscheinungen, die 
aufserhalb der menschlichen Machtsphäre liegen, dadurch hervorrufen 
zu können, dafs man sie in geringeren Mafsen selbst hervorbringt. 
So ist bei vielerlei Völkern das Ausgiefsen von Wasser ein starker 
Regenzauber. Die Macht des Allgemeinbegriffes ist allenthalben so 
weitgreifend, dafs man mit irgend einer minimalen oder einseitigen 
Realisierung seiner ihn überhaupt, also auch seine Wirklichkeit auf 
viel höheren Stufen der Extensität und Intensität, gewonnen zu haben 
meint. Eine Erscheinung der »Autorität« zeigt den uns hier inte- 
ressierenden Typus dieses Verhaltens in einer besonderen Modifikation. 
Das innere Übergewicht, das jemand auf Grund einer einseitigen 
Leistung oder Qualität gewonnen hat, verhilft ihm sehr oft zur 
> Autorität« in Fragen und Angelegenheiten und nach Seiten hin, die 
mit jenem wirklich bewährten Vorzug seiner garnichts zu tun haben. 
Auch hier also wird die partiell bestehende und gerechtfertigte Ȇber- 
ordnung« auf ein Gesamtverhältnis übertragen, auf dem es ihr an 
dem Korrelat eines wirklich »beherrschten« Gebietes fehlt. Nur wie 
in eine andre Dimension ist hier die paradoxe Erscheinung der absolut 
gewordenen Überordnungsschicht übergegangen, für die das logisch 
erforderte Unterordnungsquantum mangelt, die dieses gleichsam auf- 
gesogen hat oder es nur ideell besitzt." 

Ich ging davon aus, dafs eine Gruppe als|Ganzes den Charakter 
der Unterordnung tragen kann, ohne dafs das eigentlich entsprechende 
Mafs von Überordnung in ihr praktisch und fafsbar bestände; das 
Gegenstück bilden die hier behandelten Fälle, in denen eine Über- 
ordnung wie eine absolute Qualität zu bestehen scheint, die auf keinem 



— 218 — 

korrespondierenden Unterordnungsmafse beruht. Allein dies ist eine 
seltene Form; als der Gegensatz der ersteren erscheint vielmehr im 
allgemeinen die Freiheit aller. Sieht man indefs näher zu, so zeigt die 
Befreiung von Unterordnung sich fast immer zugleich als der Gewinn 
irgend einer Herrschaft — sei es den bisher Übergeordneten gegen- 
über, sei es einer neugebildeten, jetzt zu definitiver Unterordnung be- 
stimmten Schicht. So bemerkt der gröfste englische Verfassungs- 
historiker über den Quarrel of Puritanism einmal: Like every other 
struggle for liberty it ended in being a struggle for supremacy. Dies 
allgemeine Schema nun verwirklicht sich natürlich nicht oft in ganz 
reiner Art, vielmehr meistens als eine Tendenz unter vielen gleich- 
zeitig wirkenden, in fragmentarischen, abgelenkten, modifizierten 
Formen, aus denen dennoch jener Grundwille: der Freiheit die Über- 
ordnung zu substituieren, immer herauserkennbar ist, und deren wesent- 
lichen Typen ich mich jetzt zuwende. 

Für den griechischen Bürger waren beide Werte auf dem poli- 
tischen Gebiet überhaupt nicht scharf zu trennen. Es fehlte ihm die 
individuelle Rechtssphäre, die ihn vor den Ansprüchen und der Will- 
kür auch der Allgemeinheit geschützt und ihm eine wirklich unab- 
hängige Existenz, die konstitutionelle Freiheit auch gegenüber dem 
Staate, gewährleistet hätte. Darum gab es Freiheit eigentlich nur in 
einer Form : als Anteil an der Staatsherrschaft selbst. Dies entspricht 
im soziologischen Typus genau den kommunistischen Bewegungen 
des Altertums, in denen es auch nicht auf Abschaffung des Privat- 
eigentums, sondern auf gröfseren Anteil an ihm seitens der Ent- 
erbten abgesehen war. Und endlich, auf der niedrigsten Stufe, 
auf der vom Gewinn einer Superiorität nicht die Rede sein kann, 
wiederholt sich doch diese prinzipielle Form des Verhaltens: die 
griechischen Sklavenaufstände gehen kaum je auf die Sprengung der 
Sklavenfesseln überhaupt, sondern auf einen geringeren, erträglicheren 
Druck dieser, sie entspringen mehr der Empörung gegen den indivi- 
duellen Mifsbrauch der Institution, als dem Verlangen ihrer grund- 
sätzlichen Abschaffung. Es ist ein typischer Unterschied, ob der 
Schutz vor Gefahren, die Abstellung von Mifsständen, der Gewinn er- 
sehnter Werte durch Abschaffung der soziologischen Form, die der 
Träger all jener Negativitäten war, oder noch innerhalb dieser be- 
wahrten Form erreicht werden soll. Wo auf Über- und Unterordnung 
gebaute Gesamtverhältnisse sehr fest sind, wird die Befreiung der 



— 219 — 

Untergeordneten oft garnicht die generelle Freiheit bedeuten, die eine 
Änderung der Sozialform von Grund aus voraussetzte, sondern nur 
ein Aufsteigen jener in die Schicht der Herrschenden; zu welchen 
praktischen Widersprüchen der hierin enthaltene logische führt, ist 
nachher zu beleuchten. Der Erfolg der französischen Revolution für 
den dritten Stand — scheinbar seine blofse Befreiung von den Privi- 
legien der Privilegierten — bedeutete den Gewinn der Überordnung 
in den beiden oben angeführten Bedeutungen ; er machte durch seine 
ökonomischen Machtmittel die bisher höheren Stände von sich ab- 
hängig, dann aber war dies und seine ganze Emanzipation nur dadurch 
Inhalt- und folgenreich, dafs ein vierter Stand da war bzw. sich in 
dem gleichen Prozefs bildete, den der dritte ausbeuten, über den er 
sich erheben konnte. Deshalb kann man keineswegs die einfache 
Analogie ziehen, dafs der vierte Stand heute tun wollte, was damals 
der dritte getan hätte. Dies ist ein Punkt, an dem die Freiheit ihre 
Beziehung zur Gleichheit, freilich auch das notwendige Auseinander- 
brechen dieser Beziehung zeigt. Wenn allgemeine Freiheit herrscht, 
so besteht insoweit auch allgemeine Gleichheit ; denn mit jener ist nur 
das Negative gesetzt, dafs keinerlei Herrschaft besteht — eine Be- 
stimmung, die eben ihrer Negativität wegen den sonst differenziertesten 
Elementen gemeinsam sein kann. Die Gleichheit aber, die so als die 
erste Folge oder Akzidenz der Freiheit auftritt, ist in W^irklichkeit 
nur der Durchgangspunkt, den die Pleonexie der Menschen passieren 
mufs, sobald sie die unterdrückten Massen ergreift. Niemand begnügt 
sich, typischerweise, mit der Stellung, die er seinen Mitgeschöpfen 
gegenüber einnimmt, sondern jeder will eine in irgend einem Sinne 
günstigere erobern. Wenn nun die zu kurz gekommene Majorität 
den Wunsch nach erhöhter Lebenshaltung empfindet, so wird der 
nächstliegende Ausdruck dafür sein, dafs sie dasselbe haben und sein 
will, wie die oberen Zehntausend. Die Gleichheit mit den Höheren ist 
der erste sich darbietende Inhalt, mit dem sich der Trieb eigner Er- 
höhung erfüllt, wie es sich in jedem beliebigen engern Kreise zeigt, 
mag es eine Schulklasse, ein Kaufmannsstand, eine Beamtenhierarchie 
sein. Das gehört zu den Gründen der Tatsache, dafs der Groll des 
Proletariers sich meistens nicht gegen die höchsten Stände, sondern 
gegen den Bourgeois wendet; denn diesen sieht er unmittelbar über 
sich, er bezeichnet für ihn diejenige Stufe der Glücksleiter, die er zu- 
nächst zu ersteigen hat, und auf die sich deshalb für den Augenblick 



— 220 — 

sein Bewufstsein und sein Wunsch nach Erhöhung konzentriert. Der 
Niedere will zunächst dem Höheren gleich sein ; ist er ihm aber gleich, 
so zeigt tausendfache Erfahrung, dafs dieser Zustand, früher der In- 
begriff seines Strebens, nichts weiter als der Ausgangspunkt eines 
weiteren ist, nur die erste Station des ins Unendliche gehenden Weges 
zur begünstigtsten Stellung. Überall, wo man die Gleichmachung zu 
verwirklichen suchte, hat sich von diesem neuen Boden aus das 
Streben des Einzelnen, die andern zu überflügeln, in jeder möglichen 
Weise geltend gemacht. Das Gleichsein, das die Freiheit logisch mit 
sich führt, solange sie in ihrem reinen und negativen Sinn als Nicht- 
Beherrschtwerden gilt, ist keineswegs ihr definitives Absehen — so 
oft auch die Neigung des Menschen, die nächst erforderliche oder er- 
reichbare Stufe seiner Willensreihen für die abschliefsend befriedigende 
zu halten, ihm dies vorgespiegelt hat. Ja, die naive Unklarheit ver- 
legt die Superiorität, zu der die Freiheit, über das Stadium der Gleich- 
heit hinweg, drängt, schon unmittelbar in dieses hinein; denn, ob 
wirklich getan oder nicht, von typischer Wahrheit jedenfalls ist die 
Aufserung einer Kohlenträgerin zu einer reichgekleideten Dame im 
Jahre 1848: »Ja, Madame, jetzt wird alles gleich werden: ich werde 
in Seide gehen, und Sie werden Kohlen tragen.« Dies ist der un- 
vermeidliche Erfolg des bereits früher Erwähnten : dafs man die Frei- 
heit doch nicht nur haben, sondern sie auch zu etwas benutzen will. 
So pflegt die »Freiheit der Kirche« keineswegs blols in der Befreiung 
von übergeordneten irdischen Mächten, sondern eben damit in einer 
Beherrschung derselben zu bestehen : die Lehrfreiheit der Kirche 
z. B. bedeutet, dafs der Staat Bürger erhält, die von ihr imprägniert 
sind und unter ihrer Suggestion stehen, wodurch er dann oft genug 
unter ihre Herrschaft geraten ist. Über die Klassenprivilegien des 
Mittelalters ist gesagt worden, dafs sie oft ein Mittel waren, bei einem 
auf alle wirkenden tyrannischen Druck die Freiheit aller, auch der 
Nicht-Privilegierten, gewinnen zu helfen. Ist dies aber erreicht, so wirkt 
nun das Weiterbestehen des Privilegs in einem Sinne, der die Freiheit 
aller wieder beeinträchtigt. Die Freiheit der Privilegierten erzeugt einen 
Zustand, dessen innere Struktur zwar die Freiheit aller als seine Folge 
oder Bedingung mit sich bringt; aber diese Freiheit trägt latent in sich 
die Bevorzugung jener Elemente, von der sie ausgegangen ist, und die 
im Laufe der Zeit, unter der jetzt gewonnenen Bewegungsfreiheit, wieder 
aktuell wird, d. h. die Freiheit aller übrigen wieder herabdrückt. 



— 221 — 

Diese Ergänzung der Freiheit durch die Herrschaft gewinnt eine 
besondere Form da, wo die Freiheit einer Teilgruppe innerhalb eines 
gröfseren, insbesondere des staatlichen Verbandes in Frage steht. 
Solche Freiheit stellt sich historisch vielfach als mehr oder weniger 
ausgedehnte , eigene Jurisdiktion jener Gruppe ' dar. Damit also be- 
deutet die Freiheit, dafs die Gruppe als Ganzes, als überindividuelle 
Einheit, zum Herrn über ihre einzelnen Mitglieder gesetzt ist. Das 
Entscheidende ist, dafs der Sonderkreis, nicht ein Recht auf irgend- 
welches Belieben hat, — dies würde ihm seine Mitglieder noch nicht 
prinzipiell unterordnen — sondern ein Recht auf eignes Recht; denn 
dies koordiniert sie dem grofsen, sie umgebenden Kreise, der im 
übrigen das Recht verwaltet und damit jeden ihm Zugehörigen be- 
dingungslos unterwirft. Die engere Gruppe pflegt dann mit äufserster 
Strenge darauf zu halten, dafs ihr Mitglied sich ihrem Gericht auch 
unterwirft, weil sie ihre Freiheit darauf beruhen weifs. Im mittel- 
alterlichen Dänemark darf ein Gildebruder sein Recht gegen den 
andern nur vor dem Gildegericht suchen. Er ist äufserlich nicht ge- 
hindert, dies auch vor dem öffentlichen, dem Königs- oder Bischofs- 
gericht zu tun; allein dies gilt — wo nicht etwa die Gilde es aus- 
drücklich gestattet hat — als ein Unrecht sowohl gegen sie wie gegen 
den betreffenden Gildebruder und wird deshalb mit Bufsen an beide 
heimgesucht. Die Stadt Frankfurt hatte von den Kaisem das Privileg 
erhalten, dafs gegen ihre Bürger niemals ein auswärtiges Gericht an- 
gerufen werden sollte; daraufhin wurde 1396 ein Frankfurter Bürger 
verhaftet, weil er andre Frankfurter, die ihm Geld schuldeten, vor 
einem auswärtigen Gerichte verklagt hatte. Da Freiheit immer die 
beiden Seiten haben kann : einerseits ein Geachtetsein, ein Recht, eine 
Macht vorzustellen, andrerseits eine Ausschlief sung, eine verächtliche 
Gleichgültigkeit seitens der höhern Macht — so ist es keine Gegen- 
instanz, dafs die eigene Jurisdiktion, die die mittelalterlichen Juden 
bei Rechtsstreitigkeiten untereinander genossen, eher eine Deklassierung 
und Vernachlässigung bedeutet zu haben scheint. Ganz anders lag 
es bei den oströmischen Juden der Kaiserzeit ; von den alexandrinischen 
z. B. erzählt Strabo,- dafs sie einen eigenen Oberrichter hätten, der 
ihre Prozesse entschiede — eine rechtliche Sonderstellung, die zu einer 
Quelle des Judenhasses wurde. Und zwar geschah dies, weil die 
Juden behaupteten, ihre Religion fordere eine besondere, nur ihnen 
eigene Rechtsprechung. Diese Tendenz übersteigerte sich in der aus 



— 222 — 

dem mittelalterlichen Köln berichteten Tatsache : eine kurze Zeit lang 
hätten die Juden dort das Privileg gehabt, Prozesse auch gegen 
Christen von einem jüdischen Richter entscheiden zu lassen. In solchen 
Erscheinungen war der einzelne aus der Gruppe vielleicht nicht freier 
als auch unter der Herrschaft des gemeinen Rechts; allein ihre Ge- 
samtheit genofs damit eine Freiheit, die die übrigen Staatsbürger als 
eine ostentative Exemtion empfanden. Es gründet sich eben der 
Vorzug eines Kreises mit eigner Rechtsprechung keineswegs auf den 
besonderen Inhalt des von ihm verwalteten Rechts; dafs seine Mit- 
glieder eben nur ihm unterworfen sind, ist schon als Form eine 
Freiheit. Die Zunftmeister kämpften gegen die genossenschaftliche 
Gerichtsbarkeit der Gesellenverbände, auch wo deren inhaltliches 
Gebiet ganz gering war und etwa nur die Aufrechterhaltung des An- 
standes und der guten Sitte einschlofs. Denn sie wufsten sehr wohl, 
dafs die von diesen Verbänden kodifizierte und geübte Sittenpolizei 
den Gesellen ein Bewulstsein der Solidarität, der Standesehre, der 
organisierten Unabhängigkeit gab, das als Rückhalt und feste Zu- 
sammengehörigkeit den Meistern gegenüber wirkte. Und sie wufsten, 
dafs diese soziologische Form das Wesentliche war und, wenn sie 
einmal konzediert war, die weitere Ausdehnung ihrer Inhalte nur noch 
von den jeweiligen Macht- und Wirtschafts Verhältnissen abhing. Der 
generelle Inhalt dieser Freiheit des Ganzen ist die Unterworfenheit 
des Einzelnen — womit dann das oben Angedeutete schon gegeben 
ist, dafs sie in keiner Weise eine materiell gröfsere Freiheit des 
Individuums zu bedeuten braucht. Die Lehre der Volkssouveränität, 
gegenüber der fürstlichen, wie sie im Mittelalter auftaucht, besagte 
durchaus nicht die Freiheit des Individuums, sondern die der Kirche, 
an Stelle des Staates über das Individuum zu herrschen; und als im 
16. Jahrhundert die Monarchomachen den Gedanken des souveränen 
Volkes aufnehmen und die Herrschaft auf eine Art privatrechtlichen 
Vertrages zwischen Fürsten und Volk gründen, soll auch nicht das 
Individuum frei werden, sondern es soll grade der Herrschaft seiner 
Konfession und der gesellschaftlichen Stände unterworfen sein. 

Ja, das eminente Interesse des relativen Ganzen an der Herrschaft 
über seine Individuen, die exponierte Stellung solcher besonders ab- 
gegrenzter und bevorrechteter Kreise führt oft dazu, dafs Sonder- 
gerichtsbarkeiten rigoroser sind, als der grofse umgebende Kreis, der 
ihnen diese Exemtion gestattet, es in seinem Rechte ist. Die dänischen 



— 223 — 

Gilden, von denen ich schon sprach, bestimmten, dafs wenn ein Gilde- 
bruder den mit einem andern abgeschlossenen Kaufvertrag bricht, er, 
als Verkäufer, zweimal soviel an den Käufer büfsen soll, als er an 
des Königs Beamten büfsen müfste, wenn er nicht Gildebruder wäre, 
und zweimal soviel an alle Gildebrüder, als er an die Stadt büfsen 
müfste. Die Struktur des gröfseren Kreises als solchen gestattet ihm, 
dem Individuum mehr Freiheit zu geben, als der kleinere, dessen Be- 
stand unmittelbarer von dem ihm zuträglichen Verhalten jedes einzelnen 
Mitgliedes abhängt; auch mufs er durch die Strenge seiner Recht- 
sprechung immer von neuem beweisen, dafs er die ihm anvertraute 
Herrschaft über seine Mitglieder auch fest und würdig ausübt und der 
Staatsgewalt keine Veranlassung zu korrigierendem Eingreifen gibt. 
Aber dieses Regime über seine Mitglieder, in dem seine Freiheit be- 
steht, kann zu Schlimmerem als zu rechtlicher Härte werden. Die 
grofse Selbständigkeit der deutschen Städte hat freilich bis ins 
16. Jahrhundert hinein ihre Entwicklung äufserst gefördert, dann aber 
eine oligarchische Klassen- und Vetternherrschaft erzeugt, die alle 
nicht am Regiment Teilhabenden aufs härteste bedrückte; erst die 
aufkommenden Staatsgewalten haben, in nahezu zweihundertjährigem 
Kampfe, dieser tyrannischen Ausnutzung der städtischen Freiheit Ein- 
halt tun und die Freiheit des Individuums ihr gegenüber wieder 
garantieren können. Die Selbstverwaltung, deren Segen im Prinzip 
erwiesen ist, birgt eben doch die Gefahr lokaler Parlamente, in denen 
egoistische Klasseninteressen dominieren. In diese gleichsam patho- 
logische Übertreibung schlägt die Korrelation um, die den Gewinn 
der Freiheit von dem Gewinn der Herrschaft, wie von ihrer Ergänzung 
und ihrem Inhalt, begleiten läfst. 

Nach einer ganz andern Seite hin gestaltet sich der hier frag- 
liche Typus : die Weiterentwicklung jeder gruppenmäfsigen , für viele 
gleichmäfsigen , keiner Unterordnung Andrer bedürftigen Befreiung 
zu dem Erstreben oder Gewinnen einer Überordnung — wenn 
wir die Differenzierung beobachten, die über eine tiefstehende Schicht 
bei ihrem Aufsteigen zu freieren oder überhaupt besseren Lebens- 
bedingungen zu kommen pflegt. Der Erfolg davon ist sehr oft der, dafs 
zwar gewisse Teile der gleichmäCsig in die Höhe strebenden Gruppe 
wirklich in die Höhe kommen, was aber nur bedeutet, dafs sie ein 
Teil der schon vorher übergeordneten Schichten werden und die übrig- 
bleibenden untergeordnet bleiben. Insbesondere tritt dies natürlich da 



— 224 — 

ein, wo innerhalb der emporstrebenden Schichten schon eine Scheidung 
Übergeordneter und Untergeordneter besteht; da wird, nachdem die 
RebeUion gegen die ihnen gemeinsam übergebaute Schicht beendet 
ist, jener, während der Bewegung in den Hintergrund getretene Unter- 
schied der Rebellen sogleich wieder hervortreten und bewirken, dafs 
die schon vorher Höherstehenden, sich jetzt jener höchsten Schicht 
assimilieren, ihre früheren Mitstreiter aber um so tiefer herabgedrückt 
werden. Nach diesem Typus vollzog sich ein Teil der englischen 
Arbeiterrevolution von 1830. Die Arbeiter bildeten, um das parla- 
mentarische Wahlrecht für sich zu gewinnen, eine Vereinigung mit 
der Reformpartei und den Mittelklassen ; das Ergebnis war die Durch- 
bringung eines Gesetzes, das allen Klassen das Wahlrecht verlieh — 
nur grade den Arbeitern nicht. Nach der gleichen Formel war, etwa 
im 4. Jahrhundert v. Chr., schon der Ständekampf in Rom verlaufen. 
Die reichen Plebejer, die das Connubium und eine demokratischere 
Amterbesetzung in dem Interesse ihrer Schicht wünschten, schlössen 
ein Bündnis mit dem Mittelstand und den tiefern Schichten. Der 
Erfolg der Gesamtbewegung war, dafs jene Punkte ihres Programms, 
die hauptsächlich die Grolsbürger angingen, erreicht wurden, die Re- 
formen aber, die dem Mittelstand und den Kleinbauern aufhelfen 
sollten, sich bald im Sande verliefen. Und ebenso entwickelte sich 
die böhmische Revolution von 1848, in der die Bauern die letzten 
Reste der Fronverfassung beseitigten. Sowie dies erreicht war, machten 
sich sofort die Unterschiede in der Lage der Bauern geltend, die vor 
und während der Revolution auf Grund der gemeinsamen Untertänig- 
keit zurückgetreten waren. Die niedem Klassen der ländlichen Be- 
völkerung verlangten Teilung der Gemeindegründe. In den wohl- 
habenderen Bauern weckte dies sogleich alle konservativen Instinkte, 
und sie sträubten sich gegen die Ansprüche des ländlichen Proletariats, 
mit dem zusammen sie eben gegen die Herren gesiegt hatten, ebenso 
wie diese sich gegen die ihrigen gesträubt hatten. Es ist ein ganz 
typisches Vorkommnis: dafs der Stärkere, der allerdings vielleicht 
am meisten getan hat, dann die Früchte des Sieges allein ernten 
möchte ; der relativ überwiegende Anteil am Gewinnen wächst zu dem 
Anspruch auf absolut überwiegenden Anteil am Gewonnenen aus. 
Dieses Schema findet für seine Verwirklichung eine grolse soziologische 
Hilfe an dem bereits Hervorgehobenen : dafs eine, im weitesten Sinne, 
standesmälsige Schichtung vorliegt und aus der als Ganzes gehobenen 



— 225 - 

tieferen Schicht die in ihr kräftigeren Elemente den Anschlufs an die 
höhere, bisher bekriegte Schicht gewinnen. Damit wird die bisher 
relative Differenz zwischen den besser und den schlechter gestellten 
Elementen jenes Standes zu einer sozusagen absoluten, das Quantum 
errungener Vorteile hat bei den ersteren die Schwelle erreicht, an 
der es in eine neue Vorteilsqualität übergeht. In formal ähnlichem 
Sinne wurde gelegentlich im spanischen Amerika verfahren , wenn 
sich unter seiner farbigen Bevölkerung ein besonders begabter Kopf 
zeigte, der eine freiere und bessere Stellung seiner Rasse entweder 
schon inaugurierte oder befürchten liefs. Diesem erteilte man dann ein 
Patent, »dafs er für weifs gelten sollte«. Indem man ihn der herr- 
schenden Schicht assimilierte, trat an die Stelle der Gleichheit mit 
dieser, die er eventuell für seine Rasse und erst dadurch auch für sich 
hätte gewinnen können, die Superiorität seinen Rassegenossen gegen- 
über. Aus dem Gefühl für diesen soziologischen Typus heraus sind 
z. B. in Österreich grade von arbeiterfreundlichen Politikern Bedenken 
gegen die Arbeiterausschüsse erhoben worden, durch die man doch 
die Unterdrückung der Arbeiter mildern will. Man fürchtet, dafs 
diese Ausschüsse zu einer Arbeiteraristokratie werden könnten, die 
durch ihre dem Unternehmer sich nähernde Vorzugsstellung von diesem 
leichter in seine Interessen hineingezogen werden würde, und dafs 
so die übrige Arbeiterschaft durch diesen scheinbaren Fortschritt noch 
mehr preisgegeben wäre. So ist auch im allgemeinen die Chance der 
besten Arbeiter, in die besitzende Klasse aufzusteigen, auf den ersten 
Blick zwar eine Dokumentierung des Fortschritts der Arbeiterklasse als 
ganzer, in Wirklichkeit aber ihr keineswegs günstig. Denn sie wird da- 
durch ihrer besten und führenden Elemente beraubt, die absolute Er- 
höhung gewisser Mitglieder ist zugleich eine relative Erhöhung dieser 
über die Klasse, und damit eine Abtrennung von ihr, ein regelmäfsiger 
Aderlafs, der sie ihres besten Blutes beraubt. Darum ist es für eine 
Obrigkeit, gegen die eine Masse sich empört, von vornherein günstig, 
wenn es ihr gelingt, diese zur Wahl von Vertretern zu bewegen, die 
die Verhandlungen führen sollen. Dadurch wird jedenfalls der über- 
wältigende, überrennende Ansturm der Masse als solcher gebrochen, 
sie wird zunächst durch ihre eignen Anführer nun so im Zaum ge- 
halten, wie es der Obrigkeit selbst nicht mehr gelingt, jene üben 
ihr gegenüber die formale Funktion dieser und bereiten dadurch das 
Wiedereintreten der letzteren in das Regiment vor. 

Simmel, Soziologie. 3.5 



— 226 — 

In all diesen, nach den verschiedensten Seiten hin ausladenden 
Erscheinungen bleibt ein immer gleicher soziologischer Kern : dafs das 
Erstreben und Gewinnen von Freiheit, in ihren mannigfachen, nega- 
tiven und positiven Bedeutungen, sogleich das Erstreben und Gewinnen 
von Herrschaft zum Korrelat oder zur Folge hat. Der Sozialismus 
wie der Anarchismus werden die Notwendigkeit dieses Zusammen- 
hanges leugnen. Während das dynamische Gleichgewicht der Indi- 
viduen, das man als soziale Freiheit bezeichnen kann, hier nur als 
ein Durchgangspunkt — realen oder sogar nur ideellen Wesens — 
erschien , über den hinaus die Wage sogleich wieder nach einer Seite 
ausschlug, werden sie seine Stabilität für möglich erklären, sobald 
nur die soziale Organisation überhaupt nicht mehr als Über- und 
Unterordnung, sondern als Koordination aller Elemente gestaltet wäre. 
Die Gründe, die man gegen diese Möglichkeit anzuführen pflegt, die 
aber hier nicht zur Diskussion stehen, sind als die des terminus a 
quo und die des terminus ad quem zusammenzufassen: die natürliche 
und durch keinerlei Mafsregeln zu beseitigende Verschiedenheit der 
Menschen werde sich ihren Ausdruck in einer Rangierung nach Oben 
und Unten, nach Befehlenden und Gehorchenden nicht nehmen lassen ; 
und die Technik kultivierter Arbeit fordere zu ihrer gröfsten Voll- 
kommenheit einen hierarchischen Bau der Gesellschaft, den »einen 
Geist für tausend Hände«, die Struktur aus Anführenden und Aus- 
führenden. Dafs so die Konstitution der Subjekte und die Ansprüche 
der objektiven Leistung, die Träger der Arbeit und die Vollendung 
ihrer Ziele, sich in der Notwendigkeit von Herrschaft und Unterordnung 
begegnen, Kausalität und Teleologie gleichmäfsig auf diese Form 
drängen, das gerade sei ihre entschiedenste und entscheidendste Recht- 
fertigung und Unentbehrlichkeit. Es treten indes in der geschichtlichen 
Entwicklung sporadische Ansätze zu einer Sozialform auf, deren prin- 
zipielle Vollendung das Weiterbestehen von Über- und Unterordnung 
mit den Freiheitswerten vereinigen könnte, um derentwillen Sozialismus 
und Anarchismus für die Abschaffung jener eintreten. Das Motiv zu 
solcher Bestrebung liegt doch ausschliefslich in den Gefühlszuständen 
der Subjekte, in dem Bewulstsein von Entwürdigung und Unterdrückt- 
heit, in dem Herabziehen des ganzen Ich in die Niedrigkeit der sozialen 
Stufe, andrerseits in dem persönlichen Hochmut, zu dem die äufserlich 
führende Stellung das Selbstgefühl steigert. Könnte irgend eine Or- 
ganisation der Gesellschaft diese psychologischen Folgeerscheinungen 



— 227 — 

der sozialen Ungleichheit vermeiden, so könnte die letztere ohne 
weiteres fortbestehen. Man übersieht vielfach den rein technischen 
Charakter des Sozialismus : dafs er ein Mittel zur Herbeiführung ge- 
wisser subjektiver Reaktionen ist, dafs seine letzte Instanz in den 
Menschen und ihrem, von ihm auszulösenden Lebensgefühl liegt. 
Freilich ist, wie es nun einmal unsere seelische Art ist, das Mittel 
vielfach zum Zweck ausgewachsen, die rationelle Organisation der 
Gesellschaft und die Aufhebung von Befehl und Unterworfenheit 
erscheint als nicht über sich hinausfragender Wert, der ganz ohne 
Rücksicht auf jene personal-eudämonistischen Erfolge Realisierung 
fordert. In diesen aber liegt dennoch die eigentliche psychologische 
Kraft, die der Sozialismus in die historische Bewegung einzusetzen 
hat. Als blofses Mittel aber unterliegt er dem Verhängnis jedes 
Mittels : prinzipiell nie das einzige zu sein ; da mannigfaltige Ursachen 
die gleiche Wirkung haben können, so ist es niemals ausgeschlossen, 
dafs der gleiche Zweck durch verschiedene Mittel erreicht werden 
kann. Der Sozialismus, insoweit er als eine vom Willen der Menschen 
abhängende Einrichtung gilt, ist nur der erste Vorschlag zur Beseitigung 
jener, aus der historischen Ungleichheit entspringenden, eudämonistischen 
UnVollkommenheiten und darum mit dem Bedürfnis nach deren Auf- 
hebung so eng assoziiert, dafs er mit dieser solidarisch erscheint. Es 
gibt aber keinen logischen Grund, das definitiv entscheidende Gefühl 
von Würde und sich selbst gehörendem Leben ausschliefslich an ihn 
zu knüpfen, sobald es nur möglich wäre, die entsprechende Assoziation 
aufzulösen : zwischen der Über- und Unterordnung einerseits und dem 
Gefühl von persönlicher Entwertung und Unterdrücktheit andrerseits. 
Vielleicht gelingt dies einem Wachstum der psychologischen Unab- 
hängigkeit des individuellen Lebensgefühls von der äufseren Tätigkeit 
überhaupt und der Stellung, die der Einzelne innerhalb der Sphäre dieser 
einnimmt. Es liefse sich denken, dafs im Laufe der Kultur die Pro- 
duktionstätigkeit immer mehr blofse Technik wird, immer vollständiger 
ihre Folgen für die Innerlichkeit und Persönlichkeit des Menschen 
verliert. Tatsächlich finden wir die Annäherung an diese Scheidung 
als den soziologischen Typus von vielerlei Entwicklungen. Während 
Persönlichkeit und Leistung ursprünglich eng verschmolzen sind, so 
bewirkt dann die Arbeitsteilung und die Herstellung der Produkte 
für den Markt, d. h. für gänzlich unbekannte und gleichgültige 
Konsumenten, dafs die Persönlichkeit sich immer mehr aus der Leistung 

15* 



— 228 — 

heraus und auf sich selbst zurückzieht. Nun mag der geforderte Ge- 
horsam noch so unbedingt sein — er dringt mindestens nicht mehr 
in die für das Lebensgefühl und den Persönlichkeitswert entscheidende 
Schicht, weil er nur eine technische Notwendigkeit ist, eine Organi- 
sationsform, die ebenso auf dem abgegrenzten Gebiet der Äufserlich- 
keiten verbleibt, wie die manuelle Arbeit selbst. Diese Differenzierung 
der objektiven und der subjektiven Lebenselemente, bei der die Unter- 
ordnung in ihrem technisch-organisatorischen Werte erhalten bleibt,^ 
aber ihre personal und innerlich deprimierenden und deklassierenden 
Folgen abwirft — ist selbstverständlich keine Panacee gegen sämtliche 
Schwierigkeiten und Leiden, die das Herrschen und Gehorchen auf 
allen Gebieten mit sich bringt; sie ist an dieser Stelle nur der prin- 
zipielle Ausdruck einer sehr partiell wirksamen Tendenz, die in der 
Wirklichkeit niemals zu einer unabgelenkten und abschliefsenden 
Leistung kommt. Eines der reinsten Beispiele bietet der Freiwilligen- 
dienst des heutigen Militärs. Der geistig und sozial höchststehende 
Mann mag sich hier dem Unteroffizier unterordnen, ja eine Behand- 
lung ertragen, die ihn, wenn sie wirklich sein Ich und sein Ehrgefühl 
träfe, zu den verzweifeltsten Reaktionen bewegen würde. Aber das 
Bewufstsein, dafs er garnicht als individuelle Persönlichkeit, sondern 
nur als unpersönliches Glied sich einer objektiven, solche Disziplin 
fordernden Technik zu beugen hat, läfst es zu dem Gefühl der Ent- 
würdigung und Unterdrückung — mindestens in vielen Fällen — 
nicht kommen. Innerhalb der Wirtschaft ist es insbesondere der 
Übergang der Lohnarbeit zur Maschinenarbeit und der Natural- 
entlohnung zum Geldlohn, der dies Objektivwerden der Über- und 
Unterordnung begünstigt, gegenüber dem Gesellenverhältnis, in dem 
sich die Aufsicht und Herrschaft des Meisters auf alle Lebens- 
beziehungen des Gesellen, ganz über die rein im Arbeitsverhältnis 
gelegene Prärogative hinaus, erstreckte. 

Dem gleichen Entwicklungsziel könnte ein weiterer wichtiger 
Typus soziologischer Formung dienen. Proudhon will bekanntlich 
alle Über- und Unterordnung aufheben , indem er diejenigen regieren- 
den Gebilde, welche sich als Träger der sozialen Kräfte aus der 
Wechselwirkung der Individuen herausdifferenziert haben, auflösen und 
alle Ordnung und allen Zusammenhalt wieder auf die unmittelbare 
Wechselwirkung zwischen freien, koordinierten Individuen gründen 
will. Nun ist aber diese Koordination vielleicht auch bei Weiter- 



— 229 — 

bestehen von Über- und Unterordnung zu erreichen, wenn diese 
nämlich eine wechselseitige ist: eine ideale Verfassung, in 
der A dem B in einer Beziehung oder zu einer Zeit übergeordnet 
ist, in einer andern Beziehung oder zu einer andern Zeit aber B 
dem A. Damit wäre der organisatorische Wert der Über- und Unter- 
ordnung gewahrt, während ihre Bedrückung, Einseitigkeit und Un- 
gerechtigkeit fortfiele. Es gibt mm tatsächlich aufserordentlich viele 
Erscheinungen des Gesellschaftslebens, in denen dieser Formtypus 
sich verwirklicht, wenn auch nur in embryonaler, verstümmelter und 
verdeckter Art. Ein Beispiel in engem Rahmen ist etwa eine Pro- 
duktivassoziation von Arbeitern zu einem Betrieb, für den sie einen 
Meister und Werkführer wählen. Während sie diesem in der Technik 
des Betriebes untergeordnet sind, sind sie ihm doch in bezug auf 
dessen allgemeine Leitung und Ergebnisse übergeordnet. Indem alle 
Gruppen , in denen der Führer entweder durch häufigere Wahl oder 
nach regelmäfsigem Turnus wechselt, — bis herab zu dem Vorsitz in 
geselligen Vereinen — diese Vereinigung von Über- und Unterordnung 
aus der homochronen Form in die zeitliche Alternierung übertragen, 
gewinnen sie die technischen Vorteile der Über- und Unterordnung 
unter Vermeidung ihrer personalen Nachteile. Alle entschiedenen 
Demokratien suchen dies durch die kurze Funktionsdauer ihrer Be- 
amten zu erreichen. Hierdurch wird das Ideal, dafs jeder einmal an 
die Reihe kommt, möglichst realisiert ; daher auch das häufige Verbot 
der Wiederwahl. Die gleichzeitige Über- und Unterordnung ist eine 
der kraftvollsten Formen der Wechselwirkung und kann, in richtiger 
Verteilung auf die Mannigfaltigkeit der Gebiete, schon durch die enge 
Wechselwirkung, die sie bedeutet, ein sehr starkes Band zwischen In- 
dividuen bilden. 

Stimer sieht hierin das Wesentliche des Konstitutionalismus : »Die 
Minister dominieren über ihren Herrn, den Fürsten, die Deputierten 
über ihren Herrn, das Volk.« Und noch in einem tieferen Sinne 
enthält der Parlamentarismus diese Korrelationsform. Wenn die 
moderne Jurisprudenz alle Rechtsverhältnisse in solche der Gleich- 
ordnung und solche der Über- und Unterordnung teilt, so dürften 
auch die ersten vielfach solche von Über- und Unterordnung, aber in 
wechselseitiger Ausübung, sein. Die Gleichordnung zweier Bürger 
mag darin bestehen, dafs keiner eine Prärogative vor dem andern 
besitzt. Aber indem jeder einen Abgeordneten wählt, und dieser über 



— 230 — 

Gesetze, die auch für den andern gelten, mitzubestimmen hat, entsteht 
ein Verhältnis weehselseitiger Über- und Unterordnung, und zwar 
als Ausdruck der Koordination. Für die Verfassungsfragen ist diese 
Form überhaupt von entscheidender Bedeutung, wie schon Aristoteles 
erkannt hat, wenn er den Anteil an der Staatsgewalt, dem Rechte 
nach, von dem Anteil an der Staatsgewalt, der Ausübung nach, unter- 
scheidet. Dadurch, dafs ein Bürger, im Gegensatz zu den Nicht- 
Bürgern, ein Träger der Staatsgewalt ist, ist noch nicht gesagt, dafs 
er nicht etwa innerhalb der Organisation dieser lediglich und dauernd 
zu den blofs Gehorchenden gehört. Wer in bezug auf die Frage der 
Bürgerwehrfähigkeit zu den oXtyoi, zu den Besitzenden, zählen mag, 
kann hinsichtlich des Anteils an der Ausübung der Staatsgewalt zu 
den weniger Besitzenden, dem S^jio? gehören, indem zu Ämtern etwa 
nur Leute mit hoher Schätzung wählbar sind, niedrigere Schätzung 
aber ledigHch zur Teilnahme an der ixxXTjofia berechtigt. Ein Staat, 
welcher sich in Richtimg auf das erste Verhältnis vielleicht als öXi^ap^ia 
darstellte, ist in bezug auf das zweite unter Umständen Demokratie. 
Der Beamte ist hier der allgemeinen Staatsgewalt unterworfen, deren 
Träger in der praktischen Organisation wiederum ihm unterworfen sind. 
Man hat dieses Verhältnis zugleich verfeinert und allgemeiner aus- 
gedrückt, indem man das Volk als Objekt des Imperiums dem Indi- 
viduum als allen andern koordiniertes Glied gegenüberstellte: der 
Einzelne sei in jener Hinsicht Pflichtobjekt, in dieser Rechtssubjekt. 
Und zwar steigert sich diese Differenzierung und zugleich die durch 
die Wechselseitigkeit der Über- und Unterordnung bewirkte Einheit- 
lichkeit des Gruppenlebens noch, wenn man auf gewisse Inhalte achtet, 
auf die sich diese Form bezieht. Man hat als die Stärke der Demo- 
kratie hervorgehoben, — mit vollem Bewufstsein der darin gelegenen 
Paradoxie — dafs ein jeder in den Dingen Diener ist, in denen er 
die genaueste Sachkenntnis besitzt, nämlich in den beruflichen, wo 
er den Wünschen der Konsumenten, den Anweisungen des Unter- 
nehmers oder sonstigen Auftragerteilenden gehorchen mufs — während 
er in den allgemeinen bzw. politischen Interessen der Gesamtheit mit 
Herr ist, von denen er kein spezielles, sondern nur das allen andern 
auch eigene Verständnis hat. Wo der in letzter Instanz Herrschende 
zugleich der Sachverständige ist, da sei die absolute Unterdrückung 
der Tieferstehenden ganz unvermeidlich ; und wenn in der Demokratie 
die jeweilige Zahlenmajorität diese Konzentration von Wissen und 



— 231 — 

Macht besäfse, würde sie keine weniger schädliche Tyrannei als die 
Autokratie üben. Um es zu dieser Spaltung zwischen Oben und 
Unten nicht kommen zu lassen, sondern eine Einheit des Ganzen zu 
bewahren, bedürfe es dieser eigentümlichen Verschränkung, mit der 
die höchste Macht denen anvertraut sei, die in Hinsicht des Sach- 
verständnisses subaltern wären! Auf der Verflechtung von alter- 
nierenden Über- und Unterordnungen zwischen denselben Potenzen 
ruhte nicht weniger die Einheit des Staatsgedankens, zu der nach 
der glorreichen Revolution in England die parlamentarische und die 
Kirchenverfassung zusammenwuchsen. Die Geistlichkeit hatte eine 
tiefe Abneigung gegen das parlamentarische Regime und vor allem 
gegen die Prärogative, die dieses auch ihr gegenüber verlangte. Der 
Friedensschlufs kam — den Hauptsachen nach — so zustande, dafs 
die Kirche eine besondere Gerichtsgewalt über Ehe und Testamente 
behielt und ihre Strafbestimmungen für Katholiken und Nicht- 
Kirchenbesucher. Dafür vergafs sie ihre Lehre vom unabänderlichen 
»Gehorsam« und erkannte an, dafs die göttliche Weltordnung Platz 
für eine parlamentarische hatte, deren besonderen Bestimmungen auch 
die Geistlichkeit unterworfen sei. Wiederum aber dominierte die 
Kirche das Parlament, indem zum Eintritt in dieses Eide erforderlich 
waren, die nur die Staatskirchler ohne weiteres, Dissenters auf Um- 
wegen, Andersgläubige überhaupt nicht ablegen durften. Die 
regierende geistliche und weltliche Klasse verkettete sich in der 
Weise, dafs die Erzbischöfe ihren Platz im Oberhause über den Her- 
zögen, die Bischöfe über den Lords behielten, während sich alle 
Pfarrer dem Patronat der weltlichen regierenden Klasse unterordneten. 
Dafür überliefs man den Ortsgeistlichen wieder die Leitung der Orts- 
gemeindeversammlung. Dies war die Wechselwirkungsform, die die 
sonst einander widerstrebenden Machtfaktoren gewinnen konnten, damit 
die Staatskirche des 18. Jahrhunderts und eine einheitliche Organi- 
sation des englischen Lebens überhaupt zustande kam. Auch das ehe- 
liche Verhältnis verdankt seine innere und äufsere Festigkeit und Einheit 
wenigstens zum Teil der Tatsache, dafs es eine grofse Anzahl von 
Interessengebieten umfafst und auf manchen derselben der eine Teil, 
auf andern der andere übergeordnet ist. Dadurch entsteht ein In- 
einanderwachsen, eine Einheitlichkeit und zugleich doch innere Lebendig- 
keit des Verhältnisses, wie sie bei andern soziologischen Formen kaum 
zu erreichen ist. Was man die »Gleichberechtigung» von Mann und 



— 232 — 

Frau in der Ehe nennt — als Tatsache oder als frommen Wunsch — 
wird sich wohl zum grofsen Teil als solche alternierende Über- und 
Unterordnung herausstellen. Wenigstens ergäbe sich hierbei, ins- 
besondere wenn man auf die tausend feinen, nicht in Prinzipien zu 
fassenden Beziehungen des täglichen Lebens achtet, ein mehr orga- 
nisches Verhältnis, als bei einer mechanischen Gleichheit im unmittel- 
baren Sinn; jene Alternierung brächte es schon mit sich, dafs die 
jeweilige Überordnung nicht als brutaler Befehl aufträte. Diese Ver- 
hältnisform bildete auch eines der festesten Bänder für die Armee 
Cromwells. Derselbe Soldat, der in militärischen Angelegenheiten 
seinem Vorgesetzten blind gehorchte, machte sich oft in der Gebet- 
stunde zum Sittenprediger diesem Vorgesetzten gegenüber, ein Korporal 
konnte die Andacht leiten, an der sein Hauptmann nur ebenso wie 
alle Gemeinen teilnahm, die Armee, die ihrem Führer unbedingt 
folgte, wenn einmal ein politischer Zweck akzeptiert war, fafste vorher 
doch ihrerseits politische Entschlüsse, denen sich die Führer unter- 
ordnen mufsten. Durch diese Wechselseitigkeit von Über- und Unter- 
ordnung erhielt die puritanische Armee, solange sie bestand, eine 
aufserordentliche Festigkeit. 

Nun ist dieser günstige Erfolg der in Frage stehenden Ver- 
gesellschaftungsform aber davon abhängig, dafs die Sphäre, innerhalb 
deren das eine Sozialelement übergeordnet ist, sehr genau und un- 
zweideutig von denjenigen abgegrenzt ist, in denen das andre über- 
geordnet ist. Sobald dies nicht der Fall ist, werden fortwährende 
Kompetenzkonflikte entstehen, und der Erfolg wird nicht Stärkung, 
sondern Schwächung der Verbindung sein. Insbesondere wo ein im 
allgemeinen Untergeordneter gelegentlich eine Überordnung erringt, 
die auf dem Gebiet seiner sonstigen Unterordnung bleibt, da wird 
teils durch den Charakter des Rebellentums , den dieser Zustand 
meistenteils tragen wird, teils durch die mangelnde Fähigkeit des immer 
Untergeordneten zur Überordnung auf dem gleichen Gebiete — die 
Festigkeit der Gruppe leiden. So brachen zur Zeit der Weltmacht 
Spaniens im spanischen Heer, z. B. in den Niederlanden, periodische 
Rebellionen aus. Mit so furchtbarer Disziplin es im ganzen zusammen- 
gehalten wurde, so zeigte es doch gelegentlich eine ununterdrückbare 
demokratische Energie. In gewissen, fast berechenbaren Zwischen- 
räumen rebellierten sie gegen die Offiziere, setzten sie ab und wählten 
eigene Offiziere, die aber imter Aufsicht der Soldaten standen und 



— 233 — 

nichts tun durften, was nicht alle Untergebenen billigten. Die Schäd- 
lichkeit solchen Durcheinandergehens von Über- und Unterordnung 
auf einem und demselben Gebiete bedarf keiner Erörterung. Sie liegt 
in indirekter Form ebenso in der kurzen Amtsdauer der wählbaren Be- 
amten vieler Demokratien; es wird dadurch allerdings erreicht, dafs 
eine möglichst grofse Anzahl von Bürgern einmal in eine führende 
Stellung gelangt — aber andrerseits werden langsichtige Pläne, konti- 
nuierliche Aktionen, konsequent durchgeführte Mafsregeln, technische 
Vervollkommnungen oft genug dadurch verhindert. In den antiken 
Republiken freilich war dieses rasche Alternieren noch nicht in diesem 
Mafse schädlich, insoweit ihre Verwaltung einfach und durchsichtig 
war, und die meisten Bürger die für die Ämter erforderlichen Kenntnisse 
und Schulung besafsen. Die soziologische Form jener Vorkommnisse 
im spanischen Heere zeigten, bei sehr verschiedenem Inhalt, die grofsen 
Unzuträglichkeiten, die sich im Anfang des 19. Jahrhunderts in der 
amerikanischen Episkopalkirche herausstellten. Die Gemeinden wurden 
nämlich von einer fieberhaften Leidenschaft ergriffen, eine Kontrolle 
über ihre Geistlichen auszuüben, die doch grade um der sittlichen 
und kirchlichen Kontrolle über die Gemeinde willen angestellt waren ! 
In Nachwirkung dieser Aufsässigkeit der Gemeinden wurden in 
Virginien noch lange Zeit nachher die Geistlichen immer nur auf 
ein Jahr angestellt. Mit einer kleinen Verschiebung, in der Haupt- 
sache aber doch formal gleich, tritt dies soziologische Vorkommnis 
in Beamtenhierarchien ein, wo der Vorgesetzte technisch vom Unter- 
gebenen abhängig ist. Dem höheren Beamten fehlt oft die Kenntnis 
der technischen Details oder der aktuellen Sachlage. Der untere 
Beamte bewegt sich meist sein Leben lang in demselben Kreise von 
Aufgaben und gewinnt dadurch eine spezialistische Kenntnis seines 
engen Gebietes, die demjenigen entgeht, der rasch durch verschiedene 
Stufen vorwärts eilt — während seine Beschlüsse doch nicht ohne 
jene Detailkenntnisse ausgeführt werden können. Bei dem Vorrecht 
zum Staatsdienst, das in der römischen Kaiserzeit Ritter und Senatoren 
hatten, gab man sich mit keiner theoretischen Vorbildung zu ihm ab, 
sondern überliefs den Erwerb der erforderlichen Kenntnisse einfach 
der Praxis. Dies hatte aber — schon in den letzten Zeiten der Re- 
publik — die Folge gehabt, dafs die höheren Beamten von ihrem 
Unterpersonal abhängig waren, welches, nicht ständig wechselnd, sich 
eine gewisse Geschäftsroutine zu verschaffen in der Lage war. Dies 



— 234 — 

ist in Rufsland eine durchgehende Erscheinung, die durch die dortige 
Art der Ämterbesetzung besonders begünstigt wird. Das Avance- 
ment findet dort nach Rangklassen statt, aber nicht nur innerhalb 
desselben Ressorts, sondern wer eine bestimmte Klasse erreicht hat, 
wird oft — auf seinen Wunsch oder den des Vorgesetzten — mit 
ebendemselben Rang in ein ganz anderes versetzt. So war es, 
wenigstens bis vor kurzem, kein seltener Fall, dafs der graduierte 
Student nach sechsmonatlicher Dienstleistung in der Front ohne weiteres 
Offizier wurde, ein Offizier dagegen, unter Übertritt in die seiner 
militärischen Charge entsprechende Beamtenrangstufe, irgend ein ihm 
mehr zusagendes Amt im Zivilstaatsdienst erhielt. Wie sich dann beide 
mit ihrer den neuen Verhältnissen nicht angepafsten Vorbildung zu- 
rechtfanden, blieb ihnen überlassen. Mit unvermeidlicher Häufigkeit 
mufs hieraus technische Unkenntnis des höheren Beamten für seine 
Stelle hervorgehen, die ihn ebenso unvermeidlich von seinem Unter- 
gebenen und dessen Sachkenntnis abhängig macht. Die Reziprozität 
von Über- und Unterordnung läfst also oft den tatsächlich Leitenden 
als den Untergeordneten, den tatsächlich nur Ausführenden als den 
Übergeordneten erscheinen, und schädigt damit die Gediegenheit der 
Organisation ebenso, wie eine zweckmäfsig verteilte Alternierung von 
Über- und Unterordnung sie stützen kann. 

Jenseits dieser speziellen Formungen stellt die Tatsache der 
Herrschaft folgendes ganz allgemeine soziologische Problem. Über- 
und Unterordnung bilden einerseits eine Form der objektiven Organi- 
sation der Gesellschaft ; sie sind andrerseits der Ausdruck der persön- 
lichen Qualitätsunterschiede zwischen den Menschen. Wie verhalten 
sich nun diese beiden Bestimmungen zu einander, und wie wird die 
Form der Vergesellschaftung durch die Verschiedenheiten dieses Ver- 
hältnisses beeinflufst ? 

Am Anfang der gesellschaftlichen Entwicklung mufs die Über- 
ordnung einer Persönlichkeit über andre der adäquate Ausdruck und 
Folge persönlicher Überlegenheit gewesen sein. Es liegt gar kein 
Grund vor, weshalb in einem sozialen Zustande ohne feste Organisation, 
die dem Einzelnen a priori seine Stelle anweist, irgend jemand sich 
dem andern unterordnen sollte, wenn ihn nicht Gewalt, Pietät, körper- 
liche, geistige oder willensmäfsige Überlegenheit, Suggestion, kurz 
das Verhältnis seines persönlichen Seins zu dem des andern dazu be- 
stimmte. Wenigstens müssen wir, da uns das Anfangsstadium gesell- 



— 235 — 

schaftlicher Bildung historisch unzugängig ist, aus methodischem 
Prinzip die möglichst einfache Annahme: einer annähernden Gleich- 
gewichtslage, machen. Dies verhält sich wie mit den kosmologischen 
Herleitungen. Weil wir den Ausgangszustand des Weltprozesses nicht 
kennen, mufste man sich bemühen, von dem möglichst Einfachen, der 
Homogeneität und Gleichgewichtslage der Weltelemente aus , Beginn 
und Fortschritt der Mannigfaltigkeiten und Differenzierungen zu dedu- 
zieren. Nun ist freilich kein Zweifel, dafs, wenn jene Voraussetzungen 
im absoluten Sinne gemacht werden, kein Weltprozefs beginnen konnte, 
weil sie keine Ursache für Bewegung und Besonderung bieten-, viel- 
mehr mufs irgend ein differentielles Verhalten von Elementen, wie 
minimal auch immer, an den Anfangszustand gesetzt werden, um von 
ihm aus die weiteren Differenzierungen begreiflich zu machen. So 
sind wir auch genötigt, in der Entwicklung der sozialen Mannig- 
faltigkeiten von einem fiktiven einfachsten Zustande auszugehen; das 
Minimum von Mannigfaltigkeit, dessen es als des Keimes aller späteren 
Differenzierungen bedarf, wird dabei wohl in die rein personalen 
Unterschiedenheiten der Anlagen von Individuen gesetzt werden 
müssen. Die nach aufsen gerichteten Unterschiedlichkeiten der Menschen 
in den aufeinander bezüglichen Positionen werden also zu allererst von 
solchen qualitativen Individualisierungen abzuleiten sein. So werden 
von dem Fürsten in primitiven Zeiten Vollkommenheiten gefordert 
oder vorausgesetzt , die in ihrem Grade oder in ihrer Vereinigung 
ungewöhnlich sind. Der griechische König der heroischen Zeit mufs 
nicht nur tapfer, weise und beredt sein, sondern auch hervorragend 
in den athletischen Übungen und möglichst auch ein vortrefflicher 
Zimmermann, Schiffsbauer und Ackersmann. Die Stellung des Königs 
David beruhte, wie man hervorgehoben hat, zum grofsen Teil darauf, 
dafs er zugleich Sänger und Kriegsmann, Laie und Prophet war, und 
die Fähigkeiten besafs, die weltliche Staatsmacht mit der geist- 
lichen Theokratie zu verschmelzen. Aus diesem Ursprung von Über- 
und Unterordnung, der natürlich noch in jedem Augenblick innerhalb 
der Gesellschaft wirksam ist und fortwährend neue Verhältnisse stiftet, 
entwickeln sich nun aber feststehende Organisationen von Über- 
und Unterordnung, in welche die Individuen entweder hineingeboren 
werden, oder in denen sie die einzelnen Positionen auf Grund ganz 
andrer Qualitäten erringen, als die sind, welche die fragliche Über- 
und Unterordnung ursprünglich begründet haben. Dieser Übergang 



— 236 — 

vom Subjektivismus der Herrschaftsverhältnisse zu einer objektiven 
Formation und Fixierung wird durch die rein quantitative Erweiterung 
der Herrschaftsgebiete bewirkt. Für 'diese allenthalben bemerkbare 
Beziehung zwischen der steigenden Quantität von Elementen und der 
Objektivität der für sie gültigen Normierungen sind zwei eigentlich 
entgegengesetzte Motive von Bedeutung. Die Vermehrung von Ele- 
menten enthält zugleich eine Vermehrung der in ihnen vorkommenden 
qualitativen Besonderheiten. Damit steigt die Unwahrscheinlichkeit, 
dafs irgend ein Element von subjektiver Individualität ein gleiches oder 
ein gleichmäfsig genügendes Verhältnis zu jedem von ihnen habe. In 
dem Mafs, in dem die Differenzen innerhalb des Herrschafts- oder 
Normierungsgebietes zunehmen, mufs der Herrscher oder die Norm 
ihren Individualcharakter abzutun und einen allgemeinen, über die 
Fluktuierungen des Subjektiven erhabenen anzunehmen suchen. Andrer- 
seits führt ebendieselbe Erweiterung des Kreises auf Arbeitsteilung 
und Differenzierung unter ihren führenden Elementen. Der Herrscher 
einer grofsen Gruppe kann nicht mehr, wie der griechische König, für 
alle ihre wesentlichen Interessen Mafs und Führer sein; es bedarf 
vielmehr einer vielfältigen Spezialisierung und fachmäfsigen Einteilung 
des Regimes. Arbeitsteilung aber steht überall in Wechselbeziehung 
mit der Objektivierung des Handelns und der Verhältnisse, sie rückt 
die Leistung des Einzelnen in einen aufserhalb seiner Sphäre gelegenen 
Zusammenhang, die Persönlichkeit als ganze und innere stellt sich 
jenseits ihres einseitigen Tuns, dessen jetzt rein sachlich umschriebene 
Resultate sich erst mit denen anderer Persönlichkeiten wieder zu einer 
Ganzheit zusammenschliefsen. Der Umkreis solcher Ursachen wird die von 
Fall zu Fall, von Person zu Person entstehenden Herrschaftsverhält- 
nisse in die objektive Form übergeführt haben, in der sozusagen nicht 
der Mensch, sondern die Stellung das Übergeordnete ist. Das Apriori 
der Beziehung sind jetzt nicht mehr die Menschen mit ihren Eigen- 
schaften, aus denen die soziale Relation entsteht, sondern diese Re- 
lationen als objektive Formen, »Stellungen«, gleichsam leere Räume 
und Umrisse, die erst von Individuen »ausgefüllt« werden sollen. Je 
fester und technisch ausgearbeiteter die Organisation der Gruppe ist, 
desto objektiver und formaler bieten sich die Schemata der Über- und 
Unterordnung dar, zu denen dann erst nachträglich die geeigneten 
Personen gesucht werden, oder die durch die blofsen Zufälle der Ge- 
burt und sonstiger Chancen ihre Ausfüllungen finden. Hierbei ist 



— 237 — 

keineswegs nur an die Hierarchie staatlicher Stellungen zu denken. 
Die Geldwirtschaft schafft auf den von ihr beherrschten Gebieten eine 
ganz ähnliche Formung der Gesellschaft. Der Besitz oder der Mangel 
einer bestimmten Geldsumme bedeutet eine bestimmte soziale Stellung, 
fast ganz unabhängig von den personalen Qualitäten dessen, der sie 
ausfüllt. Das Geld hat die vorhin betonte Scheidung zwischen dem 
Menschen als Persönlichkeit und als Träger einer bestimmten Einzel- 
leistung oder -bedeutung auf den Gipfel gehoben ; sein Besitz gewährt 
jedem, der ihn erobern oder irgendwie erwerben kann, eine Macht 
und eine Stellung, die mit dem Innehaben dieses Besitzes, nicht aber 
mit der Persönlichkeit und ihren Eigenschaften auftritt und ver- 
schwindet. Die Menschen traversieren durch die Positionen, die be- 
stimmten Geldbesitzen entsprechen, wie rein zufällige Ausfüllungen 
durch feste, gegebene Formen hindurchgehen. Dafs übrigens die 
moderne Gesellschaft diese Diskrepanz zwischen Stellung und Persön- 
lichkeit nicht etwa durchgehends aufweist, bedarf keiner Betonung. 
Vielmehr wird sich vielfach sogar durch die Lösung des objektiven 
Inhaltes der Position von der Persönlichkeit als solcher eine gewisse 
Gelenkigkeit ihrer Zuordnung herstellen, die die angemessene Pro- 
portion auf neuer, oft rationellerer Basis realisiert — ganz abgesehen 
von den ungeheuer gesteigerten Möglichkeiten, die die liberalen Ord- 
nungen überhaupt für den Gewinn der den Kräften entsprechenden 
Stellung geben: wenngleich die hier in Frage kommenden Kräfte oft 
so spezialistische sind, dafs die durch sie gewonnene Überordnung 
dennoch der Persönlichkeit nach ihrem Gesamtwert nicht zukommt. 
Gerade an gewissen mittleren Gestaltungen, wie der ständischen und 
der zünftischen, wird jene Diskrepanz gelegentlich ihr Maximum er- 
reichen. Man hat mit Recht hervorgehoben, dafs das System der 
Grofsindustrie dem ausnehmend begabten Manne mehr Gelegenheit 
gebe, sich auszuzeichnen, als er vordem besafs. Das Zahlenverhältnis 
von Werkführem und Aufsehern zu Arbeitern sei zwar heutzutage 
kleiner, als das Zahlenverhältnis von Kleinmeistern zu Lohnarbeitern 
vor zweihundert Jahren. Aber das besondere Talent könne viel sicherer 
zu höherer Stellung aufsteigen. Worauf es an dieser Stelle ankommt, 
ist nur die eigentümliche Chance des Auseinanderfallens der per- 
sonalen Qualität und ihrer Stellung nach Herrschen oder Beherrscht- 
werden, die durch die Objektivierung der Stellungen, durch deren Diffe- 
renzierung von dem rein Personalen der Individualität gegeben ist. 



— 238 — 

So sehr der Sozialismus dieses blind zufällige Verhältnis zwischen 
der objektiven Stufenfolge der Positionen und den Qualifikationen der 
Personen perhorresziert, so kommen doch seine Organisationsvorschläge 
auf dieselbe soziologische [Gestaltung heraus. Denn er fordert eine 
absolut zentralisierte, also notwendigerweise streng gegliederte und 
hierarchische Verfassung und Verwaltung, setzt aber alle Individuen 
als a priori gleich befähigt voraus, jede beliebige Stelle dieser Hierarchie 
auszufüllen. Damit aber wird [gerade das, was an den jetzigen Zu- 
ständen als sinnlos erschien, mindestens nach einer Seite hin zum 
Prinzip erhoben. Denn dafs, in der reinen demokratischen Konsequenz, 
die Geleiteten den Leiter wählen, bietet keine Garantie gegen die 
Zufälligkeit des Verhältnisses zwischen Person und Stellung, nicht nur 
weil man, um den besten Sachkenner zu wählen, selbst Sachkenner 
sein mufs ; sondern weil das Prinzip der Wahl von unten her in allen 
weit ausgedehnten Kreisen durchaus zufällige Resultate liefert; aus- 
genommen hiervon sind reine Parteiwahlen, bei denen aber gerade 
das Moment, für das Sinn oder Zufall hier in Frage steht, ausgeschaltet 
ist: denn die Parteiwahl als solche gilt doch nicht der Person, weil 
sie diese bestimmten persönlichen Qualitäten besitzt, sondern weil sie 
der — extrem gesprochen — anonyme Vertreter eines bestimmten 
objektiven Prinzips ist. Die Form der Kreierung des Führers, zu der 
der Sozialismus folgerichtig greifen müfste, ist die Auslosung der 
Positionen. Viel mehr als der Turnus, der in ausgedehnten Verhält- 
nissen doch nie vollständig durchzuführen ist, bringt die Losung den 
ideellen Anspruch eines jeden zum 'Ausdruck. Sie ist deshalb keines- 
wegs an sich demokratisch; nicht nur, weil sie auch in einer herr- 
schenden Aristokratie gelten kann und als reines Formprinzip ganz 
jenseits dieser Gegensätze steht; sondern vor allem, weil die Demo- 
kratie die reale Mit Wirksamkeit Aller bedeutet, die Auslosung führender 
Positionen aber diese gerade in eine ideelle umsetzt, in das blols poten- 
zielle Recht jedes einzelnen, in eine leitende Stellung zu gelangen. 
Das Losprinzip schneidet die Vermittlung zwischen dem Menschen und 
seiner Stellung, die von der subjektiven Geeignetheit getragen wird, 
völlig durch, mit ihm ist die formal-organisatorische Forderung der 
Über- und Unterordnung überhaupt völlig Herr über die personalen 
Qualitäten geworden, von denen sie ausgegangen war. 

An dem Problem des Verhältnisses zwischen der personalen und der 
nur stellungsmäfsigen Superiorität scheiden sich zwei bedeutsame sozio- 



— 239 — 

logische Formgedanken. In Anbetracht der tatsächlichen und nur in 
einer Utopie zu beseitigenden Ungleichheit in den Qualitäten der 
Menschen ist die »Herrschaft der Besten« jedenfalls diejenige Verfassung, 
die das innere und ideelle Verhältnis der Menschen am genauesten 
und zweckmäfsigsten in ihrem äufseren zum Ausdruck bringt. Dies 
ist vielleicht der tiefste Grund, aus dem Künstler so oft aristokratisch 
gesonnen sind; denn alles Künstlertum ruht auf der Voraussetzung, 
dafs der innere Sinn der Dinge sich in ihrer Erscheinung adäquat 
offenbare, wenn man diese nur richtig und vollständig zu sehen ver- 
stände; die Trennung der Welt von ihrem Werte, der Erscheinung 
von ihrer Bedeutung ist die schlechthin antikünstlerische Sinnesart — 
so sehr der Künstler auch die unmittelbare Gegebenheit um- 
gestalten mufs, damit sie ihre wahre, überzufällige Form hergebe, die 
nun aber zugleich das Wort für ihren seelischen oder metaphysischen 
Sinn ist. Der psychologische und historische Zusammenhang zwischen 
aristokratischer und künstlerischer Lebensauffassung dürfte so min- 
destens zum Teil darauf zurückgehen, dafs nur eine aristokratische 
Ordnung den inneren Wertrelationen der Menschen eine sichtbare 
Form, sozusagen ihr ästhetisches Symbol, verschafft. Nun aber ist 
eine Aristokratie in diesem reinen Sinne, als die Herrschaft der Besten, 
wie Plato sie dachte, empirisch nicht zu realisieren. Zunächst, weil 
bisher kein Verfahren gefunden worden ist, durch das »die Besten« 
mit Sicherheit erkannt und an ihren Platz gestellt würden ; weder die 
apriorische Methode der Züchtung einer herrschenden Kaste, noch die 
aposteriorische der natürlichen Auslese im freien Kampf um die be- 
günstigte Stellung, noch die gewissermafsen mittlere der Personenwahl 
von unten oder von oben her haben sich als dafür zulänglich erwiesen. 
Indem zu diesen Schwierigkeiten der Voraussetzung noch die weiteren 
kommen : dafs die Menschen sich mit der Superiorität selbst des Besten 
unter ihnen selten beruhigen, weil sie überhaupt keine Superiorität 
wollen oder wenigstens keine, an der sie nicht selbst teil hätten; und 
femer, dafs der Besitz der Macht, auch der ursprünglich mit Recht 
erworbene, zu demoralisieren pflegt, freilich nicht immer das Individuum, 
aber fast immer Körperschaften und Klassen — so wird die Meinung 
des Aristoteles begreiflich : es komme zwar, vom abstrakten Standpunkt 
aus, dem Individuum oder dem Geschlecht, das etwa alle andern an 
dpex-q überrage, die absolute Herrschaft über diese andern zu; von 
den Anforderungen der Praxis aus sei dagegen eine Mischung dieser 



— 240 — 

Herrschaft mit der der Masse zu empfehlen ; deren numerisches Über- 
gewicht müsse mit jenem quahtativen zusammenwirken. Über diesen 
vermittelnden Gedanken hinaus aber können die hervorgehobenen 
Schwierigkeiten einer »Herrschaft der Besten« zu der Resignation 
führen, die allgemeine Gleichheit als die praktische Regulative gelten 
zu lassen, weil sie jenem Nachteile der — logisch allein gerechtfertigten 
— Aristokratie gegenüber das geringere Übel darstelle. Da es 
nun doch einmal unmöglich sei, die subjektiven Differenzen mit Sicher- 
heit und Dauer in objektiven Herrschaftsverhältnissen auszudrücken, 
so solle man sie überhaupt aus der Bestimmung der sozialen Struktur 
ausschalten und diese so regulieren, als ob jene nicht existieren. 

Die gleiche pessimistische Stimmung indes kann, da die Frage 
des gröfseren oder kleineren Übels in der Regel nur nach persönlicher 
Schätzung zu entscheiden ist, zu der genau entgegengesetzten Über- 
zeugung gelangen: dafs überhaupt nur regiert werden mufs, — in 
grofsen wie in kleinen Kreisen — besser von ungeeigneten Personen 
als garnicht; dafs die gesellschaftliche Gruppe die Form der Über- 
und Unterordnung aus innerer und objektiver Notwendigkeit heraus 
annehmen mufs, so dafs es dann sozusagen nur ein wünschenswertes 
Akzidenz ist, wenn an der mit objektiver Notwendigkeit präformierten 
Stelle auch das subjektiv zulängliche Individuum steht. Diese formale 
Tendenz geht von ganz primitiven Erfahrungen und Notwendigkeiten 
aus. Zunächst davon, dafs die Herrschaftsform eine Verbindung be- 
deutet oder schafft: unbehilflichere, über keine Vielheit von Wechsel- 
wirkungsformen verfügende Zeiten haben oft kein andres Mittel, die 
formale Zugehörigkeit zum Ganzen zu bewirken, als die Unterordnung 
der ihm nicht unmittelbar verbundenen Individuen unter seine a priori 
ihm zugehörigen Mitglieder. In der Zeit, als in Deutschland die 
früheste Verfassung völliger personaler und Besitzgleichheit in der 
Gemeinde aufgehört hatte, fehlten dem landlosen Manne die aktiven 
Freiheitsrechte — wenn er nicht ohne jede Verbindung mit dem Ge- 
meinwesen bleiben wollte, mufste er sich einem Herrn anschliefsen, 
um so mittelbar als Schutzgenosse an den öffentlichen Verbänden 
teilzunehmen. Daran, dafs er dies tat, hatte die Gesamtheit ein Interesse, 
denn sie konnte keinen unverbundenen Mann in ihrem Gebiete dulden, 
und deshalb machte das angelsächsische Gesetz dem Landlosen aus- 
drücklich zur Pflicht, sich zu »verherren«. Ebenso fordert im mittel- 
alterlichen England das Interesse der Gemeinde, dafs der Fremde sich 



— 241 — 

einem Schutzherrn unterstelle. Man gehörte zur Gruppe, wenn man 
ein Stück ihres Geländes besafs-, wer dessen ermangelte und doch zu 
ihr gehören wollte, der mufste selbst jemandem gehören, der ihr auf 
jene primäre Weise verbunden war. Die generelle Wichtigkeit führender 
Persönlichkeiten, bei einer relativen Gleichgültigkeit gegen deren 
personale Qualifikation, wiederholt sich formal ähnlich an manchen 
frühen Erscheinungen des Wahlprinzips. Die Wahlen zum mittel- 
alterlichen englischen Parlament z. B. scheinen mit erstaunlicher Fahr- 
lässigkeit und Indifferenz geführt worden zu sein: nur darauf, dafs 
der Bezirk ein Parlamentsmitglied designierte, scheint es angekommen 
zu sein, wer es war, tritt an Wichtigkeit dagegen zurück — was 
sich nicht weniger an der Gleichgültigkeit gegen die Qualifikation 
der Wähler zeigte, die im Mittelalter vielfach auffällt. Wer gerade 
anwesend ist, wählt mit, auf Legitimation oder auf eine bestimmte 
Anzahl der Wähler scheint oft kein Wert gelegt worden zu sein. 
Ersichtlich ist diese Unbekümmertheit um die Wahlkörper nur der 
Ausdruck für die Unbekümmertheit um die qualitativ-personalen Resul- 
tate der Wahl. — Ganz allgemein endlich wirkt in dem gleichen 
Sinn die Überzeugung von der Notwendigkeit des Zwanges, den 
die menschliche Natur nun einmal brauche, um nicht völliger Zweck- 
und Formlosigkeit des Handelns zu verfallen. Es ist für den generellen 
Charakter dieses Postulates gleichviel, ob die Unterordnung unter 
eine Person und ihre Willkür oder unter ein Gesetz erfolgt: gewisse 
extreme Fälle vorbehalten, in denen der M^ert der Unterordnung als 
Form über den Widersinn ihres Inhaltes nicht mehr Herr werden 
kann, ist es nur ein sekundäres Interesse, ob das Gesetz inhaltlich 
etwas besser oder schlechter ist, gerade wie es sich mit der Qualität 
der herrschenden Persönlichkeit verhielt. Man könnte hier auf die 
Vorzüge des erblichen — also von den Qualitäten der Person bis zu 
einem gewissen Grade unabhängigen — Despotismus hinweisen, ins- 
besondere wo es sich um das einheitliche, politische und kulturelle 
Leben grofser Gebiete handelt, und wo er vor der freien Föderation 
manches voraus hat, was der Prärogative der Ehe über die freie 
Liebe ähnlich ist. Niemand kann leugnen, dafs der Zwang des Rechtes 
und der Sitte unzählige Ehen zusammenhält, die sittlicherweise aus- 
einandergehen müfsten: die Personen ordnen sich hier einem Gesetz 
unter, das für ihren Fall eben nicht pafst. In andern aber ist der 
gleiche Zwang, so hart er momentan und subjektiv empfunden werde^ 

Simmel, Soziologie. 16 



— 242 — 

ein unersetzlicher Wert, weil er diejenigen zusammenhält, die sittlicher- 
weise zusammenbleiben sollen, aber in irgend einer augenblicklichen 
Verstimmung, Gereiztheit oder Gefühlsschwankung auseinandergehen 
würden, wenn sie nur könnten, und damit ihr Leben irreparabel ver- 
armen oder zerstören würden. Das Ehegesetz mag inhaltlich gut oder 
schlecht, für den jeweiligen Fall passend oder nicht sein: der blofse 
Zwang des Zusammenbleibens, der von ihm ausgeht, entwickelt indi- 
viduelle Werte eudämonistischer und ethischer Art, — von denen der 
sozialen Zweckmäfsigkeit noch ganz abgesehen — die für den hier 
vorausgesetzten, vielleicht einseitig pessimistischen Standpunkt, bei 
Fortfall jedes Zwanges überhaupt nicht zu realisieren wären. Schon 
das Bewufstsein eines jeden, dafs er an den andern zwangsmäfsig ge- 
bunden ist, mag in manchen Fällen dem Zusammensein seine äufserste 
Unerträglichkeit geben; in andern aber wird es eine Nachgiebigkeit, 
Selbstbeherrschung, Durchbildung der Seele mit sich bringen, zu der 
bei jederzeit möglichem Auseinandergehen sich niemand bewogen 
fühlen würde, sondern die nur der Wunsch hervorlockt, die nun doch 
einmal unvermeidliche Gemeinsamkeit der Existenz wenigstens so er- 
träglich wie möglich zu gestalten. Das Bewufstsein, überhaupt unter 
einem Zwange zu stehen, einer übergeordneten Instanz unterworfen 
zu sein, — mag diese ein ideelles oder ein soziales Gesetz sein, eine 
willkürlich schaltende Persönlichkeit oder ein Verwalter höherer 
Normen — dieses Bewufstsein ist gelegentlich revoltierend oder er- 
drückend, wahrscheinlich aber für die Mehrzahl der Menschen ein 
unersetzlicher Halt und Zusammenhalt des inneren und äufseren Lebens. 
Unsere Seele scheint — in dem unvermeidlich symbolischen Ausdruck 
aller Psychologie — in zwei Schichten zu leben: einer tiefen, schwer 
oder garnicht beweglichen, die den wirklichen Sinn oder Substanz 
unseres Daseins trägt, während die andre sich aus den im Moment 
herrschenden Impulsen und isolierten Reizbarkeiten zusammensetzt. 
Die zweite würde nun noch öfter, als es tatsächlich geschieht, den 
Sieg über die erste davontragen und durch das Sichdrängen und 
rasche Sichablösen ihrer Glieder jener keine Lücke lassen, um an die 
Oberfläche zu treten, wenn nicht das Gefühl eines von irgendwoher 
eingreifenden Zwanges ihre Strömung staute, ihre Schwankungen und 
Launenhaftigkeiten bräche und damit der beharrenden Unterströmung 
immer wieder Raum und Übergewicht verschaffte. Gegenüber dieser 
funktionellen Bedeutung des Zwanges als solchen ist sein besonderer 



— 243 — 

Inhalt erst von sekundärer Wichtigkeit. Der sinnlose mag von einem 
sinnvollen abgelöst werden, aber auch dieser hat seine jetzt fragliche 
Bedeutung nur in dem, was er mit jenem teilt; ja, nicht nur das 
Dulden des Zwanges, sondern auch die Opposition gegen ihn, gegen 
den ungerechten wie gegen den gerechtfertigten, übt an dem Rhyth- 
mus unseres Oberflächenlebens diese Funktion der Hemmung und 
Unterbrechung, wodurch denn die tieferen und überhaupt nicht von 
aufsen zu hemmenden Strömungen des eigensten und substanziellen 
Lebens zu Bewufstein und Wirksamkeit gelangen. Insofern nun der 
Zwang mit irgend einer Art von Herrschaft identisch ist, zeigt dieser 
Zusammenhang das Element in ihr auf, das gegen die Qualität des 
Herrschenden, gegen das Recht seiner Individualität auf Herrschaft 
gewissermafsen gleichgültig ist, und das so den tieferen Sinn einer 
Forderung von Autorität schlechthin offenbart. 

Ja, dafs persönliche Qualifikation und soziale Stellung in der 
Reihe der Über- und Unterordnungen sich durchgehends und restlos 
entsprächen, ist prinzipiell unmöglich, welche Organisation man auch 
zu diesem Zwecke vorschlagen möge. Und zwar auf Grund der Tat- 
sache, dafs es immer mehr Menschen gibt, die zu übergeordneten 
Stellungen qualifiziert sind, als es übergeordnete Stellungen gibt. Von 
den gewöhnlichen Arbeitern einer Fabrik gibt es sicher sehr viele, 
die ebenso gut Werkführer oder Unternehmer sein könnten; von den 
gemeinen Soldaten sehr viele, die die volle Befähigimg zum Offizier 
besäfsen; von den Millionen Untertanen eines Fürsten zweifellos eine 
grofse Anzahl, die ebenso gute oder bessere Fürsten sein würden. 
Das Gottesgnadentum ist gerade der Ausdruck dafür, dals die subjek- 
tive Qualität nicht entscheiden soll, sondern eine andre, über die 
menschlichen Mafsstäbe erhabene Instanz. Der Bruch zwischen den 
zu einer leitenden Stellung Gelangten und den zu ihr Befähigten darf 
auch nicht etwa daraufhin gröfser angesetzt werden, dafs es umgekehrt 
vielerlei Personen in übergeordneten Stellen gibt, die für sie nicht 
qualifiziert sind. Denn diese Art des Mifsverhältnisses zwischen 
Person und Stellung erscheint aus mancherlei Gründen erheblichen 
als sie in Wirklichkeit ist. Zunächst tritt die Unfähigkeit innerhalb 
einer Stellung, von der aus Andre geleitet werden, besonders grell 
hervor, läfst sich aus naheliegenden Ursachen schwerer verheimlichen, 
als sehr viele andre menschliche Unzulänglichkeiten — und zwar ins- 
besondere, weil ebenso viele Andre, wahrhaft zu der Stellung quali- 

16* 



— 244 — 

fizierte, untergeordnet daneben stehen. Ferner entsteht diese Un- 
angemessenheit vielfach garnicht aus individuellen Mängeln, sondern 
aus den widerspruchsvollen Anforderungen des Amtes, deren un- 
vermeidlicher Erfolg dennoch leicht dem Inhaber des Amtes als sub- 
jektive Schuld zugerechnet wird. Die moderne »Staatsregierung«, z.B. 
hat ihrem Begriffe nach eine Unfehlbarkeit, die der Ausdruck ihrer — 
prinzipiell — absoluten Objektivität ist. An dieser ideellen Unfehlbar- 
keit gemessen, erscheinen ihre realen Träger natürlich oft unzureichend. 
In Wirklichkeit sind die rein individuellen Unzulänglichkeiten leitender 
Persönlichkeiten relativ selten. Bedenkt man die unsinnigen und un- 
kontrollierbaren Zufälle, durch die die Menschen auf allen Gebieten in 
ihre Positionen gelangen, so wäre es ein unbegreifhches Wunder, dafs 
nicht eine sehr viel gröfsere Summe von Unfähigkeit in deren Aus- 
füllung hervortritt, wenn man nicht annehmen müfste, dafs die latenten 
Qualifikationen für die Stellungen in sehr grofser Verbreitung vor- 
handen sind. Es ruht auf dieser Voraussetzung, dafs republikanische 
Verfassungen manchmal bei der Kreierung ihrer Beamten nur nach 
negativen Instanzen fragen, d. h. danach, ob der Anwärter sich durch 
irgend etwas des Amtes unwürdig gemacht hätte — wenn also etwa 
in Athen die Ernennung durch das Los geschah und nur untersucht 
wurde, ob der Betreffende seine Eltern gut behandelt, seine Steuern 
bezahlt habe usw. — , also nur, ob etwas gegen ihn vorlag, so dafs 
vorausgesetzt wurde, dafs a priori jeder würdig wäre. Dies ist das 
tiefe Recht des Sprichwortes : wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch 
den Verstand dazu. Denn der zur Ausfüllung höherer Stellungen er- 
forderte »Verstand« ist eben bei vielen Menschen vorhanden, aber er 
bewährt, entwickelt, offenbart sich erst, wenn sie die Stellung ein- 
nehmen. Diese Inkommensurabilität zwischen dem Quantum der Be- 
fähigungen zur Überordnung und dem ihrer möglichen Betätigungen 
erklärt sich vielleicht aus dem Unterschiede zwischen dem Charakter 
des Menschen als Gruppenwesen und dem als Individuum. Die Gruppe 
als solche ist niedrig und führungsbedürftig, die Eigenschaften, die 
sie als die schlechthin gemeinsamen entfaltet, sind nur die sicher ver- 
erbten, also die primitiveren und undifferenzierten, oder die leicht 
suggerierbaren, also die »untergeordneten«. Sobald also überhaupt eine 
Gruppenbildung gröfseren Maises stattfindet, ist es zweckmäfsig, dafs 
die ganze Masse sich in der Form der Unterordnung unter Wenige 
organisiere. Das verhindert aber ersichtlich nicht, dafs jeder Einzelne 



— 245 — 

aus dieser Masse höhere und feinere Eigenschaften besitze. Nur sind 
diese individueller Art^ gehen nach verschiedenen Seiten über 
den Gemeinbesitz hinaus und helfen deshalb der Niedrigkeit derjenigen 
Qualitäten nicht auf, in denen sich alle mit Sicherheit begegnen. Aus 
diesem Verhältnis folgt, dafs einerseits die Gruppe als ganze des 
Führers bedarf, und es also viele Untergeordnete und nur wenige 
Übergeordnete geben kann, andrerseits aber jeder Einzelne aus der 
Gruppe höher qualifiziert ist, denn als Gruppenelement und also als 
Untergeordneter. 

Mit diesem, allen sozialen Bildungen eigenen Widerspruch zwischen 
dem gerechten Anspruch auf übergeordnete Stellung imd der techni- 
schen Unmöglichkeit, ihm zu genügen, findet sich das ständische 
Prinzip und die jetzige Ordnung ab, indem sie Klassen pyramiden- 
förmig mit einer immer geringeren Mitgliederzahl übereinander bauen 
und dadurch die Zahl der zu leitenden Stellungen »Qualifizierten« 
a priori einschränken. Diese Auswahl richtet sich nicht nach den ge- 
gebenen Individuen, sondern, umgekehrt, sie präjudiziert diese. Aus 
einer Menge von Gleichen kann man nicht jeden in die verdiente 
Stellung bringen. Darum könnten [jene Ordnungen als der Versuch 
gelten, umgekehrt vom Gesichtspunkt der vorher bestimmten Stellung 
aus die Individuen für diese zu züchten. Statt der Langsamkeit, mit 
der dies der Vererbung und der standesmälsigen Erziehung gelingen 
kann, werden auch sozusagen akute Verfahren angewendet, die die 
Persönlichkeiten, gleichgültig gegen deren bisherige Qualität, durch 
autoritative oder mystische Satzung zu der Fähigkeit des Führens 
und Herrschens emporheben. Für den Bevormundungsstaat des 17. imd 
18. Jahrhunderts war der Untertan zu keinerlei Mitwirkung an den 
öffentlichen Angelegenheiten fähig; in politischer Hinsicht blieb er 
dauernd führungsbedürftig. In dem Augenblick aber, in dem er in 
ein Staatsamt eintrat, erhielt er mit einem Schlage die höheren Ein- 
sichten und den Gemeinsinn, die ihn zur Lenkung der Allgemeinheit 
befähigten — als ob durch die Beamtung aus dem Unmündigen wie 
durch generatio aequivoca nicht nur der Mündige, sondern der Führer, 
mit allen erforderlichen Eigenschaften des Intellekts und Charakters, 
entsprungen wäre. Die Spannung zwischen der apriorischen Un- 
qualifiziertheit eines jeden zu einer bestimmten Superiorität, und der 
absoluten Qualifikation, die er a posteriori durch die Einwirkung einer 
höheren Instanz erwirbt, erreicht ihr Maximum innerhalb des katholi- 



— 246 — 

sehen Priesterstandes. Hier spielt keine Familientradition, keine von 
Kindheit an wirkende Erziehung mit, ja die persönliche Qualität des 
Kandidaten ist prinzipiell unwichtig gegenüber dem in mystischer 
Objektivität bestehenden Geiste, mit dem die Priesterweihe ihn begabt. 
Die superiore Leistung wird ihm nicht übertragen, weil gerade nur 
er von Natur zu ihr bestimmt ist (obgleich dies natürlich mitwirken 
kann tmd eine gewisse Unterschiedlichkeit der Zugelassenen begründet)^ 
auch nicht auf die Chance hin, ob er mm von vornherein ein Berufener 
oder Nichtberufener ist — sondern die Weihe schafft, weil sie den 
Geist überträgt, die besondere Qualifikation für die Leistung, zu der 
sie beruft. Dafs Gott dem, dem er ein Amt gibt, auch den Verstand 
dazu gibt — dies Prinzip ist nach seinen beiden Seiten: der vor- 
herigen Ungeeignetheit und der nachherigen, durch das »Amt« ge- 
schaffenen Geeignetheit, hier aufs radikalste realisiert. 



Viertes Kapitel. 
Der Streit. 



Dafs der Kampf soziologische Bedeutung hat, indem er Interessen- 
gemeinschaften, Vereinheitlichungen, Organisationen verursacht oder 
modifiziert, ist prinzipiell nie bestritten. Dagegen mufs der gewöhn- 
lichen Anschauung die Frage paradox vorkommen, ob nicht der 
Kampf selbst schon, ohne Rücksicht auf seine Folge- oder Begleit- 
erscheinungen, eine Vergesellschaftungsform ist. Dies erscheint zu- 
nächst als eine blolse Titelfrage. Wenn jede Wechselwirkung unter 
Menschen eine Vergesellschaftung ist, so mufs der Kampf, der doch 
eine der lebhaftesten Wechselwirkungen ist, der in der Beschränkung 
auf ein einzelnes Element logisch unmöglich ist, durchaus als Ver- 
gesellschaftung gelten. Tatsächlich sind das eigentlich Dissoziierende 
die Ursachen des Kampfes, Hafs und Neid, Not und Begier. Ist 
auf sie hin der Kampf erst ausgebrochen, so ist er eigentlich die Ab- 
hülfsbewegung gegen den auseinanderführenden Dualismus, und ein 
Weg, um zu irgend einer Art von Einheit, wenn auch durch Ver- 
nichtung der einen Partei, zu gelangen — ungefähr wie die heftigsten 
Erscheinungen der Krankheit gerade oft die Anstrengungen des 
Organismus darstellen, sich von Störungen und Schädlichkeiten zu 
befreien. Dies bedeutet keineswegs die Trivialität des: si vis pacem 
para bellum — sondern ist das ganz Allgemeine, von dem dieser 
Sonderfall abzweigt. Der Kampf selbst ist schon die Auslösung, der 
Spannung zwischen den Gegensätzen; dafs er auf den Frieden aus- 
geht, ist nur ein einzelner, besonders naheliegender Ausdruck dafür, 
dafs er eine Synthese von Elementen ist, ein Gegeneinander, das mit 
dem Füreinander unter einen höheren Begriff gehört. Dieser Be- 
griff wird durch den gemeinsamen Gegensatz beider Beziehungs- 



— 248 — 

formen gegen die blofse gegenseitige Gleichgültigkeit zwischen Ele- 
menten bezeichnet; die Ablehnung wie die Auflösung der Vergesell- 
schaftung sind auch Negationen, aber gerade in dem Unterschied gegen 
sie bezeichnet der Kampf das positive Moment, das sich mit seinem 
Verneinungscharakter zu einer nur begrifflich, aber nicht tatsächlich 
auseinanderzutrennenden Einheit verflicht. 

Von dem Gesichtspunkte der soziologischen Positivität des Kampfes 
aus erfahren alle sozialen Bildungen eine eigenartige Anordnung. Es 
zeigt sich nämlich sogleich, dals, wenn die Verhältnisse der Menschen 
untereinander — im Gegensatz zu dem, was jeder in sich selbst und 
im Verhältnis zu Objekten ist — den Gegenstand einer besonderen 
Betrachtung bilden, die herkömmlichen Gegenstände der Soziologie 
nur eine Unterabteilung dieser weitgreifenden, wirklich von einem 
Prinzip bestimmten Wissenschaft bilden. Es schien, als ob es nur 
zwei einheitliche Objekte der Wissenschaft vom Menschen gäbe: die 
Einheit des Individuums und die Einheit aus Individuen, die Gesell- 
schaft, und als ob ein drittes logisch ausgeschlossen wäre. Dann findet 
der Kampf als solcher, also abgesehen von den Beiträgen, die er zu den 
unmittelbaren Einheitsformen der Gesellschaft leistet, keine Stelle, an 
der er untersucht werde. Er ist eine Tatsache sui generis und seine Ein- 
reihung unter den Begriff der Einheit wäre ebenso gewaltsam wie 
resultatlos, da er vielmehr die Verneinung der Einheit bedeutet. Als 
umfassendere Einteilung erscheint es nun vielmehr, in der Lehre von 
den Beziehungen der Menschen diejenigen, die eine Einheit aus- 
machen, also die gesellschaftlichen im engeren Sinne, von den anderen 
zu unterscheiden, die der Einheit entgegenwirken. Nun ist aber zu 
bedenken, dals jedes historisch wirkliche Verhältnis an beiden 
Kategorien teil zu haben pflegt. Wie der Einzelne die Einheit seiner 
Persönlichkeit doch nicht nur so gewinnt, dafs ihre Inhalte nach 
logischen oder sachlichen, religiösen oder ethischen Normen restlos 
harmonieren, sondern wie Widerspruch und Streit nicht nur solcher 
Einheit vorangehen, sondern in jedem Augenblick ihres Lebens in 
ihr wirksam sind — so dürfte es keine soziale Einheit geben, in der 
die konvergierenden Richtungen der Elemente nicht von divergierenden 
unablöslich durchzogen wären. Eine Gruppe, die schlechthin zentri- 
petal und harmonisch, blofs »Vereinigung« wäre, ist nicht nur 
empirisch unwirklich, sondern sie würde auch keinen eigentlichen 
Lebensprozefs aufweisen; die Gesellschaft der Heiligen, die Dante in 



— 249 — 

der Rose des Paradieses erblickt, mag sich so verhalten, aber sie ist 
auch jeder Veränderung und Entwicklung enthoben, während schon 
die heilige Versammlung der Kirchenväter in Raphaels Disputa sich, 
wenn nicht als wirklicher Streit, so doch als eine erhebliche Ver- 
schiedenheit von Stimmungen und Denkrichtungen darstellt, aus der 
die ganze Lebendigkeit und der wirklich organische Zusammenhang 
jenes Zusammenseins quillt. Wie der Kosmos »Liebe und Hafs«, 
attraktive und repulsive Kräfte braucht, um eine Form zu haben, so 
braucht auch die Gesellschaft irgend ein quantitatives Verhältnis von 
Harmonie und Disharmonie, Assoziation und Konkurrenz, Gunst und 
Mifsgunst, um zu einer bestimmten Gestaltung zu gelangen. Aber 
diese Entzweivmgen sind keineswegs blofse soziologische Passiva, 
negative Instanzen, so dafs die definitive, wirkliche Gesellschaft nur 
durch die andern und positiven Sozialkräfte zustande käme, und zwar 
immer nur so weit, wie jene es nicht verhindern. Diese gewöhnliche 
Auffassung ist ganz oberflächlich; die Gesellschaft, wie sie gegeben 
ist, ist das Resultat beider Kategorien von Wechselwirkungen, die 
insofern beide völlig positiv auftreten ^). 

') Dies ist der soziologische Fall eines Gegensatzes in der Lebens- 
auffassung überhaupt. Für die gewöhnliche Anschauung stehen allenthalben 
zwei Parteien des Lebens sich gegenüber, von denen die eine sein Positives, 
seinen eigentlichen Inhalt, oder sogar die Substanz des Lebens selbst trägt, 
die andre aber das seinem Sinn nach Nicht-Seiende ist, dasjenige, nach 
dessen Abzug erst jene Positivitäten das wirkliche Leben aufbauen; so 
verhalten sich Glück und Leid, Tugend und Laster, Stärke und Unzuläng- 
lichkeit, Gelingen und Fehlschlagen, angebbare Inhalte und Pausen des 
Lebensverlaufes. Als die höchste Auffassung indefs, die diesen Gegensatz- 
paaren gegenüber angezeigt ist, erscheint mir die andre: alle diese polaren 
Differenziertheiten als e i n Leben zu begreifen, auch in dem, was von einem 
einzelnen Ideal aus nicht sein soll und ein blofs Negatives ist, den Pulsschlag 
einer zentralen Lebendigkeit zu spüren, den Gesamtsinn unsrer Existenz 
aus beiden Parteien erwachsen zu lassen; in dem umfassendsten Zu- 
sammenhang des Lebens ist auch das, was als Vereinzeltes störend und zer- 
störend ist, durchaus positiv, keine Lücke, sondern die Erfüllung einer nur 
ihm vorbehaltenen Rolle. Nun mag die Höhe, von der aus alles, was in den 
sachlichen und den Wertreihen als Plus und Minus, als einander wider- 
sprechend, einander aufhebend sich entgegentritt, dennoch zu einer Lebensein- 
heit ineinander gefühlt wird — diese Höhe zu erreichen oder durchgängig 
festzuhalten, mag uns versagt sein; zu gern denken und empfinden wir unser 
wesentliches Sein, das, was wir eigentlich und im letzten Grunde bedeuten, 
als mit einer dieser Parteien identisch, je nach unserm optimistischen oder 
pessimistischen Lebensgefühl erscheint uns die andre als Oberfläche, Zufällig- 
keit, als etwas, das zu beseitigen oder in Abzug zu bringen ist, damit sich 



— 250 — 

Das Mifsverständnis , als risse die eine nieder, was die andere 
aufbaut, und als sei, was schliefslich dasteht, das Ergebnis ihrer 
Subtraktion (während es in Wirklichkeit viel eher als das ihrer 
Addition zu bezeichnen ist) — dieses Mifsverständnis entspringt wohl 
aus dem doppelten Sinn des Einheitsbegriffes. Als Einheit bezeichnen 
wir die Übereinstimmung und den Zusammenschlufs gesellschaftlicher 
Elemente, im Gegensatz zu ihren Entzweiungen, Absonderungen, 
Disharmonien; eine Einheit aber heifst uns auch die Gesamtsynthese 
der Personen, Energien und Formen zu einer Gruppe, die schlief sliche 
Ganzheit ihrer, in die sowohl jene im engeren Sinne einheitlichen 
wie die dualistischen Beziehungen einbezogen sind. So führen wir 
das Gruppengebilde, das wir als »einheitlich« empfinden, insoweit auf 
diejenigen seiner funktionellen Bestandteile zurück, die als die spezi- 
fisch einheitlichen — also mit Ausschlufs der andern, weiteren Be- 
deutung des Wortes — gelten. Zu dieser Ungenauigkeit trägt von 
der andern Seite der entsprechende Doppelsinn der Entzweiung oder 
Opposition bei. Indem diese zwischen den einzelnen Elementen 
ihren verneinenden oder zerstörerischen Sinn entfaltet, wird daraus 
unbefangen geschlossen, dafs sie in ebenderselben Weise auf das Ge- 
samtverhältnis wirken müsse. In Wirklichkeit aber braucht, was 
zwischen Individuen, in bestimmter Richtung laufend und isoliert be- 
trachtet, etwas Negatives, Abträgliches ist, innerhalb der Totalität der 
Beziehung keineswegs ebenso zu wirken; denn hier gibt es — wie 
es vielleicht am einfachsten die Konkurrenz der Individuen innerhalb 
einer Wirtschaftseinheit zeigt — mit andern, von dem Konflikt nicht 



das wahre und in sich einheitliche Leben ergäbe. In diesen Dualismus 
— den der Text gleich noch im besonderen ausführen wird — sind wir 
allenthalben, von den engsten bis zu den umfassendsten Lebensprovinzen 
personaler, sachlicher, sozialer Art, verwickelt: dafs wir eine Ganzheit oder 
Einheit haben oder sind, die in zwei logisch und sachlich entgegengesetzte 
Parteien auseinandergeht, und dafs wir nun jene Totalität unser mit einer 
dieser Parteien identifizieren und die andre als ein Fremdes, eigentlich nicht 
dazu Gehöriges und unser zentrales und umfassendes Wesen Verneinendes 
empfinden. Zwischen dieser Tendenz und der andern, die das Ganze auch 
wirklich das Ganze sein läfst, die die Einheit, die doch schliefslich beide 
Gegensätze befafst, auch wirklich in jedem von beiden und ihrem Zusammen 
lebendig macht — bewegt sich dauernd das Leben. Das Recht der letzteren 
Tendenz aber an der soziologischen Erscheinung des Streites zu behaupten, 
ist um so erforderlicher, als der Streit seine gesellschaftszerstörende Kraft 
als eine scheinbar undiskutable Tatsache aufdrängt. 



— 251 — 

berührten Wechselwirkungen zusammen ein ganz neues Bild, in dem 
das Negative und Dualistische, nach Abzug dessen, was es etwa an 
singulären Beziehungen zerstört hat, seine durchaus positive Rolle 
spielt. 

Die komplizierteren Fälle weisen hier zwei ganz entgegengesetzte 
Typen auf. Zunächst die äufserlich engen, unbegrenzt viele Lebens- 
beziehungen einschliefsenden Gemeinsamkeiten, wie die Ehe. Nicht 
nur für unzweideutig verunglückte Ehen, sondern auch für solche, 
die einen erträglichen oder wenigstens ertragenen modus vivendi ge- 
funden haben, ist ein gewisses Mafs von Mifshelligkeiten , innerem 
Auseinandergehen und äufseren Kontroversen mit alledem, was das 
Band schliefslich zusammenhält, organisch verbunden und aus der 
Einheit des soziologischen Gebildes überhaupt nicht herauszulösen. 
Solche Ehen sind keineswegs um gerade so viel weniger Ehen, als in 
ihnen Streit ist ; sondern aus so und so viel Elementen, zu denen dieses 
Quantum Streit unnachläfslich gehört, sind sie als diese bestimmt 
charakterisierten Totalitäten erwachsen. Auf der andern Seite tritt 
die durchaus positive und integrierende Rolle des Antagonismus an 
Fällen hervor, wo die Struktur durch die Schärfe und sorgfältig kon- 
servierte Reinheit sozialer Einteilungen und Abstufungen charakte- 
risiert wird. So beruht das indische Sozialsystem nicht nur auf der 
Hierarchie der Kasten, sondern auch direkt auf ihrer gegenseitigen 
Repulsion. Feindseligkeiten hindern nicht nur die Abgrenzungen 
innerhalb der Gruppe am allmählichen Verschwimmen, — so dals 
sie als Garantien bestehender Verfassungen bewufst gezüchtet werden 
können — sondern darüber hinaus sind sie direkt soziologisch 
produktiv : sie geben Klassen und Persönlichkeiten oft erst ihre gegen- 
seitige Stellung, die diese nicht oder nicht so gefunden hätten, wenn 
etwa die objektiven Ursachen der Feindseligkeit zwar genau so vor- 
handen und wirksam gewesen , aber nicht von dem Gefühle imd 
den Äufserungen der Feindschaft begleitet wären. Es würde keines- 
wegs immer ein reicheres und volleres Gemeinschaftsleben ergeben, 
wenn die repulsiven und, im einzelnen betrachtet, auch destruktiven 
Energien in ihm verschwänden, — wie es ein erheblicheres Vermögen 
ergibt, wenn seine Passiva wegfallen — sondern ein ebenso verändertes 
und oft ebenso unrealisierbares Bild, wie nach Wegfall der Kräfte der 
Kooperation und Zuneigung, der Hilfeleistung und Interessenharmonie. 
Dies gilt nicht nur im Grofsen für die Konkurrenz, die rein als 



— 252 — 

formales Spannungsverhältnis und ganz abgesehen von ihren sach- 
lichen Ergebnissen die Gruppenform , die gegenseitige Stellung und 
Distanz der Elemente bestimmt ; sondern auch da, wo die Vereinigung 
auf der Stimmung der individuellen Seelen beruht. So ist z. B. die 
Opposition eines Elementes gegen ein ihm vergesellschaftetes schon 
deshalb kein blofs negativ sozialer Faktor, weil sie vielfach das einzige 
Mittel ist, durch das uns ein Zusammen mit eigentlich unaushaltbaren 
Persönlichkeiten noch möglich wird. Hätten wir nicht Macht und 
Recht, gegen Tyrannei und Eigensinn, gegen Launenhaftigkeit und 
Taktlosigkeit wenigstens zu opponieren, so würden wir Beziehungen 
zu Menschen, unter deren Charakter wir derartig leiden, überhaupt 
nicht ertragen, sondern zu Verzweiflungsschritten gedrängt werden, 
die nun das Verhältnis allerdings aufhöben, obgleich gerade sie viel- 
leicht nicht »Kampf« sind. Und zwar nicht nur um der — hier indes 
nicht wesentlichen — Tatsache willen, dafs Bedrückungen sich zu steigern 
pflegen, wenn man sie sich ruhig und ohne Protest gefallen lälst; 
sondern die Opposition gewährt uns eine innere Genugtuung, Ab- 
lenkung, Erleichterung — wie es unter anderen psychologischen Um- 
ständen gerade die Demut und Geduld tut. Unsere Opposition gibt 
uns das Gefühl, in dem Verhältnis nicht völlig unterdrückt zu sein, 
sie läfst unsere Kraft sich bewufst bewähren und verleiht so erst 
eine Lebendigkeit und Wechselwirksamkeit an Verhältnisse, denen 
wir uns ohne dieses Korrektiv um jeden Preis entzogen hätten. 

Und zwar leistet sie das nicht nur dann, wenn sie es nicht zu 
merkbaren Erfolgen bringt, sondern auch, wenn sie überhaupt von 
vornherein nicht in die Erscheinung tritt, rein innerlich bleibt; auch 
wo sie sich kaum praktisch äufsert, kann sie das innere Gleich- 
gewicht — manchmal sogar bei beiden Elementen des Verhält- 
nisses — , eine Beruhigung und ein ideelles Machtgefühl herstellen 
und dadurch Verhältnisse retten, deren Weiterbestand für Aufsen- 
stehende oft unbegreiflich ist. Dann ist eben die Opposition ein Glied 
des Verhältnisses selbst, sie verwächst zu völlig gleichen Rechten mit 
den übrigen Gründen seiner Existenz; sie ist nicht nur ein Mittel, 
das Gesamtverhältnis zu konservieren, sondern eine der konkreten 
Funktionen, in denen dieses in Wirklichkeit besteht. Wo die Be- 
ziehungen rein äufserliche und dabei nicht praktisch eingreifende sind, 
leistet die latente Form des Streites diesen Dienst: die Aversion, das 
Gefühl einer gegenseitigen Fremdheit und Abstofsung, die in dem 



— 253 — 

Augenblick einer irgendwie veranlafsten nahen Berührung sogleich 
in positiven Hafs und Kampf ausschlagen würde. Ohne diese Aversion 
würde das grolsstädtische Leben, das einen jeden täglich mit unzähligen 
anderen in Berührung bringt, gar keine ausdenkbare Form haben. 
Die ganze innere Organisierung dieses Verkehrs beruht auf einem 
äufserst mannigfaltigen Stufenbau von Sympathien, Gleichgültigkeiten 
und Aversionen der kürzesten wie der dauerndsten Art. Die Sphäre 
der Gleichgültigkeit ist dabei relativ klein; die Aktivität unserer 
Seele antwortet doch fast auf jeden Eindruck seitens eines andern 
Menschen mit einer irgendwie bestimmten Empfindung, deren Unter- 
bewufstheit, Flüchtigkeit und Wechsel sie nur in eine Indifferenz auf- 
zuheben scheint. Tatsächlich wäre diese letztere uns ebenso un- 
natürlich wie die Verschwommenheit wahlloser gegenseitiger Suggestion 
unerträglich, und vor diesen beiden typischen Gefahren der Grofs- 
stadt bewahrt uns die Antipathie , das Vorstadium des praktischen 
Antagonismus, sie bewirkt die Distanzen und Abwendungen, ohne die 
diese Art Leben überhaupt nicht geführt werden könnte: ihre Mafse 
und ihre Mischungen, der Rhythmus ihres Auftauchens und Ver- 
schwindens, die Formen, in denen ihr genügt wird — dies bildet mit 
den im engeren Sinne vereinheitlichenden Motiven ein untrennbares 
Ganzes der grofsstädtischen Lebensgestaltung ; was in dieser unmittelbar 
als Dissoziierung erscheint, ist so in Wahrheit nur eine ihrer elemen- 
taren Sozialisierungsformen. 

Wenn demnach die streitmäfsigen Beziehungen auch nicht für 
sich allein ein gesellschaftliches Gebilde ergeben, sondern immer nur 
in der Korrelation mit vereinheitlichenden Energien , so dafs beide 
zusammen erst die konkrete Lebenseinheit der Gruppe ausmachen — 
so unterscheiden sich die ersteren insofern kaum von den sonstigen 
Beziehungsformen, die die Soziologie der Vielfachheit des wirklichen 
Daseins entnimmt. Weder Liebe noch Arbeitsteilung, weder gemein- 
sames Verhalten zu einem Dritten noch Freundschaft, weder Partei- 
zugehörigkeit noch Über- und Unterordnung dürfte alleinherrschend 
eine historische Eimmg zustande bringen oder dauernd tragen, und 
wo dies dennoch der Fall ist, enthält der so bezeichnete Prozefs schon 
eine Mehrheit unterscheidbarer Beziehungsformen; es ist nun einmal 
das Wesen menschlicher Seelen, sich nicht von einem Faden an- 
einanderbinden zu lassen, so sehr die wissenschaftliche Analyse auch 
erst bei den elementaren Einheiten in ihrer spezifischen Bindekraft 



-- 254 — 

halt macht. Ja, vielleicht ist diese ganze Zerlegung noch in einem 
hierüber hinausgehenden und scheinbar umgekehrten Sinn ein blofs 
subjektives Tun: vielleicht sind die Verbindungen zwischen den 
einzelnen Elementen allerdings oft ganz einheitlich, aber diese Ein- 
heit ist unserem Verstände ungreifbar — gerade bei den reichsten 
imd von mannigfaltigsten Inhalten lebenden Beziehungen wird uns 
diese mystische Einheit am stärksten bewuist — imd es bleibt nur 
übrig, sie als die Zusammenwirksamkeit einer Mehrheit verbindender 
Energien darzustellen. Diese beschränken und modifizieren sich gegen- 
seitig, bis das Bild herauskommt, das die objektive Wirklichkeit auf 
einem viel einfacheren, einheitlichen, aber für den nächzeichnenden 
Verstand ungangbaren Wege erreicht hat. So verhalten sich doch 
auch die Vorgänge in der Einzelseele. In jedem Augenblick sind 
diese so komplizierter Art, bergen eine solche Fülle mannigfaltiger 
oder gegensätzlicher Schwingungen, dafs ihre Bezeichnung durch 
einen unserer psychologischen Begriffe immer unvollkommen und 
eigentlich fälschend ist: auch zwischen den Lebensmomenten der in- 
dividuellen Seele spannt sich nie nur ein Faden. Dennoch ist 
auch dies nur ein Bild, das das analytische Denken sich von der ihm 
unzugänglichen Einheit der Seele macht. Sicherlich ist vieles, was 
wir als Mischgefühl, als Zusammensetzung vielfacher Triebe, als Kon- 
kurrenz entgegengesetzter Empfindungen vorstellen müssen, in sich 
völlig einheitlich; aber dem nachrechnenden Verstände fehlt vielfach 
das Schema für diese Einheit und so mufs er sie als eine Resultante 
mehrfacher Elemente konstruieren. Wenn wir Dingen gegenüber zu- 
gleich angezogen und abgestofsen werden; wenn edle und niedere 
Charakterzüge sich in einer Handlung zu mischen scheinen; wenn 
die Empfindung für einen Menschen sich aus Respekt und Freund- 
schaft, oder aus väterlichen oder mütterlichen und erotischen Impulsen, 
oder aus ethischen und ästhetischen Wertungen zusammensetzt — so 
sind dies gewifs als wirkliche seelische Vorgänge oft in sich ganz 
einheitliche, aber wir können sie nur nicht direkt bezeichnen und 
machen sie deshalb nach allerhand Analogien, nach vorangegangenen 
Motiven oder nach folgenden äufseren Konsequenzen zu einem Konzert 
mannigfacher seelischer Elemente. Ist dies richtig, so müssen auch 
scheinbar zusammengesetzte Verhältnisse zwischen mehreren Seelen 
vielfach in Wirklichkeit einheitlich sein. Die Distanz z. B. zwischen 
zwei verbundenen Menschen, die ihr Verhältnis charakterisiert, er- 



— 255 — 

scheint uns oft als das Ergebnis einer Zuneigung, die eigentlich eine 
viel gröfsere Nähe bewirken müfste, und einer Abneigung, die sie 
eigentlich ganz auseinandertreiben müfste ; indem beides sich nun gegen- 
seitig einschränkt, komme eben jenes tatsächliche Distanzmafs heraus. 
Dies kann aber ganz irrig sein, das Verhältnis ist von innen her auf 
diese bestimmte Distanz angelegt, es hat sozusagen von vornherein 
eine gewisse Temperatur, die nicht erst durch die Ausgleichung einer 
eigentlich wärmeren und einer eigentlich kühleren zustande kommt. 
Das Mafs von Superiorität und Sug'gestion, das sich zwischen zwei 
Personen herstellt, deuten wir oft als erzeugt durch die Stärke der 
einen Partei, die doch durch eine gleichzeitige Schwäche in anderer 
Hinsicht gekreuzt wird; diese Stärke und Schwäche mag vorhanden 
sein, aber ihre Zweiheit macht sich oft in dem Verhältnis, wie es 
wirklich besteht, gai nicht geltend, sondern dieses ist durch das 
Gesamtwesen der Elemente bestimmt, und erst nachträglich zerlegen 
wir seinen unmittelbaren Charakter in jene Faktoren. Erotische Ver- 
hältnisse bieten die häufigsten Beispiele. Wie oft erscheinen sie uns 
zusammengewebt aus Liebe und Achtung, oder auch Verachtung-, 
aus Liebe und gefühlter Harmonie der Naturen und dem gleichzeitigen 
Bewufstsein, einander durch Entgegengesetztheit zu ergänzen; aus 
Liebe und Herrschsucht oder Anlehnungsbedürfnis. Was so der Be- 
obachter oder auch das Subjekt selbst in zwei sich mischende Ströme 
auseinanderlegt, ist in Wirklichkeit oft nur einer. In dem Verhältnis, 
wie es schliefslich besteht, wirkt die Gesamtpersönlichkeit des einen auf 
die des andern, und seine Wirklichkeit ist unabhängig von der Über- 
legung, dafs, wenn dies Verhältnis eben nicht bestünde, die Persön- 
lichkeiten sich dann mindestens Achtung oder Sympathie oder das 
Gegenteil davon einflöfsen würden. Als Mischgefühl oder Misch- 
verhältnis bezeichnen wir dergleichen unzählige Male, weil wir die 
Erfolge konstruieren, die die Qualitäten der einen Partei auf die andre 
üben würden, wenn sie isoliert wirkten — was sie jetzt gerade 
nicht tun; ganz abgesehen davon, dafs die Mischung von Gefühlen 
und Beziehungen selbst da, wo mit gröfserem Recht davon gesprochen 
wird, immer ein problematischer Ausdruck bleibt, der ein räumlich 
anschauliches Geschehen mit unvorsichtiger Symbolik auf völlig 
heterogene seelische Beziehungen überträgt. 

So also dürfte es sich vielfach mit der sogenannten Mischung 
konvergierender und divergierender Strömungen in einer Gemeinschaft 



— 256 — 

verhalten. Das Verhältnis ist dann entweder von vornherein sui 
generis, d. h. seine Motivierung und Form ist in sich ganz einheitlich 
und erst um es beschreiben und einrangieren zu können, setzen wir 
es nachträglich aus einer monistischen und einer antagonistischen 
Strömung zusammen. Oder diese beiden sind von vornherein zwar 
vorhanden, aber sozusagen bevor es überhaupt zu dem Verhältnis 
kam; in ihm sind sie zu einer organischen Einheit verwachsen, in 
der die einzelne sich garnicht mehr mit ihrer spezifischen Energie 
bemerkbar macht; worüber natürlich die ungeheure Zahl der Ver- 
hältnisse nicht zu übersehen ist, in denen die entgegengesetzten Teil- 
beziehungen wirklich und getrennt nebeneinander herlaufen und jeden 
Augenblick aus der Gesamtlage herauserkannt werden können. Es 
ist eine besondere Nuance der historischen Entwicklung von Ver- 
hältnissen, dafs dieselben manchmal in einem frühen Stadium eine 
undifferenzierte Einheit von konvergierenden und divergierenden Ten- 
denzen zeigen, die sich erst später zu voller Entschiedenheit aus- 
einanderlegen. Noch im 13. Jahrhundert finden sich an Höfen des 
mittleren Europa dauernde Versammlungen von Edelleuten, die eine 
Art Rat des Fürsten sind, als seine Gäste leben und zugleich eine halb 
ständische Repräsentation des Adels sind, die dessen Interessen doch 
auch gegen den Fürsten wahrzunehmen hat. Die Interessengemein- 
schaft mit dem König, dessen Verwaltung sie gelegentlich dienen, 
und die oppositionelle Bewahrung eigenen ständischen Rechts fanden 
sich in diesen Gebilden nicht nur ungesondert neben einander, sondern 
ineinander, die Position wurde sicher als einheitliche empfunden, so 
sehr uns ihre Elemente als unverträglich erscheinen. In England ist 
um diese Zeit das Parlament der Barone noch kaum von einem er- 
weiterten Rate des Königs unterschieden. Zugehörigkeit und kritische 
oder parteimäfsige Gegnerschaft sind hier noch in keimhafter Einheit 
beschlossen. Solange es sich überhaupt erst um das Herausarbeiten 
von Institutionen handelt, die das immer vielgliedrigere und ver- 
wickeitere Problem des inneren Gleichgewichts der Gruppe zu lösen 
haben — solange wird es häufig unentschieden sein, ob sich ihre Zu- 
sammenwirksamkeit zum Heil des Ganzen in der Form der Opposition, 
Konkurrenz, Kritik, oder in der der unmittelbaren Einheit und Harmonie 
vollziehen soll ; so wird ein ursprünglicher Indifferenzzustand bestehen, 
der von der späteren Differenziertheit aus logisch widerspruchsvoll 
erscheint, aber der Unentwickeltheit der Organisation durchaus ent- 



— 257 — 

spricht. Die subjektiv-persönlichen Beziehungen entwickeln sich viel- 
fach in entgegengesetzter Richtung. Denn gerade die Entschiedenheit 
von Zugehörigkeit oder Gegnerschaft pflegt in relativ frühen Kultur- 
epochen eine relativ grofse zu sein. Halbe und unentschiedene Ver- 
hältnisse zwischen Personen, in einem Dämmerzustand des Gefühls 
wurzelnd, dessen letztes Wort fast ebenso gut Hafs wie Liebe sein 
kann, ja, der seine Indifferenz manchmal in einem Pendeln zwischen 
beiden verrät — solche Verhältnisse sind in reifen und überreifen 
Zeiten heimischer als in jugendlichen. — 

So wenig der Antagonismus für sich allein eine Vergesell- 
schaftung ausmacht, so wenig pflegt er — von Grenzfällen ab- 
gesehen — in Vergesellschaftungen als soziologisches Element zu 
fehlen und seine Rolle kann sich ins Unendliche, d. h. bis zur Ver- 
drängung aller Einheitsmomente steigern. Die so resultierende Skala 
der Beziehungen ist auch von ethischen Kategorien her zu konstruieren, 
obgleich diese letzteren im Allgemeinen keine geeigneten Anhalts- 
punkte sind, das Soziologische an den Erscheinungen zwanglos und 
vollständig herauszustellen. Die Wertgefühle, mit denen wir die 
Willensaktionen der Individuen begleiten, ergeben Reihen, die zu den 
Aufstellungen ihrer Beziehungsformen nach sachlich-begrifflichen Ge- 
sichtspunkten ein rein zufälliges Verhältnis haben. Man würde der 
Ethik, sobald man sie als eine Art Soziologie vorstellte, ihre tiefsten 
und feinsten Inhalte rauben: das Verhalten der Seele in und zu sich 
selbst, das in ihre äufseren Beziehungen überhaupt nicht eintritt, ihre 
religiösen Bewegungen, die nur ihrem eigenen Heil oder Verderben 
dienen, ihre Hingabe an die objektiven Werte der Erkenntnis, der 
Schönheit, der Bedeutsamkeit der Dinge, die jenseits aller Verbindung 
mit andren Menschen stehen. Die Mischung harmonischer und feind- 
seliger Beziehungen aber läfst die soziologische und die ethische Reihe 
einmal zusammenfallen. Sie beginnt hier mit der Aktion von A zum 
Nutzen von B, geht zum eigenen Nutzen von A vermittels B, ohne 
ihm zu nutzen, aber auch ohne ihm zu schaden, mündet endlich an 
der egoistischen Aktion auf Kosten von B. Indem dies nun von 
Seiten des B erwiedert wird, aber doch fast nie in der genau gleichen 
Weise und dem gleichen Mafs, entstehen die unübersehbaren Mischungen 
von Konvergenz und Divergenz in den menschlichen Beziehungen. 

Freilich gibt es Kämpfe, die jedes anderweitige Moment aus- 
zuschhefsen scheinen: z. B. zwischen dem Räuber oder dem Rowdy 

Simmel, Soziologie. 17 



— 258 — 

und ihren Opfern. Wenn ein solcher Kampf schlechthin auf Ver- 
nichtung geht, so nähert er sich allerdings dem Grenzfall des Meuchel- 
mordes, in dem der Beisatz des vereinheitlichenden Elementes gleich 
Null geworden ist •, sobald dagegen irgend eine Schonung, eine Grenze 
der Gewalttat vorhanden ist, liegt auch schon ein sozialisierendes 
Moment, wenn auch nur als zurückhaltendes, vor. Kant behauptete, 
jeder Krieg, in dem die Parteien sich nicht irgend welche Reserven in 
dem Gebrauch möglicher Mittel auferlegten, müfste schon aus psycho- 
logischen Gründen ein Ausrottungskrieg werden. Denn wo man sich 
nicht wenigstens des Meuchelmordes, des Wortbruches, der Verrat- 
anstiftung enthielte, zerstöre man dasjenige Vertrauen in die Denkart 
des Feindes, das überhaupt einen Friedensschlufs ermöglicht. Fast 
unvermeidlich flicht sich ein Element von Gemeinsamkeit in die Feind- 
seligkeit, wo das Stadium der offenen Gewalt irgend einem andren 
Verhältnis gewichen ist, das vielleicht eine völlig unverminderte Feind- 
seligkeitssumme zwischen den Parteien aufweist. Als die Langobarden 
im 6. Jahrhundert Italien erobert hatten, legten sie den Unterworfenen 
einen Drittel-Tribut vom Bodenertrage auf, und zwar so, dafs jeder 
Einzelne der Sieger auf die Abgabe ganz bestimmter Einzelner an- 
gewiesen wurde. Bei dem hiermit bezeichneten Typus mag der Hafs 
der Besiegten gegen ihre Unterdrücker so stark, ja vielleicht noch 
stärker sein, als während des Kampfes selbst, und mag von den 
letzteren nicht weniger intensiv erwiedert werden — sei es, weil der 
Hafs gegen den, der uns hafst, eine instinktive Präventivmafsregel 
ist, sei es, weil wir bekanntlich den zu hassen pflegen, dem wir ein 
Leid angetan haben. Dennoch lag in dem Verhältnis nun eine Gemein- 
schaft, gerade das, was die Feindschaft erzeugte, die aufgezwungene 
Teilhaberschaft der Langobarden an den Betrieben der Einheimischen, 
war zugleich eine unleugbare Parallelität der Interessen. Indem sich 
an diesem Punkt Divergenz und Harmonie unlöslich verschlang, ent- 
faltete sich der Inhalt der ersteren tatsächlich als der Keim künftiger 
Gemeinschaft. Dieser Formtypus hat sich am verbreitetsten an der 
Versklavung des gefangenen Feindes — an Stelle seiner Tötung — 
realisiert. In dieser Sklaverei liegt gewifs unzählige Male der Grenz- 
fall der absoluten inneren Feindseligkeit vor, dessen Veranlassung 
hier aber gerade ein soziologisches Verhältnis und damit oft genug 
seine eigene Milderung zustande bringt. Die Verschärfung des Gegen- 
satzes kann so direkt um seiner eigenen Herabsetzung willen provo- 



' _ 259 - 

ziert werden und zwar keineswegs nur als Gewaltkur, im Vertrauen, 
dafs der Antagonismus jenseits eines gewissen Maises an Erschöpfung 
oder an Einsicht in seine Torheit enden werde. Sondern auch so, dals 
gelegentlich in Monarchien der Opposition Prinzen als Führer gegeben 
werden, wie dies z. B. Gustav Wasa tat. Dadurch wird die Oppo- 
sition zwar gestärkt, dies neue Schwergewicht führt ihr Elemente zu, 
die sich ihr sonst ferngehalten hätten; aber zugleich wird sie eben 
dadurch in gewissen Schranken gehalten. Indem die Regierung die 
Gegnerschaft scheinbar absichtlich stärkt, bricht sie ihr eben durch 
dieses Entgegenkommen die Spitze ab. — 

Ein andrer Grenzfall scheint gegeben, wenn der Kampf aus- 
schlielslich durch Kampflust veranlalst ist. Sobald ein Objekt ihn ent- 
facht, ein Haben- oder Herrschenwollen, Zorn oder Rache, gehen 
nicht nur von dem Gegenstande oder dem zu erreichenden Zustande 
Bedingungen aus, die den Kampf gemeinsamen Normen oder beider- 
seitigen Restriktionen unterwerfen; sondern er wird hier, wo ein 
aulserhalb seiner gelegener Endzweck in Frage steht, durch die Tat- 
sache gefärbt, dals jeder Zweck prinzipiell durch verschiedene 
Mittel zu erreichen ist. Das Begehren nach einem Besitz sowohl wie 
nach der Unterwerfung, ja, der Vernichtung eines Feindes kann auch 
durch anderweitige Kombinationen und Ereignisse als durch Kampf 
befriedigt werden. Wo der Kampf ein blolses, durch den terminus ad 
-quem bestimmtes Mittel ist, liegt kein Grund vor, ihn nicht zu be- 
schränken oder zu unterlassen, wo er mit dem gleichen Erfolge durch 
andres ersetzt werden kann. Wo er nun aber ausschlielslich durch 
den subjektiven terminus a quo bestimmt wird, wo innere Energien 
vorhanden sind, die eben nur durch den Kampf als solchen befriedigt 
werden können — da ist sein Ersatz durch andres unmöglich, da 
ist er sein eigener Zweck und Inhalt und deshalb von jedem Beisatz 
andrer Formen völlig frei. Ein solcher Kampf um des Kampfes willen 
scheint durch einen gewissen formalen Feindseligkeitstrieb nahe gelegt, 
der sich der psychologischen Beobachtung manchmal aufdrängt und 
über dessen verschiedene Formen jetzt zunächst zu sprechen ist. 

Von einer natürlichen Feindseligkeit zwischen Mensch und Mensch 
reden die skeptischen Moralisten, für die homo homini lupus ist und 
»im Unglück unserer besten Freunde etwas ist, was uns nicht völlig 
mifsfällt«. Aber auch die völlig entgegengesetzte moralphilosophische 

Gesinnung, die die sittliche Selbstlosigkeit von den transszendenten 

17* 



— 260 — 

Grundlagen unseres Wesens herleitet, entfernt sich damit garnicht 
so sehr weit von jenem Pessimismus. Denn sie gesteht doch ein, dafs 
sich in der Erfahrbarkeit und Berechenbarkeit unserer Wollungen die 
Hingabe an das Du nicht auffinden läfst. Empirisch, verstandesmäfsig, 
ist danach der Mensch schlechthin Egoist, und jede Umbiegung dieser 
natürlichen Tatsache kann nicht mehr durch die Natur selbst, sondern 
nur durch den deus ex machina eines metaphysischen Seins in uns 
geschehen. So scheint sich eine naturgegebene Gegnerschaft, als eine 
Form oder Grundlage der menschlichen Beziehungen, zum mindesten 
neben die andere, die Sympathie zwischen Menschen, zu stellen. Das 
merkwürdig starke Interesse z. B., das der Mensch gerade am Leiden 
anderer zu nehmen pflegt, ist nur aus einer Mischung beider Moti- 
vierungen zu erklären. Auf die mit unserem Wesen gegebene Anti- 
pathie weist auch die nicht seltene Erscheinung des »Widerspruchs- 
geistes« hin, die keineswegs nur in jenen prinzipiellen Nein-Sagern 
wohnt, wie sie in Freundes- wie in Familienkreisen, in Komitees wie 
unter dem Theaterpublikum die Verzweiflung ihrer Umgebung sind; 
er feiert auch keineswegs auf dem politischen Gebiet seine charakter- 
istischsten Triumphe, in den Oppositionsmännern, deren klassischen Typus 
Macaulay in Robert Ferguson beschreibt: His hostility was not tO' 
Popery or to Protestantism, to monarchical government or to republican 
government, to the house of Stuarts or to the house of Nassau, but 
to whatever was at the time established. All solche Fälle, die man 
für Typen der »reinen Opposition« hält, brauchen dies wenigstens- 
nicht zu sein ; denn derartige Opponenten pflegen sich als Verteidiger 
bedrohter Rechte zu geben, als Verfechter des objektiv Richtigen, 
ritterliche Beschützer der Minorität als solcher. Viel weniger markante 
Vorkommnisse scheinen mir einen abstrakten Oppositionstrieb deutlicher 
zu verraten: der leise, oft kaum bewufste, oft sogleich verfliegende 
Anreiz, einer Behauptung oder Anforderung, namentlich wenn sie uns 
in kategorischer Form entgegentritt, die Verneinung entgegenzusetzen. 
Selbst in durchaus harmonischen Verhältnissen, bei manchen durchaus 
nachgiebigen Naturen tritt dieser Oppositionsinstinkt mit der Unver- 
meidlichkeit einer Reflexbewegung auf und mischt sich, wenn auch 
ohne bemerkbaren Erfolg, in das Gesamtverhalten ein. Und wenn 
man dies etwa wirklich als einen Schutzinstinkt bezeichnen wollte — 
wie manche Tiere auf blofse Berührung hin ihre Schutz- oder An- 
griffsvorrichtungen automatisch hervorstrecken — , so würde dies gerade 



— 261 — 

■den primären, fundamentalen Charakter der Opposition beweisen ; denn 
es hielse, dafs die Persönlichkeit, selbst wo sie garnicht angegriffen 
wird, sondern rein objektiven Äufseningen anderer gegenüber, sich 
nicht anders als durch Opposition behaupten kann, dafs der erste In- 
stinkt, mit dem sie sich bejaht, die Verneinung des Anderen ist. 

Vor allem scheint man auf einen apriorischen Kampfinstinkt nicht 
verzichten zu können, wenn man auf die unglaublich kleinlichen, ja 
läppischen Veranlassungen der ernsthaftesten Kämpfe achtet. Ein 
englischer Historiker erzählt, dafs vor nicht langer Zeit zwei irische 
Parteien durch das ganze Land hin sich wütend gerauft hätten, deren 
■Gegnerschaft aus einem Streit über die Farbe einer Kuh entstanden 
sei. In Indien fanden vor einigen Jahrzehnten gefährliche Aufstände 
statt infolge der Fehde zweier Parteien, die nichts von einander wufsten, 
als dafs sie die Partei der rechten und der linken Hand waren. Und 
nur sozusagen am andern Ende tritt diese Nichtigkeit der Streit- 
veranlassungen daran hervor, dals der Streit auch oft in gleich kin- 
dischen Erscheinungen mündet. Mohammedaner und Hindus leben in 
Indien in steter, latenter Feindschaft und markieren diese darin, dafs 
die Mohammedaner ihr Obergewand nach rechts knöpfen, die Hindus 
nach links, dafs bei gemeinsamen Mahlzeiten jene im Kreise, diese in 
Reihen sitzen, dafs die armen Mohammedaner eine Seite eines be- 
stimmten Blattes als Teller benutzen, die armen Hindus aber die andere. 
In den menschlichen Gegnerschaften stehen Ursache und Wirkung oft 
so aufser Zusammenhang und vernünftiger Proportion, dafs man nicht 
recht unterscheiden kann, ob der angebliche Gegenstand des Streites 
wirklich dessen Veranlassung oder nur ein Ausläufer schon bestehender 
Gegnerschaft ist; mindestens gegenüber vielen Einzelvorgängen der 
Kämpfe zwischen den römischen und griechischen Zirkusparteien, der 
Parteiungen um 6|jloou(Jio? und 6}jLOiouato?, der Kriege der roten imd 
der weifsen Rose , der Guelfen und der Ghibellinen setzt uns die Un- 
auffindbarkeit eines irgend rationalen Kampfgrundes in diesen Zweifel. 
Im ganzen hat man den Eindruck, dafs die Menschen sich niemals 
um solcher Kleinigkeiten und Nichtigkeiten willen liebten, wie sie sich 
hassen. 

Endlich scheint mir auf ein ganz primäres Feindseligkeitsbedürfnis 
die oft unheimlich leichte Suggerierbarkeit der feindseligen Stimmung 
hinzuleiten. Es gelingt dem Durchschnittsmenschen im allgemeinen 
sehr viel schwerer, einem anderen ebensolchen Zutrauen und Neigung 



— 262 — 

für einen Dritten, bisher Gleichgültigen, einzuflölsen, als Mifstrauen 
und Abneigung. Besonders bezeichnend erscheint hier, dals dieser 
Unterschied namentlich da relativ krafs ist, wo es sich um niedere 
Mafse von beiden, um die ersten Ansätze der Stimmung und des Vor- 
urteils für oder gegen jemanden handelt ; über die höheren, zur Praxis 
führenden Grade entscheidet dann nicht mehr diese flüchtige, aber 
den Grundinstinkt verratende Geneigtheit, sondern bewulstere Ab- 
wägungen. Es zeigt dieselbe Grundtatsache, nur wie in einer anderen 
Wendung, dafs uns jene leichten, unser Bild eines Anderen nur wie 
ein Schatten überfliegenden Präjudizierungen auch von ganz indiffe- 
renten Persönlichkeiten suggeriert werden können , während ein 
günsti^ges Vorurteil schon eines autoritativen oder uns gemütlich 
nahestehenden Veranlassers bedarf. Vielleicht würde ohne diese 
Leichtigkeit oder Leichtsinn, mit dem der Durchschnittsmensch gerade 
auf Suggestionen ungünstiger Art reagiert, das aliquid haeret seine 
tragische Wahrheit nicht gewinnen. Die Beobachtung mancher Anti- 
pathien und Parteiungen, Intrigen und offenen Kämpfe könnte allerdings 
die Feindseligkeit unter jene primären menschlichen Energien einreihen 
lassen, die nicht durch die äufsere Wirklichkeit ihrer Gegenstände 
entfesselt werden, sondern sich von sich aus ihre Gegenstände schaffen. 
So hat man gesagt, der Mensch habe nicht Religion, weil er an Gott 
glaube, sondern weil er Religion, als eine Stimmung der Seele, habe, 
so glaube er an einen Gott. Für die Liebe ist dies wohl allgemein 
anerkannt: dafs sie, insbesondere in jungen Jahren, nicht die blofse 
Reaktion unserer Seele ist, die durch ihren Gegenstand so hervor- 
gerufen wird, wie es eine Farbenempfindung in unserem optischen 
Apparat wird; sondern die Seele hat das Bedürfnis zu lieben, und 
ergreift nun von sich aus irgend einen Gegenstand, der diesem genugtue, 
indem sie ihn sogar unter Umständen erst von sich aus mit den Eigen- 
schaften bekleidet, die scheinbar die Liebe hervorriefen. Es spricht 
nichts dagegen, dafs dies — mit der gleich hervorzuhebenden Ein- 
schränkung — nicht auch die Entwicklung des entgegengesetzten 
Affekts sein könne, dafs die Seele nicht auch ein in ihr autochthones 
Bedürfnis zu hassen und zu kämpfen besäfse, das oft erst seinerseits 
n die Gegenstände , die es für sich designiert , deren haf serregende 
Eigenschaften hineinträgt. Dafs dieser Fall nicht so flagrant hervortritt, 
wie der entsprechende der Liebe, mag daran liegen, dafs der Liebes- 
trieb, durch seine ungeheure physiologische Zuspitzung in der Jugend, 



— 263 — 

ganz unverkennlich seine Spontaneität, seine Bestimmtheit von dem 
terminus a quo her dokumentiert. Der Hafstrieb hat in sich wohl 
nur ausnahmsweise so akute Stadien, durch die sein subjektiv-spontaner 
Charakter in gleicher Weise bewufst würde ^). 

Wenn nun wirklich ein formaler Feindseligkeitstrieb als Gegen- 
stück des Sympathiebedürfnisses im Menschen besteht, so scheint er 
mir doch historisch einem jener seelischen Destillationsprozesse zu 
entstammen, in denen innere Bewegungen schlielslich die ihnen ge- 
meinsame Form als einen selbständigen Trieb in der Seele zurück- 
lassen. Interessen jeder Art zwingen so häufig zum Kampf um be- 
stimmte Güter, zur Opposition gegen bestimmte Persönlichkeiten, dafs 
als Residuum [davon sehr wohl ein Reizzustand, von sich aus zu 
antagonistischen Aufserungen drängend, in das vererbliche Inventar 
unsrer Gattung mag übergegangen sein. Das gegenseitige Verhältnis 
primitiver Gruppen ist bekanntlich und aus oft erörterten Gründen 
fast durchgehends ein feindseliges. Das entschiedenste Beispiel geben 
vielleicht die Indianer, bei denen jeder Stamm prinzipiell als im Kriegs- 
zustande mit jedem andern befindlich galt, mit dem er keinen aus- 
drücklichen Friedensvertrag geschlossen hatte. Es ist aber nicht zu 
vergessen, dafs in früheren Kulturzuständen der Krieg fast die ein- 
zige Form bildet, in der es überhaupt zu einer Berührung mit fremden 
Gruppen kommt. Solange der interterritoriale Handelsverkehr iment- 
wickelt, individuelle Reisen unbekannt waren, geistige Gemeinsam- 
keiten noch nicht über die Gruppengrenzen hinausgriffen, gab es 
aufser dem Krieg gar keine soziologische Beziehung zwischen den 
verschiedenen Gruppen. Hier zeigt das Verhältnis der Gruppenelemente 



^) Alle Verhältnisse eines Menschen zu andern sind in ihrem tiefsten 
Grund nach dieser Frage geschieden — wenn auch in unzähligen Übergängen 
zwischen ihrem Ja und Nein — : ob ihre seelische Grundlage ein Trieb des 
Subjektes ist, der sich, als Trieb, auch ohne jede äufsere Anregung ent- 
wickelt und erst seinerseits einen ihm adäquaten Gegenstand sucht — sei es, 
dafs es ihn als adäquaten vorfindet, sei es, dafs es ihn durch Phantasie und 
Bedürfnis bis zur Adäquatheit umgestaltet; oder ob die seelische Grund- 
lage in der Reaktion besteht, die das Sein oder Tun einer Persönlichkeit in 
uns hervorruft; natürlich müssen auch zu ihr die Möglichkeiten in unsrer 
Seele vorhanden sein, aber sie wären an sich latent geblieben und hätten 
sich nie von selbst zu Trieben gestaltet. In diesen Gegensatz stellen sich 
intellektuelle wie ästhetische, sympathische wie antipathische Verhältnisse 
zu Menschen ein und ziehen häufig nur aus diesem Fundamente ihre Ent- 
wicklungsformel, ihre Intensität und ihre Peripetie. 



— 264 — 

zueinander und das der — primitiven — Gruppen zueinander völlig 
entgegengesetzte Form. Innerhalb des geschlossenen Kreises bedeutet 
Feindschaft in der Regel den Abbruch von Beziehungen, das Sich- 
zurückziehen und Vermeiden von Berührungen ; von diesen negativen 
Erscheinimgen wird hier selbst die leidenschaftliche Wechselwirkung 
des offenen Kampfes begleitet. Dagegen liegen die charakterisierten 
Gruppen als ganze gleichgültig nebeneinander, solange Frieden ist, 
und gewinnen erst im Kriege eine aktive Bedeutung füreinander. 
Deshalb kann ebenderselbe Expansions- und Wirksamkeitstrieb, der 
im Innern einen unbedingten Frieden als Grundlage der Interessen- 
verschlingung und unbehinderten Wechselwirkungen fordert, nach 
aufsen hin als kriegerische Tendenz auftreten. 

Trotz der Selbständigkeit in der Seele, die man dem anta- 
gonistischen Triebe so zubilligen mag, reicht er doch nicht etwa aus, 
die Gesamterscheinungen der Feindseligkeit zu begründen. Denn zu- 
nächst schränkt doch auch der spontanste Trieb seine Souveränität 
so weit ein, dafs er sich nicht an jedes beliebige, sondern nur an 
irgendwie zusagende Objekte wendet: der Hunger entsteht gewifs 
vom Subjekt aus, ohne erst vom Objekt her aktualisiert zu sein, und 
doch wird er sich nicht auf Steine und Holz, sondern nur auf irgend- 
wie efsbare Gegenstände stürzen. So wird auch Liebe und Hafs, so 
wenig ihre Triebe auf äufsere Erregung zurückgehen mögen, doch irgend 
einer, ihnen entgegenkommenden Struktur ihrer Gegenstände bedürfen 
und erst unter dieser Mitwirkung die Gesamterscheinung ergeben. 
Von der andern Seite her ist es mir wahrscheinlich, dafs der Feind- 
seligkeitstrieb, wegen seines formalen Charakters, im allgemeinen 
nur zu material veranlafsten Kontroversen verstärkend, gleichsam als 
Pedal, hinzutritt. Und wo ein Kampf aus reiner, formaler Lust am Kampfe, 
die also ganz unpersönlich, gegen den Inhalt wie gegen den Gegner 
prinzipiell gleichgültig ist, entspringt — da wächst seinem Verlaufe doch 
unvermeidlich Hafs und Wut gegen den Gegner als Person, wenn- 
möglich auch das Interesse an einem Kampfpreis zu, weil diese Affekte 
die seelische Kraft des Kämpf ens nähren und steigern. Es ist zweck- 
m ä f s i g , den Gegner, mit dem man aus irgend einem Grunde kämpft, 
auch zu hassen, wie es zweckmäfsig ist, denjenigen zu lieben, an den 
man gebunden ist und mit dem man auskommen mufs. Die Wahr- 
heit, die ein Berliner Gassenhauer ausspricht: »Was man aus Liebe 
tut, — Das geht noch mal so gut« — gilt auch für das, was man 



— 265 — 

aus Hafs tut. Das gegenseitige Verhalten der Menschen ist häufig 
nur dadurch begreiflich , dafs eine innere Anpassung uns diejenigen 
Gefühle anzüchtet, die für die gegebene Situation, zu ihrer Ausnutzung 
oder zu ihrem Durchfechten, zum Ertragen oder zum Abkürzen ihrer, 
eben die zweckmäfsigsten sind, die uns durch seelische Zusammen- 
hänge die Kräfte zuführen, wie sie die Durchführung der momentanen 
Aufgabe und die Paralysierung der inneren Gegenstrebungen er- 
fordert. So dürfte kein ernsthafter Kampf länger andauern, ohne von 
einem — wenn auch erst allmählich erwachsenden — Komplex 
seelischer Antriebe getragen zu werden. Dies ist von grolser sozio- 
logischer Bedeutung: die Reinheit des Kampfes nur um des Kampfes 
willen erfährt so Beimischungen teils objektiverer Interessen, teils 
solcher Impulse, denen auch auf andere Weise als durch den Kampf 
genügt werden kann und die in der Praxis die Brücke zwischen dem 
Streit und andern Wechsel wirkungsformen schlagen. Ich kenne eigent- 
lich nur einen einzigen Fall, in dem der Reiz des Kampfes und Sieges 
an und für sich, sonst nur ein Element inhaltlich veranlafster Anta- 
gonismen, das ausschliefsliche Motiv bildet : das Kampfspiel, und zwar 
dasjenige, das ohne einen, aufserhalb des Spieles selbst gelegenen 
Siegespreis stattfindet. Hier kombiniert sich die rein soziologische 
Attraktion des Herrwerdens und Sichdurchsetzens gegen den Andern 
in den Geschicklichkeitskämpfen: mit dem rein individuellen Genufs 
der zweckmäfsigen und geglückten Bewegung •, bei den Hazardspielen : 
mit der Gunst des Schicksals, die uns mit einem mystisch harmonischen 
Verhältnis zu den Mächten jenseits der individuellen wie der sozialen 
Ereignisse beglückt. Jedenfalls enthält das Kampfspiel in seiner 
soziologischen Motivierung absolut nichts als den Kampf 
selbst. Die wertlose Spielmarke, um die oft mit derselben Leiden- 
schaft gerungen wird, wie um Goldstücke, bezeichnet den Formalismus 
dieses Triebes, der auch in dem Kampf um Goldstücke das materielle 
Interesse oft weit überwiegt. Nun ist aber das Bemerkenswerte, dafs 
gerade dieser vollkommenste Dualismus zu seiner Verwirklichung 
soziologische Formen des engeren Sinnes, Vereinheitlichungen, vor- 
aussetzt: man vereinigt sich, um zu kämpfen, und man kämpft 
unter der beiderseitig anerkannten Herrschaft von Normen und Regeln. 
In die Motivierung der ganzen Vornahme treten, wie gesagt, diese 
Vereinheitlichungen nicht ein, in deren Formen doch jene sich aus- 
gestaltet; sie bieten die Technik dar, ohne die ein solcher, alle hete- 



— 266 — 

rogenen oder objektiven Begründungen ausscheidender Kampf nicht aus- 
führbar wäre. Ja, die Normierung des Kampfspieles ist oft eine so 
rigorose, unpersönliche, beiderseitig mit der Strenge eines Ehrenkodex 
beobachtete, wie Vereinigungen zu Kooperationen sie kaum aufweisen. 
Das Kampfprinzip und das der Vereinigung, das die Gegensätze 
einheitlich zusammenhält, stellt dieses Beispiel fast mit der Reinheit 
abstrakter Begriffe nebeneinander und enthüllt so, wie eines erst an 
dem andern zu seinem vollen soziologischen Sinn und Wirksamkeit 
gelangt. Die gleiche Form beherrscht, wenn auch nicht in dieser 
Sauberkeit und Unvermischtheit der Elemente, den Rechtsstreit. Hier 
liegt freilich ein Streitobjekt vor, durch dessen freiwillige Konzedierung 
der Streit befriedigend beendet werden kann, was bei dem Kampfe 
aus Lust am Kampf eben nicht stattfindet; und was man auch bei 
Prozefsparteien die Lust und Leidenschaft des Streites selbst nennt, 
dürfte in den meisten Fällen etwas ganz andres sein: nämlich das 
energische Rechtsgefühl, die Unmöglichkeit, einen wirklichen oder 
vermeintlichen Eingriff in die Rechtssphäre, mit der das Ich sich 
solidarisch fühlt, zu ertragen. Die ganze Hartnäckigkeit und der 
kompromifslose Eigensinn, durch die sich Parteien so oft an Prozessen 
verbluten, hat selbst bei dem Kläger kaum den Charakter der 
Offensive, sondern den der Defensive in einem tieferen Sinne: es 
handelt sich eben um die Selbsterhaltung der Persönlichkeit, die sich 
in ihren Besitz und ihre Rechte so hineinerstreckt, dafs jede Antastung 
dieser sie vernichtet und der Kampf darum mit Einsetzung der ganzen 
Existenz nur konsequent ist. Dieser individualistische Trieb und nicht 
der soziologische des Kämpfens wird also derartige Fälle bestimmen. 
Auf die Streitform selbst angesehen aber, ist der gerichtliche Streit 
allerdings ein absoluter ; d. h. die beiderseitigen Ansprüche werden mit 
reiner Sachlichkeit und mit allen zulässigen Mitteln durchgeführt, ohne 
durch personale oder irgendwie aulserhalb gelegene Momente ab- 
gelenkt oder gemildert zu sein ; der Rechtsstreit ist insofern der Streit 
schlechthin, als in die ganze Aktion nichts eintritt, was nicht in den 
Streit als solchen hineingehörte und nicht dem Streitzweck diente. 
Während sonst selbst in den wildesten Kämpfen noch irgend etwas 
Subjektives, irgend eine blofs schicksalsmäfsige Wendung, ein Eingriff 
von dritter Seite mindestens möglich ist, wird all solches hier durch 
die Sachlichkeit ausgeschlossen, mit der eben der Kampf und sonst 
absolut nichts vor sich geht. Diese Ausscheidung alles dessen, was 



— 267 — 

nicht Streit ist, aus dem Rechtsstreit kann freilich zu einem Formalismus 
des Kampfes führen, der sich dem Inhalt gegenüber selbständig macht. 
Dies geschieht einerseits in der juristischen Rabulistik, in der über- 
haupt nicht mehr sachliche Momente sich gegeneinander abwägen, 
sondern nur noch Begriffe einen ganz abstrakten Kampf aufführen. 
Andrerseits wird der Streit manchmal auf Elemente übertragen, die 
zu dem, was durch ihren Kampf entschieden werden soll , überhaupt 
keine Beziehung haben. Wenn Rechtsstreite in höheren Kulturen 
durch berufsmäfsige Sachwalter ausgefochten werden, so dient dies 
zwar der reinlichen Herauslösung des Streites aus allen persönlichen 
Assoziationen, die mit ihm nichts zu tun haben; wenn aber Otto der 
Grofse bestimmt, eine rechtliche Streitfrage solle durch gottesgericht- 
lichen Zweikampf, und zwar zwischen berufsmäfsigen Fechtern ent- 
schieden werden — so ist hier von dem ganzen Interessenkonflikt die 
blofse Form, dafs überhaupt gekämpft und gesiegt wird, übrig ge- 
blieben; nur diese ist noch das Gemeinsame zwischen dem Kampf, 
der entschieden werden soll, und dem, der ihn entscheidet. Dieser 
Fall drückt in karikierender Übertreibung die hier fragliche Reduktion 
und Limitierung des Rechsstreites auf das blofse Streitmoment aus. 
Aber gerade durch seine reine Sachlichkeit wird dieser unbarmherzigste 
Streittypus — weil er eben ganz jenseits der subjektiven Gegensätze 
von Barmherzigkeit und Grausamkeit steht — doch als ganzer auf 
die Voraussetzung einer Einheit und Gemeinsamkeit der Parteien ge- 
stellt, wie sie so streng und gleichmäfsig kaum irgend ein andres Ver- 
hältnis bedingt. Die gemeinsame Unterordnung unter das Gesetz, die 
beiderseitige Anerkennung, dafs die Entscheidung nur nach dem ob- 
jektiven Gewicht der Gründe erfolgen soll, die Einhaltung von Formen, 
die für beide Parteien undurchbrechlich gelten, das Bewufstsein, bei 
dem ganzen Verfahren von einer sozialen Macht und Ordnung um- 
fafst zu sein, die ihm erst Sinn und Sicherheit gibt — all dies läfst 
den Rechtsstreit auf einer breiten Basis von Einheitlichkeiten und 
Übereinstimmungen zwischen den Feinden ruhen; so bilden, nur in 
geringerem Mafse, die Parteien einer Verhandlung, eines kauf- 
männischen Geschäftes eine Einheit, indem sie, bei aller Entgegen- 
gesetztheit der Interessen, gemeinsam verbindende — verbindliche^ — 
Normen anerkennen. Die gemeinsamen Voraussetzungen, die 
alles blofs Persönliche von dem Rechtsstreit ausschliefsen , tragen 
jenen Charakter der reinen Sachlichkeit, dem nun seinerseits die Un- 



— 268 — 

erbittlichkeit, die Schärfe, die Unbedingtheit des Streitcharakters ent- 
spricht. Die Wechselbeziehung zwischen der DuaHstik und der Ein- 
heit des soziologischen Verhältnisses zeigt so der Rechtsstreit nicht 
weniger als das Kampfspiel; gerade das Äufserste und Unbedingte 
des Kampfes kommt zustande, indem es von der strengen Einheit ge- 
meinsamer Normen und Bedingtheiten umgeben und getragen ist. 

Endlich tritt dies allenthalben hervor, wo die Parteien von einem 
objektiven Interesse erfüllt sind, d. h. wo das Streitinteresse und damit 
der Streit selbst gegen die Persönlichkeit selbst differenziert ist. Hier 
ist nun das Doppelte möglich: der Streit kann sich um rein sachliche 
Entscheidungen drehen und alles Persönliche aufserhalb seiner und 
im Friedenszustand lassen ; oder er kann gerade die Personen nach ihren 
subjektiven Seiten ergreifen, ohne dafs gleichzeitige objektive Inter- 
essen, die den Parteien gemeinsam sind, dadurch Alterierung oder 
Entzweiung erführen. Den letzteren Typus charakterisiert die 
Äufserung von Leibniz: er würde selbst seinem Todfeind nachlaufen, 
wenn er etwas von ihm lernen könnte. Dafs dies die Feindschaft 
selbst beruhigen und dämpfen kann, ist so selbstverständlich, dafs hier 
nur der entgegengesetzte Erfolg in Frage stehen kann. Und aller- 
dings hat die Feindschaft, die neben einer Verbundenheit und Ver- 
ständigung im Objektiven herläuft, sozusagen eine Sauberkeit und 
Sicherheit ihres Rechtes, die Bewufstheit einer solchen Sonderung 
vergewissert uns, dafs wir die persönliche Abneigung nicht dahin 
übergreifen lassen, wohin sie nicht gehört, und dies gute Gewissen, 
das wir uns mit jener Differenzierung erkaufen, kann unter Um- 
ständen gerade zu einer Verschärfung der Feindschaft führen. Denn 
wo sie so auf ihren wirklichen Herd, der zugleich das Subjektivste 
der Persönlichkeit ist, beschränkt ist, überlassen wir uns ihr manch- 
mal weitergehend, leidenschaftlicher, gesammelter, als wenn ihr Im- 
puls noch einen Ballast sekundärer Animositäten auf Gebieten, die 
eigentlich nur von jener zentralen angesteckt sind, mitzutragen hat. 
Wo die gleiche Differenzierung den Streit umgekehrt nur auf der 
Seite unpersönlicher Interessen übrig läfst, werden gleichfalls zwar 
die unnützen Verschärfungen und Erbitterungen wegfallen, mit denen 
sich die Verpersönlichung sachlicher Kontroversen zu rächen pflegt; 
andrerseits aber kann das Bewufstsein, nur der Vertreter überindivi- 
dueller Ansprüche zu sein, nicht für sich, sondern nur für die Sache 
zu kämpfen, dem Kampfe einen Radikalismus und eine Schonungs- 



— 269 — 

losigkeit geben, die ihre Analogie an dem gesamten Verhalten 
mancher sehr selbstloser, sehr ideal gesonnener Menschen findet : weil 
sie auf sich selbst keine Rücksicht nehmen, so nehmen sie sie auch 
nicht auf Andere und halten sich für durchaus berechtigt, der Idee, 
der sie sich selbst opfern, auch jeden Anderen zu schlachten. Ein 
solcher Kampf, in den zwar alle Kräfte der Person eingesetzt werden, 
während der Sieg nur der Sache zugute kommen soll, wird den 
Charakter der Vornehmheit tragen: denn der vornehme Mensch ist 
der ganz persönliche, der doch seine Persönlichkeit ganz zu reser- 
vieren weifs; darum wirkt Objektivität als Noblesse. Aber nachdem 
einmal diese Differenzierung vollbracht und der Kampf objektiviert 
ist, wird er, ganz konsequent, nicht einer abermaligen Reserve unter- 
worfen, ja, dies würde eine Versündigung gegen das sachliche Inter- 
esse sein, auf das man ihn lokalisiert hat. Über dieser Gemeinsam- 
keit der Parteien: dafs jede nur die Sache und ihr Recht verteidigt, 
und auf alles Persönlich-Selbstische verzichtet — wird der Kampf nun, 
ohne die Zuspitzungen, aber auch ohne die Milderungen durch perso- 
nale Instanzen und nur seiner immanenten Logik gehorsam, mit der 
absoluten Schärfe ausgefochten. Der so geformte Gegensatz zwischen 
Einheit und Antagonismus spannt sich vielleicht da am fühlbarsten, 
wo beide Parteien wirklich eines und dasselbe Ziel verfolgen, also 
etwa die Ergründung einer wissenschaftlichen Wahrheit. Hier würde 
jede Nachgiebigkeit, jeder höfliche Verzicht auf die unbarmherzige 
Blofsstellung des Gegners, jeder Friedensschlufs vor völlig ent- 
schiedenem Sieg ein Verrat an derjenigen Sachlichkeit sein, um 
derentwillen die Personalität des Kampfes ausgeschlossen worden ist. 
Zu der gleichen Form entwickeln sich, bei unendlicher sonstiger Ver- 
schiedenheit, die sozialen Kämpfe seit Marx. Indem erkannt ist, dafs 
die Lage der Arbeiter durch die objektiven Produktionsbedingungen 
und -formen bestimmt ist, unabhängig von dem Wollen und Können 
der Einzelpersonen, geht die persönliche Erbitterung der prinzipiellen 
wie der lokalen Kämpfe sichtlich zurück. Der Unternehmer ist nicht 
mehr als solcher schon ein Blutsauger und verdammungswürdiger 
Egoist, der Arbeiter nicht mehr unter allen Umständen von sünd- 
hafter Begehrlichkeit, beide Parteien beginnen zum mindesten, sich 
ihre Forderungen und Taktiken nicht mehr als persönliche Böswillig- 
keiten ins Gewissen zu schieben. Diese Versachlichung ist in Deutsch- 
land eigenthch auf theoretischem Wege, in England durch das Ge- 



— 270 — 

Werkvereinswesen in die Wege geleitet worden, indem das Persönlich- 
Individualistische des Antagonismus bei uns durch die abstraktere All- 
gemeinheit der geschichtlichen und Klassenbewegung, dort durch 
die strenge überindividuelle Einheit in den Aktionen der Gewerk- 
vereine und der Unternehmerverbände überwunden wurde. Die 
Heftigkeit des Kampfes aber hat darum nicht abgenommen, ja, sie wurde 
im Gegenteil zielbewuf ster , konzentrierter und zugleich weiter aus- 
greifend durch dies Bewufstsein der Einzelnen, nicht nur und oft 
überhaupt nicht für sich, sondern für ein grolses überpersönliches Ziel 
zu kämpfen. Ein interessantes Symptom dieser Korrelation lieferte 
etwa die Boykottierung der Berliner Brauereien durch ' die Arbeiter- 
schaft im Jahre 1894. Dies war einer der heftigsten örtlichen Kämpfe 
der letzten Jahrzehnte, von beiden Seiten mit äufserster Energie ge- 
führt, aber ohne irgendwelche — eigentlich sehr nahe liegende — 
persönliche Gehässigkeit der Boykottleiter gegen die Brauereien oder 
der Direktoren gegen jene. Ja, zwei der Parteiführer haben mitten 
im Kampf ihre Meinungen über ihn in einer und derselben Zeitschrift 
niedergelegt, beide in der Darstellung des Tatsächlichen objektiv 
und also übereinstimmend, und nur in den praktischen Folgerungen 
parteimäfsig abweichend. Indem der Kampf alles Unsachlich-Persön- 
liche aus sich herausdifferenziert und damit den Antagonismus 
quantitativ einschränkt, einen gegenseitigen Respekt, eine Ver- 
ständigung in allem Persönlichen ermöglicht, eine Anerkennung, ge- 
meinsam von historischen Notwendigkeiten getrieben zu werden, er- 
zeugt — hat diese einheitliche Basis doch die Intensität, Unversöhn- 
lichkeit und ausharrende Konsequenz des Kampfes nicht gemindert, 
sondern gesteigert. 

Dafs die Gegner ein Gemeinsames haben, über dem sich erst ihr 
Kampf erhebt, kann sich freilich in viel weniger edlen Erscheinungen 
als in den oben berührten einstellen: wenn nämlich das Gemein- 
same nicht eine objektive Norm, ein über dem Kampf-Egoismus der 
Partei gelegenes Interesse ist, sondern ein geheimes Sich- Verstehen 
der Partei in einem ihnen beiden gemeinsamen egoistischen Zweck. 
In einem gewissen Grade ist das bei den beiden grofsen englischen 
Parteien im 18. Jahrhundert der Fall gewesen. Eine Gegensätzlichkeit 
von politischen Überzeugungen, die bis auf den Grund gegangen wäre, 
bestand zwischen ihnen nicht, da es sich für beide gleichmälsig um 
die Aufrechterhaltung des aristokratischen Regimes handelte. Es war 



— 271 — 

das Merkwürdige, dafs zwei Parteien, die den Boden des politischen 
Kampfes vollständig unter sich aufteilten, sich dennoch nicht radikal 
bekämpften — weil sie einen stillschweigenden Pakt miteinander 
schlössen, gegen etwas, was garnicht politische Partei war. Man hat 
mit dieser eigenartigen Beschränkung des Kampfes die parlamentarische 
Bestechlichkeit jener Periode in Zusammenhang gebracht : seine Über- 
zeugung zu Gunsten der Gegenpartei zu verkaufen, erschien niemandem 
gar zu schlimm, da die Überzeugung dieser Gegenpartei ja mit der 
seinigen eine ziemlich breite, wenn auch versteckte Basis gemein hatte, 
jenseits deren erst ihr Kampf begann ! Die Leichtigkeit der Korruption 
zeigte, dafs die Einschränkung des Antagonismus durch eine vor- 
handene Gemeinsamkeit ihn hier nicht prinzipieller und sachlicher 
gemacht, sondern ihn umgekehrt verflaut und seinen sachlich not- 
wendigen Sinn verunreinigt hatte. 

In andern, reineren Fällen kann die Synthese von Monismus und 
Antagonismus der Beziehungen den entgegengesetzten Erfolg haben, 
wenn die Einheit der Ausgangspunkt und das Fundament des Ver- 
hältnisses ist und über sie nun der Streit sich erhebt. Dieser pflegt 
leidenschaftlicher und radikaler zu sein, als wo er keinerlei vorher- 
gehende oder gleichzeitig bestehende Zusammengehörigkeit der Parteien 
vorfindet. Wo das altjüdische Gesetz Bigamie gestattet, verbietet es 
doch die Ehe mit zwei Schwestern (obgleich man nach dem Tode der 
einen die andre heiraten darf); denn diese wäre besonders dazu an- 
getan, Eifersucht zu erregen! Es wird also ohne weiteres als Er- 
fahrungstatsache vorausgesetzt, dafs auf dem Boden der verwandt- 
schaftlichen Gemeinsamkeiten ein stärkerer Antagonismus naheliegt, 
als unter Fremden. Der gegenseitige Hafs ganz kleiner Nachbarstaaten, 
deren ganzes Weltbild, deren lokale Beziehungen und Interessen un- 
vermeidlich ^höchst ähnlich sind, ja vielfach zusammenfallen müssen, 
ist oft viel leidenschaftlicher und unversöhnlicher, als der zwischen 
grofsen Nationen, die räumlich wie sachlich einander völlig fremd 
sind. Das war das Verhängnis von Griechenland und dem nach- 
römischen Italien, und noch eine Steigerung davon erschütterte England, 
bevor es nach der normannischen Eroberung zur Verschmelzung beider 
Rassen kam. Der Hafs dieser beiden, die auf demselben Territorium 
durcheinander wohnten, durch fortwährend wirksame Lebensinteressen 
aneinander gebunden, von einem einheitlichen Staatsgedanken zusammen- 
gehalten — und doch innerlich sich völlig fremd, in der ganzen 



— 272 — 

Wesensart ohne gegenseitiges Verständnis und in den Machtinteressen 
einander absolut feindlich — dieser Hafs war, wie man mit Recht 
betonte, erbitterter, als er zwischen äufserlich und innerlich getrennten 
Stämmen überhaupt aufkommen kann. Kirchliche Verhältnisse geben 
mit die stärksten Beispiele, weil in ihnen die kleinste Divergenz wegen 
ihrer dogmatischen Fixierung sogleich eine logische Unversöhnlichkeit 
erhält : wenn überhaupt Abweichung da ist, so ist es begrifflich gleich- 
gültig, ob sie grofs oder klein ist. So in den konfessionalistischen 
Streitigkeiten zwischen Lutheranern und Reformierten, namentlich im 
17. Jahrhundert. Kaum war die grofse Absonderung gegen den Ka- 
tholizismus geschehen, so spaltet sich das Ganze um der nichtigsten 
Dinge willen in Parteien, die man öfters äufsern hört, man könnte 
eher mit den Papisten Gemeinschaft halten als mit denen von der 
andern Konfession! Und als 1875 in Bern eine Schwierigkeit über 
den Ort des katholischen Gottesdienstes entstand, erlaubte der Papst 
nicht, dafs er in der Kirche, die die Altkatholiken benutzten, ab- 
gehalten würde, wohl aber in einer reformierten Kirche. 

Zwei Arten von Gemeinsamkeit kommen als Fundamente eines 
ganz besonders gesteigerten Antagonismus in Betracht : die Gemeinsam- 
keit der Qualitäten und die Gemeinsamkeit durch Bef afstsein in einem 
sozialen Zusammenhang. Das erstere geht ausschlielslich auf die Tatsache 
zurück, dafs wir Unterschiedswesen sind. Eine Gegnerschaft mufs das 
Bewufstsein um so tiefer und heftiger erregen, von einer je gröfseren 
Gleichheit unter den Parteien sie sich abhebt. Bei friedlicher oder 
liebevoller Gesinnung ist dies eine ausgezeichnete Schutzvorrichtung 
der Vereinigung, vergleichbar der Warnungsfunktion des Schmerzes 
innerhalb des Organismus; denn gerade die energische Bewufstheit, 
mit der sich die Dissonanz bei sonst durchgehender Harmonie des 
Verhältnisses geltend macht, mahnt sogleich zur Beseitigung des 
Streitgrundes, so dafs er nicht erst im Halbbewufsten sich weiter und 
bis zu dem Fundament der Beziehung durchnage. Wo es aber an 
dieser Grundabsicht, sich unter allen Umständen schliefslich zu ver- 
tragen, fehlt, wird das an der sonstigen Gleichheit geschärfte Bewufst- 
sein des Antagonismus ihn selbst verschärfen. Menschen, die viel 
Gemeinsames haben, tun sich oft schlimmeres, ungerechteres Unrecht, 
als ganz Fremde. Manchmal, weil das grofse gemeinsame Gebiet 
zwischen ihnen selbstverständlieh geworden ist und deshalb nicht dies, 
sondern das momentan Differente ihre gegenseitige Stellung bestimmt ;. 



— 273 — 

hauptsächlich aber, weil eben nur weniges zwischen ihnen different 
ist, so dafs jeder kleinste Antagonismus eine ganz andre relative Be- 
deutung hat als zwischen Fremderen, die beiderseitig von vornherein 
auf alle möglichen Differenzen gefafst sind. Daher die Familien- 
konflikte um die wunderlichsten Kleinigkeiten, daher die Tragik der 
»Lappalie«, um die völlig zusammenstimmende Menschen manchmal 
auseinanderkommen. Dies beweist keineswegs immer, dafs die harmoni- 
sierenden Kräfte schon vorher in Verfall geraten sind ; es kann gerade 
aus einer so grofsen Gleichheit der Eigenschaften, Neigungen, Über- 
zeugungen hervorgehen, dafs das Auseinandergehen an einem ganz 
unbedeutenden Punkte sich durch die Schärfe des Gegensatzes als etwas 
ganz Unerträgliches fühlbar macht. Es kommt dies dazu : dem Fremden, 
mit dem man weder Qualitäten noch weitere Interessen teilt, steht 
man objektiv gegenüber, man reserviert die eigene Persönlichkeit, 
deshalb nimmt die einzelne Differenz nicht so leicht den ganzen 
Menschen mit. Mit dem sehr Verschiedenen begegnet man sich eben 
gerade nur an den Punkten einer einzelnen Verhandlung oder Inter- 
essenkoinzidenz , und deshalb wird die Austragung eines Konflikts 
auch auf jene selbst beschränkt. Je mehr wir als ganze Menschen 
mit einem andern gemein haben, desto leichter wird sich unsere Ganz- 
heit jeder einzelnen Beziehung zu ihm assoziieren. Daher die ganz 
unverhältnismäfsige Heftigkeit, zu der sich sonst durchaus beherrschte 
Menschen manchmal gerade ihren Intimsten gegenüber fortreifsen 
lassen. Das ganze Glück und die Tiefe in den Beziehungen zu einem 
Menschen, mit dem wir uns sozusagen identisch fühlen: dafs keine 
einzelne Beziehung, kein einzelnes Wort, kein einzelnes gemeinsames 
Tun oder Leiden wirklich einzeln bleibt, sondern jedes ein Gewand 
für die ganze Seele ist, die sich in ihm ohne Rest gibt und empfangen 
wird — eben dies macht unter solchen einen entstehenden Zwist oft 
so leidenschaftlich expansiv und gibt das Schema zu dem verhängnis- 
vollen: »Du — überhaupt.« Einmal so verbundene Menschen sind zu 
sehr gewöhnt, in die Seiten, die sie sich gerade zuwenden, die Totalität 
ihres Seins und Fühlens hineinzulegen, um nicht auch den Streit mit 
Akzenten und gleichsam mit einer Peripherie auszustatten, durch die 
er weit über seine Veranlassung und ihre objektive Bedeutung hinaus- 
wächst und die Gesamtpersönlichkeiten in die Entzweiung hineinreifst. 
Auf der höchsten geistigen Ausbildungsstufe mag dies vermieden 
werden; denn dieser ist es eigen, die völlige Hingabe der Seele an 

Simmel, Soziologie. 18 



— 274 — 

eine Person doch mit einer völligen gegenseitigen Sonderung der 
Elemente der Seele zu verbinden 5 während die undifferenzierte Leiden- 
schaft die Totalität des Menschen mit der Erregung eines Teiles oder 
Momentes verschmilzt, läfst die Bildung keinen solchen über sein 
eigenes, fest umschriebenes Recht hinausgreifen und gewährt dadurch 
der Beziehung harmonischer Naturen den Vorteil, dafs sie sich gerade an 
dem Konflikt bewulst werden, wie geringfügig er im Verhältnis zu 
den verbindenden Kräften ist. Abgesehen hiervon wird aber besonders 
bei tiefen Naturen die verfeinerte Unterschiedsempfindlichkeit Zu- und 
Abneigungen dadurch um so leidenschaftlicher machen, dals sie sich 
von der entgegengesetzt gefärbten Vergangenheit abheben; und zwar 
bei einmaligen, unwiderruflichen Entscheidungen ihres Verhältnisses, 
ganz unterschieden von dem Hin- und Herpendeln in den Alltäglich- 
keiten eines im ganzen unfraglichen Zusammengehörens. Zwischen 
Männern und Frauen ist eine ganz elementare Aversion, ja ein Hafs- 
gefühl, nicht auf bestimmte Gründe hin, sondern als die gegenseitige 
Repulsion des ganzen Seins der Personen — manchmal ein erstes 
Stadium von Beziehungen, dessen zweites leidenschaftliche Liebe ist. 
Man könnte auf die paradoxe Vermutung kommen, dafs bei Naturen, 
die zu dem allerengsten Gefühlsverhältnis bestimmt sind, dieser Turnus 
durch eine instinktive Zweckmäfsigkeit hervorgerufen wäre, um dem 
definitiven Gefühl * durch sein entgegengesetztes Präludium — wie 
durch einen Anlaufrückschritt — die leidenschaftlichste Zuspitzung 
und Bewufstsein dessen, was man nun gewonnen hat, zu verschaffen. 
Die gleiche Form zeigt die entgegengesetzte Erscheinung: der tiefste 
Hafs wächst aus gebrochener Liebe. Hier ist wohl nicht nur die 
Unterschiedsempfindlichkeit entscheidend, sondern vor allem das De- 
menti der eigenen Vergangenheit, das in einem solchen Gefühlswechsel 
liegt. Eine tiefe Liebe — und zwar nicht nur eine sexuelle — als 
einen Irrtum und eine Instinktlosigkeit zu erkennen, ist eine solche 
Blofsstellung vor uns selbst, ein solcher Bruch durch die Sicherheit 
und Einheit unseres Selbstbewufstseins, dafs wir unvermeidlich den 
Gegenstand dieser Unerträglichkeit für sie hülsen lassen. Das geheime 
Gefühl der eigenen Schuld an ihr überdecken wir sehr zweckmäfsiger- 
weise durch den Hafs, der es uns leicht macht, die ganze Schuld dem 
andern zuzuschieben. 

Diese besondere Bitternis von Konflikten in Verhältnissen, in denen 
ihrem Wesen nach Burgfrieden zu herrschen hätte, scheint eine posi- 



— 275 — 

tive Verstärkung der Selbstverständlichkeit zu sein : dafs Verhältnisse 
ihre Enge und Kraft eben an dem Ausbleiben von Differenzen zeigen. 
Allein diese Selbstverständlichkeit ist garnicht ausnahmslos gültig. Dafs 
in sehr intimen, den ganzen Lebensinhalt beherrschenden oder wenigstens 
berührenden Gemeinsamkeiten, wie etwa die Ehe ist, überhaupt keine 
Veranlassungen zu Konflikten auftreten, ist ganz ausgeschlossen. 
Ihnen niemals nachzugeben, sondern ihnen schon von weitem vorzu- 
bauen, sie von vornherein durch gegenseitige Nachgiebigkeit abzu- 
schneiden, ist keineswegs immer Sache der echtesten und tiefsten 
Zuneigung, kommt vielmehr gerade bei Gesinnungen vor, die zwar 
liebevoll, sittlich, treu sind, denen aber die letzte, unbedingteste Hin- 
gebung des Gefühls fehlt. Das Individuum, im Bewufstsein, dieses 
nicht aufzubringen, ist um so ängstlicher bemüht, die Beziehung von 
jedem Schatten rein zu erhalten, durch die äufserste Freundlichkeit, 
Selbstbeherrschung, Rücksicht den Anderen für jenen Mangel zu ent- 
schädigen, besonders aber das eigene Gewissen über die leisere oder 
stärkere Unwahrhaftigkeit seines Verhaltens zu beruhigen, die auch 
der aufrichtigste, ja oft leidenschaftlichste Wille nicht in Wahrheit 
verwandeln kann — weil es sich hier um Gefühle handelt, die dem 
Willen nicht zugängig sind, sondern wie Schicksalsmächte kommen 
oder ausbleiben. Die empfundene Unsicherheit in der Basis solcher Ver- 
hältnisse bewegt uns, bei dem Wunsche, sie um jeden Preis aufrecht- 
zuerhalten, oft zu ganz übertriebenen Selbstlosigkeiten, zu einer gleich- 
sam mechanischen Sicherung ihrer durch prinzipielles Vermeiden jeder 
Konfliktsmöglichkeit. Wo man der Unwiderruflichkeit und Vorbehalt- 
losigkeit des eigenen Gefühles gewifs ist, bedarf es dieser unbedingten 
Friedfertigkeit garnicht, man weifs, dafs keine Erschütterung bis zu 
dem Fundament des Verhältnisses dringen kann, auf dem man sich 
immer wieder zusammenfinden wird. Die stärkste Liebe kann am 
ehesten einen Stofs aushalten, und die Befürchtung der geringeren, 
die Folgen eines solchen garnicht absehen zu können, und dafs man ihn 
deshalb unter jeder Bedingung vermeiden müsse, kommt jener garnicht 
in den Sinn. So sehr also auch der Zwist unter intimen Menschen 
tragischere Folgen als unter fremderen haben kann, so läfst aus diesen 
Zusammenhängen heraus gerade das tiefstgegründete Verhältnis es 
viel eher einmal auf einen solchen ankommen, während manches zwar 
gute und moralische, aber in geringeren Gefühlstiefen wurzelnde, der 
Erscheinung nach viel harmonischer und konfliktloser verläuft. 

18* 



— 276 — 

Eine besondere Nuance der soziologischen Unterschiedsempfind- 
lichkeit und der Betonung des Konflikts auf der Basis der Gleichheit 
ergibt sich da, wo die Sonderung ursprünglich homogener Elemente 
bewufster Zweck ist, wo nicht eigentlich das Auseinandergehen aus 
dem Konflikt, sondern der Konflikt aus dem Auseinandergehen folgt» 
Der Typus hierfür ist der Hals des Renegaten und gegen den Rene- 
gaten. Die Vorstellung des ehemaligen Übereinstimmens wirkt hier 
noch so stark, dafs der jetzige Gegensatz unendlich viel schärfer und 
erbitterter ist, als wenn von vornherein überhaupt keine Beziehung 
bestanden hätte. Es kommt hinzu, dafs beide Teile den Unterschied 
gegenüber der nachklingenden Gleichheit — dessen UnZweideutigkeit 
für sie vom äufsersten Belang ist, — oft nur so gewinnen werden, 
dafs sie ihn über seinen ursprünglichen Herd hinauswachsen und alle 
überhaupt vergleichbaren Punkte ergreifen lassen ; um dieses Zweckes 
der Positionssicherung willen führt der theoretische oder religiöse 
Abfall zu einer gegenseitigen Verketzerung in jeglicher ethischen, 
persönlichen, inneren oder äuferen Hinsicht, deren es garnicht bedarf, 
wenn die genau gleiche Differenz sich zwischen Fremden abspielt. 
Ja, dafs überhaupt eine Differenz der Überzeugungen in Hafs und 
Kampf ausartet, findet meistens nur bei wesentlichen und ursprüng- 
lichen Gleichheiten der Parteien statt. Die soziologisch sehr bedeut- 
same Erscheinung der »Achtung vor dem Feinde« pflegt da auszu- 
bleiben, wo die Feindschaft sich über früheren Zusammengehörigkeiten 
erhoben hat. Wo nun gar noch so viel Gleichheit weiter besteht^ 
dafs Verwechslungen und Grenzverwischungen möglich sind, da müssen 
die Differenzpunkte mit einer Schärfe herausgehoben werden, die oft 
garnicht durch die Sache selbst, sondern nur durch jene Gefahr ge- 
rechtfertigt wird. Dies wirkte z. B. in dem oben herangezogenen 
Fall des Katholizismus in Bern. Der römische Katholizismus braucht 
nicht zu fürchten, dafs durch eine äufsere Berührung mit einer so 
völlig heterogenen Kirche, wie der reformierten, seine Eigenheit be- 
droht werde, wohl aber durch die mit einer immerhin noch so nahe 
verwandten, wie dem Altkatholizismus. 

Dieses Beispiel berührt schon den zweiten hier fraglichen Typus, 
der freilich in der Praxis mit dem andern mehr oder weniger zu- 
sammenfällt: die Feindschaft, deren Zuspitzung sich auf Zusammen- 
gehörigkeit und Einheit — die keineswegs immer auch Gleichheit ist 
■ — gründet. Die Veranlassung für ihre gesonderte Behandlung ist,, 



— 277 — 

dafs hier statt der Unterschiedsempfindlichkeit ein ganz neues Gnind- 
motiv auftaucht, die eigentümhche Erscheinung des sozialen Hasses, 
d. h. des Hasses gegen einen Gruppenangehörigen, nicht aus persön- 
lichen Motiven, sondern weil von ihm eine Gefahr für den Bestand 
der Gruppe ausgeht. Insofern eine solche durch den Zwist innerhalb 
der Gruppe droht, hafst die eine Partei die andere nicht nur aus dem 
materialen Grunde, der den Zwist eben entfacht hat, sondern auch 
aus dem soziologischen: dafs wir eben den Feind der Gruppe als 
solchen hassen. Indem dies gegenseitig geschieht, und jeder die 
Schuld an der Bedrohung des Ganzen dem anderen zuschiebt, wächst 
dem Antagonismus eine Verschärfung gerade durch die Zugehörigkeit 
seiner Parteien zu einer Gruppeneinheit zu. Am bezeichnendsten 
sind hier die Fälle, in denen es zur eigentlichen Sprengung der Gruppe 
nicht kommt; denn ist diese erst geschehen, so bedeutet das eine ge- 
wisse Lösung des Konfliktes, die personale Differenz hat ihre sozio- 
logische Entladung gefunden und der Stachel immer erneuter Reizung 
ist entfernt. Zu jenem Erfolge mufs vielmehr gerade die Spannung 
zwischen Antagonismus und dennoch bestehender Einheit wirken. Wie es 
fürchterlich ist, mit einem Menschen entzweit zu sein, an den man 
doch gebunden ist — auf serlich, aber, in den tragischsten Fällen, auch 
innerlich gebunden ist — von dem man nicht los kann, auch wenn 
man es wollte, so steigert sich die Verbitterung auch dann, wenn 
man sich aus der Gemeinschaft nicht lösen will, weil man die Werte 
der Zugehörigkeit zu der umfassenden Einheit nicht aufopfern mag, 
oder weil man diese Einheit als einen objektiven Wert fühlt, dessen 
Bedrohung Kampf und Hals verdient. Aus diesen Konstellationen 
entspringt die Heftigkeit, mit der z. B. Streitigkeiten innerhalb einer 
politischen Fraktion oder eines Gewerkvereins oder einer Familie aus- 
gefochten werden. Die Einzelseele bietet hierzu eine Analogie. Das 
Gefühl, dafs ein Konflikt zwischen sinnlichen und asketischen, oder 
selbstsüchtigen und sittlichen, oder praktischen und intellektualistischen 
Strebungen in uns nicht nur die Ansprüche einer oder beider Par- 
teien herabsetzt und keine zu einem ganz freien Sich- Ausleben kommen 
läfst, sondern auch die Einheit, das Gleichgewicht und das Kraftmafs 
der Seele als ganzer oft genug bedroht — dieses Gefühl mag in 
manchen Fällen den Konflikt von vornherein niederhalten; wo es 
aber dazu nicht zureicht, gibt es dem Kampf umgekehrt etwas Er- 
bittertes und Verzweifeltes, einen Akzent, als ob hier eigentlich noch 



— 278 — 

um viel Wesentlicheres gekämpft werde, als um den unmittelbar frag- 
lichen Streitgegenstand; die Energie, mit der eine jede jener Ten- 
denzen die andere unterjochen möchte, wird nicht nur von ihrem 
sozusagen egoistischen Interesse genährt, sondern von dem darüber 
weit hinausgreifenden an der Einheit des Ich, für die dieser Kampf 
ein Zerreif sen und ein Zerfallen bedeutet, wenn er nicht mit einem 
eindeutigen Siege endet. So wächst der Streit innerhalb einer eng 
verbundenen Gruppe oft genug über das Mafs hinaus, das sein Gegen- 
stand und dessen unmittelbares Interesse für die Parteien rechtfertigen 
würde; denn an dieses heftet sich jetzt noch das Gefühl, dafs der 
Streit nicht nur eine Angelegenheit der Parteien, sondern der Gruppe 
als ganzer ist, dafs jede Partei sozusagen in dem Namen dieser kämpft, 
und in dem Gegner nicht nur ihren Gegner, sondern zugleich den 
ihrer höheren soziologischen Einheit zu hassen hat. 

Endlich gibt es eine scheinbar ganz individuelle, in Wirklichkeit 
soziologisch sehr bedeutsame Tatsache, die die äufserste Heftigkeit der 
antagonistischen Erregung an die Enge des Zusammengehörens 
knüpfen kann: die Eifersucht. Der Sprachgebrauch verfährt mit 
diesem Begriff nicht eindeutig und unterscheidet ihn vielfach nicht 
vom Neide. Beide Affekte sind zweifellos für die Gestaltung mensch- 
licher Verhältnisse von gröfster Bedeutung. Bei beiden handelt es 
sich um einen Wert, an dessen Erlangung oder dessen Bewahrung 
uns ein Dritter real oder symbolisch hindert. Wo es sich um Erlangen 
handelt, werden wir eher von Neid, wo um Bewahren, von Eifersucht 
sprechen; wobei natürlich die definierende Verteilung der Worte an 
sich ganz bedeutungslos und nur das Auseinanderhalten der psychisch - 
soziologischen Vorgänge wichtig ist. Dem als Eifersucht bezeichneten 
ist es eigen, dafs das Subjekt auf jenen Besitz einen Rechtsanspruch 
zu haben meint, während der Neid nicht nach dem Recht, sondern 
einfach nach der Begehrbarkeit des Versagten fragt; ihm ist es auch 
gleichgültig, ob das Gut ihm deshalb versagt ist, weil jener Dritte es 
besitzt, oder ob selbst Verlust oder Verzicht seitens dieses ihm nicht 
dazu verhelfen würde. Die Eifersucht dagegen wird in ihrer inneren 
Richtung und Färbung gerade dadurch bestimmt, dafs der Besitz uns 
vorenthalten ist, weil er in der Hand des Anderen ist, und dafs er 
mit der Aufhebung hiervon sogleich uns zufallen würde : die Empfindung 
des Neidischen dreht sich mehr um den Besitz, die des Eifersüchtigen 
um den Besitzer. Man kann den Ruhm jemandes beneiden, auch wenn 



— 279 — 

man selbst nicht den geringsten Anspruch auf Ruhm hat; man ist 
aber auf ihn eifersüchtig, wenn man der Meinung ist, ihn ebenso und 
eher zu verdienen, als jener. Das Verbitternde und Nagende für den 
Eifersüchtigen ist eine gewisse Fiktion des Gefühles — so unberechtigt, 
ja unsinnig sie sein mag — , dafs jener ihm den Ruhm sozusagen weg- 
genommen hat. Eifersucht ist eine Empfindung von so spezifischer 
Art und Stärke, dafs sie, aus irgendwelcher exzeptionellen seelischen 
Kombination heraus entstanden, sich ihre typische Situation innerHch 
ergänzt. 

Gewissermafsen in der Mitte zwischen den so bestimmten Er- 
scheinungen von Neid und Eifersucht steht eine dritte, in diese Skala 
gehörige, die man als Mifsgunst bezeichnen kann: das neidische Be- 
gehren eines Objektes, nicht weil es an sich für das Subjekt besonders 
begehrenswert ist, sondern nur weil der andere es besitzt. Diese 
Empfindungsweise entwickelt sich zu zwei Extremen, die in die Nega- 
tion des eigenen Besitzes umschlagen. Einerseits die Form leiden- 
schaftlicher Mifsgunst, die auf das Objekt lieber selbst verzichtet, ja, 
es lieber zerstört, ehe sie es dem andern gönnt; und die zweite: 
völlige eigene Gleichgültigkeit oder Aversion gegen das Objekt und 
dennoch völlige Unerträglichkeit des Gedankens, dafs der andre es 
besitze. Solche Formen des Nichtgönnens durchziehen in tausend 
Graden und Mischungen das gegenseitige Verhalten der Menschen. 
Das grofse Problemgebiet, auf dem sich die Beziehungen der Menschen 
zu den Dingen als Ursachen oder Wirkungen ihrer Beziehungen 
untereinander auftun, wird zu nicht kleinem Teil durch diesen Typus von 
Affekten gedeckt. Es handelt sich hier eben nicht nur darum, dafs 
Geld oder Macht, Liebe oder soziale Stellung begehrt werden, so dafs 
die Konkurrenz oder eine sonstige Überflügelung oder Beseitigung 
einer Person eine blofse Technik ist, in ihrem inneren Sinne nicht 
anders, als die Überwindung eines physischen Hindernisses. Vielmehr, 
die Gefühlsbegleitung, die sich an ein solches blofs äufserliches und 
sekundäres Verhältnis der Personen heftet , wächst in diesen Modifi- 
kationen des Nichtgönnens zu selbständigen soziologischen Formen 
aus, die an dem Begehren nach den Objekten nur ihren Inhalt haben ; 
was sich daran herausstellt, dafs die zuletzt erwähnten Stufen der 
Reihe das Interesse für den objektiven Zweckinhalt völlig abgestreift 
haben und ihn nur als das an sich ganz indifferente Material bei- 
behalten, um das das personale Verhältnis sich kristallisiert. Auf 



— 280 - 

diesem allgemeinen Grunde nun zeichnet sich die Bedeutung, die die 
Eifersucht für unser besonderes Problem hat, und zwar dann hat, 
wenn ihr Inhalt eine Person bezw. die Beziehung eines Subjektes zu 
ihr ist. Es scheint mir übrigens, als ob der Sprachgebrauch Eifersucht 
um eines rein unpersönlichen Objektes willen nicht anerkennte. Was 
uns hier angeht, ist das Verhältnis zwischen dem Eifersüchtigen und 
der Person, um derentwillen sich seine Eifersucht gegen einen Dritten 
richtet; das Verhältnis zu diesem Dritten hat einen ganz andern, viel 
weniger eigenartigen und komplizierten soziologischen Formcharakter. 
Denn gegen jenen erhebt sich eben Zorn und Hafs, Verachtung und 
Grausamkeit gerade auf der Voraussetzung der Zusammen- 
gehörigkeit, eines äufseren oder inneren, wirklichen oder ver- 
meinten Anspruches 'auf Liebe, Freundschaft, Anerkennung, Ver- 
einigung irgendwelcher Art. Hier spannt sich der Antagonismus, mag- 
er beiderseitig oder einseitig empfunden sein, um so stärker und 
weiter, von je unbedingterer Einheit er ausgegangen und je leiden- 
schaftlicher seine Überwindung ersehnt ist. Wenn das Bewufstsein 
des Eifersüchtigen oft zwischen Liebe und Hafs zu pendeln scheint, 
so bedeutet das, dafs diese beiden Schichten, von denen die zweite 
über die erste in derer ganzen Breite gebaut ist, abwechselnd das stärkere 
Bewufstsein für sich gewinnen. Sehr wichtig ist die vorhin angedeutete 
Bedingung: das Recht, das man auf den seelischen oder physischen 
Besitz, auf die Liebe oder die Verehrung des Subjekts zu haben 
meint, das das Objekt der Eifersucht ist. Den Besitz einer Frau mag 
ein Mann einem andren beneiden; eifersüchtig aber ist nur der, 
der irgend einen Anspruch auf ihren Besitz hat. Dieser Anspruch 
kann allerdings in der blofsen Leidenschaft des Begehrens bestehen. 
Denn aus dieser ein Recht herzuleiten, ist ein allgemein menschlicher 
Zug: das Kind entschuldigt sich wegen der Übertretung eines Ver- 
botes damit, dafs es das Verbotene »doch so gern wollte« ; der Ehe- 
brecher würde, insoweit er nur eine Spur von Gewissen besitzt, auf 
den gekränkten Ehemann im Duell nicht anlegen können, wenn er 
nicht in seiner Liebe zu der Frau ein Recht auf sie erblickte, das er 
so gegen das blofs legale Recht des Gatten verteidigt; wie allent- 
halben der blofse Besitz schon als Recht des Besitzes gilt, so wächst 
schon sein Vorstadium, das Begehren, zu einem solchen Rechte aus, 
und der Doppelsinn des »Anspruchs« : als einfaches Begehren und als 
rechtlich begründetes Begehren — weist darauf hin, dafs das Wollen 



— 281 — 

gern dem Rechte seiner Kraft von sich aus noch die Kraft eines 
Rechtes beigibt. Freilich wird gerade durch diesen Rechtsanspruch 
die Eifersucht oft zu dem erbarmungswürdigsten Schauspiel: auf Ge- 
fühle, wie Liebe und Freundschaft, Rechtsansprüche geltend zu 
machen, ist ein Versuch mit einem völlig untauglichen Mittel. Die 
Ebene, in die man vom Boden eines Rechtes, eines äufserlichen oder 
innerlichen, aus greifen kann, ■ berührt sich überhaupt nicht mit der, in 
der jene Gefühle liegen; sie mit einem blofsen Rechte, so tief und 
wohlerworben dies auch nach andren Richtungen hin sein mag, er- 
zwingen zu wollen, ist so sinnlos, wie wenn man den davongeflogenen 
Vogel,, der längst aufser Hör- und Sehweite ist, in seinen Käfig zurück- 
befehlen wollte. Diese Erfolglosigkeit des Rechtes auf Liebe erzeugt 
die für die Eifersucht charakteristische Erscheinung: dafs sie sich 
schliefslich an die äufseren Erweise des Gefühles klammert, die 
allerdings durch den Appell an das Pflichtgefühl erzwingbar sind, 
mit dieser armseligen Genugtuung und Selbstbetrug noch den Körper 
des Verhältnisses bewahrend, als ob sie an ihm noch etwas von seiner 
Seele hätte. 

Der Anspruch, der zu der Eifersucht gehört, wird als solcher 
oft von der andren Seite voll anerkannt; er bedeutet oder stiftet, 
wie jedes Recht zwischen Personen, eine Art von Einheit, es ist der 
ideelle oder legale Bestand einer Verbindung, einer positiven Beziehung 
irgendwelcher Art, zum mindesten deren subjektive Antizipation. Über 
der so bestehenden und weiterwirkenden Einheit erhebt sich nun zu- 
gleich ihre Verneinung, die eben die Situation für die Eifersucht 
schafft. Hier ist nicht, wie bei mancher sonstigen Zusammenwirkung 
von Einheit und Antagonismus, beides auf verschiedene Gebiete ver- 
teilt und nur von dem Gesamtumfange der Persönlichkeiten zusammen- 
und gegeneinandergehalten; sondern gerade diejenige Einheit, die in 
irgend einer inneren oder äufseren Form noch besteht, mindestens von 
einer Seite als real oder ideell bestehend empfunden wird, wird ver- 
neint. Das Eifersuchtsgefühl legt eine ganz eigenartige, verblendende, 
unversöhnliche Verbitterung' zwischen die Menschen, weil das Trennende 
zwischen ihnen sich hier genau des Punktes ihrer Verbindung be- 
mächtigt hat und so die Spannung zwischen beiden dem negativen 
Moment das Aufserste verliehen hat, was an Schärfe und Akzentuierung 
möglich ist. Daraus, dals dieses formal-soziologische Verhältnis die 
innere Situation ganz beherrscht, erklärt sich die merkwürdige, eigent- 



— 282 — 

lieh ganz unbegrenzte Weite der Motive, von denen die Eifersucht 
sich nähren läfst, und die häufige inhaltliche Sinnlosigkeit ihrer Ent- 
wicklung. Wo entweder die Struktur der Beziehung von vornherein 
auf solche Synthese von Synthese und Antithese angelegt ist oder wo 
die Seele des Einzelnen diese Struktur innerhalb ihrer eigenen Disposi- 
tionen darbietet, wird jede beliebige Veranlassung die Konsequenzen 
daraus entwickeln, und zwar werden diese begreiflich um so leichter 
ansprechen, je öfter sie schon wirksam geworden sind. Dafs jedes 
menschliche Tun und Sagen eine mehrfache Deutung seiner Absicht 
und Gesinnung zuläfst, schafft der Eifersucht, die überall nur eine 
Deutung sehen will, ein völlig nachgiebiges Werkzeug. Indem die 
Eifersucht den leidenschaftlichsten Hafs an den gleichzeitigen Fort- 
bestand der leidenschaftlichsten Liebe knüpfen kann, an das Nach- 
wirken der innigsten Zusammengehörigkeit die Vernichtung beider 
Teile — denn der Eifersüchtige zerstört das Verhältnis ebenso, wie 
es ihn zur Zerstörung des Andren reizt — , ist die Eifersucht vielleicht 
diejenige soziologische Erscheinung, in der der Aufbau des Antagonis- 
mus über der Einheit seine subjektiv radikalste Gestaltung erreicht. 
Besondere Arten einer solchen Synthese zeigen die Erscheinungen, 
die man als Konkurrenzen zusammenfafst. Für das soziologische 
Wesen der Konkurrenz ist es zunächst bestimmend, dafs der Kampf 
ein indirekter ist. Wer den Gegner unmittelbar beschädigt oder aus 
dem Wege räumt, konkurriert insofern nicht mehr mit ihm. Der 
Sprachgebrauch verwendet vielmehr im allgemeinen das Wort nur 
für solche Kämpfe, die in den parallelen Bemühungen beider Parteien 
um einen und denselben Kampfpreis bestehen. Die Unterschiede der- 
selben gegen andere Kampfarten lassen sich näher etwa so be- 
zeichnen. Die reine Form des Konkurrenzkampfes ist vor allem nicht 
Offensive und Defensive — deshalb nicht, weil der Kampfpreis sich 
nicht in der Hand eines der Gegner befindet. Wer mit einem andern 
kämpft, um ihm sein Geld oder sein Weib oder seinen Ruhm ab- 
zugewinnen, verfährt in ganz andern Formen, mit einer ganz andern 
Technik, als wenn er mit einem andern darum konkurriert, wer das 
Geld des Publikums in seine Tasche leiten, wer die Gunst einer Frau 
gewinnen, wer durch Taten oder Worte sich den gröfseren Namen 
machen solle. Während in vielen andern Kampfarten deshalb die 
Besiegung des Gegners nicht nur den Siegespreis unmittelbar einträgt, 
sondern der Siegespreis selbst ist, treten bei der Konkurrenz zwei 



— 283 — 

andre Kombinationen auf: wo die Besiegung des Konkurrenten die 
zeitlich erste Notwendigkeit ist, da bedeutet diese Besiegung an sich 
eben noch garnichts, sondern das Ziel der ganzen Aktion wird erst 
durch das Sich-Darbieten eines von jenem Kampf an sich ganz un- 
abhängigen Wertes erreicht. Der Kaufmann, der seinen Konkurrenten 
erfolgreich beim Publikum der Unsolidität verdächtigt hat, hat damit 
noch nichts gewonnen, wenn die Bedürfnisse des Publikums etwa 
plötzlich von der Warensorte, die er selbst anbietet, abgelenkt werden; 
der Liebhaber, der seinen Nebenbuhler verscheucht oder unmöglich 
gemacht hat, ist damit noch keinen Schritt weiter, wenn die Dame 
nun auch ihm ihre Neigung vorenthält; einer Konfession, die um den 
Gewinn eines Proselyten streitet, braucht dieser noch lange nicht 
darum anzuhängen, dafs sie die konkurrierende durch den Nachweis 
ihrer Unzulänglichkeit aus dem Felde geschlagen hat — wenn ihr 
nicht aus dem Gemüte jenes die Bedürfnisse entgegenkommen, die sie 
positiv befriedigen kann. Der Konkurrenzkampf erhält bei diesem 
Typus seine Färbung dadurch, dafs die Entscheidung des Kampfes 
für sich noch nicht den Zweck des Kampfes realisiert, wie überall 
da, wo Zorn oder Rache, Strafe oder der ideale Wert des Sieges als 
solchen den Kampf motiviert. Noch mehr vielleicht unterscheidet sich 
der zweite Typus der Konkurrenz von andern Kämpfen. Bei diesem 
besteht der Kampf überhaupt nur darin, dafs jeder der Bewerber für 
sich auf das Ziel zustrebt, ohne eine Kraft auf den Gegner zu ver- 
wenden. Der Wettläufer, der nur durch seine Schnelligkeit, der 
Kaufmann, der nur durch den Preis seiner Ware, der Proselyten- 
macher, der nur durch die innere Überzeugungskraft seiner Lehre 
wirken will, exemplifizieren diese merkwürdige Art des Kampfes, die 
an Heftigkeit und leidenschaftlichem Aufgebot aller Kräfte jeder andern 
gleichkommt, zu dieser äufsersten Leistung auch nur durch das wechsel- 
wirkende Bewufstsein von der Leistung des Gegners gesteigert wird, 
und doch, auf serlich angesehen, so verfährt, als ob kein Gegner, 
sondern nur das Ziel auf der Welt wäre. Durch die unabgelenkte 
Richtung auf die Sache kann diese Konkurrenzform Inhalte aufnehmen, 
bei denen der Antagonismus ein rein formaler wird und nicht nur 
einem gemeinsamen Zweck beider dient, sondern sogar den Sieg des 
Siegers dem Besiegten zugute kommen läfst. Bei der Belagerung 
von Malta durch die Türken 1565 verteilte der Grofsmeister die Forts 
der Insel unter die verschiedenen Nationen, denen die Ritter angehörten, 



— 284 — 

damit der Wettstreit, welche Nation die tapferste sei, für die Ver- 
teidigung des Ganzen ausgenützt würde. Hier liegt also eine echte 
Konkurrenz vor, während doch jede Schädigung des Gegners, die 
seine volle Kraftentfaltung im Wettstreit unterbinden könnte, von 
vornherein ausgeschlossen ist. Dies ist ein so sehr reines Beispiel, 
weil zwar vorausgesetztermafsen der Wunsch, im Kampf um die 
Ehre zu siegen, das ganz besondere Aufgebot der Kraft hervor- 
gerufen hat , der Sieg aber nur so , dafs sein Erfolg sich auch auf 
den Besiegten erstreckt, zu gewinnen ist. Ähnlich zeigt jede durch 
Ehrgeiz veranlafste Konkurrenz auf wissenschaftlichem Gebiet einen 
Kampf, der sich nicht gegen den Gegner, sondern auf das gemein- 
same Ziel richtet, wobei supponiert wird, dafs die von dem Sieger 
gewonnene Erkenntnis auch für den Unterlegenen Gewinn und 
Förderung ist. Bei künstlerischen Konkurrenzen pflegt diese letzte 
Steigerung des Prinzips zu fehlen, weil der objektive Gesamtwert, 
der beide Parteien mit gleicher Beteiligung umfafst, angesichts des 
individualistischen Wesens der Kunst nicht bewufst, wenn auch viel- 
leicht ideell vorhanden ist. Noch entschiedener ist dieses Manko an 
der kaufmännischen Konkurrenz um den Abnehmer, die dennoch unter 
das gleiche formale Kampfprinzip gehört. Denn auch hier ist der 
Wettstreit unmittelbar auf die vollkommenste Leistung gerichtet und 
der Vorteil eines Dritten oder des Ganzen ist sein Ergebnis. So ver- 
schlingt sich in dieser Form aufs wunderbarste die Subjektivität des 
Endzieles mit der Objektivität des Endergebnisses, eine überindivi- 
duelle Einheit sachlicher oder sozialer Natur schliefst die Parteien 
imd ihren Kampf ein, man kämpft mit dem Gegner, ohne sich gegen 
ihn zu wenden, sozusagen ohne ihn zu berühren: so führt uns die 
subjektive antagonistische Triebfeder zur Verwirklichung objektiver 
Werte, und der Sieg im Kampfe ist nicht eigentlich der Erfolg eines 
Kampfes, sondern eben der Wertverwirklichungen, die jenseits des 
Kampfes stehen. 

Darin liegt nun der ungeheure Wert der Konkurrenz für den 
sozialen Kreis, falls die Konkurrenten von einem solchen umfafst sind. 
Während die anderen Kampf typen: bei denen entweder der Kampf- 
preis ursprünglich sich in den Händen der einen Partei befindet, oder 
wo die subjektive Feindseligkeit und nicht der Gewinn eines Preises 
das Kampfmotiv bildet — während diese Typen die Werte und Kräfte 
der Kämpfer sich gegenseitig verzehren lassen, und als Resultat für 



— 285 - 

die Gesamtheit oft nur das verbleibt, was die einfache Subtraktion der 
schwächeren Kraft von der stärkeren übrig läfst, wirkt umgekehrt 
die Konkurrenz, wo sie sich von der Beimischung der anderen Kampf- 
formen frei hält-, duich ihre unvergleichHche Kombination meistens 
wertsteigernd : da sie, vom Standpunkt der Gruppe aus gesehen, sub- 
jektive Motive als Mittel darbietet, um objektive soziale Werte zu er- 
zeugen und, vom Standpunkt der Partei, die Produktion des objektiv 
Wertvollen als Mittel benutzt, um subjektive Befriedigungen zu ge- 
winnen ^). 



^) Dies ist ein sehr reiner Fall des häufigen Typus : dafs für die Gattung, 
für die Gruppe, kurz für das umfassende Gebilde Mittel ist, was für das 
Individuum Endzweck ist, und umgekehrt. Zuhöchst gilt dies in weitem 
Umfang für das Verhältnis des Menschen zu der metaphysischen Totalität, 
zu seinem Gott. Wo die Idee eines göttlichen Weltplanes aufwächst, da sind 
die Endzwecke des Einzelwesens nichts als Stufen und Mittel, die das ab- 
solute Endziel aller irdischen Bewegungen, wie es in dem göttlichen Geiste 
gesetzt ist, verwirklichen helfen; für das Subjekt aber, in der Unbedingtheit 
seines Ich-Interesses, ist nicht nur die empirische, sondern auch jene trans- 
szendente Wirklichkeit nur ein Mittel für seinen Zweck: sein Wohlergehen 
auf Erden oder sein Heil im Jenseits, das Glück ruhiger, erlöster Voll- 
kommenheit oder ekstatischer Gotterfülltheit sucht es durch den Gott, der 
ihm dies alles vermittle; wie Gott als das absolute Sein auf dem Umwege 
über den Menschen zu sich selbst kommt, so der Mensch zu sich selbst auf 
dem Umwege über Gott. Für das Verhältnis zwischen dem Individuum 
und seiner Gattung im biologischen Sinn ist dies längst bemerkt; der 
erotische Genufs, für jenes ein sich selbst rechtfertigender Endzweck, ist für 
die Gattung nur ein Mittel, durch das sie sich ihre Fortsetzung über jeden 
momentanen Bestand hinaus sichere; diese Erhaltung der Gattung, die 
mindestens gleichnisweise als ihr Zweck gilt, ist für das Individuum oft 
genug nur das Mittel, sich selbst in seinen Kindern fortzusetzen, seinem 
Besitz , seinen Eigenschaften , seiner Vitalität eine Art Unsterblichkeit zu 
verschaffen. In den sozialen Beziehungen kommt das, was man als Harmonie 
der Interessen zwischen der Gesellschaft und dem Einzelnen bezeichnet, 
eben darauf hinaus. Das Tun des Einzelnen wird normiert und vorgespannt, 
um die rechtlichen und sittlichen, die politischen und kulturellen Ver- 
fassungen der Menschen zu tragen und zu entwickeln; was aber im ganzen 
nur dadurch gelingt, dafs die eigenen eudämonistischen und sittlichen, 
materiellen und abstrakten Interessen des Individuums sich jener über- 
individuellen Werte als Mittel bemächtigen ; so ist etwa die Wissenschaft 
ein Inhalt der objektiven Kultur und als solcher ein selbstgenugsamer End- 
zweck der gesellschaftlichen Entwicklung, der sich durch das Mittel des 
individuellen Erkenntnistriebes verwirklicht; für das Individuum aber ist 
die ganze vorliegende Wissenschaft samt dem von ihm selbst erarbeiteten 
Teile ihrer ein blofses Mittel für die Befriedigung seines persönlichen Er- 
kenntnistriebes. Nun sind allerdings diese Verhältnisse keineswegs immer 



— 286 — 

Allein die inhaltliche Förderung, die der Konkurrenz durch 
ihre eigentümlich vermittelte Wechselwirkungsform gelingt, ist hier 
nicht so wichtig wie die unmittelbar soziologische. Indem der Ziel- 
pimkt, um den innerhalb einer Gesellschaft die Konkurrenz von 
Parteien stattfindet, doch wohl durchgängig die Gunst eines oder vieler 
dritter Personen ist — drängt sie jede der beiden Parteien, zwischen 
denen sie stattfindet, mit aufserordentlicher Enge an jene Dritten 
heran. Man pflegt von der Konkurrenz ihre vergiftenden, zer- 
sprengenden, zerstörenden Wirkungen hervorzuheben und im übrigen 
nur jene inhaltlichen Werte als ihre Produkte zuzugeben. Daneben 
aber steht doch diese ungeheure vergesellschaftende Wirkung: sie 
zwingt den Bewerber, der einen Mitbewerber neben sich hal und 
häufig erst hierdurch eigentlicher Bewerber wird, dem Umworbenen 
entgegen- und nahezukommen, sich ihm zu verbinden, seine Schwächen 
und Stärken zu erkunden und sich ihnen anzupassen, alle Brücken 
aufzusuchen oder zu schlagen, die das eigne Sein und Leisten mit 
jenem verbinden könnten. Freilich geschieht dies oft um den Preis 
der persönlichen Würde und des sachlichen Wertes der Produktion ; 
vor allem bewirkt die Konkurrenz zwischen den Produzenten der 
höchsten geistigen Leistungen, dafs diejenigen, die zur Leitung der 
Masse bestimmt sind, sich ihr unterordnen; um überhaupt nur zur 
wirksamen Ausübung ihrer Funktion als Lehrer oder Parteiführer, 
als Künstler oder Journalist zu gelangen, bedarf es des Gehorsams 
gegen die Instinkte oder Launen der Masse, sobald diese auf Grund 
der Konkurrenz die Auswahl unter den Bewerbern hat. Dadurch 
wird freilich inhaltlich eine Umkehrung der Rangordnung und der 
sozialen Lebenswerte geschaffen, aber das vermindert nicht die formale 
Bedeutung der Konkurrenz für die Synthesis der Gesellschaft. Ihr 
gelingt unzählige Male, was sonst nur der Liebe gelingt: das Aus- 

von so harmonischer Symmetrie; sie beherberj?en vielmehr oft genug den 
Widerspruch, dafs zwar sowohl das Ganze wie der Teil sich als Endzweck 
und demnach den andern als Mittel behandeln, keines von beiden aber diese 
Rolle als Mittel akzeptieren will. Daraus ergeben sich Reibungen, die an 
jedem Punkte des Lebens fühlbar sind und die Zwecke des Ganzen wie der 
Teile nur unter gewissen Abzügen sich verwirklichen lassen. Das gegen- 
seitige Sich- Aufreiben der Kräfte, das dem positiven Ergebnis nicht zugute 
kommt, und die Unbelohntheit und Ungenütztheit der als schwächer er- 
wiesenen bilden derartige Abzüge innerhalb der Konkurrenz, die sonst jene 
Symmetrie einander entgegenlaufender Zweckreihen so deutlich zeigt. 



— 287 — 

spähen der innersten Wünsche eines Andern, bevor sie ihm noch selbst 
bewufst geworden sind. Die antagonistische Spannung gegen den 
Konkurrenten schärft bei dem Kaufmann die Feinfühhgkeit für die 
Neigungen des Publikums bis zu einem fast hellseherischen Instinkt 
für die bevorstehenden Wandlungen seines Geschmacks, seiner Moden, 
seiner Interessen; und doch nicht nur bei dem Kaufmann, sondern 
auch bei dem Zeitungsschreiber, dem Künstler, dem Buchhändler, dem 
Parlamentarier, Die moderne Konkurrenz, die man als den Kampf 
Aller gegen Alle kennzeichnet, ist doch zugleich der Kampf Aller um 
Alle. Niemand wird die Tragik davon in Abrede stellen, dals die 
Elemente der Gesellschaft gegen einander, statt mit einander arbeiten, 
dafs unzählige Kräfte in dem Kampf gegen den Konkurrenten ver- 
schwendet werden, die zu positiver Arbeit verwendbar wären, dafs 
endlich auch die positive und wertvolle Leistung ungenutzt und un- 
belohnt ins Nichts fällt, sobald eine wertvollere oder wenigstens an- 
ziehendere mit ihr konkurriert. Aber alle diese Passiva der Kon- 
kurrenz in der sozialen Bilanz stehen doch nur neben der ungeheuren 
synthetischen Kraft der Tatsache, dafs die Konkurrenz in der Gesell- 
schaft doch Konkurrenz um den Menschen ist, ein Ringen um Beifall 
und Aufwendung, um Einräumungen und Hingebungen jeder Art, 
ein Ringen der Wenigen um die Vielen wie der Vielen um die Wenigen; 
kurz, ein Verweben von tausend soziologischen Fäden durch die Kon- 
zentrierung des Bewufstseins auf das Wollen und Fühlen und Denken 
der Mitmenschen, durch die Adaptierung der Anbietenden an die 
Nachfragenden, durch die raffiniert vervielfältigten Möglichkeiten, 
Verbindung und Gunst zu gewinnen. Seit die enge und naive Soli- 
darität primitiver und sozialer Verfassungen der Dezentralisation ge- 
wichen ist, die der unmittelbare Erfolg der quantitativen Erweiterung 
der Kreise sein mufste, scheint das Sich-Bemühen des Menschen um 
den Menschen, das Sich- Anpassen des. einen an den andern eben nur 
um den Preis der Konkurrenz möglich, also des gleichzeitigen Kampfes 
gegen einen Nebenmann um den dritten — gegen welch' letzteren 
man übrigens vielleicht in irgend einer andern Beziehung um jenen 
konkurriert. Vielerlei Interessen, die den Kreis schliefslich von Glied 
zu Glied zusammenhalten, scheinen bei der Weite und Individuali- 
sierung der Gesellschaft nur lebendig zu sein, wenn die Not und die 
Hitze des Konkurrenzkampfes sie dem Subjekte aufdrängt. Auch 
zeigt sich die sozialisierende Kraft der Konkurrenz keineswegs nur in 



— 288 — 

diesen gröberen, sosusagen öffentlichen Fällen. In unzähligen Kom- 
binationen des Familienlebens wie der Erotik, der gesellschaftlichen 
Plauderei wie der auf Überzeugung gerichteten Disputation, der 
Freundschaft wie der Eitelkeitsbefriedigungen begegnet uns die Kon- 
kurrenz Zweier um den Dritten, oft freilich nur in Andeutungen, 
gleich fallen gelassenen Ansätzen, als .Seiten- oder Teilerscheinungen 
eines Totalvorganges. Überall aber, wo sie auftritt, entspricht dem 
Antagonismus der Konkurrenten ein Darbieten oder Verlocken, ein 
Versprechen oder Sich-Anschliefsen, das jeden von beiden mit dem 
dritten in eine Beziehung bringt; für den Sieger insbesondre ge- 
winnt diese oft eine Intensität, zu der es ohne die eigentüm- 
liche, nur durch die Konkurrenz ermöglichte, fortwährende Ver- 
gleichung der eigenen Leistung mit einer andern und ohne die 
Erregung durch die Chancen der Konkurrenz nicht gekommen wäre. 
Je mehr der Liberalismus aulser in die wirtschaftlichen und die 
politischen auch in die familiären und geselligen, die kirchlichen 
und freundschaftlichen, die Rangordnungs- und allgemeinen Ver- 
kehrsverhältnisse eingedrungen ist, das heifst also: je weniger diese 
vorbestimmt und durch allgemeine historische Normen geregelt, je 
mehr sie dem labilen, von Fall zu Fall sich herstellenden Gleich- 
gewicht oder den Verschiebungen der Kräfte überlassen sind — desto 
mehr wird ihre Gestaltung von fortwährenden Konkurrenzen ab- 
hängen; und der Ausgang dieser wiederum in den meisten Fällen 
von dem Interesse, der Liebe, den Hoffnungen, die die Konkurrenten 
in verschiedenem Mafse in dem oder den Dritten, den Mittelpunkten 
der konkurrierenden Bewegungen, zu erregen wissen. Das wertvollste 
Objekt für den Menschen ist der Mensch, unmittelbar wie mittelbar. 
Letzteres, weil in ihm die Energien der untermenschlichen Natur auf- 
gespeichert sind, wie in dem Tiere, das wir verzehren oder für uns 
arbeiten lassen, die des Pflanzenreiches, und wie in diesem die von 
Sonne und Erdboden, Luft vmd Wasser. Der Mensch ist das konden- 
sierteste und für die Ausnutzung ergiebigste Gebilde, und in dem 
Mafse, in dem die Sklaverei, d. h. das mechanische Sich-seiner- 
Bemächtigen aufhört, wächst die Notwendigkeit, ihn seelisch zu ge- 
winnen. Der Kampf mit dem Menschen, der ein Kampf um ihn und 
seine Versklavung war, wandelt sich deshalb in die kompliziertere Er- 
scheinung der Konkurrenz, in der freilich auch ein Mensch mit dem 
andern, aber um einen dritten kämpft. Und der Gewinn dieses dritten. 



— 289 — 

tausendfach nur durch die soziologischen Mittel der Überredung oder 
Überzeugung, der Über- und Unterbietung, der Suggestion oder 
Drohung, kurz, durch den seelischen Konnex zu erreichen, bedeutet 
auch in seinem Erfolge ebenso oft nur einen solchen, nur die Stiftung 
einer Verbindung, von der momentanen des Kaufes im Ladengeschäft 
bis zur Ehe. Mit der kulturellen Steigerung der Intensität und Konden- 
sierung dei Lebensinhalte mufs der Kampf um dieses kondensierteste 
aller Güter, die menschliche Seele, immer gröfseren Raum einnehmen 
und damit die zusammenführenden Wechselwirkungen, die seine Mittel 
wie seine Ziele sind, ebenso vermehren wie vertiefen. 

Hierin liegt schon angedeutet, wie sehr der soziologische Charakter 
der Kreise sich nach dem Mafse und den Arten der Konkurrenz, die 
sie zulassen, unterscheidet. Dies ist ersichtlich ein Ausschnitt des 
Korrelationsproblems, zu dem jeder Teil der bisherigen Ausmachungen 
einen Beitrag lieferte: es besteht eine Beziehung zwischen der 
Struktur jedes sozialen Kreises und dem Mafs von Feindseligkeiten, 
das er unter seinen Elementen gestatten kann. Für das politische 
Ganze gibt das Strafgesetz hier vielfach die Grenze an, bis zu der 
Streit imd Rache, Gewalttat und Übervorteilung noch mit dem Be- 
stände des Ganzen vereinbar ist. Wenn man den Inhalt des Straf- 
gesetzes in diesem Sinn als das ethische Minimum bezeichnet hat, so 
ist das doch nicht völlig zutreffend. Denn ein Staat würde noch immer 
auseinanderbrechen, wenn bei strengster Vermeidung alles strafrecht- 
lich Verbotenen alle diejenigen Attaken, Beschädigungen, Feindselig- 
heiten verwirklicht würden, die unter dieser Bedingung noch möglich 
sind. Jedes Strafgesetz rechnet damit, dafs von diesen zersetzenden 
Energien der weit überwiegende Teil durch Hemmungen, zu denen 
es selbst nichts beiträgt, von der Entwicklung zurückgehalten wird. 
Das Minimum ethisch - friedlichen Verhaltens, ohne das die staatliche 
Gesellschaft nicht bestehen könnte, geht also über die vom Straf- 
gesetz garantierten Kategorien desselben hinaus-, es wird nur eben 
erfahrungsgemäfs vorausgesetzt, dafs diese straflos gelassenen Störungen 
schon von selbst nicht das sozial erträgliche Mafs überschreiten. Je 
enger vereinheitlicht die Gruppe ist, desto mehr kann die Feindschaft 
zwischen ihren Elementen ganz entgegengesetzte Bedeutungen haben: 
einerseits kann die Gruppe, eben wegen ihrer Enge, einen inneren 
Antagonismus vertragen, ohne auseinanderzubrechen, die Stärke der 
S5^nthetischen Kräfte ist der der antithetischen gewachsen; andrerseits 

Simmel, Soziologie. 19 



— 290 — 

ist eine Gruppe, deren Lebensprinzip eine erhebliche Einheitlichkeit 
und Zusammengehörigkeit ist, insofern gerade durch jede innere 
Zwistigkeit besonders bedroht. Eben dieselbe]Zentripetalität der Gruppe 
macht sie 'gegen die Gefahren aus Gegnerschaften ihrer Mitglieder, 
je nach den sonstigen Umständen, entweder widerstandsfähiger oder 
widerstandsloser. 

So enge Vereinigungen wie die Ehe zeigen beides gleichzeitig: 
es gibt wohl keine zweite Einung, die so wahnsinnigen Hafs, so rest- 
lose Antipathie, so stündliche Zusammenstöfse [und Kränkungen er- 
tragen könnte, ohne äufserlich auseinanderzubrechen; und andrerseits 
ist sie, wenn auch nicht die einzige, so doch eine von den ganz 
wenigen Verhältnisformen, die durch die äufserlich unmerkbarste, mit 
"Worten garnicht fafsbare Spaltung, ja durch ein einziges anta- 
gonistisches Wort die Tiefe und Schönheit ihres Sinnes so verlieren 
können, dafs selbst der leidenschaftlichste Wille beider Teile sie nicht 
zurückgewinnt. In gröfseren Gruppen werden zwei Strukturen, schein- 
bar einander ganz entgegengesetzt, ein erhebliches Mafs innerer Feind- 
seligkeiten zulassen. Einmal, leicht ansprechende, eine gewisse Soli- 
darität der Elemente bewirkende Verbindungen. Vermöge dieser 
können Schädigungen , die durch feindliche Zusammenstöfse hier und 
dort erzeugt werden, relativ leicht gut gemacht werden, die Elemente 
geben so viele Kraft oder Werte an das Ganze ab , dafs dieses den 
Einzelnen die Freiheit auch zu Antagonismen gewähren kann, sicher, 
dafs die durch sie bewirkte Kraftausgabe gleichsam durch ander- 
weitige Einnahme gedeckt wird. Dies ist ?ein Grund, weshalb sehr 
gut organisierte Gemeinwesen mehr innere Spaltungen und Reibungen 
vertragen können, als mehr mechanische, innerlich zusammenhangs- 
lose Konglomerate. Die Einheit, zu der eine gröfsere Masse eben 
nur durch feinere Organisationen zusammenzubringen ist, kann die 
Aktiva und Passiva innerhalb des Gesamtlebens leichter in sich zur 
Ausgleichung bringen und irgendwo disponible Kräfte gerade an die 
Stelle bringen, wo durch Mifshelligkeiten zwischen den Elementen 
— ebenso gut wie durch irgendwelche andre Verlustarten — Schwächen 
entstanden sind. Den gleichen Gesamteffekt hat die gerade umgekehrte 
Struktur: vergleichbar der Zusammensetzung des Schiffsbodens aus vielen 
gegeneinander fest abgeschlossenen Kammern, so dafs bei einer Ver- 
letzung des Bodens das Wasser sich doch nicht durch den ganzen er- 
giefsen kann. Das Sozialprinzip ist hier also gerade eine gewisse 



— 291 — 

Abschnürung der miteinander kollidierenden Parteien, die so, was sie 
sich gegenseitig antun, miteinander abzumachen, ihre Beschädigungen 
allein zu tragen haben, ohne dafs der Bestand des Ganzen dadurch 
geschädigt würde. Die richtige Wahl oder Kombination zwischen den 
beiden Methoden: der organischen Solidarität, mit der das Ganze für 
die Schädigungen durch partielle Konflikte eintritt, oder der Iso- 
lierung, durch die es sich diesen Schädigungen gegenüber reserviert — 
ist natürlich eine Lebensfrage für jede Vereinigung, von der Familie 
bis zum Staat, von der wirtschaftlichen bis zu der nur geistig zu- 
sammengehaltenen. Die Extreme bezeichnet etwa einerseits der 
moderne Staat, der die Kämpfe der politischen Parteien, soviele Kräfte 
sich darin auch aufreiben, nicht nur ohne weiteres verträgt, sondern 
sie sogar für sein Gleichgewicht und seine Entwicklung ausnützt, 
andrerseits der antike und mittelalterliche Stadtstaat, der durch innere 
Parteikämpfe oft bis zur Vernichtung entkräftet wurde. Im ganzen 
wird eine Gruppe, je gröfser sie ist, um so eher beide Methoden ver- 
einigen können, und zwar in der Form, dafs die Parteien ihre primären, 
aus dem Streit erwachsenden Beeinträchtigungen mit sich abzumachen 
haben, die sekundären Folgen aber für das Leben des Ganzen aus 
dessen Reserven beglichen werden können — eine Kombination, die 
ersichtlich schwierig ist, wenn die Gruppe klein ist und damit alle ihre 
Elemente nahe aneinander gerückt sind. 

Indem ich nun auf das besondere Verhältnis des Konkurrenz- 
Kampfes zu der Struktur seines Kreises zurückkomme, tritt zunächst 
die Differenz auf: ob der Interesseninhalt des Kreises von sich aus 
eine Form bedingt, die die Konkurrenz verbietet oder einschränkt 
— oder ob er, an sich der Konkurrenz wohl zugänglich, nur durch 
seine besondere historische Formung, durch allgemeine und jenseits 
der fraglichen Interessen stehende Prinzipien an ihr behindert wird. 
Das erstere ist unter zwei Voraussetzungen möglich. Tritt Konkurrenz 
dann ein, wenn ein nicht für alle Bewerber ausreichendes oder über- 
haupt zugängliches Gut nur dem Sieger eines Wettbewerbs unter ihnen 
zufällt — so ist sie ersichtlich ausgeschlossen, wo entweder die Ele- 
mente eines Kreises überhaupt nicht auf ein Gut zustreben, das ihnen 
gleichmäfsig erwünscht wäre — oder wo dieses zwar der Fall ist, das 
Gut aber für alle gleichmäfsig ausreicht. Für jenes spricht die Ver- 
mutung überall da, wo die Vergesellschaftung nicht von einem gemein- 
samen terminus ad quem, sondern einem gemeinsamen terminus a quo, 

igt. 



— 292 — 

einer einheitlichen Wurzel ausgeht. So vor allem bei der Familie. In ihr 
mögen freilich gelegentliche Konkurrenzen vorkommen: die Kinder 
können um die Liebe oder um die Erbschaft der Eltern, oder auch 
die Eltern unter sich um die Liebe der Kinder konkurrieren. Dies 
ist aber durch personale Zufälligkeiten bestimmt — nicht anders als 
wenn etwa zwei Brüder kaufmännische Konkurrenten sind — und ohne 
Beziehung zu dem Prinzip der Familie. Dieses Prinzip ist vielmehr 
das eines organischen Lebens; der Organismus aber ist Selbstzweck, 
er weist als solcher nicht über sich hinaus auf ein ihm äufseres Ziel, 
um dessen Gewinn seine Elemente zu konkurrieren hätten. Die rein 
personale, aus der Antipathie der Naturen entspringende Feindselig- 
keit ist freilich dem Friedensprinzip, ohne das die Familie auf die 
Dauer nicht bestehen kann, entgegengesetzt genug, allein gerade die 
Enge des Miteinanderlebens, die soziale und ökonomische Zusammen- 
gefafstheit, die einigermafsen gewalttätige Präsumtion der Einheit — 
alles dies bewirkt gerade besonders leicht Reibungen, Gespanntheiten,, 
Oppositionen; ja, der Familienkonflikt ist eine Streitform sui generis. 
Seine Ursache, seine Zuspitzung, seine Ausbreitung auf die Unbeteiligten, 
die Form des Kampfes wie die der Versöhnung ist durch seinen Ver- 
lauf auf der Basis einer organischen, durch tausend innere und äufsere 
Bindungen erwachsenen Einheit völlig eigenartig, mit keinem sonstigen 
Konflikt vergleichbar. Aber die Konkurrenz fehlt in diesem Komplex 
von Symptomen, weil der Familienkonflikt sich unmittelbar von Person 
zu Person spinnt und die Indirektheit der Richtung auf ein objektives 
Ziel, die der Konkurrenz eigen ist, wohl zufällig hinzutritt, aber nicht 
aus seinen spezifischen Energien entspringt. Den andern soziologischen 
Typus des Konkurrenzausschlusses exemplifiziert die religiöse Gemeinde. 
Hier richten sich allerdings parallele Bestrebimgen Aller auf ein für 
Alle gleiches Ziel, allein zu einer Konkurrenz kommt es nicht, weil 
die Erreichung dieses Zieles durch den einen nicht den andern von 
ihm ausschliefst. Zum mindesten nach der christlichen Vorstellung ist 
in Gottes Hause Platz für Alle. Wenn die Gnadenwahl diesen Platz 
dennoch einigen vorenthält und ihn anderen gewährt, so ist damit 
gerade die Nutzlosigkeit jeder Konkurrenz ausgesprochen. Dies ist 
vielmehr eine eigentümliche Form und Schicksal parallel laufender 
Bewerbungen, das man als passive Konkurrenz bezeichnen könnte ; die 
Lotterie und das Hazardspiel sind reine Erscheinungen eben derselben.. 
Es ist zwar ein Wettbewerb um einen Preis, aber es fehlt das Wesent- 



— 293 — 

liehe der Konkurrenz : die Differenz der individuellen Energien als Grund 
von Gewinn und Verlust. Der Erfolg ist zwar an irgend eine Vorleistung, 
aber seine Verschiedenheit nicht an die Verschiedenheit dieser geknüpft. 
Dies ergibt unter den Individuen des durch eine derartige Chance ver- 
gemeinsamten Kreises eine durchaus eigenartige Beziehung, der eigent- 
lichen Konkurrenz gegenüber eine ganz neue Mischung von Gleichheit 
und Ungleichheit der Bedingungen. Wo eine Anzahl von Menschen den 
genau gleichen Einsatz leisten und unter den genau gleichen Chancen 
des Erfolges stehen, aber wissen, dafs eine von ihnen nicht beein- 
flufsbare Macht diesen Erfolg ganz versagt oder ganz gewährt, da 
wird einerseits eine Gleichgültigkeit unter ihnen herrschen, ganz 
anders als bei der Konkurrenz, bei der der Erfolg von dem Vergleiche 
der Leistungen abhängt ; andrerseits wirkt das Bewufstsein, auf Grund 
der Leistungsqualität den Preis zu verdienen oder einzubüfsen, be- 
ruhigend, objektivierend auf das Gefühl für den andern, während hier, 
wo dies fehlt, Neid und Erbitterung ihren eigentlichen Platz haben. 
Den Auserwählten in einer Gnadenwahl, den Gewinner im Trente-et- 
Quarante wird der Unterlegene nicht hassen, sondern beneiden ; wegen 
der gegenseitigen Unabhängigkeit der Leistung haben beide eine 
gröfsere Distanz und apriorische Gleichgültigkeit gegeneinander, als 
die Konkurrenten eines wirtschaftlichen oder Sportkampfes; und bei 
einem solchen wird gerade die Verdientheit des Mifserfolges leicht 
den charakteristischen Hafs erzeugen, der in der Projizierung des 
eigenen Unzulänglichkeitsgefühles auf denjenigen besteht, der uns zu 
ihm verhilft. Das — übrigens immer sehr lockere — Verhältnis 
jener Kreise also, insoweit eine Gnadenwahl göttlicher oder schicksals- 
mäfsiger oder menschlicher Instanzen ihre Gemeinsamkeit ausmacht, 
ist eine spezifische Verschlingung von Gleichgültigkeit und latentem 
Neide, der nach der Entscheidung, zugleich mit den entsprechenden 
Gefühlen der Sieger, aktuell wird. So sehr dies also von den wechsel- 
wirkenden Gefühlen der Konkurrenz abweicht, so ist doch wahrschein- 
lich auch in jeder echten Konkurrenz ein geringerer oder stärkerer 
Beisatz dieses Verhältnisses durch gemeinsame Chancen, irgend ein 
Appell an ein Etwas in der Macht über den Parteien, das sich von 
sich aus und nicht von den Leistungen dieser aus entscheidet. Das 
sehr wechselnde Mafs dieses fatalistischen Beisatzes ergibt eine ganz 
besondere Graduierung der Konkurrenzverhältnisse bis zu dem Typus 
der Gnadenwahl, in dem er alleinherrschend geworden und das aktive 



— 294 - 

und Differenzierungsmoment, das die Konkurrenz als solche bezeichnet^ 
völlig ausgeschieden ist. 

Als eine zweite scheinbare Konkurrenz in der religiösen Gruppe 
tritt die eifersüchtige Leidenschaft hervor, es Andern in der Gewinnung 
der höchsten Güter zuvorzutun, die die Leistungen vielfach steigern 
mag, die Gebotserfüllungen und verdienstlichen Werke, die Devotionen 
und die Askese, die Gebete und Spenden. Allein hierbei fehlt das 
weitere Charakteristikum der Konkurrenz: dafs der Gewinn, weil er 
dem einen zufällt, dem andern versagt bleiben mufs. Hier liegt ein 
soziologisch beachtenswerter Unterschied vor, den man als den zwischen 
Wettbewerb und Wetteifer bezeichnen mag. Bei jedem Wettbewerb, 
selbst um die idealen Güter der Ehre und Liebe, wird die Bedeutung 
der Leistung durch das Verhältnis bestimmt, das sie zu der Leistung 
des Nebenmannes hat; die Leistung des Siegers würde, genau die- 
selbe bleibend, doch einen völlig andern sachlichen Ertrag für ihn er- 
geben, wenn die des Konkurrenten gröfser statt kleiner als sie wäre. 
Diese Abhängigkeit des absoluten Erfolges von dem relativen (anders 
ausgedrückt: des sachlichen von dem personalen) motiviert die ganze 
Konkurrenzbewegung, fehlt aber gänzlich innerhalb jenes religiösen 
Wetteifers. Denn hier trägt das Tun des Einzelnen seine Frucht 
ganz unmittelbar, der absoluten Gerechtigkeit der höchsten Instanz 
würde es unwürdig sein, den Lohn des individuellen Tuns irgendwie 
davon abhängen zu lassen, ob das Verdienst irgend welcher andern 
Individuen ein höheres oder ein niederes ist; es wird vielmehr jedem 
nur nach seinen Werken, wie sie sich an den transszendenten Normen 
messen, vergolten, während der Wettbewerb jedem eigentlich nach den 
Werken des Nebenmanns — nach der Relation zwischen jenen und 
diesen — vergilt. Insofern das Ziel, dem die Mitglieder eines Kreises 
als solche zustreben, die religiöse, d. h. unbeschränkte und von ihrer 
Relation untereinander unabhängige, Möglichkeit des Gewährtwerdens 
besitzt, wird der Kreis keine Konkurrenz ausbilden. Dies ist demnach 
auch der Fall bei allen Vereinigungen, die schlechthin auf Rezeptivität 
gestellt sind und individuell unterschiedenen Aktivitäten überhaupt 
keinen Raum geben : wissenschaftliche oder literarische Vereine , die 
nur Vorträge veranstalten, Reisegesellschaften, Vereinigungen zu blofs 
epikureischen Zwecken. 

Entsprangen in all diesen Fällen also aus den besonderen Zweck- 
inhalten der Gruppe soziologische Formungen, die die Konkurrenz 



— 295 — 

ausschlössen, so können nun weiterhin Gründe, die jenseits der inhalt- 
lichen Interessen und ihres Charakters stehen, dem Gruppenleben den 
Verzicht, sei es auf die Konkurrenz überhaupt, sei es auf bestimmte 
ihrer Mittel, auferlegen. Das erstere findet in dem Mafse statt, in 
dem das sozialistische Prinzip der einheitlichen Organisation aller 
Arbeit und das mehr oder weniger kommunistische der Gleichheit der 
Arbeitserträge zur Herrschaft gelangen. Die Konkurrenz ruht, formal 
betrachtet, auf dem Prinzip des Individualismus-, allein sobald sie 
innerhalb einer Gruppe stattfindet, ist ihr Verhältnis zu dem Sozial- 
prinzip : der Unterordnung alles Individuellen imter das einheitliche 
Interesse der Gesamtheit — nicht ohne weiteres klar. Der einzelne 
Konkurrent ist sich freilich Selbstzweck, er setzt seine Kräfte für 
den Sieg seiner Interessen ein. Allein da der Kampf der Kon- 
kurrenz vermittels objektiver Leistungen geführt wird und ein für 
Dritte irgendwie wertvolles Resultat zu ergeben pflegt , so kann das 
rein soziale Interesse — dieses Resultat als Endziel konstituierend, das 
für die Konkurrenten selbst nur Nebenprodukt ist, — die Konkurrenz 
nicht nur zulassen, sondern direkt hervorrufen. Sie ist also keines- 
wegs, wie man leicht meint, solidarisch mit dem individualistischen 
Prinzip verbunden, für das der Einzelne, sein Glück, seine Leistung, 
seine Vollkommenheit, den absoluten Sinn und Zweck alles geschicht- 
lichen Lebens bildet. In Bezug auf die Frage nach dem Endzweck 
hat sie vielmehr die Indifferenz jeder blofsen Technik. Sie findet 
also ihren Gegensatz und ihre Negierung nicht an dem Prinzip des 
allein herrschenden Sozialinteresses, sondern nur an einer andern 
Technik, die dieses sich bildet, und die man als Sozialismus im 
engeren Sinn bezeichnet. Im allgemeinen nämlich ist die Wertung 
des Ganzen gegenüber den Einzelschicksalen, die Tendenz der Ein- 
richtungen oder wenigstens der Gedanken auf das Allen Gemeinsame 
und. Alle Einschliefsende , dem jedes Individuelle zu dienen hätte — 
diese ist mit der Richtung auf Organisierung aller Einzelarbeiten 
verbunden; d. h. man sucht diese Arbeiten von einem einheitlichen, 
vernunftmälsigen Plane aus zu leiten, der jede Reibung zwischen den 
Elementen, jeden Kraftverbrauch durch Wettkampf, jeden Zufall 
blofs persönlicher Initiative ausschliefst; der (Erfolg für das Ganze 
wird also nicht durch das antagonistische Sich-Messen spontan ein- 
gesetzter Kräfte erreicht, sondern durch die Direktive von einem 
Zentrum aus, die von vornherein alle zu einem Ineinandergreifen und 



— 296 - 

Sich-Ergänzen organisiert, wie es am vollkommensten an der Beamten- 
schaft eines Staates oder dem Personal einer Fabrik erreicht ist. Diese 
sozialistische Form der Produktion ist nichts als eine Technik, um die 
materialen Zwecke des Glücks und der Kultur, der Gerechtigkeit und 
der Vervollkommnung zu erreichen — und mufs deshalb der freien 
Konkurrenz überall da weichen, wo diese als das praktisch geeignetere 
Mittel erscheint. Es handelt sich dabei keineswegs nur um politische 
Parteizugehörigkeit ; sondern die Frage, ob die Befriedigung eines Be- 
dürfnisses, die Schaffung eines Wertes, der Konkurrenz individueller 
Kräfte oder ihrer rationellen Organisierung, ihrem Gegeneinander oder 
ihrem Miteinander, überlassen werden soll — diese Frage will in 
tausend partiellen oder rudimentären Formen beantwortet werden, bei 
Verstaatlichungen und Kartellierungen, bei Preiskonkurrenzen und 
Kinderspielen •, sie meldet sich bei dem Problem, ob Wissenschaft und 
Religion den tieferen Lebenswert erzeugen, wenn sie in ein har- 
monisches System geordnet sind, oder gerade wenn jede von beiden 
die Lösungen, die die andre gewährt, zu überbieten sucht und diese 
Konkurrenz beide zu höchster Steigerung zwingt; sie wird für die 
Entscheidungen der Schauspielregie wichtig: ob es für den Gesamt- 
effekt richtiger ist, jeden Schauspieler seine volle Individualität ent- 
falten und durch den Wettstreit der selbständigen Beeiferungen das 
Ganze steigern und beleben zu lassen, oder ob von vornherein das 
künstlerische Gesamtbild die Individualitäten zu gefügigem Sichanpassen 
herabsetzen solle; sie spiegelt sich innerhalb des Individuums, wenn 
wir einmal den Konflikt ethischer und ästhetischer Impulse, intellek- 
tueller und instinktiver Beschlüsse als die Bedingung derjenigen Ent- 
scheidungen fühlen, die unser eigentliches Sein am wahrsten und 
lebendigsten ausdrücken, und ein andres Mal diesen entgegengesetzten 
Einzelkräften nur so weit das Wort verstatten, wie sie sich in ein ein- 
heitliches, von einer Tendenz geführtes Lebenssystem einordnen. 
Man wird den Sozialismus in seinem gewöhnlichen Sinne als ökonomisch- 
politische Tendenz nicht völlig verstehen, wenn man ihn nicht als die 
vervollständigte und rein herausgelöste Gestaltung einer Lebenstechnik 
erkennt, die und deren Gegensatz sich in Ansätzen und unkenntlicheren 
Verwirklichungen über das ganze Problemgebiet des Schaltens mit 
einer Vielfältigkeit erstreckt. Obgleich nun mit der Einsicht in den blofs 
technischen Charakter dieser Ordnungen die sozialistische Organisation 
ihren Anspruch als sich selbst rechtfertigendes Ziel und letzte Wert- 



— 297 — 

Instanz aufgeben mufs und mit der individualistischen Konkurrenz, so- 
weit auch sie ein Mittel für überindividuelle Zwecke ist, in rechnerische 
Abwägung treten müfste, so ist doch nicht zu leugnen, dafs solche 
Abrechnung sich unsern intellektuellen Mitteln häufig versagt und die 
Entscheidung von den Grundinstinkten der einzelnen Naturen abhängt. 
Aus diesen entspringt freilich, rein abstrakt betrachtet, nur das Setzen 
der Endziele, während die Mittel durch objektiv theoretische Einsicht 
bestimmt werden ; in der Praxis aber ist die Einsicht nicht nur so unvoll- 
kommen, dafs die subjektiven Impulse an ihrer Stelle die Wahl voll- 
ziehen müssen, sondern auch oft so unkräftig, dafs sie der Überredungs- 
kraft dieser nicht widersteht. So wird sehr oft jenseits aller ver- 
standesmäfsigen Rechtfertigung die unmittelbare Anziehungskraft der 
einheitlich organisierten, innerlich ausgeglichenen, alle Reibung aus- 
schlielsenden Gruppenform, wie sie sich jetzt zum Sozialismus subli- 
miert hat, den Sieg über die Rhapsodik, die Kraftverschwendung, die 
Vielspältigkeit und Zufälligkeit der Konkurrenzform der Produk- 
tion davontragen ; insoweit die Individuen sich dieser Stimmung nähern, 
werden sie die Konkurrenz auch auf den Gebieten ausschliefsen, deren 
Inhalt sich ihr nicht widersetzen würde. 

Ähnlich verhält es sich, wo nicht die organische Einheit des 
Ganzen, sondern die mechanische Gleichheit der Teile in Frage steht. 
Den reinsten Fall des Typus bildet die Zunftverfassung, soweit sie 
auf dem Prinzip ruht, dafs jeder Meister «die gleiche Nahrung« haben 
sollte. Das Wesen der Konkurrenz ist es, dafs die Gleichheit jedes 
Elementes mit dem andern fortwährend nach oben oder nach unten 
verschoben wird. Von zwei konkurrierenden Produzenten zieht eben 
jeder der Halbierung des Gewinnes, die ihm bei genauer Gleichheit 
des Angebotes sicher ist, die unsichere Chance der Differenzierung 
vor: indem er andres oder anders anbietet, kann ihm allerdings viel- 
leicht viel weniger als die Hälfte der Konsumenten zufallen, vielleicht 
aber auch viel mehr. Das Prinzip der Chance, das durch die Kon- 
kurrenz realisiert wird, widerspricht derart dem Prinzip der Gleich- 
heit, dafs die Zunft die Konkurrenz durch alle Mittel niederhielt : durch 
die Verbote, mehr als eine Verkaufsstelle und mehr als eine sehr be- 
schränkte Zahl von Gehülfen zu halten, andres als das eigene Fabrikat 
zu verkaufen, andre Quantitäten, Qualitäten und Preise zu bieten, als 
die Zunft festgesetzt hatte. Wie wenig die Bedingungen der Sache 
diese Einschränkungen forderten, haben deren sehr bald dennoch ein- 



— 298 — 

tretende Sprengungen gezeigt; es war eben das einerseits abstrakte, 
andrerseits personale Prinzip der Gleichheit des Gewinnes, was der 
Produktion die Konkurrenzform verbot. Es bedarf hierfür keiner 
weiteren Beispiele. Die Alternative, die unzählige Provinzen und Einzel- 
fälle des menschlichen Verhaltens bestimmt: ob man um einen Wert 
kämpfen oder ihn gütlich teilen will — tritt hier an der besonderen 
Kampfform der Konkurrenz hervor; da hier die Parteien nicht un- 
mittelbar miteinander ringen, sondern um den Erfolg ihrer Leistungen 
bei einer dritten Instanz, so besteht das Teilen des Wertes in der 
freiwilligen Gleichheit dieser Leistungen. Der Entschlufs auch zu 
dieser hängt keineswegs nur von dem Wahrscheinlichkeitskalkül ab, 
der bald die zwischen dem Alles und dem Nichts pendelnde Chance 
der Konkurrenz, bald die sichere, aber beschränktere der Leistungs- 
gleichheit als die gröfsere zeigen wird; vielmehr wird die Stimmung 
der sozialen Epochen oder das Temperament der Individuen, oft genug 
ganz jenseits aller Rechnung des Verstandes, sich für das eine oder 
für das andre entscheiden, und schon aus diesem gefühlsmäfsigen und 
also generellen Charakter der Entscheidung heraus den Verzicht auf 
die Konkurrenz auch dorthin erstrecken können, wo die Sache «elbst 
ihn keineswegs bedingt. 

Andre Modifikationen sozialer Wechselwirkung zeigen sich, sobald 
der Verzicht nicht die Konkurrenz als solche, sondern, unter Weiter- 
bestand ihrer, nur gewisse ihrer Mittel betrifft. Es handelt sich hier 
um Stadien der Entwickelung, in der die absolute Konkurrenz des 
animalischen Kampfes ums Dasein in die relative übergeht; d. h. in 
der allmählich alle diejenigen Reibungen und Kraftparalysierungen 
ausgeschaltet werden, deren es für die Zwecke der Konkurrenz nicht 
bedarf. Nicht nur der Ertrag, sondern auch die Intensität der Kon- 
kurrenz bleibt dabei unberührt; die letztere soll nur wirklich auf den 
Ertrag hin geformt und ihrer Verirrung in Kanäle vorgebaut werden, 
in denen sie die Kräfte beider Parteien und damit sowohl den subjek- 
tiven wie den objektiven Nutzeffekt herabsetzt. Dies ergibt zwei Formen, 
die man als die interindividuelle und die überindividuelle Beschränkung 
der Konkurrenzmittel bezeichnen kann. Die eine findet statt, wo eine 
Anzahl von Konkurrenten freiwillig dahin übereinkommen, auf be- 
stimmte Praktiken, mit denen der eine den andern übertrumpfen könnte, 
zu verzichten: der Verzicht des einen ist hier nur so lange gültig, 
wie der andre sich an den gleichen bindet; so die Ausmachung der 



— 299 — 

Sortimentsbuchhändler eines Ortes, auf die Ladenpreise nicht mehr 
als 10 oder 5 Prozent oder gar keinen Rabatt zu gewähren; oder 
eine Vereinbarung der Ladenbesitzer, die Geschäfte um 9 oder um 
8 Uhr zu schlief sen, u. ä. Hier entscheidet ersichtlich nur egoistische 
Utilität; der eine verzichtet auf die angedeuteten Mittel des Kunden- 
gewinnes, weil er weifs, dafs der andre sie ihm sogleich nachmachen 
würde, und das Plus an Gewinn, das sie so zu teilen hätten, dem Plus 
an Spesen, das sie gleichfalls zu teilen hätten, nicht gleichkäme. 
Worauf hier verzichtet wird, ist also nicht eigentlich die Konkurrenz, — 
die immer irgend welche Ungleichheit fordert — sondern gerade 
solche Pimkte, in denen keine Konkurrenz möglich ist, weil in ihnen 
sofort Gleichheit aller Konkurrenten entsteht. Dieser Formtypus, ob- 
gleich bisher nicht allzu häufig ganz rein realisiert, ist dennoch von 
gröfster Bedeutung, weil er eine Vereinigung der Konkurrenten auf 
dem Gebiet der Konkurrenz selbst, aber ohne diese irgendwie zu ver- 
ringern, als möglich zeigt; durch die Aufzeigung eines Koinzidenz- 
punktes der Interessen wird deren Antagonismus um so intensiver 
auf die Punkte geführt, an denen er sich rein ausleben kann, und 
diese interindividuelle Beschränkung der Mittel kann ins Unbestimm- 
bare weitergehen, um die Konkurrenz von allem zu entlasten, was 
nicht wirklich Konkurrenz ist, weil es sich gegenseitig ohne Effekt 
aufrechnet. Da nun die Mittel der Konkurrenz gröfstenteils in Vor- 
teilen, die einem Dritten geboten werden, bestehen, so wird in eben 
dem Mafse dieser Dritte die Kosten der Verständigung über den Ver- 
zicht auf jene zu tragen haben, innerhalb der Wirtschaft also der 
Konsument; ja, es ist damit direkt der Weg zur Kartellierung ein- 
geschlagen. Hat man erst einmal eingesehen, dafs man sich von den 
Praktiken der Konkurrenz so und so viele ohne Schaden sparen kann, 
wenn nur der Konkurrent das Gleiche tut, so kann dies neben der 
schon hervorgehobenen Folge einer immer zugespitzteren und reineren 
Konkurrenz gerade die entgegengesetzte haben: dafs man die Ver- 
einbarung bis zur Aufhebung der Konkurrenz überhaupt treibt, bis 
zu einer Organisierung der Betriebe, die nun nicht mehr um den Markt 
kämpfen, sondern ihn nach einem gemeinsamen Plan versorgen. Dieser 
Konkurrenzverzicht hat einen ganz andren soziologischen Sinn als der 
an der Zunft hervorgehobene: da diese die Individuen in Selbständig- 
keit beliefs, forderte ihre Gleichheit die Herabsetzung auch des 
Leistungsfähigsten auf dasjenige Niveau, auf dem auch der Schwächste 



_ 300 — 

mit ihm konkurrieren konnte ; dies wird die unvermeidliche Form sein, 
in der selbständige Elemente eine mechanische Gleichheit erreichen 
können. Bei der Kartellierung aber ist von vornherein garnicht die 
Lage der Subjekte, sondern die objektive Zweckmälsigkeit des Betriebes 
der Ausgangspunkt. In ihr gipfelt sich nun diejenige Einschränkung 
der Konkurrenzmittel auf, die alle den Zwecken der Konkurrenz nicht 
dienenden entfernt und schliefslich den noch bleibenden den Konkurrenz- 
charakter nimmt, weil die vollständige Beherrschung des Marktes und 
die dadurch gewonnene Abhängigkeit des Konsumenten die Konkurrenz 
als solche überflüssig macht. 

Endlich geschieht die Einschränkung der Konkurrenzmittel, die 
den Weiterbestand der Konkurrenz selbst unberührt lälst, durch In- 
stanzen, welche ganz jenseits der Konkurrenten und ihrer Interessen- 
sphäre stehen: durch Recht und Moral. Das Recht versagt der Kon- 
kurrenz im allgemeinen nur diejenigen Mittel, die auch in den sonstigen 
Beziehungen von Menschen untereinander verpönt sind : Gewalttat und 
Sachbeschädigung, Betrug und Verleumdung, Drohung und Fälschung. 
Im übrigen ist die Konkurrenz derjenige Antagonismus, dessen Formen 
und Folgen relativ weniger von rechtlichen Verboten betroffen sind, 
als die andrer Kämpfe. Wenn man die ökonomische, soziale, familiäre, 
ja physische Existenz jemandes durch unmittelbaren Angriff derart 
zerstören würde, wie es durch Konkurrenz geschehen kann — indem 
nur eine Fabrik neben der seinigen errichtet, eine Amtsbewerbung 
neben der seinigen angebracht, eine Preisschrift neben der seinigen 
eingereicht wird — so würde sogleich das Strafgesetz eingreifen. 
Weshalb die durch die Konkurrenz dem Ruin ausgesetzten Güter nicht 
vor ihr geschützt werden, scheint freilich ganz klar. Zunächst, weil 
den Konkurrenten jeder Dolus fehlt. Keiner von ihnen will etwas 
andres als mit seiner Leistung den Preis davontragen, und dafs der 
andre darüber zu Grunde geht, ist ein Nebenerfolg, der dem Sieger 
völlig irrelevant, ja vielleicht bedauerlich ist. Und ferner, weil der 
Konkurrenz das Moment der eigentlichen Vergewaltigung fehlt, Nieder- 
lage wie Sieg vielmehr nur der zutreffende und gerechte Ausdruck 
für die beiderseitigen Kraftmafse ist: der Sieger hat sich den genau 
gleichen Chancen ausgesetzt wie der Besiegte, und dieser hat seinen 
Ruin ausschlielslich seiner eigenen Unzulänglichkeit zuzuschreiben. 
Allein, was das erstere [betrifft, so fehlt der gegen die Person des 
Geschädigten gerichtete Dolus ebenso bei einer grofsen Zahl der 



— 301 — 

strafrechtlichen Delikte, eigentlich bei allen, die nicht aus Rache, 
Bosheit oder Grausamkeit hervorgegangen sind: der Bankrotteur, der 
Vermögensstücke beiseite schafft, will auch nur für sich ein gewisses 
Gut retten, und dafs dadurch die Ansprüche seiner Gläubiger ge- 
schädigt werden, mag eine ihm selbst bedauerliche conditio sine qua 
non sein; wer bei Nacht mit Gejohle durch die Strafsen zieht, wird 
wegen Störung der öffentlichen Ruhe bestraft, auch wenn er nur 
seiner übermütigen Stimmung Ausdruck geben wollte und der Ge- 
danke, dafs er andern damit die Nachtruhe raubt, ihm garnicht ge- 
kommen ist. Zum mindesten also würde demjenigen, der durch seine 
eigene Bewerbung einen andern Menschen ruiniert, insoweit die fahrlässige 
Veranlassung hiervon zur Last fallen. Und die Exkulpierung durch 
die Gleichartigkeit der Bedingungen, die Freiwilligkeit der ganzen 
Aktion und die Gerechtigkeit, mit der der Erfolg der Konkurrenz den 
eingesetzten Kräften folgt — diese wäre gegen die Bestrafung fast 
aller Arten von Zweikämpfen ebenso gut anzuführen. Wenn in einer 
von beiden Seiten freiwillig und unter gleichen Bedingungen be- 
gonnenen Rauferei der eine Teil schwer verletzt wird, so ist die Be- 
strafung des andern insoweit durchaus nicht logisch konsequenter, als 
die eines Kaufmannes wäre, der mit loyalen Mitteln seinen Kon- 
kurrenten zu Grunde gerichtet hat. Dafs diese nicht erfolgt, hat teils 
rechtstechnische Gründe, hauptsächlich aber wohl den sozial-utilitari- 
schen: dafs die Gesellschaft nicht auf die Vorteile verzichten mag 
die die Konkurrenz der Individuen ihr bringt, und die weit den Ab- 
zug überwiegen, den sie durch die gelegentliche Vernichtung von 
Individuen im Konkurrenzkampfe erleidet. Dies ist der selbstverständ- 
liche Vorbehalt bei dem Rechtsgrundsatz des code civil, auf dem sich 
die ganze juristische Behandlung der concurrence deloyale aufbaut: 
tout fait quelconque de l'homme qui cause ä autrui un dommage oblige 
celui par la faute duquel il est arrive ä le reparer. Die Gesellschaft 
würde nicht zugeben, dafs ein Einzelner einen andern Einzelnen un- 
mittelbar und nur zu seinem eigenen Vorteil in der eben charakteri- 
sierten Weise beschädigte; aber sie duldet es, weil diese Schädigung 
auf dem Umwege über eine objektive Leistung geschieht, die für eine 
unbestimmbare Zahl von Individuen wertvoll ist — gerade wie unser 
Staat auch das Offiziersduell nicht zugeben würde, wenn hier wirklich 
nur das persönliche Interesse eines Einzelnen die Vernichtung eines 
andern forderte, und nicht die innere Kohärenz des Offizierkorps aus 



— 302 — 

diesem Ehrbegriff eine Kraft zöge, deren Vorteil für den Staat das 
Opfer des Einzelnen aufwiegt. 

Die Gesetzgebung Frankreichs und Deutschlands ist nun aller- 
dings seit einiger Zeit dazu übergegangen, die Konkurrenzmittel im 
Interesse der Konkurrenten selbst einzuschränken. Die Grundabsicht 
ist dabei, den einzelnen Handeltreibenden vor solchen Vorsprüngen 
seines Konkurrenten zu schützen, welche derselbe durch moralisch 
unzulässige Mittel gewinnen könnte. Es werden also z. B. alle Reklamen 
untersagt, die durch unwahre Angaben den Käufer zu dem irrigen 
Glauben verführen sollen, dafs dieser Kaufmann ihm vorteilhaftere 
Bedingungen als irgend ein andrer böte — und zwar selbst dann, 
wenn eine tatsächliche Überteuerung des Publikums dabei nicht statt- 
findet. Es wird ferner verboten, dem Käufer durch die Aufmachung 
der Ware die Illusion einer Quantität zu erregen, die sonst für den 
gleichen Preis nicht erhältlich ist — auch wenn die tatsächlich ver- 
kaufte Quantität durchaus die übliche und dem Preise angemessene 
ist. Ein dritter Typus : eine bekannte Firma mit grofsem Kundenkreis 
kann es nun verhindern, dafs irgend jemand gleichen Namens ein 
gleichartiges Fabrikat wie das ihre unter seinem Namen auf den 
Markt bringt, wenn bei den Kunden dadurch der Glaube, es seien die 
Fabrikate jener Firma, erweckt werden kann — gleichviel ob die ge- 
botene Ware schlechter oder besser als die ursprünglich so benannte ist. 

Was uns an diesen Bestimmungen hier interessiert, ist der schein- 
bar ganz neue Gesichtspunkt, den Konkurrenten, der unsaubere Mittel 
der Kundengewinnung verschmäht, gegen denjenigen, der sie benutzen 
möchte, zu schützen; während sonst alle Einschränkungen geschäft- 
licher Praktiken die Übervorteilung des Publikums verhindern 
sollen, ist diese kein Motiv der fraglichen Gesetze, und ihr Ausbleiben 
verhindert deren Anwendung in keiner Weise. Sieht man indessen 
genau zu, so sind diese Verbote nichts anderes als Explikationen des 
längst bestehenden Betrugsparagraphen; die Art dieser Explikation 
ist nicht nur von juristischem, sondern auch von formal-soziologischem 
Interesse. Das deutsche Strafgesetz bestraft es als Betrug, wenn 
jemand, um sich einen Vermögensvorteil zu verschaffen, »das Ver- 
mögen eines andern dadurch beschädigt, dafs er durch Vorspiegelung 
falscher Tatsachen einen Irrtum erregt.« Dies wird nun unbefangen 
so verstanden, als ob der Irrtum in derselben Person erregt 
werden müfste, deren Vermögen beschädigt werden soll. Der Wortlaut 



— 303 — 

des Gesetzes enthält aber von dieser Identität nichts; und indem er 
es deshalb auch als Betrug zu verfolgen gestattet, wenn man das Ver- 
mögen eines A dadurch beschädigt, dafs man einen Irrtum in einem 
B erregt — schliefst er jene Fälle des unlauteren Wettbewerbes voll- 
kommen ein. Denn diese besagen, dafs in dem Publikum ein Irrtum 
erregt wird — ohne dafs es einen Vermögensnachteil erleidet — und 
dadurch der ehrliche Konkurrent in seinem Vermögen beschädigt 
wird — ohne dafs i h m falsche Tatsachen vorgespiegelt würden. Wer 
dem Käufer vorlügt, dafs er Todesfalls wegen ausverkaufe, schädigt 
diesen vielleicht damit garnicht, wenn er dabei etwa die gleichen 
soliden Preise berechnet wie sein Konkurrent ; aber er schädigt diesen, 
indem er ihm so vielleicht Kunden entzieht, die ihm ohne jene lügen- 
hafte Verlockung treu geblieben wären. Das Gesetz ist also durchaus 
keine Einschränkung der Konkurrenzmittel als solcher, kein spezi- 
fischer Schutz der Konkurrenten gegeneinander. Das Verhalten der 
Gesellschaft der Konkurrenz gegenüber wird nicht dadurch bezeichnet, 
dafs sie jetzt diese Einschränkung ihrer Mittel verfügt, sondern um- 
gekehrt dadurch, dafs sie sie so lange unterliefs, obgleich sie nichts 
ist als eine logisch von je erforderte Anwendung des geltenden Straf- 
gesetzes. — Dazu kommt noch folgendes. Wenn die Motive zu diesen 
Gesetzen allenthalben betonen, dafs sie dem redlichen Wettbewerb 
keinerlei Beschränkungen auferlegen, sondern nur den gegen Treu 
imd Glauben verstofsenden hindern sollen, so kann man dies für unsere 
jetzigen Zusammenhänge schärfer so ausdrücken, dafs sie aus der 
Konkurrenz dasjenige, was eben nicht Konkurrenz im sozialen Sinne 
ist, eliminieren. Denn diese letztere ist doch ein durch objektive 
Leistungen, die dritten Personen zugute kommen, ausgefochtener 
Kampf. Jene objektiven sozialen Entscheidungsgründe aber werden 
durchkreuzt und verschoben, sobald Mittel der Reklame, Anlockung, 
Erschleichung angewendet werden, die keinerlei sachlichen Ertrag 
haben, sondern eine Art unmittelbareren, rein egoistisch und 
nicht über den gesellschaftlich nützlichen Umweg geführten Kampfes 
darstellen. Was die Rechtsprechung als »ehrlichen« Wettbewerb be- 
zeichnet, ist, genau angesehen, immer ein solcher, der jenem reinen 
Begriffe der Konkurrenz entspricht. Ausdrücklich schliefst ein Kom- 
mentar des deutschen Gesetzes folgenden Fall von ihm aus: es setze 
jemand neben einen Kleiderhändler ein grofsartiges Konkurrenzgeschäft 
imd verkaufe so lange zu Schleuderpreisen, die er in marktschreie- 



~ 304 — 

rischen Reklamen bekannt macht, bis er den kleinen Geschäftsmann 
vernichtet hat. Hier liegt die brutalste Vergewaltigung vor, und das 
Verhältnis der beiden Konkurrenten ist, individualistisch betrachtet, 
sicher kein andres als zwischen einem starken Räuber und seinem 
schwachen Opfer. Allein vom sozialen Standpunkt aus ist es lautere, 
d. h. ausschliefslich durch das Objekt und den Dritten hindurch- 
geleitete Konkurrenz — denn auch die Reklame, sobald sie nur Wahres 
mitteilt, dient dem Publikum. Was sie aber etwa an irreleitenden 
Angaben enthielte, würde diesem, wenn auch vielleicht nicht schaden, 
so doch nicht nützen, und von diesem Punkt an kann deshalb der 
Schutz des Konkurrenten gegen Vergewaltigung eintreten, ja, er mufs 
es sogar, um die konkurrierenden Kräfte ganz unabgelenkt an der 
reinen, d. h. der sozial-utilitarischen Form der Konkurrenz festzuhalten. 
Also selbst die spezifischen Einschränkungen, die das Recht an den 
Konkurrenzmitteln vornimmt, enthüllen sich gerade als Einschränkimg 
der Einschränkungen, die die Konkurrenz durch blofs subjektiv-indivi- 
dualistische Praktiken erfährt. 

Um so eher sollte man glauben, dafs das Recht hier, wie auch 
sonst häufig, durch die Moral ergänzt würde, die doch nicht an die 
sozialen Nützlichkeiten gebunden ist, sondern das Verhalten des 
Menschen unzählige Male nach Normen reguliert, die diesseits oder 
jenseits der Gesellschaftsinteressen liegen: nach den Impulsen eines 
unmittelbaren Gefühls, das nur nach dem Frieden mit sich selbst fragt 
und diesen oft grade in der Opposition gegen die Forderungen der 
Gesellschaft findet — wie nach metaphysischen und religiösen Ideen, 
die eben diese Forderungen manchmal einschliefsen , manchmal aber 
auch als beschränkt-historische Zufälligkeiten gänzlich ablehnen. Aus 
beiden Quellen f liefsen Imperative des Verhaltens von Mensch zu Mensch, 
die nicht im hergebrachten Sinne sozial — wenn auch soziologisch — 
sind, und vermöge deren nun erst die gesamte menschliche Natur 
sich in der Idealform des SoUens wiederfindet. Dafs asketische, al- 
truistische, fatalistische Moralen die Konkurrenz samt ihren Mitteln 
möglichst reduzieren, bedarf keiner Ausführung. Die typische euro- 
päische Moral indes verhält sich gegen die Konkurrenz duldsamer, als 
gegen viele andre Arten des Antagonismus. Dies hängt mit einer 
besonderen Kombination der Charakterzüge zusammen, die die Kon- 
kurrenz ausmachen. Wir scheuen uns einerseits als moralische Wesen 
um so weniger, unsre Kraft gegen einen Gegner anzuwenden, einer 



— 305 — 

je weiteren Distanz wir uns zwischen unsrer subjektiven Persönlich- 
keit und unsrer in den Kampf eingesetzten, entscheidenden Leistung 
bewufst sind. Wo unmittelbare persönliche Kräfte gegen einander 
ringen, fühlen wir uns eher zu Rücksichten und Reserven veranlafst, 
können uns weniger dem Appell an das Mitleid entziehen; ja, eine 
Art von Schamhaftigkeit hindert uns im unmittelbaren Antagonismus 
manchmal, unsre Energien ganz vorbehaltlos zu entfalten, all unsre 
Karten aufzudecken, in einen Kampf, in dem Persönlichkeit gegen 
Persönlichkeit steht, das Ganze der unsern einzusetzen. Bei Kämpfen, 
die durch objektive Leistungen geführt werden, fallen diese ethisch- 
ästhetischen Retardierungen fort. Darum kann man mit Persönlich- 
keiten konkurrieren, mit denen man eine persönliche Kontroverse 
durchaus vermeiden würde. Durch die »Wendung auf das Objekt 
bekommt die Konkurrenz jene Grausamkeit aller Objektivität, die nicht 
aus einer Lust am fremden Leide, sondern gerade darin besteht, dafs 
die subjektiven Faktoren aus der Rechnung ausscheiden. Diese Gleich- 
gültigkeit gegen das Subjektive, wie sie die Logik, das Recht, die 
Geldwirtschaft charakterisiert, läfst Persönlichkeiten, die absolut nicht 
grausam sind, doch alle Härten der Konkurrenz begehen — und zwar 
mit dem sicheren Gewissen, nichts Böses zu wollen. Während hier 
also das Zurücktreten der Persönlichkeit hinter die Objektivität des 
Verfahrens das sittliche Bewufstsein entlastet, wird eben dieselbe 
Wirkung auch durch den gerade entgegengesetzten Bestandteil der 
Konkurrenz erreicht, durch die genaue Proportionalität, mit der der 
Erfolg der Konkurrenz den eingesetzten eigenen Kräften der Subjekte 
entspricht. Von Ablenkungen abgesehen, die mit dem Wesen der 
Konkurrenz nichts zu tun haben, sondern aus ihrer Verwebung mit 
anderweitigen Schicksalen und Beziehungen stammen, ist das Er- 
gebnis der Konkurrenz der unbestechliche Anzeiger des persönlichen 
Könnens, das sich in der Leistung objektiviert hat. Was uns durch 
die Gunst von Menschen oder Konjunkturen, des Zufalls oder eines 
als vorbestimmt empfundenen Schicksals auf Kosten andrer Menschen 
zugute kommt, das nutzen wir nicht mit so gutem Gewissen aus, wie 
den Ertrag, der nur auf das eigenste Tun zurückgeht. Denn neben der 
verzichtenden Sittlichkeit steht die selbstbehauptende, die beide ihren 
gemeinsamen Gegner nur daran haben, dafs unser Verhältnis zu Andern 
an äufsere Mächte, unabhängig vom Ich, ausgeliefert ist. Wo schliefs- 
lich, wie in der reinen Konkurrenz, dies Ich den Ausschlag gibt^ 

Simmel, Soziologie, 20 



— 306 — 

entschädigt für die Unbarmherzigkeiten des Wettbewerbes ein befrie- 
digtes Gerechtigkeitsgefühl unsern Moralinstinkt — und zwar nicht nur 
den des Siegers, sondern unter Umständen auch des Besiegten'). 



Unter den Parteien des Streites hat das bisher Erörterte mannig- 
fache Vereinheitlichungen aufgewiesen: Mischungen von Antithese 
und Synthese, Aufbau des einen über dem andern, beiderseitige Ein- 
schränkungen wie Steigerungen. Daneben liegt die weitere sozio- 
logische Bedeutung des Streites: die er nicht für das Verhältnis der 
Parteien zueinander , sondern für die innere Struktur jeder Partei be- 
sitzt. Die tägliche Erfahrung zeigt, wie leicht ein Streit zwischen zwei 
Individuen das einzelne nicht nur in seiner Beziehung zum andern, 
sondern auch in sich selbst verändert; und zwar — ganz abgesehen 
von seinen entstellenden oder reinigenden, schwächenden oder 
stärkenden Folgen für den Einzelnen — durch die Vorbedingungen, 
die er stellt, die inneren Änderungen und Anpassungen, die er wegen 
ihrer Zweckmälsigkeit für das Durchfechten des Konfliktes züchtet. 
Unsere Sprache bietet eine aulserordentlich treffende Formel für das 
Wesentliche dieser immanenten Veränderungen : der Kämpfende mufs 

^) Dies ist wohl einer der Punkte, an denen die Beziehung der Kon- 
kurrenz zu den entscheidenden Zügen des modernen Daseins hervortritt. Der 
Mensch und seine Aufgabe im Leben, die Individualität und der Sachgehalt 
ihres Wirkens erscheinen vor dem Beginn der Neuzeit solidarischer, ver- 
schmolzener, sozusagen in unbefangenerer gegenseitiger Hingabe, als nachher. 
Die letzten Jahrhunderte haben einerseits den objektiven Interessen, der 
dinglichen Kultur eine Ausbildung von sonst unerhörter Macht und Selb- 
ständigkeit geschaffen, andrerseits die Subjektivität des Ich, das Sich-selbst- 
Gehören der individuellen Seele gegenüber allen sachlichen und sozialen 
Präjudizierungen ebenso unerhört vertieft. Dies scharf differenzierte Sach- 
und Selbstbewufstsein des modernen Menschen läfst die Kampfform der 
Konkurrenz wie für ihn geschaffen erscheinen. Hier ist die reine Objek- 
tivität des Verfahrens, die ihre Wirkung ausschliefslich der Sache und ihren 
gesetzlichen Wirkungen verdankt, unter völliger Gleichgültigkeit gegen die 
dahinter stehende Persönlichkeit. Und doch ist hier auch die volle Selbst- 
verantwortlichkeit der Person, die Abhängigkeit des Erfolges von der in- 
dividuellen Kraft, und zwar gerade weil hier persönliches Können gegen 
persönliches Können von ganz unpersönlichen Mächten abgewogen wird. 
Die tiefsten Tendenzen des modernen Lebens, die sachliche und die per- 
sonale, haben in der Konkurrenz einen ihrer Treffpunkte gefunden, in 
denen sie unmittelbar praktisch zusammengehören und so ihre Entgegen- 
gesetztheiten als einander ergänzende Glieder einer geistesgeschichtlichen 
Einheit erweisen. 



— 307 — 

»sich zusammennehmen«, d. h. all seine Energien müssen gleichsam 
in einem Punkt konzentriert sein, damit sie in jedem Augenblick in 
der gerade erforderlichen Richtung verwendet werden können. Im 
Frieden mag er »sich gehen lassen« — sich, d. h. die einzelnen 
Kräfte und Interessen seines Wesens, die sich nach verschiedenen 
Seiten hin unabhängig voneinander entfalten mögen. In Zeiten von 
Angriff und Abwehr aber würde dies einen Kraftverlust durch die 
Gegenstrebungen der Wesensteile und einen Zeitverlust durch ihre 
jedesmalige Zusammenbringung und Organisierung mit sich bringen; 
so dafs jetzt der ganze Mensch die Form der Konzentriertheit an- 
nehmen mufs, als seine innere Kampfposition und Siegeschance. Das 
formal gleiche Verhalten wird in der gleichen Situation von der 
Gruppe gefordert. Diese Notwendigkeit der Zentralisierung, des 
straffen Zusammennehmens aller Elemente, das allein ihre Ver- 
wendung für die jeweihgen Erfordernisse ohne Kraft- und Zeit- 
verschwendung gewährleistet — ist im Streitfall so selbstverständlich, 
dafs sie, in unzähligen historischen Beispielen, auch die vollkommenste 
Demokratie der Friedenszeit überwindet-, anhebend etwa von den be- 
kannten Unterschieden der Friedens- und der Kriegsorganisationen 
der nordamerikanischen Indianer bis zu den Londoner Schneider- 
gesellen, die im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts ganz verschiedene 
Organisationen besafsen, für den Frieden und für den Krieg mit den 
Unternehmern. In ruhigen Zeiten bestand sie aus kleinen autonomen 
allgemeinen Versammlungen in 30 Herbergen, In Kriegszeiten hatte 
jede Herberge einen Vertreter, diese bildeten einen Ausschufs und 
wählten ihrerseits einen ganz kleinen Ausschufs, von dem alle Befehle 
ausgingen und dem unbedingt gehorcht wurde. Im ganzen hatten die 
Arbeitervereinigungen damals das Prinzip, dafs über die Interessen 
aller auch alle entscheiden sollten. Hier aber zeitigte der Notstand 
eine Organbildung von straffster Wirksamkeit, die völlig autokratisch 
wirkte und deren Segen die Arbeiter widerspruchslos anerkannten. 
Die bekannte Wechselwirkung zwischen despotischer Verfassung und 
kriegerischen Tendenzen einer Gruppe ruht auf diesem formalen 
Grunde : der Krieg bedarf der zentralistischen Zuspitzung der 
Gruppenform, die der Despotismus am ehesten garantiert; und um- 
gekehrt, wenn dieser einmal besteht und jene Form verwirklicht, so 
streben die auf diese Weise aufgehäuften und aneinandergedrängten 
Energien sehr leicht zu der natürlichen Entladung, zu einem äufseren 

20* 



— 308 — 

Krieg. Ein Beispiel für diesen Zusammenhang aus dem Gegenteil 
mag seiner charakteristischen Schärfe wegen angeführt werden. Einer 
der anarchischsten Volksstämme sind die grönländischen Eskimos. 
Irgend eine Häuptlingsschaft existiert bei ihnen überhaupt nicht; bei 
dem Fischfang richtet man sich zwar gern nach dem erfahrensten 
Manne, aber dieser besitzt keinerlei Autorität, und gegen den, der sich 
von dem gemeinsamen Unternehmen absondert, gibt es keinerlei 
Zwangsmittel. Und nun wird von diesen Leuten berichtet, dafs die 
einzige Art, auf die Zwistigkeiten unter ihnen ausgekämpft werden 

— ein Singkampf ist. Wer sich von einem andern geschädigt glaubt,, 
ersinnt Spottverse auf ihn und trägt diese in einer eigens dazu ge- 
ladenen Volksversammlung vor, worauf der Gegner in der gleichen 
Weise antwortet. Dem absoluten Mangel jedes kriegerischen In- 
stinktes entspricht so der ebenso absolute jeder politischen Zentrali- 
sierung. — Darum ist unter den jeweiligen Organisationen der Ge- 
samtgruppe die des Heeres immer die zentralisierteste, — etwa aufser 
der Feuerwehr, für die formal ganz entsprechende Notwendigkeiten 
vorliegen — diejenige, bei der durch die unbedingte Herrschaft der 
zentralen Instanz jede Eigenbewegung der Elemente ausgeschlossen 
ist und deshalb der von jener ausgehende Impuls sich ohne jeden 
dynamischen Verlust in der Bewegung des Ganzen realisiert. Andrer- 
seits: was einen Staatenbund als solchen charakterisiert, ist seine 
Einheit als kriegführende Macht. In allen andern Punkten mag jeder 
Staat seine Selbständigkeit behalten, in diesem darf er es nicht, wenn 
überhaupt ein Bundesverhältnis bestehen soll; so dafs man als den 
vollendeten Staatenbund geradezu den bezeichnet hat, der in seinem 

— wesentlich doch offen oder latent kriegerischen — Verhältnis zu 
andern Staaten eine absolute Einheit bilde, während seine Glieder in 
ihrem Verhältnis zu einander völlige Unabhängigkeit besäfsen. 

Angesichts des unvergleichlichen Nutzens einer einheitlichen 
Organisation für den Kampf zweck möchte man glauben, jede Partei 
müfste das äufserste Interesse daran haben, dafs die Gegenpartei dieser 
Einheit entbehre ^). Dennoch gibt es einige Fälle des Gegenteils : die 
Form der Zentralisation, in die die Kampfsituation die Partei drängt, 
wächst über die Partei selbst hinaus und veranlafst sie, auch den 
■Gegner am liebsten in dieser Form sich gegenüber zu sehen. In 



') Vgl. die früheren Ausführungen über das divide et impera. 



— 309 — 

•den Kämpfen der letzten Jahrzehnte zwischen Arbeitern und Arbeit- 
gebern hat dies aufs Unverkennbarste Platz gegriffen. Die königliche 
Arbeiterkommission in England urteilte 1894, dafs die feste Organi- 
sierung der Arbeiter für die Unternehmer in einem Gewerbe günstig 
sei, und ebenso die der Unternehmer für die Arbeiter. Denn der 
Erfolg davon wäre freilich, dafs ein ausbrechender Streik grofse Aus- 
dehnung und Dauer gewinnen könne 5 allein, dies sei noch immer für 
beide Gegner vorteilhafter und sparsamer als die vielen lokalen Händel, 
Arbeitseinstellungen und kleinlichen Konflikte, die bei dem Mangel einer 
straffen Organisation der Parteien nicht abrissen. Gerade wie ein 
Krieg zwischen modernen Staaten, so zerstörend und kostspielig er 
sein mag, noch immer eine bessere Gesamtbilanz ergibt, als die un- 
aufhörlichen kleinen Kämpfe und Reibereien in Perioden, in denen 
die Regierungen weniger stark zentralisiert waren. Auch in Deutsch- 
land hatten die Arbeiter erkannt, dafs eine enge und wirkungsvolle 
Organisation der Arbeitgeber gerade für das Ausfechten von Inter- 
essenkonflikten durchaus im Interesse der Arbeiter selbst liegt. Denn 
nur eine derartige Organisation kann Vertreter stellen, mit denen 
man mit voller Sicherheit zu unterhandeln vermag, nur ihr gegenüber 
ist die Arbeiterschaft des betreffenden Gewerbes gewifs, dafs der er- 
rungene Erfolg nicht sogleich durch sich ausschliefsende Unternehmer 
in Frage gestellt wird. Der Nachteil, den eine Partei durch die ein- 
heitliche Organisation des Gegners erleidet, — weil sie eben für diesen 
selbst ein Vorteil ist — wird hier bei weitem dadurch aufgewogen, 
dafs bei solcher Verfassung beider Parteien der Kampf selbst ein 
konzentrierter, übersehbarer, einen dauernden und wirklich allgemeinen 
Frieden sichernder sein kann — während man gegen eine diffuse 
Menge von Feinden zwar häufiger einzelne Siege erringt, aber sehr 
schwer zu entscheidenden, das Verhältnis der Kräfte wirklich fest- 
stellenden Aktionen gelangt. Dieser Fall belehrt deshalb so tief über 
den grundlegenden Zusammenhang von Einheitsform und Streitaktion 
der Gruppe, weil er die Zweckmäfsigkeit dieses Zusammenhanges 
sogar über den unmittelbaren Nachteil für den jeweiligen Gegner 
triumphieren läfst. Er zeigt als die objektive Idealform der Kampf- 
verfassung jene Zentripetalität, die das sachliche Resultat des Kampfes 
auf dem sichersten und kürzesten Wege herausstellt; diese gleichsam 
über die Parteien hinausgreifende Teleologie läfst schlief slich jede 
einzelne Partei ihre Rechnung dabei finden und vermag das scheinbar 



— 310 — 

Widerspruchsvolle, für jede den Vorteil des Gegners zu einem eigenen 
Vorteil zu gestalten. 

Es ist für den soziologischen Sinn der Formung ein wesentlicher 
Unterschied, ob die Gruppe als ganze in ein antagonistisches Ver- 
hältnis zu einer aufserhalb gelegenen Macht eintritt, und dadurch jenes 
straffere Anziehen ihrer Verbindungen und Steigerung ihrer Einheit, 
in Bewufstsein und Aktion, stattfindet; oder ob jedes Element einer 
Mehrheit für sich einen Feind hat, und, weil dieser für alle derselbe 
ist, nun erst ein Zusammenschlufs unter allen entsteht — sei es, dafs 
sie vorher überhaupt nichts miteinander zu tun hatten, sei es, dafs 
wenigstens jetzt neue Formationen unter ihnen zustande kommen. 
Der erstere Fall fordert noch die Hervorhebung: dafs der Streit oder 
Krieg einer Gruppe einerseits zwar über mancherlei Diskrepanzen 
und individuelle Entfernungen in ihr hinwegbringen kann, andrerseits 
aber doch den Verhältnissen innerhalb ihrer oft eine sonst nicht 
erreichte Klarheit und Entschiedenheit einträgt. Dies wird besonders 
in kleineren und noch nicht zu der Objektivation eines modernen 
Staates gelangten Gruppierungen zu beobachten sein. Wenn eine 
politische Partei, die mannigfaltige Interessenrichtungen vereint, sich 
in eine sehr entschiedene und einseitige Kampfposition gedrängt sieht^ 
so ist gerade dies eine Gelegenheit zu Sezessionen ; in solchen Augen- 
blicken bleibt nur übrig, entweder der inneren Gegenstrebungen zu 
vergessen oder sie durch die Ausscheidung gewisser Mitglieder zu 
reinlichem Ausdruck zu bringen. Enthält eine Familie Individualitäten 
von starker, aber latenter Diskrepanz, so wird der Augenblick, wo 
eine Gefahr oder ein Angriff sie zu möglichster Geschlossenheit 
drängt, gerade derjenige sein, der ihre Einheit auf lange sichert oder 
sie dauernd zerstört, an dem sich haarscharf entscheidet, wie weit 
eine Kooperation solcher Persönlichkeiten möglich ist. Wenn eine 
Schulklasse einen Streich gegen den Lehrer oder eine Prügelei mit 
einer andern Klasse vorhat, so pflegt dies zwar einerseits allerhand 
innere Feindschaften zum Schweigen zu bringen, andrerseits aber ver- 
anlafst es doch immer gewisse Schüler, sich von den übrigen zu 
trennen, nicht nur aus sachlichen Motiven, sondern weil sie mit 
diesen und jenen andern, mit denen sie in andern Hinsichten ohne 
weiteres in dem Rahmen der Klasse kooperieren, doch bei so ent- 
schiedenen Attaken nicht an einem Strange ziehen mögen. Kurz: 
der Friedenszustand der Gruppe gestattet antagonistischen Elementen 



— 311 — 

innerhalb ihrer, in einem unentschiedenen Zustand untereinander zu 
leben, weil jeder seine eigenen Wege gehen und Zusammenstölse 
vermeiden kann. Der Streitzustand aber zieht die Elemente so fest 
zusammen und stellt sie unter einen so einheitlichen Impuls, dafs sie 
sich gegenseitig entweder vollkommen vertragen oder vollkommen 
repellieren müssen; weshalb denn auch ein äulserer Krieg für einen 
von inneren Gegnerschaften durchzogenen Staat manchmal das letzte 
Mittel ist, diese zu überwinden, manchmal aber gerade das Ganze 
definitiv auseinanderfallen läfst. 

Darum sind Gruppen, die sich in irgend einer Art von Kriegs- 
zustand befinden, nicht tolerant, sie können individuelle Abweichungen 
von der Einheit des zusammenhaltenden Prinzips nur bis zu einer 
entschieden begrenzten Latitüde ertragen. Die Technik hierfür ist 
bisweilen eine scheinbare Toleranz, ausgeübt, um die definitiv nicht 
Einzuordnenden mit um so gröfserer Entschiedenheit ausscheiden zu 
können. Die katholische Kirche befand sich eigentlich von je in 
einem doppelten Kriegszustand: gegen den ganzen Komplex mannig- 
faltiger Lehrmeinungen, die zusammen das Ketzertum bilden, und 
gegen die Lebensinteressen und -potenzen neben ihr, die ein von ihr 
irgendwie unabhängiges Machtgebiet beanspruchen. Die geschlossene 
Einheitsform, deren sie in dieser Lage bedurfte, gewann sie da- 
durch, dafs sie Dissidierende doch noch so lange wie irgend 
möglich als sich zugehörig behandelte, von dem Augenblicke an aber, 
wo dies nicht möglich war, sie auch mit einer unvergleichlichen 
Energie von sich stiefs. Für derartige Gebilde ist eine gewisse 
Elastizität ihrer Form von äulserster Wichtigkeit^), nicht, um einen 
Übergang und Versöhnung mit den antagonistischen Mächten her- 
zustellen, sondern gerade um sich diesen mit äufserster Schärfe ent- 
gegenzustellen, ohne irgend noch verwendbare Elemente einzubüfsen. 
Die Elastizität ist nicht ein Hinübergreifen über die eigene Grenze; 
diese vielmehr schliefst hier den elastischen Körper nicht weniger 
unzweideutig, als sie einen starren begrenzt. Diese Dehnbarkeit 
charakterisiert z. B. die Mönchsorden, durch welche sich die hier wie 
in allen Religionen auftauchenden mystischen oder fanatischen Impulse 
in einer der Kirche unschädlichen, ihr unbedingt eingeordneten Art 
ausleben konnten — während eben dieselben im Protestantismus, 

^) Über Elastizität sozialer Formen überhaupt vgl. den Schlafs des 
Kapitels über Selbsterhaltung. 



— 312 — 

mit seiner zeitweilig viel gröfseren dogmatischen Intoleranz oft zu Ab- 
sonderungen und Absplitterungen von seiner Einheit führten. Auf 
dasselbe Motiv scheinen soziologische Verhaltungsweisen, die für das 
weibhche Geschlecht spezifisch sind, zurückzugehen. Unter den höchst 
mannigfaltigen Elementen, aus denen die Gesamtverhältnisse zwischen 
Männern und Frauen bestehen, findet sich auch eine typische Feind- 
seligkeit, aus den beiden Quellen entsprungen, dafs die Frauen, als 
die physisch schwächeren, immer in der Gefahr der wirtschaftlichen 
und persönlichen Ausnutzung und Rechtlosigkeit sind ^), und dafs sie, als 
die Gegenstände sinnlicher Begierde der Männer, sich gegen diese 
in Defensive halten müssen. So selten nun dieser, die innere und 
personale Geschichte des Menschengeschlechts durchziehende Kampf 
zu einer unmittelbaren Kooperation der Frauen gegen die Männer 
führt, so gibt es doch eine überpersonale Form, die gegen jene beiden 
Gefahren als Deckungsmittel dient und an der deshalb das weibliche 
Geschlecht sozusagen in corpore interessiert ist: die Sitte — deren 
schon oben charakterisiertes soziologisches Wesen noch einmal in 
seinen jetzigen Folgen heranzuziehen ist. Die starke Persönlichkeit 
weifs sich gegen Angriffe individuell zu decken oder bedarf allenfalls 
nur des Rechtsschutzes; die schwache wäre, trotz dieses letzteren, 
verloren, wenn nicht die an Kraft überlegenen Individuen sich die 
Ausnutzung dieser Überlegenheit irgendwie versagten. Das geschieht 
zum Teil durch die Sittlichkeit ; allein , da diese keine andere Exe- 
kutive hat, als das Gewissen des Individuums, so wirkt sie un- 
sicher genug, und bedarf der Ergänzung durch die Sitte; diese hat 
zwar nicht die Präzision und Sicherung der Rechtsnorm, immerhin 
aber ist sie durch eine instinktive Scheu und durch manche fühlbar 
unangenehmen Folgen ihrer Verletzung garantiert. Die Sitte nun ist 
der eigentliche Schutz des Schwachen, der dem Kampf ungebundener 
Kräfte nicht gewachsen wäre. Ihr Charakter ist deshalb wesentlich der 
des Verbotes, der Einschränkung ; sie bewirkt eine gewisse Gleichheit 
zwischen dem Schwachen und dem Starken, die in ihrer Hemmung 
des blofs natürlichen Verhältnisses beider so weit geht, dafs sie sogar 
den Schwachen bevorzugt — wie z. B. die Ritterlichkeit zeigt. Dafs 

') Ich spreche hier von dem Verhältnis, wie es den weitaus gröfsten 
Teil der bekannten Geschichte über bestanden hat, und lasse dahingestellt, 
ob dasselbe durch die moderne Ausbildung der Rechte und Kräfte der 
Frauen künftig ungültig werden wird oder partiell schon geworden ist. 



— 313 — 

in dem schleichenden Kampf zwischen den Männern und den Frauen 
jene die stärkeren und die angreifenden sind, zwingt diese in den 
Schutz der Sitte, macht sie zu den berufenen — durch das eigene 
Interesse berufenen — Hüterinnen derselben. Dadurch sind sie natür- 
lich auch für sich selbst aufs strengste für die Einhaltung des ganzen 
Vorschriftenkomplexes der Sitte engagiert, auch da, wo es sich un- 
mittelbar garnicht um männliche Übergriffe handelt : alle Normierungen 
der Sitte stehen untereinander in einem solidarischen Zusammenhang, 
die Verletzung jeder einzelnen schwächt das Prinzip und damit jede 
andere. Darum pflegen die Frauen hier unbedingt zusammenzuhalten, 
hier entspricht eine wirkliche Einheit der eigentümlich ideellen, in die 
die Männer sie zusammenfassen, wenn sie von »den Frauen« schlecht- 
hin sprechen, und die durchaus den Charakter eines p a r t e i mäf sigen 
Gegensatzes hat; diese Solidarität, die sie für die Männer haben und 
die schon der Freidank ausspricht: »Der Mann trägt seine Schmach 
allein, — Doch kommt ein Weib zu Falle — So schilt man auf sie 
alle« — diese geschlechtsmäfsige Solidarität hat in ihrem Interesse 
für die Sitte, als ihrem gemeinsamen Kampfmittel, einen realen Träger. 
Und deshalb nun endlich wiederholt sich hier die soziologische Form, 
die jetzt in Frage steht. Die Frauen kennen, einer Frau gegenüber, 
in der Regel nur den vollkommenen Einschluls oder den vollkommenen 
Ausschlufs aus dem Bezirk der Sitte. Es besteht unter ihnen die Tendenz, 
einen Bruch der Sitte durch eine Frau soviel wie möglich nicht zu- 
zugestehen, ihn zum harmlosen auszudeuten, aufser wo Skandalsucht und 
andere individuelle Motive dagegenwirken. Ist dies aber nicht mehr 
möglich, so fällen sie auch ein inappellables und unbedingt hartes Urteil 
auf Ausschlufs aus der »guten Gesellschaft« ; mufs der Bruch der Sitte 
zugegeben werden, so ist die Schuldige auch radikal aus jener Einheit 
eliminiert, die durch das gemeinsame Interesse für die Sitte zu- 
sammengehalten ist. So erlebt man, dafs Frauen das gleiche Ver- 
dammungsurteil über Gretchen wie über die Kameliendame, über 
Stella wie über Messalina fällen, ohne durch Einräumung von Grad- 
unterschieden eine Vermittlung zwischen den innerhalb und den aufserhalb 
der Sitte Stehenden zu ermöglichen. Die Defensivstellung der Frauen 
gestattet nicht, dafs der Wall der Sitte auch nur an einem Punkte 
erniedrigt werde; die Partei der Frauen kennt prinzipiell kein Kom- 
promifs, sondern nur entschiedene Akzeptierung der einzelnen in die 
ideelle Gesamtheit der > anständigen Frauen«, oder ebenso entschiedene 



— 314 — 

Ausweisung — eine Alternative, deren rein sittliche Berechtigung 
keineswegs über allen Zweifel erhaben und nur durch jene Forderung 
undurchbrechlicher Einheit begreiflich ist, die die gegen einen Gegner 
zusammengeschlossene Partei an ihre Elemente stellen mufs. — Aus 
eben diesem Grunde kann für politische Parteien selbst eine Herab- 
setzung ihrer Mitgliederzahl vorteilhaft sein, sobald diese sie von den 
zu Vermittlungen und Kompromissen geneigten Elementen reinigt. 
Damit dies angezeigt sei, müssen gewöhnlich zwei Bedingungen zu- 
sammenkommen: einmal ein akuter Kampf zustand, zweitens, dafs die 
kämpfende Gruppe relativ klein ist^ der Typus ist die Minoritäts- 
partei, und zwar besonders, wenn sie sich nicht auf die Defensive 
beschränkt. Die englische Parlamentsgeschichte hat das mehrfach er- 
wiesen 5 als z. B. 1793 die Whigpartei schon ganz zusammen- 
geschmolzen war, wirkte es wieder als eine Stärkung ihrer, als nun 
wiederum ein Abfall aller noch irgendwie vermittelnden und lauen 
Elemente eintrat. Die wenigen zurückbleibenden, sehr entschlossenen 
Persönlichkeiten konnten nun erst eine ganz einheitliche und radikale 
Politik treiben. Die Majoritätsgruppe braucht auf solcher Entschieden- 
heit des Für oder Wider nicht zu bestehen. Ihr sind schwankende 
und bedingte Anhänger ungefährlicher, weil ein grofser Umfang solche 
Erscheinungen an der Peripherie vertragen kann, ohne dafs das 
Zentrum davon berührt würde 5 wo aber, bei geringer Gruppen- 
ausdehnung, die Peripherie sehr nahe am Zentrum steht, bedroht 
jegliche Unsicherheit eines Elementes sogleich den Kern und damit 
den Zusammenhalt des Ganzen; wegen der geringen Spannweite 
zwischen den Elementen fehlt die Elastizität der Gruppe, die hier die 
Bedingung der Toleranz ist. 

Darum lehnen Gruppen und besonders Minoritäten, die unter 
Kampf und Verfolgung leben, oft das Entgegenkommen und die 
Duldung von der andren Seite ab, weil damit die Geschlossenheit ihrer 
Opposition verwischt wird, ohne die sie nicht weiterkämpfen können. 
Z. B. in den konfessionellen Streitigkeiten in England ist dies mehr 
als einmal hervorgetreten. Sowohl unter James II. wie unter William 
und Mary erfuhren die Nonkonformisten und Independenten, Baptisten, 
Quäker, gelegentlich von der Regierung ein Entgegenkommen, mit 
dem sie durchaus nicht einverstanden waren. Denn dadurch wurde 
den nachgiebigeren und unentschlosseneren Elementen unter ihnen 
Versuchung und Möglichkeit gewährt, Zwischenerscheinungen zu bilden 



— 315 — 

oder wenigstens ihre Gegnerschaft zu sänftigen. Jede Nachgiebigkeit von 
der andren Seite, die doch nur partiell ist, bedroht jene Gleich- 
mäfsigkeit in der Opposition aller Glieder und damit jene Einheit des 
Zusammenhaltes, auf d'^r eine kämpfende Minorität mit kompromifs- 
loser Alternative bestehen mufs. Darum geht überhaupt die Einheit 
von Gruppen so oft verloren, wenn sie keinen Gegner mehr haben. 
Von dem Protestantismus hat man dies nach verschiedenen Seiten hin 
hervorgehoben. Da eben der »Protest« für ihn wesentlich wäre, so 
verlöre er, sobald der Gegner, gegen den er protestiert, ihm aufser 
Schufsweite kommt, seine Energie oder seine innere Einheit ; ja, diese 
letztere sogar bis zu dem Grade, dafs er in diesem Fall den Konflikt 
mit dem Feinde in sich selbst wiederholte und in eine freiheitliche 
und eine orthodoxe Partei auseinanderbräche ; gerade wie in der Partei- 
geschichte Nordamerikas mehrfach das völlige Zurücktreten der einen 
von den beiden grofsen Parteien zur unmittelbaren Folge hatte, dafs 
die andre sich in Untergruppen mit Parteigegensätzen auflöste. Auch 
ist es der Einheit des Protestantismus durchaus nicht zuträglich, dafs 
er keine eigentlichen Häretiker hat. Das Einheitsbewufstsein der 
katholischen Kirche dagegen ist durch die Tatsache der Häresie und 
durch das kriegerische Verhalten gegen sie entschieden gestärkt worden. 
An der Unversöhnlichkeit des Gegensatzes gegen die Ketzerei haben 
sich die mannigfaltigen Elemente der Kirche immer gleichsam orientieren 
und, trotz mancher auseinanderführender Interessen, auf ihre Einheit 
besinnen können. Darum ist der vollständige Sieg einer Gruppe über 
ihre Feinde nicht immer ein Glück im soziologischen Sinne; denn 
damit sinkt die Energie, die ihren Zusammenhalt garantiert, und die 
auflösenden Kräfte, die immer an der Arbeit sind, gewinnen an Boden. 
Dafs der römisch-latinische Bund im 5. Jahrhundert zerfiel, hat man 
damit begründet, dafs die gemeinsamen Feinde nun niedergeworfen 
waren. Vielleicht war seine Basis : die Schonung von der einen, die 
Hingebung von der andern Seite, schon eine Zeitlang nicht mehr ganz 
natürlich gewesen; aber das trat jetzt erst hervor, wo keine gemein- 
same Gegnerschaft mehr das Ganze über seine inneren Widersprüche 
hinwegtrug. Ja, es mag innerhalb mancher Gruppen geradezu eine 
politische Klugheit sein, für Feinde zu sorgen, damit die Einheit der 
Elemente als ihr vitales Interesse bewufst und wirksam bleibe. 

Das zuletzt angeführte Beispiel leitet zu der Steigerung dieser 
zusammenschliefsenden Bedeutung des Kampfes über: dafs durch ihn 



— 316 — 

nicht nur eine bestehende Einheit sich in sich energischer konzentriert, 
und alle Elemente, die die Schärfe ihrer Grenzen gegen den Feind 
verwischen könnten, radikal ausscheidet — sondern dafs er Personen 
und Gruppen, die sonst nichts miteinander zu tun hatten, überhaupt 
zu einem Zusammenschlufs bringt. Die Energie, mit der der Kampf 
nach dieser Richtung wirkt, wird am entschiedensten wohl daran 
deutlich, dafs die Verbindung zwischen Kampfsituation und Verein- 
heitlichung stark genug ist, um auch schon in umgekehrter Richtung 
bedeutsam zu werden. Psychologische Assoziationen zeigen allgemein 
ihre Stärke daran, dafs sie auch rückläufig wirksam sind; wenn z. B. 
eine bestimmte Persönlichkeit unter dem Begriff des Helden vorgestellt 
wird, so erweist sich die Verbindung zwischen beiden Vorstellungen 
dann als die festeste, wenn man den Begriff des Helden überhaupt 
nicht denken kann, ohne dafs das Bild jener Persönlichkeit sich ein- 
stellt. So ist die Vereinigung zum Zweck des Kampfes ein so un- 
zählige Male erfahrener Vorgang, dafs manchmal schon die blofse 
Verbindung von Elementen, auch wo sie zu keinerlei aggressiven oder 
überhaupt streitmäfsigen Zwecken geschlossen ist, anderweitigen In- 
stanzen als bedrohlicher und feindseliger Akt erscheint. Der Despotis- 
mus des modernen Staates richtete sich vor allem gegen den mittel- 
alterlichen Einungsgedanken ; so dafs schliefslich jede Assoziation als 
solche, zwischen Städten, Ständen, Rittern, oder irgend welchen Ele- 
menten des Staates der Regierung als eine Rebellion galt, als ein 
Kampf gegen sie in latenter Form. Karl der Grofse verbot die Gilden 
als geschworene Vereinigungen, und gestattete ausschliefslich solche 
ohne Eidschwur zu karitativen Zwecken. Der Nachdruck des Verbotes 
liegt auf der eidlichen Verpflichtung selbst bei erlaubten Zwecken, 
weil sich damit leicht auch staategefährliche verbinden konnten. So 
bestimmt die mährische Landordnung von 1628: »Demnach foedera 
oder Bündnisse einzugehen oder aufzurichten, zu was Ende imd gegen 
wen sie auch angesehen sein möchten, niemandem anderem als dem 
König gebührt.« Dafs die dominierende Instanz dennoch manchmal 
selbst Vereinigungen begünstigt oder stiftet, beweist nichts gegen, 
sondern alles für diesen Zusammenhang, und zwar nicht nur selbst- 
verständlich dann, wenn die Vereinigung einer bestehenden Oppositions- 
partei entgegenwirkt, sondern in dem^interessanteren Falle, dafs damit 
der Vereinigungstrieb auf eine unschädliche Weise abgeleitet werden 
soll. Nachdem die Römer alle politischen Bünde der Griechen auf- 



— 317 — . 

gelöst hatten, schuf Hadrian eine Vereinigung aller Hellenen (xoivhv 
cfuvsSpi&v -(Lv 'ElXrivmv) mit idealen Zwecken: Spiele, Gedächtnisfeiern, 
Aufrechterhaltung eines idealen, gänzlich unpolitischen Panhellenismus. 
Für die hier nun unmittelbar fragliche Beziehungsrichtung liegen 
die historischen Fälle so nahe, dafs es sich nur darum handeln kann, 
die Grade der Vereinheitlichung festzustellen, die auf diese Weise 
erzielbar ist. Zu oberst steht die Herstellung des Einheitsstaates. Frank- 
reich verdankt das Bewufstsein seiner nationalen Zusammengehörig- 
keit wesentlich erst dem Kampf gegen die Engländer, die spanischen 
Landschaften hat erst der Maurenkrieg zu einem Volk gemacht. 
Den nächst niederen Grad bezeichnen Bundesstaaten und Staatenbünde, 
je nach ihrer Kohärenz und dem Machtmafs ihrer Zentralgewalt noch 
in mannigfaltigen Abstufungen. Die Vereinigten Staaten haben ihres 
Befreiungskrieges bedurft, die Schweiz des Kampfes gegen Österreich, 
die Niederlande des Aufstandes gegen Spanien, der achäische Bund 
des Kampfes gegen Mazedonien; wozu die Gründung des neuen 
Deutschen Reiches ein Seitenstück geliefert hat. In diesen Bezirk ge- 
hört die Bildung einheitlicher Stände; für sie ist das Kampfmoment, 
die latenten und die offenen Gegensätze, von einer so auf der Hand 
liegenden Bedeutung, dafs ich nur ein negatives Beispiel nenne. Dals 
in Rufsland keine eigentliche Aristokratie als geschlossener Stand 
existiert, scheint eigentlich die breite und hemmungslose Entwicklung 
einer Bourgeoisie begünstigen zu müssen. In Wirklichkeit ist das 
Gegenteil der Fall. Hätte, wie anderswo, eine mächtige Aristokratie 
bestanden, so hätte sie sich sicher oft genug in Opposition gegen den 
Fürsten gesetzt, der in diesem Kampf seinerseits auf städtisches Bürger- 
tum angewiesen wäre. Offenbar hätte nun eine solche Kampfsituation 
die Fürsten dafür interessiert, einen einheitlichen Bürgerstand zu ent- 
wickeln. Die Elemente eines solchen selbst fanden keine kampfmäfsige, 
also in diesem Fall überhaupt keine Anregung, sich zu einem Stande 
zusammenzuschliefsen, weil kein Konflikt zwischen Adel und Zentral- 
macht bestand, in dem sie, der einen oder der andern Seite beitretend 
an einem Kampfpreis hätten teil gewinnen können. — In allen posi- 
tiven Fällen dieses Typus ist das Bezeichnende, dafs die Einheit zwar 
durch den Streit und für die Zwecke desselben zustande gekommen 
ist, aber über den Kampf hinaus besteht und sich weitere, mit dem 
kriegerischen Zweck nicht mehr zusammenhängende Interessen imd 
Verbindungsenergien zuwachsen läfst. Die Bedeutung des Kampfes ist 



— 318 — 

hier eigentlich nur, die latent vorhandene Beziehung und Einheit in 
Wirksamkeit zu setzen, er ist hier viel mehr die Gelegenheitsursache 
zu innerlich geforderten Vereinheitlichungen, als ihr Zweck. Innerhalb 
des kollektivistischen Streitinteresses gibt es freilich noch eine Ab- 
stufimg: ob sich die Vereinheitlichung zum Kampfzweck auf Angriff 
und Verteidigung oder nur auf die Verteidigung bezieht. Dies letztere 
ist wahrscheinlich bei der Mehrzahl der Koalitionen von schon be- 
stehenden Gruppen der Fall, namentlich wo es sich um sehr viele 
oder von einander sehr verschiedene Gruppen handelt. Der Defensiv- 
zweck ist das kollektivistische Minimum, weil er auch für jede einzelne 
Gruppe und für jedes Individuum die unvermeidlichste Bewährung 
des Selbsterhaltungstriebes ist. Je mehr und je mannigfaltigere Ele- 
mente sich vereinigen, desto geringer ist ersichtlich die Zahl der 
Interessen, in denen sie sich begegnen, und sie geht im äufsersten Fall 
auf den primitivsten Trieb: die Verteidigung der Existenz, zurück. 
Gegenüber etwa der Befürchtung von Seiten der Unternehmer, dafs 
alle englischen Gewerkvereine einmal gemeinsame Sache machen 
könnten, hat gerade einer ihrer unbedingtesten Anhänger betont : selbst 
wenn es dazu käme, so könnte es ausschliefslich zu Defensivzwecken 
sein! — 

Von den Fällen nun, in denen die kollektivierende Wirkung des 
Streites über den Moment und den unmittelbaren Zweck hinausgreift, 
was auch bei dem eben erwähnten Minimum derselben stattfinden 
kann — sinkt ihre Extensivität weiterhin zu den Fällen, in denen die 
Vereinigung wirklich nur ad hoc erfolgt. Hier unterscheiden sich die 
beiden Typen: die bundesgenössische Vereinigung zu einer einzelnen 
Aktion, die aber häufig, besonders in eigentlichen Kriegen, die ge- 
samten Energien der Elemente in Dienst nimmt; es stellt sich eine 
restlose Einheit her, die aber nach der Erreichung oder Verfehlung 
ihres akuten Zweckes ihre Teile wieder zu ihrem vorherigen Sonder- 
dasein entläfst, wie etwa bei den Griechen nach Beseitigung der Perser- 
gefahr. Bei dem andern Typus ist die Einheit weniger vollständig, 
aber auch weniger vorübergehend, sie gruppiert sich um einen nicht 
so sehr der Zeit als dem Inhalte nach singulären Streitzweck, der die 
übrigen Seiten der Elemente zu keinen Berührungen veranlafst. So 
besteht in England seit 1873 eine Federation of Associated Employers 
of Labour, gegründet, um den Einflufs der Trade-Unions zu bekämpfen, 
so hat sich mehrere Jahre später in den Vereinigten Staaten eine 



— 319 — 

Vereinigung der Unternehmer als solcher, ohne Rücksicht auf die 
verschiedenen Geschäftsbranchen gebildet, um als Ganzes den Streik- 
bewegungen der Arbeiter ein Paroli zu bieten. Der Charakter beider 
Typen erscheint dann natürlich am zugespitztesten, wenn die Elemente 
der kämpfenden Einheit entweder in andern Perioden oder in andern 
Beziehungen gegeneinander nicht nur gleichgültig, sondern feindselig 
sind; die vereinheitlichende Macht des Kampfprinzips zeigt sich nie 
stärker, als wenn es eine zeitliche oder sachliche Enklave aus Ver- 
hältnissen der Konkurrenz oder Animosität herausschneidet. Der 
Gegensatz zwischen dem sonstigen Antagonismus und der momentanen 
Kampfgenossenschaft kann unter besonderen Umständen sich so zu- 
spitzen, dafs für die Parteien gerade die Absolutheit ihrer Feindschaft 
die direkte Ursache ihrer Vereinigung bildet. Die Opposition im 
englischen Parlament ist manchmal so zustande gekommen, dafs die 
Ultras der ministeriellen Richtung von der Regierung nicht befriedigt 
wurden und sich mit dem prinzipiellen Gegner zu einer Partei ver- 
einigten, zusammengehalten durch die gemeinsame Gegnerschaft gegen 
das Ministerium. So vereinigten sich gegen Robert Walpole die 
Ultra- Whigs unter Pulteney mit den Hochtories. Es hat also gerade 
der Radikalismus des Prinzips, das von der Feindschaft gegen die 
Tories lebt, seine Anhänger mit diesen zusammengeschmolzen: wären 
sie nicht so extrem antitoryistisch gewesen, so hätten sie sich nicht 
mit den Tories vereinigt, um dadurch den Sturz des Whigministers, 
der ihnen nicht genug whiggistisch war, herbeizuführen. Dieser Fall 
ist deshalb so krafs, weil der gemeinsame Gegner die sonstigen Feinde 
daraufhin zusammenführt, dafs er, nach der Ansicht eines jeden von diesen, 
zu sehr auf der andern Seite steht. Im übrigen ist er doch nur das 
reinste Beispiel der banalen Erfahrung, dafs selbst die bittersten Feind- 
schaften die Verbindung nicht hindern, sobald es einem gemeinsamen 
Feinde gilt. Dies ist besonders der Fall, wenn jede oder mindestens 
eine der beiden jetzt kooperierenden Parteien sehr konkrete und un- 
mittelbare Ziele hat, zu deren Erreichung es nur der Hinwegräumung 
der bestimmten Gegner bedarf. In der französischen Geschichte von 
den Hugenotten bis zu Richelieu bemerken wir an den inneren 
Parteien, dafs es genügt, dafs die eine sich feindlicher gegen Spanien 
oder England, Savoien oder Holland stellt, damit sofort die andere sich 
dieser auswärtigen politischen Macht anschliefst, unter Unbekümmert- 
heit um deren Harmonie oder Disharmonie zu ihren positiven Ten- 



— 320 — 

denzen. Diese Parteien in Frankreich hatten aber durchaus greifbare Ziele 
vor sich, und bedurften für diese nur Raiim, nur Freiheit vom Gegner. 
Sie waren deshalb bereit, sich mit jedem beliebigen Gegner dieses 
Gegners zu verbinden, wenn dieser nur insoweit die gleiche Absicht 
hatte, völlig gleichgültig gegen ihr sonstiges Verhältnis zu ihm. Je 
reiner negativ oder destruktiv eine Feindschaft ist, desto leichter 
wird sie eine Verbindung unter solchen zustande bringen, für deren 
Gemeinsamkeit sonst jegliches Motiv fehlte. 

Endlich, die unterste Stufe dieser Skala, die am wenigsten akute 
Form, bilden die nur in der gemeinsamen Stimmung bestehenden 
Vereinigungen. Man weifs, dafs man insoweit zusammengehört, als 
man eine gleichartige Aversion oder ein gleichartiges praktisches 
Interesse gegen einen Dritten hat, aber ohne dafs dies zu einer ge- 
meinsamen Kampfaktion zu führen brauchte. Auch hier scheiden sich 
zwei Typen. Der Grofsbetrieb , der Massen von Arbeitern wenigen 
Unternehmern gegenüberstellt, hat ersichtlich nicht nur einzelne, real 
wirksame Vereinigungen jener zum Kampf um die Arbeitsbedingungen 
zuwege gebracht, sondern die ganz allgemeine Stimmung, dafs alle 
Lohnarbeiter irgendwie zusammengehören, weil sie alle in dem 
prinzipiell gleichen Kampfe gegen das Unternehmertum stehen. Diese 
Stimmung kristallisiert gewifs an einzelnen Punkten zu einzelnen 
Aktionen der politischen Parteibildung oder des Lohnkampfes. Allein 
ais ganze kann sie ihrem Wesen nach nicht praktisch werden, sie 
bleibt die Stimmung einer abstrakten Zusammengehörigkeit durch die 
gemeinsame Gegnerschaft gegen einen abstrakten Feind. Ist hier das 
Gefühl von Einheit abstrakt, aber dauernd, so in dem zweiten Fall 
konkret aber flüchtig ; dieser liegt z. B, vor, wenn einander sonst fremde^ 
aber der gleichen höheren Bildungs- tmd Empfindungssphäre an- 
gehörige Persönlichkeiten sich in einem geselligen Kreise, in einem 
Eisenbahnwagen, od. ähnl., mit Personen von rohem und vulgärem 
Benehmen zusammenfinden. Ohne dafs es zu irgendeinem Eklat 
kommt, ohne dafs ein Wort oder Blick gewechselt wird, fühlen jene 
sich als Partei, zusammengehalten durch die gemeinsame Aversion 
gegen die, wenigstens im ideellen Sinne aggressive Pöbelhaftigkeit 
der andern. Mit ihrem äufserst zarten und sensitiven Charakter, bei 
gleichzeitiger Unzweideutigkeit, schliefst diese Vergemeinsamung den 
Stufenbau derjenigen ab, zu denen völlig fremde Elemente durch die 
Gemeinsamkeit eines Antagonismus veranlafst werden. 



— 321 — 

Wo die synthetische Kraft gemeinsamer Gegnerschaft nicht nach 
der Zahl der Interessenpunkte, sondern nach der Dauer und der 
Intensität der Vereinigung in Frage steht, wirkt es besonders günstig, 
wenn statt des aktuellen Kampfes die dauernde Bedrohung durch 
einen Feind vorliegt. Von der ersten Zeit des achäischen Bundes, 
um 270, wird hervorgehoben: Achaia sei von Feinden umgeben 
gewesen, die aber alle im Augenblick anderes zu tun hatten, als es 
anzugreifen; und eine solche Periode von Gefahr, die immer drohte^ 
aber sich immer hinausschob, sei besonders geeignet gewesen, das 
Gefühl der Vereinigtheit zu stärken. Dies ist ein Fall des eigen- 
artigen Typus: dafs eine gewisse Distanz zwischen den zu ver- 
einigenden Elementen einerseits imd dem Punkt und Interesse, das sie 
vereinigt, andrerseits, eine besonders günstige Konstellation für die 
Verbindung ist, insbesondere wo es sich um ausgedehnte Kreise 
handelt. Dies gilt für religiöse Verhältnisse : gegenüber den Stammes- 
und nationalen Gottheiten hat der weltumfassende Gott des Christen- 
tums einen unendlichen Abstand von den Gläubigen, es fehlen ihm 
ganz die mit der Sonderart des Einzelnen verwandtschaftlichen Züge; 
dafür kann er aber auch die heterogensten Völker und Persönlichkeiten 
zu einer unvergleichlichen religiösen Gemeinsamkeit zusammenfassen. 
Ferner : die Kleidung charakterisiert immer bestimmte soziale Schichten 
als zusammengehörig; und nun scheint sie diese soziale Funktion oft 
am besten zu erfüllen, wenn sie von aulsen kommt. Sich zu kleiden, 
wie man in Paris geht, bedeutet eine enge und exklusive Gemeinsam- 
keit einer gewissen Gesellschaftsschicht in andern Ländern ; schon der 
Prophet Zephanja spricht von den Vornehmen, die als solche aus- 
ländische Kleider tragen. Die sehr mannigfaltigen Bedeutungen, die 
das Symbol der »Entfernung« deckt, haben vielerlei psychologische Ver- 
wandtschaft ; fast immer z. B. scheint ein Vorstellungsinhalt , dessen 
Gegenstand als irgendwie :^ entfernt« vorgestellt wird, unpersönlicher 
zu wirken. Die individuelle Reaktion, die aus der unmittelbaren 
Nähe und Berührung folgt, ist damit weniger zugespitzt, trägt weniger 
unmittelbar subjektiven Charakter und kann deshalb für eine gröfsere 
Zahl von Individuen die gleiche sein. Wie der Allgemeinbegriff, der 
eine Anzahl von Einzelwesen umfassen soll, um so abstrakter ist^ 
d. h. sich um so weiter von jedem einzelnen dieser letzteren entfernt, 
je mehre und je unter sich verschiedenere es sind, so scheint auch 
ein sozialer Vereinigungspunkt, der von den zu vereinigenden Ele- 

Simmel Sozlolog^ie. 21 



— 322 — 

menten einen weiteren Abstand hat — und zwar sowohl im räum- 
lichen wie im übertragenen Sinne, — spezifisch zusammenschlielsende 
und umfassende Wirkungen zu üben. Solche Vereinheitlichung durch 
eine Gefahr, die aber mehr chronischen als akuten Charakter hat, 
durch einen nicht ausgefochtenen, aber immer latenten Kampf, wird 
da am wirksamsten sein, wo eine dauerndere Vereinigung von irgend- 
wie auseinanderstrebenden Elementen in Frage steht. So verhielt es 
sich mit dem achäischen Bund, den ich schon anführte, so bemerkt 
Montesquieu : während Ruhe und Vertrauen den Ruhm und die Sicher- 
heit der Monarchie bilde, hätte eine Republik es nötig, irgend 
jemanden zu fürchten. Offenbar liegt hier das Gefühl für die be- 
hauptete Konstellation zugrunde : die Monarchie als solche sorgt schon 
für den Zusammenhalt etwaiger antagonistischer Elemente; w^o diese 
aber niemanden über sich haben, der sie zur Einheit zwingt, sondern 
relative Souveränität besitzen, da werden sie leicht auseinanderbrechen, 
wenn nicht eine von allen geteilte Gefahr sie zusammenzwingt — 
eine Gefahr, die ersichtlich nicht als einmaliger Kampf, sondern gerade 
nur als dauernde Bedrohung mit einem solchen vorhalten und ein 
Dauergebilde gewährleisten kann. 

Während dies mehr eine Frage des Grades ist, bedarf der 
prinzipielle Zusammenhang der Kollektivität mit der Feindseligkeit 
etwa noch folgenden Zusatzes. Streitbare Unternehmungen neigen 
viel mehr als friedliche dazu, von ihrem Entstehungspunkte aus eine 
möglichst grofse Zahl von Elementen, die sonst auseinanderliegen und 
von sich aus das Unternehmen nicht begonnen hätten, zur Kooperation 
heranzuziehen. Bei friedlichen Aktionen pflegt man sich im Ganzen 
auf die auch sonst Näherstehenden zu beschränken; aber zum »Bundes- 
genossen« — dessen an sich indifferenten Begriff der Sprachgebrauch 
schon kriegerisch gefärbt hat — nimmt man oft genug Elemente, 
mit denen man kaum etwas gemeinsam hat, ja, haben möchte. Dazu 
wirkt erstens, dafs der Krieg, und nicht nur der politische, oft einen 
Notfall darstellt, in dem man bei der Heranholung von Hülfskräften 
nicht wählerisch sein kann ; zweitens, dafs der Gegenstand der Aktion 
aufserhalb der Gebiete oder sonstigen unmittelbaren Interessen- 
peripherien der Bundesgenossen liegt, so dafs sie nach vollendetem 
Kampfe wieder in die frühere Distanz zurücktreten können; drittens, 
dafs der Gewinn durch Kampf zwar ein gefährlicher, aber günstigen- 
falls ein besonders rascher und intensiver zu sein pflegt, und deshalb 



— 323 — 

auf gewisse Naturelle eine formale Attraktion ausübt, die friedliche 
Unternehmungen erst durch ihren besonderen Inhalt bewirken müssen; 
viertens, dafs der Kampf das eigentlich Persönliche an den Kämpfenden 
zurücktreten läfst und dadurch die Vereinigung auch sonst ganz 
heterogener Elemente gestattet. Daran schliefst sich endlich das Motiv, 
dafs Feindseligkeiten sich leicht gegenseitig anregen. Schon innerhalb 
einer und derselben Gruppe kommen, wenn sie gegen eine andre 
Fehde führt, noch alle möglichen latenten oder halb vergessenen Feind- 
seligkeiten ihrer Individuen gegen solche der andren zum Ausbruch. 
Und so pflegt der Krieg zwischen zwei Gruppen in einer dritten alle 
Böswilligkeiten und Ressentiments gegen eine von jenen wachzurufen, 
die von sich aus zu keinem Ausbruch geführt hätten, jetzt aber, wo 
eine andre gleichsam den Weg gebahnt hat, zum Anschlufs an deren 
Aktion veranlassen. Es ist ganz in diesem Sinne, dafs, besonders in 
früheren Zeiten, die zusammenschliefsenden Verhältnisse von Völker- 
schaften als ganzen nur kriegerische waren, während die übrigen, 
wie Handelsverkehr, Gastfreundschaft, Konnubium, doch nur Be- 
ziehungen von Individuen betrafen, die die Ausmachung zwischen den 
Volkseinheiten wohl ermöglichte, aber nicht von sich aus ins Werk setzte. 



Wenn eine historische Entwicklung sich in fortlaufendem rhythmi- 
schem Wechsel je zweier Perioden vollzieht, die eine mit der andern 
gleichberechtigt und nur im Verhältnis und Gegensatz zu ihr den eigenen 
Sinn gewinnend — so wiederholt das einheitliche Bild, das wir uns von 
solchem Vorgang formen, selten seine objektive Ebenmäfsigkeit und 
das beharrende Niveau, auf dem seine Elemente einander ablösen. 
Fast unvermeidlich vielmehr geben wir ihrem Wechsel eine Art teleo- 
logischen Akzentes, so dafs das eine immer als der Ausgangspunkt, 
das sachlich Primäre gilt, aus dem das andre sich entwickelt, während 
der Wiederübergang von diesem zu jenem als eine Rückbildung er- 
scheint. Es sei also z. B. der Weltprozefs ein ewiger Wechsel von 
qualitativer Gleichmäfsigkeit vereinter Stoffmassen und differenzierter 
Zerstreutheit ebenderselben, und wir mögen überzeugt sein, dafs immer 
aus dem einen das andre und dann wieder aus dem andren das eine 
hervorgeht ; aber, wie unsere Begriffskategorien nun einmal funktionieren, 
halten wir doch den Zustand der Undifferenziertheit für den ersten, 
d. h. unser Erklärungsbedürfnis fordert viel mehr, die Mannigfaltig- 

21* 



— 324 — 

keit aus der Einheit, als umgekehrt herzuleiten, obgleich es objektiv 
vielleicht richtiger wäre, keine von beiden als die erste, sondern einen 
unendlichen Rhythmus anzunehmen, in dem wir bei keiner errechneten 
Stufe Halt zu machen, sondern sie stets aus einer früheren, entgegen- 
gesetzten, herzuleiten haben. Ähnlich steht es mit den Prinzipien der 
Ruhe und Bewegung. So sehr sie im Ganzen wie in den einzelnen 
Reihen des Daseins einander endlos ablösen, so pflegt man doch den 
Zustand der Ruhe als den ursprtinglichen oder auch als den definitiven 
zu empfinden, der sozusagen für sich keiner Herleitung bedürfe. Indem 
wir also ein Periodenpaar zusammen betrachten, scheint immer die 
eine entweder die erklärende oder die zu reduzierende zu sein, und 
erst in dieser Rangordnung glauben wir den Sinn ihres Wechselspieles 
zu fassen: mit ihrem blofsen Sich -Ablösen , wie die Erscheinung es 
zeigt und das von sich aus kein Element als das primäre und keines 
als das sekundäre designiert, beruhigen wir uns nicht. Der Mensch 
ist eben zu sehr ein Unterschieds- und Wertungs- und Zweckwesen,^ 
als dafs er nicht den ununterbrochenen Flufs alternierender Perioden 
durch derartige Akzente gliedern und sie nach der Form gleichsam 
des Herrschens und Dienens, oder der Vorbereitung und Erfüllung, 
oder des Zwischenzustandes und Definitivums deuten sollte. Und so 
verhält sich Kampf und Frieden. Im Nacheinander wie im Neben- 
einander des gesellschaftlichen Lebens verschlingen sie sich derartig^ 
dafs sich in jedem Friedenszustand die Bedingungen für den künftigen 
Kampf, in jedem Kampf die für den künftigen Frieden herausbilden; 
verfolgt man die sozialen Entwicklungsreihen unter dieser Kategorie 
rückwärts, so kann man nirgends haltmachen, in der geschichtlichen 
Wirklichkeit weisen beide Zustände ununterbrochen auf einander hin. 
Dennoch empfinden wir in diese Reihe einen inneren Unterschied ihrer 
Glieder hinein : der Kampf erscheint als das Vorläufige, dessen Zweck 
in dem Frieden und seinen Inhalten liegt. Während der Rhythmus 
dieser Elemente, objektiv betrachtet, völlig auf einem Niveau gleich- 
wertig verläuft, bildet unser Wertgefühl gleichsam jambische Perioden 
daraus, mit dem Krieg als Thesis und dem Frieden als Arsis. So 
mufs, in der ältesten Verfassung Roms, der König die Bürgerschaft 
erst um ihre Zustimmung befragen, wenn er einen Krieg beginnen 
will; aber dieser Zustimmung bedarf es nicht, — sie wird also als 
selbstverständlich vorausgesetzt — wenn es sich um den Friedensschlufs 
handelt. Schon dies legt nahe, dafs der Übergang vom Kampf zum 



— 325 - 

Frieden ein wesentlicheres Problem bieten wird, als der umgekehrte. 
Der letztere bedarf eigentlich keiner gesonderten Betrachtung; denn 
die Situationen innerhalb des Friedens, aus denen der offene Kampf 
hervorgeht, sind selbst schon Kampf in diffuser, unmerklicher oder 
latenter Form. Denn, wenn z. B. die ökonomische Blüte der nord- 
amerikanischen Südstaaten vor dem Bürgerkriege, die sie vermöge 
ihrer Sklavenwirtschaft vor den Nordstaaten voraus hatten, auch der 
Grund dieses Krieges war, so steht dies, solange sich noch kein 
Antagonismus daraus erhebt, sondern es nur immanente Zustände des 
einen und des andren Gebietes sind, überhaupt jenseits der spezifischen 
Frage von Krieg und Frieden. In dem Augenblick aber, in dem die 
zum Kriege führende Färbung dazutrat, war eben diese selbst schon 
eine Anhäufung von Antagonismen: gehässige Gesinnung, Zeitungs- 
polemiken, Reibereien zwischen Privatpersonen und an den Grenzen, 
gegenseitige moralische Verdächtigungen auf Gebieten aufserhalb des 
zentralen Gegensatzpunktes. Das Ende des Friedens also wird nicht 
durch eine besondere soziologische Situation bezeichnet, sondern aus 
irgend welchen sachlichen Verhältnissen innerhalb des Friedens ent- 
wickelt sich unmittelbar der Antagonismus, wenn auch nicht gleich 
in seiner deutlichsten oder stärksten Form. Anders aber in der um- 
gekehrten Folge: der Frieden setzt sich nicht ebenso immittelbar an 
den Streit an, die Streitbeendigung ist eine besondere Vornahme, die 
weder in die eine noch in die andre Kategorie gehört, wie eine Brücke 
anderen Wesens ist, wie jedes der Ufer, die sie verbindet. Die 
Soziologie des Kampfes fordert deshalb, mindestens als Anhang, eine 
Analyse der Formen, in denen ein Kampf sich beendet, und die einige 
besondere, unter keinen andren Umständen beobachtete Wechsel- 
wirkungen darbieten. 

Es gibt wohl keine Seele, der der formale Reiz des Kampfes und 
der des Friedens ganz versagt wäre, und weil eben jeder von beiden 
in irgend einem Mafse besteht, erwächst über ihrem Reize der neue 
des Wechsels zwischen beiden. Nur welchen Rhythmus dieses Wechsels 
die einzelne Natur fordert, welchen Teil seiner sie als Hebung und 
welchen als Senkung empfindet, ob sie ihn mit eigener Initiative hervor- 
ruft oder von den Entwicklungen des Schicksals erwartet — nur dies 
unterscheidet ihre Individualität. Das erste Motiv der Streitbeendigung, 
das Friedensbedürfnis — ist deshalb etwas viel inhaltvolleres, als die 
blofse Ermüdung am Kampf, es ist jene Rhythmik, die uns jetzt nach 



— 326 — 

dem Frieden verlangen läfst, als nach einem ganz konkreten Zustand^ 
der keineswegs nur das Ausbleiben des Streites bedeutet. Nur mufs 
man die Rhythmik nicht ganz mechanisch verstehen. Man hat freilich 
gesagt, dafs intime Verhältnisse, wie Liebe und Freundschaft, gelegent- 
licher Zerwürfnisse bedürften, um sich an dem Gegensatz gegen die 
erlittene Entzweiung erst ihres ganzen Glückes wieder bewufst zu 
werden; oder um die Enge der Beziehung, die nun einmal für das 
Individuum etwas Zwanghaftes, Einschliefsendes hat, durch eine Ent- 
fernung zu unterbrechen, die ihren Druck unfühlbar macht. Es werden 
nicht die tiefsten Verhältnisse sein, die eines solchen Turnus bedürfen ; 
er wird eher roheren Naturen eigen sein, die nach groben Unterschieds- 
reizen verlangen und deren Augenblicksleben das Umschlagen in die 
Gegensätzlichkeiten begünstigt: es ist der Typus des: Pack schlägt 
sich, Pack verträgt sich — der die Entzweiung um der Erhaltung des 
Verhältnisses willen fordert. Das ganz innige und verfeinerte Ver- 
hältnis wird ohne antagonistisches Intervall auskommen und wird 
seinen Gegensatzreiz an der umgebenden Welt finden, an den Disso- 
nanzen und Feindseligkeiten des sonstigen Daseins, die für das Bewufst- 
sein seines Burgfriedens den genügenden Hintergrund liefern. — Zu 
den indirekten Motiven des Friedenswunsches aber, von jenen wohl 
zu unterscheiden, gehört einerseits die Erschöpfung der Kräfte, die 
das Friedensbedürfnis ohne weiteres neben die fortbestehende Kampf- 
lust setzen kann, andrerseits die Ableitung des Interesses von dem 
Streit durch ein höheres für einen andren Gegenstand. Das letztere 
erzeugt mancherlei moralische Heucheleien und Selbsttäuschungen: 
man gibt vor oder glaubt, aus idealem Interesse am Frieden die Streit- 
axt zu begraben, während in Wirklichkeit nur der Gegenstand des 
Kämpfens sein Interesse verloren hat und man seine Kräfte für ander- 
weitiges Handeln frei bekommen möchte. 

Während in tiefgegründeten Verhältnissen das Ende des Streits 
dadurch erfolgt, dafs ihre unablenkbare Grundströmung wieder an die 
Oberfläche gelangt und die Gegenbewegungen an dieser glättet, 
kommen ganz neue Nuancen auf, wo der Wegfall des Streit- 
objekts den Antagonismus beendet. Jeder Konflikt, der nicht absolut 
unpersönlicher Art ist, macht sich die verfügbaren Kräfte des In- 
dividuums dienstbar, er wirkt wie ein Kristallisationspunkt, um den 
herum sich diese in gröfserer oder geringerer Entfernung anordnen 
— die Form der Kern- und der Hilfstruppen innerlich wiederholend — , 



— 327 — 

und gibt damit dem ganzen Komplex der Persönlichkeit, sobald 
sie kämpft, eine eigenartige Struktur. Wenn nun der Konflikt auf eine 
der gewöhnlichen Arten beendet ist, — durch Sieg und Niederlage, 
durch Versöhnung, durch Kompromis — so bildet diese seelische Struktur 
sich wieder in die des Friedenszustandes zurück, der zentrale Punkt 
teilt seinen Übergang aus Erregtheit in Beruhigung den einbezogenen 
Energien mit. Statt dieses organisch, wenn auch unendlich mannig- 
faltig verlaufenden Prozesses des inneren Ausklingens der Streit- 
bewegung, tritt aber oft ein ganz irrationeller und turbulenter ein, wenn 
das Streitobjekt plötzlich wegfällt, so dafs die ganze Bewegung noch 
sozusagen ins Leere schwingt ; dies geschieht insbesondere, weil unser 
Gefühl konservativer ist, als unser Verstand, und so die Erregung 
jenes keineswegs in demselben Augenblick zur Ruhe kommt, in dem 
der Verstand ihre Veranlassung als hinfällig erkennt. Allenthalben 
entsteht Verwirrung und Schädigung, wenn seelischen Bewegungen, 
die um eines bestimmten Inhaltes willen entstanden sind, dieser plötz- 
lich geraubt wird, so dafs sie sich nicht mehr naturgemäfs weiter- 
entwickeln und ausleben können, sondern haltlos an sich selbst zehren 
oder nach einem sinnlosen Ersatzobjekt greifen. Wenn also, während 
der Streit im Gange ist, Zufälle oder höhere Gewalt ihm das Ziel 
entführen — Nebenbuhlerschaft, deren umworbener Gegenstand sich 
für einen Dritten entscheidet. Streit um eine Beute, die während dessen 
von einem andern geraubt wird, theoretische Kontroversen, deren 
Problem eine überlegene Intelligenz plötzlich so löst, dafs beide 
streitende Behauptungen sich als irrig zeigen — so findet oft noch 
ein leeres Weiterstreiten, eine unfruchtbare gegenseitige Anschuldigung, 
ein Wiederaufleben früherer, längst begrabener Differenzen statt; 
dies ist das Weiterschwingen der Streitbewegungen, die sich in irgend- 
einer, unter diesen Umständen ganz sinnlosen und tumultuarischen 
Art austoben müssen, ehe sie zur Ruhe kommen. Am bezeichnendsten 
tritt dies vielleicht in den Fällen ein, wo der Streitgegenstand von 
beiden Parteien als illusorisch, des Streites nicht wert, erkannt wird. 
Hier läfst die Beschämung über den Irrtum oft den Kampf noch 
lange fortsetzen, mit einem ganz wurzellosen und mühsamen Kraft- 
aufwand, aber mit um so gröf serer Erbitterung gegen den Gegner, 
der uns zu dieser Donquixoterie nötigt. 

Die einfachste und radikalste Art, vom Kampf zum Frieden zu 
kommen, ist der Sieg — eine ganz einzigartige Erscheinung des 



— 328 — 

Lebens, von der es zwar unzählige individuelle Gestalten und Mafse 
gibt, die aber mit nichts anders Benanntem, was sonst zwischen 
Menschen vorgehen kann, eine Ähnlichkeit besitzt. Von den vielen 
Spielarten des Sieges, die dem ihm folgenden Frieden eine besondere 
Farbe geben, erwähne ich nur denjenigen, der nicht ausschliefslich 
durch das Übergewicht der einen Partei, sondern, mindestens teilweise, 
durch Resignation der andern herbeigeführt wird. Dieses Klein- 
beigeben, sich für besiegt Erklären oder den Sieg des andern über 
sich Ergehen - Lassen , ohne dafs schon alle Widerstandskräfte und 
Möglichkeiten erschöpft wären, ist ein nicht immer einfaches Phänomen. 
Es kann dazu eine gewisse asketische Tendenz wirken, die Lust an 
der Selbstdemütigung und dem Sichpreisgeben, nicht stark genug, 
um sich von vornherein kampflos auszuliefern, aber hervortretend, 
sobald die Stimmung des Besiegten die Seele zu ergreifen beginnt, 
oder sogar an dem Gegensatz zu der eben noch lebendigen Kampf- 
stimmung ihren sublimsten Reiz findend. Zu dem gleichen Entschlufs 
drängt ferner das Gefühl, dafs es vornehmer ist, sich zu ergeben, als 
sich bis zuletzt an die unwahrscheinliche Chance einer Wendung der 
Dinge zu klammern; diese Chance hinzuwerfen und um diesen Preis 
dem zu entgehen, dafs einem die eigene Niederlage in ihrer ganzen 
Unvermeidlichkeit bis ins letzte demonstriert wird — dies hat etwas 
von dem grofsen und edlen Stil der Menschen, die nicht nur ihrer 
Stärke, sondern auch ihrer Schwächen gewifs sind, ohne sich ihrer 
jedesmal erst fühlbar versichern zu müssen. Endlich: in dieser Frei- 
willigkeit des Sich-besiegt-Erklärens liegt noch ein letzter Machtbeweis 
des Subjekts, dieses letzte wenigstens hat es noch gekonnt, ja, es hat 
damit eigentlich dem Sieger noch etwas geschenkt. Darum läfst sich 
in personalen Konflikten manchmal beobachten, dafs das Nachgeben 
der einen Partei, bevor die andre noch wirklich von sich aus ihre 
Sache durchgesetzt hat, von dieser als eine Art Beleidigung empfunden 
wird — als wäre sie eigentlich die schwächere, der man aber aus 
irgendwelchen Gründen nachgibt, ohne es nötig zu haben ^). 

') Dies gehört in das Formgebiet der Beziehungen, in denen ein Ent- 
gegenkommen ein Zunahetreten ist. Es gibt genug Fälle von Höflichkeiten, 
die Beleidigungen sind, Geschenke, die demütigen, mitleidige Teilnahme, 
die als freche Zudringlichkeit wirkt oder das Leiden ihres Opfers vermehrt, 
Wohltaten, bei denen die erzwungene Dankbarkeit oder die von ihnen ge- 
stiftete Beziehung peinlicher ist, als die durch sie behobene Entbehrung 
Dafs solche soziologische Konstellationen möglich sind, geht auf die häufige 



— 329 — 

Zu der Streitbeendung durch den Sieg steht die durch das 
Kompromifs in vollem Gegensatz. Es ist eine der charakteri- 
stischsten Einteilungsarten der Kämpfe, ob sie ihrem Wesen nach 
einem Kompromifs zugängig sind oder nicht. Dies entscheidet sich 
keineswegs nur an der Frage, ob ihr Preis eine unteilbare Einheit 
bildet oder zwischen den Parteien geteilt werden kann. Gewissen 
Gegenständen gegenüber steht das Kompromifs durch Teilung aufser 
Frage: zwischen Nebenbuhlern um die Gunst einer Frau, zwischen 
Reflektanten um ein und dasselbe unzerlegbare käufliche Objekt, auch 
bei Kämpfen, deren Motiv Hafs und Rache sind. Dennoch sind dem 
Kompromifs auch Kämpfe um unzerlegbare Gegenstände zugängig, 
wenn diese nämlich vertretbar sind; so dafs der eigentliche Kampf- 
preis zwar nur dem Einen zufallen kann, dieser aber den Andern füi 
seine Nachgiebigkeit durch einen andern Wert entschädigt. Ob Güter 
in dieser Weise fungibel sind, hängt natürlich nicht von irgendeiner 
objektiven Gleichwertigkeit unter ihnen ab, sondern von der Geneigt- 
heit der Parteien, den Antagonismus durch Überlassung und Ent- 
schädigung zu beenden. Diese Chance bewegt sich zwischen den 
Fällen blofsen Eigensinns, in denen die rationellste und reichlichste 
Entschädigung, für den die Partei sonst den Kampfgegenstand gern 
preisgäbe, nur darum zurückgewiesen wird, weil sie eben vom Gegner 
geboten wird, — und den andern, in denen die Partei zuerst durch 
die Individualität des Kampfpreises angezogen scheint, und ihn dann 
doch gutwillig der andern überläfst, entschädigt durch ein Objekt, 
dessen Fähigkeit, jenes zu ersetzen, jedem Dritten oft völlig rätsel- 
haft bleibt. 

Im ganzen ist das Kompromifs, namentlich das durch die Fungibilität 
bewirkte, so sehr es für uns zu der alltäglichen und selbstverständ- 
lichen Lebenstechnik gehört, eine der gröfsten Erfindungen der Mensch- 
heit. Es ist der Impuls des Naturmenschen wie des Kindes, ohne 



und tiefe Diskrepanz zurück, die zwischen dem objektiv ausdrückbaren, als 
Sonderbegriff gefafsten Inhalt eines Zustandes oder Verhaltens auf der 
einen Seite und seiner individuellen Verwirklichung andrerseits besteht, die 
er als blofses Element eines reich komplizierten Gesamtlebens erfährt. Dies 
ist die Formel der Unterschiede : ob man die Krankheit behandelt oder den 
Kranken, ob man die Missetat bestraft oder den Missetäter, ob der Lehrer 
ein Bildungsmaterial überliefert oder den Schüler bildet. So also ist manches 
objektiv, seinem begrifflichen Inhalt nach, eine Wohltat, während es als 
individuell erlebte Wirklichkeit das Gegenteil davon sein kann. 



— 330 — 

weiteres nach jedem gefallenden Gegenstande zu greifen, gleichviel ob 
er sich bereits in fremdem Besitz befindet. Der Raub ist — neben 
dem Geschenk — die nächstliegende Form des Besitzwechsels, und 
ein solcher geht deshalb in primitiven Verhältnissen selten ohne 
Kampf ab. Dafs dieser nun vermieden werden kann, indem man dem 
Besitzer des ersehnten Gegenstandes einen andern, aus dem eigenen 
Besitz, anbietet und damit die Gesamtaufwendung schliefslich doch zu 
einer geringeren macht, als wenn man den Kampf fortsetzt oder beginnt 

— das einzusehen ist der Anfang aller kultivierten Wirtschaft, alles 
höheren Güterverkehrs. Aller Tausch um Dinge ist ein Kompromifs 

— und freilich ist dies die Armut der Dinge gegenüber dem blofs 
Seelischen, dafs i h r Austausch immer Weggeben und Verzicht voraus- 
setzt, während Liebe und alle Inhalte des Geistes getauscht werden 
können, ohne dafs das Reicherwerden mit einem Ärmerwerden bezahlt 
werden mufs. Wenn von gewissen Sozialzuständen berichtet wird, 
dafs es zwar als ritterlich gilt, zu rauben und um den Raub zu 
kämpfen, der Tausch und Kauf aber als würdelos und gemein, so 
wirkt dazu der Kompromifscharakter des Tausches, die Einräumung 
und Verzichtleistung, die ihn zum Gegenpol alles Kampfes und Sieges 
macht. Jeder Tausch setzt voraus, dafs Wertungen und Interessen 
einen objektiven Charakter angenommen haben. Das Entscheidende 
ist nun nicht mehr die blofse subjektive Leidenschaft des Begehrens,^ 
der nur der Kampf entspricht, sondern der von beiden Interessenten 
anerkannte Wert des Objekts, der, sachlich ungeändert, durch ver- 
schiedene Objekte ausdrückbar ist. Der Verzicht auf den bewerteten 
Gegenstand, weil man das in ihm enthaltene Wertquantum in andrer 
Form erhält, ist das in seiner Einfachheit wahrhaft wunderbare Mittel, 
entgegengesetzte Interessen anders als durch Kampf zum Austrag zu 
bringen — das aber sicher eine lange historische Entwicklung forderte, 
weil es eine psychologische Lösung des allgemeinen Wertgefühles von 
dem einzelnen Gegenstand, der zuerst mit ihm verschmolzen ist, 
voraussetzt, eine Erhebung über das Befangensein in dem unmittel- 
baren Begehren. Das Kompromifs durch Vertretbarkeit — von dem 
der Tausch ein Sonderfall ist — bedeutet die prinzipielle, wenngleich 
nur sehr partiell realisierte Möglichkeit, den Kampf zu vermeiden 
oder ihm ein Ende zu setzen, bevor die blofse Kraft der Subjekte ihn 
entschieden hat. 

Von dem objektiven Charakter, den die Streitbeendigung durch 



— 331 — 

das Kompromifs trägt, hebt sich die Versöhnung als ein rein 
subjektiver Modus ab. Ich meine hier nicht die Versöhnung, die die 
Folge eines Kompromisses oder einer sonstigen Beilegung des Streites 
ist, sondern die Ursache dieser letzteren. Die Versöhnlichkeit ist 
eine primäre Stimmung, die, ganz jenseits objektiver Gründe, den 
Kampf ebenso zu beenden sucht, wie die Streitlust, nicht w^eniger ohne 
sachliche Veranlassung, ihn unterhält. In den unzähligen Fällen, w^o 
der Streit anders beendet wird, als es in der unbarmherzigsten Kon- 
sequenz der Machtverhältnisse liegt, ist sicher diese ganz elementare 
und irrationale Versöhnlichkeitstendenz im Spiele — die etwas ganz 
andres ist, als Schwäche oder Gutmütigkeit, soziale Moral oder 
Nächstenliebe. Sie fällt nicht einmal mit der Friedfertigkeit zu- 
sammen. Denn diese vermeidet den Kampf von vornherein oder 
führt den aufgezwungenen mit der dauernden Unterströmung des 
Friedensbedürfnisses — während die Versöhnlichkeit in ihrer vollen 
Eigenart oft gerade nach der vollen Hingabe an den Kampf auftritt. 
Am ehesten scheint ihre psychisch-soziologische Eigenart mit der des 
Verzeihens verwandt, das ja auch keineswegs eine Laxheit der Re- 
aktion, eine mangelnde Kraft des Antagonismus voraussetzt, sondern 
ganz rein erst nach dem im Tiefsten empfundenen Unrecht und dem 
leidenschaftlichen Kampfe aufleuchtet. Darum liegt in der Versöhnung 
wie in der Verzeihung etwas Irrationales, etwas wie ein Dementi 
dessen, was man eben noch selbst war. Dieser geheimnisvolle 
Rhythmus der Seele, der die Vorgänge dieses Typus gerade allein 
durch die ihm widersprechenden bedingt sein läfst, verrät sich viel- 
leicht am stärksten in der Verzeihung: denn sie ist doch wohl der 
einzige Gefühlsvorgang, den wir ohne weiteres als dem Willen Untertan 
voraussetzen — da sonst die Bitte um Verzeihung sinnlos wäre. 
Eine Bitte kann uns nur zu etwas bewegen, worüber der Wille Macht 
hat. Dafs ich den besiegten Feind schone, dafs ich auf jede Rache 
an meinem Beleidiger verzichte, das kann begreiflicherweise, da es von 
meinem Willen abhängt, auf eine Bitte hin geschehen ; dafs ich jenen 
aber verzeihe, d. h. dafs das Gefühl des Antagonismus, des Hasses, 
der Trennung einem andern Gefühl Platz mache — darüber scheint 
der blofse Entschlufs so wenig verfügen zu können, wie über Gefühle 
überhaupt. In Wirklichkeit aber liegt es anders, und es sind nur sehr 
seltene Fälle, in denen wir selbst beim besten Willen nicht verzeihen 
können. Es liegt im Verzeihen, wenn man es bis in den letzten 



— 332 — 

Grund durchzufühlen sucht, etwas rational nicht recht begreifliches, 
und an diesem Charakter hat in gewissem Mafse auch die Versöhnung 
teil, weshalb denn beide soziologische Vorgänge sich bedeutsam in 
die Mystik der Religion übertragen; sie können das, weil sie schon 
als soziologische ein mystisch religiöses Element enthalten. 

Nun gibt das »versöhnte« Verhältnis in seinem Unterschiede 
gegen das nie gebrochene ein besonderes Problem auf. Hier ist 
nicht von den früher berührten die Rede, deren innerer Rhythmus über- 
haupt zwischen Zerwürfnis und Versöhnung pendelt; sondern von 
denen, die einen wirklichen Bruch erlitten haben und nach diesem 
wie auf einer neuen Basis wieder zusammengegangen sind. Durch 
wenige Charakterzüge werden Verhältnisse so bezeichnet, wie dadurch : 
ob sie in diesem Falle in ihrer Intensität gesteigert oder herab- 
gesetzt sind. Wenigstens ist dies die Alternative für alle tieferen 
und sensibleren Naturen ; wo ein Verhältnis , nachdem es einen radi- 
kalen Bruch erfahren hat , nachher in genau derselben Weise wieder 
auflebt als wenn nichts geschehen wäre, kann man im allgemeinen 
entweder frivolere oder grobkörnigere Sinnesart voraussetzen. Der 
zu zweit genannte Fall ist der am wenigsten komplizierte: dafs eine 
einmal geschehene Entzweiung sich nie mehr ganz tiberwinden läfst, 
auch nicht durch den ehrlichsten Willen der Parteien, ist ohne weiteres 
begreiflich; wobei durchaus kein Rest des Streitobjekts als solchen 
zurückgeblieben, keinerlei Unversöhnlichkeit vorhanden zu sein braucht, 
sondern die blofse Tatsache, dafs überhaupt ein Bruch einmal da war, 
entscheidet. Zu diesem Erfolg wirkt bei engen Verhältnissen, die 
einmal bis zu äufserer Entzweiung gekommen sind, oft dies mit: man 
hat gesehen, dafs man überhaupt ohne einander auskommen kann, 
dafs das Leben, wenn auch vielleicht nicht sehr heiter, eben doch 
weiterging. Dies setzt nicht blofs den Wert des Verhältnisses herab, 
sondern der Einzelne wirft sich gerade dies, nachdem die Einheit 
wieder hergestellt ist, leicht als eine Art Verrat und Untreue vor, 
die garnicht wieder gut zu machen ist und die in das wieder auf- 
wachsende Verhältnis eine Mutlosigkeit und ein Mifstrauen seiner 
Individuen gegen das eigene Gefühl verwebt. 

Freilich läuft hier oft eine Selbsttäuschung unter. Die über- 
raschende relative Leichtigkeit, mit der man manchmal das Aus- 
einandergehen eines nahen Verhältnisses erträgt, entstammt der Er- 
regung, die wir noch von der Katastrophe mitbringen. Diese hat alle 



— 333 — 

möglichen Energien in uns lebendig gemacht, deren Schwung uns 
noch eine Weile weiterträgt und aufrecht hält. Wie aber auch 
der Tod eines geliebten Menschen nicht in der ersten Stunde seine 
ganze Furchtbarkeit entfaltet, weil erst die weiterrollende Zeit alle 
die Situationen herbeibringt, in denen er sonst ein Element war, die 
wir nun wie mit einem herausgerissenen Gliede zu durchleben haben 
und die kein erster Augenblick zusammenfassend vorwegnehmen konnte 
— so löst sich eine wertvolle Beziehung sozusagen nicht in dem ersten 
Moment des Auseinandergehens, in dem vielmehr die Gründe ihrer 
Lösung unser Bewufstsein beherrschen ; sondern wir spüren den Ver- 
lust für alle einzelnen Stunden erst von Fall zu Fall, und deshalb 
wird ihm oft erst nach langer Zeit unser Gefühl ganz gerecht, das 
ihn im ersten Moment mit einem gewissen Gleichmut zu ertragen 
schien. Auch aus diesem Grunde ist die Versöhnung mancher Ver- 
hältnisse in dem Mafse tiefer und leidenschaftlicher, in dem der Bruch 
schon eine längere Zeit bestanden hat. Aus eben demselben aber ist 
überhaupt begreiflich, dafs das Tempo der Versöhnung , des »Ver- 
gebens und Vergessens«, von grofser Bedeutung für die strukturelle 
Weiterentwicklung des Verhältnisses ist, dafs jene Beendigungen des 
Streites ihn nicht wirklich aufheben, wenn nicht seine latenten Energien 
zuvor irgend eine Aktualisierung gefunden haben : erst in dem offeneren 
oder wenigstens bewufsteren Zustande werden sie von der Versöhnungs- 
tendenz wirklich durchdrungen. Wie man nicht zu schnell lernen 
darf, wenn das Gelernte uns bleiben soll, so darf man auch nicht zu 
schnell vergessen , wenn das Vergessen seine soziologische Bedeutung 
ganz entfalten soll. 

Dafs umgekehrt das Intensitätsmafs des versöhnten Verhältnisses über 
das des ungebrochenen hinauswächst, hat mancherlei Ursachen. 
Hauptsächlich wird dadurch ein Hintergrund geschaffen, von dem 
alle Werte und alle Selbsterhaltungen der Vereinigung sich bewufster 
und klarer abheben. Dazu bringt die Diskretion, mit der man jede 
Berührung des[ Vergangenen umgeht, eine neue Zartheit, ja, eine neue 
unausgesprochene Gemeinsamkeit in das Verhältnis. Denn allenthalben 
kann das gemeinsame Vermeiden eines allzuempfindlichen Punktes 
eine ebenso grofse Intimität und Sich -Verstehen bedeuten, wie die 
Ungeniertheit, die jeden Gegenstand des individuellen Innenlebens zu 
einem Gegenstand der positiven Gemeinsamkeit macht-, und endlich: 
die Intensität des Wunsches, das wieder auflebende Verhältnis vor 



— 334 — 

jedem Schatten zu bewahren, entstammt nicht nur den erfahrenen 
Leiden des Bruches, sondern vor allem dem Bewulstsein, dafs der 
zweite Bruch nicht mehr geheilt werden könnte , wie es der erste konnte. 
Denn dies würde in unzähligen Fällen und wenigstens unter sensi- 
tiven Menschen, das ganze Verhältnis zu einer Karikatur machen. Es 
kann wohl auch in dem tiefstgegründeten Verhältnis zu einem tragischen 
Bruch und zu einer Versöhnung kommen; aber dies gehört zu den 
Ereignissen, die so nur einmal stattfinden dürfen und deren Wieder- 
holung ihnen alle Würde und Ernsthaftigkeit raubt. Denn hat ein- 
mal die erste Wiederholung stattgefunden, so spricht nichts gegen eine 
zweite und dritte, die die ganzen Erschütterungen des Vorganges 
banalisieren und zu einem frivolen Spiel herabziehen würden. Viel- 
leicht ist dieses Gefühl, dafs ein nochmaliger Bruch der definitive 
wäre — ein Gefühl, zu dem es vor dem ersten kaum eine Analogie 
gibt — für feinere Naturen das stärkste Band, durch das das ver- 
söhnte Verhältnis sich von dem nie gebrochenen unterscheidet. 

Gerade wegen der tieferen Bedeutung, die das Mafs der Versöhn- 
lichkeit nach dem Streit, nach einseitig oder gegenseitig zugefügten 
Leiden, für die Entwicklung der Verhältnisse zwischen den Menschen 
hat, nimmt ihr negatives Extrem, die Un Versöhnlichkeit , an dieser 
Bedeutung teil. Auch sie kann, wie die Versöhnlichkeit, eine formale 
Stimmung der Seele sein, die freilich einer äufseren Situation zu ihrer 
Aktualisierung bedarf, dann aber ganz spontan und nicht nur als Folge 
anderweitiger, vermittelnder Emotionen eintritt. Beide Tendenzen ge- 
hören zu den polaren Grundelementen , deren Mischungen alle Ver- 
hältnisse zwischen den Menschen bestimmen. Man hört gelegentlich 
aussprechen : wer nicht vergessen könnte, könnte auch nicht vergeben, 
bezw. sich nicht vollständig versöhnen. Dies würde ersichtlich die 
fürchterlichste Unversöhnlichkeit bedeuten, denn es macht die Ver- 
söhnung davon abhängig, dafs jede Veranlassung zu ihrem Gegenteil 
aus dem Bewulstsein verschwunden ist; auch wäre sie, wie alle auf 
dem Vergessen beruhenden Vorgänge, in der steten Gefahr der Wider- 
rufung. Wenn die ganze Meinung einen Sinn haben soll, so läuft er 
in der umgekehrten Richtung: wo die Versöhntheit als primäre Tat- 
sache besteht, wird sie die Ursache sein, dafs der Zwist und das 
Leiden, das einem der andre bereitet hat, nicht mehr ins Bewufstsein 
aufsteigen. Entsprechend besteht nun auch die eigentliche Unversöhn- 
lichkeit keineswegs darin, dafs das Bewufstsein nicht über die ver- 



- 335 — 

gangenen Konflikte hinwegkommt; dies ist vielmehr erst eine Folge- 
erscheinung. Die Unversöhnlichkeit bedeutet, dafs die Seele durch 
den Kampf eine Modifikation ihres Seins erlitten hat , die nicht mehr 
rückgängig zu machen ist, die insofern nicht einer vernarbbaren Wunde, 
sondern einem verlorenen Gliede vergleichbar ist. Dies ist die 
tragischste Unversöhnlichkeit: weder ein Groll noch ein Vorbehalt 
oder geheimer Trotz braucht in der Seele zurückzubleiben und eine 
positive Schranke zwischen die eine und die andre zu legen-, es ist 
nur durch den durchgekämpften Konflikt etwas in ihr getötet worden, 
das nicht wieder zu beleben ist, auch nicht durch die eigene leiden- 
schaftliche Bemühung darum; hier liegt ein Punkt, an dem die Ohn- 
macht des Willens gegenüber dem tatsächlichen Sein des Menschen 
grell hervortritt — im stärksten psychologischen Gegensatz zu dem 
vorhin berührten T5^pus des Verzeihens. Während dies die Unversöhn- 
lichkeitsform sehr einheitlicher und nicht grade leicht beweglicher 
Naturen ist, findet sich bei innerlich stark differenzierten eine andre: 
das Bild und die Nachwirkung des Konfliktes und alles dessen, was 
man dem andern vorzuwerfen hatte, bleibt im Bewufstsein bestehen 
und kann nicht verschmerzt werden. Aber um dies herum wächst 
nun doch die unverminderte Liebe und Anhänglichkeit, indem jene 
Erinnerungen und Resignationen nicht als Abzug wirken, sondern wie 
organische Bestandteile in das Bild des andern eingefügt sind, den 
wir nun sozusagen inklusive dieser Passiva in der Bilanz unsres Ge- 
samtverhältnisses zu ihm lieben — wie wir doch einen Menschen 
auch mit all seinen Fehlern lieben, die wir vielleicht fortwünschen, 
aber nicht aus ihm fortdenken können. Die Bitternis des Kampfes, 
die Punkte, an denen die Persönlichkeit des andern versagt hat, die 
einen dauernden Verzicht oder eine immer erneute Irritation in das 
Verhältnis bringen — all dies ist unvergessen und eigentlich unver- 
söhnt. Allein es ist sozusagen lokalisiert, als ein Faktor in die ganze 
Beziehung aufgenommen, deren zentrale Intensität darunter nicht zu 
leiden braucht. 

Es liegt auf der Hand, dafs diese beiden Erscheinungen von Un- 
versöhnlichkeit, die sich von den gewöhnlich so genannten ersichtlich 
unterscheiden, doch die ganze Skala auch dieser einschliefsen : die 
eine läfst den Erfolg des Konfliktes, von dessen einzelnen Inhalten 
völlig gelöst, gerade in das Zentrum der Seele sinken, er gestaltet 
die Persönlichkeit, soweit sie sich auf die andre bezieht, in ihrer 



— 336 — 

tiefsten Schicht um. In der andern, umgekehrt, wird die psycholo- 
gische Hinterlassenschaft des Streites gleichsam isoliert, bleibt ein 
Einzelelement, das in das Bild des andern aufgenommen werden kann, 
um dann von dem Gesamtverhältnis zu ihm mitumfafst zu werden. 
Zwischen jenem schlimmsten und diesem leichtesten Fall von Unver- 
söhnlichkeit liegt offenbar die ganze Mannigfaltigkeit der Mafse, mit 
denen die Unversöhnlichkeit den Frieden noch in den Schatten des 
Kampfes stellt. 



Fünftes Kapitel. 
Das Geheimnis und die geheime Gesellschaft. 



Alle Beziehungen von Menschen untereinander ruhen selbst- 
verständlich darauf, dals sie etwas von einander wissen. Der Kauf- 
mann weifs, dafs sein Kontrahent so billig wie möglich kaufen und 
so teuer wie möglich verkaufen will •, der Lehrer weifs, dafs er dem 
Schüler eine gewisse Qualität und Quantität an Lernstoff zumuten 
kann ; innerhalb jeder Gesellschaftsschicht weifs der Einzelne, welches 
ungefähre Bildungsmafs er bei jedem andern vorauszusetzen hat — 
und offenbar würden ohne solches Wissen die hiermit berührten 
Wirkungen zwischen Mensch und Mensch überhaupt nicht stattfinden 
können. An allen Verhältnissen persönlich differenzierter Art entwickelt 
sich — wie man mit leicht ersichtlichen Vorbehalten sagen kann — 
Intensität und Färbung in dem Mafse, in dem jeder Teil sich dem 
andren durch Worte und Leben offenbart. Wieviel Irrtum und blofses 
Vorurteil in all diesem Kennen stecken mag, steht dahin. Wie aber 
unser Erkennen der äufseren Natur gegenüber neben seinen Täuschungen 
und Unzulänglichkeiten doch soweit Wahrheit erwirbt, wie für Leben 
und Fortschritt unserer Gattung erforderlich ist, so kennt jeder den 
andren, mit dem er zu tun hat, im Grofsen und Ganzen insoweit 
richtig, dafs Verkehr und Verhältnis möglich wird/ Dafs man weifs, 
mit wem man zu tun hat, ist die erste Bedingung, überhaupt mit 
jemandem etwas zu tun zu haben ; die übliche gegenseitige Vorstellung 
bei irgend länger dauernder Unterhaltung oder bei der Begegnung 
auf dem gleichen gesellschaftlichen Boden, ist, so sehr sie als hohle 
Form erscheint, ein zutreffendes Symbol jenes gegenseitigen Kennens, 
das ein Apriori jeder Beziehung ist. Dem Bewufstsein verbirgt sich 
dies vielfach, weil wir für eine aufserordentlich grofse Zahl von Be- 

Simmel, Soziologie. 22 



— 338 — 

Ziehungen nur die ganz typischen Tendenzen und Qualitäten gegen- 
seitig vorhanden zu wissen brauchen, die in ihrer Notwendigkeit ge- 
wöhnlich erst dann bemerkt werden, wenn sie einmal fehlen. Es lohnte 
eine spezialistische Untersuchung, welche Art und Grad gegenseitigen 
Kennens für die verschiedenen Verhältnisse unter Menschen erforder- 
lich ist; wie sich allgemeine psychologische Voraussetzungen, mit 
denen jeder an jeden herantritt, mit den besonderen Erfahrungen über 
das Individuum, das uns gegenübersteht, verflechten ; wie auf manchen 
Gebieten das gegenseitige Kennen kein beiderseitig gleiches zu sein 
braucht oder sein darf; wie bestehende Verhältnisse nur durch das 
auf beiden Seiten oder auf einer Seite wachsende Wissen um den 
andren in ihrer Entwicklung bestimmt werden; endlich, umgekehrt: 
wie unser objektiv psychologisches Bild von dem Andern durch die 
realen Beziehungen der Praxis und des Gemütes beeinflufst wird. Das 
letztere ist durchaus nicht nur im Sinne der Fälschung gemeint. Sondern 
völlig legitimer Weise ist die theoretische Vorstellung von einem be- 
stimmten Individuum eine verschiedene je nach dem Standpunkt, von 
dem aus sie gefafst wird und der durch die Gesamtbeziehung des Er- 
kennenden zum Erkannten gegeben wird. Da man niemals einen andren 
absolut kennen kann, — was das Wissen um jeden einzelnen Ge- 
danken und jede Stimmung bedeuten würde, — da man sich aber 
doch aus den Fragmenten von ihm, in denen allein er uns zugänglich 
ist, eine personale Einheit formt, so hängt die letztere von dem Teil 
seiner ab, den unser Standpunkt ihm gegenüber uns zu sehen gestattet. 
Diese Unterschiede aber entstehen keineswegs nur durch solche in 
der Quantität des Erkennens. Keine psychologische Kenntnis ist ein 
Abklatsch ihres Objektes, sondern jede ist, wie die der äufseren Natur, 
von den Formen abhängig, die der erkennende Geist mitbringt und 
in die er das Gegebene aufnimmt. Diese Formen sind aber, wo es 
sich um die Erkenntnis von Individuum zu Individuum handelt, sehr 
individuell differenziert, sie bringen es nicht zu der wissenschaftlichen 
Allgemeinheit und übersubjektiven Überzeugungskraft, die der äufseren 
Natur und den nur typischen Seelenvorgängen gegenüber erreichbar 
ist. 'Wenn A eine andre Vorstellung von M hat, als B sie besitzt, 
so braucht dies durchaus nicht Unvollkommenheit oder Täuschung 
zu bedeuten, sondern wie A nun einmal seinem Wesen und den ge- 
samten Umständen nach zu M steht, ist dieses Bild von M für ihn 
Wahrheit, ebenso wie für B ein inhaltlich abweichendes. Es steht 



— 339 — 

durchaus nicht über diesen beiden das objektiv richtige Wissen 
um M, von dem sie nach dem Mafse ihrer Übereinstimmung mit ihm 
legitimiert würden. Das Wahrheitsideal vielmehr, dem sich freilich 
das Bild von M in der Vorstellung von A immer nur asymp- 
totisch nähert, ist auch als Ideal ein andres als das des B, es ent- 
hält als integrierende , gestaltende Voraussetzung die seelische Eigen- 
art von A und das besondere Verhältnis, in das A und M durch ihre 
Charaktere und ihre Schicksale zu einander geraten. Jede Beziehung 
zwischen Menschen lälst ein Bild des einen im andren entstehen und 
dieses steht ersichtlich in Wechselwirkung mit jener realen Beziehung : 
während sie die Voraussetzungen schafft, auf die hin die Vorstellung 
des einen vom andern so und so ausfällt und ihre für diesen Fall 
legitimierte Wahrheit besitzt, gründet sich andrerseits die reale Wechsel- 
wirkung der Individuen auf dem Bilde, das sie von einander erwerben. 
Hier liegt einer der tiefgründigen Zirkel des geistigen Lebens vor, 
in denen ein Element ein zweites, dieses aber jenes voraussetzt. 
Während dies in engeren Gebieten ein Trugschlufs ist, der das Ganze 
hinfällig macht, ist es auf allgemeineren und fundamentaleren der un- 
vermeidliche Ausdruck der Einheit, zu der jene beiden Elemente zu- 
sammengehen, und die sich in unseren Denkformen nicht anders aus- 
drücken läfst, als durch den Aufbau des ersten auf dem zweiten und 
gleichzeitig des zweiten auf dem ersten. So entwickeln sich unsere 
Verhältnisse auf der Basis eines gegenseitigen Wissens von einander 
und dieses Wissen auf der Basis der tatsächlichen Verhältnisse, beides 
unlösbar ineinandergreifend und durch seine Alternierung innerhalb 
der soziologischen Wechselwirkung diese als einen der Punkte er- 
weisend, an dem das Sein und das Vorstellen ihre geheimnisvolle 
Einheit empirisch fühlbar machen. 

>" Unser Wissen gegenüber dem Gesamtdasein, auf dem unser 
Handeln sich gründet, ist durch eigentümliche Einschränkungen und 
Abbiegungen bezeichnet. Dafs »nur der Irrtum das Leben, das Wissen 
der Tod ist« kann prinzipiell natürlich nicht gelten, weil ein in fort- 
währenden Irrtümern befangenes Wesen fortwährend unzweckmäfsig 
handeln und also unrettbar zugrunde gehen würde. Dennoch ist an- 
gesichts unserer zufälligen und mangelhaften Anpassungen an unsere 
Lebensbedingungen kein Zweifel, dafs wir nicht nur so viel Wahrheit, 
sondern auch so viel Nichtwissen bewahren und so viel Irrtum er- 
werben, wie es für unser praktisches Tun zweckmäfsig ist; anhebend 

22* 



— 340 — 

von den grofsen, das Menschheitsleben umgestaltenden Erkenntnissen, 
die aber ausbleiben oder unbeachtet bleiben, wenn nicht die gesamte 
Kulturlage diese Wendungen möglich und nützlich macht, bis zu der 
»Lebenslüge« des Individuums, das so oft der Täuschung über sein 
Können, ja, über sein Fühlen bedarf, des Aberglaubens in Hinsicht 
der Götter wie der Menschen, um sich in seinem Sein und seinen 
Leistungsmöglichkeiten zu erhalten. In dieser psychologischen Hinsicht 
ist der Irrtum der Wahrheit koordiniert: die Zweckmäfsigkeit des 
äufseren wie des inneren Lebens sorgt dafür, dafs wir von dem 
einen wie von dem andren gerade das haben, was die Basis des für 
uns erforderlichen Verhaltens bildet — natürlich nur im Grofsen und 
Ganzen und mit einer weiten Latitüde für Schwankungen und mangel- 
hafte Adaptationen. 

' Nun gibt es aber innerhalb des Objektkreises für Wahrheit und 
Täuschung einen bestimmten Ausschnitt, in dem beides einen sonst 
nirgends vorkommenden Charakter erwerben kann: das Innere des 
uns gegenüberstehenden Menschen, der uns die Wahrheit über sich 
mit Willen entweder offenbaren oder uns durch Lüge und Ver- 
heimlichung über sie täuschen kann. Kein andres Objekt kann uns in 
dieser Weise von sich aus aufklären oder sich verstecken, wie der 
Mensch es kann, weil kein andres sein Verhalten durch die Rücksicht 
auf sein Erkanntwerden modifiziert. Diese Modifikation findet natürlich 
nicht durchgängig statt: vielfach ist uns auch der andre Mensch 
prinzipiell nur wie ein Stück Natur, das unserer Erkenntnis sozusagen 
stillhält. Soweit dafür Äufserungen des Andren in Betracht kommen, 
und eben solche, die von keinem Gedanken an diese Verwertung 
ihrer modifiziert werden, sondern völlig unbefangene und unmittel- 
bare Mitteilungen sind — wird ein prinzipielles Moment für die Be- 
stimmung des Individuums durch seine Umgebung wichtig. Man hat 
es für ein Problem erklärt, bezw. die weitgehendsten Folgerungen 
daraus gezogen, dafs unser seelischer Prozefs, der rein naturhaft ver- 
läuft, doch in seinem Inhalt so gut wie immer zugleich den logischen 
Normen gemäfs wäre; es ist in der Tat höchst merkwürdig, dafs ein 
blos von Naturursachen hervorgebrachtes Geschehen so vor sich 
geht, als ob es von den idealen Gesetzen der Logik regiert würde; 
denn es ist nicht anders, als ob ein Baimizweig, mit einem Telegraphen- 
apparat so verbunden, dafs seine Bewegungen im Winde diesen in 
Tätigkeit setzen, ihn damit zu Zeichen veranlafste, die für uns einen 



— 341 — 

vernünftigen Sinn ergeben. Diesem eigenartigen Problem gegenüber 
das als ganzes hier nicht zur Diskussion steht, ist indes das eine zu 
bemerken: unsere tatsächlichen, psychologischen Prozesse sind in viel 
geringerem Grade logisch reguliert, als es nach ihren Aufserungen 
scheint. Achtet man genau auf die Vorstellungen, wie sie in der Zeit- 
reihe kontinuierlich durch unser Bewufstsein gehen, so ist ihr Flackern, 
ihre Zickzackbewegungen, das Durcheinanderwirbeln sachlich zusammen- 
hangsloser Bilder und Ideen, ihre logisch garnicht zu rechtfertigenden, 
sozusagen nur probeweisen Verbindungen — alles dies ist äufserst weit 
von vernunftmäfsiger Normiertheit entfernt •, nur werden wir uns dessen 
nicht häufig bewufst, weil unsere Interessenakzente nur auf dem 
»brauchbaren« Teile ünsres Vorstellungslebens liegen, weil wir dessen 
Sprünge, seine Unvernünftigkeiten und sein Chaos, trotz der psycho- 
logischen Tatsächlichkeit alles dieses, vor dem einigermafsen Logischen 
oder sonst Wertvollen rasch zu übergehen oder zu überhören pflegen. 
So ist nun alles das, was wir einem Andern mit Worten oder etwa 
auf sonstige Weise mitteilen, auch das Subjektivste, Impulsivste, Ver- 
trauteste, eine Auswahl aus jenem seelisch- wirklicnen Ganzen, dessen nach 
Inhalt und Reihenfolge absolut genaue Verlautbarung jeden Menschen — 
wenn ein paiadoxer Ausdruck erlaubt ist — ins Irrenhaus bringen 
würde. Es sind nicht nur, in quantitativer Hinsicht, Bruchstücke unseres 
tatsächlichen Innenlebens, die wir selbst dem nächsten Menschen allein 
offenbaren; sondern diese sind auch nicht eine Auslese, die jene Tat- 
sächlichkeit sozusagen pro rata repräsentiert, sondern eine von einem 
Gesichtspunkte der Vernunft, des Wertes, der Beziehung zum Hörer, 
der Rücksicht auf sein Verstehen aus getroffene. Was wir auch sagen 
mögen, das über die Interjektion und das Mitteilungsminimum hinaus- 
geht: wir stellen damit niemals unmittelbar und getreu dar, was nun 
wirklich in diesem Zeitabschnitt in uns vorgeht, sondern eme teleo- 
logisch gelenkte, aussparende und wieder zusammensetzende Um- 
formung der inneren Wirklichkeit. Mit einem Instinkt, der das Gegen- 
teil automatisch ausschliefst, zeigen wir Niemandem den rein kausal 
wirklichen, vom Standpunkt der Logik, der Sachlichkeit, des Sinnes 
aus ganz inkohärenten und unvernünftigen Verlauf unserer Seelen- 
vorgänge, sondern immer nur einen durch Selektion und Anordnung 
stilisierten Ausschnitt aus diesen; und es ist überhaupt kein andrer 
Verkehr und keine andre Gesellschaft denkbar, als die auf diesem 
teleologisch bestimmten Nichtwissen des einen um den andern beruht. 



— 342 — 

Von dieser selbstverständlichen, apriorischen, sozusagen absoluten 
Voraussetzung werden die relativen Unterschiede umfafst, die wir als 
das aufrichtige Uns-Offenbaren und das lügenhafte Uns- Verbergen 
kennen. 
^iUi Jede Lüge, wie sachlicher Natur auch ihr Gegenstand sei, ist 
^»j ihrem inneren Wesen nach eine Irrtumserregung über das lügende 
Subjekt: denn sie besteht darin, dals der Lügner die wahre Vor- 
stellung, die er besitzt, dem Andern verbirgt. Nicht, dals der Be- 
logene über die Sache eine falsche Vorstellung hat, erschöpft das 
spezifische Wesen der Lüge — das teilt sie mit dem einfachen Irrtum ^ 
sondern dafs er über die innere Meinung der lügenden Person in 
Täuschung erhalten wird. Wahrhaftigkeit und Lüge nun sind für die 
Verhältnisse der Menschen untereinander von der weittragendsten Be- 
deutung. Soziologische Strukturen unterscheiden sich auf das charakte- 
ristischste durch das Mafs von Lüge, das in ihnen wirksam ist. Zu- 
nächst ist in sehr einfachen Verhältnissen die Lüge für den Bestand 
der Gruppe vielfach harmloser als in komplizierten. Der primitive 
Mensch, in einem Kreise von geringem Umfange lebend, seine Be- 
dürfnisse durch Eigenproduktion oder unmittelbare Kooperation be- 
schaffend, seine geistigen Interessen auf eigene Erfahrungen oder ein- 
reihige Tradition beschränkend, übersieht und kontrolliert das Material 
seines Daseins leichter und vollständiger, als der Mensch höherer 
Kulturen. Die unzähligen Irrtümer und Abergläubischkeiten im Leben 
des primitiven Menschen sind ihm zwar verderblich genug, aber lange 
nicht so, wie die entsprechenden in vorgeschrittenen Epochen wären, 
weil die Praxis seines Lebens in der Hauptsache auf jene wenigen 
Tatsachen und Verhältnisse eingestellt ist, von denen sein enger Ge- 
sichtskreis ihm eine richtige Ansicht unmittelbar zu gewinnen erlaubt. 
Bei reicherem und weiterem Kulturleben dagegen steht das Leben auf 
tausend Voraussetzungen, die der Einzelne überhaupt nicht bis zu 
ihrem Grunde verfolgen und verifizieren kann, sondern die er auf 
Treu und Glauben hinnehmen mufs. In viel weiterem Umfange, als 
man es sich klar zu machen pflegt, ruht unsre moderne Existenz — 
von der Wirtschaft, die immer mehr Kreditwirtschaft wird, bis zum 
Wissenschaftsbetrieb, in dem die Mehrheit der Forscher unzählige, 
ihnen garnicht nachprüfbare Resultate anderer verwenden mufs — 
auf dem Glauben an die Ehrlichkeit des andern. Wir bauen unsere 
wichtigsten Entschlüsse auf ein kompliziertes System von Vorstellungen^ 



— 343 — 

deren Mehrzahl das Vertrauen, dafs wir nicht betrogen sind, voraus- 
setzt. Dadurch wird die Lüge in modernen Verhältnissen zu etwas 
viel verheerenderem, die Grundlagen des Lebens viel mehr in Frage 
stellendem, als es früher der Fall war. Wenn die Lüge noch heute 
bei uns als eine so lälsliche Sünde erschiene, wie bei den griechischen 
Göttern, den jüdischen Erzvätern oder den Südseeinsulanern, wenn 
nicht die äufserste Strenge des Moralgebotes davon abschreckte, so 
wäre der Aufbau des modernen Lebens schlechthin unmöglich, das in 
einem viel weiteren als dem ökonomischen Sinne »Kreditwirtschaft« 
ist. Dieses Verhältnis der Zeiten wiederholt sich an den Distanzen 
andrer Dimensionen. Je ferner dritte Personen dem Zentrum unsrer 
Persönlichkeit stehen, desto eher können wir uns praktisch, aber auch 
innerlich mit ihrer Unwahrhaftigkeit abfinden : wenn die paar nächsten 
Menschen uns belügen, wird das Leben unerträglich. Diese Banalität 
muls dennoch soziologisch hervorgehoben werden, weil sie zeigt, dafs 
die Mafse von Wahrhaftigkeit und Lüge, die mit dem Bestand von 
Verhältnissen verträglich sind, eine Skala bilden, an der die Intensitäts- 
mafse dieser Verhältnisse abzulesen sind. 

Zu jener relativen soziologischen Zulässigkeit der Lüge in 
primitiven Zuständen aber kommt eine positive Zweckmäfsigkeit der- 
selben. Wo die erste Organisierung, Rangierung, Zentralisierung der 
Gruppe in Frage steht, wird sie durch Unterwerfung der Schwachen 
unter die körperlich und geistig Überlegenen stattfinden. Die Lüge, 
die sich durchsetzt, d. h. nicht durchschaut wird, ist zweifellos ein 
Mittel, geistige Überlegenheit zur Wirkung zu bringen und zur 
Lenkung und Unterdrückung der weniger Schlauen zu verwenden. 
Es ist ein geistiges Faustrecht, ebenso brutal, aber gelegentlich ebenso 
am Platze wie das physische, sei es als Selektion zur Züchtung der 
Intelligenz, sei es, um einigen Wenigen, für die nun Andre arbeiten 
müssen, die Mufse zur Produktion höherer Kulturgüter zu schaffen, 
sei es, um den Gruppenkräften einen Anführer zu geben. Je mehr 
diese Zwecke mit Mitteln von geringeren unerwünschten Neben- 
wirkungen erreicht werden, desto weniger bedarf es der Lüge und 
desto mehr Raum wird für das Bewufstsein ihrer ethischen Ver- 
werflichkeit. Dieser Prozefs ist noch keineswegs abgeschlossen. Der 
Kleinhandel glaubt noch heute, gewisser lügenhafter Anpreisungen 
der Waren nicht entbehren zu können und übt sie deshalb mit gutem 
Gewissen. Der Grofshandel und das Detailgeschäft wirklich grofsen 



5'^ 



— 344 - 

Stiles hat dies Stadium überwunden und kann in der Darbietung seiner 
Waren mit vollkommener Aufrichtigkeit verfahren. Sobald die Be- 
triebsart auch des kleinen und mittleren Kaufmanns die gleiche Voll- 
kommenheit erreicht haben w^ird, werden die Übertreibungen und 
direkten Unwahrheiten in Reklame und Anempfehlung, die ihm heute 
im allgemeinen nicht übelgenommen werden, dieselbe ethische Ver- 
urteilung erfahren, die heute schon an den Stellen der praktischen 
Entbehrlichkeit jener stattfindet. Der auf Wahrhaftigkeit gebaute 
Verkehr wird innerhalb einer Gruppe im allgemeinen um so an- 
gemessener sein, je mehr das Wohl der Vielen statt der Wenigen ihre 
Norm bildet. Denn die Belogenen — also die durch die Lüge Ge- 
schädigten — werden immer gegenüber dem Lügner, der durch die 
Lüge seinen Vorteil findet, in der Mehrzahl sein. Deshalb ist die 
»Aufklärung« , die auf die Beseitigung der im sozialen Leben wirk- 
samen Unwahrheiten zielt, durchaus demokratischen Charakters. 

Der Verkehr der Menschen ruht normalerweise darauf, dafs ihren 
Vorstellungswelten gewisse Bestandteile gemeinsam sind, dafs objektiv- 
geistige Inhalte das Material bilden, das durch ihre Beziehungen zu 
subjektivem Leben entwickelt wird; wovon der Typus und der 
wesentliche Träger die für Alle gleiche Sprache ist. Sieht man 
aber näher zu, so besteht die hiermit gemeinte Basis keineswegs nur 
in dem, was der eine und der andere weifs, beziehungsweise, was der 
eiöe als seelischen Inhalt des anderen kennt, sondern dies ist von 
solchem durchwebt, was nur der eine, der andere aber nicht weifs. 
Und zwar werden sich an dieser Beschränkung noch positivere Be- 
deutsamkeiten erweisen, als jene früheren, die sich aus dem Gegensatz 
der unlogisch-zufälligen Wirklichkeit des Vorstellungsverlaufes zu dem 
ergaben, was wir davon logisch-teleologisch auswählen, um es Andern 
zu offenbaren. Die Dualistik des menschlichen Wesens, die jede 
Äufserung desselben aus einer Mehrheit auseinanderliegender Quellen 
fliefsen, jedes Mafs gleichzeitig als ein grofses und als ein kleines emp- 
finden läfst, je nachdem es mit Kleinerem oder Gröfserem zusammen- 
betrachtet wirdj — diese läfst auch die soziologischen Verhältnisse 
durchaus dualistisch bedingt sein: die Eintracht, Harmonie, Zu- 
sammenwirksamkeit, die als die schlechthin sozialisierenden Kräfte 
gelten, müssen von Distanz, Konkurrenz, Repulsion durchbrochen 
werden, um die wirkliche Konfiguration der Gesellschaft zu ergeben; 
die festen organisierenden Formen, die die Gesellschaft als solche oder 



- 345 — 

zu einer solchen zu bilden scheinen, müssen fortwährend durch indivi- 
dualistisch-irreguläre Kräfte gestört , debalanziert , angenagt werden, 
um nachgebend und widerstehend die Lebendigkeit ihrer Reaktion 
und Entwicklung zu gewinnen; die Verhältnisse intimen Charakters, 
deren formaler Träger die körperlich-seelische Nähe ist, verlieren den 
Reiz, ja, den Inhalt ihrer Intimität, sobald das Nahverhältnis nicht, 
gleichzeitig und alternierend, auch Distanz und Pausen einschliefst; 
endlich, worauf es hier ankommt: das Wissen umeinander, das die 
Beziehungen positiv bedingt, tut dies doch nicht schon für sich allein 
— sondern, wie sie nun einmal sind, setzen sie ebenso ein gewisses 
Nichtwissen, ein, freilich unermefslich wechselndes Mafs gegenseitiger 
Verborgenheit voraus. Die Lüge ist nur eine sehr rohe, im letzten 
Grunde oft widerspruchsvolle Form, in der diese Notwendigkeit zutage 
tritt. So oft sie ein Verhältnis zerstören mag — solange es bestand, 
war sie doch ein integrierendes Element seiner Beschaffenheit. Man 
muls sich hüten, durch den in ethischer Hinsicht negativen Wert der 
Lüge über die soziologisch durchaus positive Bedeutung getäuscht zu 
werden, die sie in der Gestaltung gewisser konkreter Verhältnisse 
ausübt. Im übrigen ist die Lüge in Bezug auf die jetzt fragliche sozio- 
logische Elementartatsache: die Einschränkung der Kenntnis des 
einen vom andern — hier nur eines der möglichen Mittel, die positive 
und sozusagen aggressive Technik, deren Zweck im allgemeinen durch 
blofses Geheimhalten und Verbergen erreicht wird. Um diese all- 
gemeineren und negativeren Formen handelt es sich im folgenden. 

Bevor das Geheimnis als bewulst gewolltes Verbergen in Frage 
kommt, bedarf es der Erwähnung, in wie verschiedenen Mafsen ver- 
schiedene Verhältnisse die gegenseitige Kenntnis der Gesamtpersönlich- 
keiten aufserhalb ihrer Grenzen lassen/'' Von den Vereinigungen, die 
überhaupt noch eine direkte Wechselwirkung in sich schliefsen, steht 
hier"]] der Zweckverband obenan — und zwar derjenige , bei dem 
schlechthin objektive und durch die Zugehörigkeit zum Verbände von 
vornherein bestimmte Leistungen der Mitglieder in Frage stehen — 
am entschiedensten also in der Form der reinen Geldbeiträge. Hier 
beruht [die Wechsel Wirksamkeit , der Zusammenhalt, die gemeinsame 
Zweckverfolgung durchaus nicht darauf, dafs einer den andern psycho- 
logisch kenne. Der Einzelne ist als Mitglied der Gruppe ausschliefs- 
lich der Träger einer bestimmten Leistung, und welche individuellen 
Motive ihn zu dieser bestimmen oder welche Gesamtpersönlichkeit 



— 346 — 

sein Handeln überhaupt trägt, ist hier völlig gleichgültig. Der Zweck- 
verband ist die schlechthin diskrete soziologische Formung, seine 
Teilnehmer sind in psychologischer Hinsicht anonym und brauchen, 
um die Vereinigung zu bilden, voneinander eben nur zu wissen, dafs 
sie sie bilden. Die steigende Objektivierung unsrer Kultur, deren Ge- 
bilde immer mehr aus unpersönlichen Energien erwachsen und immer 
weniger die subjektive Ganzheit des Individuums in sich aufnehmen, 
wie es der Gegensatz der Handwerkerarbeit und der Fabrikarbeit am 
einfachsten exemplifiziert — diese Objektivierung ergreift auch die 
soziologischen Gebilde ; so dafs Vereinigungen, in die früher der ganze 
und individuelle Mensch eintrat und die infolgedessen ein gegenseitiges 
Kennen über den unmittelbaren Sachgehalt der Beziehung hinaus 
forderten, jetzt auf diesen, reinlich herausdifferenzierten, ausschliefslich 
gestellt sind. 

^ «^ Damit gewinnt auch jene Vor- oder Nachform des Wissens um 
einen Menschen : das Vertrauen zu ihm — ersichtlich eine der wichtig- 
sten synthetischen Kräfte innerhalb der Gesellschaft — eine besondere 
Evolution. Vertrauen, als die Hypothese künftigen Verhaltens, die 
sicher genug ist, um praktisches Handeln darauf zu gründen, ist als 
Hypothese ein mittlerer Zustand zwischen Wissen und Nichtwissen um 
den Menschen. Der völlig Wissende braucht nicht zu vertrauen, der 
völlig Nichtwissende kann vernünftigerweise nicht einmal vertrauen^). 



^) Es gibt freilich noch einen andern Typus des Vertrauens, der, weil 
er jenseits von Wissen und Nichtwissen steht, den jetzigen Zusammenhang 
nur mittelbar berührt: denjenigen, den man den Glauben des Menschen 
an einen andern nennt und der in die Kategorie des religiösen Glaubens 
gehört. Wie man niemals auf Grund der »Beweise für das Dasein Gottes« 
an ihn geglaubt hat, diese Beweise vielmehr nur die nachträgliche Recht- 
fertigung oder intellektuelle Spiegelung'eines ganz unmittelbaren Verhaltens 
des Gemütes sind — so »glaubt« man an einen Menschen, ohne dafs dieser 
Glaube sich durch Beweise für die Würdigkeit der Person rechtfertigte, 
ja, oft trotz der Beweise für das Gegenteil der Würdigkeit. Dieses Ver- 
trauen, diese innere Vorbehaltlosigkeit einem Menschen gegenüber ist 
weder durch Erfahrungen noch durch Hypothesen vermittelt, sondern ein 
primäres Verhalten der Seele in Bezug auf den andern. In ganz reiner, voij 
jeder empirischen Erwägung gelöster Form tritt dieser Zustand des Glaubens 
wahrscheinlich nur innerhalb der Religion auf, Menschen gegenüber wird 
er wohl immer einer Anregung oder einer Bestätigung durch das oben be- 
handelte Wissen oder Vermuten bedürfen; während andrerseits freilich 
auch in jenen sozialen Formen des Vertrauens, als so exakt oder intellek- 
tuell begründet sie auftreten, ein Zusatz jenes gefühlsmäfsigen, ja, mystischen 
^Glaubens« des Menschen an den Menschen stecken mag. Vielleicht ist so- 



— 347 — 

Welche Mafse von Wissen und Nichtwissen sich mischen müssen, 
um die einzelne, auf das Vertrauen gebaute praktische Entscheidung 
zu ermöglichen^ das unterscheidet die Zeitalter, die Interessengebiete, 
die Individuen/ Jene Objektivierung der Kultur hat die zum Vertrauen 
erforderlichen Wissens- und Nichtwissensquanta entschieden differen- 
ziert. Der moderne Kaufmann, der mit dem andren ein Geschäft en- 
triert 5 der Gelehrte, der mit einem andren zusammen eine Untersuchung 
unternimmt; der Führer einer politischen Partei, der mit dem einer 
andren ein Abkommen über Wahlangelegenheiten oder die Behandlung 
von Gesetzesvorschlägen trifft — alle diese wissen, von Ausnahmen 
und Unvollkommenheiten abgesehen, über ihren Partner genau das, 
was zu wissen für die zu knüpfende Beziehung erforderlich ist. Die 
Traditionen und Institutionen, die Macht der öffentlichen Meinung und 
die Umschriebenheit der Stellung, die den Einzelnen unentrinnbar 
präjudiziert, sind so fest und zuverlässig geworden, dafs man von dem 
andren nur gewisse Äufserlichkeiten zu wissen braucht, um das für 
die gemeinsame Aktion erforderliche Zutrauen zu haben. Das Funda- 
ment an persönlichen Qualitäten, von dem prinzipiell eine Modifi- 
kation des Verhaltens innerhalb der Beziehung ausgehen könnte, 
kommt nicht mehr in Betracht, die Motivierung und Regulierung 
dieses Verhaltens hat sich so versachlicht, dals das Vertrauen nicht 
mehr der eigentlich personalen Kenntnis bedarf. In primitiveren, 
weniger differenzierten Verhältnissen wufste man von seinem Partner 
sehr viel mehr — in persönlicher Hinsicht — und sehr viel weniger 
in Bezug auf die rein sachliche Zuverläfsigkeit. Beides gehört zusammen : 
um angesichts des Mangels in letzterer Hinsicht das erforderliche Ver- 
trauen zu erzeugen, bedurfte es eines viel höheren Mafses des Wissens 
in ersterer. Jenes rein generelle, nur das Sachliche an der Person 
betreffende Kennen ihrer, von dessen Grenze an ihr Persönlich-Indi- 
viduelles ihr Geheimnis bleiben kann, mufs sich nun erheblich 
durch das Kennen dieses Persönlichen ergänzen, sobald die Zweck- 
vereinigung eine wesentliche Bedeutung für die Gesamtexistenz 
der Teilnehmer besitzt. Der Kaufmann, der einem andren Getreide 
oder Petroleum verkauft, braucht nur zu wissen, ob dieser für den 



gar das hiermit Bezeichnete eine Grundkategorie menschlichen Verhaltens, 
auf den metaphysischen Sinn unserer Beziehungen zurückgehend und durch 
die bewufsten, singulären Gründe des Vertrauens nur empirisch, zufällig, 
fragmentarisch verwirklicht. 



— 348 — 

Betrag gut ist ; sobald er aber einen andren zum Associe nimmt, mufs 
^r nicht nur die Vermögenslage und gewisse ganz allgemeine Quali- 
täten desselben kennen, sondern mufs ihn als Persönlichkeit weit- 
gehend durchschauen, mufs seine Anständigkeit, seine Verträglichkeit, 
sein wagendes oder zagendes Temperament kennen 5 und auf solcher — 
gegenseitiger — Kenntnis ruht nicht nur das Eingehen des Verhält- 
nisses, sondern seine gesamte Fortsetzung, die täglichen gemeinsamen 
Aktionen, die Fimktionsteilung unter den Kompagnons. Das Geheimnis 
der Persönlichkeit ist jetzt soziologisch beschränkter, es ist ihr bei 
der Breite, in der das Gemeinsamkeitsinteresse von den persönlichen 
Beschaffenheiten getragen ist, kein so weitgehendes iFürsichsein mehr 
gestattet. 
<| Jenseits der Zweckvereinigungen, aber ebenso jenseits der in der 

ganzen Persönlichkeit wurzelnden Verhältnisse, steht die soziologisch 
höchst eigentümliche Beziehung, die man in den höheren Kultur- 
schichten jetzt als die »Bekanntschaft« schlechthin bezeichnet. Dafs 
man sich gegenseitig »kennt«, bedeutet in diesem Sinne durchaus 
nicht, dafs man sich gegenseitig kennt, d. h. einen Einblick in das 
eigentlich Individuelle der Persönlichkeit habe ; sondern nur, dafs jeder 
sozusagen von der Existenz des andren Notiz genommen habe. 
Charakteristischer Weise wird dem Begriff der Bekanntschaft schon 
durch die Namennennung, die »Vorstellung«, genügt: die Kenntnis des 
»Dafs«, nicht des »Was« der Persönlichkeit bedingt die »Bekanntschaft«. 
Indem man aussagt, mit einer bestimmten Person bekannt, ja selbst 
gut bekannt zu sein, bezeichnet man doch sehr deutlich den Mangel 
eigentlich intimer Beziehungen; man kennt vom Andern unter dieser 
Rubrik nur das, was er nach aufsen hin ist : entweder im rein gesell- 
schaftlich-repräsentativen Sinn, oder so, dafs man eben nur kennt, was 
der andre uns zeigt; der Grad des Kennens, den das »Gut-miteinander- 
Bekanntsein« einschliefst, bezieht sich gleichsam nicht auf das »An- 
Sich« des andren, nicht auf das, was in der innerlichen Schicht, sondern 
nur was in der, dem Andern und der Welt zugewandten wesentlich 
istl^ Deshalb ist die Bekanntschaft in diesem gesellschaftlichen Sinne 
der eigentliche Sitz der »Diskretion«. Denn diese besteht keineswegs 
nur in dem Respekt vor dem Geheimnis des Andren, vor seinem 
f'i'^ direkten Willen, uns dies oder jenes zu verbergen; sondern schon 
darin, dafs man sich von der Kenntnis alles dessen am Andren fern- 
hält, was er nicht positiv offenbart. Es handelt sich hier also prinzipiell 



— 349 — 

nicht um Bestimmtes, das man nicht wissen darf, sondern um die 
ganz allgemeine, der Gesamtpersönlichkeit gegenüber geübte Reserve, 
und um eine Spezialform des typischen Gegensatzes der Imperative: 
was nicht verboten ist, ist erlaubt, und : was nicht erlaubt ist, ist ver- 
boten. So scheiden sich die Verhältnisse der Menschen an der Frage 
des Wissens um einander: was nicht verborgen wird, darf gewufst 
werden, und : was nicht offenbart wird, darf auch nicht gewufst werden. 
Die letztere Entscheidung entspricht der auch sonst wirkungsvollen 
Empfindung, dafs um jeden Menschen eine ideelle Sphäre liegt, nach 
verschiedenen Richtungen und verschiedenen Personen gegenüber 
freilich ungleich grofs, in die man nicht eindringen kann, ohne den Per- 
sönlichkeitswert des Individuums zu zerstören. Einen solchen Bezirk 
legt die Ehre um den Menschen ; sehr fein bezeichnet die Sprache 
eine Ehrenkränkung als »zu nahe Treten«, der Radius jener Sphäre so- 
zusagen bezeichnet die Distanz, deren Überschreitung durch eine fremde 
Persönlichkeit die Ehre kränkt. Eine andre Sphäre der gleichen Form 
entspricht dem, was man als die »Bedeutung« einer Persönlichkeit 
bezeichnet. Dem »bedeutenden« Menschen gegenüber besteht ein innerer 
Zwang zum Distanzhalten, der selbst im intimen Verhältnis mit ihm 
nicht ohne weiteres verschwindet und der nur für denjenigen nicht 
vorhanden ist, der kein Organ zur Wahrnehmung der Bedeutung hat. 
Darum existiert jene Distanzsphäre nicht für den » Kammerdiener «^ 
weil es für ihn keinen »Helden« gibt, was aber nicht an dem Helden, 
sondern an dem Kammerdiener liegt. Darum ist auch alle Zudringlich- 
keit mit einem auffallenden Mangel an Gefühl für die Bedeutungs- 
unterschiede der Menschen verbunden; wer einer bedeutenden Per- 
sönlichkeit gegenüber zudringlich ist, schätzt sie nicht — wie es ober- 
flächlich scheinen könnte, — hoch oder zu hoch, sondern umgekehrt, 
er offenbart damit gerade das Fehlen der eigentlichen Achtung. Wie 
der Maler die Bedeutsamkeit einer Gestalt in einem vielfigurigen Bilde 
oft dadurch nachdrücklich macht, dafs er die andren in einem erheb- 
lichen Abstand um sie herum anordnet, so ist auch das soziologische 
5 'I Gleichnis der Bedeutung die Distanz, die den andren aufserhalb einer 
bestimmten, von der Persönlichkeit mit ihrer Macht, ihrem Willen^ 
ihrer Gröfse ausgefüllten Sphäre nält.J Ein derartiger, wenn auch 
ganz anders wertbetonter Umkreis umgibt den Menschen, besetzt mit 
seinen Angelegenheiten und Beschaffenheiten, in die durch Kenntnis- 
nahme einzudringen, eine Verletzung seiner Persönlichkeit bedeutet. 



— 350 — 

Wie das materielle; Eigentum gleichsam eine Ausdehnung des Ich 
ist — Besitz ist eben, was dem Willen des Besitzers gehorcht, wie, 
in nur gradueller Unterschiedenheit, der Leib, der unser erster »Besitz« 
ist — und wie deshalb jeder Eingriff in den Besitzstand als eine Ver- 
gewaltigung der Persönlichkeit empfunden wird, so gibt es ein geistiges 
Privateigentum, dessen Vergewaltigung eine Lädierung des Ich in seinem 
Zentrum bewirkt. Diskretion ist nichts andres als das Rechtsgefühl 
in Bezug auf die Sphäre der unmitteilbaren Lebensinhalte. Natürlich 
ist auch sie in ihrer Lage nach verschiedenen Persönlichkeiten hin 
sehr verschieden ausgedehnt, wie auch die der Ehre und des Eigen- 
tums den »nahe« stehenden Personen gegenüber einen ganz andren 
Radius haben, als den Fremden und Gleichgültigen. Bei den vorhin be- 
handelten, im engeren Sinne gesellschaftlichen Beziehungen, wie man 
sie am einfachsten als »Bekanntschaften« bezeichnet, handelt es sich 
zunächst um eine ganz typische Grenze, jenseits deren vielleicht gar 
keine gehüteten Geheimnisse liegen, über die aber der Andre kon- 
ventionell-diskreterweise nicht durch Fragen oder sonstige Invasionen 
hindringt. 

Die Frage, wo diese Grenze liegt, ist selbst nur prinzipiell keines- 
wegs einfach zu beantworten, sondern führt in das feinste Gefüge der 
gesellschaftlichen Formung hinab. Es kann nämlich das Recht jenes 
geistigen Privateigentums ebensowenig im absoluten Sinne bejaht 
werden, wie das des materiellen. Wir wissen, dafs das letztere inner- 
halb höherer Kultur nach den drei wesentlichen Seiten: Erwerb, 
Sicherung, Fruktifizierung — niemals auf den blofs eigenen Kräften 
des Individuums steht, sondern dazu der Zustände und Kräfte des 
gesellschaftlichen Milieus bedarf, und dafs deshalb seine Einschränkung — 
sei es durch den Erwerb betreffende Prohibitionen, sei es durch Be- 
steuerung — von vornherein das Recht des Ganzen ist; aber dieses 
Recht ist noch tiefer gegründet, als auf dem Prinzip der Leistung 
und Gegenleistung zwischen Gesellschaft und Individuum, nämlich 
auf dem viel elementareren, dafs der Teil sich so viel Einschränkung 
seines Fürsichseins und -habens gefallen lassen mufs, wie die Er- 
haltung und die Zwecke des Ganzen erfordern. Und dies gilt auch 
für die innere Sphäre des Menschen. Denn im Interesse des Verkehrs 
und des sozialen Zusammenhaltes mufs der Eine vom Andren gewisse 
Dinge wissen, und dieser Andre hat nicht das Recht, sich vom morali- 
schen Standpunkt aus dagegen zur Wehre zu setzen und die Diskre- 



— 351 — 

tion des Ersten, d. h. den ungestört eigenen Besitz seines Seins und 
Bewufstseins auch da zu verlangen, wo die Diskretion die gesellschaft- 
lichen Interessen schädigen würde. Der Geschäftsmann, der mit einem 
andren langsichtige Verpflichtungen kontrahiert, die Herrschaft, die 
einen Dienstboten engagiert, aber auch dieser letztere, bevor er sich 
in das Dienstverhältnis begibt ; der Vorgesetzte, der einen Untergebenen 
avancieren läfst; die Hausfrau, die eine neue Persönlichkeit in ihren 
Geselligkeitskreis aufnimmt — alle diese müssen berechtigt sein, von 
der Vergangenheit und Gegenwart des fraglichen Andren, von seinem 
Temperament und seiner moralischen Beschaffenheit alles das zu er- 
fahren oder zu kombinieren, woraufhin sich die Aktion ihm gegen- 
über oder ihre Ablehnung vernünftigerweise gründen läfst. Dies sind 
ganz grobe Fälle, in denen die Diskretionspflicht: auf die Kenntnis 
alles dessen, was der Andre uns nicht freiwillig zeigt, zu verzichten — 
vor den Erfordernissen für die Praxis zurücktreten mufs. Aber in 
feineren und weniger eindeutigen Formen, in fragmentarischen An- 
sätzen und Unausgesprochenheiten ruht der ganze Verkehr der 
Menschen darauf, dafs jeder vom andren etwas mehr weifs, als dieser 
ihm willentlich offenbart, und vielfach solches, dessen Erkanntwerden 
durch den andren, wenn jener es wüfste, ihm unerwünscht wäre. 
Während dies im individuellen Sinne als Indiskretion gelten kann, im 
sozialen aber erforderlich ist, als Bedingung für die bestehende Enge 
und Lebhaftigkeit des Verkehrs — ist die Rechtsgrenze dieses Ein- 
bruchs in das geistige Privateigentum aufserordentlich schwer zu 
ziehen. Im allgemeinen spricht der Mensch sich das Recht zu, alles 
das zu wissen, was er, ohne Anwendung äufserer illegaler Mittel, rein 
durch psychologische Beobachtung und Nachdenken ergründen kann. 
Tatsächlich aber kann die auf diese Weise geübte Indiskretion ebenso 
gewalttätig und moralisch unzulässig sein, wie das Horchen an ver- 
schlossenen Türen und das Hinschielen auf fremde Briefe. Für den 
psychologisch Feinhörigen verraten die Menschen unzählige Male ihre 
geheimsten Gedanken und Beschaffenheiten, nicht nur obgleich, sondern 
oft gerade weil sie ängstlich bemüht sind, sie zu hüten. Das gierige, 
spionierende Auffangen jedes unbedachten Wortes, die bohrende Re- 
flexion: was dieser Tonfall wohl zu bedeuten habe, w^ozu jene Aufse- 
rungen sich kombinieren liefsen, was das Erröten bei der Nennung 
eines bestimmten Namens wohl verrate — alles dies überschreitet die 
Grenze der äufserlichen Diskretion nicht, ist durchaus die Arbeit des 



— 352 — 

eigenen Intellekts und darum ein scheinbar unbestrittenes Recht des 
Subjektes; und dies um so mehr, als ein dei artiger Mifsbrauch der 
psychologischen Überlegenheit oft völlig unwillkürlich eintritt — wir 
können unserer Interpretation des Andren, der Konstruktion seiner 
Innerlichkeit, oft garnicht Einhalt tun. So sehr der anständige Mensch 
sich jenes Nachgrübeln über die Verborgenheit eines Andren, jene 
Ausnutzimg seiner Unvorsichtigkeiten und Hülflosigkeiten verbieten 
wird, so vollzieht sich ein Erkenntnisprozefs dieses Gebietes oft so 
automatisch, sein Resultat steht oft so plötzlich und unübersehbar vor 
uns, dafs der gute Wille gamichts dagegen tun kann. Wo das zweifel- 
los Unerlaubte so doch unvermeidlich sein kann, ist die Abgrenzung 
zwischen Erlaubtem und Unerlaubtem um so undeutlicher. Wie weit 
die Diskretion sich auch der geistigen Antastung »alles dessen, was 
sein ist« zu enthalten hat, wie weit die Interessen des Verkehrs, das 
Aufeinander-Angewiesensein der Glieder derselben Gruppe diese Dis- 
kretionspflicht einschränken — das ist eine Frage, zu deren Beant- 
wortung weder der sittliche Takt noch der Überblick über die objek- 
tiven Verhältnisse und ihre Forderungen allein genügt, da vielmehr 
beides durchaus zusammenwirken mufs. Die Feinheit und Komplikation 
dieser Frage weist sie in viel höherem Grade auf die individuelle 
durch keine generelle Norm zu präjudizierende Entscheidung, als es 
einer solchen für die Frage nach dem Privateigentum im materiellen 
Sinne bedarf. 

'T Dieser Vorform oder dieser Ergänzung des Geheimnisses gegen- 
über, in der nicht das Verhalten des Geheimhaltenden, sondern das 
eines Andern in Frage steht, in der bei der Mischung gegenseitigen 
Kennens oder Nichtkennens der Akzent mehr auf dem Mals des ersteren 
als des letzteren liegt — ihr gegenüber kommen wir zu einer ganz 
neuen Wendung: in denjenigen Verhältnissen nämlich, die nicht wie 
die bisherigen um fest umschriebene und, wenn auch nur durch die 
Tatsache ihrer blofsen »Oberflächlichkeit«, sachlich festzulegende 
Interessen zentrieren, sondern die sich, mindestens ihrer Idee nach, 
auf der ganzen Breite der Persönlichkeiten aufbauen. Die haupt- 
sächlichen Typen sind hier Freundschaft und Ehe. Soweit das Freund- 
schaftsideal von der Antike her aufgenommen und eigentümlicher- 
weise gerade im romantischen Sinne fortgebildet worden ist, geht es 
auf eine absolute seelische Vertrautheit, das Seitenstück dazu, dafs 
den Freunden auch der materielle Besitz gemeinsam sein soll. Dieses 



— 353 — 

Eintreten des ganzen, ungeteilten Ich in das Verhältnis mag in der 
Freiindschaft deshalb plausibler sein als in der Liebe, weil ihr die 
einseitige Zuspitzung auf ein Element fehlt, die die Liebe durch ihre 
Sinnlichkeit erfährt. Freilich findet dadurch, dafs in dem Gesamt- 
umfang möglicher Verbindungsgründe einer gleichsam die Tete nimmt, 
eine gewisse Organisierung derselben statt, wie sie einer Gruppe 
durch die Führerschaft zuteil wird. Ein sehr starkes Beziehungs- 
moment bricht oft die Bahn, auf der ihm die andern, ohne dieses 
latent gebliebenen, folgen-, und unleugbar öffnet bei den meisten 
Menschen die geschlechtliche Liebe die Tore der Gesamtpersönlichkeit 
am weitesten, ja, bei nicht wenigen ist die Liebe die einzige Form, 
in der sie ihr ganzes Ich geben können, wie dem Künstler die Form 
seiner jeweiligen Kunst die einzige Möglichkeit bietet, sein ganzes 
Inneres darzubieten. Besonders häufig dürfte dies bei Frauen be- 
obachtet werden, — freilich soll auch die ganz anders gemeinte »christ- 
liche Liebe« das Entsprechende leisten — dafs sie nicht nur, weil sie 
lieben, ihr sonstiges Sein und Haben rückhaltslos hingeben, sondern 
dafs dieses gleichsam in der Liebe chemisch gelöst wird und nur und 
ganz in deren Färbung, Gestalt, Temperatur auf den andern über- 
fliefst. Andrerseits aber, wo das Liebesgefühl nicht expansiv genug, 
die übrigen Seeleninhalte nicht bildsam genug sind, kann, wie ich an- 
deutete, das Überwiegen der erotischen Verbindungslinie die übrigen, 
sowohl praktisch-sittlichen wie geistigen Berührungen, das Sich-Öffnen 
der jenseits des Erotischen liegenden Reservoire der Persönlichkeit 
unterdrücken. Die Freundschaft, der diese Heftigkeit, aber auch diese 
häutige Ungleichmäfsigkeit der Hingabe fehlt, mag eher den ganzen 
Menschen mit dem ganzen Menschen verbinden, mag eher die Ver- 
schlossenheiten der Seele, zwar .nicht so stürmisch , aber in breiterem 
Umfang und längerem Nacheinander lösen. Solche völlige Vertrautheit 
dürfte indes mit der wachsenden Differenzierung der Menschen immer 
schwieriger werden. Vielleicht hat der moderne Mensch zuviel zu 
verbergen, um eine Freundschaft im antiken Sinne zu haben, viel- 
leicht sind die Persönlichkeiten auch, aufser in sehr jungen Jahren, 
zu eigenartig individualisiert, um die volle Gegenseitigkeit des Ver- 
ständnisses, des blofsen Aufnehmens, zu dem ja immer so viel ganz 
auf den andern eingestellte Divination und produktive Phantasie ge- 
hört, zu ermöglichen. Es scheint, dafs deshalb die moderne Gefühls- 
weise sich mehr zu differenzierten Freundschaften neigte, d. h. zu 

Simmel, Soziologie. 23 



— 354 — 

solchen, die ihr Gebiet nur an je einer Seite der Persönlichkeiten 
haben und in die die übrigen nicht hineinspielen. Damit kommt ein 
ganz besonderer Typus der Freundschaft auf, der für unser Problem : 
das Mals des Eindringens oder der Reserve innerhalb des Freimd- 
schaftsverhältnisses — von gröfster Bedeutung ist. Diese differen- 
zierten Freundschaften, die uns mit einem Menschen von der Seite 
des Gemütes, mit einem andern von der der geistigen Gemeinsamkeit 
her, mit einem Dritten um religiöser Impulse willen, mit einem vierten 
durch gemeinsame Erlebnisse verbinden — diese stellen in Hinsicht 
der Diskretionsfrage, des Sich-Offenbarens und Sich-Verschweigens 
eine völlig eigenartige Synthese dar; sie fordern, dafs die Freunde 
gegenseitig nicht in die Interessen- und Gefühlsgebiete hineinsehen, 
die nun einmal nicht in die Beziehung eingeschlossen sind und deren 
Berührung die Grenze des gegenseitigen Sich-Verstehens schmerzlich 
fühlbar machen würde. Aber die so begrenzte und mit Diskretionen 
umgebene Beziehung kann dennoch aus dem Zentrum der ganzen Persön- 
lichkeit kommen, von ihren letzten Wurzelsäften getränkt sein, so sehr 
sie sich nur in einen Abschnitt ihrer Peripherie ergiefst ; sie führt, ihrer 
Idee nach, in dieselbe Gemütstiefe und zu derselben Opferwilligkeit, 
wie undifferenziertere Epochen und Personen sie nur mit einer Ge- 
meinsamkeit der gesamten Lebensperipherie verbinden, für die Re- 
serven und Diskretion kein Problem sind. 
I Ij Viel diffiziler liegt die Abmessung des Sich-Offenbarens und Sich- 
Zurückhaltens, mit ihren Komplementen, dem Eindringen und der Dis- 
kretion, in der Ehe. Hier gehört sie zu dem ganz allgemeinen, für 
die Soziologie des intimen Verhältnisses höchst wichtigen Problem- 
gebiete : ob das Maximum von Gemeinsamkeitswerten dadurch erreicht 
werde, dafs die Persönlichkeiten ihr Fürsichsein gänzlich aneinander 
aufgeben oder gerade umgekehrt durch ein Zurückbehalten — ob sie 
sich nicht etwa qualitativ mehr gehören, wenn sie sich quantitativ 
weniger gehören. Diese Frage des Maises kann natürlich nur zu- 
gleich mit der andern beantwortet werden: wie denn innerhalb der 
Gesamtmitteilbarkeiten des Menschen die Grenze zu ziehen ist, an der 
eventuell die Zurückhaltung und der Respekt des andern begönne. Der 
Vorzug der modernen Ehe — der beide Fragen freilich nur von Fall 
zu Fall beantwortbar macht — ist, dafs diese Grenze nicht von vorn- 
herein festgelegt ist, wie es in andern und früheren Kulturen der 
Fall ist. In den letzteren namentlich ist die Ehe prinzipiell überhaupt 



— 355 — 

kein erotisches, sondern nur ein ökonomisch- sozial es Institut, die Be- 
friedigung der Liebeswünsche ist nur akzidentell damit verbunden, 
sie wird, natürhch mit Ausnahmen, nicht aus der individuellen 
Attraktion, sondern aus Gründen der Familienverbindung, der Arbeits- 
verhältnisse, der Nachkommenschaft geschlossen. Zu äufserst klarer 
Differenzierung haben es in dieser Hinsicht die Griechen gebracht, 
laut Demosthenes: »Wir haben Hetären für das Vergnügen, Kon- 
kubinen für die täglichen Bedürfnisse, Gattinnen aber, um uns recht- 
mäfsige Kinder zu geben und für das Innere des Hauses zu sorgen.« 
Offenbar wird bei einem so mechanischen, das seelische Zentrum aulser 
Funktion setzenden Verhältnis — wie es übrigens, unter gewissen 
Modifikationen, die Geschichte und die Beobachtung der Ehe auf 
Schritt und Tritt zeigt — einerseits weder Bedürfnis noch Möglich- 
keit intimen gegenseitigen Sich-Erschliefsens vorliegen, andrerseits 
werden aber auch manche Reserven des Zartgefühles und der Keusch- 
heit hinwegfallen, die, trotz ihrer scheinbaren Negativität, doch gerade 
die Blüte eines ganz verinner] ichten, ganz persönlichen Nahverhält- 
nisses sind. — Dieselbe Tendenz, von den Gemeinsamkeiten der Ehe 
bestimmte Lebensinhalte a priori und durch überindividuelle Satzung 
auszuschliefsen , liegt in der Mehrfachheit der Eheformen innerhalb 
eines Volkskreises, zwischen denen die Eheschliefsenden eine vorher- 
gängige Wahl zu treffen haben, imd die die ökonomischen, religiösen, 
familienrechtlichen Interessen in mannigfaltigen Weisen für die Ehe 
differenzieren: so bei vielen Naturvölkern, bei den Indern, bei den 
Römern. Nun wird niemand verkennen, dafs auch innerhalb des 
modernen Lebens die Ehe wahrscheinlich überwiegend aus kon- 
ventionellen oder materiellen Motiven eingegangen wird. Allein, 
gleichviel wie oft verwirklicht, die soziologische Idee der modernen 
Ehe ist die Gemeinsamkeit aller Lebensinhalte, insoweit sie un- 
mittelbar und durch ihre Wirkungen den Wert und das Schicksal der 
Persönlichkeit bestimmen. Und das Präjudiz dieser idealen Forderung 
ist durchaus nicht wirkungslos ; es hat oft genug Raum und Anregung 
gegeben, eine ursprünglich sehr unvollkommene Gemeinsamkeit zu 
einer immer umfassenderen zu entwickeln. Aber während gerade die 
Unbeendbarkeit dieses Prozesses das Glück und die innere Lebendig- 
keit des Verhältnisses trägt, pflegt seine Umkehrung schwere Ent- 
täuschungen zu bringen : wenn nämlich die absolute Einheit von vorn- 
herein antizipiert wird, Verlangen wie Darbieten keinerlei Zurück- 

23* 



— 356 — 

"" haltung kennt, selbst diejenige nicht, die für alle feineren und tieferen 
Naturen auch dann noch immer in den dunklen Gründen der Seele 
bleibt, wenn sie sich ganz vor dem andern auszuschütten meint. 

In der Ehe wie in eheartigen freien Verhältnissen liegt die Ver- 
führung sehr nahe, in der ersten Zeit völlig ineinander aufzugehen^ 
die letzten Reserven der Seele denen der Körperlichkeit nachzuschicken, 
sich völlig vorbehaltlos aneinander zu verlieren. Dies aber wird 
meistens die Zukunft des Verhältnisses erheblich bedrohen. Ohne 
Gefahr können nur diejenigen Menschen sich ganz geben, die sich 
überhaupt nicht ganz geben können, weil der Reichtum ihrer Seele 
in fortwährenden Weiterentwicklungen beruht, die jeder Hingabe so- 
gleich neue Schätze nachwachsen lassen; die eine Unerschöpflichkeit 
latenter seelischer Besitztümer haben, und diese deshalb so wenig mit 
einem Male offenbaren und wegschenken können, wie mit den fort- 
gegebenen Jahresfrüchten eines Baumes die des nächsten Jahres ver- 
geben sind. Anders aber bei denen, die mit den Aufschwüngen des 
Gefühles, der Unbedingtheit einer Hingabe, der Offenbarung ihres 
Seelenlebens sozusagen vom Kapital nehmen, bei denen es an jener 
garnicht zu offenbarenden und von dem Ich garnicht ablösbaren Quell- 
kraft immer neuen seelischen Erwerbes fehlt. Da liegt denn die 
Chance nahe, dafs man sich eines Tages mit leeren Händen gegen- 
übersteht, dafs die dionysische Schenkseligkeit eine Verarmung zurück- 
läfst, die noch rückwirkend — ungerecht, aber darum nicht weniger 
bitter — sogar die genossenen Hingaben und ihr Glück Lügen straft. 
Wir sind nun einmal so eingerichtet, dafs wir nicht nur, wie oben 
bemerkt, einer bestimmten Proportion von Wahrheit und Irrtum als 
Basis unsres Lebens bedürfen, sondern auch einer solchen von Deut- 
lichkeit und Undeutlichkeit im Bilde unsrer Lebenselemente. Was 
wir bis auf den letzten Grund deutlich durchschauen, zeigt uns eben 
damit die Grenze seines Reizes, und verbietet der Phantasie, ihre 
Möglichkeiten darein zu weben, für deren Verlust keine Wirklichkeit 
uns entschädigen kann, weil jenes eben Selbsttätigkeit ist, die 
durch kein Empfangen und Geniefsen auf die Dauer ersetzt werden 
kann. Der Andre soll uns nicht nur eine hinzunehmende Gabe schenken, 
sondern auch die Möglichkeit, ihn zu beschenken, mit Hoffnungen 
und Idealisierungen, mit verborgenen Schönheiten und ihm selbst un- 
bewufsten Reizen. Der Ort aber, an dem wir all dies von uns, aber 
für ihn Hervorgebrachte, deponieren, ist der undeutliche Horizont 



— 357 — 

seiner Persönlichkeit, das Zwischenreich, in dem der Glaube das Wissen 
ablöst. Es ist durchaus zu betonen, dals es sich dabei keineswegs 
nur um Illusionen und optimistischen oder verliebten Selbstbetrug 
handelt, sondern einfach darum, dals uns ein Teil auch der nächsten 
Menschen, damit ihr Reiz für uns auf der Höhe bleibe, in der Form 
der Undeutlichkeit oder Unanschaulichkeit geboten sein mufs; damit 
ersetzt die Mehrzahl der Menschen den Attraktionswert, den jene 
Minderzahl durch die Unerschöpflichkeit ihres inneren Lebens und 
Wachsens besitzt. Die blofse Tatsache des absoluten Kennens, des 
psychologischen Ausgeschöpfthabens ernüchtert uns auch ohne vor- 
hergehenden Rausch, lähmt die Lebendigkeit der Beziehungen und 
lälst ihre Fortsetzung als etwas eigentlich Zweckloses erscheinen. 
Dies ist die Gefahr der restlosen und in einem mehr als äufseren 
Sinne schamlosen Hingabe, zu der die unbeschränkten Möglichkeiten 
intimer Beziehungen verführen, ja, die leicht als eine Art Pflicht 
empfunden werden — namentlich da, wo keine absolute Sicherheit 
des eigenen Gefühles besteht, und die Besorgnis, dem Andern nicht 
genug zu geben, dazu verleitet, ihm zuviel zu geben. An diesem 
Mangel gegenseitiger Diskretion, im Sinne des Nehmens wie des 
Gebens, gehen sicher viele Ehen zugrunde, d. h. , verfallen in eine 
reizlos-banale Gewöhnung, in eine Selbstverständlichkeit, die keinen 
Raum für Überraschungen mehr hat. Die fruchtbare Tiefe der Be- 
ziehungen, die hinter jedem geoffenbarten Letzten noch ein Allerletztes 
ahnt und ehrt, die auch das sicher Besessene täglich von neuem zu 
erobern reizt, ist nur der Lohn jener Zartheit und Selbstbeherrschung, 
die auch in dem engsten, den ganzen Menschen umfassenden Ver- 
hältnis noch das innere Privateigentum respektiert, die das Recht auf 
Frage durch das Recht auf Geheimnis begrenzen läfst. 
J5^^ Alle diese Kombinationen werden soziologisch dadurch bezeichnet, 
dafs das Geheimnis des Einen vom Andern gewissermafsen anerkannt, 
dafs das absichtlich oder unabsichtlich Verborgene absichtlich oder un- 
absichtlich respektiert wird. Die Absicht des Verbergens nimmt aber 
eine ganz andre Intensität an, sobald ihr die Absicht der Entschleierung 
gegenübersteht. Dann entsteht jenes tendenziöse Verstecken und 
Maskieren, jene sozusagen aggressive Defensive gegen den Dritten, 
die man erst eigentlich als Geheimnis bezeichnet^* Das Geheimnis in 
diesem Sinne, das durch negative oder positive Mittel getragene Ver- 
bergen von Wirklichkeiten, ist eine der gröfsten Errungenschaften der 



- 358 — 

Menschheit; gegenüber dem kindischen Zustand, in dem jede Vor- 
stellung sofort ausgesprochen wird, jedes Unternehmen allen Blicken 
zugänglich ist, wird durch das Geheimnis eine ungeheure Erweiterung 
des Lebens erreicht, weil vielerlei Inhalte desselben bei völliger 
Publizität überhaupt nicht auftauchen können. Das Geheimnis bietet 
sozusagen die Möglichkeit einer zweiten Welt neben der offenbaren, 
und diese wird von jener auf das stärkste beeinflufst. Es charakteri- 
siert jedes Verhältnis zwischen zwei Menschen oder zwischen zwei 
Gruppen, ob und wieviel Geheimnis in ihm ist; denn auch wo der 
Andre das Vorliegen eines solchen nicht bemerkt , wird damit doch 
jedenfalls das Verhalten des Verbergenden , und also das ganze Ver- 
hältnis modifiziert ^). Die geschichtliche Entwicklung der Gesellschaft 
ist in vielen Teilen dadurch bezeichnet, dafs früher Offenbares in den 
Schutz des Geheimnisses tritt, und dafs umgekehrt früher Geheimes 
dieses Schutzes entbehren kann und sich offenbart — vergleichbar 
jener anderen Evolution des Geistes : dafs zuerst bewufst Ausgeführtes 
zu unbewufst - mechanischer Übung herabsinkt, und andrerseits früher 
Unbewuf st- Instinktives in die Helle des Bewufstseins aufsteigt. Wie 
sich dies auf die verschiedenen Formungen des privaten wie des öffent- 
lichen Lebens verteilt; wie jene Evolution zu immer zweckmäfsigeren 
Zuständen führt, indem zuerst das Geheimnis oft, ungeschickt und un- 
differenziert, viel zu weit ausgedehnt wird, andrerseits' für Vieles der 
Nutzen der Verborgenheit erst spät erkannt wird; wie das Quantum 
des Geheimnisses in seinen Folgen durch die Wichtigkeit oder In- 
differenz seines Inhaltes modifiziert wird — all dies läfst schon als 
blofse Frage die Bedeutung des Geheimnisses für die Struktur der 
menschlichen Wechselwirksamkeiten hervorleuchten. Darüber darf 
die vielfache ethische Negativität des Geheimnisses nicht täuschen; 
denn das Geheimnis ist eine allgemeine soziologische Form, die völlig 
neutral über den Wertbedeutungen ihrer Inhalte steht. Sie nimmt 
einerseits die höchsten Werte in sich auf : so die feine Scham der vor- 



') Dies Verbergen hat in manchen Fällen eine soziologische Folge von 
eigentümlicher ethischer Paradoxität. So zerstörend nämlich es oft für ein 
Verhältnis zwischen zweien ist, wenn der eine eine Schuld gegen den 
andern begangen hat, die beiden im ßewufstsein ist, so nützlich kann eben 
dasselbe für das Verhältnis sein, wenn der Schuldige allein darum weifs; 
denn dadurch wird er zu Rücksicht, Zartheiten, geheimem Wieder-gutmachen- 
wollen bewegt, zu Nachgiebigkeiten und Selbstlosigkeiten, die ihm bei völlig 
gutem Gewissen ganz fernlägen. 



— 359 — 

nehmen Seele, die gerade ihr Bestes verbirgt, um es sich nicht durch 
Lob und Lohn bezahlen zu lassen ; denn hiernach besitzt man gleich- 
sam das Entgelt, aber nicht den eigentlichen Wert selbst mehr. 
Andrerseits steht zwar nicht das Geheimnis mit dem Bösen, aber das 
Böse mit dem Geheimnis in einem unmittelbaren Zusammenhang. 
Denn aus naheliegenden Gründen verbirgt sich das Unsittliche — 
selbst da, wo sein Inhalt keine soziale Ahndung findet, wie manche 
sexuelle Verfehlungen. Die innerlich isolierende Wirkung der Un- 
sittlichkeit als solcher, noch abgesehen von aller primären sozialen 
Repulsion, ist, neben den vielen vorgeblichen Verflechtungen der 
ethischen und der sozialen Reihe, eine wirkliche und wichtige; das 
Geheimnis ist — unter andrem — auch der soziologische Ausdruck 
der sittlichen Schlechtigkeit, obgleich die klassische Sentenz : Niemand 
sei so schlecht, dafs er auch noch schlecht scheinen wolle — den Tat- 
sachen widerstreitet. Denn Trotz und Zynismus lassen es oft genug 
zur Verhüllung der Schlechtigkeit nicht kommen, ja, sie können die- 
selbe zu einer Steigerung der Persönlichkeit andern gegenüber aus- 
nützen, bis zu dem Grade, dafs gelegentlich mit garnicht vorhandenen 
Immoralitäten renommiert wird. 

% 1 Die Verwendung des Geheimnisses als einer soziologischen Technik, 
als einer Form des Handelns, ohne die angesichts unsres sozialen Um- 
gebenseins gewisse Zwecke überhaupt nicht erreichbar sind — ist 
ohne weiteres einzusehen. Nicht ganz so offenbar sind die Reize und 
Werte, die es über diese Bedeutung als Mittel hinaus besitzt, die 
eigentümliche Attraktion des formal geheimnisvollen Verhaltens, ab- 
gesehen von seinem jeweiligen Inhalte. Zunächst gibt der stark be- 
tonte Ausschlufs aller Draulsenstehenden ein entsprechend stark be- 
tontes Eigentumsgefühl. Für viele Naturen gewinnt eben der Besitz 
seine rechte Bedeutimg nicht schon durch das positive Haben, sondern 
bedarf des Bewufstseins, dafs andre ihn entbehren müssen. Es ist er- 
sichtlich die Reizbarkeit unsres Empfindens durch den Unterschied, 
die dies begründet. Aufserdem, da das Ausgeschlossensein der Andern 
von einem Besitz insbesondere bei grofsem Werte desselben eintreten 
wird, liegt psychologisch die Umkehrung nahe, dafs das Vielen Ver- 
sagte etwas besonders Wertvolles sein müsse. Und so gewinnt das 
innere Eigentum verschiedenster Art einen charakteristischen Wertakzent 
durch die Form des Geheimnisses, in der die inhaltliche Bedeutung 
der verschwiegenen Tatsache oft genug ganz davor zurücktritt, dafs 



— 360 — 

andre eben nichts von ihr wissen. Unter Kindern gründet sich oft 
ein Stolz und Sich-Berühmen darauf, dafs das eine zum andern sagen 
kann: »Ich weifs doch was, was du nicht weifst« — und zwar so 
weitgehend, dafs dies als formales Mittel der Prahlerei und De 
klassierung des Andern geäufsert wird, auch wo es ganz erlogen ist 
und gar kein Geheimnis besessen wird. Von den kleinsten bis in die 
gröfsten Verhältnisse hinein zeigt sich diese Eifersucht auf das Wissen 
um eine Andern verborgene Tatsache. Die englischen Parlaments- 
verhandlungen waren lange geheim, und noch unter Georg III. wurden 
Mitteilimgen über sie durch die Presse strafrechtlich verfolgt, und zwar 
ausdrücklich als Verletzung der parlamentarischen Privilegien. 
Das Geheimnis gibt der Persönlichkeit eine Ausnahmestellung, es 
wirkt als ein rein sozial bestimmter Reiz, prinzipiell unabhängig von 
dem Inhalt, den es hütet, aber natürlich in dem Mafse steigend, 
in dem das ausschliefsend besessene Geheimnis bedeutsam und um- 
fassend ist. Und dazu wirkt eine Umkehrung, analog der soeben er- 
wähnten. Jede höhere Persönlichkeit und alle höheren Leistungen 
haben für den Durchschnitt der Menschen etwas Geheimnisvolles. 
Gewifs quillt alles menschliche Sein und Tun aus unenträtselten 
Kräften. Allein innerhalb qualitativer und wertmäfsiger Niveau- 
gleichheit macht dies noch nicht den Einen zum Problem für den 
Andern, insbesondere weil auf diese Gleichheit hin ein gewisses un- 
mittelbares, nicht vom Intellekt getragenes Verstehen stattfindet. 
Wesentliche Ungleichheit aber läfst es zu solchem nicht kommen, 
und in der Form des singulären Unterschiedes wird sogleich die 
generelle Rätselhaftigkeit wirksam — ungefähr wie man, immer in 
derselben Landschaft lebend, garnicht auf das Problem unsrer Be- 
einflufstheit durch das landschaftliche Milieu kommen mag, das sich 
aber aufdrängt, sobald wir die Umgebung wechseln, und der Unter- 
schied des Lebensgefühles uns auf jenes verursachende Moment des 
letzteren überhaupt aufmerksam macht. Aus diesem Geheimnis, das 
alles Tiefere und Bedeutende beschattet, wäctist die typische Irrung: 
alles Geheimnisvolle ist etwas Wesentliches und Bedeutsames. Der 
natürliche Idealisierungstrieb und die natürliche Furchtsamkeit des 
Menschen wirken dem Unbekannten gegenüber zu dem gleichen Ziele, 
es durch die Phantasie zu steigern und ihm eine Aufmerksamkeits- 
betonung zuzuwenden, die die offenbarte Wirklichkeit meistens nicht 
gewonnen hätte. 



— 361 — 

$ "3 Mit diesen Attraktionen des Geheimnisses vereinigen sich nun 
eigentümlicherweise die seines logischen Gegensatzes : des Verrates — 
die ersichtlich nicht weniger soziologischer Natur sind. Das Ge- 
heimnis enthält eine Spannung, die im Augenblick der Offenbarung 
ihre Lösung findet. Dieser bildet die Peripetie in der Entwicklung 
des Geheimnisses, in ihm sammeln und gipfeln sich noch einmal 
dessen ganze Reize — wie der Moment des Verschwendens den Wert 
des Objektes in äufserster Zuspitzung geniefsen läfst: das mit dem 
Geldbesitz gegebene Machtgefühl konzentriert sich für die Seele des 
Verschwenders am vollständigsten und lustvollsten in dem Augenblick, 
wo er diese Macht aus Händen gibt. Auch das Geheimnis ist ge- 
tragen von dem Bewufstsein, es verraten zu können, und damit die 
Macht zu Schicksalswendungen und Überraschungen, zu Freuden und 
Zerstörungen, wenn auch vielleicht nur zur Selbstzerstörung, in der 
Hand zu haben. Darum umspielt Möglichkeit und Versuchung des 
Verrates das Geheimnis, und mit der äufseren Gefahr des Entdeckt- 
werdens verschlingt sich diese innere des Sich-Entdeckens , die der 
Anziehungskraft des Abgrunds gleicht. Das Geheimnis legt eine 
Schranke zwischen die Menschen, zugleich aber den verführerischen 
Anreiz, sie durch Ausplaudern oder Beichte zu durchbrechen — der 
das psychische Leben des Geheimnisses wie ein Oberton begleitet. 
Darum findet die soziologische Bedeutung des Geheimnisses ihr prak- 
tisches Mafs, den Modus ihrer Verwirklichung, erst an der Fähigkeit 
oder Neigung der Subjekte, es auch bei sich zu behalten, bzw. an 
ihrem Widerstand oder Schwäche gegenüber der Versuchung zum 
Verrate. Aus dem Gegenspiel dieser beiden Interessen, am Verbergen 
und am Enthüllen, quellen Färbungen und Schicksale der mensch- 
lichen Wechselbeziehungen durch deren gesamten Bezirk hin. Wenn 
nach unsren früheren Ausmachungen jede Beziehung zwischen Menschen 
eine ihrer Charakterisierungen daran hat, wieviel Geheimnis in ihr 
oder um sie ist, so bestimmt sich ihre Weiterentwicklung in dieser 
Hinsicht nach dem Mischungsmafs der festhaltenden und der nach- 
lassenden Energien — jene getragen durch das praktische Interesse 
und die formalen Reize des Geheimnisses als solchen, diese durch die 
Unfähigkeit, die Anspannung des Geheimhaltens länger zu leisten, 
und durch die Superiorität , die, im Geheimnis sozusagen in latenter 
Form liegend, sich erst im Augenblick der Enthüllung für das Ge- 
fühl voll aktualisiert; andrerseits aber auch oft durch die Lust der 



— 362 - 

Beichte, die jenes Machtgefühl in negativer und perverser Form, als 
Selbsterniedrigung und Zerknirschung enthalten kann. 
^ '■ Alle diese Momente, die die soziologische Rolle des Geheimnisses 
bestimmen, sind individueller Natur; aber das Mafs, in dem die An- 
lagen und die Komplikationen der Persönlichkeiten Geheimnisse bilden, 
hängt zugleich von der sozialen Struktur ab, auf der ihr Leben steht. 
Hierbei ist nun das Entscheidende, dafs das Geheimnis ein Indivi- 
dualisierungsmoment ersten Ranges ist, und zwar in der typischen 
Doppelrolle : dafs soziale Verhältnisse von starker personaler Differen- 
ziertheit dasselbe in hohem Mafse gestatten und fordern, und dafs um- 
gekehrt das Geheimnis solche Differenziertheit trägt und steigert. In 
einem kleinen und enggeschlossenen Kreise wird Ausbildimg und Be- 
wahrung von Geheimnissen schon technisch erschwert sein, weil ein 
jeder den Verhältnissen eines jeden zu nahe steht und weil die Häufig- 
keit und Intimität der Berührungen zu viel Verführungen zur Ent- 
hüllung mit sich bringen. Aber es bedarf hier auch des Geheimnisses 
nicht in erheblichem Mafse, weil diese soziale Bildung ihre Elemente 
zu nivellieren pflegt und jene Besonderheiten des Seins, Tuns und 
Habens ihr widerstreben, deren Konservierung die Form des Geheim- 
nisses verlangt. Dafs bei erheblicher Erweiterung des Kreises alles 
dies in sein Gegenteil übergeht, liegt auf der Hand. Hier wie sonst 
offenbaren die Verhältnisse der Geldwirtschaft am deutlichsten die 
spezifischen Züge des grofsen Kreises. Seit der ökonomische Wert- 
verkehr sich durchgehends mittels Geldes vollzieht, ist in ihm eine 
sonst unerreichbare Heimlichkeit möglich geworden. Drei Eigen- 
schaften der Geldform der Werte werden hierfür wichtig : seine Kom- 
primierbarkeit, die es gestattet, jemanden mit einem Check, den man 
unbemerkt in seine Hand gleiten läfst, zum reichen Manne zu machen ; 
seine Abstraktheit imd Qualitätslosigkeit, vermöge deren Transaktionen, 
Erwerb und Besitzwechsel in einer Weise versteckt und imkenntlich 
gemacht werden können, wie sie unmöglich ist, solange Werte nur 
als extensive, unzweideutig greifbare Objekte besessen werden können ; 
endlich seine Fernwirkung, mittels deren man es in den entferntesten 
und in fortwährend wechselnden Werten investieren und es dadurch 
dem Auge der nächsten Umgebung ganz entziehen kann. Diese Dissi- 
mulierungsmöglichkeiten , die sich in dem Mafs der Vergröfserung 
geldwirtschaftlicher Verhältnisse ergeben und ihre Gefahren besonders 
bei dem Wirtschaften mit fremdem Gelde entfalten müssen, haben 



— 363 — 

als Schutzmafsregel die Öffentlichkeit für die Finanzgebahrungen der 
Aktiengesellschaften und der Staaten hervorgerufen. Dies deutet auf 
eine nähere Bestimmung der oben berührten Evolutionsformel: dals 
durch die Form des Geheimnisses hindurch ein dauerndes Zu- und 
Abfliefsen von Inhalten geschieht, indem ursprünglich Offenbares ge- 
heim wird, ursprünglich Verborgenes seine Verhüllung abwirft — so 
dafs man auf die paradoxe Idee kommen könnte, das menschliche Zu- 
sammensein bedürfe unter übrigens gleichen Umständen eines be- 
stimmten Maises von Geheimnis, das nur seine Gegenstände wechsle: 
indem es den einen verlasse, ergreife es den andren, und erhalte unter 
diesem Tausch ein nicht geändertes Quantum. Für dieses allgemeine 
Schema ist eine etwas genauere Erfüllung auffindbar. Es scheint, 
als ob mit wachsender kultureller Zweckmäfsigkeit die Angelegenheiten 
der Allgemeinheit immer öffentlicher, die der Individuen immer sekreter 
würden. In unentwickelteren Zuständen können sich, wie schon be- 
merkt, die Verhältnisse der Einzelpersonen nicht in dem Mafse vor 
dem gegenseitigen Hineinsehen und Sichhineinmischen schützen, wie 
innerhalb des modernen Lebensstiles, insbesondere des grofsstädtischen, 
der ein ganz neues Mals von Reserve und Diskretion erzeugt hat. 
Dagegen pflegen die Träger der öffentlichen Interessen sich in Staats- 
wesen früherer Zeit in eine mj^stische Autorität zu hüllen, während 
ihnen in reiferen und gröfseren Verhältnissen durch die Ausdehnung 
ihres Herrschaftsbezirkes, durch die Objektivität ihrer Technik, durch 
die Distanz von jeder Einzelperson eine Sicherheit und Würde zu- 
wächst, die sie die Öffentlichkeit ihres Gebahrens vertragen läfst« 
Jene Heimlichkeit der öffentlichen Angelegenheiten aber zeigte ihren 
inneren Widerspruch darin, dafs sie sogleich die Gegenbewegungen 
des Verrates auf der einen, der Spionage auf der andren Seite 
erzeugte. Noch im 17. und 18. Jahrhundert verschwiegen die Re- 
giei-ungen aufs ängstlichste die Beträge der Staatsschulden, die Steuer- 
verhältnisse , die Kopfzahl des Militärs — infolge wovon die Ge- 
sandten vielfach nichts besseres zu tun hatten, als zu kundschaften, 
Briefe zu imterschlagen , Personen, die irgend etwas »wufsten«, bis 
zu dem Dienstpersonal herunter, zum Ausplaudern zu bringen^). 



') Diese Gegenbewegung findet auch in umgekehrter Richtung statt. 
Über die englische Hofgeschichte ist bemerkt worden, dafs die eigentliche 
Hofkabale, die geheimen Einflüsterungen, die Intriguenorganisationen noch 
nicht beim Despotismus einsetzen, sondern erst, wenn der König konstitu- 



— 364 — 

Im 19. Jahrhundert aber erobert sich die PubHzität die Staats- 
angelegenheiten in dem Mafse, dafs nun die Regierungen selbst die 
Daten offiziell veröffentlichen, ohne deren Geheimhaltung bis dahin 
überhaupt kein Regime möglich schien. So haben Politik, Verwaltung, 
Gericht ihre Heimlichkeit und Unzugänglichkeit in demselben Mafse 
verloren, in dem das Individuum die Möglichkeit immer vollständigeren 
Zurückziehens gewann, in dem das moderne Leben eine Technik zur 
Sekretierung der Privatangelegenheiten inmitten der grofsstädtischen 
Zusammengedrängtheit ausbildete, wie sie früher allein durch räum- 
liche Einsamkeit herstellbar war. 

Inwieweit diese Entwicklung aber als eine zweckdienliche an- 
zusehen ist, hängt von sozialen Wertaxiomen ab. Alle Demokratie 
wird die Publizität für den an sich wünschenswerten Zustand halten, 
von der Grundvorstellung aus: dafs jeder diejenigen Ereignisse und 
Verhältnisse, die ihn angehen, auch kennen solle — da dies die Be- 
dingung davon ist, dafs er über sie mit zu beschlief sen hat ; und jedes 
Mitwissen enthält auch schon die psychologische Anreizung, mittun 
zu wollen. Es steht dahin, ob jener Schlufs ganz bündig ist. Wenn 
über den individualistischen Interessen ein objektives, gewisse Seiten 
von ihnen zusammenfassendes Herrschaftsgebilde erwachsen ist, so 
kann dasselbe vermöge seiner formalen Selbständigkeit sehr wohl zu 
einer geheimen Funktionierung berechtigt sein, ohne darum seine 
»Öffentlichkeit«, im Sinne der materialen Wahrnehmung der Interessen 
Aller, zu dementieren. Ein logischer Zusammenhang also, aus dem 
der gröfsere Wert des Publizitätszustandes folgte, besteht nicht. 
Wohl aber zeigt sich hier das allgemeine Schema kultureller Differen- 
zierung: das Öffentliche wird immer öffentlicher, das Private immer 
privater. Und zwar bringt diese geschichtliche Entwicklung die tiefere, 
sachliche Bedeutung zum Ausdruck: das seinem Wesen nach Öffent- 
liche, seinem Inhalt nach Alle Angehende," wird auch äufserlich, seiner 
soziologischen Form nach, immer öffentlicher; und das, was seinem 
inneren Sinne nach ein Fürsichsein hat, die zentripetalen Angelegen- 



tionelle Ratgeber hat, wenn die Regierung insofern ein offen vorliegendes 
System ist. Erst dann begänne der König — und dies sei besonders seit 
Eduard II. merkbar — diesen ihm irgendwie aufgedrungenen Mitregieren- 
den gegenüber einen unoffiziellen, gleichsam unterirdischen Kreis von Be- 
ratern zu bilden, der in sich und durch die Bemühungen, m ihn hineinzu- 
gelangen, eine Kette von Verstecktheiten und Konspirationen zeitige. 



— Bös- 
heiten des Einzelnen, gewinnen, auch in ihrer soziologischen Position, 
immer privateren Charakter, immer entschiedenere Möghchkeit, Ge- 
heimnis zu bleiben. 

Was ich vorhin hervorhob: dafs das Geheimnis auch als ein 
schmückender Besitz und Wert der Persönlichkeit wirkt, enthält den 
Widerspruch in sich, dafs das vor dem Bewufstsein der Andern 
Zurückweichende und Verborgene sich in deren Bewufstsein gerade 
betonen und das Subjekt gerade durch das, was es vor ihnen ver- 
schleiert, als ein besonders bemerkenswertes herausstellen soll. Es 
beweist, dafs das Bedürfnis soziologischer Hervorhebung sich nicht 
nur der innerlich widersprechendsten Mittel bedient, sondern dafs auch 
diejenigen, gegen die es im einzelnen Falle sich doch eigentlich 
wendet, indem sie die Kosten jener Superiorität tragen, darauf ein- 
treten — mit einer Mischung von Willigkeit und Widerwilligkeit 
zwar, die praktisch indes die gewünschte Anerkennung leistet. Es ist 
deshalb wohl angezeigt, gerade an dem scheinbaren soziologischen 
Gegenpol des Geheimnisses, an dem Schmuck, eine analoge Struktur 
seiner gesellschaftlichen Bedeutung zu erweisen. Es ist das Wesen 
und der Sinn des Schmuckes, die Augen der Andern auf seinen Träger 
zu lenken, und er ist insofern der Antagonist des Geheimnisses, das 
sich aber auch seinerseits der personal-akzentuierenden Funktion nicht 
entzog. Der Schmuck übt diese gleichfalls so, dafs er die Superiori- 
tät über die Andern mit einer Abhängigkeit von ihnen, und andrer- 
seits ihren guten Willen mit ihrem Neide in einer Weise mischt, die 
als soziologische Wechselform eine spezielle Nachzeichnung fordert. 



/f^ Exkurs über den Schmuck. 

In dem Wunsche des Menschen, seiner Umgebung su gefallen, 
verschlingen sich die Gegentendensen , in deren Wechselspiel sich 
überhaupt das Verhältnis zwischen den Individuen vollzieht: eine 
Güte ist darin, ein Wunsch, dem Andern eine Freude bu sein ; aber 
auch der andere: dafs diese Freude und ^Gefälligkeit^ als Aner- 
kennung und Schätzung auf uns zurückströme , unsrer Persön- 
lichkeit als ein Wert zugerechnet werde. Und soweit steigert sich 
dies Bedürfnis , dafs es jener ersten Selbstlosigkeit des Gefallen- 
Wollens ganz widerspricht : durch eben dieses Gefallen will man 



— 366 — 

sich vor andern auszeichnen, will der Gegenstand einer Auf- 
merksamkeit sein, die Andern nicht suteil wird — bis sunt Beneidet- 
werden hin. Hier wird das Gefallen sum Mittel des Willens sur 
Macht ; es zeigt sich dabei an manchen Seelen der wunderliche Wider- 
spruch, dafs sie diejenigen Menschen, über die sie sich mit ihrem 
Sein und Tun erheben, doch gerade nötig haben, um auf deren Be- 
wufstsein, ihnen untergeordnet bu sein, ihr Selbstgefühl aufzu- 
bauen. 

Eigentümliche Gestaltungen dieser Motive , die Äufserlichkeit 
und die Innerlichkeit ihrer Formen ineinander webend, tragen den 
Sinn des Schmuckes. Denn dieser Sinn ist , die Persönlichkeit 
hervorzuheben-, sie als eine irgendwie ausgezeichnete zu betonen, 
aber nicht durch eine unmittelbare Machtäufserung , durch etwas, 
was den Andern von aufsen her zwingt , sondern nur durch das 
Gefallen, das in ihm erregt wird tmd darum doch irgend ein Ele- 
ment von Freiimlligkeit enthält. Man schmückt sich für sich und 
kann das nur, indem man sich für Andre schmückt. Es ist eine 
der merkwürdigsten soziologischen Kombinationen, dafs ein Tun, 
das ausschliefslich der Pointierung und Bedeutungssteigerung 
seines Trägers dient , doch ausschliefslich durch die Augenweide, 
die er Andern bietet, ausschliefslich als eine Art Dankbarkeit dieser 
Andern sein Ziel erreicht. Denn auch der Neid auf den Schmuck 
bedeutet nur den Wunsch des Neidischen, die gleiche Anerkennung 
und Bewunderung für steh zu gewinnen, und sein Neid beweist 
gerade , wie sehr diese Werte für ihn an den Schmuck gebunden 
sind. Der Schmuck ist das schlechthin Egoistische, insofern er 
seinen Träger her aushebt , sein Selbstgefühl auf Kosten Andrer 
trägt und mehrt (denn der gleiche Schmuck Aller würde den Ein- 
zelnen nicht mehr schmücken) ; und zugleich das Altruistische, da 
seine Erfreulichkeit eben diesen Andern gilt — während der Be- 
sitzer selbst sie nur im Augenblicke des Sich-Spiegelns geniefsen 
kann — und erst mit dem Reflex dieses Gebens dem Schmuck 
seinen Wert gewinnt. Wie allenthalben in der ästhetischen Ge- 
staltung die Lebensrichtungen , die die Wirklichkeit fremd neben 
einander, oder feindlich gegen einander stellt, sich als innig ver- 
wandte enthüllen — so zeigt in den soziologischen Wechselwirkungen, 
diesem Kampfplatz des Fürsichseins und des Fürandreseins der 
Menschen, das ästhetische Gebilde des Schmuckes einen Punkt an, 



— 367 - 

an dem diese beiden Gegenrichtungen wechselseitig als Zweck und 
Mittel auf einander angewiesen sind. 

Der Schmuck steigert oder erweitert den Eindruck der Persön- 
lichkeit, indem er gleichsam als eine Ausstrahlung ihrer wirkt. 
Darum sind die glänzenden Metalle und die edeln Steine von jeher 
seine Substanz gewesen, sind im engeren Sinne -»Schmucke, als 
die Kleidtmg und die Haartracht, die doch auch ^ schmücken t. 
Man kann von einer Radioaktivität des Menschen sprechen, um 
jeden liegt gleichsam eine gröfsere oder kleinere Sphäre von ihm 
ausstrahlender Bedeutung, in die jeder andre, der mit ihm su tun 
hat., eintaucht — eine Sphäre , su der körperliche und seelische 
Elemente sich unentwirrbar vermischen : die sinnlich merkbaren Ein- 
flüsse , die von einem Menschen auf seine Umgebung ausgehen, 
sind in irgend einer Weise die Träger einer geistigen Fulguration; 
und sie wirken als die Symbole einer solchen auch da, wo sie tat- 
sächlich nur auf serlich sind , wo keinerlei Suggestionskraft oder 
Bedeutung der Persönlichkeit durch sie hindurchströmt. Die 
Strahlen des Schmuckes , die sinnliche Aufmerksamkeit , die er er- 
regt, schaffen der Persönlichkeit eine solche Erweiterung oder auch 
ein Intensiverwerden ihrer Sphäre, sie ist sozusagen mehr, wenn 
sie geschmückt ist. Indem der Schmuck zugleich ein irgendwie 
erheblicher Wertgegenstand zu sein pflegt, ist er so eine Synthese 
des Habens und des Seins von Subjekten, mit ihm wird der blofse 
Besitz zu einer sinnlichen und nachdrücklichen Fühlbarkeit des 
Menschen selbst. Mit der gewöhnlichen Kleidung ist dies nicht 
der Fall, weil sie weder nach der Seite des Habens noch des Seins 
hin als individuelle Besonderung ins Beiüufstsein tritt; erst die 
geschmückte Kleidung und zuhöchst die Pretiosen, die deren Wert 
und Ausstrahlungsbedeutung wie in einem kleinsten Punkte sammeln, 
lassen das Haben der Persönlichkeit zu einer sichtbaren Qualität 
ihres Seins werden. Und alles dies nicht, trotzdem der Schmuck 
etwas » Überflüssiges 'i ist, sondern gerade weil er es ist. Das un- 
mittelbar Notweitdige ist dem Menschen enger verbunden, es um- 
gibt sein Sein mit einer schmaleren Peripherie. Das Überflüssige 
T>fliefst über^ , d. h. es fliefst weiter von seinem Ausgangspunkte 
fort; und indem es nun dennoch an diesem festgehalten wird, legt 
es um den Bezirk der blofsen Notdurft noch einen umfassenderen, 
der prinzipiell grenzenlos ist. Das Überflüssige hat, seinem Be- 



— 368 - 

griffe nach, kein Mafs in sich, mit dem Grade der Überflüssig- 
keit dessen, was unser Haben uns angliedert , steigt die Freiheit 
und Fürstlichkeit unsres Seins , weil keine gegebene Struktur, wie 
sie das Notwendige als solches designiert, ihm irgend ein be- 
grenzendes Gesets auferlegt. 

Diese Aksentuierung der Persönlichkeit aber verwirklicht sich 
grade vermittels eines Zuges von Unpersönlichkeit. Alles, was 
den Menschen überhaupt y> schmückte, ordnet sich in eine Skala, je 
nach der Enge, mit der es der physischen Persönlichkeit verbunden 
ist. Der unbedingt enge Schmuck ist für die Naturvölker typisch : 
die Tätowierung. Das entgegengesetzte Extrem ist der Metall- 
und Sieinschmuck, der absolut unindividuell ist und den jeder an- 
legen kann. Zwischen beiden steht die Kleidung — immerhin nicht 
so unvertauschbar und personal wie die Tätowierung, aber auch 
nicht unindividuell und trennbar wie jener eigentliche ^ Schmucke. 
Aber gerade in dessen Unpersönlichkeit liegt seine Eleganz. Dafs 
dieses fest in sich Geschlossene , durchaus auf keine Individualität 
Hinweisende , hart Unmodifisierbare des Steins und des Metalls 
nun dennoch gezwungen wird , der Persönlichkeit zu dienen — 
gerade dies ist der feinste Reiz des Schmuckes. Das eigentlich 
Elegante vermeidet die Zuspitzung auf die besondere Individualität, 
es legt immer eine Sphäre von Allgemeinerem, Stilisiertem, sozu- 
sagen Abstraktem um den Menschen — was selbstverständlich nicht 
die Raffinements verhindert , mit der dies Allgemeine der Persön- 
lichkeit verbunden wird. Dafs neue Kleider besonders elegant 
wirken , liegt daran , dafs sie noch ^steifer ^ sind, d. h. sich noch 
nicht allen Modifikationen des individuellen Körpers so unbedingt 
anschmiegen , wie längere Zeit getragene , die schon von den be- 
sonderen Bewegungen des Trägers gezogen und geknifft sind und 
damit dessen Sonder art vollkommener verraten. Diese ■» Neuheit <i, 
diese Unmodifiziertheit nach der Individualität ist dem Metall- 
schmuck im höchsten Mafse eigen: er ist immer neu, er steht in 
kühler Unberührtheit über der Singularität und über dem Schicksale 
seines Trägers, was von der Kleidung keineswegs gilt. Ein lange 
getragenes Kleidungsstück ist wie mit dem Körper verwachsen, es 
hat eine Intimität , die dem Wesen der Eleganz durchaus wider- 
streitet. Denn die Eleganz ist etwas für die i Ander n'n, ist ein sozialer 
Begriff, der seinen Wert aus dem allgemeinen Anerkanntsein zieht. 



— 369 — 

Soll der Schmuck so das Individuum durch ein Uberindivi- 
duelles erweitern, das bu Allen hinstrebt und von Allen auf- 
genommen und geschätst wird, so miijs er , jenseits seiner blofsen 
Materialwirkung, Stil haben. Stil ist immer ein Allgemeines, das 
die Inhalte des persönlichen Lebens und Schaffens in eine mit 
Vielen geteilte und für Viele sugängige Form bringt. An dem 
eigentlichen Kunstwerk interessiert uns sein Stil um so weniger, je 
gröfser die personale Einzigkeit und das subjektive Leben ist, das 
sich in ihm ausdrückt; denn mit diesem appelliert es auch an den 
Persönlichkeitspunkt im Beschauer, er ist sozusagen mit dem 
Kunstwerk auf der Welt allein. Für Alles dagegen, was wir 
Kunstgewerbe nennen, was sich wegen seines Gebrauchssweckes 
an eine Vielheit von Menschen wendet, fordern wir eine generellere, 
typischere Gestaltung, in ihm soll sich nicht nur eine auf ihre 
Einzigkeit gestellte Seele , sondern eine breite , historische oder ge- 
sellschaftliche Gesinnung und Stimmung aussprechen, die seine 
Einordnung in die Lebenssysteme sehr vieler Einzelner ermög- 
licht. Es ist der allergröfste Irrtum^ zu meinen, dafs der Schmuck 
ein individuelles Kunstwerk sein müsse , da er doch immer ein 
Individuum schmücken solle. Ganz im Gegenteil: weil er dem 
Individuum dienen soll, darf er nicht selbst individuellen Wesens 
sein, so wenig wie das Möbel, auf dem wir sitzen, oder das Efs- 
gerät, mit dem wir hantieren, individuelle Kunstwerke sein dürfen. 
Alles dies vielmehr, was den weiteren Lebenskreis um den Menschen 
herum besetzt, — im Gegensatz zum Kunstwerk , das überhaupt 
nicht in ein andres Leben einbezogen , sondern eine selbstgenüg- 
same Welt ist — mufs wie in immer sich verbreiternden, konzen- 
trischen Sphären das Individuum umgeben, zu diesem hinführend 
oder von ihm ausgehend. Dieses Auflösen der individuellen Zu- 
spitzung, diese Verallgemeinerung jenseits des persönlichen Einzig- 
seins , die nun aber doch als Basis oder als Strahlungskreis das 
Individuelle trägt oder es wie in einen breit hinßiefsenden Strom 
aufnimmt — das ist das Wesen der Stilisierung ; aus dem Instinkt 
dafür ist der Schmuck stets in verhältnismäfsig strenger Stilart 
gebildet worden. 

Jenseits der formalen Stilisierung des Schmuckes ist das 
materielle Mittel seines sozialen Zweckes jenes Glänzen des 
Schmuckes, durch das sein Träger als der Mittelpunkt eines Strahlen- 

Simmel, Soziologie. 24 



— 370 — 

kreises erscheint, in den jeder Nahebefindliche , jedes erblickende 
Auge einbezogen ist. Indem der Strahl des Edelsteines su dein 
Andern hinzugehen scheint , wie das Aufblitzen des Blickes , den 
das Auge auf ihn richtet , trägt er die soziale Bedeutung des 
Schmuckes — das Für -den- Ander n-Sein, das als Erweiterung der 
Bedeutungssphäre des Subjekts zu diesem zurückkehrt. Die Radien 
dieses Kreises markieren einerseits die Distanz , die der Schmuck 
zwischen den Menschen stiftet: ich habe etwas, was du nicht hast 
— andrerseits aber lassen sie den andern nicht nur teilnehmen, 
sondern sie glänzen gerade zu ihm hin, [sie bestehen überhaupt 
nur um seinetwillen. Durch seine Materie ist der Schmuck 
Distanzierung und Konnivenz in einem Akt. Darum ist er so 
besonders der Eitelkeit dienstbar, die die Andern braucht , um sie 
verachten zu können. Hier liegt der tiefe Unterschied zwischen 
Eitelkeit und hochmütigem Stolz : denn dieser, dessen Selbstbewufst- 
sein wirklich nur in sich selbst ruht, pflegt den ^ Schmucke in 
jedem Sinne zu verschmähen. Hierzu kommt, in gleicher Tendenz, 
die Bedeutung des 7> echten t Materials. Der Reiz des -hEchten^, in 
jeder Beziehung , besteht darin, dafs es mehr ist., als seine un- 
mittelbare Erscheinung, die es mit dem Falsifikat teilt. So ist es 
nicht, wie dieses, etwas Isoliertes, sondern es hat Wurzeln in einem 
Boden jenseits seiner blofsen Erscheinung , während das Unechte 
nur das ist, was man ihm momentan ansieht. So ist der rechtet 
Mensch der, auf den man sich, auch wenn man ihn nicht unter 
Augen hat , verlassen kann. Dieses Mehr-als- Er scheinung ist für 
den Schmuck sein Wert ; denn dieser ist ihm nicht anzusehen, ist 
etwas, was, der geschickten Fälschung gegenüber, zu seiner Er- 
scheinung hinzukommt. Dadurch nun, dafs dieser Wert immer 
realisierbar ist , von Allen anerkannt wird , eine relative Zeitlosig- 
keit besitzt — wird der Schmuck in einen über zufälligen, über- 
personalen Wertungszusammenhang eingestellt. Der Talmischmuck, 
die Quincaillerie ist, was sie momentan ihrem Träger leistet; der 
echte Schmuck ist ein hierüber hinausgehender Wert , er wurzelt 
in den Wertgedanken des ganzen Gesellschaftskreises und verzweigt 
sich darin. Der Reiz und die Betonung , die er seinem indivi- 
duellen Träger mitteilt , zieht deshalb eine Nahrung aus diesem 
überindlojidi teilen Boden; sein ästhetischer Wert, der hier ja auch 
ein Wert >für die Andern € ist, wird durch die Echtheit zum Symbol 



— 371 — 

uligemeiner Schätzung und Zugehörigkeit su dem soBialen Wert- 
system, überhaupt. 

Im. mittelalterlichen Frankreich gab es einmal eine Verord- 
nung , nach der das Tragen von Goldschmuck allen Personen 
unterhalb eines geivissen Ranges verboten war. Aufs unverkenn- 
barste lebt hierin die Kombination, die das ganse Wesen des 
Schmuckes trägt: dafs mit ihm die soziologische und ästhetische 
Betonung der Persönlichkeit wie in einem Brennpunkt zusammen- 
gehen, das Für-sich-Sein und Für-andre-Sein wechselseitig Ursache 
und Wirkung wird. Denn die ästhetische Hervorhebung, das Recht 
des Reises und Gefallens darf hier nur so weit gehen, wie es durch 
die soziale Bedeutungssphäre des Einzelnen umschrieben ist ; und 
eben damit fügt dieser dem Reiz, den die Geschmücktheit für seine 
ganz individuelle Erscheinung gewinnt, den soziologischen hinzu, 
eben durch jene ein Repräsentant seiner Gruppe und mit deren 
ganzer Bedeutung ^ geschmückt a. zu sein. Auf denselben Strahlen 
gleichsam, die, vom Individuum ausgehend, jene Erweiterung seiner 
Eindruckssphäre bewirken, wird die durch diesen Schmuck symboli- 
sierte Bedeutung seines Standes zu ihm hingetragen, der Schmuck 
erscheint hier als das Mittel , die soziale Kraft oder Würde in die 
anschaulich-persönliche Hervor gehobenheit zu transformieren. 

Endlich ziehen sich die zentripetale und die zentrifugale Ten- 
denz im Schmuck noch zu einer besonderen Gestaltung zusammen, 
wenn berichtet wird, dafs das Privateigentum der Frauen bei den 
Naturvölkern, im allgemeinen später als das der Männer ent- 
stehend, sich zuerst und oft ausschliefslich auf den Schmuck bezieht. 
Wenn der persönliche Besitz der Männer mit dem der Waffen zu 
beginnen pflegt , so offenbart dies die aktive , aggressivere Natur 
des Mannes, der seine Persönlichkeitssphäre erweitert, ohne auf 
den Willen Andrer zu warten. Für die passivere weibliche Natur 
ist dieser — bei allem äujseren Unterschied formal gleiche — 
Effekt mehr von dem gutem Willen Andrer abhängig, fedes Eigen- 
tum ist Ausdehnung der Persönlichkeit , mein Eigentum ist das, 
was meinem Willen gehorcht, d. h. worin mein Ich sich ausdrückt 
und auf serlich realisiert; am ehesten und vollständigsten geschieht 
dies an unserm Körper und darum ist er unser erstes und un- 
bedingtestes Eigentum. An dem geschmückten Körper besitzen wir 
mehr, wir sind sozusagen Herr über Weiteres und Vornehmeres, 

24* 



— 372 — 

wenn wir über den geschmückten Körper verfügen. So hat es 
einen tiefen Sinn, wenn vor allem der Schmuck sum Sondereigen- 
tum wird, weil er jenes erweiterte Ich bewirkt, jene ausgedehntere 
Sphäre um uns herum, die lüir mit unsrer Persönlichkeit erfüllen 
und die aus dem Gefallen und der Aufmerksamkeit unsrer Um- 
gebung besteht — der Umgebung , die an der ungeschmückten 
und darum gleichsam unausgedehnteren Erscheinung achtloser, in 
ihren Umfang nicht einbezogen, vorübergeht. Dafs in jenen 
primitiven Zuständen gerade das sum vorzüglichsten Eigentum 
für die Frauen wird, was seinem Sinne nach für die Andern da 
ist und nur mit der auf den Träger zurückströmenden Anerkennung 
dieser Andern ihm zu einer Wert- und Bedeutungssteigerung seines 
Ich verhelfen kann — das offenbart so noch einmal das Fundamental- 
prinzip des Schmuckes. Für die grofsen, mit- und gegeneinander 
spielenden Strebungen der Seele und der Gesellschaft: die Er- 
höhung des Ich dadurch, dafs man für die Andern da ist, und des 
Daseins für die Andern dadurch, dafs man sich selbst akzentuiert 
und erweitert — hat der Schmuck eine ihm allein eigne Synthese in 
der Form des Ästhetischen geschaffen; indem diese Form an und 
für sich über dem Gegensatz der einzelnen menschlichen Be- 
strebungen steht, finden sie in ihr nicht nur ein ungestörtes Neben- 
einander, sondern jenen wechselseitigen Aufbau, der als die Ahnung 
und das Pfand ihrer tieferen metaphysischen Einheit über den 
Widerstreit ihrer Erscheinungen hinauswächst. 



^'V' 



tv 4 



n 



Während das Geheimnis eine soziologische Bestimmtheit ist, die 
das gegenseitige Verhältnis von Gruppenelementen charakterisiert, oder 
vielmehr, mit andern Beziehungsformen zusammen dies Gesamt- 
verhältnis bildet — kann es sich weiterhin mit dem Entstehen »ge- 
heimer Gesellschaften« auf eine Gruppe als ganze erstrecken. So- 
lange das Sein, Tun und Haben eines Einzelnen als Geheimnis besteht, 
ist dessen allgemeine soziologische Bedeutung: Isolierung, Gegensatz^ 
egoistische Individualisation, Hier ist der soziologische Sinn des Ge- 
heimnisses ein äufserer: als Verhältnis dessen, der das Geheimnis 
besitzt, zu dem, der es nicht besitzt. Sobald aber eine Gruppe als 
solche das Geheimnis als ihre Existenzfo!-m ergreift, wird dessen sozio- 
logischer Sinn ein innerer: es. bestimmt nun die Wechselbeziehungen 



— 373 — 

derer, die das Geheimnis gemeinsam besitzen. Da aber jenes Aus- 
schliefsungsverhältnis gegen die Nichteingeweihten mit seinen be- 
sonderen Nuancen auch hier besteht, so bedeutet die Soziologie der 
geheimen Gesellschaft das komplizierte Problem, die immanenten 
Formen einer Gruppe festzustellen, die durch das geheimnismäfsige 
Verhalten derselben gegen anderweitige Elemente bestimmt werden. 
Ich schicke dieser Erörterung nicht erst eine systematische Einteilung 
der geheimen Gesellschaften voraus, die nur ein äufserlich historisches 
Interesse hätte ; ihre wesentlichen Kategorien werden sich auch ohne 
dies ergeben. 

f> ' Die erste innere Relation, die der geheimen Gesellschaft wesent- 
Hch ist, ist das gegenseitige Vertrauen ihrer Elemente. Und es 
bedarf dessen in einem besonderen Mafse, weil der Zweck der Ge- 
heimhaltung vor allem der Schutz ist. Von allen Schutzmalsregeln 
ist sicher die radikalste, sich unsichtbar zu machen. Hier unter- 
scheidet sich die geheime Gesellschaft prinzipiell von dem Individuum, 
das den Schutz des Geheimnisses sucht. Es kann dies eigentlich nur 
für einzelne Vornahmen oder Zustände \ als Ganzes kann es sich wohl 
zeitweise verstecken, sich räumlich absentieren, aber seine Existenz 
kann, von ganz abstrusen Kombinationen abgesehen, kein Geheimnis 
sein. Einer gesellschaftlichen Einheit dagegen ist dies durchaus mög- 
lich : ihre Elemente können im frequentesten Verkehr leben, aber dafs 
sie eine Gesellschaft bilden, eine Verschwörung oder eine Gauner- 
bande, ein religiöses Konventikel oder eine Verbindung zu sexuellen 
Extravaganzen — dies kann seinem Wesen nach und dauernd Ge- 
heimnis sein. Von diesem Typus, bei dem zwar nicht die Individuen, 
aber ihre Vereinigung verborgen ist, unterscheiden sich freilich die Ver- 
bindungen, bei denen zwar diese Formung rückhaltlos bekannt, dagegen 
die Mitgliedschaften oder der Zweck oder die besonderen Bestimmungen 
des Bundes Geheimnis sind, wie bei vielen Geheimbünden der:Natur- 
völker oder bei den Freimaurern. Den letzteren Typen gewährt die 
Form des Geheimnisses ersichtlich nicht den gleich unbedingten 
Schutz wie den ersteren, da das, was von ihnen bekannt ist, immer 
einen Angriffspunkt ]ftir weiteres Eindringen darbietet. Dagegen haben 
diese relativ geheimen Gesellschaften oft den Vorteil einer gewissen 
Labilität; weil sie von vornherein auf ein Mafs von Offenbarkeit ein- 
gerichtet sind, können sie sich auch mit weiterem Enthülltsein eher 
abfinden, als diejenigen, die überhaupt schon als Gesellschaften geheim 



— 374 — 

sind; diese zerstört sehr häufig ihr erstes Entdecktwerden, weil ihr 
Geheimnis vor die radikale Alternative des Ganz oder Gar nicht gestellt 
zu sein pflegt. Es ist die Schwäche der geheimen Gesellschaft, dafs 
Geheimnisse nicht dauernd gewahrt bleiben — so dafs man mit Recht 
sagt, ein Geheimnis, um das Zwei wissen, sei keines mehr. Deshalb 
ist der Schutz , den sie gewähren , seinem Wesen nach zwar ein ab- 
soluter, aber ein nur zeitweiliger, und für Inhalte von positivem 
sozialem Wert ist ihr Getragensein durch geheime Gesellschaften tat- 
sächlich ein Übergangszustand, dessen sie nach einem gewissen Stärke- 
wachstum nicht mehr bedürfen. Das Geheimnis gleicht schliefslicb 
nur dem Schutz, den man durch Abhalten von Störungen gewinnt, 
und macht deshalb zweckmäfsigerweise dem andern Platz: nämlich 
dem durch die Kraft, die den Störungen gewachsen ist. Die ge- 
heime Gesellschaft ist unter diesen Umständen die angemessene soziale 
Form von Inhalten, die sich noch gleichsam im Kindesalter, in der 
Verletzlichkeit früher Entwicklungsperioden befinden. Die junge Er- 
kenntnis, Religion, Moral, Partei, ist oft noch schwach und schutz- 
bedürftig, und darum verbirgt sie sich. Deshalb sind Zeiten, in denen sich 
neue Lebensinhalte unter dem Widerstände der bestehenden Gewalten 
aufarbeiten, für das Aufwachsen geheimer Gesellschaften prädestiniert^ 
wie etwa das 18. Jahrhundert zeigt. So waren, um nur ein 
Beispiel zu nennen, damals [die Elemente der liberalen Partei schon 
in Deutschland gegeben, allein ihr Hervortreten in einem ständigen 
politischen Gebilde noch durch die staatlichen Zustände gehindert. 
So war denn der Geheimbund die Form, in der die Keime sich 
geschützt erhalten und wachsen konnten, wie es ihnen vor allem 
der Illuminatenorden leistete. Denselben Schutz wie der aufsteigenden 
gewährt er auch der absteigenden Entwicklung. Gesellschaftlichen 
Bestrebungen und Mächten, die von neu aufkommenden verdrängt 
werden, liegt die Flucht in das Geheimnis nahe, das sozusagen 
ein Übergangsstadium zwischen Sein und Nichtsein darstellt. Als 
mit dem Ende des Mittelalters die Herabdrückung der deutschen 
Gemein d^enossenschaften durch die erstarkenden Zentral gewalten be- 
gann, entfaltete sich in ihnen ein umfassendes Geheimleben: in ver- 
borgenen Versammlungen und Verträgen, in geheimer Übung von 
Recht und von Gewalt — wie Tiere den Schutz des Versteckes auf- 
suchen, wenn sie zu sterben gehen. Diese Doppelfunktion des Ge- 
heimbundes als Schutzform, als eine Zwischenstation ebenso für auf- 



— 375 — 

strebende wie für verfallende Mächte, ist vielleicht an religiösen 
Entwicklungen am augenscheinlichsten. Solange die christlichen Ge- 
meinden vom Staate verfolgt wurden, mufsten sie oft ihre Versamm- 
lungen, ihren Gottesdienst, ihre ganze Existenz in die Verborgenheit 
flüchten; sobald das Christentum aber Staatsreligion geworden war, 
blieb den Anhängern des verfolgten, absterbenden Heidentums nur 
dieselbe Verheimlichung ihrer Kultvereinigungen übrig, zu der sie 
vorher die jetzt herrschende Religion gezwungen hatten. Ganz im 
allgemeinen tritt die geheime Gesellschaft überall als Korrelat des 
Despotismus und der polizeilichen Beschränkung auf, als Schutz sowohl 
der Defensive wie der Offensive gegen den vergewaltigenden Druck 
zentraler Mächte; und zwar keineswegs nur der politischen, sondern 
ebenso innerhalb der Kirche, wie der Schulklassen und der Familien. 
Diesem Schutzcharakter als äufserer Qualität entspricht bei der ge- 
heimen Gesellschaft, wie gesagt, als innere das gegenseitige Vertrauen 
der Teilnehmer; und zwar hier ein ganz spezifisches Vertrauen: das 
auf die Fähigkeit des Schweigen-Könnens. Vereinigungen mögen 
ihrem Inhalte nach auf vielerlei Vertrauensvoraussetzungen beruhen: 
auf dem Vertrauen zu der Geschäftstüchtigkeit oder zu der religiösen 
Überzeugtheit , zu dem Mut oder zu der Liebe, zu der anständigen 
Gesinnung oder — bei Verbrechergesellschaften — zu dem radikalen 
Bruch mit moralischen Velleitäten. Sowie die Gesellschaft aber eine 
geheime wird, tritt zu solchem, durch die einzelnen Gesellschaftszwecke 
bestimmten Vertrauen noch das formale auf die Verschwiegenheit — 
ersichtlich ein Glaube an die Persönlichkeit, der soziologisch - ab- 
strakteren Charakter hat als jeder andre, weil jeder überhaupt mög- 
liche Gemeinsamkeitsinhalt unter ihn gestellt werden kann. Dazu 
kommt, dafs, von Ausnahmen abgesehen, keinerlei andres Vertrauen 
einer so ununterbrochenen subjektiven Erneuerung bedarf ; denn wo es 
sich um den Glauben an Zuneigung oder Energie, an Moral oder In- 
telligenz, an Anstandsgefühl oder Takt handelt, werden eher Tatsachen 
vorliegen können, die das Mafs des Vertrauens ein für alle Mal 
begründen, die die Wahrscheinlichkeit der Enttäuschung auf ein 
Minimum bringen. Die Chance des Ausplauderns aber ist auf die 
Unvorsichtigkeit eines Momentes, die Weichheit oder die Erregtheit 
einer Stimmung, die vielleicht unbewufste Nuance einer Betonung ge- 
stellt. Die Bewahrung des Geheimnisses ist etwas so Labiles, die 
Versuchungen des Verrates so mannigfaltig, in vielen Fällen führt 



— 376 — 

ein so kontinuierlicher Weg von der Verschwiegenheit zur Indiskretion, 
dafs das unbedingte Vertrauen auf jene ein unvergleichliches Über- 
wiegen des subjektiven Faktors enthält. Aus diesem Grunde bewirken 
die geheimen Gesellschaften, deren rudimentäre Formen mit jedem, 
von zweien geteilten Geheimnis beginnen und deren Verbreitung an 
allen Orten und zu allen Zeiten eine ganz ungeheure, noch kaum je 
auch nur quantitativ gewürdigte ist — eine höchst wirkungsvolle 
Schulung des moralischen Verbundenseins unter den Menschen. Denn 
in dem Vertrauen des Menschen auf den andern liegt ein ebenso 
hoher moralischer Wert, wie darin, dafs diesem Vertrauen entsprochen 
wird; ja, vielleicht ein noch freierer und verdienstvollerer, da ein 
Vertrauen, das uns gewährt ist, ein fast zwingendes Präjudiz enthält, 
und es zu täuschen schon eine ganz positive Schlechtigkeit fordert. 
Das Vertrauen dagegen »schenkt« man; es kann nicht in demselben 
Mafse verlangt werden, wie dafs man ihm entspreche, wenn es 
einmal geschenkt ist. 
\ '}. Indes suchen die geheimen Gesellschaften natürlich nach Mitteln, 
um die nicht direkt erzwingbare Verschwiegenheit psychologisch zu 
fördern. Der Eid und die Strafandrohung stehen hier obenan und 
bedürfen keiner Erörterung. Interessanter ist die öfters begegnende 
Technik, den Novizen überhaupt erst einmal systematisch schweigen 
zu lehren, Angesichts der vorhin angedeuteten Schwierigkeiten, die 
Zunge wirklich absolut zu hüten, angesichts namentlich der leicht an- 
sprechenden Verbindung, die auf primitiveren Stufen zwischen Ge- 
danken und Äufserung besteht — bei Kindern und bei vielen Natur- 
völkern ist Denken und Sprechen fast eines — bedarf es zunächst 
einmal des Schweigen-Lernens überhaupt, ehe das Verschweigen 
einzelner bestimmter Vorstellungen erwartet werden kann ^). So hören 

') Wird die menschliche Vergesellschaftung durch das Sprechenkönnen 
bedingt, so wird sie — was freilich nur hier und da hervortritt — durch das 
Schweigenkönnen geformt. Wo alle Vorstellungen, Gefühle, Impulse, un- 
gehemmt als Rede hervorsprudeln, entsteht ein chaotisches Durcheinander, 
statt eines irgendwie organischen Miteinanders. Man macht sich diese Not- 
wendigkeit des Schweigen - Könnens für die Entstehung eines regulierten 
Verkehrs selten klar, weil sie uns selbstverständlich ist — obgleich sie 
zweifellos eine historische Entwicklung hat, die anhebt von dem Geschwätz 
des Kindes und des Negers, an dem sein Vorstellen auch für ihn selbst erst 
irgend eine Konkretheit und Selbstsicherheit bekommt und, dem entsprechend, 
den ungefügen Schweigegeboten, die der Text erwähnt; und die mündet in 
der Urbanität der hohen gesellschaftlichen Kultur, zu deren vornehmsten 



— 377 — 

wir von einem Geheimbund auf der Molukkeninsel Ceram, dafs dem 
Aufnahme suchenden Jüngling nicht nur Schweigen über alles, was 
er beim Eintritt erlebt, auferlegt wird, sondern er darf wochenlang 
überhaupt mit niemandem, auch in seiner Familie, ein Wort sprechen. 
Hier wirkt sicher nicht nur jenes erzieherische Moment des durch- 
gehenden Schweigens, sondern der seelischen Undifferenziertheit dieser 
Stufe entspricht es, in einer Periode, wo etwas Bestimmtes verschwiegen 
werden soll, das Sprechen überhaupt zu verbieten — mit dem Radi- 
kalismus, mit dem unentwickelte Völker leicht zur Todesstrafe greifen, 
wo später für eine partielle Sünde eine partielle Strafe gesetzt wird, 
oder wie sie geneigt sind, für etwas momentan Reizvolles einen ganz un- 
verhältnismäfsigen Teil ihres Besitzes hinzugeben. Es ist die spezifische 
»Ungeschicklichkeit«, die sich in all dem äufsert; denn deren Wesen 
besteht doch wohl in der Unfähigkeit, zu einer bestimmt begrenzten 
Zweckbewegung die ebenso bestimmt umschriebene Innervation vor- 
zunehmen: der Ungeschickte bewegt den ganzen Arm, wo er für 
seinen Zweck nur zwei Finger bewegen dürfte, den ganzen Körper, wo 
eine genau differenzierte Armbewegung angezeigt wäre. Dort nun ist es 
das Überwiegen der psychologischen Assoziation, das, wie es die Gefahr 
des Ausplauderns ungeheuer steigert, so auch das Verbot über seinen 
singulären, zweckmäfsig bestimmten Inhalt hinauswachsen und statt 
dieses die gesamte Funktion, die ihn trägt, ergreifen lälst. Wenn 
dagegen der Geheimbund der Pythagoreer für den Novizen ein mehr- 
jähriges Schweigen vorschrieb, so griff die Absicht wahrscheinlich 
auch hier über die blofse Pädagogik für das Verschweigen der Bundes- 
geheimnisse hinaus, aber nun nicht wegen jener Ungeschicklichkeit, 
sondern gerade, weil man den differenzierten Zweck in seiner eigenen 
Richtung erweiterte : nicht nur Bestimmtes zu verschweigen, sollte der 
Adept lernen, sondern überhaupt sich zu beherrschen. Der Bund 
ging auf eine strenge Selbstdisziplin und stilisierte Reinheit des Lebens, 
imd wer es über sich brachte, jahrelang zu schweigen, war wohl noch 
andern Verführungen als denen der Schwatzhaftigkeit gewachsen. 



Besitzstücken das sichere Gefühl gehört : wo man reden und wo man schweigen 
mufs; dals z. B. in einer Gesellschaft der Wirt sich zurückzuhalten hat, so 
lange die Gäste untereinander die Unterhaltung tragen, dagegen sogleich 
einzugreifen hat, wenn sich in dieser eine Lücke zeigt. Eine mittlere Er- 
scheinung mögen etwa die mittelalterlichen Gilden bieten, die statutenmäfsig 
jeden bestrafen, der den Alderman in seiner Rede unterbricht. 



— 378 — 

Ein andres Mittel, die Verschwiegenheit auf eine objektive Basis 
zu stellen, wendete der Geheimbund der gallischen Druiden an. Der 
Inhalt ihrer Geheimnisse lag hauptsächlich in geistlichen Gesängen, 
die von jedem Druiden auswendig gelernt werden mulsten. Dies 
war aber so eingerichtet, — besonders wohl durch das Verbot, die 
Gesänge aufzuschreiben — dafs dazu eine aufserordentlich lange Zeit 
gehörte, bis zu zwanzig Jahren. Durch diese lange Dauer des Lernens, 
bevor es überhaupt etwas Wesentliches zu verraten gibt, findet eine 
allmählige Gewöhnung an die Verschwiegenheit statt, der Reiz des 
Ausplauderns fällt sozusagen nicht mit einem Male über den un- 
disziplinierten Geist her, der sich auf diese Weise langsam daran an- 
passen kann, ihm zu widerstehen. In viel weitergreifenden sozio- 
logischen Strukturzusammenhängen abersteht jene andere Bestimmung: 
dafs die Gesänge nicht niedergeschrieben werden durften. Das ist 
mehr als eine Schutzvorrichtung gegen die Enthüllung der Geheim- 
nisse. Das Angewiesensein auf den Unterricht von Person zu Person 
und dafs ausschliefslich in dem Bunde und nicht in einem objektiven 
Schriftstück die Quelle der entscheidenden Belehrung f lief st — dies 
knüpft den einzelnen Teilnehmer mit unvergleichlicher Enge an die 
Gemeinschaft, läfst ihn dauernd fühlen, dafs er, von dieser Substanz 
gelöst, seine eigene verlieren und sie nirgends wiederfinden würde. 
Man hat vielleicht noch nicht hinreichend beachtet, wie sehr in der 
reiferen Kultur die Vergegenständlichung des Geistes auf die Ver- 
selbständigung des Individuums wirkt. Solange die unmittelbare 
Tradition, die individuelle Belehrung, vor allem auch : die Normsetzung 
durch personale Autoritäten noch das Geistesleben des Einzelnen be- 
stimmen, ist er der umgebenden, lebendigen Gruppe solidarisch ein- 
gefügt, sie allein gibt ihm die Möglichkeit einer erfüllten und 
geistigen Existenz, die Richtung aller Kanäle, durch die ihm seine 
Lebensinhalte zufliefsen, läuft, in jedem Augenblick fühlbar, nur 
zwischen seinem sozialen Milieu und ihm. Sobald aber die Gattungs- 
arbeit ihre Erträge in der Form der Schriftlichkeit, in sichtbaren 
Werken und dauernden Beispielen kapitalisiert hat, ist jene unmittel- 
bare organische Saftströmung zwischen der aktuellen Gruppe und 
ihrem einzelnen Mitglied unterbrochen, statt dafs der Lebensprozefs 
des letzteren ihn kontinuierlich und konkurrenzlos an jene band, kann 
er sich jetzt aus objektiven, der personalen Gegenwart unbedürftigen 
Quellen nähren. Es ist relativ unwirksam, dafs dieser jetzt bereit- 



— 379 — 

liegende Vorrat aus den Prozessen des gesellschaftlichen Geistes ent- 
standen ist ; nicht nur sind es oft weit zurückliegende, mit den Gegen- 
wartsgefühlen des Individuums nicht mehr verbundene Generationen, deren 
Tun in jenem Vorrat kristallisiert ist, sondern vor allem ist es die 
Form der Objektivität dieses Vorrates, seine Gelöstheit von der sub- 
jektiven Persönlichkeit, wodurch dem Einzelnen eine übersoziale Nähr- 
quelle geöffnet und sein geistiger Inhalt nach Mafs und Art viel merk 
barer von seiner Aneignungsfähigkeit als von der zugemessenen Dar- 
bietung abhängig wird. Die besondere Enge der Verknüpfung inner- 
halb der geheimen Gesellschaft, über die nachher noch zu sprechen 
ist, und die in dem spezifischen »Vertrauen« sozusagen ihre Gemüts- 
kategorie besitzt, läfst deshalb, wo die Tradierung geistiger Inhalte 
ihren Angelpunkt bildet, die schriftliche Fixierung derselben zweck- 
mälsigerweise vermeiden. 

^ Exkurs über den schriftlichen Verkehr. 

Einige Bemerkungen über die Soziologie des Briefes ordnen 
sich hier ein, weil der Brief ersichtlich auch von der Kategorie der 
Geheimhaltung her eine ganz eigenartige Konstellation darbietet. 
Zunächst hat die Schriftlichkeit ein aller Geheimhaltung entgegen- 
gesetztes Wesen. Vor dem allgemeinen Gebrauch der Schrift mufste 
jede, noch so einfache rechtliche Transaktion vor Zeugen ab- 
geschlossen werden. Die schriftliche Form ersetzt dies, indem sie 
eine zwar nur potentielle , aber dafür unbegrenzte ^Öffentlichkeit*, 
einschliefst ; sie bedeutet, dafs nicht nur die Zeugen, sondern über- 
haupt ein jeder wissen kann, dafs dies Geschäft abgeschlossen ist. 
Unserm Bewufstsein steht die eigentümliche Form zur Verfügung, 
die man nur als t> objektiven Geist z bezeichnen kann: Naturgesetze 
und sittliche Imperative, Begriffe und künstlerische Gestaltungen, die 
für jeden, der sie ergreifen will und kann, gleichsam bereitliegen, 
in ihrer zeitlosen Gültigkeit aber davon unabhängig sind, ob, wann, 
von wem dieses Ergreifen geschieht. Die Wahrheit, die als geistiges 
Gebilde durchaus andren Wesens ist , als ihr vergänglicher realer 
Gegenstand, bleibt ivahr , ob sie gewufst und anerkannt wird 
oder nicht, das sittliche und juristische Gesetz gilt, gleichviel ob ihm 
nachgelebt wird oder nicht. Von dieser unermejslich bedeutsamen 
Kategorie ist die Schriftlichkeit ein Symbol oder ein sinnlicher Träger. 



— 380 — 

Der geistige Inhalt, einmal niedergeschrieben^ hat damit eine objektive 
Form erhalten, eine prinzipielle Zeitlosigkeit seines Da-Seins, einer 
Unbeschränktheit — im Nacheinander wie Nebeneinander — von 
Reproduktionen in subjektiven Bewufstseinen sugängig, ohne aber 
seine Bedeutung und Gültigkeit, da sie fixiert ist, von dem Kommen 
oder Ausbleiben dieser seelischen Realisierungen durch Individuen 
abhängig su machen. So besitzt das Geschriebene eine objektive 
Existenz, die auf jede Garantie des Geheimbleibens ver sichtet. Aber 
diese Ungeschütstheit gegen jede beliebige Kenntnisnahme läfst 
vielleicht die Indiskretton gegen den Brief als etwas ganz be- 
sonders Unedles empfinden, so dafs für feinere Gefühlsweisen 
grade die Wehrlosigkeit des Briefes zu einer Schutzwehr seines 
Geheimbleibens wird. Darin, dafs der Brief so an die objektive 
Aufhebung aller Sicherung des Geheimnisses gerade die subjektive 
Steigerung dieser Sicherheit knüpft^ strömen die eigentümlichen 
Gegensätze zusammen, die überhaupt den Brief als soziologisches 
Phänomen tragen. Die Form der brieflichen Äufserung bedeutet 
eine Objektivierung ihres Inhaltes, die hier eine besondere Synthese 
einerseits mit dem Bestimmtsein für ein einzelnes Individuum 
bildet, andrerseits mit dem Korrelat dieses: der Personalität und 
Subjektivität, mit der sich der Brief Schreiber, im Unterschiede vom 
Schriftsteller, gibt. Und gerade in der letzteren Hinsicht ist der 
Brief als Verkehrsform etwas ganz Einzigartiges. Bei unmittel- 
barer Gegenwärtigkeit gibt jeder Teilnehmer des Verkehrs dem 
andern mehr , als den blofsen Inhalt seiner Worte; indem man 
sein Gegenüber sieht, und in die mit Worten garnicht auszudrückende 
Stimmungssphäre desselben eintaucht, die tausend Nuancen in der 
Betonung und im Rhythmus seiner Äufserungen fühlt, erfährt der 
logische oder der gewollte Inhalt seiner Worte eine Bereicherung und 
Modifikation, für die der Brief nur äufserst dürftige Analogien 
bietet; und auch diese werden im Ganzen nur aus Erinnerungen des 
persönlichen Verkehrs erwachsen. Es ist der Vorzug und der Nach- 
teil des Briefes, prinzipiell den reinen Sachgehalt unsres momen- 
tanen Vorstellungslebens zu geben und das zu verschweigen, was 
man nicht sagen kann oder will. Und nun ist das Charakteristische, 
dafs der Brief, wenn er sich nicht etwa nur durch seine Un- 
gedrucktheit von einer Abhandlung unterscheidet , dennoch etwas 
ganz Subjektives, Augenblickliches, nur Persönliches ist, und zwar 



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keineswegs nur, wenn es sich um lyrische Expektorationen , son- 
dern auch wenn es sich um durchaus konkrete Mitteilungen handelt. 
Diese Objektivierung des Subjektiven, diese Entkleidung des letzteren 
von allem, was man gerade jetst von der Sache und von sich selbst 
nicht offenbaren will, ist nur in Zeiten hoher Kultur möglich, wo 
man die psychologische Technik hinreichend beherrscht, um den 
momentanen Stimmungen und Gedanken, die auch nur als momen- 
tane, der aktuellen Anforderung und Situation entsprechende , ge- 
dacht und aufgenommen werden, dennoch Dauerform su verleihen. 
Wo eine innere Produktion den Charakter des » Werkes ^ hat, ist 
diese Dauer form durchaus adäquat; im Brief aber liegt ein Wider- 
spruch zwischen dem Charakter des Inhalts und dem der Form, den 
SU produzieren, bu ertragen und aussunutsen es einer beherrschen- 
den Objektivität und Differenziertheit bedarf. 

Diese Synthese findet ihre weitere Analogie in der Mischung 
^^ von Bestimmtheit und Vieldeutigkeit, die der schriftlichen Äufserung, 
suhöchst dem Brief, eigen ist. Dies sind überhaupt, auf die Äufse- 
rungcn von Mensch zu Mensch angewandt , soziologische Kate- 
gorien ersten Ranges, in deren allgemeinen Bezirk ersichtlich die 
ganzen Erörterungen dieses Kapitels gehören. Es handelt sich 
indefs hier nicht einfach um das Mehr oder Weniger, das der Eine 
von sich dem Andern zu erkennen gibt, sondern darum, dafs das 
Gegebene für den Empfänger mehr oder weniger deutlich ist und 
dafs einem Mangel an Deutlichkeit, wie zum Ausgleich, eine pro- 
portionale Mehrheit möglicher Deutungen entspricht. Sicher gibt 
es kein irgend dauernderes Verhältnis von Menschen, in dem nicht 
die wechselnden Mafse der Deutlichkeit und der Deutbarkeit der 
Äufserungen eine durchaus wesentliche , wenngleich meistens nur 
an ihren praktischen Resultaten bewufst werdende Rolle spielen. 
Die schriftliche Äufserung erscheint zunächst als die sichrere, als 
die einzige , von der sich ^kein Jota rauben läfsti. Allein diese 
Prärogative des Geschriebenen ist eine blofse Folge eines Mangels : 
dafs ihr die Begleiterscheinungen des Stimmklanges und der 
Akzentuierung, der Geberde und der Miene fehlen, die für das ge- 
sprochene Wort ebenso eine Quelle der Verundeuthchung wie der 
Verdeutlichung sind. Tatsächlich aber pflegt sich der Empfangende 
nicht mit dem. rein logischen Wortsinne zu begnügen, den der 
Brief freilich unzweideutiger als die Rede überliefert, ja unzählige 



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Male kann er dies garntcht , weil, um auch nur den logischen 
Sinn Bu begreifen, es mehr als des logischen Sinnes bedarf. Darum, 
ist der Brief, trots oder, richtiger, wegen seiner Deutlichkeit, viel 
mehr als die Rede der Ort der ^Deutungem und deshalb der Mifs- 
'ver Ständnisse. 

Entsprechend dem Kulturniveau , auf dem überhaupt eine auf 
schriftlichen Verkehr gestellte Besiehung oder Besiehungsperiode 
möglich ist , sind auch deren qualitative Bestimmungen hier in 
scharfer Differenziertheit auseinander getreten : was in den mensch- 
lichen Äufserungen ihrem Wesen nach deutlich ist, ist am Brief 
deutlicher als an der Rede, das, lüas an ihnen prinzipiell vieldeutig 
ist, ist dafür am Brief vieldeutiger als an der Rede. Drückt man dies 
an den Kategorie